Romane & Erzählungen
Seelenamt - es geht weiter.............

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"Seelenamt - es geht weiter............."
Veröffentlicht am 11. Februar 2012, 6 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Je ├Ąlter ich werde, umso weniger gibt es ├╝ber mich zu sagen :-)
Seelenamt - es geht weiter.............

Seelenamt - es geht weiter.............

Seelenamt

 

Ich gehe unbemerkt durch die Reihen der gut gef├╝llten Kirchenb├Ąnke. Es ist nun soweit. Das Seelenamt wird in wenigen Minuten beginnen. Erstaunlich viele Menschen sind hier. Auf dem Altar erblicke ich ein wunderh├╝bsches Rosengesteck in wei├č und lachsfarben. Es kommen immer noch Menschen in die Kirche. Auch mein Ex ist da, alleine, seine Neue hat er wohl aus Taktgef├╝hl meinen Kindern gegen├╝ber zuhause gelassen. Finde ich sehr r├╝cksichtsvoll von ihm. Die Frau meines verstorbenen Cousins entdecke ich, sie weint. Sie macht sich Vorw├╝rfe, weil sie mich nicht besucht hat im Pflegeheim.

Die geschiedene Frau meines Bruders sitzt mit meiner Nichte, ihren S├Âhnen und deren Partnerinnen in einer Bank. Sie denkt dar├╝ber nach ob ihr Exmann wohl auch da ist. Wenn ich k├Ânnte w├╝rde ich sie beruhigen. Er ist nicht da, der hat gerade anderes vor. Der wartet auf dem Friedhof bis der Bestatter die Kondolenzliste auslegt. Er will als Erster seinen Namen eintragen, als ├ärgernis f├╝r seine Exfrau, er rechnet fest damit, dass sie es sehen wird, dann wird er wieder verschwinden. Er hat nicht vor an der Beerdigung teilzunehmen. Es soll jedoch so aussehen, als w├Ąre er da gewesen. Tja, so ist mein Bruder, ein verr├╝ckter Kerl.

Alle meine Nachbarn sind da, noch lebende Schulkameraden, Frauen mit denen ich die letzten gesunden Tage ab und an unterwegs war, und welche, die wegen der Kinder da sind, ihre Schwiegereltern soweit noch am Leben und Freunde, die mich auch kennengelernt hatten. Eine stattliche Anzahl Menschen ist hier, ich sch├Ątze dass es um die zweihundert Leutchen sind. Ich staune. Mir war nicht bewusst, dass so viele sich meiner erinnerten. Lebte ich doch seit eineinhalb Jahren sehr zur├╝ckgezogen und hatte nur mit wenigen noch Kontakt. F├╝r mich altes Weibchen doch eine gro├če ├ťberraschung.

Meine Kinder sitzen mit ihren Familien in zwei Reihen hintereinander. Sie sind still, keiner weint.

Jeder in Gedanken bei mir. Verschiedene Geschichten, Ereignisse aus unserem gemeinsamen Leben erscheinen ihnen. Meine Tochter denkt gerade, falls ich das alles sehe, w├╝rde ich wohl zufrieden sein. Ich bin mehr als zufrieden liebe Tochter. Ich bin in Frieden mit allem.

Ein Sohn bereut seine harten Worte und den Streit, den wir hatten vor drei Jahren. Ich trage dir nichts nach mein Sohn, es ist dein eigener Vorwurf und nur du kannst dir vergeben.

Mein ├Ąltester Sohn verurteilt sich, weil er keine Trauer f├╝hlt. Gut so Sohn, es gibt keinen Grund zu trauern nicht wegen mir. Ich bin in Harmonie mit dem Geschehen. Nichts m├╝sste anders sein.

So h├Ąngt jeder seiner eigenen Geschichte nach. Menschen denken einfach zu viel und nehmen alles viel zu wichtig im Leben. Nein, nicht alles, manches nehmen sie zu wichtig und das was ihnen wichtig sein sollte ├╝bersehen sie. Egal, jeder kommt irgendwann auf den Trichter.

Ich setze mich neben meinen Lieblingsenkel. Ja, ich hatte so etwas im Leben. Er kam genau zur rechten Zeit zu mir. Seine Mutter wollte nach dem Mutterschutz wieder arbeiten gehen um ihren guten Job nicht zu verlieren. So kam der kleine Mann in mein Leben und erf├╝llte mein damals depressives, sinnloses Leben mit einem neuen Sinn. Ein kleiner neuer Mann in meinem Leben, den ich umsorgen, beh├╝ten, liebkosen konnte. Einige Monate vorher hatte ich eine schmerzhafte Trennung von meinem Lebenspartner durchlitten. Dieses Kind war wie ein Engel f├╝r mich, es war einfach da und gab meinem Leben einen neuen Sinn. Ich streiche ihm l├Ąchelnd ├╝ber sein trauriges Haupt. Er ist sehr traurig dar├╝ber, dass ich nicht mehr bin. Doch er wird es gut verwinden. Als ich noch zuhause wohnte hat er mit t├Ąglich besucht. Im Pflegeheim war das nicht mehr m├Âglich. So ist mein Dahinscheiden nicht ganz so einschneidend f├╝r ihn. Er war f├╝r mich, wie ein eigenes Kind.

Er kratzt sich am Kopf, ob er mich f├╝hlen kann?

Der Organist beginnt sein Orgelspiel. Der Kirchenchor stimmt mit ein. Sch├Ân singen sie, ach wie gerne habe ich fr├╝her mitgesungen, es war mit die gr├Â├čte Freude in meinem Leben, das Singen.

Nach ca. vierzig Minuten ist das Seelenamt zu Ende. Alle Anwesenden, der Kreuztr├Ąger voraus, gefolgt vom Pfarrer und den Ministranten, meine n├Ąchsten Angeh├Ârigen usw. wallen zum Friedhof. Das dauert nicht sehr lange. Ein paar Minuten. Dass ich meine eigene Beerdigung bei vollem Bewusstsein erlebe, das h├Ątte ich mir nicht tr├Ąumen lassen im Leben, echt nicht.

Es ist ein langer Zug, der sich dahinzieht.

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Mitmensch
Je ├Ąlter ich werde, umso weniger gibt es ├╝ber mich zu sagen :-)

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matzetino Jeder muss sich selbst vergeben. Wie Recht du hast und wie schwer das doch ist. Wirklich wunderbar geschrieben.

LG Martina
Vor langer Zeit - Antworten
Mitmensch Re: Die Perspektive ... -
Zitat: (Original von MarieLue am 12.02.2012 - 00:30 Uhr) ... fand ich klasse. Die f├╝nf Seiten waren viel zu schnell zu Ende...

Herzliche Gr├╝├če
Marie Lue


Hallo Marie Lue,
Lieben Dank Dir!
Ich w├╝nsche Dir einen sch├Ânen Sonntag!

Johanna
Vor langer Zeit - Antworten
MarieLue Die Perspektive ... - ... fand ich klasse. Die f├╝nf Seiten waren viel zu schnell zu Ende...

Herzliche Gr├╝├če
Marie Lue
Vor langer Zeit - Antworten
Mitmensch Re: -
Zitat: (Original von Luap am 11.02.2012 - 20:03 Uhr) Interessante Erz├Ąhlperspektive...

Liebe Gr├╝sse
Paul



Danke lieber Paul!
Lieben Gru├č von
Johanna
Vor langer Zeit - Antworten
Luap Interessante Erz├Ąhlperspektive...

Liebe Gr├╝sse
Paul

Vor langer Zeit - Antworten
Mitmensch Re: ... Menschen denken einfach zu viel ... -
Zitat: (Original von Rattenfaenger am 11.02.2012 - 19:59 Uhr) ... und nehmen alles viel zu wichtig im Leben ...

Wenn es so kommt, wie Du schreibst, Johanna, und bis hierhin habe ich keinen Zweifel daran *l├Ąchel* ... dann wird mein Dahinscheiden nicht ganz so einschneidend sein *l├Ąchel* ... und lG Rattenf├Ąnger*****


Lieber Rattenf├Ąnger,
wir werden es zur rechten Zeit erfahren oder auch nicht :-)

Ein sch├Ânes Wochenende w├╝nscht
Johanna
Vor langer Zeit - Antworten
Rattenfaenger ... Menschen denken einfach zu viel ... - ... und nehmen alles viel zu wichtig im Leben ...

Wenn es so kommt, wie Du schreibst, Johanna, und bis hierhin habe ich keinen Zweifel daran *l├Ąchel* ... dann wird mein Dahinscheiden nicht ganz so einschneidend sein *l├Ąchel* ... und lG Rattenf├Ąnger*****
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