Kinderbücher
Im Kinderknast - Ab 10 Jahre

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"Im Kinderknast - Ab 10 Jahre"
Veröffentlicht am 12. Januar 2012, 8 Seiten
Kategorie Kinderbücher
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!
Im Kinderknast - Ab 10 Jahre

Im Kinderknast - Ab 10 Jahre

Beschreibung

Eine Kur, die ihren Zweck nicht ganz erfüllte ...

Die Ärzte fanden Klein-Arno etwas schwächlich. Die AOK bewilligte eine Kur. Am Reisetag brachten ihn seine Eltern mit dem Auto in die nahe Großstadt. Auf dem Busparkplatz waren viele fremde Kinder. Arno war etwas bänglich zumute, es war seine erste Reise überhaupt.

Das Sanatorium lag im Hochschwarzwald. Die Fahrt dauerte viele Stunden. Die Kinder langweilten sich. Einigen wurde vom Busfahren schlecht. Hinter Freiburg ging es ins Gebirge. - "Da schaut einmal, der Hirschsprung!" sagte die Betreuerin. Alle reckten den Hals, um das Denkmal des Hirschs zu bewundern. Die unter Übelkeit Leidenden vertrugen die ruckartige Bewegung nicht: Jetzt kotzten sie wie auf Kommando.

Das Heim lag in einem engen Waldtal. Der Weiler bestand nur aus vier Häusern. Im Nachbarort (sieben Häuser) gab es einen Laden, in dem man Süßwaren kaufen konnte; falls man Geld hatte. Das Essen im Heim war weder besonders schmackhaft noch geradezu üppig. Eine Hauptrolle spielte der Haferbrei, der jeden Morgen anders gefärbt auf den Tisch kam: rosa oder gelb oder grün. Die Kinder ließen sich nicht täuschen: Der Brei schmeckte immer eklig.

Eine Nahrungsergänzung waren die Bucheckern, die sie im Wald auflasen. Das brachte etwas Abwechslung in die langweiligen Spaziergänge. Die ältere Tante, die die Kinder herumführte, sang mit brüchiger Stimme: "Wenn alle Brünnlein fließen, ja, flie - hie - ßen ..." Klein-Arno erzählte den anderen, er wolle später Filmstar werden und nur in Kriegs- und Liebesfilmen mitspielen.

Ab und zu durften die Kinder Briefe nach Hause schreiben. Die fertigen mussten zur Kontrolle vorgelegt werden. Sie wurden zensiert, d.h. jede Kritik wurde unterbunden. Da war schon einmal eine ganze Seite neu zu schreiben. Ein Kind berichtete: "Gestern aß ich keinen Pudding." Es musste geändert werden: "Gestern aß ich einen Teller Pudding."

Um die erwünschte Gewichtszunahme zu erreichen, ließ man die Kinder den halben Nachmittag in Liegestühlen Ruhe halten. Die Stühle standen in einem langweiligen Wintergarten. Auch hier wurde gesungen: "Wenn alle Brünnlein flie - hie - ßen ..." Oder, noch aufregender: "C - A - F - F - E - E ... schwächt die Nerven, macht dich bla - ass u - hund krank..." Und dabei gab es im Heim nie Kaffee zu trinken.

Es herrschte immer Mangel an Liegestühlen. Stets mussten sich einige zu zweit in einen Liegestuhl quetschen. Sie quengelten und ruckelten, bis wieder eine Stoffbahn riss und auch dieser Stuhl ausrangiert werden musste. Ersatzstühle gab es nicht.

Allmählich bahnte sich etwas an - eine Kinderrevolte. Sollte man einfach weglaufen? Einige schrieben Briefe nach Hause, über die wahren Zustände im Heim, und baten: Holt uns hier raus! Die Leitung bekam Wind davon, bevor die Briefe im Kasten lagen. Es folgten eine Durchsuchung der Zimmer und Stubenarrest am nächsten Tag.

Endlich waren die sechs Wochen um. Als letztes Frühstück gab es noch einmal diesen Brei. Höchste Zeit, dass sie wieder etwas Festes zu beißen bekamen, alles rutschte bei ihnen nur noch durch.

"Da, schaut noch einmal, der Hirschsprung!" Klein-Arno verdrehte den Hals und jetzt kotzte auch er.

Seine Eltern nahmen ihn auf dem Parkplatz in Empfang. "Na, gut erholt?" Die Zweifel waren berechtigt. Zwei Tage später mussten sie ihn zum Arzt bringen. Er hatte eine Gelbsucht mitgebracht und konnte noch wochenlang nicht zur Schule gehen.

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Hörbuch

Über den Autor

Abendschoen
Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

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JeanneDarc Da ich selber schon seit meiner Kindheit Heime und Kliniken verschiedenster Arten kenne, wusste ich schon beim Titel um was es in etwa so gehen würde. Und leider, leider ist das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt....auch wenn ich das Gefühl habe dass es inzwischen etwas besser wurde....
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Danke für den Kommentar. Die Story hier hat natürlich einen sehr langen Bart, und ich nehme stark an, dass Ähnliches heute eine große Ausnahme sein würde. Dafür gibt's wohl neue Probleme, in denen ich aber nicht zu Hause bin.

Arno Abendschön
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Re: Kur -
Zitat: (Original von Gast am 09.07.2012 - 19:11 Uhr) ich war 1974 in Birkendorf....Horror-Kur......wenn man in der Mittagspause(im Bett)redet,musste man in den Duschraum auf einen Holzstuhl mit einer kratzigen Decke und dort 2 Stunden sitzen....auch Essen,was man nicht mochte,musste aufgegessen werden(ich denke nur an die Rosinensuppe,die ich wieder auf den teller spuckte,da ich den brechreiz nicht unterdrücken konnte...:-) ,dachnach bekam ich trocken Brot und musste in den Schlafraum.... und Briefe wurden bei uns auch kontrolliert.....ich wollte nämlich nach dem ersten Tag schon wieder nach Hause...habe dann aber wacker 6 Wochen durchgestanden.......

Sehr interessant, dass sich diese Praktiken so lange gehalten haben. Zwischen meinen hier verarbeiteten Erfahrungen und deiner Schwarzwald-Kur liegen immerhin gut 15 Jahre! Und doch ähneln sich die Details sehr. Hoffen wir, dass dort inzwischen alles grundlegend anders abläuft.

Arno Abendschön
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Kur - ich war 1974 in Birkendorf....Horror-Kur......wenn man in der Mittagspause(im Bett)redet,musste man in den Duschraum auf einen Holzstuhl mit einer kratzigen Decke und dort 2 Stunden sitzen....auch Essen,was man nicht mochte,musste aufgegessen werden(ich denke nur an die Rosinensuppe,die ich wieder auf den teller spuckte,da ich den brechreiz nicht unterdrücken konnte...:-) ,dachnach bekam ich trocken Brot und musste in den Schlafraum.... und Briefe wurden bei uns auch kontrolliert.....ich wollte nämlich nach dem ersten Tag schon wieder nach Hause...habe dann aber wacker 6 Wochen durchgestanden.......
Vor langer Zeit - Antworten
Gast birkendorf - ich war 1980 in birkendorf. es war der horror, kontrolle, zensur, schlechtes essen, bestrafungen etc. gibts das kinderkurheim dort noch?
beste grüße,
mario
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Re: Ich musste ... -
Zitat: (Original von Gunda am 13.01.2012 - 18:50 Uhr) ... gleichzeitig lachen und schlucken ...
Ich selbst war nämlich auch im Schwarzwald zur Kur, es muss 1967 gewesen sein. Es war der Horror. Damals MUSSTEN wir Mittagsschlaf machen, was ich nie gekannt hatte. Und wer die Augen geöffnet hatte, bekam einen Klaps auf den Po! Allerdings wurde diese "Erzieherin" nach zwei Wochen an die Luft gesetzt, vielleicht auch, weil ich einer anderen davon berichtet hatte. Haferschleim blieb mir erspart, aber die Sache mit der kontrollierten Post gab es dort (ich glaube, es hieß "Birkendorf") auch. Ich erinnere mich noch gut, dass ich, obwohl erst sieben, es unerhört fand, dass beim Mittagessen offen aus dem Brief einer Dreizehnjährigen an ihre Eltern vorgelesen wurde, nur um uns zu erklären, warum wir nicht das öffentliche Schwimmbad aufsuchen durften...

Lieben Gruß
Gunda

O, Gunda, wie schön, dass du meine Glaubwürdigkeit als Erzähler stützt ... Modell für meine Geschichte war ein Kindererholungsheim in der Nähe von St. Blasien. Es muss Ende der Fünfziger gewesen sein.

Heute macht man sich klar, wie weit verbreitet in jenen Jahrzehnten sexueller Missbrauch und körperliche Misshandlungen waren. Aber auch unterhalb dieser Schwelle stimmte so manches nicht. Leben wir vielleicht heute doch in einer insgesamt humaneren Welt?

Arno Abendschön
Vor langer Zeit - Antworten
Gunda Ich musste ... - ... gleichzeitig lachen und schlucken ...
Ich selbst war nämlich auch im Schwarzwald zur Kur, es muss 1967 gewesen sein. Es war der Horror. Damals MUSSTEN wir Mittagsschlaf machen, was ich nie gekannt hatte. Und wer die Augen geöffnet hatte, bekam einen Klaps auf den Po! Allerdings wurde diese "Erzieherin" nach zwei Wochen an die Luft gesetzt, vielleicht auch, weil ich einer anderen davon berichtet hatte. Haferschleim blieb mir erspart, aber die Sache mit der kontrollierten Post gab es dort (ich glaube, es hieß "Birkendorf") auch. Ich erinnere mich noch gut, dass ich, obwohl erst sieben, es unerhört fand, dass beim Mittagessen offen aus dem Brief einer Dreizehnjährigen an ihre Eltern vorgelesen wurde, nur um uns zu erklären, warum wir nicht das öffentliche Schwimmbad aufsuchen durften...

Lieben Gruß
Gunda
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Re: Kinderkuren haben immer etwas Grausames -
Zitat: (Original von Boris am 13.01.2012 - 03:35 Uhr) ich fühlte mich glatt erinnert

LG Jürgen

PS: Allet Jute für den Rest von 2012, Arno

Danke, Boris. Und auch dir einen erfreulichen Jahresverlauf.

Was die Horror-Kur im Schwarzwald angeht: Immerhin wurden wir, wenn ich mich recht erinnere, nicht missbraucht.

Arno Abendschön
Vor langer Zeit - Antworten
Boris Kinderkuren haben immer etwas Grausames - ich fühlte mich glatt erinnert

LG Jürgen

PS: Allet Jute für den Rest von 2012, Arno
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