Romane & Erzählungen
Heinz sieht rot

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"Heinz sieht rot"
Veröffentlicht am 11. Januar 2012, 10 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Heinz sieht rot

Heinz sieht rot

Heinz sieht rot.

Jeder Kiez hat seine Irren. Solche, verwirrter Geisterverfassung, die aber keine Bedrohung der √Ėffentlichkeit darstellen und deshalb nicht hinter den Gittern einer Psychiatrie verschlossen sind.
Wir hatten Heinz und Frau Kleepel.

Frau Kleepel trug einen imagin√§ren Papagei auf der Schulter, so erz√§hlte man sich. Sie nannte ihn Achim und vertraute ihm all ihre Sorgen an, lautstark, w√§hrend sie zum B√§cker ging und wie jeden Tag drei Semmeln und einen Schusterjungen kaufte. „Einen Schusterjungen nehmen wir noch, nicht wahr Achim, einen Schusterjungen“, sagte sie zu ihrer Schulter gewandt und bezahlte, wie immer mit einem 2 Euro St√ľck.¬† Man konnte sich nur schwer vorstellen, dass Frau Kleepel jeden Tag drei Semmeln und einen Schusterjungen verdr√ľckte. Sie war klein und hager. Das einzig Eindrucksvolle an ihr war der un√ľbersehbare Buckel, der sie zwang mit dem Gesicht zur Erde zu laufen und einem vor Augen f√ľhrte, dass die arme Frau bald im Rollstuhl sitzen w√ľrde. Frau Kleepel hatte mal Kinder gehabt, einen Ehemann. Jetzt hatte sie nur noch Achim. Niemand wusste, was aus ihrer Familie geworden war. Warum sie sich nicht um sie k√ľmmerte. Niemand im Kiez war so steinalt wie Frau Kleepel und niemand w√ľrde sie dazu bringen, in die Pflege zu gehen. Solange sie jeden Tag, von ihren eigenen zwei Beinen getragen, ihre Semmeln kaufen konnte, w√ľrde man ihre, in sich selbst verlorene Stimme durch die Stra√üen schallen h√∂ren. „Nein, Achim, Du kannst nicht weggehen. Nein, ich verbiete es Dir. Nach all den Jahren, die ich f√ľr Dich gesorgt habe“

Mir tat die Alte leid. Ich gehörte zu den Menschen, denen Gestrandete einen bitteren Geschmack im Mund hinterließen.  
So ging es mir auch mit Heinz, der eigentlich schon ein √∂ffentliches √Ąrgernis war. Mehrmals in der Woche zeitlich wechselnd, in der schlimmsten Sto√üzeit, stand er auf der Ampelinsel Marienstra√üe direkt neben der Linksabbiegerspur und regelte den Verkehr. Nat√ľrlich war sein motiviertes Eingreifen keine Bereicherung. Er verursachte einen kilometerlangen Stau. Man konnte nicht nachvollziehen, nach welchem Verfahren er die Autos aussuchte, aber bei ca. jedem Dritten, oder auch Vierten stellte er sich mit ausgestrecktem Arm w√§hrend der Gr√ľnphase auf die Stra√üe und zwang den Fahrer so zum Halten. Die meisten waren von dieser Aktion so √ľberrascht, dass sie geduldig warteten, bis Heinz einen pr√ľfenden Blick ins Autoinnere geworfen hatte und dann mit einer, im Verkehrsl√§rm untergehenden Kommentation und winkendem Arm die Weiterfahrt anordnete. Es hatte schon Anrufe bei der Polizei und Eingaben beim B√ľrgermeister gegeben. Man hatte ausdr√ľcklich darum gebeten, das Verkehrshindernis zu entfernen.¬† Heinz hatte auch schon Monate in einer Einrichtung verbracht. Da aber seine Rolle als Verkehrspolizist das Einzige war, dass ihn von den normalen Mitb√ľrgern unterschied und sein Eingreifen immer nur sporadisch und kurzweilig stattfand, hatte man sich mit diesem Zustand abgefunden. Man wusste einfach, wenn man Ecke Oschitzweg nicht mehr vorankam, dass Heinz mal wieder aussortierte. Eigentlich reagierten nur Ortsfremde und Jugendliche noch ungehalten. Aber Heinz beeindruckte lautes Hupen und √§rgerliches, manchmal sogar aggressives Verhalten seiner Mitb√ľrger nur wenig. Er blieb stets gelassen und lie√ü sich selbst von dr√§ngelnden Fahrern, die mehr oder minder bereit waren, ihn einfach umzufahren, nicht abhalten. Er war ein stattlicher Mann, Mitte vierzig, trug ausgebleichte Nietenhosen aus grauer Vorzeit und ein rotes K√§ppi, an dem man ihn auch schon von Weitem erkannte. Sicher war er mal ein attraktiver Vertreter des m√§nnlichen Geschlechtes gewesen. Sehnige, muskul√∂se Arme und ein markantes, jetzt aber von einem ungepflegten Bart umrandetes Gesicht zeugten noch davon. Wie bei Frau Kleepel rankten sich auch um seinen Werdegang verschiedenste Ger√ľchte. Vom Alkoholiker, bis zum gesellschaftlich ge√§chteten Hochschullehrer war jede Interpretation vertreten.¬†¬†¬† ¬†
Dass er bei einem Unfall Frau und Kinder verloren hatte, erkl√§rte aber am √ľberzeugendsten seine Manie f√ľr den flie√üenden Verkehr.

Es war ein Sonntag, an dem auch ich in den Genuss einer von Heinz geregelten Ampelphase kam.     
Es war f√ľnf vor vier und ich befand mich auf dem Weg zu meinem Vater. Wir hatten es uns zur Gewohnheit gemacht, jeden dritten Sonntag gemeinsam zu Mittag zu essen. Mein Vater wurde in diesem Jahr 64. Es war nicht abzusehen, wie viele Mittagessen wir noch haben k√∂nnten und dem zur Folge waren mir diese Treffen sehr wichtig. Nat√ľrlich war ich ungehalten, als gerade heute Heinz da vorn nun daf√ľr sorgte, dass ich zu sp√§t kommen w√ľrde. Ich hatte sein rotes K√§ppi schon erkannt, als ich nach der ersten, eigentlich leicht zu bew√§ltigenden Ampelphase noch immer hinter zwei Leidensgenossen auf der Linksabbiegerspur stand und keinen Meter vorw√§rtskam. Der Fahrer des roten Ford vor mir hupte Sturm. Ich lehnte mich im Sitz zur√ľck und gebot mir Ruhe. Man hatte die Erfahrung gemacht, dass eine Diskussion oder hitziges Verhalten die Weiterfahrt nur unn√∂tig verz√∂gerte. Das wusste der Verkehrsteilnehmer vor dem roten Ford einfach nicht.¬† Er war ausgestiegen, ein junger Mann in dunklem Anzug und perlwei√üem Businesshemd, und befand sich nun in einem lautstarken Streitgespr√§ch mit dem vermeintlichen Verkehrspolizisten. So weit ich sehen konnte, zeigten die Bem√ľhungen des Anzugtr√§gers aber keine Wirkung. Sie veranlassten Heinz nur dazu, in monotones Brummen und St√∂hnen auszubrechen, w√§hrend sein linker Arm in die H√∂he fuhr und er damit in der Luft fuchtelte, als w√ľrde er seine Hand vom Kn√∂chel sch√ľtteln wollen. Noch beobachtete ich die Szenerie unbeteiligt. Dann wurde der junge Mann aber wirklich handgreiflich und nahm den v√∂llig au√üer sich geratenen Heinz in den Schwitzkasten. Ich konnte nicht anders und musste, in meiner Funktion als Situationskundige, eingreifen.
„Lassen sie ihn los, erst dann wird er sich beruhigen“, sagte ich in ruhigem Tonfall zu dem Gesch√§ftsmann, der daraufhin tats√§chlich von Heinz ablie√ü.
„Kennen sie den armen Irren, etwa? Sowas ist doch unerh√∂rt“, ereiferte sich der Mann und zog seine Krawatte zurecht. „Der geh√∂rt doch weggesperrt!“
„Er h√§tte sie fahren lassen. Sie h√§tten nur ein paar Minuten Geduld haben m√ľssen“, erwiderte ich sachlich und wandte mich mit der beruhigenden Art einer Krankenschwester dem sichtlich mitgenommenen Heinz zu. „Ganz ruhig, Heinz. Es ist alles in Ordnung“, redete ich mit Engelszungen auf ihn ein. „Was soll denn das? Wer l√§sst so einen denn frei herumlaufen? Ich rufe jetzt die Polizei.“
Der Anzugtr√§ger griff in die Hemdtasche nach seinem Telefon, aber ich konnte ihn mit einem: „Lassen sie nur, ich habe das gleich unter Kontrolle“, davon abhalten. ¬†
Ich ergriff den immer noch fuchtelnden Arm von Heinz und brachte ihn eine ruhige Stellung, dann f√ľhrte ich den kr√§ftigen Mann mit einer sanften, aber bestimmten Geste von der Stra√üe auf die Ampelinsel. „Na sch√∂n. Sie machen das schon“, stellte der Typ im Anzug fest, lie√ü die Hand sinken und schickte sich an, wieder ins Auto zu steigen. Ich war so besch√§ftigt mit Heinz, dass ich kaum wahrnahm wie der junge Mann den Motor startete und auch der rote Ford sich nun in Bewegung setzte. Gerade, als ich glaubte, Heinz so weit zu haben, dass er sich widerstandslos nach Hause trollen w√ľrde, h√∂rte ich hinter mir schrill quietschende Reifen. Dann sp√ľrte ich wie die Muskeln von Heinz Unterarm, den ich im festen Griff vor mir herschob, sich spannten. Im n√§chsten Moment knallte es so ohrenbet√§ubend, dass ich den Arm reflexartig loslassen musste und mich abduckte.
Heinz fing an zu schreien. Aus seinem monotonem Brummen entwickelte sich ein wahres Kriegsgeschrei. Ich war so gefangen von seinen weit aufgerissenen Augen und dem vor seinen Mund tretenden Schaum, dass ich den Unfall, der sich direkt auf der Kreuzung ereignet hatte, erst Minuten sp√§ter richtig erfassen konnte.¬† Es hatte den Anzugtr√§ger erwischt. Ein dunkelblauer Audi hatte seinen Wagen zwischen sich und dem roten Ford so eingequetscht, dass schon mit einem fl√ľchtigen Blick klar war, dass man den K√∂rper des jungen Mannes herausschneiden w√ľrde m√ľssen. Ob er das Ganze √ľberhaupt √ľberlebt haben k√∂nnte, schien sehr fraglich.
Schon bald kamen Feuerwehr und Polizei an die Unfallstelle und ein Pfleger mit d√ľnnem blondem Zopf entband mich von dem immer noch schreienden und um sich schlagenden Heinz.

Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass der Fahrer des Audis einen Herzanfall gehabt hatte. Sein Auto war mit ungebremster Geschwindigkeit in die Kreuzung gedroschen und die Karambolage, daran gemessen, noch glimpflich verlaufen. Es gab nur einen Unfalltoten,den Anzugträger, ihm und dem Herzpatienten war nicht mehr zu helfen gewesen.

Heinz wurde eingewiesen. Diesmal auch nicht nur f√ľr ein paar Monate. Der Einzige, der ihn in seiner trostlosen Einsamkeit besuchen kam, war ich.
Immerhin hatte dieser arme Irre mir vielleicht das Leben gerettet.

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DerHein

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DerHein Re: Es passiert ... -
Zitat: (Original von Gunda am 11.01.2012 - 17:30 Uhr) ... mir (als Lyrikliebhaberin) nicht oft, dass ich einen l√§ngeren Prosatext am PC bis zum Ende lese. Hier habe ich es getan - was wahrlich f√ľr seine Qualit√§t spricht. Der Text ist nicht nur sprachlich gut formuliert, schon die Einleitung mit Frau Kleepel ist eine sehr farbige und dennoch nicht √ľbertrieben ausgeschm√ľckte Schilderung, die Bilder vor dem inneren Auge des Lesers entstehen l√§sst. Und der Rest sowieso.
Gefällt mir ausgesprochen gut.

Lieben Gruß
Gunda


Vielen, vielen Dank.
Ich werd ja ganz rot......die Betonung liegt auf "werde". ;)
Ja, Frau Kleepel lag mir auch am Herzen, aber sie hätte die Handlung nicht vorangebracht...

Fast alle meine Texte sind bis jetzt f√ľr Kinder geschrieben. Ich zweifele zu sehr an meinem Sprachschatz, um mich auch an die Erwachsenen heran zu trauen.
Umso mehr freut es mich, dass diese Geschichte auf so regen Anklang stößt!

Hab nochmals vielen Dank
Gr√ľsse von diana
Vor langer Zeit - Antworten
Gunda Es passiert ... - ... mir (als Lyrikliebhaberin) nicht oft, dass ich einen l√§ngeren Prosatext am PC bis zum Ende lese. Hier habe ich es getan - was wahrlich f√ľr seine Qualit√§t spricht. Der Text ist nicht nur sprachlich gut formuliert, schon die Einleitung mit Frau Kleepel ist eine sehr farbige und dennoch nicht √ľbertrieben ausgeschm√ľckte Schilderung, die Bilder vor dem inneren Auge des Lesers entstehen l√§sst. Und der Rest sowieso.
Gefällt mir ausgesprochen gut.

Lieben Gruß
Gunda
Vor langer Zeit - Antworten
DerHein Re: Re: Re: -
Zitat: (Original von Ciggy1 am 11.01.2012 - 13:39 Uhr)
Zitat: (Original von DerHein am 11.01.2012 - 13:38 Uhr)
Zitat: (Original von Ciggy1 am 11.01.2012 - 13:31 Uhr) Gefällt mir! Liest sich gut.


"Es war nicht abzusehen, wieviel Mittagessen wir noch haben w√ľrden."
Warum? Todkrank? (64 ist ja heute "kein Alter.") Achim auf der Schulter! lach
Daumen hoch!

Liebe Gr√ľ√üe

Ciggy


Doch, leider schon :(
In meinem Umfeld höre ich immer wieder nur Krebs...kein Mensch scheint noch an Alterschwäche zu sterben...

Vielen Dank f√ľr Deinen Kommi und liebe Gr√ľ√üe zur√ľck


Werd's meinem Vater (81) ausrichten......grins




Ich hoffe inständig, dass ich auch meinem Vater noch zum 120. gratulieren kann!
Vor langer Zeit - Antworten
DerHein Re: -
Zitat: (Original von Ciggy1 am 11.01.2012 - 13:31 Uhr) Gefällt mir! Liest sich gut.


"Es war nicht abzusehen, wieviel Mittagessen wir noch haben w√ľrden."
Warum? Todkrank? (64 ist ja heute "kein Alter.") Achim auf der Schulter! lach
Daumen hoch!

Liebe Gr√ľ√üe

Ciggy


Doch, leider schon :(
In meinem Umfeld höre ich immer wieder nur Krebs...kein Mensch scheint noch an Alterschwäche zu sterben...

Vielen Dank f√ľr Deinen Kommi und liebe Gr√ľ√üe zur√ľck
Vor langer Zeit - Antworten
Gast wunderbar!. ¬į
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Heinz sieht rot - Ich fand die Geschichte klasse!
Sehr gut geschrieben!
Vor langer Zeit - Antworten
ConnyB Herzergreifend geschrieben! - Eine Story die mich vom ersten bis zum letzten Wort mitgerissen hat!
Ich w√ľnsche Dir noch einen wundersch√∂nen Tag!

ganz liebe Gr√ľsse
Conny
Vor langer Zeit - Antworten
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