Humor & Satire
HUNDERTTAUSEND HÖLLENHUNDE!

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"HUNDERTTAUSEND HÖLLENHUNDE!"
Veröffentlicht am 30. August 2011, 24 Seiten
Kategorie Humor & Satire
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Über den Autor:

"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore
HUNDERTTAUSEND HÖLLENHUNDE!

HUNDERTTAUSEND HÖLLENHUNDE!

Einleitung

Aus dem Leben eines glücklichen Hundehalters. (Erweiterte Neufassung)

HUNDERTTAUSEND HÖLLENHUNDE!

Der Hund - und nicht etwa die Frau, wie manche behaupten - ist der beste Freund des Menschen. Der Hund ist treu, der Hund ist tapfer, der Hund ist loyal – wer kann das schon von seiner besseren ehelichen Hälfte behaupten? Deshalb konnte mein Kommentar wohl auch kaum anders lauten, als mir der Familienrat mitteilte, dass wir in Kürze ein sabberndes, schwanzwedelndes Fellbündel zu erwarten hätten. Wie aus der Pistole geschossen rief ich: „Nicht mit mir!“, verließ das Haus, kündigte meinen Job, reichte die Scheidung ein, gab die Kinder zur Adoption frei und

verdingte mich als christlicher Märtyrer.

 

Am nächsten Morgen war er da. In Größe und Lebhaftigkeit einem behaarten Schaumgummiball nicht unähnlich: Zerberus alias Wolf von Niebelschütz vom Stamme Mastino Napoletano. Als er meiner ansichtig wurde, ging er winselnd in die Hocke und pinkelte auf die Auslegware.

„Du jagst ihm Angst ein“, erklärte Renate.

„Wie kann ich ihm Angst einjagen? Ich habe ja nicht mal was gesagt.“

„Eben. Du hast noch nicht mal was gesagt. Er möchte dich kennenlernen. Das ist doch wohl verständlich. - Halt

ihm die Hand hin.“

„Was? Damit er auch darauf sein Geschäft verrichtet?“

„Unsinn. Er soll deinen Geruch aufnehmen und entscheiden, ob du ein Freund bist.“

„Ach? Der Hund entscheidet, ob ich ein Freund bin?“

„Hunde sind gute Menschenkenner.“

„Schön. Und was, wenn er mich nicht als Freund akzeptiert? Muss ich dann im Gartenhaus leben?“

Renate verschränkte die Arme über der Brust und schwieg. Sie sah mich an. Sie sah mich kritisch an. Ich reichte dem Hund die Hand. Er biss hinein. Ich äußerte in ruhigen, wohlabgewogenen

Worten die Absicht, dem Köter den Schwanz abhacken und seine Gedärme zum Trocknen auf die Wäscheleine hängen zu wollen. So ähnlich jedenfalls. Das wurde von meiner Familie als unpassende und kaum dem jugendlichen Alter des Welpen angemessene Wortwahl kritisiert.

„Er ist doch noch ein Baby“, lautete der allgemeine Tenor.

„Ein Baby?“ Ich war fassungslos. Der Sanitäter rammte die Tetanus-Spritze in meinen Gesäßmuskel und erklärte der andächtig im Kreis um mein hinteres Ende versammelten Sippe, dass er einen Rauhaardackel besessen habe, der im letzten Jahr an Lungenentzündung

verstorben sei. Er war elf. Der Dackel selbstredend, nicht der Sanitäter. Eine Welle des Mitgefühls begrub den Mann unter sich.

„Wir hätten ihm den Köter schenken sollen“, grummelte ich als er endlich gegangen war. Dies natürlich nicht, ohne vorher ausgiebig mit Klein-Zerberus getobt zu haben. Mehrere Stehlampen, ein von dem Star-Designer Luigi Gonokokki entworfener Glastisch und das Bild meiner Mutter waren zu Bruch gegangen.

„Der Hund hat einen Namen. Er ist ein vollwertiges Mitglied unserer Familie.“

„Ja, stimmt. Zerberus. Der Höllenhund. Wirklich passend.“

„Ich werde ihn Zerbi nennen“, verkündete Bärlebärchen. „Zerbi, huhu. Zerbi, huhu, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi…“ (usw., usw., usw.)

Der Hund sah meine Tochter mit jenem bemerkenswerten Mangel an Intelligenz an, der auch sein späteres Leben kennzeichnen sollte. Rin-Tin-Tin, soviel stand fest, war er nicht.

 

Am Abend, als ich bereit war, mein von den Sorgen des Tages schweres Haupt auf die Kissen zu betten, holten mich die Erstgenannten umgehend wieder ein. Im Familienrat wurde einstimmig (mit einer Gegenstimme) beschlossen, dass Zerberus in unserem Schlafzimmer zu

nächtigen habe.

„Er ist ja noch ein Baby“, war der allgemeine Tenor.

Unsere Lasterhöhle, das muss gesagt werden, befindet sich im oberen Stockwerk, das durch eine künstlerisch wertvolle Holztreppe mit offenen Stufen zu erreichen ist. Der Hund, wie nicht anders zu erwarten, war weder in der Lage noch willens, dieselben hochzugsteigen.

„Du musst ihn tragen“, sagte meine Frau, und das war nicht als Vorschlag gemeint.

„Der Hund stinkt“, konstatierte ich.

„Der Hund stinkt nicht, er riecht wie ein Hund. Und sein Name ist Zerberus.“

„Oder Zerbi.“

„Ein Hund, der wie ein Hund riecht, stinkt. Ich habe nicht die geringste Lust, ebenfalls zu stinken.“

„Männer stinken auch“, erklärte meine Tochter im Brustton der Überzeugung.

„Männer stinken nicht. Männer riechen wie Männer. Oder wie Menschen.“

„Sie stinken“, beharrte meine Tochter.

Der Hund sah mich an. Ich sah den Hund an. Zerberus ging in die Hocke und pinkelte auf die Fliesen. Meine Frau rief von oben: „Wisch das weg. Ich will keine Flecken haben.“

„Zu Befehl, mon Général“, murmelte ich.

„Hast du was gesagt?“

„Nein, ich nicht. Das war der Hund.“

Damit begann eine fruchtbare Phase des Hinauf- und Hinuntertragens, während derer Zerberus und ich Gelegenheit bekamen, uns ausgiebig zu beschnuppern. Nun sind kleine Hunde ähnlich wie kleine Kinder. Sie erwachen früh, sehr früh, und müssen dann in der Regel ganz dringend irgendwo hin. Das zu gewährleisten, wurde eine meiner vornehmsten Aufgaben. Sonntag für Sonntag schellte um fünf Uhr im Morgengrauen der Wecker, um mich in herzinfarktfördernder Intensität an meine Nemesis zu erinnern. Schon bald hatte auch der Hund die Zeichen der Zeit erkannt. Schwanzwedelnd, sabbernd und erwartungsfroh jaulend stand er bereits

am Treppenabsatz, wenn ich, noch im Halbschlaf befindlich, angetorkelt kam. Beugte ich mich hinab, lief er fröhlich bellend davon, in der Annahme, dies sei ein fabelhaftes neues Spiel, das ich, sein allerbester Kumpel, ausschließlich zu seinem privaten Vergnügen ersonnen hatte.

„Zerberus“, rief ich, dabei auf Strenge in meinem Tonfall achtend. „Zerberus! Hier! Halt! Stopp! Hopp! Platz! Putz! Blitz!“

„Geht es auch ein bisschen leiser“, kam es aus dem Zimmer meiner Tochter. „Es gibt Leute in diesem Haus, die noch pennen wollen.“

„Was um Himmelswillen machst du da,

Gisbert?“, kam es schlaftrunken von meiner Frau.

„Ich versuche“, erklärte ich und war bemüht den gereizten Tonfall in meiner Stimme zu zügeln, „ich versuche, den Hund nach unten zu tragen, damit er sein Dings…sein Geschäft erledigen kann.“

„Na, dann mach doch endlich“, murmelte Renate, „und weck nicht das ganze Haus auf.“

„Zerbi“, rief meine Tochter, „Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi…“ (usw., usw., usw.)

    

Der Hund wurde größer. Ich nicht. Das Verhältnis seiner Größe zur Traglast meiner Arme verkehrte sich ins

Gegenteil. Einmal fielen wir gemeinsam die Treppe hinunter. Der Hund hielt das für ein fabelhaftes neues Spiel, das ich, sein allerbester Kumpel, zu seinem privaten Vergnügen ersonnen hatte. Er leckte mein Gesicht und pinkelte vor Freude auf die Fliesen.

„Geht es auch ein bisschen leiser? Es gibt Leute, die nicht um fünf Uhr morgens aus dem Bett fallen möchten“, rief eine missmutige Stimme weiblichen Geschlechts.

Der Hund, in der Annahme, etwas falsch gemacht zu haben, winselte jämmerlich.

„Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi…“

 

Die Wochen vergingen und ich versuchte

dem Köter die grundlegenden Regeln eines Miteinanders zwischen Tier und Mensch nahezubringen. Beispielsweise die schöne Kunst des Apportierens.

„Hier“, rief ich und zeigte ihm den riesigen, mit Bleigewichen beschwerten Ast, den ich eigens zu diesem Zweck verfertigt hatte, „hol’s Stöckchen, guter Hund, hol’s Stöckchen“, und warf das Ding in die brüllenden Fluten des Flusses, der seinen Höchststand bereits um einiges überschritten hatte. Kühe, Häuser und komplette Windkraftanlagen wurden wie Spielzeuge fortgerissen. Der Hund sah mit gespitzten Lauschern dem Stock hinterher, der augenblicklich in den wirbelnden Wellen versank – und

rührte sich nicht von der Stelle.

„Dämlicher Köter“, bemerkte ich.

Der Hund sah mich mit einem Ausdruck an, der wohl besagen sollte: „Nicht so dämlich wie du, verachtenswerter Meuchelmörder!“

 

Dann kam der Tag, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte.

„Der Hund muss lernen, Gassi zu gehen“, entschied meine Gattin.

„Aha“, sagte ich und warf einen Blick auf meine Tochter, die urplötzlich kontemplativ in ihre Mathematik-Hausaufgaben versunken war.

„Der Hund muss Gassi gehen, Bärlebärchen“.

„Hier“, sagte meine Frau, „hier ist die Leine. Du siehst doch, dass deine Tochter beschäftigt ist.“

„Äh, Schatz, eigentlich müsste ich jetzt zur Arbeit fahren.“

„Das hat Zeit“, beschied Renate

 

„Ach, der ist ja niedlich. Ist das Ihrer, Herr Doktor?“ Frau Semmelschwamm, unsere Nachbarin, ist vierundneunzig Jahre alt, aber noch sehr gut zu Fuß. Zumindest mit der Gehhilfe.

„Nein“, antwortete ich, „damit bessere ich mir in den Ferien mein Taschengeld auf.“

„Das ist fein. Dann können Sie ja demnächst Hektor auch mal ausführen.“

Sie blickte liebevoll auf einen unglaublich fetten Dackel, der definitiv nicht gut zu Fuß war – was auch grundsätzlich schwierig ist, wenn die Füße vor lauter Bauch den Bürgersteig nicht berühren.

„Ja, schauen Sie nur, Herr Doktor. Braver Hund. Hast Du eine schöne Wursti gemacht. Feiner Junge. Wie heißt er denn, der kleine Racker?“

„Zerberus.“

„Das ist fein. Dann hoffe ich nur, dass Sie eine Kacktüte dabei haben.“

„Eine…Kacktüte?“

„Ja, wo man die Wursti rein macht. Schließlich wollen wir nicht, dass all die stinkenden Häufi-Bäufis auf dem

Bürgersteig liegenbleiben, nicht wahr?“

„Genau“, bestätigte ich und rührte mich nicht von der Stelle.

„Na, dann warte ich mal, bis Sie das aufgenommen haben“, äußerte das alte Luder, dabei süffisant grinsend.

 

„Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?“, fragte meine Frau, als ich die Haustür mit den Ellenbogen öffnete. „Du warst doch gerade eben draußen und hast die Nachbarin angebaggert. Ich hab’s genau gesehen.“

„Zum Arzt“, erklärte ich.

„Zum Arzt?“, fragte Renate. „Was willst du denn beim Arzt? Bist du krank?“

„Ich brauche eine neue Tetanusspritze.

Ach ja, und lass mir schon mal ein heißes Bad ein.“

„Ein Bad? Es ist acht Uhr morgens! Musst du denn heute nicht arbeiten?“

„Das hat Zeit, Häschen, das hat Zeit!“

„Und wo ist der Hund?“

„Hab ich an der Autobahnauffahrt angebunden!“

„Gisbert???“

„Später, Schatz, später…“

 

Ja, was soll ich sagen? Zerberus wuchs mit atemberaubender Geschwindigkeit. Irgendwann war er so groß wie ein sibirischer Tiger. Doch in seinem Inneren steckte, und steckt bis auf den heutigen Tag, das Gemüt eines infantilen

Elefanten. „Er will doch nur spielen.“ Jaja. Früher konnte ich mich über diesen Spruch maßlos erregen und die Besitzer stinkender, unerzogener, schwanzwedelnder Vierbeiner wortreich zur Hölle wünschen. Heute nicht mehr. Heute bin ich selber einer. Also, ein Besitzer. Mit dem Schwanz pflege ich gemeinhin nicht zu wedeln.

 

Abend für Abend, wenn ich nach Hause komme, galoppiert mir Zerberus entgegen, reißt mich zu Boden und lässt sich weder durch Leckerli noch gute Worte davon abhalten, mir seine Zuneigung vermittels ausgiebigen Speichelflusses zu demonstrieren.

„Er freut sich“, ruft meine Frau aus der Küche.

„Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi“, dringt es aus dem Zimmer meiner Tochter, von stampfenden Beats unterlegt.

Der Hund schaut mich aus seinen großen, braunen, grenzdebilen Hundeaugen an, und denkt, nachgerade für alle sichtbar: „Da ist er wieder. Mein allerbester Kumpel. Keiner versteht mich so wie er. Okay, er ist hässlich, hat kein Fell und nur zwei Beine, aber trotzdem, ich mag ihn. Wuff.“

Ja, geehrte Tierfreunde und Mit-Hundehalter. Was soll ich da sagen? Ich mag dich ebenfalls, Zerbi. Obwohl mir

ein Wellensittich durchaus lieber wäre.

Wuff, Wuff.

 

(c) 2011, 2013 Doktor Seltsam

 

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Dakota tja... er freut sich!
woher ich das weiß?
ich kenne diese Spielchen *lach*
und ich erlebe sie.... täglich ...
und ich mag deine Geschichte, die ich jetzt ausdrucke, weil sie "vorlesenswert" ist... es muss ja nicht immer eine Weihnachtsgeschichte sein.... oder?

schmunzelnder Gruß!
Vor langer Zeit - Antworten
Dakota Danke für das herrliche Lachen,
das mir meine Familie schenkte, als ich gestern Abend
deine Geschichte vorlas
ich soll von ALLEN grüßen und natürlich ganz besonders
Zerbi Zerbi Zerbi Zerbi Zerbi ....... :-))
Fröhliche Ostern!
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Vielen Dank, freut mich, dass es euch gefallen hat. Beste Grüße zurück und ebenfalls ein frohes Osterfest.

Dok & Zerbi
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Eines hab ich heute gelernt, DEINE Texte niemals in der Nacht lesen, die Nachbarn könnten sich über zu lautes Lachen beschweren.
Jede Zeile lässt Bilder entstehen und als ich bei "Der Hund wurde größer. Ich nicht." ankam .. hörte sogar der Nachbar ganz unten mein schallendes Lachen
KLASSE geschrieben
LG
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Vielen Dank! Auch auf die Gefahr hin, deine Nachbarn zu verärgern, muss ich sagen, das freut mich sehr!

Liebe Grüße
Dok
Vor langer Zeit - Antworten
EllaWolke Auf jeden Fall, immer wieder lesbar, weil´s so viel zu entdecken gibt!
Vor langer Zeit - Antworten
Sviredash Köstlich. :)
Ich bin nicht wirklich Hunde- (eher Katzen-) freundlich,
somit konnte ich diese kleine Geschichte noch mehr genießen.

MvlG Svire
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Vielen Dank, Svire. Ich darf dir verraten, dass ich auch eher der Katzenfreund bin - aber verrate das bitte nicht meiner Frau! ;-)

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
Sviredash Ich werde schweigen, wie ein Grab.^^
Vor langer Zeit - Antworten
Zwischenzeit Tränen gelacht.!!!!!... und einem so treu ergebenen Ehemann und Familienvater sind auch einige hilflos selbstironische Bemerkungen über die weiblichen Untugenden :-D.. genehmigt. .. gelle Dr.Seltsam...LG Sabine.
Vor langer Zeit - Antworten
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