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Eine Geschichte von Raum und Zeit - Vorläufige Gesamtausgabe (Prolog bis Kapitel 12)

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"Eine Geschichte von Raum und Zeit - Vorläufige Gesamtausgabe (Prolog bis Kapitel 12)"
Veröffentlicht am 27. August 2011, 304 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Eine Geschichte von Raum und Zeit - Vorläufige Gesamtausgabe (Prolog bis Kapitel 12)

Eine Geschichte von Raum und Zeit - Vorläufige Gesamtausgabe (Prolog bis Kapitel 12)

Einleitung

In einer Welt, in der die Magie ihren Zauber verloren hat und der Frieden seinen Namen nie gerecht werden konnte, braut sich Unheil zusammen. Die Herrin im See ist zur√ľckgekehrt und hat den Nordwesten der bekannten Welt unter ihre Kontrolle gebracht. In Mitten dieses schwellenden Konfliktes ger√§t Felix, ein Junge, dessen einziger Wunsch es ist zur√ľck nach Hause zu reisen. Doch die Wege zur√ľck durch Raum und Zeit sind versperrt, w√§hrend das Schicksal selbst l√§ngst einen ganz anderen Pfad f√ľr ihn

bereithält. Kapitel: S.1-12 - Prolog S.13-37 - Kapitel 1: Felix S. 38-57 - Kapitel 2: Kriemhild S. 58 -86 - Kapitel 3: Das verschwundene Problem S. 87-117 - Kapitel 4: Gegen den Wind S. 118 -146 - Kapitel 5: Odine S. 147-181 Kapitel 6: Mimage und Nero S. 182-225 Kapitel 7: Der Geruch von Schwefel S. 226-264 Kapitel 8: Im Hexenhaus S. 265- 320 Kapitel 9: Erde zu Erde S. 320- 372 Kapitel 10: Artemis vom

K√§fig S. 373- 423 Kapitel 11: Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn S. 424-490 Kapitel 12: Erwachen Anmerkung: Eine riesiges Dankesch√∂n geht an meine Beta-Leserin Grit.

Prolog

Heros hatte drei Probleme. Nun, eigentlich hatte er, ein gerade einmal sechszehnj√§hriger Junge mitten in der Pubert√§t, viele Probleme, aber keines erschien ihm so schwerwiegend wie die gegenw√§rtigen. Gestern Morgen noch hatte seine gr√∂√üte Sorge lediglich darin bestanden, seine herrschs√ľchtige Missionspartnerin zu ertragen. Jetzt kam ihm dieses Problem allerdings beinahe l√§cherlich klein und unbedeutend vor und fast w√ľnschte er sich, sie w√§re nicht samt Reisegeld und Proviant verschwunden, denn gerade ihre so herbei gew√ľnschte Abwesenheit hatte sie

zu einer Verkettung ungl√ľcklicher Ereignisse gef√ľhrt, die ihn erst in seine jetzige Bredouille gebracht hatten.

¬†Zum einen musste er - sofern er nicht f√ľr immer und ewig in dieser Dimension, der sogenannten ‚ÄöErde‚Äė, festsitzen wollte - ¬†es innerhalb der n√§chsten Minuten irgendwie schaffen, die letzten Meter zwischen sich und dem ihm genannten Abreisepunkt zur√ľckzulegen. Zum anderen durfte er dabei die Ordnungsh√ľter dieser Welt nicht auf sich aufmerksam machen und zum dritten sollte er sich dabei irgendwie noch seiner Geisel entledigen, die - wie sollte es auch anders sein - sich just in diesem Moment unruhig zu regen begann.

‚ÄěSei still‚Äú, fl√ľsterte Heros automatisch. Zu sp√§t rief er sich in Erinnerung, dass er die Sprache dieser Welt nicht beherrschte und er bezweifelte stark, dass der gr√ľnhaarige Junge, den er gezwungener Ma√üen an sich gepresst hielt, die seine verstand. Er musste sich wohl oder √ľbel mit einer etwas universelleren Art der Kommunikation verst√§ndlich¬† machen.

 

W√§hrend er mit der linken Hand seine einzige Waffe, eine zerbrochene Glasflasche, weiter an die Kehle des Jungen dr√ľckte, glitt seine rechte Hand √ľber dessen Mund. ‚ÄěPssst‚Äú, zischte er leise, wobei er das Gel√§nde um sich

herum nicht aus den Augen lie√ü. Er bezweifelte, dass seine Verfolger ihn und seine Geisel einfach hatten laufen lassen. Die Art und Weise, wie sie das Feld ger√§umt hatten, hatte eher wie ein taktischer R√ľckzug gewirkt als ein ernst gemeinter.

 

Erneut suchten seine Augen den mittlerweile dunklen Wald um sich herum ab. Er lauschte angestrengt, doch au√üer ein paar V√∂geln und dem Wind, der sanft durch die Baumkronen strich, r√ľhrte sich nichts. Unruhig schielte er auf seinem linken Unterarm. Schier unendlich langsam verformten sich die einge√§tzten Zahlen auf seiner Haut, strebten viel zu

träge der Null entgegen. Noch gut eine Minute.

 

Er atmete tief durch. Zeit zum Handeln. Heros wusste, dass das Verlassen seiner Deckung nicht unbedingt intelligent war, wusste aber auch ob der Zwickm√ľhle, in der er sich befand. Einerseits konnte er hier nicht teilnahmslos verharren und darauf warten, dass ihm die Zeit davonlief. Andererseits ging er mit jedem Schritt, den er tat, und den er sich von seinem momentan sicheren Status quo wegbewegte, das Risiko ein, seinen Gegnern einen Vorteil zu verschaffen. Und doch‚Ķ er hatte keine andere Wahl. Er musste sich p√ľnktlich am

vorgeschriebenen Ort befinden, zehn Meter davon entfernt waren nun einmal zehn Meter zu viel. Er mochte gar nicht daran denken, was passieren w√ľrde, wenn er es nicht schaffte. Die Geschichtsb√ľcher waren voll von Menschen, die in einer fremden Welt festsa√üen und er wollte definitiv nicht dazugeh√∂ren. Den ruhigen Jungen mit sich ziehend verlie√ü er vorsichtig seine Deckung.

 

Mit jedem Schritt, den er tat, jedem Meter, den er sich von seinem Versteck entfernte und dem Abreisepunkt näherte, erwartete er insgeheim den Angriff seiner Gegner. Doch es tat sich nichts.

Es war ruhig, etwas zu ruhig. Mit einem mulmigen Gef√ľhl in der Magengegend passierte Heros die Sitzb√§nke, die den Treffpunkt umgaben. Fast schien es so, als ob sie eine Zuschauertrib√ľne um den mit Erde gef√ľllten Holzkasten bildeten. Ein wahrlich eigenartiger Ort f√ľr den Ausgangspunkt einer Raum-Zeit-Reise, denn obwohl er vom Weg, der durch den Wald f√ľhrte, nur schwer einzusehen war, barg die Lichtung, auf der er lag, selbst nur wenig Schutz vor ungewollten Augenpaaren.

 

Einmal mehr blickte er sich um, einmal mehr lauschte er, doch noch immer schien das einzige, was ihn verfolgte, die

Stille selbst zu sein. Vorsichtig trat er √ľber die h√∂lzerne quadratische Einz√§unung in den Sand hinein, nur um sodann erleichtert aufzuatmen. So weit so gut. Jetzt musste er nur noch sein Problem loswerden. Nat√ľrlich konnte er auch ganz einfach warten, bis die Zeit abgelaufen war und sich dann einfach in Nichts aufl√∂sen. Allerdings bef√ľrchtete er, dass der Junge nicht allzu gelassen auf sein pl√∂tzliches Verschwinden reagieren w√ľrde. Die Dimensionshexe hatte ihn seinerzeit gewarnt keine unn√∂tige Aufmerksamkeit zu erregen, um nicht die Preisgabe ihrer Welt zu riskieren, und er hatte aufgrund seiner Verhaftung schon viel zu viel Interesse

auf sich gezogen. Und das letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass seine Herrin UND die Dimensionshexe sauer auf ihn waren. Eine aufgebrachte Frau war immer noch besser als zwei. Keine w√§re selbstverst√§ndlich w√ľnschenswert gewesen, aber - so hatte es ihm die Erfahrung seines mittlerweile sechszehnj√§hrigen Lebens gezeigt - man konnte einfach nicht alles haben, besonders, wenn Frauen involviert waren. Diese ganze verdammte Misere hier fu√üte eigentlich nur darauf, dass seine Partnerin sich dazu entschlossen hatte, in dieser Welt zu bleiben, oder doch nicht? Rasch blickte er sich um. Wie erwartet, hatte sie sich doch nicht

umentschieden.

 

Immerhin hatte er einen Ersatz gefunden, so dass er die letzten Sekunden in dieser Welt¬† nicht allein verbringen musste. Ein kurzes humorloses L√§cheln glitt √ľber Heros‚Äė Gesicht, erlosch aber sogleich wieder, da die Zahlen auf seinem Unterarm pl√∂tzlich begannen gl√ľhend hei√ü zu werden. Noch zwanzig Sekunden. Es war definitiv an der Zeit, den Jungen loszuwerden. Er hielt es sich zugute, dass er zumindest kurz dar√ľber nachdachte den Jungen einfach von sich zu sto√üen, wenn der Countdown abgelaufen war. Allerdings war die Gefahr, der Knabe k√∂nnte sich aus

Versehen umdrehen und ihn verschwinden sehen, einfach zu gro√ü. Er w√ľrde wohl oder √ľbel etwas anders vorgehen m√ľssen.

 

So unauff√§llig wie m√∂glich versuchte er seinen linken Arm in eine andere Position zu bringen, wobei er allerdings nicht mit der Reaktion des anderen gerechnet hatte. Doch dieser zuckte pl√∂tzlich zur√ľck, wobei sein Kopf schmerzhaft gegen Heros‚Äė Kinn schlug. Er stolperte, den Knaben mit sich ziehend, r√ľckw√§rts und w√§re dabei beinahe noch √ľber die Holzumrandung gefallen. Nur mit M√ľhe gelang es ihm das Gleichgewicht zu halten und sich zugleich mit Schwung

vom Kastenrand abzusto√üen, um den Jungen im Sand unter sich zu begraben. Er versuchte sich aufzurichten, als ein stechender Schmerz seinen ohnehin schon brennenden Unterarm durchzuckte. Insgeheim verfluchte er den um Aufmerksamkeit bettelnden Countdown, weit bevor sein von Qualen getr√ľbtes Gehirn feststellte, dass nicht die Zahlen die Ursache seines Leids war. Es war der Junge, oder besser gesagt, dessen Z√§hne, welche sich in sein Fleisch gegraben hatten. Die Finger seiner linken Hand verkrampften sich um den Flaschenhals, w√§hrend er sich mit M√ľhe auf die Knie k√§mpfte und verzweifelt versuchte, seine ehemalige

Geisel von sich wegzustoßen.

 

Unter Aufwendung all seiner Kraft schaffte Heros es schließlich seinen Arm zu befreien. Der Junge kullerte durch den Sand, blieb allerdings nicht liegen, sondern sprang sogleich wieder auf die Beine. Er spuckte kurz aus, bevor er sich panisch umblickte, wie ein Tier, das nicht wusste, ob es tapfer kämpfen oder nicht doch besser fliehen sollte.

 

Mit schmerzverzerrter Miene k√§mpfte sich Heros zur√ľck auf die Beine. Blut lief seinen Unterarm hinab, dasselbe Blut, das den Mund seines Gegners umgab. Die zerbrochene Flasche in der Hand

blickte er zum ersten Mal in die Augen seiner ehemaligen Geisel. Der Junge starrte ihn an wie ein hypnotisiertes Kaninchen, bevor er sich abwandte und - √ľber seine eigenen Beine stolpernd - die Flucht ergriff.

 

Heros selbst hatte nicht einmal Zeit aufzuatmen, da sich just in diesem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter seinen F√ľ√üen auftat und ihn verschlang. Er sp√ľrte, wie die Erde √ľber ihm zusammenschlug, sich um ihn herum verdichtete, bis sie ihn ganz umgab. Wie bereits beim ersten Mal erfasste ihn in diesem Moment das Gef√ľhl, keine Luft mehr zu bekommen.

Doch noch ehe sich dieser Gedanke in seinem Gehirn manifestieren konnte, sp√ľrte er auf einmal wieder Boden unter den F√ľ√üen. Der Sand, der ihn zuvor nur umgeben hatten, legte sich auf ihn, bevor er zuerst seinen Kopf, dann seine Schultern, seine Brust und schlussendlich auch seine Beine freigab. Heros sch√ľttelte sich automatisch, um sich von den letzten beharrlichen K√∂rnern zu befreien. Augenscheinlich war er wieder in der Steinh√∂hle gelandet, die auch den Ausgangspunkt seiner Reise markiert hatte.

 

‚ÄěWas hast du getan?‚Äú Sekret√§r Gottfried, der Gehilfe der Dimensionshexe und ein

Beamter sondergleichen, war soeben in die H√∂hle getreten, um seine Ankunft zu √ľberpr√ľfen.

 

‚ÄěIch hatte ein paar kleine Problemchen in der anderen Welt. Nichts wor√ľber du dir den Kopf zerbrechen m√ľsstest‚Äú, erwiderte Heros abweisend, w√§hrend er seine Wunde inspizierte. Er hatte bei der Anzahl an bevorstehenden Schelten nun wirklich keine Lust, sich auch noch vor jemandem so wichtigtuerischen, selbstherrlichen und dabei so unbedeutenden wie Gottfried rechtfertigen zu m√ľssen. Seine eigene Herrin Briseis w√ľrde schon schlimm genug sein. Sie w√ľrde mit Sicherheit

nicht gerade erfreut √ľber das sein, was er zu berichten hatte. Ganz davon abgesehen, dass sie gewiss wie immer den Weg des geringsten Widerstandes w√§hlen und ihm die Schuld f√ľr die schlechten Nachrichten in die Schuhe schieben w√ľrde. Das unvermeidliche Schicksal des Hiobsboten. Immerhin hatte er den Vorteil, dass sie ihn sowieso f√ľr unf√§hig hielt. Von daher w√ľrde die Befriedigung √ľber die Best√§tigung ihrer schlechten Meinung von ihm den Groll √ľber die Botschaft mindern. So versuchte er es sich zumindest einzureden.

 

¬†‚ÄěOh, nein, deine Probleme sind sehr

wohl auch die meinen, wenn du die Regeln brichst.“ Gottfrieds Gesicht nahm einen ungesunden Rotstich an.

 

‚ÄěWas redest du da?‚Äú

 

‚ÄěWas ich rede? Was ICH rede?‚Äú Gottfried schien an seiner eigenen Emp√∂rung zu ersticken. Der Rotstich in seinem Gesicht breitete sich aus, bis er auch in den letzten Winkel seiner Geheimratsecken vorgedrungen war, w√§hrend sein kn√∂chriger Finger anklagend auf einen Punkt hinter Heros deutete.

 

Genervt drehte sich Heros um. Er

schloss die Augen, öffnete sie wieder, bevor er sie schicksalsergeben aufs Neue schloss. Er hatte ein Problem.

Kapitel 1: Felix

 

Er war entf√ľhrt worden. Entf√ľhrt! Schon der blo√üe Gedanke daran sorgte daf√ľr, dass sich sein Magen unangenehm zusammenzog. Warum er? Warum ausgerechnet er? Hastig warf er dem wohl einzigen Menschen, der ihm diese Frage beantworten konnte, einen ver√§ngstigten Seitenblick zu. Niemals in seinem ganzen Leben w√ľrde Felix den Augenblick vergessen, als er aus dem Kiosk seiner Mutter getreten und von dem Fremden √ľberw√§ltigt worden war. Seine zitternde Hand fuhr pr√ľfend zu der Stelle seines Halses, an der noch vor kurzer Zeit ¬†die t√∂dliche Kante einer zerbrochenen Wodkaflasche geruht hatte. Er nahm die Hand von seiner Kehle und betrachtete beinahe schon and√§chtig seine stetig vibrierenden Finger. Doch da war kein Blut, nur die Erinnerung an den Augenblick in seinem Leben, in dem er zum ersten Mal hautnah erlebt hatte, was es bedeutete Todesangst zu haben. Und diese Angst war noch lange nicht vorbei.

 

Erneut blickte er in die Richtung seines Entf√ľhrers, der noch immer mit seinen Komplizen diskutierte. Ihre Stimmen klangen eigenartig, ungew√∂hnlich hart und bedrohlich in ihrer Fremdartigkeit. Er wusste, dass sie √ľber ihn diskutierten, besser gesagt dar√ľber, wie sie mit ihm am besten weiter verfahren sollten. W√ľrden sie ihn t√∂ten?

 

Felix konnte selbst nicht so genau sagen, warum er √ľberhaupt zulie√ü, dass sich so ein furchtbarer Gedanke in seinen Kopf pflanzte. Doch kaum, dass dieser die Oberfl√§che seines Bewusstseins ber√ľhrt hatte, begann er bereits zu wuchern, immer bestrebt, ihn noch mit weiteren beklemmenden Fragen zu maltr√§tieren. Wie w√ľrden sie ihn t√∂ten? W√ľrde es lange dauern, voller Qualen und Erniedrigungen, oder w√ľrde es schnell gehen?

 

Einmal mehr versuchte Felix, die in ihm wachsende Panik zu unterdr√ľcken, versuchte tief ein- und auszuatmen und die in ihm aufsteigende Magens√§ure herunterzuschlucken. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Doch was war √ľberhaupt noch wesentlich, wenn das einzige, was man empfand Angst, Verzweiflung und Chaos war? Felix sp√ľrte wie seine Augen feucht wurden. Er wollte einfach nur hier raus, nach Hause zu seinen Eltern, seiner Schwester, seinen Freunden.

 

Tr√§nen begannen seine Wangen hinunterzuflie√üen. Hastig wischte er sie weg –ein letzter verzweifelter Versuch sich zusammenzurei√üen- und fingerte in seiner Jacke nach einem Taschentuch, wobei seine Hand gegen einen k√ľhlen Gegenstand stie√ü. Es dauerte einige Sekunden, bevor Felix registrierte, was er soeben ber√ľhrt hatte. Sein Handy. Sein gottverdammtes Handy!¬† Hoffnung, mit der aufputschenden Wirkung eines Energydrinks, wallte mit aller Kraft in ihm auf.¬†

 

Ein hektischer Blick in Richtung der beiden Männer suggerierte ihm, dass diese immer noch mit ihrer Diskussion beschäftigt waren und ihm keine Beachtung schenkten. So langsam und unauffällig wie möglich zog er das Gerät aus der Tasche. Es verfing sich ein, zweimal, bevor er es endlich sicher in der Hand hielt.

 

Sein erster Impuls war es seinen Vater anzurufen, doch dann √ľberlegte er es sich anders. Er wandte sich nach einem letzten pr√ľfenden Blick von seinen Gegnern ab, damit sie das Aufleuchten des Displays nicht sehen konnten und ertastete mit dem Daumen die gew√ľnschte Zahlenkombination: 110.

 

Aus dem Augenwinkel schielte er auf sein Handy, um es - sobald jemand an der anderen Seite abhob - hochzurei√üen und schnell so viele Informationen wie m√∂glich weiterzugeben, bevor sein Entf√ľhrer und dessen Komplize es ihm entwenden w√ľrden. Er starrte auf das Display und pl√∂tzlich war alle Euphorie und Erleichterung vergessen, w√§hrend die √úbelkeit sich mit aller Macht ihren Weg zur√ľckbahnte. Kein Empfang!

 

Felix hatte das Gef√ľhl den Boden unter den F√ľ√üen zu verlieren. Er taumelte leicht zur Seite und w√§re vermutlich zu Boden gest√ľrzt, wenn nicht in letzter Sekunde jemand seinen Arm ergriffen h√§tte. Als er aufsah, schaute er direkt in die gr√ľnen Augen seines Entf√ľhrers. Er schluckte schwer. Er hasste diese Art von Situation, die Angst, die Panik, das Gef√ľhl, innerlich wie erstarrt zu sein, w√§hrend ¬†seine Instinkte die Oberhand √ľber seinen Verstand gewannen.

 

Sein Gegner blickte ihn noch einmal pr√ľfend an, bevor er sich - Felix immer noch am Arm haltend - seinem Partner zuwandte und etwas in der fremdl√§ndischen Sprache sagte.¬† Er drehte sich wieder zu ihm um und in diesem Augenblick schoss Felix‘ freie Hand, die immer noch das Handy hielt, nach vorne und schlug ihm dieses mit aller Kraft zwischen die Augen. Er h√∂rte den Schmerzensschrei des anderen, kurz bevor er nach hinten geschleudert wurde und dieses Mal wirklich den Boden unter den F√ľ√üen verlor. Das Handy rutschte ihm aus der Hand und schlug nur unwesentlich vor ihm auf den Boden. Er hatte das Gef√ľhl, dass s√§mtliche Luft bei dem Aufprall aus seinen Lungen gedr√ľckt wurde und er einiges an blauen Flecken davontragen w√ľrde. Doch das alles war ihm egal, w√§hrend er sich aufrappelte, sein Handy schnappte und in Richtung H√∂hleneingang sprintete.

 

Er kam nicht weit. Vielleicht vier, f√ľnf Schritte, bevor sein Gegner mehr oder weniger von hinten gegen ihn prallte und ihn unter sich begrub. Er war schnell, verdammt schnell! Wie eine Raubkatze auf der Jagd und er, Felix, schien ihr Opfer zu sein. Etwas Warmes tropfte auf seine Wange. Doch er hatte keine Zeit dar√ľber nachzudenken, was es war, da in diesem Augenblick das Gewicht, das ihn niedergerissen hatte, verschwand und er unsanft auf die Knie gezerrt wurde. Felix war sich sicher, dass sein letztes St√ľndlein geschlagen hatte. Er konnte es f√∂rmlich in dem √ľber ihm thronenden, mit Blut bespritzten Gesicht seines Feindes sehen. Einmal mehr stieg die √úbelkeit in ihm hoch, bahnte sich ihren Weg vom seinem Magen aus, die Speiser√∂hre hoch und ehe er es verhindern konnte, erbrach er sich kl√§glich auf den Boden, was seinen Entf√ľhrer dazu veranlasste ihn loszulassen und hastig ein St√ľck zur√ľckzuweichen.

 

Felix wusste, dass in dieser Situation ein Gef√ľhl wie Scham g√§nzlich unangebracht war und doch sch√§mte er sich. Er war nie ein mutiger Junge gewesen. Nie. Klein und zierlich seit jeher, hatte er immer zugesehen, st√§rkere¬† und gr√∂√üere Freunde um sich zu scharen, um nicht das Opfer anderer zu werden. Doch wo waren seine Freunde jetzt? Wo seine Besch√ľtzer? Seine Eltern? Die Polizisten, die seinen Entf√ľhrer verfolgt hatte? Wo waren sie alle?

 

Was hatten sie getan, um ihm zu helfen, w√§hrend er die be√§ngstigende Erfahrung machte zerbrochenes Glas nur durch eine viel zu d√ľnne Hautschicht von seiner lebensnotwendigen Halsschlagader entfernt zu wissen? Wie konnten sie ihn einfach alleine lassen, sich zur√ľckziehen, sodass er dazu gezwungen war, jemandem ein St√ľck Fleisch rauszubei√üen, um sich zu befreien? Und wieso, verdammt noch mal, hatten sie es einfach zugelassen, dass man ihn von dem Sandkasten, der hinter dem Kiosk seiner Mutter gelegen war, in eine Steinh√∂hle gebracht hatte, die sich - schon allein aufgrund ihrer Gr√∂√üe - nicht in der Gegend rund um seine Heimatstadt befinden konnte.

 

Er wurde einfach das Gef√ľhl nicht los, dass sie ihn nicht nur im Stich gelassen hatten, sondern ihn einfach… einfach vergessen hatten.

 

War er eine Sekunde zuvor noch w√ľtend gewesen, so f√ľhlte er sich jetzt einfach nur noch m√ľde. Er schlang die Arme um seine Beine, senkte seinen Kopf und schloss ersch√∂pft die Augen. Langsam wippte er vor und zur√ľck. Es beruhigte ihn irgendwie. Es beruhigte ihn so sehr, dass er, als jemand ihm vorsichtig auf die Schulter tippte, nicht einmal zusammen schrak, sondern lediglich etwas zur√ľckzuckte. Als er aufblickte, sah er den Komplizen seines Kidnappers vor sich stehen. Er war ein √§lterer Mann mit wohlgepflegtem, braungrauen Bart und weit ausufernden Geheimratsecken.

 

„Briseis entscheiden.“ Felix glaubte seinen Ohren nicht zu trauen und doch, obwohl der alte Mann sichtlich M√ľhe hatte die Worte auszusprechen,¬† konnte er ihn dennoch verstehen. ¬†

 

Der Alte schien indes seine √úberraschung f√ľr Verwirrung zu halten, da er kurz √ľberlegte, ehe er es einmal mehr versuchte: „ Du nicht hierher geh√∂ren.“ Er deutet dabei zuerst auf Felix, bevor er zu einer alles umfassenden Geste¬† ausholte. „Heros…“ Diesmal deutete er auf seinen Entf√ľhrer, ehe er mit seinen Fingern Gehbewegungen imitierte. „…du bringen zu m√§chtig Mimage Briseis. Briseis entscheiden.“

 

„Ich will nach Hause. Bitte, lassen Sie mich nach Hause gehen. Bitte.“ Selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme heiser, kaum lauter als ein Wispern.

 

Doch der Alte sch√ľttelte nur ablehnend den Kopf.

 

„Bitte!“ flehte Felix eindringlich. „Ich… ich werde auch nichts sagen. Ich wei√ü, doch eh nichts. Nur bitte, bitte lassen Sie mich nach Hause gehen.“

 

„Du nicht gehen nach Hause. Du gehen Briseis. Briseis entscheiden“, erwiderte der Alte bestimmt.

 

Seine Entscheidung klang endg√ľltig. Eigentlich m√ľsste Felix weiter betteln oder vor Verzweiflung weinen oder wenigstens w√ľtend sein, doch das einzige, was diese letzte Entt√§uschung hinterlie√ü, war Resignation.¬† Er hatte genug von dieser Achterbahnfahrt der Gef√ľhle. Genug davon, dass die Hoffnung des einen Momentes die Entt√§uschung des n√§chsten nur noch verschlimmerte. Er w√ľrde sich in sein Schicksal f√ľgen- vorerst.

 

Unauff√§llig lie√ü er sein Handy in seiner Jackentasche verschwinden, w√§hrend der Alte sich bereits abgewandt hatte, um einmal mehr auf seinen Komplizen einzureden. Dieser schien, ebenso wie Felix selbst, alles andere als gl√ľcklich √ľber die Entscheidung des Alten zu sein. Doch schlussendlich gab sein Entf√ľhrer nach. Mit m√ľrrischer Miene dr√ľckte er seinem Partner die zerbrochene Flasche in die Hand und wandte sich, w√§hrend dieser gewichtig die Glasflasche vor sich her tragend aus der H√∂hle eilte, Felix zu. In seinem Gesicht spiegelte sich neben Widerwillen auch leichter Ekel, bei dem Felix nicht genau wusste, ob er nun ihm selbst oder dem Erbrochenen zu seinen F√ľ√üen galt. Sein Entf√ľhrer musterte ihn eine ganze Weile lang, ehe er seufzte und sich mit den Fingern durch das Haar fuhr. Dann deutete er mit seiner Hand auf sich und brummte: „Heros“, ehe er ihn auffordernd anschaute.

 

Felix √ľberlegte kurz, ob er ihm einen falschen Namen nennen sollte, verwarf diesen Gedanken allerdings sogleich wieder. Sein Entf√ľhrer war derjenige, der etwas Illegales getan hatte, nicht er. Gut, er hatte die Wodkaflasche aus dem Kiosk seiner Mutter entwendet, um sich zu aus Frust zu betrinken. Allerdings konnte er das bei Bedarf auch jederzeit der alten Hilde unterschieben. Die schrullige Alte hatte sowieso nichts Besseres zu tun, als sich in ihren Wochenendschichten im Kiosk an den Alkoholvorr√§ten seiner Mutter g√ľtlich zu tun, wenn sie nicht gerade im Sandkasten mit einem ganz und gar unangemessenen Eifer nach Katzenkot suchte.

 

„Felix“, erwiderte er schlie√ülich. Seine Stimme war kaum mehr als ein Fl√ľstern.

 

Sein Kidnapper nickte dennoch verstehend und deutete in einer auffordernden Geste in Richtung Höhlenöffnung.

 

Felix‘ Hand glitt in seine Jackentasche und schloss sich um das beruhigend k√ľhle Geh√§use seines Handys. Dann straffte er die Schultern und trat durch den H√∂hlenausgang auf ein kleines Plateau hinaus. Der Wind wehte kr√§ftig hier oben, kalt und rau. Unwillk√ľrlich zog Felix seine Jacke etwas fester um sich, bevor er sich neugierig umschaute. Hinter ihm erhob sich eine steile Felsenwand bis weit hinauf, w√§hrend sich gut einige Dutzend Meter unter ihm ein riesiger Wald erstreckte. Er war so gigantisch, dass Felix selbst von seiner erh√∂hten Position aus nicht erkennen konnte, wo er endete.

 

Er blickte sich suchend nach dem Alten um, doch dieser war verschwunden, aber wohin? Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er, dass an der einen Seite des Plateaus, nur unwesentlich entfernt von zwei struppigen B√ľschen, die als einzige, dem rauen Klima und dem kahlen Boden hier oben trotzten, ein kleiner Pfad zu erkennen war, auf den sein Entf√ľhrer gerade zustrebte.

 

Z√∂gernd folgte Felix ihm. Als er n√§her kam, stellte er jedoch fest, dass es nicht direkt ein Pfad gewesen war, den er gesehen hatte. Es war vielmehr eine Art in den Fels eingelassene Steintreppe mit einem passenden Steingel√§nder an der einen Seite¬† und einer vollkommen ungesicherten Schlucht an der anderen Seite. Obgleich Felix eigentlich keine H√∂henangst hatte, f√ľhlte er sich nicht ganz wohl dabei, als er seinem Entf√ľhrer den schier unendlich langen Weg nach unten folgte. Die Treppe ging gut f√ľnf Meter hinab, ehe sie eine 180 ¬į Wendung machte, weitere f√ľnf Meter nach unten f√ľhrte, nur um dort einmal mehr abzuknicken.

 

W√§hrend sie Stufe um Stufe hinabstiegen, fragte sich Felix insgeheim, wie hoch diese Steinh√∂hle, in die sie ihn gebracht hatten, eigentlich gelegen war und wie weit somit der Wald sein musste, der sich direkt unter ihm erstreckte. In Anbetracht der Stufen, die noch vor ihm lagen, war nicht nur die Fl√§che des Waldes beeindruckend, sondern auch die H√∂he der B√§ume selbst. Sie mussten fast doppelt so gro√ü sein wie die Laubw√§lder, durch die er erst vor wenigen Tagen mit seiner Freundin geradelt war. Ex-Freundin w√§re wohl die passendere Bezeichnung gewesen. Er glaubte kaum, dass nach dem heftigen Streit vom Morgen und seiner √ľberst√ľrzten Abreise in Richtung Heimat ihre Beziehung weiter Bestand hatte. Oder war es gestern Morgen gewesen?

                                                    

Nachdenklich rieb Felix sich die Stirn. Es war bereits dunkel gewesen, als sein Kidnapper ihn gefangengenommen hatte und doch war es jetzt wieder hell drau√üen, auch wenn die Sonne schon relativ tief am Horizont stand. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass mindestens ein Tag vergangen sein musste. Ein ganzer Tag. Anscheinend war sein Filmriss doch weit schlimmer gewesen, als er gedachte hatte und dabei war er sich sicher gewesen, gar nicht so viel Alkohol getrunken zu haben. Doch anscheinend hatte er sich geirrt. Oder hatte sein Entf√ľhrer ihn w√§hrend ihrer Rangelei bewusstlos geschlagen? War seine Flucht am Ende nichts anderes als ein Traum gewesen? Felix gr√ľbelte. Irgendwie konnte er nicht so recht glauben, dass er sich das alles nur eingebildete haben sollte. Er sp√ľrte f√∂rmlich noch den metallischen Geschmack von Blut in seinem Mund, und der Unterarm seines Gegners schien definitiv verletzt zu sein und doch…

 

¬†Felix gr√ľbelte und gr√ľbelte, er gr√ľbelte so lange, bis sie den Fu√ü des Berges erreicht hatten und sein Entf√ľhrer auf einen schmalen Waldpfad zustrebte, aber das Ergebnis war immer dasselbe: Er fand einfach keine ¬†Antwort.

 

Hatte sich die Luft oben in den Bergen, kalt und rau angef√ľhlt, so roch sie hier unten im Wald nach Regen und etwas anderem. Etwas, das Felix nicht so recht zuordnen konnte. Es war definitiv da und dennoch verstr√∂mte es dieselbe Fremdartigkeit, wie auch die Stimmen seiner Entf√ľhrer. Er wusste nicht, wie er es anders beschreiben sollte: Es war einfach, einfach anders als daheim im Obstgarten, wo sein Vater jedes Jahr die Fr√ľchte erntete, anders als der Stadtwald, in dem der Kiosk seiner Mutter stand, anders als der Forst, durch den er mit Nicole gefahren war. Es war schlicht und ergreifend fremd und irgendwie falsch in seiner Fremdartigkeit.

 

Genauso falsch wie der steinerne Richtungsweiser, der, nachdem sie nur wenige Minuten gegangen waren, unvermittelt vor ihnen auftauchte. Er passte einfach nicht hierher. Sie befanden sich schlie√ülich tief in irgendeinem Urwald, keine Stra√üe weit und breit, nur ein Weg, der aufgrund seiner immer wieder heraus wuchernden Wurzeln und herabh√§ngenden √Ąste kaum als solcher bezeichnet werden konnte. Und doch stand inmitten dieser nahezu unber√ľhrten Natur unverhofft dieser gro√üe steinerne Wegweiser. Ein Wegweiser, der so filigran, so reich verziert war, dass er besser in eine Kunstausstellung gepasst h√§tte als hierher. Sein Entf√ľhrer schenkte dem Richtungsanzeiger, geschweige denn den drei angegebenen Richtungen, jedoch keinerlei Beachtung, sonder peilte zielstrebig den rechten Weg an.

 

Es d√§mmerte bereits und der Wald wurde von Minute zu Minute dunkler. Felix fragte sich insgeheim, ob er vorhatte, die ganze Nacht durchzumarschieren und wie er ihm am besten - ¬†ohne seine unberechenbare Wut auf sich zu ziehen - klar machen konnte, dass er selbst einen solchen Marsch nicht durchhalten w√ľrde. Der Kampf, der Stress, das Erbrechen und letztendlich der Abstieg vom Plateau hatten daf√ľr gesorgt, dass er sich einfach nur noch ausgelaugt f√ľhlte. K√∂rperlich zumindest. Sein Geist war unterdessen –sei es nun aufgrund der frischen Luft oder der vorl√§ufigen Akzeptanz seines Schicksals - wesentlich weniger aufgew√ľhlt als noch vor kurzem. Dennoch beschleunigte sich sein Herzschlag drastisch, als der Weg vor ihnen j√§h breiter wurde und er inmitten einer von B√§umen und Str√§uchern eingebetteten kleinen Lichtung ein gro√ües Steinhaus erblickte.

 

Es war das wohl mit Abstand eigenartigste Geb√§ude, das er je gesehen hatte. Es schien nicht gebaut worden zu sein, sondern vielmehr geformt. Ecken und Kanten, wie sie die meisten H√§user hatten, fehlten ihm komplett, ebenso wie Rillen und Riefen. Fast schien es so, als ob es aus einem einzigen riesigen Sandstein in m√ľhevoller Handarbeit entstanden war.

 

Nur z√∂gernd folgte Felix seinem Entf√ľhrer, der zielsicher auf die weitl√§ufige steinerne Veranda zuging. War das das Haus von der Frau, die √ľber sein Leben entscheiden sollte? War das das Haus von Briseis? Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht, dass der Mensch, dessen Name so eigenartig klang und der √ľber sein Schicksal entscheiden sollte, so nahe war. Felix‘ Schritte wurden unwillk√ľrlich langsamer.

 

Seine Finger begannen zu kribbeln und er tastete nerv√∂s nach seinem Handy. Sollte er einen weiteren Versuch wagen? Sollte er einmal mehr probieren Hilfe zu rufen? Vielleicht w√ľrde das seine letzte Chance sein. Seine Muskeln spannten sich an, w√§hrend er das Handy noch in seiner Jackentasche vorsichtig aufklappte. Er drehte sich pr√ľfend zu seinem Entf√ľhrer um, der gerade die wenigen Stufen zu Veranda hinaufsprang, und entschied, dass er noch einen weiteren Versuch wagen musste. Er zog sein ge√∂ffnetes Handy aus der Jackentasche hervor. Von der oberen linken Ecke des Displays zog sich ein langer Riss, der bis zur Mitte reichte, und doch konnte er erkennen, dass er auch hier kein Empfang hatte. Innerlich fluchend stopfte er das Handy in seine Tasche zur√ľck. Und was nun? Einmal mehr blickte er zu seinem Kidnapper auf, der mittlerweile in einer der hinteren Ecken der Veranda kniete und etwas unter einer Sitzbank, die ¬†zu einer kleinen Sitzgruppe geh√∂rte, hervorzog.

 

Felix z√∂gerte. Sollte er die Chance nutzen und fliehen? Sein Entf√ľhrer war besch√§ftigt und¬† einige Meter von ihm entfernt und doch… und doch glaubte er, dass – selbst wenn er so schnell lief wie noch nie zuvor in seinem Leben - der andere ihn einholen w√ľrde. Und dieses Mal war niemand da, der ihm helfen konnte. Wenn er floh, musste er sich wirklich sicher sein, dass seine Flucht auch gelang. Nachdenklich starrte er nach oben in die Baumkronen, die im verschwindenden Lichte des Tages rot leuchteten. Er schloss die Augen und zog die k√ľhle Abendbrise tief in seine Lungen. Langsam atmete er aus.

 

„Felix.“

 

Felix √∂ffnete die Augen. Sein Blick fiel auf seinen Gegner, der die Arme √ľbereinander geschlungen an einem der Pfeiler der Terrasse lehnte¬† und ihn auffordernd musterte. Felix schluckte den Klo√ü, der sich in seinem Hals gebildet hatte, hinunter und ging die Haust√ľr nicht aus den Augen lassend langsam auf die Veranda zu. Er wartete, wartete insgeheim darauf, dass eine zweite Person auftauchen w√ľrde, die Frau, die √ľber seinen weiteren Werdegang, ja sein weiteres Leben, entscheiden konnte, doch nichts passierte.

 

Die Steinstufen unter seinen Turnschuhen waren glatt ob des Regens, der vor kurzem noch hier gew√ľtet hatte. Noch w√§hrend er die Treppe erklomm, wandte sich sein Entf√ľhrer von ihm ab und zog sich in Richtung Hauswand zur√ľck. Als Felix ihm folgte, erkannte er, was dieser zuvor unter einer der beiden steinernen Sitzb√§nke hervorgeholt hatte. Ein gro√üer, wettergegerbter Lederrucksack, aus dem er gerade mehrere Decken und etwas zu Essen hervorzog. Augenscheinlich hatte sein Geiselnehmer beschlossen hier zu √ľbernachten, auf der Veranda, da die T√ľr zum Haus nach wie vor fest verschlossen war.

 

Er blickte zu Felix auf und deutete ihn an, sich zu ihm zu setzen. Felix folgte dieser Aufforderung, wenn er sich auch ein gutes St√ľck von seinem Entf√ľhrer entfernt auf den Boden sinken lie√ü. Sein Gegen√ľber musterte ihn einen Augenblick lang und Felix glaubte ein leicht am√ľsiertes Schmunzeln auf seinem Gesicht zu erkennen, doch dieses erlosch sofort wieder, als Felix sich weigerte etwas von dem ihm angebotenen Essen zu nehmen. Er sch√ľttelte mehr oder weniger missbilligend mit dem Kopf, bot ihm allerdings bereits kurze Zeit sp√§ter trotz seines offensichtlichen Missfallens eine der Decken an. Mit einem leichten Nicken nahm Felix ihm die Zudecke ab, r√ľckte von seinem Entf√ľhrer weg, was dieser mit einem Stirnrunzeln quittierte, bis sein R√ľcken gegen die Wand des Hauses stie√ü. Dort schlang er die etwas unangenehm nach nasser Katze riechende Decke eng um sich, rollte sich zusammen und gab vor zu schlafen.

 

Eine ganze Zeit lang hatte er das unangenehme Gef√ľhl, die missbilligenden Blicke seines Entf√ľhrers auf sich zu sp√ľren, dessen ¬†Mahlzeit schier unendlich lange dauerte. Und selbst danach schien er nicht einmal daran zu denken, sich ebenfalls zu Bett zu begeben, sondern begann stattdessen, seine Wunden zu reinigen und zu verarzten. ¬†

 

Letztendlich dauerte es länger als Felix erhofft hatte, bevor sich auch sein Kidnapper zur Ruhe begab. Der Wald um sie herum war still. Nur hier und dort hörte man das sanfte Rascheln der Blätter im Wind.

 

Langsam √∂ffnete Felix die Augen. Heute Nacht w√ľrde er fliehen.

Kapitel 2: Kriemhild

Jedes Mal, wenn sie ihr in die grauen, blutunterlaufenden Augen sah, hatte sie das Gef√ľhl zu brennen. Sie hasste dieses Gef√ľhl der Hilflosigkeit und doch war es allgegenw√§rtig, sobald sie diese unglaublich h√§ssliche Frau inmitten des riesigen, bis an den Rand gef√ľllten Wasserbeckens sitzen sah. Ihre Haut war schrumpelig wie die eines Apfels, der seine besten Tage schon lange hinter sich gelassen hatte, und das kalte Wasser, in dem sie permanent sa√ü, tat sicherlich sein √ľbriges. Angeblich soll sie damals, vor √ľber 100 Jahren, eine wahre Sch√∂nheit gewesen sein. Doch der

Liebreiz, sofern es ihn jemals gegeben hatte, war dem Alter gewichen und das einzige was bis heute dem Zahn der Zeit standgehalten hatte, war ihre unbeschreibliche Grausamkeit.

 

Hastig wandte Kriemhild den Blick von der Alten ab und fokussierte stattdessen ihren Begleiter. Er wirkte angespannt. Vermutlich ahnte er ebenso wie sie selbst, dass nur eine Neuigkeit von ungeheuerlichen Ausma√üen ihre Herrin dazu bewogen haben konnte, sie von dem Heer weg vor ihren Thron zu befehligen. Das - oder eine neue unertr√§glich verr√ľckte Idee.

 

‚ÄěHubertus. Der Wind scheint heute auf unserer Seite zu sein, wenn meine Nachricht dich so schnell erreicht hat.‚Äú Die Herrin im See schenkte ihrem Begleiter ein erwartungsfrohes L√§cheln. Ein L√§cheln, das ihr aufgeschwemmtes Gesicht nur noch grotesker wirken lie√ü.

 

‚ÄěDylana.‚Äú Hubertus hielt unmittelbar vor dem Beckenrand und deutete eine leichte Verbeugung an. ‚ÄěDer Wind weht in der Tat‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěLassen wir das. Was interessiert mich der Wind. Es gibt Wichtigeres zu besprechen‚Äú, unterbrach Dylana ihn ungeduldig. ‚ÄěSophos, mein Lieber, willst

du oder soll ich ihm die gro√üe Neuigkeit √ľbermitteln?‚Äú

 

‚ÄěGanz wie es dir beliebt, meine Liebe‚Äú, erklang Sophos‚Äė gewohnt nonchalante Stimme neben ihnen.

 

Dylanas L√§cheln vertiefte sich, so als h√§tte sie keine andere Antwort erwartet. ‚ÄěNun denn, Hubertus, es wird dich sicherlich brennend interessieren, welche unglaublichen Neuigkeiten Sophos‚Äė Spione uns zugetragen haben?‚Äú Die Spitzen ihrer beiden Zeigefinger tippten unaufh√∂rlich aneinander, w√§hrend sie eine wohlkalkulierte Pause einlegte. Doch als Hubertus keine Anstalten

machte sich auf ihr Spiel einzulassen, sackten ihre Mundwinkel herab. ‚ÄěDu willst es doch wissen, oder Hubertus?‚Äú Obwohl sich ihre Lippen kaum bewegt hatten, konnte man ihre schneidende Stimme bis in den letzten Winkel des Saales h√∂ren.

 

Unwillk√ľrlich - ob des Sturms, der heraufzuziehen drohte - begannen Schatten, die zuvor nahtlos mit den hohen S√§ulen verschmolzen waren, zum Leben zu erwachen und sich langsam vom Wasserbecken weg in Richtung W√§nde zu schieben.

 

‚ÄěNat√ľrlich‚Äú, erwiderte Hubertus

geduldig.

 

Etwas zu ruhig f√ľr Dylanas Geschmack, die augenscheinlich doch etwas mehr Neugierde erwartet h√§tte. ‚ÄěNat√ľrlich‚Äú, spottete sie scharf. ‚ÄěNat√ľrlich!‚Äú Das Wasser, welches zuvor noch¬† still wie die Eiw√ľste geruht hatte, begann sich zu kr√§useln.

 

Unruhig tastete Kriemhild nach dem Feuerzeug in ihrem Mantel und trat wider besseres Wissen einen Schritt dichter an Hubertus und damit auch direkt an den Rand des Wasserbeckens heran. Das war nicht gut, das war gar nicht gut.

 

‚ÄěDylana!‚Äú Sophos‚Äė Stimme war ruhig und dennoch klang etwas in ihrem Unterton mit, das Kriemhild nicht so recht zuordnen konnte. Etwas, das selbst die Herrin im See dazu veranlasste aufzublicken und ihm in die Augen zu sehen. ‚ÄěWir wollten uns doch √ľber die Neuigkeiten unterhalten.‚Äú

 

Dylana schaute ihn eine ganze Weile wortlos an, dann blinzelte sie. Ihre Stirn kr√§uselte sich, wie das Wasser zu ihren F√ľ√üen. Fast so, als versuchte sie sich verzweifelt an etwas zu erinnern. Ein Gedanke, eine Idee, doch was immer es auch¬† war, es blieb verschollen. Hilflos blickte sie erneut in Sophos‚Äė Richtung,

der neben Hubertus und ihr selbst der einzige war, der nach wie vor direkt am Beckenrand stand.

 

‚ÄěWir wollten die Sache mit Mathilda besprechen‚Äú, erkl√§rte Sophos nun wieder in gewohnt freundlichem Ton.

 

Dylana runzelte erneut die Stirn, √ľberlegte, doch dann breitete sich wieder das groteske L√§cheln von zuvor auf ihrem Gesicht aus und mit dem L√§cheln kamen auch die Schatten wieder langsam aus dem Hintergrund hervor und nahmen ihren angestammten Platz¬† neben den S√§ulen ein. ‚ÄěIch habe unglaubliche Neuigkeiten, Hubertus‚Äú, begann sie und

schaute Hubertus einmal mehr so erwartungsvoll an, so als w√§re nichts gewesen und vielleicht war es das in ihrer Erinnerung auch gar nicht. Doch Hubertus‚Äė Gesicht blieb wie versteinert.

 

Dylana seufzte frustriert auf. ‚ÄěAch Hubertus, warum musst du dich nur immer so unterk√ľhlt geben. Kannst du nicht wenigstens versuchen, dich ein kleines bisschen wie der liebe Sophos zu benehmen?‚Äú

 

Kriemhild musste ein abf√§lliges Schnauben unterdr√ľcken. Sophos und Hubertus mochten zwar beide Dylanas oberste Befehlshaber sein, aber das war

auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die sie teilten. Hubertus war stark, wo Sophos mit List √ľberzeugen musste,¬† mutig, wo der andere klug war, aber allen voran war er wohl der mit Abstand ehrenhafteste Mann, den Kriemhild kannte, und das machte ihn schwach, verdammt schwach. Vor allem gegen√ľber einem Sophos, der es meisterhaft beherrschte, die Schw√§chen anderer zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Unwillk√ľrlich schielte sie von Hubertus zu Sophos und wieder zu Hubertus zur√ľck. Nein, die beiden hatten wirklich nichts gemeinsam.

 

Ihre Herrin seufzte einmal mehr, ehe es

ihre gelang sich wieder auf den urspr√ľnglichen Grund ihrer Zusammenkunft zu konzentrieren. ‚ÄěNun dann, wie mir berichtet wurde, ist Mathilda w√§hrend der Leitung ihrer letzten Dimensions-Reise ernsthaft verwundet worden.‚Äú Unruhig - wie ein Kind, dass es nach dem Essen kaum erwarten konnte von seinem Platz aufzustehen und mit seinen Freunden zu spielen - rutschte sie auf ihrem Thron hin und her, bevor sie eindringlich fortfuhr: ‚ÄěWir m√ľssen uns diese Schw√§che unbedingt zunutze machen!‚Äú

 

Kriemhilds Unterkiefer verkrampfte sich. Mathilda. Die Dimensionshexe. Eine der

vier gro√üen, der vier m√§chtigen Mimage. Eine der vier, deren Heimatl√§nder man besser nicht angreifen sollte. Jedenfalls dann nicht, sofern man nicht wollte, dass einen das gleiche Schicksal ereilte wie Dylana vor √ľber sechzig Jahren. Selbst wenn Mathilda heute geschw√§cht war, so w√ľrden ihre Wunden doch schneller heilen, als Hubertus und Sophos ihre Armeen in Richtung Mittland f√ľhren k√∂nnten. Warum dann nicht gleich einfach beim urspr√ľnglich Plan bleiben und zuerst das Land am Silbermeer erobern, dessen Herrin noch relativ unerfahren und deren Macht noch nicht ganz ausgereift war? Doch das Schicksal und Dylana, mit all ihrer

Unvorhersehbarkeit, hatten mit einem Schlag all ihre Pl√§ne √ľber den Haufen geworfen. Doch dem war nicht genug, da ihre Herrin bereits zum n√§chsten Schlag ausholte: ‚ÄěHubertus, Sophos, bringt mir Mathilda! Lebend. Bringt sie mir. Ich will sie hier vor mir knien sehen.‚Äú

 

Wenn man einen Krieg zwischen ihren beiden L√§ndern als verlustreich bezeichnen m√ľsste, so war doch ein direkter Zweikampf mit Mathilda reiner Selbstmord. Jeder im Raum wusste das. Jeder, sogar Sophos! Doch dieser l√§chelte nur nachsichtig, wie immer.

 

Kriemhild blickte zu Hubertus, auf dessen Gesicht sich  leichter Widerwille abzeichnete. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass in seinem Kopf bereits ein ganz anderer Gedanke Gestalt angenommen hatte. Weder der Kampf gegen einen geschwächten Gegner, noch der Herrin ein weiteres Opfer zum Spielen zu geben, harmonierte mit seiner Vorstellung von Ehre. Und genau hier begann seine eigentliches Problem. Er konnte entweder seinen Schwur, ihr die Treue zu halten und jeden ihrer Befehle zu befolgen, brechen oder aber wider seinen Anstand handeln und ihrem Befehl Folge leisten. So oder so, letztendlich konnte er eigentlich nur verlieren,

dennoch versuchte er es: ‚ÄěHerrin, ich kann nicht‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěBring sie mir! Ich will sie haben! Ich werde keine Ausreden dulden!‚Äú Bei jedem Wort schlug sie mit der Faust¬† auf die Lehnen ihres w√§ssrigen Throns. Wasser spritzte in alle Richtungen, doch dieses Mal blieben die Schatten dort, wo sie waren.

 

Kriemhild wartete. Sie wartete, wie auch alle anderen, auf Hubertus‚Äė Reaktion. Es war ein offenes Geheimnis, dass beinahe jeder, der unter der Herrschaft der Herrin im See stand, insgeheim hoffte, dass Hubertus eines Tages genug von

ihren Eskapaden haben und sich offen gegen sie stellen w√ľrde. Doch dieser sehnlichst erwartete Tag schien nicht heute zu sein, da Hubertus bereits schicksalsergeben den Kopf beugte und nickte: ‚ÄěWie du befiehlst, Herrin.‚Äú

 

Die Entt√§uschung im Raum war f√∂rmlich greifbar, als einmal mehr das Pflichtgef√ľhl √ľber den¬† Anstand gesiegte hatte.

 

Die Herrin im See begann zu lachen. Ein grausiges Lachen. ‚ÄěDas wird ein wahres Fest werden.‚Äú

 

Noch während Dylana lachte,

verabschiedete sich Hubertus von ihr mit einer leichten Verbeugung und strebte in Richtung Ausgang. Sein langer, einfacher, dunkelroter Umhang wehte hinter ihm her, w√§hrend seine blo√üen F√ľ√üe ger√§uschlos √ľber den blauen Steinboden¬† schritten. Kriemhild hatte M√ľhe mit ihm Schritt zu halten, war er doch ein gutes St√ľck gr√∂√üer als sie. Die T√ľr zum Saal √∂ffnete sich wie von Geisterhand als sie darauf zustrebten und schloss sich ebenso, nachdem sie hindurchgegangen waren.

 

Sie betraten einen gro√üen Vorraum, von dem mehrere G√§nge ausgingen. Einer zu den Trainingsr√§umen, einer in die K√ľche,

ein weiterer in den¬† Keller hinab¬† und mehrere zu den Schlafr√§umen. Nur ein einziger Weg f√ľhrte nach drau√üen und auf eben jenen strebte Hubertus zu. Kriemhild wusste nur zu gut, wie unwohl er sich im Schloss seiner Herrin f√ľhlte. So wie sie die Angst zu verbrennen nicht ausblenden konnte, schaffte er es nicht, sich des unguten Gef√ľhls zu erwehren, den Boden unter den F√ľ√üen verloren zu haben. Und das hatte er wirklich in Anbetracht der Tatsache, dass das komplette Schloss von Wasser unterh√∂hlt war. Wasser mit dem es ihrer Herrin gelang, ohne jemals ihren Platz zu verlassen, das Schloss entlang jedes Flusses zu bewegen.

Eine Zeit lang begleitete sie ihn schweigend, w√§hrend sie dem sich schier endlos lang hinziehenden Korridor folgten. ‚ÄěDas wird keine leichte Aufgabe werden‚Äú, versuchte sie schlie√ülich vorsichtig die anhaltende Stille zu brechen, doch Hubertus schnaubte nur abf√§llig.

 

‚ÄěUnd du hast immer noch die Alternative dich offen gegen sie zu stellen.‚Äú

 

‚ÄěIch habe ihr Treue und Gehorsam geschworen‚Äú, entgegnete Hubertus bestimmt.

 

‚ÄěDu warst damals doch nicht viel mehr

als ein Kind. Nur ein Kind, Hubertus!“, erwiderte sie mit sanfter, eindringlicher Stimme.

 

‚ÄěSchwur ist Schwur.‚Äú

 

Kriemhild verdrehte, ob dieser Verbohrtheit, die Augen. Sie gingen wieder eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, ehe sie einen weiteren Anlauf nahm, ihn zur Vernunft zu bringen. ‚ÄěDu wei√üt, dass das Wahnsinn ist. Bei den G√∂ttern, wir sprechen nicht von irgendjemandem, gegen den du k√§mpfen sollst. Wir reden hier √ľber Mathilda! Auch wenn ich vollstes Vertrauen in deine F√§higkeiten

habe. Sie ist mehr als doppelt so alt wie du und hat ebenso viele Jahre mehr Erfahrung. Selbst wenn sie geschw√§cht ist, ist sie dennoch nicht wehrlos. Vor allem dann nicht, wenn sie versucht dich zu t√∂ten, w√§hrend du nur versuchst sie lebend gefangen zu nehmen f√ľr die Alte.‚Äú

 

‚ÄěRedet man so √ľber seine Herrin?‚Äú erklang eine tadelnde Stimme hinter ihnen.

 

Kriemhild und Hubertus fuhren herum. Keiner von beiden hatte bemerkt, dass Sophos ihnen unauffällig gefolgt war und sie nun, kaum dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, mit einer

hochgezogenen Augenbraue musterte. ‚ÄěHubertus, du hast sicherlich ebenfalls bemerkt, dass es von deiner‚Ķhmh‚Ķ Adjutantin nicht unbedingt klug ist, im Schloss ihrer Herrin eine Rebellion zu planen. Noch dazu auf dem Korridor, wo jeder euch h√∂ren kann?‚Äú

 

Kriemhild fletschte unbewusst die Z√§hne - eine Unart von ihr, die sie einfach nicht loswerden konnte - ehe sie zischte: ‚ÄěDu wei√üt genauso gut wie ich, dass eine direkte Konfrontation mit Mathilda das reinste Himmelfahrtskommando ist.‚Äú

 

‚ÄěWei√ü ich das?‚Äú In Sophos‚Äė Frage klang nun eindeutig Spott mit.

‚ÄěSie ist einfach zu m√§chtig!‚Äú

 

‚ÄěAch, ist sie das?‚Äú Die Unschuld in seiner Stimme wirkte genauso falsch wie die fliederfarbene Kolorierung seiner Fingern√§gel.

 

‚ÄěH√∂r auf mit mir zu spielen Sophos. Du wei√üt ebenso gut wie ich, dass sie eine verdammte Drittstuflerin ist!‚Äú fauchte Kriemhild frustriert. ‚ÄěUnd du wei√üt auch‚Ķ‚Äú Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. ‚ÄěLass es gut sein, Kriemhild, und du, Sophos, h√∂r‚Äė auf sie unn√∂tig zu provozieren.‚Äú

 

Sophos‚Äė Mundwinkel zuckten, so als

k√∂nne er nur mit M√ľhe ein Lachen unterdr√ľcken. Er lachte gerne und viel, vor allem wenn er sich auf Kosten anderer am√ľsieren konnte. ¬†Wie auch jetzt, da er pl√∂tzlich ganz und gar unerwartet auf sie zutrat und ihr, ehe sie auch nur eine Chance hatte zur√ľckzuweichen, kurz durch das braune Haar wuschelte. ‚ÄěMach dir keine Sorgen, kleine Kriemhild. Deinem Hubertus wird schon nichts passieren. Mathilda ist so stark geschw√§cht, dass sie wohl kaum eine Gefahr f√ľr uns darstellt. All jene, die uns eventuell gef√§hrlich werden k√∂nnten, leben zu weit entfernt von ihr, und sie ist so sehr darauf versteift, allein zu sein, dass sie mehr oder weniger von

ihren eigenen Landsleuten isoliert lebt.‚Äú Er machte eine kleine Kunstpause. ‚ÄěUnd denk doch nur daran, dass sobald Mathilda besiegt ist, ¬†Hubertus der einzige ist, der das Raum-Zeit-Kontinuum beherrschen kann. Also wie ist es, Hubertus, bist du bereit loszureiten?‚Äú

 

‚ÄěReiten?‚Äú wiederholte Hubertus skeptisch.

 

‚ÄěJa, reiten. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mit dir durch das Raum-Zeit-Kontinuum gehe? Was ist, wenn du mich dabei irgendwo verlierst - ganz aus Versehen nat√ľrlich‚Äú, entgegnete Sophos und bem√ľhte sich entsetzt

auszusehen.

 

‚ÄěDu vertraust mir nicht?‚Äú Hubertus Satz schien eher eine Feststellung zu sein als eine Frage.

 

Nachdenklich spielte Sophos mit dem schweren Rubinring, der seinen linken Zeigefinger schm√ľckte, ehe er antwortete: ‚ÄěNicht im Geringsten und du w√§rst mit Sicherheit furchtbar entt√§uscht, wenn ich es tun w√ľrde.‚Äú Er wartet auf Hubertus‚Äė Erwiderung, doch als dieser nur schwieg, fuhr er gut gelaunt fort: ‚ÄěAber eigentlich meine ich es ja auch nur gut mit dir. Denn wenn wir reiten,¬† mein lieber Hubertus,

verl√§ngert sich unsere Reise. Damit hat die arme, verwundete Mathilda mehr Zeit sich zu erholen und du musst dich nicht ganz so schlecht f√ľhlen, wenn du gegen sie k√§mpfst.‚Äú

 

‚ÄěOder sie ist in der Zwischenzeit wieder so weit bei Kr√§ften, dass sie Hubertus t√∂ten kann‚Äú, unterbrach Kriemhild ihn scharf. ‚ÄěIst es nicht das, was du die ganze Zeit willst, Sophos?‚Äú

 

‚ÄěMitnichten‚Äú, entgegnete dieser gelassen. ‚ÄěDu kannst nat√ľrlich auch allein durch Raum und Zeit reisen und Mathilda sofort herausfordern, Hubertus. Diese Entscheidung √ľberlasse ich ganz dir.‚Äú

‚ÄěWir treffen uns im Morgengrauen am Stall‚Äú, erkl√§rte Hubertus und wandte sich erneut zum Gehen.

 

Kriemhilds Augen schossen hasserf√ľllte Blitze in Sophos‚Äė Richtung. ‚ÄěUnd was ist deine Aufgabe in dem ganzen verdammten Plan?‚Äú

 

Sophos strahlte. ‚ÄěGut aussehen.‚Äú

 

‚Äě‚ÄúFlieder steht dir nicht‚Äú, erwiderte Kriemhild w√ľtend, bevor auch sie sich umwandte und Hubertus hinterher eilte, um diesen, kaum dass sie aufgeholt hatte, zur Rede zu stellen. ‚ÄěMerkst du denn gar nicht, dass Sophos dich auf

diese Weise nur loswerden will?“

 

‚ÄěDas wird ihm allerdings nicht gelingen‚Äú, erwiderte Hubertus siegessicher. ‚ÄěUnd jetzt lass uns √ľber die wirklich wichtigen Dinge reden. W√§hrend ich zusammen mit Sophos weg bin, m√∂chte ich, dass du daf√ľr sorgst, dass die Armee bei meiner R√ľckkehr bereit ist in Richtung Mittland zu marschieren.‚Äú

 

Kriemhild schluckte ihren √Ąrger, ob seiner Uneinsichtigkeit, herunter, obwohl sie sich relativ sicher war, dass er noch eine ganze Weile lang unterschwellig in ihr g√§ren w√ľrde. Hubertus war verbohrt in allem was seine Ehre betraf und es fiel

ihr verdammt schwer diese Ehrenhaftigkeit auch als solche zu sehen und nicht als das, was sie eigentlich war: Dummheit.

 

‚ÄěWie du befiehlst‚Äú, best√§tigte sie tonlos. Sie hoffte inbr√ľnstig, dass er wiederkehren w√ľrde. Wenn nicht, w√ľrde sie vielleicht eines Tages in die Augen ihrer Herrin sehen und wirklich brennen.

Kapitel 3: Das verschwundene Problem

 

„Felix.“ Heros wartete einen Augenblick, ehe er es zum gef√ľhlten hundersten Mal versuchte. „Felix!“ Doch der schweigende Wald ihn herum war Antwort genug.

 

Heros schimpfte leise vor sich hin, w√§hrend er fieberhaft begann seine Zudecke und die Lebensmittel zusammenzusuchen und in seinen Rucksack zu stopfen. Das hatte er nun davon, dass er Gottfried geglaubt hatte. Dabei h√§tte er doch von Anfang an wissen m√ľssen, dass man jemandem, der so pedantisch darauf bedacht war, dass seine Schn√ľrsenkel absolut symmetrisch gebunden waren, einfach nicht vertrauen konnte. Und er h√§tte gem√§√ü dieser Einstellung handeln und den Jungen einfach √ľber Nacht fesseln sollen. Mit einem hektischen Ziehen an der Lederschnur, die er am Vorabend wohl besser anderweitig eingesetzt h√§tte, verschloss er seine Tasche und warf sie sich bereits im Gehen √ľber¬† die Schultern.

 

Wie hatte er nur so dumm sein k√∂nnen sich einzubilden, dass der alte Wichtigtuer die Sprache des Jungen wirklich beherrschte und ihm alles erkl√§rt hatte? Nichts hatte er ihm erl√§utert, gar nichts! Denn wenn er Felix etwas erl√§utert und dieser das Gesagte tats√§chlich verstanden h√§tte, w√§re er mit Sicherheit nicht bereits bei der ersten sich bietenden Gelegenheit geflohen. Eigentlich h√§tte Heros bereits gestern Abend misstrauisch werden m√ľssen, als der Junge sich geweigert hatte mit ihm zu essen. Aber in seiner grenzenlosen Gutgl√§ubigkeit hatte er tats√§chlich gedacht, dass der andere lediglich unter einer kleinen Magenverstimmung litt und nicht schlicht und einfach seine N√§he meiden wollte. H√§tte er doch blo√ü…H√§tte, w√§re, wenn… Letztendlich hatte es ohnehin keinen Sinn um versch√ľttete Milch zu weinen.

 

Alle Stufen auf einmal nehmend sprang Heros die Treppe zur Veranda hinunter und landete inmitten des vom Regen durchweichten Rasens. Der nasse Waldboden klebte f√∂rmlich an seinen Schuhsohlen, w√§hrend er sich in Richtung Waldweg vorank√§mpfte, und gab, wann immer es Heros gelang einen Fu√ü aus seiner erdigen Gefangenschaft zu befreien, ein beleidigtes Schmatzen von sich. Suchend lie√ü er seinen Blick √ľber den Boden gleiten. Doch der Regen hatte augenscheinlich erst nach Felix‘ Flucht eingesetzt und so auch noch die restlichen Spuren verwischt.

 

Heros fluchte lautlos vor sich hin. Hoffentlich war der Junge wenigsten nicht so lebensm√ľde gewesen den Weg zu verlassen. Mit den Tieren im Riesenwald war nicht zu spa√üen. Er selbst hatte schon einmal einen Pelzmantel gesehen, der aus dem Fell eines einzigen Riesenkaninchens gefertigt worden war, und die Ausma√üe des Tieres hatten definitiv nichts mehr mit gew√∂hnlichen kleinen s√ľ√üen Hopplern zu tun gehabt. Nein, der Junge musste einfach daran denken, dass Stra√üen und Wege Zivilisation und Menschen bedeuteten, genau das, was er in seiner Situation suchen w√ľrde. Wenn er es nicht tat und den Weg verlie√ü, w√ľrde er von dieser Welt verschwinden, wie er auch aus seiner Heimatwelt entschwunden war, nur mit dem Unterschied, dass es dieses Mal endg√ľltig sein w√ľrde.

 

Heros ging, den nun festen Pfad unter seinen F√ľ√üen, etwas schneller. Doch als er am Wegweiser ankam, der in die Richtungen Steinh√∂hle, Dimensionshexenhaus und aus dem Wald hinaus deutete, wurde ihm klar, dass all seine Eile umsonst gewesen war. Der Vorsprung des Jungen war einfach zu gro√ü und die Wege, die er einschlagen konnte, zu viele. Wenn er gen√ľgend Zeit gehabt h√§tte, w√ľrde er den Jungen vermutlich aufsp√ľren k√∂nnen. Doch er hatte keine Zeit! Die wenigen Stunden Schlaf, die er sich geg√∂nnt hatte, waren lediglich der Tatsache geschuldet gewesen, dass es als reiner Selbstmord galt, den Riesenwald nachts zu durchqueren. Verlorene Zeit, die er nicht wieder w√ľrde aufholen k√∂nnen. Verlorene Zeit, die er nicht auch noch dadurch verl√§ngern durfte, indem er den Jungen hinterherrannte.

 

In Heros‘ Brust schlugen in diesem Augenblick zwei Herzen. Das eine, das ihn bat, den Jungen, der nur aufgrund seiner eigenen Unf√§higkeit √ľberhaupt in diese Welt gelandet war, nicht einfach im Stich zu lassen, und das andere, das ihm befahl, sofort zu Briseis zu gehen und ihr zu berichten, was der Dimensionshexe zugesto√üen war.

 

Auch wenn es ihm nicht gerade leicht fiel, es sich selbst einzugestehen, stand seine Entscheidung eigentlich schon fest, noch bevor er sich dem Weg zuwandte, der aus dem Wald hinausf√ľhrte. Den Jungen aufzusp√ľren mochte vielleicht f√ľr ihn von Bedeutung sein, f√ľr Briseis und die Welt um sie herum war es jedoch lediglich ein Staubkorn im Wind, w√§hrend ein weit gr√∂√üerer Sandsturm heranzunahen drohte und der Unfall der Dimensionshexe konnte eben einen solchen Orkan hervorrufen.

 

Heros schritt nun etwas schneller aus. Er sprang √ľber Wurzeln hinweg, duckte sich unter herabh√§ngenden √Ąsten hindurch, w√§hrend er dem sich schier endlos lang hinziehenden Weg folgte. Er hatte keine Ahnung von Politik, hatte sich auch nie f√ľr diese interessiert, aber jedes Kleinkind wusste, was es f√ľr ein Land bedeutete, seinen m√§chtigsten, von allen umliegenden L√§ndern gef√ľrchteten, Magier zu verlieren. Zwar hatte Gottfried ihm erkl√§rt, dass es nur eine Frage der Zeit w√§re bis die Dimensionshexe zur√ľckkehren w√ľrde - und doch…

Hatte er erst heute Morgen am eigenen Leib erfahren, was Gottfrieds Aussagen wert waren?

 

Tief zog er die angenehm k√ľhle Luft seiner Heimatwelt in seine Lungen. Sie war so viel frischer, so viel unverbrauchter als die Luft aus der anderen Welt und dennoch schaffte sie es nicht das tief in ihm verankerte schlechte Gewissen zu vertreiben. Er w√ľrde den Jungen zur√ľcklassen. Allein, nur sich selbst und dem Schicksal √ľberlassen. Aber wer wusste schon, was das Schicksal noch f√ľr ihn plante, vielleicht hatte er ja auch ausnahmsweise einmal Gl√ľck und der Junge schlug denselben Weg ein wie er selbst.

 

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Am Ende des Tages musste Heros allerdings feststellen, dass das Gl√ľck ihm entgegen aller Hoffnung doch nicht hold gewesen war.¬† M√ľde legte er den verbleibenden Abstand zur√ľck und trat aus dem Wald in die letzten w√§rmenden Strahlen des Tages hinaus. Seine Wunde am Arm hatte wieder zu schmerzen begonnen und auch sein Nasenbein f√ľhlte sich alles andere als gut an. Eigentlich w√ľrde er nichts lieber tun, als sich unter einem der B√§ume zusammenzurollen und zu schlafen. Aber er musste weiter.

 

Er streckte sich kurz, bevor er seinen Weg vorbei an Wiesen und Feldern fortsetzte. W√§hrend seine Bewegung am Morgen noch kraftvoll voranschreitend gewesen war, glich sie mittlerweile eher einem m√ľden Trotten.

 

Wo mochte dieser verdammte Junge nur stecken? Hatte er es am Ende doch geschafft die Sieben-Wege-Gabelung am Waldrufer vor ihm zu erreichen oder hatte er einen anderen Weg genommen? Was auch immer es war, es w√ľrde so oder so schwer genug werden ihn in einigen Tagen √ľberhaupt noch zu finden. Heros runzelte die Stirn. Er konnte einfach nicht anders, aber er f√ľhlte er sich einfach verantwortlich f√ľr den Jungen.

 

Fast h√§tte er √ľber sich selbst den Kopf gesch√ľttelt, doch seine Aufmerksamkeit wurde in just diesem Augenblick von etwas anderem auf sich gelenkt. Zwar war ihm bereits auf dem Hinweg der Gutshof aufgefallen, allerdings hatten zu diesem Zeitpunkt lediglich drei Knechte auf den Feldern gearbeitet und nicht dieses absolut bezaubernde Wesen, dessen rotgoldenes Haar in der untergehenden Sonne verhei√üungsvoll gl√§nzte.

 

Selbstverst√§ndlich w√ľrde er sie nur ansprechen, um sich nach Felix zu erkundigen. Selbstverst√§ndlich. Unbewusst strich er sich seine schwarze, dreckige Jacke glatt - ein hoffnungsloses Unterfangen - und spazierte auf das dralle M√§dchen mit den langen rotblonden Z√∂pfen zu. Sie erschrak zutiefst, als sie sein demoliertes Gesicht erblickte, und wich instinktiv ein paar Schritte zur√ľck.

 

„Guten Abend.“ Heros l√§chelte sie strahlend an. Das M√§dchen erwiderte seinen Gru√ü jedoch lediglich mit einem leichten Kopfnicken und einer misstrauischen Musterung. „Es tut mir Leid, dich bei deiner wichtigen Arbeit unterbrechen zu m√ľssen, aber du hast nicht zuf√§lligerweise einen…√§hm… kleinen, gr√ľnhaarigen Jungen hier langgehen sehen?“

 

Das Mädchen starrte ihn an, als wäre er ein rosafarbenes Riesenkaninchen.

 

„Er…√§hm… er ist meine Ge… mein Gast, ich meine Briseis‘ Gast, aus einer der anderen Welten, deswegen die Haare und so. Kulturelle Unterschiede halt.“ Heros legte sich jetzt etwas mehr ins Zeug. „Er spricht nicht unsere Sprache, und wir haben uns anscheinend irgendwie verpasst.“

 

„Du warst in einer der anderen Welten?“ Das M√§dchen trat, nun doch neugierig geworden, etwas n√§her an ihn heran.

 

„Klar.“ Heros lachte. „Ich war in einer der anderen Welten. In einer Welt, wo sie riesige H√§user in der Gr√∂√üe von Briseis‘ Palast dicht aneinander gereiht haben und selbstbewegende Fuhrwerke, die sich zu Tausenden dicht an dicht auf den Stra√üen bewegen, und K√§sten, mit denen sie mit bewegten Bildern zeigen k√∂nnen, was am anderen Ende ihrer Welt passiert.“

 

Das M√§dchen seufzte. „Ich w√ľrde auch so gerne mal in eine der anderen Welten reisen. Da lebe ich nun schon nur gut anderthalb Tagesm√§rsche von einer der Zweigstellen der Dimensionshexe entfernt, und doch meint mein Vater, es w√§re zu viel Geld f√ľr etwas so Sinnloses.“

 

„Die Luft hier ist besser, unsere Seen und Fl√ľsse sind sauberer und unsere Stra√üen lebendiger“, versucht Heros sie zu tr√∂sten. „Zudem, wir beherrschen Magie, w√§hrend sie √ľber Jahrhunderte hinweg die Ansicht vertreten haben, dass man Magier besser verbrennen sollte.“

 

Das M√§dchen blickte ihn alarmiert an: „Stammen daher deine Wunden, wollten sie dich gefangen nehmen?“

 

Heros‘ L√§cheln erstarb, als einmal mehr das schlechte Gewissen mit aller Macht in ihm aufwallte. Er konnte ihr wohl schlecht erkl√§ren, dass seine Wunden ihm nicht von einer Horde b√∂sartiger Anderweltler in einem tapferen Kampf zugef√ľgt worden waren, sondern von einem kleinen, gr√ľnhaarigen Jungen. Einem Jungen, der in Angst um sein Leben alles daf√ľr getan hatte, um sich aus seiner, Heros‘ Gefangenschaft zu befreien.

 

„Eos!“

 

Das M√§dchen drehte sich beim Klang einer Frauenstimme zum Gutshof um. „Ich komme gleich“, rief sie und wandte sich wieder Heros zu. „Es war nett mit dir zu sprechen. Wenn du eines Tages noch einmal in eine der anderen Welten reist, kannst du mich ja mitnehmen.“ Sie strahlte ihn an und Heros sp√ľrte wie eine angenehme W√§rme den kalten Selbsthass in ihm vertrieb. „Ich w√ľrde dir ja anbieten bei uns auf dem Hof zu √ľbernachten, aber …“

 

„Schon gut“, winkte Heros ab. „Ich muss sowieso noch weiter und heute noch den Rufer erreichen.“ Er beugte sich vor und gab der err√∂tenden Eos einen leichten Kuss auf die Hand. „Es war mir ein Vergn√ľgen.“

 

Er ging einige Schritt r√ľckw√§rts und hob noch einmal kurz gr√ľ√üend die Hand, bevor er sich ganz umwandte und weiter ging.

 

 Die Abendröte begann bereits langsam der Nacht zu weichen, als er die Sieben-Wege-Spinne erreichte. Im Westen, im Schatten der hereinbrechenden Nacht, konnte er den Rufer erkennen, dessen hoher, schmaler Turm sich kaum noch von der Dunkelheit abhob.

 

Das Ziel bereits dicht vor Augen legte Heros die restliche Wegstrecke zur√ľck. Die Fenster der Gastst√§tte, die den Fu√ü des Ruferturms bildete, leuchteten hell und einladend in der immer dichter werdenden Dunkelheit. Hier und dort h√∂rte man eines der Rentiere r√∂hren, die im Stall neben dem Rufer untergebracht waren und als Heros n√§her trat, konnte er auch Stimmen und Gel√§chter aus dem Gastraum vernehmen. Dennoch ging er zielstrebig am Eingang zum Gastraum vorbei, bog um die Ecke und klopfte dann an einer Seitent√ľr, bevor er auf Gehei√ü hin eintrat.

 

Hinter dem Tisch, der sich der Eingangst√ľr direkt gegen√ľber befand, sa√ü ein kahlk√∂pfiger Mann mittleren Alters. Er deutet wortlos auf einem Stuhl vor sich, w√§hrend er die letzten Reste seines Abendessens hinunterschluckte und die verbleibenden Kr√ľmel mit der Hand von seinem Tisch fegte.

 

Erschöpft nahm Heros seinen Rucksack ab und ließ sich auf den angebotenen Stuhl fallen.

 

Der Mann indes legte sein Notizbuch sowie einen Steinschreiber vor sich hin, bevor er erneut zu Heros aufblickte. „Wie kann ich dir helfen?“

 

„Ich muss eine Nachricht zu Briseis schicken.“

 

„Briseis, hmh“, brummte der Mann, w√§hrend er etwas in sein Buch kritzelte. „Wie ist dein Name?“

 

„Heros. Mission 3744.“

 

„Und deine Nachricht lautet wie?“

 

Heros √ľberlegte kurz, bevor er erwiderte: „Meine Mission ist gescheitert und ich muss dringendst pers√∂nlich mit ihr sprechen. Am besten soll sie mir ein Rentiergef√§hrt zur Verf√ľgung stellen.“

 

Der Mann starrte ihn einen Augenblick an, ehe er sich in seinen Stuhl zur√ľcklehnte. „Glaubst du nicht, es ist ein kleines bisschen vermessen unserer Herrin eine solche Forderung zuzuschicken?“ fragte er forschend, wenn auch nicht unfreundlich.

 

„Es handelt sich um eine wirklich sehr wichtige Information, die auf gar keinen Fall abgeh√∂rt werden darf. Sieh dir mein Gesicht an und meinen Arm“, w√§hrend er sprach, deutete Heros auf die angesprochenen Wunden. „Ich bin seit dem fr√ľhen Morgen unterwegs. Ich bin m√ľde, ¬†hungrig und habe Schmerzen. Ich kann kaum noch gehen, aber die Nachricht ist einfach zu bedeutend, als dass ich auch nur eine Stunde zu verschenken habe.“

 

Der Mann schaute ihn einen weiteren Augenblick lang pr√ľfend an, doch dann stand er auf und wandte sich dem gro√üen offenen Kamin zu, der sich schr√§g hinter seinem Sitzplatz befand. „Warte hier!“ Er trat geb√ľckt in den Kamin hinein und war mit einem einhergehenden Windsto√ü verschwunden.

 

W√§hrend Heros wartete, blickte er sich in der Ruferstube um, um seine Augen irgendwie am Einschlafen zu hindern. Doch es war lediglich ein kleiner Raum bar jedes pers√∂nlichen Gegenstandes, dessen vier Ecken mit der Eingangst√ľr, dem Schreibtisch des Mannes, dem offenen Kamin und einem kleinen Ofen besetzt worden waren, w√§hrend sich entlang der W√§nde meterhohe Regale erstrecken. Das einzige, was man auch nur ann√§hernd als pers√∂nlich bezeichnen konnte, war das kleine Namensschild, welches mit dem Namen „Aiolos“ versehen worden war. Um sich w√§hrend des Wartens wachzuhalten, begann Heros die Wunde an seinem linken Unterarm zu untersuchen, die trotz seiner gestrigen Behandlung rot und entz√ľndet aussah.

 

Ein weiterer Windsto√ü k√ľndigte die R√ľckkehr des Mannes - Aiolos - an. Seine Nase war leuchtend rot ob der k√ľhlen Luft oben auf dem Turm. Er machte sich noch nicht einmal mehr ¬†die M√ľhe sich wieder hinzusetzen, als er ihm die Entscheidung mitteilte. „Die Herrin hat befohlen, dass - wenn es wirklich so wichtig sei - dir umgehend ein Rentiergespann zur Verf√ľgung gestellt werden solle und du noch in dieser Stunde abreisen solltest. Allerdings soll ich dir auch ausrichten, dass, wenn es nichts Wichtiges sei und du einfach nur zu faul w√§rst zu Fu√ü nach Hause zu gehen, s√§mtliche Kosten des Transports und der Nutzung des Ruferturms auf dich gehen w√ľrden.“ Nachdem er diese Meldung √ľberbracht hatte, verschr√§nkte er abwarten die H√§nde hinter dem R√ľcken.

 

Heros seufzte ob der misstrauischen Antwort, bevor er dem Mann zustimmend zunickte. „Dann sollte ich wohl jetzt weiterreisen.“ Er erhob sich von seinem Stuhl und folgte Aiolos aus der Ruferstube hinaus.

 

In eintr√§chtigem Schweigen gingen die beiden zum Stall hin√ľber, wo sein Begleiter sogleich begann auf einen der Knechte einzureden. Heros lehnte sich unterdessen gegen die Stallwand, √∂ffnete seinen Rucksack und nahm sich etwas von den verbliebenen Lebensmitteln heraus. Er hatte sein Abendessen gerade erst begonnen, als der andere schon wieder neben ihm auftauchte. „Einer der Knechte, Pantaleon, wird dich fahren. Ich w√ľnsche dir viel Gl√ľck, Heros, was immer deine wichtige Nachricht auch sein mag.“ Er machte bereits Anstalten zu gehen, als Heros ihn unvermittelt zur√ľckhielt. „Aiolos?“

 

Der Mann wandte sich zu ihm um.

 

Heros r√§usperte sich, ehe er sagte: „Wenn du einen kleinen Jungen hier sehen solltest mit gr√ľnen Haaren, der nicht unsere Sprache spricht, w√§re es gut, wenn du ihn hier festhalten und Briseis informieren k√∂nntest.“

 

Aiolos hob fragend eine Augenbraue, sprach die offensichtliche Frage allerdings nicht laut aus. Er wartete einen Augenblick, doch als Heros keine weitere Erkl√§rung abgab, wandte er sich mit einem kurzen, verstehenden Kopfnicken zum Gehen. W√§hrend Heros noch den davongehenden Schritten lauschte, h√∂rte er aus dem Stall schon das leise Klingeln von Gl√∂ckchen und tats√§chlich kam keine zehn Sekunden sp√§ter ein kleiner, von Rentieren gezogener Zweisitzer vor ihm zum Stehen. „Bist du Heros?“ erkundigte sich ein √ľberraschend zartes Stimmchen, das so gar nicht zu dem grobschl√§chtigen Burschen, der die Kutsche lenkte, zu passen schien.

 

„Ja, der bin ich“, erwiderte Heros und sprang mit einem Satz auf den Kutschbock. Kaum dass er sich hingesetzt hatte, nahm das Gef√§hrt auch schon an Fahrt auf. Nur begleitet von dem monotonen Klingeln der Gl√∂ckchen glitt die Kutsche √ľber die breite, mit Steinen befestigte Stra√üe dahin. Einmal mehr sp√ľrte Heros, wie die bleierne M√ľdigkeit von ihm Besitz ergriff und ehe er sich versah, war er auch schon eingeschlafen.

 

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Jemand sch√ľttelte ihn unsanft an der Schulter. „Heros, Heros, wach auf!“

 

„Noch f√ľnf Minuten“, erwiderte Heros verschlafen und kuschelte sich etwas tiefer in das weiche Kissen, das jedoch mit einem Mal unter seinem Kopf weggezogen wurde. Brummig √∂ffnete Heros die Augen. Erst jetzt registrierte er, dass er immer noch auf einem Zweisitzer sa√ü und dass das sch√∂ne weiche Kissen nichts anderes als die Schulter des Knechtes gewesen war.

 

„Wir sind da“, teilte dieser ihm in diesen Moment mit und deutete √ľberfl√ľssigerweise auf die Treppe vor ihnen.

 

Heros setzte sich auf, streckte seine verspannten Muskeln und g√§hnte nochmal herzhaft, bevor er mit einem Satz¬† aus der Kutsche sprang. Er bedankte sich kurz bei dem Knecht, ehe er die Stufen zur Residenz seiner Herrin hinaufstieg. Der hohe, reich verzierte Turm erstreckte sich bis weit in den morgenroten Himmel hinein, so weit, dass er alles, was in seiner Heimatstadt und drumherum passierte, √ľberblicken konnte. Nicht umsonst hatte man ihm den Namen „Das Auge“ gegeben. Briseis‘ Auge.

 

Wie es schien, war ‚Das Auge‘ auch schon zu dieser fr√ľhen Morgenstunde aktiv, da, kaum dass er die letzten Stufen erklommen hatte, die gro√üe Doppelt√ľr ge√∂ffnet wurde und man ihn sogleich durch den Eingangs- und Anmeldebereich hindurch zu einer der Wendeltreppen f√ľhrte. Es war ein komisches Gef√ľhl f√ľr Heros, der zwar schon dreimal mit Briseis selbst zu tun gehabt hatte, dabei aber jedes Mal eine Zeit lang im Foyer hatte warten m√ľssen, ehe man ihn zu der Alten vorgelassen hatte. Aber heute schien alles anderes zu sein. Heute wartete sie auf ihn.

 

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend lief er die Treppe hinauf. Als er oben ankam, waren gut und gerne zwanzig Minuten vergangen. Er trat aus einer Nische heraus und wischte sich den Schwei√ü von der Stirn, ehe er sich nach links wandte, nur um sodann dem langen Gang zu folgen, der ihn an weiteren Wendeltreppennischen und T√ľren vorbeif√ľhrte. Ungef√§hr in der Mitte des Korridors bog er nach rechts ab und ging eine weitere Treppe empor, an deren Ende sich eine Art Rezeption befand, die von niemand anderem als Meister Hektor, Briseis‘ pers√∂nlichem Sekret√§r, besetzt war. Als er Heros‘ Schritte h√∂rte, blickte er von seinen Unterlagen, √ľber denen er gebr√ľtet hatte, auf. Seine alten Augen, die schon so viel gesehen hatten, dass es f√ľr hundert Leben reichen mochte, fokussierten ihn stillschweigend. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben hatte Heros das unangenehme Gef√ľhl, dass der Alte gar nicht mehr f√ľr sich selbst sah, sondern nur noch das erblickte, was Briseis sehen wollte.

 

Die stille Musterung dauerte gut zehn Sekunden an, ehe der Meister ihn mit einem „Nur weiter, nur weiter!“ durch die Fallt√ľr nach drau√üen auf das offene Dach scheuchte. Die Sonne blendete ihn, woraufhin er sch√ľtzend die Augen mit seinem Handr√ľcken abschirmte, bevor er auch die letzten Schritte, die ihn noch von Briseis trennten, zur√ľcklegte.

 

Wie nicht anders zu erwarten sa√ü die Alte, ihre Beine f√ľrsorglich mit einer Decke umwickelt, in ihrem Lieblingsschaukelstuhl auf der Mitte des Daches und strickte. Zu ihrer Rechten stand ein kleiner Teewagen, auf dem eine Tasse Tee still und leise vor sich hin dampfte, w√§hrend sich zu ihrer Linken ein prall gef√ľllter Korb mit Strickzeug und Wolle jedweder Art befand. Sie blickte nicht einmal auf, als Heros sich ihr n√§herte und vor ihr stehen blieb. Das stetige Klicken ihrer Stricknadeln und der leise Wind, der um seine Beine fuhr, war eine Zeit lang das einzige Ger√§usch, doch dann hatte sie schlussendlich ihre Reihe beendet und lie√ü ihr Strickzeug¬† sinken. Ihre blassblauen Augen blickten auf und taxierten Heros. „Rede.“ Ihre Stimme klang ruhig, gelassen und gef√§hrlich uninteressiert.

 

Heros schluckte schwer, ehe er schlicht und ergreifend sagte: „W√§hrend meiner Raum-Zeit-Reise ist es zu einem Unfall gekommen.“

 

Briseis‘ Gesicht blieb emotionslos, doch ihre Augen fokussierten ihn, so es √ľberhaupt m√∂glich war, noch etwas mehr, als sie lediglich sagte: „Von vorne.“

 

¬†„Also“, er r√§usperte sich, „alles begann damit, als Helena beschlossen hat in der anderen Welt zu bleiben.“

 

„Du hast also schon wieder einen Partner verloren“, stellte Briseis trocken fest und lehnte sich zur√ľck.

 

Heros funkelte sie w√ľtend an. „Ich habe sie nicht verloren. Sie hat beschlossen da zu bleiben, weil sie dort wohl jemanden kennengelernt hat. Jedenfalls ist sie dann abgehauen und ich musste mich irgendwie alleine durchschlagen. Dann sind jedoch die Ordnungsh√ľter der anderen Welt auf mich aufmerksam geworden und haben mich auf ihre Station mitgenommen.“

 

Er wartete auf einen erneuten Kommentar, doch sie bedeutete ihm weiter zu reden.

 

„Es ist mir gelungen zu fliehen, allerdings haben sie mich verfolgt, und ich musste mir eine Geisel nehmen.“ Er warf seiner Herrin einen kurzen, pr√ľfenden Blick zu, doch ihr Gesichtsausdruck verriet nichts. Er z√∂gerte kurz, fuhr dann aber wie unter Zwang fort: „Ich habe die Geisel dann mit zum Treffpunkt genommen, dort kam es dann zu einem kleinen Gerangel und ehe ich mich versah, war ich wieder daheim, und der Junge, den ich entf√ľhrt hatte, war auch da.“

 

Der letzte Satz schien sie dann doch mehr zu interessieren, da sie sich pl√∂tzlich nach vorne beugte. „Und was hat Mathilda dazu gesagt?“

 

Heros wand sich unter ihrem Blick, ehe er ihr leise gestand: „Die Dimensionshexe wurde w√§hrend meiner Reise verwundet. Ich hab nicht nachgedacht und ¬†hatte eine Glasflasche mit dabei und…“

 

‚Du hattest was?‘ Die Stimme war so laut gewesen, dass sie in seinen eigenen Ohren widerzuhallen schien, obgleich Briseis nichts gesagt hatte. Sie war in seinem Kopf. Heros konnte es mit einem Mal ganz deutlich sp√ľren. Sie war in seinem Kopf und bl√§tterte in seinen Gedanken, in seinen Erinnerungen, wie in einem Buch. Hastig und ungeduldig riss sie f√∂rmlich Seite um Seite um. Heros wusste, dass sie die Gedanken und Gef√ľhle von Menschen lesen und bei Bedarf auch kontrollieren konnte. Aber es lediglich zu h√∂ren und es am eigenen Leib zu erfahren war ein Unterschied, ein sehr gro√üer sogar. Es war unangenehm. Er f√ľhlte sich hilflos, so, als ob er nicht Herr seiner eigenen Sinne mehr war. So, als ob er nicht mehr er selbst war. Doch so pl√∂tzlich wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei. Sein Atmen ging schwer. Er hatte das Gef√ľhl, √ľber Stunden hinweg gelaufen zu sein, doch in Wirklichkeit hatte es nur wenige Sekunden gedauert.

 

Briseis lehnte sich wieder in ihren Stuhl zur√ľck und nahm ihr Strickzeug auf. „Ich werde meine Leute zu den beiden Sitzen von Mathilda schicken, um die Sache im Auge zu behalten. Du jedoch wirst den Mund halten. Du wirst keiner Menschenseele sagen, was du mir erz√§hlt¬† hast. Niemand darf wissen, dass Mathilda so geschw√§cht ist. Niemand.“ Sie fixierte ihn einmal mehr. Heros sp√ľrte, dass einige Dinge in seinem Kopf so verschoben wurden, wie es Briseis gerade passte. Er f√ľhlte sich gedem√ľtigt. Er h√§tte geschwiegen, wenn sie ihn darum gebeten h√§tte, und doch wusste er auch, dass es nicht in ihrer Natur lag, jemandem ein solches Wissen ohne Kontrolle anzuvertrauen.

 

„Was ist mit dem Jungen?“ fragte Heros leise.

 

Briseis starrte eine Zeit lang gedankenverloren vor sich hin, ehe sie erwiderte: „Er ist bereits auf dem Weg hierher.“

 

Kapitel 4: Gegen den Wind

Felix rannte. Die B√§ume und B√ľsche flogen f√∂rmlich an ihm vorbei. Seine Atmung war kurz und abgehackt, der Puls in seinen Schl√§fen h√§mmerte heftig, und das Blut in seinen Ohren sauste mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. Er sprang √ľber eine Wurzel, duckte sich unter einem Ast hindurch und hastete weiter. Tief in seinem Inneren versp√ľrte er das Bed√ľrfnis sich umzudrehen. ¬†Es war wie ein Zwang. Aber er konnte es nicht, durfte es nicht. Er musste weiterlaufen, musste sich auf den Weg, der vor ihm lag, konzentrieren.

 

Er schwitzte, und doch war ihm eiskalt. Er rannte und schien trotzdem nicht voranzukommen. Er drehte sich nicht um und konnte dennoch sp√ľren, wie die Augen seiner Verfolger auf ihm ruhten. Es waren zehn. Allesamt hoch gewachsene Menschen, die den Wald weit besser kannten als er selbst. Sie kamen n√§her und n√§her. Einer von ihnen packte seinen Arm, den Felix ihm sogleich wieder entriss. Er stolperte kurz √ľber seine eigenen F√ľ√üe, schaffte es aber sich irgendwie noch auf den Beinen zu halten. Auch der zweiten Hand wich er noch aus, bevor er den Weg verlie√ü, um sein Gl√ľck in den Tiefen des Waldes zu suchen. √Ąste und Zweigen schlugen

ihm ins Gesicht, obgleich er versuchte, sie so gut wie m√∂glich mit den H√§nden aus dem Weg zu dr√ľcken. Er h√∂rte einen Schmerzensschrei nur gut einen Meter von sich entfernt, als ein Ast, den er kurz zuvor von sich weggedr√ľckt hatte, mit aller Kraft zur√ľckschnellte.

 

Felix rannte weiter und weiter. Immer tiefer in den Wald hinein und mit der Tiefe des Waldes kam die Stille. Er schaute sich um, doch seine Verfolger waren verschwunden. Er wurde langsamer und hielt schlussendlich ganz an. Sein Atem ging schwer und bildete kleine, weiße Wölkchen vor ihm in der Luft. Seine rechte Seite schmerzte, so

dass er instinktiv seine H√§nde in die H√ľften stemmte, bevor er sich suchend nach einem Orientierungspunkt umblickte. Doch egal wohin er auch sah, bot sich ihm dasselbe Bild: B√§ume, umgeben von dunklem Unterholz.

 

Felix zuckte zusammen. Hatte er sich das gerade nur eingebildet oder hatte er wirklich einen großen Schatten hinter den Bäumen vorbeihuschen sehen? Er hielt den Atem an, wartete, und plötzlich hörte er es ganz deutlich: Ein dumpfes Klopfen, begleitet von einem Rascheln. Er blinzelte nicht einmal, als er in die Richtung blickte, aus der die Geräusche gekommen waren. Ein weiteres

Geraschel, das dieses Mal von einem gro√üen dunklen Schatten begleitet wurde, der auf einmal zwischen den B√§umen auftauchte. Felix schluckte schwer und wich ein paar Schritte zur√ľck. Seine Augen klebten f√∂rmlich an dem Riesenschatten, der nun langsam auf ihn zu kam. Bei jedem Schritt, den es tat, erbebte die Erde zu seinen F√ľ√üen. Es wurde schneller und schneller, w√§hrend es sich auf ihn zu bewegte.

 

Felix wollte sich umdrehen. Wegrennen. Doch seine Beine gehorchten seinen Befehlen nicht mehr. Wie erstarrt folgten seine Augen dem herannahenden Tier und schlossen sich erst, als es ihn fast

erreicht hatte. Von einem Moment zum anderen schienen die Sekunden wie in Zeitlupe zu verstreichen. Sein Herz schlug unendlich langsam in seiner Brust. Er h√∂rte den triumphierenden Schrei des Tieres, unmittelbar bevor ein harter Sto√ü ihn zu Boden riss. Er f√ľhlte, wie ihm etwas Warmes durch die Finger rann. ‚ÄöBlut‚Äė schoss es ihm noch kurz durch den Kopf, w√§hrend das Leben bereits aus ihm wich.

 

---

 

Felix setzte sich senkrecht in seinem Bett auf. Kalter Schweiß klebte an seinem Körper, während er rasselnd ein-

und ausatmete. Beinahe schon and√§chtig betrachtete er seine bebenden Finger. Sie waren kalt, wei√ü wie Schnee, aber nichts desto trotz bar jeden Blutes. Unwillk√ľrlich schaute Felix auf und blickte sich in seinem Zimmer um. Es sah alles wie immer aus, selbst das Foto von seiner Freundin Nicole stand auf seinem angestammten Platz am Schreibtisch. Unbewusst ballten sich seine H√§nde zu F√§usten. Ein Traum. Er zitterte, bebte f√∂rmlich am ganzen K√∂rper. Es war alles nur ein Traum gewesen, die Geiselnahme, die Flucht durch den Wald und dessen Ungeheuer, ebenso wie seine Verfolger.

 

Ein Ger√§usch an der T√ľr lie√ü ihn aus seiner Erleichterung hochschrecken. Er sprang aus dem Bett und tappte mit nackten F√ľ√üen durch den Raum. An der Zimmert√ľr hielt er inne und lauschte kurz. Er h√∂rte Stimmen, klar und deutlich. Er √∂ffnete vorsichtig die T√ľr, ging quer √ľber den Flur und blieb in der K√ľchent√ľr stehen. Er wusste nicht mehr genau, wann er zum letzten Mal wirklich geweint hatte, doch beim Anblick seiner beiden Eltern, die am K√ľchentisch sitzend leise miteinander diskutierten, wurden seine Augen feucht. Auch wenn es nur ein Traum gewesen war, war er doch so real gewesen, dass er nicht geglaubt hatte, seine Eltern noch einmal

in diesem Leben wiederzusehen.

 

‚ÄěIst was, Felix?‚Äú Seine Mutter hatte ihn als erste entdeckt und blickte fragend zu ihm auf.

 

Felix versuchte den riesigen Klo√ü, der sich in seinem Hals gebildete hatte, hinunterzuschlucken. Ein Klo√ü so gro√ü, dass er ihm den Atem nahm. Unf√§hig zu sprechen sch√ľttelte er den Kopf.

 

‚ÄěWas ist passiert?‚Äú Noch w√§hrend sie sprach, war seine Mutter alarmiert auf die Beine gesprungen und hatte mit wenigen Schritten die K√ľche durchquert. Sie blieb direkt vor ihm stehen, musterte

ihn einen Augenblick lang, bevor sie liebevoll einen Arm um ihn legte und ihn zum K√ľchentisch f√ľhrte. Ihre blonden Locken strichen sanft √ľber seine Wange. Es war eine so vertraute, so z√§rtliche Geste, dass Felix‚Äė Herz sich unwillk√ľrlich zusammenzog.

 

‚ÄěNun sag schon, was los ist, Felix!‚Äú Sein Vater hatte sich nun ebenfalls von seinem Stuhl erhoben. Seine von seiner Arbeit als G√§rtner rauen H√§nde legten sich auf seine Schultern, um ihn auf den frei gewordenen Platz zu dr√ľcken.

 

Felix blickte von seinem einen Elternteil zum anderen. Beide hatten sie sich nun

neben ihm hingekniet und warteten auf seine Antwort, doch der Kloß wollte einfach nicht weichen.

 

‚ÄěHat dich irgendjemand bedroht? Dich erpresst? Verpr√ľgelt? So sprich doch, Junge!‚Äú

 

Felix r√§usperte sich. Er setzte gerade an zu antworten, als eine emp√∂rte Kinderstimme ihn zur T√ľr herum fahren lie√ü. ‚ÄěM√ľsst ihr denn so laut sein? Ich will schlafen.‚Äú

 

Hastig erhob sich seine Mutter von seiner Seite und eilte durch die K√ľche auf seine kleine Schwester zu. ‚Äě Es ist

alles in Ordnung, Rike. Komm, geh wieder ins Bett.“

 

Der Blick seiner Schwester ging jedoch an ihrer Mutter vorbei und traf Felix‚Äė. Ihre dunkelblauen Augen, die den seinen so √§hnlich waren, weiteten sich erst vor √úberraschung, bevor sie sich zu seinem Schrecken mit Tr√§nen f√ľllten. ‚ÄěDu musst wieder zur√ľck, Felix.‚Äú

 

Felix gefror bei ihren Worten regelrecht das Blut in den Adern. Und während er innerlich erstarrte, verharrte alles andere um ihn herum auch in Wirklichkeit. Seine Mutter, sein Vater, selbst der Dampf, der aus einer der beiden Kaffeetassen

emporstieg, bewegten sich nicht mehr. Es war als bef√§nde er sich inmitten eines Bildes. Das Bild einer gl√ľcklichen Familie. Ein Bild, das in diesem Augenblick bereits von feinen Kratzern durchzogen wurde. Die Risse wurden gr√∂√üer und gr√∂√üer, trennten Felix von dem Rest seiner Familie. Er wollte zu ihr, die immer gr√∂√üer werdenden Gr√§ben √ľberwinden, als in just diesem Augenblick das gesamte Bild mit einem lauten Krachen zerbarst.

 

Schmerzen durchzuckten Felix‚Äė K√∂rper. Seine linke Seite brannte unangenehm, allem voran sein Oberarm. Unwillk√ľrlich ¬†st√∂hnte er auf. Neben sich h√∂rte er eine

Stimme, die in einer fremden Sprache leise etwas sagte und kurz darauf das Klappen einer T√ľr.

 

M√ľhsam versuchte Felix die Augen zu √∂ffnen. Das Licht im Raum blendete ihn. Er kniff die Lider zusammen, ehe er es erneut probierte. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die bei√üend hellen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch ein gro√ües Fenster in den Raum bahnten, zu gew√∂hnen. Er befand sich in einem einfach eingerichteten Raum, der lediglich aus dem Bett, auf dem er lag, einem Nachtisch mit einer ¬†Wasserschale und drei St√ľhlen bestand. Auf einem dieser St√ľhle sa√ü ein junges

Mädchen, das ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen ließ.

 

‚ÄěWo bin ich?‚Äú fragte er tonlos, aber das M√§dchen zuckte nur nicht verstehend mit den Schultern, ehe sie sich der Wassersch√ľssel zuwandte, um seinen Arm zu k√ľhlen. Er musste kurz wegged√§mmert sein, da er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie etwas aus der Schale genommen hatte, um es auf seinen Oberarm zu legen. Doch der scharfer Schmerz, der sich bei der Ber√ľhrung ihrer Hand von seiner Schulter bis zu seinem Handgelenk hinunterzog und der bereits kurze Zeit sp√§ter durch eine angenehme k√ľhle

Nässe abgelöst wurde, ließ keine andere Schlussfolgerung zu.

 

Eigentlich h√§tte er sich jetzt seinem Arm zuwenden m√ľssen, um zu gucken, um was f√ľr eine Verletzung es sich handelte, doch das erneute Klappern der T√ľr lenkte seine Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung. Felix schaute zum Eingang und erblickte dort zwei¬† Menschen, die, begleitet von einem schwachen Alkoholgeruch, den Raum soeben betreten hatten. Der Mann war eher klein und zierlich gebaut mit einem gewaltigen Glatzkopf, w√§hrend die hagere Frau mit den kurzen braunen Locken ihn, obgleich sie keine Schuhe

trug, um L√§ngen √ľberragte. Sie war es auch, die als erste an sein Bett herantrat, ihn kurz musterte, ehe sie sich auf einen der St√ľhle sinken lie√ü. Der Mann folgte ihrem Beispiel. Er rutschte hektisch auf seinem Stuhl hin und her - so als versuche er die optimale Position f√ľr seine nachfolgende Botschaft zu finden - ehe er sagte: ‚ÄěIch hei√üe dich im Namen der Herrin Artemis vom K√§fig‚Äú, er deutete dabei auf seine Begleiterin, die ausgerechnet diesen Moment nutzte, um demonstrativ zu g√§hnen, ‚Äě in unserer Welt willkommen. Uns‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěSie sprechen meine Sprache?‚Äú Felix setzte sich in seinem Bett auf. Der Mann

hatte einen leichten Akzent gehabt, dennoch waren seine Worte wesentlich klarer und deutlicher gewesen als die des Komplizen seines Entf√ľhrers.

 

‚ÄěIch bin ein Windmimage der zweiten Stufe‚Äú, erkl√§rte der Glatzkopf. Eine leichte Irritation schwang in seinem Tonfall mit. ‚ÄěIch kann Ger√§usche verstehen, erkennen und weitergeben und Sprache ist nichts anderes. Obwohl wir selten in den Genuss eines Gastes aus einer anderen Welt kommen.‚Äú Er l√§chelte ihn freundlich an.

 

In Felix‚Äė Gehirn begann es bei diesen Worten unwillk√ľrlich zu arbeiten. Zwar

beherrschte sein Gegen√ľber seine Sprache sehr gut, nichts desto trotz war das, was er sagte, einfach nur unverst√§ndlich. Ihm kamen Tausende von Fragen in den Sinn, doch die allerwichtigste bedurfte zuerst einer Antwort: ‚ÄěWo bin ich?‚Äú

 

Der Glatzkopf warf seiner Begleitung, die bis dato geschwiegen hatte, ein paar fragende Worte in der harten, fremdl√§ndischen Sprache zu, die diese nur mit einer abwinkenden Handbewegung quittierte, bevor er Felix‚Äė Frage beantwortete: ‚ÄěDu bist zurzeit im K√§fig.‚Äú

 

‚ÄěHei√üt das, ich werde hier gefangen gehalten?‚Äú Felix gab sich nicht einmal die M√ľhe, die Anspannung in seiner Stimme zu kaschieren.

 

Der Mann war entweder wirklich schockiert ob dieser Frage oder aber ein hervorragender Schauspieler. ‚ÄěDu bist unser Gast‚Äú, bekr√§ftigte er einmal mehr und nickte, so als wolle er seine Worte zus√§tzlich unterstreichen,¬† bedeutungsschwer ¬†mit dem Kopf.

 

‚ÄěDann‚Äú, begann Felix z√∂gerlich, ‚Äě‚Ķdann kann ich also nach Hause gehen? ‚Äú

 

‚ÄěNein.‚Äú

‚ÄěUnd warum nicht?‚Äú

 

¬†‚ÄěDie Herrin vom Eisernen R√ľcken m√∂chte dich zuerst noch pers√∂nlich kennenlernen. Sie l√§dt dich als ihren offiziellen Gast ein, zu ihr nach Brise zu kommen.‚Äú

 

Fast schon provozierend hob Felix daraufhin den Kopf und stie√ü zwischen zusammengebissenen Z√§hnen hervor: ‚ÄěUnd wenn ich mich weigere?‚Äú

 

Jedwedes L√§cheln, das zuvor noch wie eine Klette an dem Mann geklebt hatte, verschwand aus dessen Gesicht. ‚ÄěSie ist die Herrin. Niemand verweigert ihr einen

Wunsch.“

 

‚ÄěMir ist egal, was sie w√ľnscht oder nicht. Ich will einfach nur nach Hause!‚Äú erkl√§rte Felix mit einem kaum √ľberh√∂rbaren trotzigen Unterton.

 

‚ÄěAber die Herrin Briseis verlangt, dass du nach Brise kommst.‚Äú

 

Alleine schon die Erwähnung des Namens Briseis ließ Felix erbleichen. Briseis. Der Name erschien ihm so einzigartig, dass er nicht glauben konnte, dass es innerhalb eines so kleinen Umkreises zwei einflussreiche Personen mit demselben Namen gab. Und das

wiederum konnte nur eines bedeuten: Die Chefin von seinem Entf√ľhrer, sowie von dem Mann und seiner Begleiterin hier, war ein und dieselbe Person. Was f√ľr einen grausamen Scherz sie sich mit ihm, Felix, erlaubt hatten. Wer wusste schon, ob sein Entf√ľhrer und dessen Komplize nicht vielleicht sogar lauschend vor der T√ľr standen und sich √ľber seine erneut entt√§uschte Hoffnung am√ľsierten.

 

‚ÄěIst alles in Ordnung, Junge?‚Äú Die Hand des Mannes ber√ľhrte ihn sanft an der Schulter.

 

Felix stierte ihn w√ľtend an. Nichts war in Ordnung, gar nichts. Da hatte er es

schon geschafft seinem Entf√ľhrer zu entkommen, wobei er beinahe von einem Tier, dass - so abwegig es auch klingen mochte - aussah wie ein riesiges Kaninchen, get√∂tet worden w√§re, nur um sogleich erneut in die F√§nge von irgendwelchen Briseis-Getreuen zu gelangen. Er sp√ľrte das beinahe schon absto√üende Verlangen, einfach nur laut zu lachen. Verr√ľckt, anders konnte man es wohl nicht bezeichnen. Aber Felix wollte nicht den Verstand verlieren und konnte dennoch einen kleinen Anflug von Selbstzerst√∂rung nicht zur√ľckhalten, da er in seiner Verzweiflung und Wut instinktiv das tat, was er bereits im Alter von vier Jahren perfektioniert hatte: Er

biss seinem Gegen√ľber in die Hand.

 

Der Mann schrie vor Schmerz auf und versuchte ihm seinen Arm zu entrei√üen, doch Felix lie√ü nicht los, sondern umklammerte diese nur noch fester, woraufhin sein Opfer etwas in der fremdl√§ndischen Sprache kreischte. Seine Begleitung, die das ganze Geschehen bislang entspannt in ihrem Stuhl zur√ľckgelehnt mit leisem Am√ľsement beobachtet hatte, gab Felix‚Äė Pflegerin daraufhin ein kurzes Handzeichen.

 

Felix wusste nicht genau, was mit ihm geschah. Er sp√ľrte nur einmal mehr, wie

das kalte Nass, dass zuvor noch seinen Arm gek√ľhlt hatte, sich auf einmal in seinem ganzen K√∂rper ausbreitete. Er f√ľhlte wie seine Arme und Beine schwach wurden, wie sein Sehfeld kleiner und kleiner wurde, bis auch der letzte Lichtstrahl verschwand.

 

---

 

Es war das Klicken, das ihn ins Bewusstsein zur√ľckholte. Es war gleichm√§√üig, monoton und st√∂rend. Langsam √∂ffnete Felix die Augen und blinzelte, ehe er einmal mehr in den abendlichen Himmel √ľber sich blickte.

 

‚ÄěDann bist du also doch noch wach geworden.‚Äú

 

Felix‚Äė Blick schoss regelrecht in die Richtung, aus der die ruhige Stimme gekommen war. Sie geh√∂rte einer alten, schwarz gekleideten Frau, deren Oberk√∂rper ungeachtet ihres Alters nur mit einem leichten Hemdchen bedeckt war, w√§hrend ihre Beine ironischerweise von einer dicken Decke umschlungen waren. Sie sa√ü strickend, wie so manche andere Gro√ümutter es auch getan h√§tte, in ihrem Schaukelstuhl. Doch dieser stand im Unterschied zu denen einer Standardoma ¬†nicht in einem mit altem Kitsch vollgestellten Wohnzimmer

sondern mitten auf dem Dach eines hohen Gebäudes.

 

‚ÄěUnd du hast dir wirklich redlich M√ľhe gegeben, meinen Leuten das Leben so schwer wie m√∂glich zu machen.‚Äú Sie hatte noch nicht einmal in seine Richtung geblickt, als sie ihn angesprochen hatte, sondern ihren kahlgeschorenen Kopf gesenkt und ihre Augen auf ihr Strickzeug gerichtet gehalten. Ihre Nadeln klickten unaufh√∂rlich, w√§hrend der kalte Wind ihr wie ein kleines H√ľndchen um die Beine tollte.

 

Langsam und voller Misstrauen setzte Felix sich auf. ‚ÄěWer sind Sie?‚Äú

‚ÄěDu wei√üt, wer ich bin. Genauso wie ich wei√ü, wer du bist.‚Äú Sie wendete ihr Strickzeug. ‚ÄěOder, Felix?‚Äú

 

Felix schluckte, ehe er den wohl unvermeidlichen Namen hervorpresste. ‚ÄěBriseis.‚Äú

 

Endlich legte die Frau ihr Strickzeug beiseite und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. ¬†‚ÄěBriseis, die Herrscherin von Brise, die Herrin vom Eisernen R√ľcken. Ich habe viele Namen.‚Äú

 

‚ÄěUnd was wollen Sie von mir?‚Äú

 

‚ÄěDir Antworten auf deine Fragen geben.‚Äú

W√§hrend sie sprach, machte sie sich noch nicht einmal die M√ľhe ihm in die Augen zu sehen. Stattdessen fokussierte sie seine Stirn. Sie starrte sie an, stierte regelrecht ohne zu blinzeln oder ihre Augen von ihr fortzubewegen.

 

‚ÄěWas wissen Sie schon von den Fragen, die mich besch√§ftigen?‚Äú In Felix‚Äė Ton schwang neben der trotzigen Aufforderung auch Angst mit. Seinen Entf√ľhrer hatte er gef√ľrchtet, dessen Herrin jedoch war einfach nur unheimlich mit ihrer Art und Weise ihn anzusehen.

 

‚ÄěAlles.‚Äú Ihre Stimme verriet nicht den

leisesten Hauch eines Zweifels. Felix schauderte. Wer oder was war diese Frau?

 

Briseis l√§chelte nachsichtig und erwiderte, beinahe so als h√§tte sie seine Gedanken gelesen: ‚ÄěIch denke, das ‚ÄöWer ich bin‚Äė k√∂nnen wir immer noch diskutieren, sobald wir das ‚ÄöWarum du hier bist‚Äė er√∂rtert haben.‚Äú Sie machte eine kurze Pause, so als wolle sie auf seine Erwiderung warten, doch als er schwieg, fuhr sie fort: ‚ÄěAber zu allererst hier die Antwort auf deine wohl wichtigste Frage: Du wirst wieder zur√ľck nach Hause kommen.‚Äú

 

Felix starrte sie einen Augenblick an wie ein vom Licht geblendeter Fuchs. ‚ÄěIch darf zur√ľck?‚Äú brachte er schlie√ülich stotternd hervor.

 

‚ÄěNat√ľrlich. Allerdings wird es eine, vielleicht auch ¬†zwei Wochen dauern.‚Äú

 

Felix‚Äė Freude, die so pl√∂tzlich und unerwartet in ihm aufgewallt war, erstarb ebenso schnell wieder. Er hatte das ungute Gef√ľhl, einmal mehr auf das Spiel von Briseis und ihren Leuten hereingefallen zu sein. ‚ÄěWarum?‚Äú

 

‚ÄěDein Warum h√§ngt letztendlich damit zusammen, wo du dich hier befindest.‚Äú

Sie lehnte sich wieder in ihren Schaukelstuhl zur√ľck, nahm ihr Strickzeug auf und wickelte sich die F√§den um die Finger. ‚ÄěMeine Welt, Felix, ist nicht deine Welt. Du befindest dich hier in einer ganz anderen Dimension als diejenige, welche du deine Heimat nennst.‚Äú

 

Felix starrte sie an, alle Angst, alle Furcht war in diesem Augenblick wie weggewischt. Waren denn alle Leute hier verr√ľckt geworden? ‚ÄěWas zum Teufel‚Ķ?‚Äú

 

Briseis schaute von ihrem Strickzeug auf. Sie hatte einmal mehr ihren

Hannibal-Lecter-Blick aufgesetzt, doch dieses Mal fixierte sie nicht seine Stirn, sondern seine Augen. Er erwiderte ihren Blick wie paralysiert. Wie hatte er nur so dumm sein können, so verfahren in seiner eigenen Vorstellungskraft, dass er nicht bereit gewesen war die Komplexität der verschiedenen Welten zu erkennen. Diese Welt war anders als seine Heimatwelt und das einzige, was sie miteinander verband, war das Raum-Zeit-Kontinuum.

 

Briseis l√§chelte leicht, ehe sie, ihn nicht aus den Augen lassend, fortfuhr: ‚ÄěEiner meiner Leute, dein Entf√ľhrer, wie du ihn nennst, hat durch ein unbedachtes und

extrem unvorsichtiges Vorgehen einen Teil des Raum-Zeit-Kontinuums besch√§digt, welches nun durch die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums wieder repariert werden muss. Sobald sie damit fertig ist, kannst du zur√ľck in deine eigene Welt. Bis dahin, sieh‚Äė dich bitte als meinen Gast an.‚Äú

 

Felix nickte verstehend. Irgendwie f√ľhlte er sich komisch. Sein Gehirn schien wie in Watte gepackt und doch hatte er das ungute Gef√ľhl, dass etwas nicht stimmte. Es war einfach da, existierte irgendwo in den nebul√∂sen Windungen seines Gehirns, ohne dass er genau sagen konnte, was nicht in Ordnung war. Doch

das Gef√ľhl des Vermissens verschwand vollst√§ndig, als Briseis einmal mehr das Wort ergriff: ‚ÄěDein Entf√ľhrer, Heros, wird sich bis du zur√ľck kannst, um dich k√ľmmern. Er f√ľhlt sich schlecht wegen des Vorfalls und will seine Schuld begleichen, indem er dich sicher zur√ľck nach Hause eskortiert. Oder, Heros?‚Äú Mit diesen Worten wandte sie sich jemandem zu, der hinter Felix stand.

 

Mit ihrem Blick wich auch die Starre aus seinem K√∂rper. Er fuhr zu dem anderen herum und wich unwillk√ľrlich ein paar Schritte zur√ľck. Sein Gegen√ľber √ľberragte ihn um Hauptesl√§nge und sah mit seiner gef√§hrlichen Zwillingsnarbe

auf der Stirn und der blauen Nase wie ein √ľberdimensionaler Waschb√§r aus. Ein gef√§hrlicher Waschb√§r.

 

¬†‚ÄěNat√ľrlich.‚Äú

 

Hastig rappelte sich Felix, seinen vielen blauen Flecken trotzend, auf die Beine. ‚ÄěIch will aber nicht, dass er sich um mich k√ľmmert. Er hat mich immerhin mit einer Flasche bedroht.‚Äú

 

‚ÄěUnd du hast mich gebissen‚Äú, erwiderte sein Entf√ľhrer gelassen, so als w√§ren sie damit quitt.

 

‚ÄěDu hast mich verbrannt!‚Äú

Sein Gegen√ľber warf einen kurzen Blick auf seinen Unterarm, auf dem eine schwache ver√§tzte Stelle zu erkennen war, bevor er erwiderte: ‚ÄěDaf√ľr hast du mir fast die Nase gebrochen und mir eine Narbe zugef√ľgt.‚Äú W√§hrend er sprach, deutete er anklagend auf seine Wunde.

 

‚ÄěUnd du hast‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěGenug‚Äú, unterbrach Briseis ihren Disput. ‚ÄěHeros wird sich um dich k√ľmmern! Keine Widerrede.‚Äú

 

‚ÄěAber‚Ķ‚Äú

 

Briseis‚Äė Blick, den sie ihm zuwarf,

brachte ihn unwillk√ľrlich zum Schweigen. Sie schloss f√ľr einen Moment die Augen, ehe sie an Felix gewandt sagte: ‚ÄěEs ist sehr wichtig, dass niemand davon Wind bekommt, dass die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums zur Zeit anderweitig verhindert ist. Sehr wichtig.‚Äú

 

Felix nickte erneut. Ein bei weitem kräftigeres Nicken als das Mal zuvor.  

 

‚ÄěGut.‚Äú Briseis wandte sich wieder ihrem Strickzeug zu. Anscheinend waren sie damit entlassen worden.

 

‚ÄěWas ist das, eine Mimage.‚Äú Felix

wusste selbst nicht einmal, warum er diese Frage √ľberhaupt stellte, da er dadurch einmal mehr ihren unheimlichen Blick auf sich zog.

 

Briseis schien einen Augenblick lang fast schon √ľberrascht zu sein, doch dann l√§chelte sie leicht. Es war vermutlich das erste echte L√§cheln, das er bei ihr sah. Ein L√§cheln, welches dieses Mal nicht nur ihre Lippen ber√ľhrte, sondern auch ihre Augen erreichte. ‚ÄěMimage steht f√ľr ‚ÄöMitglieder der Magischen Gesellschaft der Elemente‚Äė. Wir sind Magier, die unsere Magie aus einem der vier Elemente sch√∂pfen.‚Äú

 

Elementmagier, nat√ľrlich, was auch sonst. Felix wusste gar nicht, warum er √ľberhaupt eine so dumme Frage gestellt hatte.

 

Das erneute Klappern von Briseis‚Äė Stricknadeln durchschnitt die Luft.

 

‚ÄěKomm‚Äú, sagte Heros leise und bedeutete Felix, ihm zu folgen.

 

Felix z√∂gerte kurz, doch da Briseis ihn nicht weiter beachtete, folgte er dem anderen langsam, als dieser zielstrebig auf eine Fallt√ľr zuging, die in das Dach eingelassen war. Heros zog die T√ľr auf, stieg die Treppe hinab und strebte dann

zielsicher einige G√§nge entlang, nur um kurze Zeit sp√§ter bereits eine langen Wendeltreppe hinunterzusteigen. Felix folgte ihm eine ganze Zeit lang schweigend. Seine Muskeln und Knochen schmerzten ob der ungewohnten Belastung der letzten Tage und der von seinen diversen St√ľrzen herr√ľhrenden blauen Flecken. Seine Ersch√∂pfung zeichnete sich unterdessen von Minute zu Minute mehr ab, bis er letztendlich irgendwo auf halbem Wege anhielt, um zu verschnaufen.

 

Heros ging ein paar Stufen weiter, ehe er sich zu ihm umdrehte und ihn abwartend musterte. ‚ÄěWas ist los?‚Äú

Felix erwiderte die absch√§tzenden Blicke. Heros war gro√ü, w√§hrend er selbst klein war. Hatte schwarze Haare, wo er seine eigenen gr√ľn gef√§rbt hatte und agierte gef√§hrlich, wo Felix sich eher feige zur√ľckgezogen h√§tte. Aber nun war er Briseis‚Äė Gast - was immer das auch bedeutete - und er w√ľrde sich sicherlich nicht die Bl√∂√üe geben, einmal mehr vor ihm zur√ľckzuschrecken oder ihm gar einzugestehen, dass er kurz ausruhen musste. Nicht ihm. Stattdessen fragte er: ‚ÄěWas f√ľr eine Art Elementmagier ist Briseis?‚Äú

 

Augenscheinlich hatte er wieder etwas Dummes gesagt, da Heros leise zu lachen

begann. ‚ÄěSie ist ein Windmagier der dritten Stufe. Wie sonst w√§re es wohl m√∂glich, dass du von einem Moment zum anderen meine Sprache sprichst?‚Äú

 

Felix h√§tte sich selbst daf√ľr in den Hintern bei√üen k√∂nnen, dass ihm das mit dem Verstehen der fremden Sprache nicht vorher aufgefallen war. ‚ÄěAlso ist das ihre Art der Magie, sie kann daf√ľr sorgen, dass jemand aus der anderen Welt mit euch kommunizieren kann.‚Äú

 

Heros schnaufte: ‚ÄěAndere Sprachen verstehen kann auch schon ein mittelm√§√üig begabter Zweitstufler Windmimage. Als Windmimage der

dritten Stufe hat sie jedoch die Macht, alles was in dem Gehirn ihres Gegen√ľber vorgeht, zu lesen und zu ver√§ndern, wie sie es unter anderem wohl auch mit deinem Sprachzentrum gemacht hat.‚Äú

 

Kein Wunder, dass sie ihm so unheimlich vorgekommen war. ‚ÄěHei√üt das etwa, sie kann mein Gehirn manipulieren?‚Äú

 

Heros nickte.

 

Felix schluckte. ‚ÄěSie kann damit machen, was sie will?‚Äú

 

‚ÄěGlaubst du ernsthaft, du h√§ttest sonst einfach akzeptiert, dass du dich in einer

anderen Welt befindest, wo es Magier gibt, die in der Lage sind durch die Dimensionen zu reisen?“

 

Felix‚Äė R√ľcken glitt an der kalten Steinwand der Wendeltreppe entlang, als er der pl√∂tzlichen Schw√§che seiner Beine nachgab und sich auf eine der Stufen sinken lie√ü.¬† ‚ÄěSie kann wirklich alles mit meinem Gehirn machen?‚Äú fragte er einmal mehr.

 

‚ÄěAlles. Sie ist immerhin Briseis, die Herrin √ľber Gedanken und Gef√ľhle.‚Äú

 

 

Kapitel 5: Odine

 

Es war ein wirklich wundersch√∂ner, mit reichlich Sonnenstrahlen gesegneter Tag, wie es viele im ‚Land der F√§lle‘ gab. Odines Make-up sa√ü perfekt und harmonierte, wie sollte es auch anders sein, wunderbar mit ihrer Kleidung,¬† w√§hrend sie wie so oft geduldig dem Wortschwall ihrer kleinen Schwester lauschte: ¬†„Ich find das jetzt echt schei√üe von dir, Odine. Wie kannst du von einem Moment auf den anderen sagen, du h√§ttest keine Zeit? Du hast versprochen mir zu helfen.“ Thora fuchtelte aufgeregt mit einem gro√üen Schneebesen vor Odines Gesicht herum, bevor sie damit anklagend in ihre Richtung deutete. „Auf dich kann man sich echt gar nicht verlassen. Was ist es jetzt wieder? Erik? Party? Oder doch Shoppen? Das ist echt schei√üe von dir…und oberfl√§chlich und…“

 

„Schei√üe hatten wir schon“, unterbrach Odine ihre kleine Schwester betont freundlich.

 

Thoras Gesicht r√∂tete sich bei ihren Worten vor Wut, wodurch es sich nun nur noch um ein oder zwei Nuancen von ihren ebenso roten Haaren unterschied. „Boah, Odine du bist wirklich obe…schei… doof.“ W√§hrend Thora sprach, ¬†griffen ihre mit Schokoladenkuchenteig befleckten H√§nde in ihre langen lockigen Haare und zerrten daran. Eine Geste, die sie immer ¬†dann machte, wenn sie w√ľtend wurde und die¬† ihr eines Tages jede Menge kleiner kahler Stellen auf dem Kopf einbringen w√ľrde. „Richtig doof.“ Ihre H√§nde verharrten in ihrer Position, als sie Odines leichtes L√§cheln bemerkte. Ihre himmelblauen Augen verformten sich zu engen Schlitzen. „Was gibst da zu grinsen?“

 

Odine legte den Kopf leicht schr√§g und musterte ihre Schwester ebenso nachdenklich wie abw√§gend, ehe sie erkl√§rte: „Ich habe mir nur gerade √ľberlegt, wie sehr deine Haare mit deinem ger√∂teten Gesicht disharmonieren. Du solltest vielleicht eine anderes Gesichtscreme verwenden. Ich hab‘ da …“

 

„Ich brauch dein schei√ü Kosmetikzeug nicht.“

 

„Schade“, erwiderte Odine, w√§hrend sie ihre langen, √ľbereinander geschlagenen Beine entwirrte, um sich von ihrem Platz am K√ľchentisch zu erheben. „Du k√∂nntest wirklich h√ľbsch sein, wenn du versuchen w√ľrdest etwas mehr aus dir zu machen.“

 

„Ich will nicht h√ľbsch sein.“ Einmal mehr f√ľhrte Thora ihren Schneebesentanz auf. „Ich will einfach nur diesen verdammten Schei√ükuchen f√ľr Mamas R√ľckkehr fertig machen. Und ich will, dass du mir dabei hilfst.“

 

Odines Mundwinkel begannen einmal mehr zu zucken. Ihre Schwester war wahrhaftig das, was man allgemein hin wohl als Wildfang bezeichnen mochte. Eine Mischung aus sechszehnj√§hrigem M√§dchen, das das Erwachsenwerden noch nicht akzeptiert hatte, und Junge, der sich lieber mit seinesgleichen raufen wollte. Bevor ihre Schwester noch auf die wirklich dumme Idee kam, ihre Gewaltgel√ľste an ihr auszulassen, stand sie vom Tisch auf und schickte sich an, die K√ľche zu verlassen.

 

Allerdings hatte sie die Rechnung ohne ihre Schwester gemacht, die entgegen ihrer sonstigen eher geringen Aufmerksamkeitsspanne heute das taktische Man√∂ver vollbrachte ¬†und sich direkt zwischen ihr und der T√ľr platzierte. „Du bleibst sch√∂n hier.“

 

Odine setzte ¬†ihr diplomatischstes L√§cheln auf. „Ich kann dir wirklich nicht helfen, Thora. Olaf hat mich zu sich gerufen.“

 

„Olaf - oder dieser verzogene Schei√ükerl, den du Freund nennst?“

 

„Was willst du damit sagen?“

 

„Dass das vermutlich nur wieder ein abgekartetes Schei√üspiel ist, das du und dieses verw√∂hnte Balg initiiert haben, damit du mich hier mit der ganzen Schei√üarbeit alleine lassen und Shoppen gehen kannst.“ Anklagend verschr√§nkte Thora die Arme vor ihrer doch recht √ľppig ausgestatteten Brust.

 

Odine f√ľhlte den leichten Anflug eines schlechten Gewissens in sich aufwallen, den sie jedoch aufgrund jahrelanger Erfahrung schnellsten wieder bei Seite zu schieben vermochte.¬† Auch wenn¬† es urspr√ľnglich wirklich mal ein Plan von ihr und Erik gewesen war, sie unter irgendeinem Vorwand von daheim - besser gesagt, von einer nervigen eineinhalb Jahre j√ľngeren Schwester - ¬†loszueisen, h√§tte sie es doch niemals gewagt, Olaf in die ganze Sache mit hineinzuziehen. Erik mochte ja keine Probleme damit haben, seinen Gro√üvater nach Strich und Faden auszunutzen, Odine und so ziemlich jeder andere im ‚Land der F√§lle‘ w√ľrde sich jedoch tunlichst davor h√ľten, dieses zu tun. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich unseren Herrn einspannen w√ľrde, nur um mit Erik einkaufen zu gehen.“

 

„Du vielleicht nicht, Erik schon.“

 

Odine blinzelte. Kurz √ľberlegte sie, ob er nicht doch hinter der Botschaft stecken k√∂nnte. Aber eigentlich war es so oder so egal, da sie die Antwort ohnehin nur dann erhalten w√ľrde, wenn sie Olafs Ruf nachkam. Sie versuchte es dieses Mal mit ihrem entschuldigenden L√§cheln, als sie erkl√§rte: „Ich muss jetzt wirklich gehen. Versuch, nicht die ganze K√ľche in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ja?“ Entschlossen versuchte sie sich unterdessen an Thora vorbeizuschieben, welche sie jedoch am √Ąrmel ihrer Jacke zur√ľckhielt.

 

Odines Blick schweifte von der mit Schokoladenkuchenteig befleckten Hand ihrer Schwester zu dem √Ąrmel ihrer neuen Jacke aus der Silberberge-A-Kollektion, f√ľr die sie fast ein halbes Jahr gespart hatte. Ihr immerw√§hrendes Grinsen erstarb und ihre Augenbrauen zogen sich unheildrohend zusammen. „Nimm sofort deine Dreckfinger von meiner SAK-Jacke, oder ich werde dir zeigen, was es hei√üt, wenn ich wirklich schei√üe drauf bin!“

 

Als ihre Schwester nicht sofort reagierte, packte Odine¬† diese schlichtweg am Handgelenk, wobei sich ihre langen, stahlblauen Fingern√§gel in deren Fleisch gruben. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis Thora die Hoffnungslosigkeit ihres Unterfangens endlich erkannte und ihre Jacke loslie√ü. Odines Blick wanderte unverz√ľglich zu den un√ľbersehbaren Flecken auf ihrem √Ąrmel, woraufhin sich ihre sonst so vollen Lippen zu einem d√ľnnen Strich verzogen.

 

„Tschuldige“, murmelte Thora kleinlaut, die sie wohl zu gut kannte, um die Vorboten des f√ľnften apokalyptischen Reiters, in Form ihrer gro√üen Schwester, nicht herannahen zu sehen.

 

Odine hob an etwas zu sagen, hielt sich allerdings in letzter Sekunde zur√ľck. Alles was sie jetzt sagen k√∂nnte, w√ľrde Thora verletzen und somit im Umkehrschluss daf√ľr sorgen, dass sie selbst sich,¬† sobald sie sich wieder abgeregt hatte, schlecht f√ľhlen w√ľrde. Es w√§re im Endeffekt nichts anderes, als w√ľrde sie einen kleinen, unbeholfenen Babyhund treten, und so etwas machte man einfach nicht. Zumindest nicht in ihrer Familie.

 

„Ich werde jetzt gehen“, sagte sie entschieden und verlie√ü hoch erhobenen Hauptes die K√ľche. Im Wohnzimmer zog sie ihre Jacke aus und legte sie sich sorgf√§ltig √ľber die Armlehne eines Sessels, um sie sp√§ter zu reinigen.¬† Es war eine wahre Schande, was Thora ihrer Lieblingsjacke angetan hatte. Wie konnte man nur so tollpatschig sein? Noch w√§hrend sie innerlich den Kopf sch√ľttelte, ergriff sie einen anderen √úberwurf und machte sich auf den Weg zu Olaf.

 

Sie wohnte im zweiten der f√ľnf Mittleren Bezirke, was einen gut halbst√ľndigen Fu√ümarsch zu der Residenz ihres Herrschers bedeutete. Odine liebte diese Fu√üm√§rsche, das Flanieren vorbei an den einfachen steinernen Wohnh√§usern ihrer Nachbarn hin zu den Prachtbauten der M√§chtigen, die im Inneren Bezirk lagen. Genau dort, wo sich auch die meisten ihrer Lieblingsgesch√§fte befanden: Die Silberbergs-A-Kollektion,¬† das Eismeers-Pelz-Centre und die Sieben-F√§lle-Schmuck-Galerie. Als sie an letzterer vorbeiging, winkte ihr Ole, einer der hilfsbereiten Goldschmiede, durch das Fenster zu. Odine erwiderte den Gru√ü kurz, bevor sie - sehr zu Oles Entt√§uschung -¬† j√§h nach links abbog und einer langen Seitengasse folgte, die in den gro√üen Versammlungsplatz m√ľndete. W√§hrend sich hinter ihr die reich verzierten H√§user der vier Gener√§le und weiterer¬† hoher W√ľrdentr√§ger erhoben, befand sich quer √ľber den Platz gelegen der gro√üe Heilwasserfall.

 

Als sie auf eine der in den Felsen gearbeiteten, breiten und mit einer Glaskuppel √ľberdachten Steintreppe zustrebte, betrachtete sie die lachenden Leute und die schreienden Kinder und S√§uglinge, die sich rund um und unter dem Wasserfall tummelten. Ihr Blick fiel auf Freya, die ihre erst k√ľrzlich geborene, laut protestierende Tochter unter dem Wasserfall hin und her schwenkte, ungeachtet der Tatsache, dass dabei ihr ohnehin schon ¬†nicht als attraktiv geltendes mausgraues, str√§hniges Haar nass wurde. Als sie den Fu√ü der Treppe erreicht und den Gang betreten hatte, erstarb das Lachen und Schreien um sie herum und wurde von dem Prasseln der Wassertropfen ersetzt. Die ganze Zeit, w√§hrend sie die Treppen passierte, lauschte sie dem stetigen Klopfen des Wassers an den Glasw√§nden. Normalerweise liebte Odine dieses Ger√§usch, doch heute schien es ihr, als wollte es sie zur Eile ermahnen. Unwillk√ľrlich beschleunigte sie ihren Schritt, als sie die letzte Stufe erreicht hatte und wieder in die Sonne hinaustrat.

 

Der Kristallpalast glitzerte und glänzte mit dem ihn umgebenden See um die Wette. Nicht zum ersten Mal beneidete Odine Erik um sein Zuhause. Reichtum war eine Sache, Stil eine ganz andere, aber hier traf beides zusammen. Lediglich die einfachen Steinstatuen der Frauen, die sich links und rechts  entlang des Stegs bis hin zum eigentlichen Eingangstor erstreckten, störten die fast schon surreal perfekte Harmonie des Ganzen.

 

„Gr√ľ√ü dich, Odine“, begr√ľ√üte sie der muskul√∂se W√§chter, der zu einer der beiden gl√§sernen Eingangst√ľren stationiert war.

 

„Hallo Einar. Ich habe eben Freya mit eurem j√ľngsten Familienmitglied gesehen. ¬†Herzlichen Gl√ľckwunsch.“ Ohne jedwede Scheu umarmte Odine den gro√üen Mann und dr√ľckte ihm ein K√ľsschen auf die stoppelige Wange.

 

„Danke, Odine, danke. Endlich eine¬† Tochter. Nicht, dass ich mich √ľber einen sechsten Buben nicht genauso gefreut h√§tte. Aber die Kleine kommt ganz nach ihrer Mutter. Die Augen, die Haare. Ein bildh√ľbsches M√§dchen ist sie, meine Bj√∂ra.“

 

„Dann wird sie sp√§ter wohl oder √ľbel allen M√§nnern den Kopf verdrehen. Vielleicht ja auch Erik.“ Odine zwinkerte ihm spielerisch zu.

 

„Blo√ü nicht, blo√ü nicht“, winkte Einar fast schon panisch ab. „Vielleicht bekommt sie ja doch meine Knollennase. Meine Schwester meinte da einige typische familienspezifische Anzeichen erkannt zu haben.“

 

Odine lachte. „Egal, ob Knollennase oder nicht. Mit dir als Vater wird sie so oder so ein ganz klasse M√§dchen.“

 

„Das ist sehr nett von dir, Odine“, erwiderte Einar ger√ľhrt. Dann r√§usperte er sich gesch√§ftig: „Du solltest dich jetzt aber besser sputen, bevor Olaf noch ungeduldig wird.“

 

„Das ist er doch immer“, entgegnete Odine gut gelaunt, verabschiedete sich dann aber doch. ¬†

 

Sie folgte dem langen Glasgang, in dessen W√§nde feine Verzierungen eingearbeitet worden waren, die die idealisierte Geschichte von Olafs gro√üem Krieg gegen das ‚Land der gro√üen Ebene‘ erz√§hlten. Wobei das Ende der Geschichte gleichsam auch den Eingang zu Olafs Arbeitszimmer markierte. Die T√ľr stand offen, wie sie es immer tat, so dass sie sehen konnte, wie Olaf in seinem Wasserbecken ungeduldig hin und her tigerte.

 

„Da seid ihr ja endlich!“ wurde sie, kaum dass sie den Saal betreten hatte, auch schon von seiner dr√∂hnenden lauten Stimme begr√ľ√üt, w√§hrend er ganz ungeniert versuchte, an ihr vorbeizuschielen. Fast so, als erwartete er ernsthaft, dass ihr schlanker K√∂rper Eriks wesentlich muskul√∂seren und zudem um einiges gr√∂√üeren, verdecken w√ľrde. Als er die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens festgestellt hatte, bellte er laut. „Wo ist Erik?“

 

„Vermutlich ist er wie immer zu sp√§t“, antwortete Marit trocken, die sich auf dem Rand des Beckens niedergelassen hatte, um ein Buch zu lesen. „Kein Wunder in Anbetracht der Tatsache, dass du ihn nie f√ľr seine Versp√§tungen zur Rechenschaft ziehst.“

 

„Er hatte bislang immer einen guten Grund“, entgegnete Olaf von den F√§llen, der Herr √ľber Leben und Tod, trotzig wie ein kleines Kind.

 

Marit schnaubte. „Wenn man denn Einkaufen, Elchrennen oder simples Techtelmechtel als gute Gr√ľnde ansieht. Gib es doch wenigstens zu, Vater. Du verw√∂hnst ihn nach Strich und Faden und wunderst dich dann auch noch, warum er dir auf der Nase herumtanzt.“

 

„Ich verw√∂hne ihn ja gar nicht, deine Mutter ist die Schuldige. Sie…“

 

„Ach, h√∂r doch auf“, unterbrach Marit ihn r√ľde. „Ihr beiden mit eurem d√§mlichen Wettstreit um Eriks Gunst. Bei euch ist einer doch schlimmer als der andere.“

 

W√§hrend sich Olaf und Marit w√ľtend anfunkelten, war die vierte Person im Raum unbemerkt an Odine herangetreten.

 

„Und, alles in Ordnung daheim?“ Leifs Stimme klang ruhig und gelassen, so wie der Ton eines Menschen einfach klingen musste, der sein halbes Leben damit verbracht hatte, diversen Streitigkeiten zwischen Tochter und Vater beizuwohnen.

 

Odine schenkte ihrem Onkel ein humorvolles L√§cheln verbunden mit einem kurzen Schulterzucken. „Thora hat gestern versucht, einen Kuchen f√ľr Mamas R√ľckkehr zu backen und….“

 

Leifs Lachen unterbrach sie: „Die Kleine scheint ja doch noch ihre feminine Seite zu entdecken. Wenn meine Schwester jetzt auch noch…“

 

„Sie hat die halbe K√ľche dabei verw√ľstet, und das Ergebnis war…“, Odine sch√ľttelte sich unwillk√ľrlich, „…bar jeder Vorstellung. Ich habe den ganzen Abend und die H√§lfte des Morgens damit zugebracht, ihr Durcheinander zu beseitigen. Und gerade in diesem Augenblick versucht sie es erneut.“

 

„Na, wenigstens zeigt sie Durchhalteverm√∂gen“, erwiderte Leif gut gelaunt.

 

„Und ich kann hinterher den ganzen Dreck wieder wegmachen.“

 

„Das kann sie doch auch allein, Odine. Thora ist immerhin kein kleines Kind mehr.“

 

„Aber sie…“, begann Odine, als Leif sie j√§h unterbrach: „Du hast einen Putzfimmel, M√§dchen. Also schieb das nicht auf deine Schwester.“

 

„Ich habe keinen Putzfimmel. Ich mag es nur einfach gerne sauber… und ordentlich! Thora kann das einfach noch nicht.“ Leifs Blick verriet ihr, dass er anderer Meinung war, allerdings¬† bekam er nicht die Gelegenheit, dieses auch zu √§u√üern, da in just diesem Augenblick Erik beschloss, seine mittlerweile chronische Unp√ľnktlichkeit mit seinem Erscheinen zu kr√∂nen.

 

Sein Haar war gerade soweit zerzaust, dass es noch als cool durchgehen konnte, w√§hrend er - seinen langen blauen Kaninchenfellmantels hinter sich her wehend - durch den Raum schlenderte, um seinen Gro√üvater und seine Mutter zu begr√ľ√üen. Olaf umfing seinen Enkel in einer b√§renm√§√üigen Umarmung, die so manch anderem wohl das R√ľckgrat gebrochen h√§tte, aber Erik erwiderte diese nur ebenso heftig.

 

„Wo hast du denn gesteckt, B√ľrschchen?“ dr√∂hnte Olaf, kaum dass er ihn wieder losgelassen hatte.

 

„Ich war trainieren, damit ich beim gro√üen Elchrennen zu Ehren deines sechzigsten Geburtstags keine Schande √ľber dich bringe“, antwortete Erik nonchalant.

 

„Das ist mein Junge.“ Olafs Brust schwoll vor Stolz regelrecht an.

 

„Nach Strich und¬† Faden verw√∂hnt“, murmelte Marit laut vor sich hin, was Olaf jedoch ignorierte. „Und was f√ľr eine Zeit hast du geschafft?“

 

Erik hob an etwas zu erwidern, wurde jedoch davon abgehalten, da seine Mutter beschloss sich einmal mehr einzumischen. „Ich unterbreche ja wirklich nur zu ungerne eure unglaublich wichtige Unterhaltung, aber k√∂nnten wir nicht zuerst √ľber den eigentlichen Grund unseres Hierseins reden. Du meintest, es w√§re wichtig, Vater, bevor du abgelenkt wurdest. Mal wieder!“

 

Olaf warf seinem Enkel einen entschuldigenden Blick zu, den dieser mit einem akzeptierenden Nicken quittierte, ehe er in Richtung der Wand hinter Odine sagte: „Du Busch, komm her.“

 

Als Odine sich umwandte, erblickte sie eine Frau, deren braune langen Korkenzieherlocken¬† in allen Richtungen abstanden und dringend eines Haarschnitts bedurften, von ihren dreckigen Fingern√§geln ganz zu schweigen. „Mein Name ist Beena“, erwiderte die Frau stolz, „ und ich bin kein einfacher Busch, ich bin eine Zwergholunder.“

 

„Ja, ja, ja, ja, dann halt ein Zwergbusch“, winkte Olaf ungeduldig ab. „Und¬† jetzt komm einfach her, Beena, und erz√§hl, was du geh√∂rt hast.“

 

Beena musterte ihn einen Augenblick lang argw√∂hnisch, so als bef√ľrchtete sie, er w√ľrde sich √ľber sie lustig machen, kam dann jedoch Olafs Befehl nach. „Mein Name ist Beena und ich lebe und spioniere zusammen mit meiner Zwillingsschwester Meena an der Zweigstelle der Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums beim Eisernen R√ľcken. Vor gut drei Tagen haben wir belauscht, dass einer der Leute von Briseis vom Eisernen R√ľcken die Erdmimage bei einer Routinereise aus Versehen so schwer verwundet haben soll, dass sie momentan nicht mehr in der Lage ist, ihre dritte Stufe zu verwenden und mehr oder weniger in einer der anderen Welten festsitzt.“

 

„Wer wei√ü alles dar√ľber Bescheid?“ fragte Marit, der die Sorge deutlich von der Stirn abzulesen war.

 

„Wir, Briseis vom Eisernen R√ľcken und Friedrich vom Mittland mit Sicherheit. Aber wo wir spionieren k√∂nnen, k√∂nnen es andere ebenso. Ich habe schon mal einen der Schattenwandler von der Herrin der gro√üen Ebene dort herumschn√ľffeln sehen, und wenn die Ger√ľchte stimmen, ist Artemis vom K√§fig, der unweit des Dimensionshexenhauses liegt, Briseis weit weniger treu ergeben, als ¬†es f√ľr den Eisernen R√ľcken w√ľnschenswert w√§re.“

 

„Ich mag die alte Gedankenspielerin auch nicht“, brummte Olaf, der wieder begonnen hatte unruhig in seinem Wasserbecken auf und ab zu wandern.

 

„Ich mache mir weniger Sorgen dar√ľber, dass Briseis und Gail, geschweige denn Friedrich, diese Situation zu ihren Gunsten nutzen werden“, sagte Marit, den Kopf nachdenklich auf ihre gefalteten H√§nde gest√ľtzt. „Aber Dylana ist auf dem Vormarsch. Wenn sie von Mathildas Abwesenheit Wind bekommt und¬† das Mittland auch noch √ľbernimmt, hat sie die H√§lfte aller L√§nder eingenommen.“

 

„In dem Schneckentempo, mit dem sie sich vorw√§rts bewegt, ruhen wir schon alle zwei Meter tief unter der Erde, ehe sie die Grenzen zum Mittland √ľberhaupt erreicht hat.“

 

Odine bezweifelte stark, dass Olaf Recht haben und Dylana ihn √ľberleben w√ľrde. Sie mochte zwar eine der wohl m√§chtigsten Wassermimages aller Zeiten sein, allerdings war sie nichts desto trotz √ľber f√ľnfzig Jahre √§lter als er, und selbst sie w√ľrde irgendwann sterben.

 

„Wir sollten dennoch vorsichtshalber pr√ľfen, was dort vor sich geht“, forderte Marit, die Stimme der Vernunft.

 

„Das w√§ren dann zwei Missionen, die eine zu Mathildas Hauptsitz im Mittland, die andere zu ihrem Zweitsitz“, schlug Leif vor.

 

„Ignoriert mich ruhig. Ich bin ja nur euer Herr“, knurrte Olaf griesgr√§mig ob der Nichtbeachtung.

 

„Hast du eine bessere Idee, Vater?“ Marit warf ihm einen fragenden Blick zu, doch als Olaf nur missmutig schwieg, fuhr sie fort: „Dann w√§re das ja gekl√§rt. Ich w√ľrde sagen, Leif und ich fliegen der Einfachheit halber ins Mittland, w√§hrend Odine und Erik unterdessen zur Zweigstelle reiten. Was dagegen, Herr Olaf von den F√§llen?“ Sie blickte ihren Vater provozierend an, welcher ihr nach einigen Sekunden mit gesenktem Kopf, einer wegwerfenden Handbewegung und einem gemurrten „Von mir aus“ zustimmte.

 

„Gut.“ Mit einem lauten Klappen schlug Marit ihr Buch zu und erhob sich.

 

„Tut mir wahnsinnig Leid, aber ich kann nicht“, erklang in diesem Augenblick Eriks Stimme zu ihrer Rechten.

 

Olaf hob den Kopf, w√§hrend Marit lediglich eine Augenbraue hochzog. „Du kannst was nicht?“

 

„Auf eine Mission gehen. Ich muss mit Kuddel und Muddel f√ľr das allj√§hrliche Wasserfall-Rennen trainieren.“ Odine musste ein Grinsen unterdr√ľcken. Irgendwie wirkte Erik kein bisschen so, als w√ľrde es ihm Leid tun.

 

„Zudem muss ich mich auch noch um Tinka und Bell k√ľmmern.“

 

„Hat deine Gro√ümutter dir etwa noch mehr Rennelche geschenkt?“ In Olaf Stimme klang eindeutiges Misstrauen und die Frage mit, ob seine Frau in dem Kampf um Eriks Gunst und ohne sein Wissen einen entscheidenden Vorteil erreicht hatte.

 

„Tinka und Bell sind Eriks momentane Geliebte“, erkl√§rte Odine hilfsbereit.

 

„Zwei Geliebte?“ Olaf schien kaum in der Lage zu sein, seinen begeisterten Stolz in Worte zu fassen, aber letztendlich gelang es ihm doch noch. „Du bist ganz wie dein Opa.“

 

„Na hoffentlich werden seine Geliebten nicht auch in Stein verwandelt ¬†und verunstalten das Ambiente noch mehr, als es eh schon verunziert ist.“

 

Olaf warf Marit bei diesen Worten ein strengen Blick zu, ehe er an Erik gewandt fragte: „Ich hoffe doch sehr, die beiden sind h√ľbsch genug, um mir wundersch√∂ne Urenkel zu geb√§ren?“

 

Irgendwie zweifelte Odine daran, dass Olafs Wunsch nach wundersch√∂nen Urenkeln in naher Zukunft in Erf√ľllung gehen w√ľrde. Zum einen weil gerade Erik niemand war, der sich so leicht an jemanden binden w√ľrde, zum anderen weil sowohl Tinka als auch Bell nicht nur strohdumm waren, sondern zudem auch ¬†noch √ľber strohiges schlecht blondiertes Haar und Ans√§tze zu einem dicken Hintern verf√ľgten.

 

„Sie sind ganz in Ordnung, und keine von ihnen hat auch nur ann√§hernd einen so dicken Hintern, wie Odine ihn hat.“ Odines Blick durchbohrten ihn f√∂rmlich, woraufhin Erik ihr jedoch lediglich zuzwinkerte. „Stimmt doch, Odine. Wenn du nicht permanent darauf achten w√ľrdest, ihn eingezogen zu halten, w√ľrde er bald schon richtig √ľbel herunterh√§ngen.“

 

Thora hatte recht. Manchmal benahm sich Erik wirklich wie ein verzogenes Balg.

 

„Jetzt reichst aber, Erik“, mischte sich Marit entschieden ein. „Ich wei√ü gar nicht, woher du ein so schlechtes Benehmen hast, na gut, ich wei√ü es schon.“ Sie warf Olaf einen anklagenden Blick zu. „Wie dem auch sei…Du, mein lieber Sohn, wirst deine Pflichten gegen√ľber deinem Lande und deinem Herrn erf√ľllen und brav auf die Mission gehen, die dir aufgetragen worden ist. Mir ist es egal ob Kuddel oder Muddel oder Tinka oder Bell auf dich warten, dein Land geht vor!“

 

„Aber das Rennen…“

 

„Dein Land geht vor!“

 

„Opa“, wandte sich Erik daraufhin bittend an Olaf, doch dieser wedelte nur abwehrend mit den Armen. „Haltet mich da raus. Wie es mir scheint, ist heute mal wieder einer dieser verdammten ¬†Tage, an denen ich weder in meinem eigenen Haus noch in meinem eigenen Land etwas zu sagen habe. Also lasst mich doch einfach in Ruhe.“ Mit diesen Worten verschr√§nkte er die Arme vor die Brust und lie√ü sich von dem Wasser zu seinen F√ľ√üen in die Mitte des Beckens treiben. Ein unmissverst√§ndliches Zeichen daf√ľr, dass das Gespr√§ch beendet war.

 

Erik murrte immer noch leise vor sich hin, als Odine neben ihn trat. Eigentlich h√§tte sie noch w√ľtend sein m√ľssen ob der Sache mit ihrem Hintern, da sie sich aber sicher war, dass er perfekt war, gerade so, wie die Natur ihn geschaffen hatte, √ľberwand sie ihren √Ąrger mit Leichtigkeit. Sie stupste Erik sachte von der Seite an: „Hast du Lust, zur Sieben-F√§lle-Schmuck-Galerie zu gehen. Ole scheint heute eine neue Lieferung bekommen zu haben.“

 

Erik hob den Kopf, wie ein Tier, was soeben die Witterung seiner Lieblingsbeute aufgenommen hatte. „Klar.“

 

W√§hrend sie friedlich vereint den Raum verlie√üen, um einmal mehr eine Einkaufsorgie zu feiern, schweiften Odines Gedanken zur√ľck zu ihrer kleinen chaotischen¬† Schwester, die zu diesem Zeitpunkt ¬†vermutlich schon die halbe K√ľche mit Schokoladenteig verkleistert hatte. Sie √ľberlegte einen Augenblick, bevor sie Erik leise fragte: „Denkst du, dass ich oberfl√§chlich bin?“

 

Erik blickte sie einen Augenblick √ľberrascht an, bevor er erwiderte: „ Ja, aber nur ein kleines bisschen.“

 

 

Kapitel 6: Mimage und Nero

Jeder im Land des Eisernen R√ľckens trug schwarz. Jeder. Angefangen von den ganz kleinen Kindern, die im Lichte der hereinbrechenden Abendd√§mmerung √ľber den Vorplatz von Briseis‚Äė Turm tollten, bis hin zu den Alten und Gebrechlichen, die diese Strecke nur noch unter weit gr√∂√üerer Anstrengung und M√ľhe zur√ľcklegen konnten. Fast schien es so, als w√ľrde das Land kollektiv Trauer tragen, sofern es denn nicht einem etwas eigenwilligen Zweig der Gothik-Szene angeh√∂rte. Einem Zweig, der neben dem Tragen der Farbe Schwarz beinhaltete, dass man sich entweder den Kopf

kahlscheren musste und unabh√§ngig von Alter und Geschlecht sich m√∂glichst nur leicht bekleidete oder aber barfu√ü und m√∂glichst schmutzig herumlief. ¬†Die einzige auch f√ľr den Winter geeignete Alternative schien es indes zu sein, besonders skurril geschnittene Kleidung zu tragen. Augenscheinlich wurde nichts in dieser Welt ¬†als schlimmer erachtet, als gew√∂hnlich auszusehen.

 

Als ob die wenigen Menschen, die Felix auf dem Platz zu Gesicht bekam, nicht schon eigenartig genug gewirkt hätten, waren die Häuser, welche in einem respektvollen Abstand einen Kreis um den schwarzen Turm ihrer Herrin

bildeten, einfach nur noch bizarr zu nennen. Sie leuchteten. Sie leuchteten wirklich! Nicht so wie die H√§user bei ihm daheim, wo sich¬† nur hier und dort ein Lichtstrahl¬† durch ein offenes Fenster auf die Stra√üe verirrte,¬† nein, sie schienen vielmehr in ihrer G√§nze zu erstrahlen. Ein Strahlen, das tief im Inneren des jeweiligen Hauses zu beginnen schien, ehe es sich seinen Weg zu den Au√üenw√§nden suchte, diese in ein lava√§hnlich gl√ľhendes schwarzes Gestein verwandelte, nur um dann die Stra√üe in ein orangefarbenenes Licht zu tauchen. Alles in allem wirkten die Geb√§ude dadurch wie √ľbergro√üe mit reichlich Verzierung geschm√ľckte Lampen, die

weder Ecken noch Kanten besa√üen, sonder glatt und ebenm√§√üig geformt waren. Felix musste an sich halten, um nicht seine Finger √ľber eine der W√§nde gleiten zu lassen. Hastig schob er seine H√§nde in die Tasche seiner Jacke, w√§hrend er an den Geb√§uden vorbei Heros folgend die Hauptstra√üe hinunter schlenderte.

 

Je weiter er sich von Briseis‚Äė Turm entfernte, umso menschenleerer wurden die Stra√üen. Nur hier und dort erblickte er noch die ein oder andere Glatze oder ein Paar unbedeckter dreckiger F√ľ√üe. Er musterte die wenige M√§nner und Frauen, die er sah, unverhohlen und diese

erwiderte seine Blicke ebenso interessiert. Felix wusste, dass er mit seiner blauen Jeans und seiner roten Sportjacke inmitten der schwarzliebenden Exoten wie ein Paradiesvogel wirken musste.

 

Auch Heros war die gegenseitige Musterung nicht entgangen, da er unvermittelt brummte: ¬†‚ÄěDeine Kleidung und deine Haare sind zu auff√§llig daf√ľr, dass du eigentlich nicht auffallen sollst. Sobald wir bei mir daheim sind, bekommst du einige Sachen in unserer Landesfarbe.‚Äú Er musterte Felix absch√§tzend. ‚ÄěAm besten rasieren wir dir auch die Haare ab. Die Farbe ist bei

weiten zu Aufsehen erregend f√ľr unsere Zwecke.‚Äú

 

‚ÄěMeine Haare bleiben wo sie sind‚Äú, erwiderte Felix entschieden. Er mochte gar nicht daran denken, wie sein Vater reagieren w√ľrde, wenn er in einigen Tagen mit einer Glatze und der ¬†¬†Erkl√§rung, er h√§tte aufgrund eines kaputtes Raum-Zeit-Kontinuums in einer anderen Dimension festgesessen, vor der Haust√ľr stehen w√ľrde. Nat√ľrlich w√ľrde die Freude √ľber seine sichere Heimkehr alles andere √ľberstrahlen. Aber nach der Freude w√ľrden nur allzu schnell viel zu viele Fragen auftauchen und es w√§re bedeutend leichter diese mit allen Haaren

auf den Kopf zu beantworten, als ohne.

 

‚ÄěDas Haar kommt ab!‚Äú

 

‚ÄěWenn du das machst, gehe ich zu Briseis. Sie wird garantiert nicht erfreut sein zu h√∂ren, wie mies du ihren Gast behandelst.‚Äú

 

Heros runzelte irritiert die Stirn, gab dann seinen W√ľnschen jedoch nach. ‚ÄěDann musste du eben eine M√ľtze tragen.‚Äú Anscheinend hatte er keine Lust weiter zu diskutieren.

 

Felix bem√ľhte sich nicht einmal ein triumphierendes Grinsen zu

unterdr√ľcken. Er mochte dem anderen vielleicht k√∂rperlich unterlegen sein, aber solange das Damokles Schwert Briseis √ľber Heros‚Äė Kopf schwebte, w√ľrde er sich bei ihm durchsetzen k√∂nnen. ‚ÄěUnd ich will auch nicht bei dir daheim untergebracht werden, besorg mir ein‚Ķ‚Äú Felix versuchte verzweifelt einen passenden Namen f√ľr das Wort ‚ÄěHotel‚Äú in der fremden Sprache zu finden, doch es gab keins. ‚ÄěBesorg mir irgendwo anders ein Zimmer.‚Äú

 

‚ÄěNein!‚Äú entgegnete Heros entschieden.

 

‚ÄěIch bin Briseis‚Äė Gast und‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěDas Ganze hier hat mit Gastfreundschaft nichts aber auch wirklich gar nichts zu tun. Du sollst einfach nur so wenig wie irgend m√∂glich auffallen. Aber ¬†in einer Gastst√§tte wirst du, ein Andrerweltler, eben genau dieses tun und das ist mit Sicherheit das letzte, was Briseis will.‚Äú

 

Felix legte ob dieser Antwort die Stirn in Falten, erwiderte allerdings nichts, sondern trottete stattdessen wieder schweigend hinter Heros her. Nach und nach begannen sich die Häuser entlang des Weges zu verändern. Es war ein schleichender Prozess. Zuerst war es die imposante Größe, die abnahm, dann die

Anzahl an Verzierungen und schlussendlich wich der zuvor noch wunderbar lavagleich gl√ľhende Stein einem einfachen br√§unlichen, dessen W√§nde zwar heller, daf√ľr allerdings in einem unregelm√§√üigen schmutzig wirkenden Wei√ü leuchteten. An einem dieser einst√∂ckigen braunenwei√üen Steinh√§user hielt Heros schlie√ülich an. ‚ÄěDas wird dein Heim f√ľr die n√§chsten Tage sein.‚Äú Noch w√§hrend er sprach, zog er einen Schl√ľssel hervor, √∂ffnete die T√ľr und trat ein. Z√∂gernd folgte Felix ihm.

 

Er betrat einen langen Flur, dessen Wände dasselbe Licht absonderten, wie

die Au√üenfassade. Heros schien dieses nicht weiter ungew√∂hnlich zu finden, da er unbeirrt seine Jacke an einem Kleiderst√§nde aufh√§ngte, ehe er laut in den leeren Flur sagte: ‚ÄěIch bin wieder da.‚Äú

 

Eine Augenblick lang blieb es still, doch dann h√∂rte Felix ein Fu√ügetrappel und kurze Zeit sp√§ter lugte ein kleiner schwarzhaariger Kinderkopf um die erste T√ľr√∂ffnung. Gro√üe neugierige Kinderaugen musterten ihn einen Moment lang misstrauisch, bevor der Knabe seinen Beobachtungsposten verlie√ü und auf sie zu tapste. Unter seinem rechten Arm hatte er eine ‚Äďwie konnte es auch

anders sein- schwarze, wenn auch arg mitgenommene Stoffkatze geklemmt, w√§hrend er in seiner linken Hand ein angebissenes St√ľck Brot hielt. Er blieb direkt vor Heros stehen, blickte zu ihm auf, ehe er auffordernd ‚ÄěArm‚Äú, sagte.

 

Heros lachte leise, beugte sich dann allerdings herab, um dem Wunsch des Jungen nachzukommen. Als er sich wieder aufrichtete, befand¬† sich der Kleine direkt auf Augenh√∂he mit Felix. Neugierde war in seinen Augen zu erkennen, von denen das eine braun und das andere gr√ľn war. ‚ÄěKatze?‚Äú fragte der Bursche.

 

Heros grinste am√ľsiert. ‚ÄěNein, Tamilo. Das ist Felix, unser Gast.‚Äú

 

Der kleine Junge legte den Kopf zur Seite, verharrte einen Augenblick lang in dieser Position, schien dann jedoch zu Felix‚Äė Gunsten entschieden zu haben, da er ihn auf einmal anbietend sein Brot hinhielt: ‚ÄěEssen?‚Äú

 

Felix wusste nicht genau, wie er darauf reagieren sollte, als eine weibliche Stimme aus dem Raum erklang, den Tamilo erst vor kurzem verlassen hatte. ‚ÄěKommst du nun endlich oder bist du etwa am Boden festgewachsen.‚Äú

 

Heros verdrehte genervt die Augen, ging dann jedoch entschlossen auf die T√ľr√∂ffnung zu und betrat den Raum. Felix folgte ihm langsam, blieb allerdings unter dem T√ľrbogen stehen. Das Zimmer war gro√ü und weitl√§ufig. Direkt an der, der T√ľr gegen√ľberliegenden, Wand, befand sich eine Art Herd, nebst Sp√ľle und Vorbereitungsfl√§che, sowie einige Vorratsschr√§nke. Alle M√∂bel waren aus demselben Stein gefertigt worden, aus dem auch das Haus bestand und schienen nahtlos mit diesem verschmolzen zu sein. An einem dieser M√∂bel, einem kniehohen Esstisch, der seinen Platz ¬†in mitten der K√ľche gefunden hatte, sa√üen zwei Menschen. Ein M√§dchen und ein

Mann.

 

‚ÄěNa, was hast du denn dies Mal wieder gemacht, um deinen Auftrag zu vermasseln?‚Äú fragte das etwa zehnj√§hrige M√§dchen, das auf dem Boden vor dem Tisch hockte und eifrig etwas ¬†auf ihrem Block schrieb, ohne aufzublicken.

 

‚ÄěIch habe gar nichts gemacht‚Äú, erwiderte Heros emp√∂rt, doch als das M√§dchen, den Kopf immer noch √ľber ihrer Arbeit gesenkt, nur skeptisch die Augenbrauen hochzog, hakte er misstrauisch nach: ‚ÄěOkay. Wer hat es dir verraten? Sag‚Äôs mir, Sybilla!‚Äú

 

‚ÄěDu hast also tats√§chlich mal wieder Mist gebaut.‚Äú Die Stimme des M√§dchens triefte f√∂rmlich vor Befriedigung √ľber die Richtigkeit ihrer Vermutung. ‚ÄěNicht das mich das √ľberraschen w√ľrde, also‚Ķ was war es diesmal.‚Äú

 

‚ÄěNichts.‚Äú

 

‚ÄěAch komm schon, Heros, es ist ja nicht so, als ob uns noch irgendetwas schockieren w√ľrde, also was‚Ķ‚Äú Sie legte ihr Stift beiseite und blickte auf. Ihre Augen weiteten sich vor √úberraschung. ‚ÄěWer ist das?‚Äú

 

‚ÄěEin Gast.‚Äú

‚ÄěEin Gast?‚Äú hakte nun auch der Mann nach, der zusammen mit Sybilla am Tisch sa√ü.

 

‚ÄěJa ein Gast. Briseis‚Äė Gast, um genau zu sein. Sie will, dass ich mich um ihn k√ľmmere.‚Äú Irgendwie konnte sich Felix des Eindrucks nicht erwehren, dass Heros versuchte die Frage als unwichtig abzutun.

 

‚ÄěDu?‚Äú

 

‚ÄěJa, ich‚Äú, erwiderte Heros, wobei eindeutig ein nicht unerhebliches Ma√ü an Trotz in seiner Antwort mitklang.

 

‚ÄěWarum du?‚Äú Sybilla Stirn kr√§uselte sich vor Skepsis. ‚ÄěWas ist mit Helena?‚Äú

 

‚ÄěHelena hat jemanden in der anderen Welt kennengelernt und beschlossen dort zu bleiben.‚Äú

 

Das M√§dchen schwieg eine kurzen Augenblick lang, atmete √ľbertrieben tief ein und aus, ehe sie ungl√§ubig fragte: ‚ÄěDu hast schon wieder einen Partner verloren?‚Äú

 

Heros Gesicht lief puterrot an, und er versteifte sich unwillk√ľrlich. ‚ÄěIch habe sie nicht‚Ķ‚Äú Er suchte nach den passenden Worten, allerdings ohne

Erfolg, ‚Äě‚Ķverloren! Sie hat einfach beschlossen nicht zur√ľck zu kommen.‚Äú

 

‚ÄěAch Heros‚Äú, seufzte der Mann und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. ‚ÄěDu wei√üt‚Ķ

 

‚ÄěVater bitte‚Äú, unterbrach Heros ihn, allerdings ohne Erfolg, da dieser bereits fortfuhr: ‚Äě‚Ķ du wei√üt schon, dass irgendwann die Leute aufgrund deiner miesen Statistik nicht mehr mit dir zusammenarbeiten wollen.‚Äú

 

‚ÄěDu tust ja gerade so, als ob ich das mit Absicht machen w√ľrde‚Äú, entr√ľstete sich Heros.

‚ÄěNaja, es gibt da vermutlich den ein oder anderen, der das anders sehen w√ľrde: Esra, Ikarus, Helena‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěEs reicht langsam, Sybilla‚Äú, ergriff Heros‚Äė Vater unerwarteter Weise f√ľr seinen Sohn Partei, woraufhin Sybilla schmollend die Lippen sch√ľrzte. ‚ÄěWas soll unser Gast denn von uns denken.‚Äú Er erhob sich von seinem Sitzkissen, durchquerte den Raum und streckte Felix die Hand entgegen, um die seine herzlich zu sch√ľtteln. ‚ÄěIch bin Phobos, Heros‚Äė Vater. Es ist uns eine Ehre, einen von Briseis‚Äė G√§sten in unserem Haus willkommen zu hei√üen‚Äú, Felix setzte gerade dazu an, sich etwas zu

entspannen, als Heros Vater leise murmelnd erg√§nzte: ‚ÄěWenn ich auch nicht ganz verstehe, warum ausgerechnet jemand so unzuverl√§ssiges wie Heros dich betreuen soll?‚Äú

 

Mit diesen Worten warf er seinem Sohn einen auffordernden Blick zu, welcher allerdings ablehnend den Kopf sch√ľttelte. ‚ÄěTut mir Leid, aber ich kann es nicht sagen.‚Äú

 

‚ÄěKannst du nicht oder willst du nicht?‚Äú mischte sich Heros kleine b√∂sartige Schwester auf ein Neues ein.

 

Heros ignorierte sie jedoch einfach und

schenkte seinem Vater einen bedeutungsschweren Blick. ‚ÄěIch kann es wirklich nicht.‚Äú

 

‚ÄěBriseis?‚Äú

 

Heros nickte, woraufhin sein Vater in Gedanken versunken vor sich hinstarrte. Seine Gesichtsz√ľge wirkten angespannt, so als k√§mpfte er innerlich einen Kampf aus, w√§hrend seine beiden √§ltesten Kinder, obgleich sie sich noch vor wenigen Sekunden wie Katze und Hund verhalten hatten, eintr√§chtig schweigend warteten. Mehrere Minuten lang blieb der Raum in dieser Stille versunken, doch dann erhob sich Phobos abrupt: ‚ÄěZeit

zum Essen.“

 

---

 

Als Felix am n√§chsten Morgen erwachte, f√ľhlte er sich wie ger√§dert. Sein Bett war nicht nur wie alles andere in dem Haus auch aus Stein geformt, sondern hatte sich trotz Matratze und Kissen auch so angef√ľhlt. M√ľhsam k√§mpfte er sich aus den Federn und streckte sich. Das morgendliche Licht, das durch das Fenster in den Raum fiel, best√§tigte seinen Eindruck vom Vorabend, dass es sich bei dem Zimmer, um ein reines Schlafzimmer handelte, da lediglich zwei Betten und zwei Kleiderschr√§nke in dem

Raum untergebracht worden waren.

 

Felix warf einen Blick auf das andere Bett, indem Heros sich zusammengerollt hatte und immer noch tief und fest schlief.¬† Er z√∂gerte kurz, beschloss dann jedoch, dass er keine Lust hatte noch unn√∂tig l√§nger in dem unbequemen Bett zu verharren. Rasch zog er sich seine Schuhe an, bevor er die T√ľr √∂ffnete und auf den Flur hinaustrat. Er lauschte und schritt dann, als er Ger√§usche aus der K√ľche vernahm, zielstrebig auf diese zu, nur um sodann im T√ľrrahmen einmal mehr innezuhalten.

 

‚ÄěGuten Morgen, Felix‚Äú, begr√ľ√üte ihn

Heros‚Äė Vater freundlich, der Tamilo zu seinen F√ľ√üen spielend in ein paar Akten gebl√§ttert hatte. ‚ÄěM√∂chtest du zuerst fr√ľhst√ľcken oder willst du dich erst einmal frischmachen?‚Äú

 

Felix blickte an sich herunter. Seine Kleider saßen schlecht und starrten vor Dreck - was in Anbetracht der Tatsache, dass er sie zwei Tage nicht gewechselt und zudem in ihnen geschlafen hatte, nicht wirklich verwunderlich war. Allerdings hatte er nichts zum Wechseln dabei. Hilflos zuckte er mit den Schultern.

 

‚ÄěIch habe ein paar von Heros alten

Sachen zusammengesucht, die dir passen sollten.‚Äú Ohne Felix‚Äė Antwort abzuwarten, erhob sich Phobos von seinem Platz, um ihm die angebotene Kleidung zu holen und lie√ü Felix mit dem kleinen Tamilo allein zur√ľck. Wie bereits am Vorabend musterte der Kleine ihn weit mehr interessiert als √§ngstlich. Seine unterschiendlichen Augen, die denen seines Vaters so √§hnlich waren,¬† fixierten ihn, als er aufstand und seine geliebte Stoffkatze unter dem Arm geklemmt vor ihm stehenblieb.

 

Er deutete mit dem Finger auf ihn. ‚ÄěFelix.‚Äú Dann zeigte er auf sein Stofftier. ‚ÄěKatze.‚Äú Und schlussendlich

wanderte sein Finger zu ihm selbst. ‚ÄěTamilo.‚Äú

 

Felix lachte, lie√ü sich vor dem Jungen in die Hocke sinken und begann sich mit ihm zu unterhalten. Er mochte kleine Kinder, er hatte sich eigentlich schon immer gut mit ihnen verstanden. W√§hrend seine Freunde sich h√§ufig √ľber ihre nervigen, kleinen Geschwister beschwert hatten, hatte er selbst nie dieses Problem mit Rike gehabt. Das Gegenteil war eher der Fall gewesen. Er war stolz darauf ein gro√üer Bruder zu sein und seiner kleinen Schwester da zu helfen, wo gerade Not am Mann war.

 

‚ÄěNa, Tamilo, hast du einen neuen, kleinen Freund gefunden?‚Äú fragte Phobos leise l√§chelnd, als er mit ein paar Kleidungsst√ľcken zur√ľckkehrte.

 

‚ÄěKleiner Freund‚Äú, wiederholte Tamilo begeistert, was Felix mit einem gequ√§lten L√§cheln quittierte. Er war etwas empfindlich, was seine K√∂rperma√üe anging.

 

‚ÄěAber dein Freund muss jetzt erst mal duschen gehen. Er stinkt!‚Äú erkl√§rte Phobos wie selbstverst√§ndlich und dr√ľckte dem etwas perplexten Felix die ¬†Kleidung in die Hand, ehe er sich, als w√§re nichts gewesen, wieder seinen

Unterlagen zuwandte. Felix verharrte einen Augenblick lang fassungslos in dieser Position, wandte sich dann allerdings ab, um das Badezimmer aufzusuchen.

 

‚ÄěUnd lass deine dreckigen Sachen bitte gleich um Bad, ich bringe sie dann sp√§ter in die W√§scherei‚Äú, rief Phobos ihm hinterher, als er gerade die T√ľr des Badezimmers hinter sich schlie√üen wollte. ‚ÄěDas ist die einzige M√∂glichkeit dieses widerliche Erbrochene und die Blutflecken noch raus zu bekommen.‚Äú

 

Felix‚Äė Gesicht r√∂tete sich vor Scham und √Ąrger. Was war mit Heros Vater los?

Warum musste er ihm zuerst ein nettes Angebot machen, nur um dann zu versuchen, ihn mit einem gezielten Nachsatz in Verlegenheit zu bringen? W√ľtend zog er seinen Pullover aus und warf ihn in die Ecke. Warum gab es nicht eine einzige Person in diesem Land, die einfach nur mal nett zu ihm sein konnte oder wenigstens Mitleid mit ihm und seiner verfahrenden Situation hatte. Stattdessen drohte Heros ihm an, seine Haare abzurasieren, Sybilla schien nichts mehr zu interessieren als ihre st√§ndige Besserwisserei, Phobos streute bewusst oder unbewusst Salz in seine Wunden, indem er √ľber seine K√∂rpergr√∂√üe und seinem Geruch herzog und¬†

Briseis…Briseis war einfach nur unheimlich in ihrer ganzen Art und Weise.

 

Frustriert √ľber seine Gesamtsituation entledigte er sich seiner Jeans, kn√ľllte sie zusammen und schleuderte sie in die Ecke, woraufhin der in eben an diesem Platz stehende Besen mit einem lauten scheppern zu Boden fiel. Einen Moment lang¬† war es still, doch dann vernahm Felix an leises Klopfen an der T√ľr. ‚ÄěAlles in Ordnung da drin?‚Äú

 

‚ÄěAlles Okay, ich habe nur ausversehen den Besen umgesto√üen‚Äú, versuchte Felix Phobos zu beruhigen und beeilte sich den

Feger rasch wieder aufzustellen.

 

‚ÄěDann ist ja gut.‚Äú

 

Felix wartete bis er Phobos‚Äė davon schreitende Schritte h√∂rte, ehe er auch den Rest seine Kleidung auszog. Er wollte gerade in die Dusche steigen, als er den Verband an seinem linken Oberarm bemerkte. Vorsichtig entfernte er die Bandage und betrachtete nachdenklich die bereits mit Schorf bedeckt Wunde, die sich nur wenige Millimeter unterhalb der Stelle befand, wo er sich den Namen Nicole hatte eint√§towieren lassen. Merkw√ľrdiger Weise konnte er sich nicht einmal daran

erinnern, wann er sich diese Verletzung zugezogen hatte ‚Äďgeschweige denn, ob er sich nun beim Kampf mit Heros verletzt oder sie sich bei seiner Flucht durch den Wald zugezogen hatte. Aber da die Wunde bereits am Abheilen war, war es ohnehin egal.

 

Rasch trat er in die Dusche. Das Wasser, das mitten aus der Decke kam, war - f√ľr Felix‚Äė Temperatur empfinden ‚Äď eiskalt und so beeilte er sich die ganze Prozedur m√∂glichst schnell hinter sich zu bringen.

 

Seine Zähne klapperten laut, als er die Dusche verließ, so dass er sich beeilte in

Heros alte Kleidung zu schl√ľpfen. Er hatte gerade den G√ľrtel des Kimono artigen Mantels um seine Taille geschlungen, als vor der T√ľr ein Tumult losbrach. Felix z√∂gerte kurz, doch dann konnte er einfach nicht widerstehen. Er √∂ffnete die T√ľr einen Spalt breit und sp√§hte durch die entstanden L√ľcke hindurch in den Flur hinaus. Doch was er sah, lie√ü ihm f√∂rmlich das Blut in den Adern gefrieren. Es war als w√§re sein Alptraum vom Vortag pl√∂tzlich zum Leben erwacht. Nur dass es sich nicht um ein Riesenkaninchen handelte, sondern um eine ca. 100 kg schwere, schwarze Monsterkatze und das dieses Mal nicht er der Verfolgte war, sondern

Tamilo.

 

 

Felix erbleichte. Wo war Heros, wo Phobos, warum half den niemand dem Kleinen, der um sein Leben rannte und aus Leibeskr√§ften schrie. Wo waren sie? Warum h√∂rten sie nichts? Verdammt noch mal, war denn keiner hier, der den Jungen zur Hilfe eilen konnte. Felix Beine, die Sekunden lang wie festgefroren am Boden geklebt hatten, wichen pl√∂tzlich wie von selbst einige Schritte zur√ľck.

 

Nein.

 

Nein!

 

Er konnte Tamilo nicht helfen. Er war doch selbst kaum mehr als ein Kind. Er konnte nicht‚ĶBilder stiegen in ihm auf. Erinnerungsfetzen, in dem der Junge ihm seiner Stoffkatze vorgestellt und ihn auf seine ureigene kindliche Art und Weise in seinen Freundeskreis aufgenommen hatte. Felix lie√ü den Kopf gegen die k√ľhle mit Wasser benetzte gl√§serne Duschwand sinken. Verdammt noch mal. Er ergriff den Besen, ¬†riss die T√ľr auf und schnappte sich den gerade vorbeilaufenden Tamilo am Arm, um ihn hinter sich ins Badzimmer zu schieben, w√§hrend er mit dem steinernen Besenstil

nach der Monsterkatze schlug. Diese wich den einen Schlag aus, sprang beim zweiten ein St√ľck zur√ľck und verwandelte sich als Felix zum dritten Schlag ansetzte in einem ziemlich w√ľtenden Heros. ‚ÄěSag mal spinnst du oder was soll das?‚Äú

 

Laut polternd fiel der Besen zu Boden, als Felix zitternde Hand anklagend in Heros Richtung deutete. ‚ÄěKa‚ĶKa‚ĶKa‚Ķ Ka‚Ķ. Katze.‚Äú

 

‚ÄěJa, ich kann mich in eine Katze verwandeln, na und? Das ist doch nun wahrhaftig kein Grund mich erschlagen zu wollen, oder?‚Äú fauchte Heros

√§rgerlich ohne sich um seine Nacktheit zu k√ľmmern.

 

¬†‚ÄěKa‚Ķka‚Ķ. Katze!‚Äú

 

Heros Stirn legte sich in Falten, als er pr√ľfend den Kopf zur Seite beugte. ‚ÄěSag mal, ist alles in Ordnung mit dir. Du wirkst ein bisschen‚Ķ durcheinander?‚Äú In seiner Stimme klang nun eindeutig Unsicherheit mit.

 

‚ÄěKa..ka, ka, ka, ka‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěJa, ich wei√ü, Katze!‚Äú Heros nickte bekr√§ftigend, ehe er ihm hilfsbereit unter die Arme griff und ihn in die K√ľche

f√ľhrte, um ihn dort auf eines der Sitzkissen zu dr√ľcken.

 

Langsam aber stetig wich der dichte Nebel der Verst√§ndnislosigkeit aus Felix‚Äė Gehirn. Er fixierte Heros, der sich auf dem Sitzkissen ihm direkt gegen√ľber hatte sinken lassen, mit einem starren, bohrenden Blick, der Briseis vor Neid h√§tte erblassen lassen, als er mit br√ľchiger Stimme das Offensichtliche feststellte: ‚ÄěDu bist eine Katze.‚Äú

 

‚ÄěIch kann mich in eine Katze verwandeln‚Äú, verbesserte Heros ihn mit einer fast schon widerw√§rtig beruhigenden Stimme.

‚ÄěAber Katze ist¬† kein Element.‚Äú Felix z√∂gerte kurz. ‚ÄěOder?‚Äú

 

‚ÄěNat√ľrlich geh√∂ren Katzen nicht zu den vier Elementen, was redest du da?‚Äú Heros‚Äô Stimme klang nun wieder etwas ungeduldiger, normaler.

 

‚ÄěAber Briseis hat gesagt, die Magier hier sind Elementmagier und da habe ich gedacht‚Ķ‚Äú An dieser Stelle stockte Felix.

 

Heros schnaubte abf√§llig. ‚ÄěDas ist wieder mal typisch.‚Äú Er atmete tief durch, so als bereitete er sich innerlich auf ein anstrengendes Gespr√§ch vor.

‚ÄěMimage sind Elementmagier. Sie k√∂nnen eine Affinit√§t zu Feuer, Wasser, Erde und Luft besitzen. Aber ich bin kein Mimage, sondern ein Nero. In diesem Fall ein Nero, der sich in eine Katze verwandeln kann. Es gibt viele von uns, die Gestaltenwandlern sind, andere Neros k√∂nnen hervorragend h√∂ren oder sehen oder riechen und wieder andere sind in der Lage ihren K√∂rper, so zu ver√§ndern, dass sie zum Beispiel zweidimensional werden. Der Hauptunterschied zwischen uns und den Mimages ist, dass wir Neros unsere Magie auf unseren eigenen K√∂rper anwenden, w√§hrend die Mimage ihr jeweiliges Element ben√∂tigen, weil sie

mit diesem ja auch arbeiten m√ľssen. Ist doch ganz logisch oder?‚Äú

 

Felix schwirrte der Kopf. Das watteweiche Gef√ľhl, das seitdem¬† Gespr√§ch mit Briseis sein Gehirn in einem warmen sch√ľtzenden Kokon gehalten hatte, verfl√ľchtigte sich zunehmend. Er wusste zwar immer noch, dass diese Welt, diese fremde Welt, real war, das ihre Menschen real existierten und das es so etwas wie Magie gab, und doch war Heros‚Äė Erkl√§rung weit weniger einleuchtend gewesen als Briseis‚Äė. Es war zum verr√ľckt werden. Sein Kopf glaubte an Mimages, die er noch nie zuvor gesehen hatte, und doch stellte es

zur gleichen Zeit die Existenz von Neros in Frage und das, obwohl er eine solchen soeben mit eigenen Augen erblickt hatte. Seine Gedanken schwirrten ungeordnet in seinen Kopf hin und her. Er zweifelte an der Richtigkeit dieser Welt und konnte doch nicht gänzlich zweifeln.

 

Er sp√ľrte Heros‚Äė nachdenklich musterenden Augen einmal mehr auf sich, bemerkte wie dieser irgendwann unruhig wurde, nur um sich dann mit einem ‚ÄěIch muss mir nur schnell etwas anziehen, bin gleich wieder zur√ľck‚Äú verabschiedete und mit Tamilo in Schlepptau die K√ľchen verlie√ü. Er war allein. Sein Blick glitt unkontrolliert

durch den Raum, blieb kurz auf einem Zettel haften, der Heros mitteilte, dass sein Vater wegmusste, um Ariadne vom Schulausflug abzuholen, nur um dann am Fenster zu verharren.

 

Langsam erhob er sich von seinen Sitzplatz und trat n√§her an dieses heran. W√§hrend die Stra√üen am Abend zuvor noch menschenleer gewesen waren, schienen sie im Lichte des Tages beinahe vor Leben zu ersticken. Schwere √§chzende, von Rentieren gezogene Gef√§hrte, bahnten sich ihren Weg unter lautem Hufgetrappel durch die Stra√üen. Vorbei an Heros‚Äė Landsleute und einige Fremden, die mit ihren weniger

deprimierenden blauen, wei√üen und gr√ľnen Kleidung, aus der Menge herausstachen, wie bunte Farbtupfer.

 

Sein Blick fiel unwillk√ľrlich auf einen Mann, der sich an eine Art doppelseitige Sackkarre lehnte, welche auf der einen Seite √ľber eine gro√üe Tragfl√§che verf√ľgte und auf der andere Seite ‚Äďdie Seite an der sich auch die Griffe befanden- eine kleinere Tragfl√§che in Form einer Box hatte. Das ganze w√§re vermutlich nichts au√üergew√∂hnliches gewesen, wenn er dabei nicht samt Karren gut drei Meter √ľber den Boden geschwebt w√§re, um sich besser mit einer Frau, die gerade an der Fassade

eines Hauses arbeitete, unterhalten zu k√∂nnen. Es waren¬† Magier! Nat√ľrlich waren es Magier, aber‚Ķaber sie waren echt, ihre Magie war echt. Nicht die Art von Zauberei, die darin bestand mit einer gro√üen dramatischen Geste ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, um damit den Beifall irgendeines Publikums zu erhalten, sondern anderes.¬†

 

Er blickte sich um in der Erwartung, dass auch andere Leute auf das Au√üergew√∂hnlich, das ¬†gerade direkt √ľber ihren K√∂pfen stattfand, aufmerksam geworden waren. Doch die gesch√§ftig hin und her eilenden Menschen auf den Stra√üen h√§tten nicht uninteressiert sein

k√∂nnen. Fast schien es Felix so, als ob dieses Schauspiel f√ľr sie Normalit√§t w√§re, als ob Magie f√ľr sie zum Alltag geh√∂ren w√ľrde und jegliche Faszination, jedweden Zauber verloren hatte.

 

Er verfolgte von seinem Beobachtungsposten aus, wie der Mann mit der Sackkarre, diese pl√∂tzlich zur√ľcksteuerte nur um sodann mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit √ľber die K√∂pfe der Menschen hinweg, die Stra√üe hinunter zu rasen. Dabei h√§tte er fast einen seiner etwas h√∂her gewachsenen Landsleute erwischt, der seinen Unmut dadurch zum Ausdruck brachte, indem er seinen rechten Arm in einen riesigen

Hammer verwandelte und diesen in einer Drohgeb√§rde √ľber den Kopf hob.

 

Schon zum zweiten Mal an diesem Morgen sp√ľrte Felix, wie ihm die Knie weich wurden und sein Gedanken ins Chaos driftete. Er h√∂rte nicht einmal, wie die Eingangst√ľr sich √∂ffnete und wieder schloss und nahm nur am Rande war, wie Heros‚Äė Vater mit Sybilla und einem weiteren etwas kleineren M√§dchen im Schlepptau den Raum betrat.

 

‚ÄěDas ist Ariadne, meine J√ľngste. Sie ‚Ķ‚Äú Phobos stockte, als er in Felix blasses Gesicht mit den weit aufgerissenen blauen Augen blickte. ‚ÄěIst alles in

Ordnung mit dir? Du siehst scheiße aus.“

 

Felix konnte nicht anders, sondern deutete nur anklagend auf die Stra√üe, worauf Heros‚Äė Vater neben ihm trat, um ebenfalls einen Blick auf diese zu werfen.

 

‚ÄěAlso ich sehe nichts Felix, was meinst du denn?‚Äú

 

Erneute zeigte Felix mit zitternder Hand auf die Straße.

 

‚ÄěOch nee, bitte nicht schon wieder‚Äú, erklang in diesem Augenblick nun auch Heros‚Äė verzweifelte Stimme hinter ihm.

‚ÄěDas hatten wir doch schon.‚Äú

 

‚ÄěIch glaub‚Äė, du hast ihn kaputt gemacht‚Äú, analysierte Sybilla trocken.

 

‚ÄěIch habe ihn nicht‚Ķ‚Äú, begann Heros laut, ehe er nach einem Blick in Felix‚Äė Richtung seine Stimme m√§√üigend fortfuhr: ‚Äě‚Ķ nicht kaputt gemacht. Briseis hat einfach nur vergessen, ihm mit der H√§lfte der Weltbev√∂lkerung vertraut zu machen. Mit Mimages in ihrer ersten, zweiten und dritten Stufe kommt er super klar, sie k√∂nnen in eine andere Dimension bef√∂rdern, ihn heilen, sein Gehirn manipulieren‚Ķ aber er sobald er einen Nero auch nur von

weiten sieht, wird er komisch.“

 

‚ÄěWas hast du gemacht, Heros?‚Äú

 

‚ÄěIch habe mit Tamilo fangen gespielt, wie wir es immer machen‚Äú, erkl√§rte Heros kleinlaut. ‚ÄěUnd er hat mich wohl f√ľr eine echte Katze gehalten und aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit Riesenkaninchen‚Ķ‚Äú Heros zuckte mit den Schultern.

 

‚ÄěAch Heros.‚Äú Phobos atmete tief ein und aus, so als w√§re es nicht das erste Mal, dass er die Missgeschicke seines Kindes wieder bereinigen musste. ‚ÄěEs ist ja nicht so, als ob du das missratenste Kind

dieser Familie w√§rst, obwohl du dir manchmal redlich M√ľhe gibst‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěDeimos bitte‚Ķ‚Äú fiel ihm Sybilla unvermutet ins Wort. ‚ÄěWir sollten uns nun wirklich, um Briseis‚Äė Gast k√ľmmern, bevor noch Oma oder ein anderer unserer Verwanden vorbei kommt und ihn f√ľr immer traumatisiert.‚Äú

 

‚ÄěDu hast vermutlich recht. Bringt ihn am besten erst mal da weg und haltet ihn von den Fenstern fern. Ich gehe derweil zum Auge, um das Ganze zu kl√§ren.‚Äú

 

Felix bemerkte nur am Rande, wie Heros ihn einmal mehr unter die Arme griff und

zum K√ľchentisch f√ľhrte, w√§hrend die ehemalig heile Welt in seinem Kopf im Chaos versank.

Kapitel 7: Der Geruch von Schwefel

 

„Wie man h√∂rt, hast du schon wieder einen Partner verloren.“

 

Heros musste an sich halten, um seine Augen nicht im stillen Sto√ügebet gen Decke zu richten. Er hatte diesen „Witz“ von Anfang an nicht lustig gefunden und die Tatsache, dass er ihn mittlerweile zum achtunddrei√üigsten Mal an diesem Abend verkrampft l√§chelnd √ľber sich ergehen lassen musste, machte es auch nicht besser. Aber was sollte er tun? Er brauchte diesen Nebenjob in der Gastst√§tte nun einmal, da sein Missionsgehalt bei weitem nicht ausreichte, um seine Lebenshaltungskosten zu decken.

 

„Wie hast du’s dann diesmal verbockt?“ Die Dreistigkeit des Mannes oder wohl besser gesagt der verzweifelte Versuch, eine der Damen an seinem Tisch mit seinem geschmacklosen Scherz f√ľr sich zu gewinnen, kannte keine Grenzen

 

„Helena hat sich verliebt und wollte lieber in der anderen Welt bleiben“, erwiderte Heros, w√§hrend er mit gesenktem Blick die leeren Gl√§ser vom Tisch abr√§umte. Er beeilte sich, doch war er leider nicht schnell genug

 

„Desertieren nennt man sowas und nichts anderes.“ Die alkoholgef√§rbten Wangen des Mannes plusterten sich vor √ľbertriebener Emp√∂rung auf. „Am besten sollte man sie, nein, ihre ganze Familie hinrichten lassen. Nichts Besseres verdient dieses Verr√§terpack.“

 

„Ach halt doch endlich die Klappe, Phokos! Du und deine ewige Hetzerei“, unterbrach ihn eine der Frauen √§rgerlich. „Und lass im Namen der G√∂tter den armen Heros in Ruhe. Er macht hier schlie√ülich nur seine Arbeit. Du musst nicht immer…“

 

So unauff√§llig wie m√∂glich zog Heros sich in diesem Moment zur√ľck und bahnte sich seinen Weg in Richtung Theke. Dionysos, der Besitzer der Schenke, blickte nicht einmal auf, als er die leeren Gl√§ser auf die Sp√ľle stellte, sondern sch√ľttelte nur missbilligend den Kopf. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Heros wusste, dass der Wirt nie etwas gegen seine G√§ste sagen w√ľrde, was allerdings eher daran lag, dass jedes Wort aus seinem Mund, das Trommelfell seines Gegen√ľbers sofort zum Platzen bringen w√ľrde, als daran, dass er ihr grenzwertiges Verhalten gegen√ľber seinen Angestellten in Ordnung fand.

 

Heros war unterdessen einfach nur erleichtert, seine Schicht inklusive Spie√ürutenlauf f√ľr diesen Abend endlich beenden zu k√∂nnen. Er gab seinem Chef ein kurzes Zeichen und √ľbergab seine Geldb√∂rse Kassandra, die f√ľr die n√§chste Schicht eingeteilt worden war. „Mach‘ dir nichts d’raus, Heros. Sie sind betrunken“, versuchte diese ihn aufzumuntern, ehe sie sich ein Tablett voller Gl√§ser schnappte und auf den n√§chsten Tisch zusteuerte.

 

Heros schaute ihren sanft hin und her schwingenden H√ľften einen Augenblick lang versonnen nach, wurde dann jedoch durch das laut vernehmbare R√§uspern seines Chefs in die Realit√§t zur√ľckgeholt. Er hob in einer unschuldigen Geste die H√§nde, um Dionysos zu bedeuten, dass er nicht einmal im Traum daran denken w√ľrde, seiner √§ltesten Tochter nachzustellen, bevor er sich so schnell wie m√∂glich seiner Sch√ľrze entledigte, diese in einer der daf√ľr bereitstehenden W√§schek√∂rbe unter der Theke warf, und ein weiteres Mal den R√ľckzug antrat.

 

Eigentlich w√ľrde er im Moment nichts lieber tun, als einfach nur nach Hause zu gehen, sich in seinem Bett zusammen zu kringeln und zu schlafen. Allerdings konnte er den Gastraum nicht einfach verlassen, da seine Freunde ihn schon am fr√ľhen Nachmittag abgefangen hatten, um ihm unmissverst√§ndlich klar zu machen, was sie von seiner Heimlichtuerei hielten.

 

Gut, er war ihnen wirklich in den vier Tagen, die seit seiner R√ľckkehr verstrichen waren, aus dem Weg gegangen. Aber wie sollte er ihnen auch erkl√§ren, dass er ihnen eben nichts erz√§hlen durfte? Er konnte ihnen aufgrund von Briseis‘ Manipulation nichts √ľber den Unfall der¬† Dimensionshexe berichten und √ľber Felix, der die vergangenen vier Tage nichts weiter gemacht hatte, au√üer zu essen und zu schlafen, wollte er nicht reden.

 

Die ganze Situation war einfach zu kompliziert und Felix selbst nicht minder. Zwar hatte Briseis letztendlich doch noch mit einer weiteren Manipulation daf√ľr gesorgt, dass er sich mit der ganzen Magie – einschlie√ülich die der Neros - um ihn herum abfand, aber der vorangegangene Schock hatte seiner Neugierde, was diese Welt anbelangte, einen argen D√§mpfer versetzt. Sein gesamter Tagesinhalt schien seitdem nur noch darin zu bestehen, auf der Fensterbank sitzend auf die Stra√üe hinauszuschauen, dabei mit diesem komische rechteckigen Ding - seinem sogenanntem Handy - zu spielen, und auf die R√ľckkehr in seine Heimatwelt zu warten.

 

Heros konnte nicht genau sagen, was er eigentlich erwartet hatte, aber irgendwie deprimierte ihn dieses Verhalten. Ja, er hatte einen Fehler gemacht, als er den Jungen zur Geisel genommen hatte, aber es tat ihm ja auch wirklich Leid. Er hatte sich daf√ľr sogar bei Felix entschuldigt, aber dieser hatte seine Bitte um Verzeihung lediglich mit einem Schulterzucken abgetan.

 

Heros verstand nicht, wie ein Mensch so unvers√∂hnlich sein konnte. War er etwa nachtragend gewesen ob der Kratzer, die Felix ihm zugef√ľgt hatte? Nein, er selbst hatte alles stillschweigend hingenommen: Die Verletzung an der Stirn, die entz√ľndete Bisswunde an der Hand, wegen der er sogar einen Heiler hatte aufsuchen m√ľssen, ebenso wie die Tatsache, dass Felix ihm mit den steinernen Besenstiel h√§tte umbringen k√∂nnen. Also warum konnte Felix ihm dann nicht auch verzeihen, zumal er k√∂rperlich mehr oder weniger unversehrt war und alsbald wieder in seine Heimatwelt zur√ľckkonnte?¬†

 

Vermutlich war er, Heros, schlichtweg dumm, weil er sich die ganze Sache so zu Herzen nahm. √úber sich selbst innerlich den Kopf sch√ľttelnd, machte er sich auf den Weg zu einer der hinteren Tische, an den sich seine Freunde in gro√üer Runde versammelt hatten und seine Bewegungen in den letzten paar Minuten nicht aus den Augen gelassen hatten.

 

„So, so, der verlorene Sohn kehrt also doch noch zur√ľck“, wurde er lautstark begr√ľ√üt, als er an ihrem Tisch angekommen war. ¬†Ohne viel Aufhebens zu machen rutschte die Gruppe auf der kreisrunden Sitzbank zusammen, um einen weiteren Platz zu schaffen, auf den sich Heros sinken lie√ü. Keine Sekunde sp√§ter hatte er wie alle anderen auch ein Kr√§uterbier vor sich stehen und die neugierigen Blicke seiner Freunde auf sich gerichtet.

 

„Wie l√§ufst bei der Arbeit, Ikarus?“, versuchte er die Aufmerksamkeit von sich weg auf seinen ehemaligen Partner und besten Freund zu lenken, welches dieser mit einem nachsichtigen Kopfsch√ľtteln quittierte. „Du brauchst gar nicht erst versuchen von dir abzulenken.“ Beim Sprechen entbl√∂√üte er eine Reihe schneewei√üer Z√§hne, die im Lichte des Gastraums ebenso strahlten wie seine perfekt polierte Glatze. „Und nun erz√§hl schon.“

 

Heros nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug. „Da gibt‘s eigentlich nicht viel zu erz√§hlen. Helena hat mich sitzen lassen, und ich bin allein zur√ľckgekommen.“

 

„Vergiss doch mal Helena. Was ist mit dem Jungen? Dem Andererweltler? Stimmt es wirklich, dass er gr√ľne Haare hat,¬† und den ganzen Tag am Fenster hockt?“

 

Heros h√§tte sich daf√ľr in den Hintern bei√üen k√∂nnen, dass er Felix nicht doch eine Glatze verpasst hatte, obwohl das vermutlich auch nichts genutzt h√§tte. Die Stadt hatte ihre Augen und Ohren √ľberall, h√∂rte jeden, sah alles und deckte den Rest mit Ger√ľchten ab. Aber solange wenigstens das Geheimnis um die Verletzung der Dimensionshexe auch ein solches blieb,¬† bewegte er sich noch im gr√ľnen Bereich. Das hoffte er zumindest.

 

„Leute, ich darf euch wirklich nichts dar√ľber sagen.“

 

„Also stimmt es tats√§chlich.“ Evangelos‘ lautes Organ w√§re vermutlich bis in den letzten Winkel des Gastraums vorgedrungen, wenn Heros nicht noch in einer letzten warnenden Geste,¬† den Zeigefinger zum Mund gehoben h√§tte, woraufhin sein Freund nun deutlich leiser, wenn auch nicht minder aufgeregt fl√ľsterte: „Es stimmt! Bei dir wohnt tats√§chlich ein Andererweltler.“

 

Da es sowieso zwecklos war, die ganze Sache jetzt noch vor seinen Freunden zu leugnen, nickte er leicht.

 

„Das ist… das ist ja Wahnsinn! Wie ist er denn so?“

 

Heros fielen jede Menge Worte ein, um Felix zu beschreiben, angefangen von anstrengend, √ľber undankbar und unvers√∂hnlich, bis hin zu schlichtweg zerm√ľrbend. „√úberfordert.“

 

„√úberfordert?“ hakte Hippolyta nach, w√§hrend sie, auff√§llig um Unauff√§lligkeit bem√ľht, versuchte ihren Brustpanzer gerade zu r√ľcken.

 

„Seine Heimatwelt und die unsere sind total verschieden. Sie haben keine Magie, sodass ihm das Ganze hier einfach zu viel ist.“

 

„Moment mal, wie k√∂nnen sie keine Magie haben? Wie heile sie ihre Leute? Wie transportieren sie ihre Sache? Wie verdammt noch mal kommunizieren sie miteinander?“

 

¬†„√Ąhm… Sie habe da etwas…“ Heros kratze sich nachdenklich die Stirn. „Technologie… glaube ich.“

 

„Und was ist das, Technologie?“

 

Er blickte verunsichert von einem seiner Freunde zum anderen. „Keine Ahnung?“

 

Ikarus lie√ü seinen Kopf mit einem lauten Krachen auf dem Tisch fallen, ehe er Heros einen teils fassungslosen, teils vorwurfsvollen Blick zuwarf. „Mensch Heros, du warst in einer der anderen Welten, etwas wovon die meisten von uns nicht mal zu tr√§umen wagen, und du hast noch nicht mal versucht, etwas √ľber diese Welt in Erfahrung zu bringen?“

 

Er hatte jede Menge √ľber die Welt in Erfahrung gebracht. Zum Beispiel, dass es Unklug war, sich als F√ľnfzehnj√§hriger, √ľber zwei Tage hinweg allein in einem Park herumzutreiben, da dieses daf√ľr sorgte, dass irgendwann Ordnungsh√ľtern kamen, die einen dann mit in ihre Wachstube nahmen und nach komische Dingen wie „Ausweis“ und „Alter“ fragen. Oder aber, dass diese Ordnungsh√ľter etwas nachtragend waren, wenn man sie √ľberw√§ltigte, um zu fliehen, weil man sich zeitig an einem bestimmten Ort befinden musste. Sogar so nachtragen, dass sie einem bis in den Park verfolgten und erst dann wieder gingen, wenn man sich eine Geisel nahm. ¬†Aber dar√ľber durfte er ja nicht reden. „Ich hatte einen Auftrag zu erf√ľllen.“

 

„Und der war, den Jungen mit hierher zubringen.“ Evanglos hatte wie immer eins und eins zusammengez√§hlt und war wie √ľblich auf das falsche Ergebnis gekommen. „Mein Gott, dass die alte Briseis das wirklich gegen√ľber der Dimensionshexe durchzusetzen konnte, ich kann’s nicht zu glauben. Was hat sie denn dazu gesagt? Die Dimensionshexe, meine ich.“

 

Heros gesamter Körper verkrampfte sich vor innerer Anspannung.

 

„Heros“, erklang in diesem Augenblick eine herrische Frauenstimme hinter ihm. „Ich muss mit dir reden. Sofort!“

 

Er brauchte sich nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, zu wem diese rauchige Stimme gehörte, die aus den Tiefen der Unterwelt zu kommen schien, allerdings war er ihrer Besitzerin im Moment unendlich dankbar, dass sie sich just in diesem Augenblick dazu entschieden hatte, mit ihm sprechen zu wollen.

 

„Was soll das werden, Esra? Du siehst doch, dass er gerade anderweitig besch√§ftigt ist. Also verzieh dich, und lass uns in Ruhe.“ Ikarus‘ Augen hatten sich zu kleinen, schmalen Schlitzen zusammengezogen.

 

„Ist schon in Ordnung.“ Beruhigend legte Heros seine Hand auf den Arm seines Freundes und erhob sich von seinem Platz, um Esra nach drau√üen zu folgen. „Wenn Esra mit mir reden will, dann reden wir halt.“

 

„Wenn sie ihm auch nur ein Haar kr√ľmmt, bekommt sie es mit mir zu tun“, drohte Ikarus ihr indes leise hinterher, allerdings nicht lautlos genug, um Esras scharfen Ohren zu entgehen.

 

„Ich werde mich in n√§chster Zeit vor Kr√ľppeln, die mir mit ihren Gehst√∂cken ein Bein stellen wollen, in Acht nehmen. Vielen Dank f√ľr die Warnung.“

 

„Das war primitiv und gemein“, brummte Heros, kaum dass die T√ľr des Schankraumes hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

 

„Das sagt gerade der Richtige“, erwiderte Esra sichtlich genervt und nicht minder schlecht gelaunt, w√§hrend sie entschlossenen Schrittes die Stra√üe entlang ging. Das konnte ja eine nette Unterhaltung werden.

 

Heros seufzte. „Spuck schon aus, was du zu sagen hast. Du bist doch nicht etwa zu mir gekommen, um dich mit mir √ľber alte Zeiten zu unterhalten, oder?“

 

Er hatte sie damit eigentlich nur von ihren Groll ablenken wollen, damit allerdings –ohne es zu wissen – genau das Gegenteil bewirkt. „Nein, bin ich nicht. Ich bin deswegen hier, weil du mit deiner unglaublichen Idiotie daf√ľr gesorgt hast, dass Briseis meinem Gehirn einen kurzen Besuch abgestattet hat, damit ich dich da raushole, bevor du dich – wie ja eigentlich immer – um Kopf und Kragen redest. Vielen Dank √ľbrigens daf√ľr.“

 

„Ist nicht nett, wenn sie so im Gehirn von einem herumstochert, oder“, murmelte Heros¬† zerknirscht.

 

„Ich kann mir kaum etwas Sch√∂neres vorstellen.“ Ihre Antwort triefte f√∂rmlich vor Sarkasmus. „Ach nein, warte, da war doch noch was?“ Sie legte gespielt √ľberlegend ihren Kopf in den Nacken, bevor sie ihn mit blitzenden Augen fokussierte. „Jetzt f√§llt es mir wieder ein. Gehirnmanipuliert UND auf die dritten Mission in Folge geschickt zu werden, weil du wie immer nicht in der Lage bis, die deinen vern√ľnftig zu regeln.¬† Damit steht der heutige Tag ¬†nun definitiv in den Top Ten meiner beschissensten Tage.“

 

Heros blickte sie √ľberrascht an. „Eine Mission?“

 

„Sch√∂nen Gru√ü von Briseis, wir sollen deinen Gast zur√ľck zum Rufer an der Sieben-Wege-Spinne bringen und dort auf weitere Anweisung warten.“

 

„Dann ist die D…“

 

„Halt‘ die Klappe, Heros. Bring ihn einfach nur zum Waldrufer.“

 

Einen Moment lang hatte er das ungute Gef√ľhl, dass eben nicht Esra selbst, sondern die Herrin vom Eisernen R√ľcken aus ihr gesprochen hatte. Langsam nickte er. „Nat√ľrlich.“

 

„Gut, wir brechen dann im Morgengrauen auf und Heros…“ Esras Stimme schien nun f√∂rmlich vor unterdr√ľckter Wut √ľberzukochen.¬† „Wenn die Alte wegen dir auch nur noch ein einziges Mal in mein Gehirn eindringt, schneide ich dir den K√∂rperteil ab, mit dem du denkst und damit meine ich nicht deinen Kopf.“

 

Mit diesen Worten schritt sie davon, w√§hrend Heros - wie bei eigentlich jedem Gespr√§ch mit Esra - das ungute Gef√ľhl beschlich, dass auch, wenn sie den Schauplatz des Geschehens bereits verlassen hatte, immer noch ein leichter Schwefelgeruch in der Luft hing.

 

---

 

Genauso genervt und √ľbel gelaunt wie am Abend zuvor, traf Heros Esra auch am n√§chsten Morgen an. Nur mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal nicht allein war. Maya, Esras Missionspartnerin und der wohl einzige Mensch im Lande, dem Esras Launen nicht weiter zu st√∂ren schienen,¬† stand mit einem schweren Rucksack beladen neben ihr.

 

„Hallo Heros, wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen. Sch√∂ner Tag heute um auf Mission zu gehen, findest du nicht?“ Mayas schier unersch√∂pfliche gute Laune str√∂mte f√∂rmlich aus jeder Pore ihrer K√∂rpers und sorgte daf√ľr, dass Heros sich bereits ersch√∂pft f√ľhlte, noch bevor die Mission √ľberhaupt begonnen hatte. „Wo ist denn unser wichtiger Passagier?“

 

Immer noch m√ľde ob der fr√ľhen Uhrzeit trat Heros g√§hnend beiseite und bedeutete den beiden M√§dchen, ihm in die K√ľche zu folgen.

 

Felix sa√ü in einem seiner alten abgetragenen M√§ntel und M√ľtze geh√ľllt abreisebereit an seinem Lieblingsplatz. Doch als die beiden M√§dchen zusammen mit Heros den Raum betraten, sprang er auf und griff – so als k√∂nne er es kaum erwarten von hier weg zu kommen - nach einer Tasche, in der er seine wenigen Habseligkeiten verstaut hatte. „Geht’s los?“

 

„Was hast du getan, Heros? Der Kleine scheint es ja kaum erwarten zu k√∂nnen, von hier wegzukommen.“

 

Felix, der sich bereits mitten in der Vorw√§rtsbewegung befand, warf Esra einen w√ľtenden Blick zu, den diese jedoch lediglich mit einer leicht erhobenen Augenbraue zur Kenntnis nahm.

 

„Hallo, du bist sicherlich Felix, der ber√ľhmt ber√ľchtigte Andererweltler. Ich bin Maya und darf dich zum Waldrufer eskortieren“, sprang Maya in diesem Augenblick in die Bresche und schnappte sich Felix‘ Finger.

 

Dieser beobachtete einen Moment lang verbl√ľffte, wie Maya sein Hand in ihrer √ľblichen √ľbermotivierten Art¬† auf und ab bewegte, ehe es ihm gelang ein kurzes „Hi“ zwischen den Lippen hervor zu pressen.

 

„Also, du brauchst dir √ľberhaupt keine Gedanken, um deine Sicherheit zumachen“, fuhr Maya in diesem Moment auch schon gutgelaunt fort, „Esra und ich haben schon viel schwerere Missionen absolviert. Erst vor kurzen mussten wir eine Kiste mit feinstem Holzbesteck ins Mittland bringen und haben dabei vier Angriffe zur√ľckgeschlagen. Vier! Nicht wahr, Esra?“

 

„Ich w√ľnschte wirklich, ich k√∂nnte diesen Alptraum von einer Mission vergessen, aber solange ich dich, mein kleines Erinnermich, an meiner Seite habe, wird es mich wohl oder √ľbel weiter Nacht um Nacht um den Schlaf brin….“

 

„Muss ich mir etwa Gedanken, um meine Sicherheit machen?“ unterbrach Felix sie in diesem Moment. Er wirkte beunruhigt. Alarmiert. Verschreckt wie jemand, der durch Mayas Worten aus der utopischen Illusion gerissen worden war, dass auf den Stra√üen au√üerhalb der Stadt Recht und Ordnung herrschen w√ľrden.

 

„Die vier Missionstote, die laut Statistik pro Woche anfallen, wurden f√ľr diese Woche schon verzeichnet, von daher werden wir das Ganze vermutlich √ľberleben, wenn auch vielleicht einer von uns zwischendurch verloren gehen wird.“

 

Heros sp√ľre wie Esras sp√∂ttischer Blick ihn bei diesen Worten fixierte. Es h√§tte ihn gewundert, wenn sie nicht in diese Kerbe geschlagen h√§tte, allerdings galt es nun erst einmal Felix zu beruhigen, dessen Nase von einer ungesunden Bl√§sse belagert wurde. „Du brauchst dir keine Gedanken zu machen, Felix. Das Ganze ist eine reine Routinemission.“

 

„Ihr entf√ľhrt also √∂fters Mal Menschen aus anderen Dimensionen?“ Blanke Fassungslosigkeit schwang in Felix‘ Worten mit.

 

Heros schloss f√ľr einen kurzen Moment resigniert die Augen. „Nat√ľrlich nicht. Das mit dir war ein Versehen.“

 

„Du kannst dich wirklich gl√ľcklich sch√§tzen, Kleiner. Heros bringt nicht oft Jungen mit nach Hause, bei M√§dchen ist er da allerdings weniger w√§hlerisch.“

 

Gl√ľcklicher Weise hatte Heros in den vergangenen Jahr vergessen, wie anstrengend Esra sein konnte und er w√ľnschte sich im Moment nichts sehnlicher, als dass sie verschwinden und dieses angenehme Vergessen zur√ľckkehren w√ľrde. „Du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen“, versuchte er den immer noch besorgt aussehenden Felix auf ein Neues zu beruhigen, „Die Strecke zum Waldrufer ist eine vielgenutzte Stra√üe.“

 

„Und es verh√§lt sich ja nicht so, dass wir irgendetwas wertvolles transportieren w√ľrden“, erg√§nzte Esra in ihrer gewohnt charmanten Art.

 

Heros fuhr zu ihr herum und warf ihr einen strafenden Blick zu, den sie jedoch lediglich mit einem Schulterzucken quittierte. „Widerleg mich, wenn ich falsch liege. Aber ganz im Ernst, wer im Namen der G√∂tter w√ľrde den“, sie deutete auf Felix, „freiwillig mitnehmen wollen?“ Sie legte eine Kunstpause ein. „Au√üer dir nat√ľrlich.“

 

„Lass’s es gut sein Esra“, sagte Maya in diesem Moment ruhig und zur Heros’ grenzenloser √úberraschung befolgte Esra den Wunsch ihrer Partnerin ohne weiteres Murren. „Gut, gut!“ Wieder zu ihren alten √ľberdrehten selbst zur√ľckgekehrt, rieb Maya sich in stiller Vorfreude die H√§nde. „Dann mal los. Schlie√ülich liegt vor uns ein wundersch√∂ner Tag, mit viel Sonnenschein und einer wunderbaren Mission.“

 

„Moment Mal“, unterbrach Felix ihre Euphorie misstrauisch. „ Im Ernst, wie gef√§hrlich ist diese Reise zu diesem Waldrufer?“

 

„Du bist absolut sicher“, beteuerte Heros, doch Felix‘ Blick verriet ihm, dass er seiner Versicherung keinen Glauben schenkte.

 

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Heros, Esra und ich sind ja da, um dich zu besch√ľtzen. Zudem hat Briseis uns eine Rentierkutsche bereitgestellt, so dass wir in Nullkommanichts am Waldrufer sein werden.“ Ermutigend t√§tschelte Maya Felix‘ Arm, der allerdings auch diese Nachricht eher mit gemischten Gef√ľhlen zu sehen schien. „Eine Rentierkutsche?“

 

„Bist du eigentlich immer nur am meckern?“ zischte Esra, die K√∂nigin alles Ziegen, nun wieder sichtlich genervt.

 

„Das sagt gerade die Richtige“, erwiderte Felix trotzig und unwissend worauf er sich soeben eingelassen hatte.

 

Esras Augen verformten sich zu kleinen, bedrohlichen Schlitzen, so als m√ľsse sie genau abpassen, wie sie Felix am besten in fein s√§uberliche St√ľcke schneiden konnte.

 

„Wir sollte jetzt wirklich losgehen.“ Ohne die Antwort der anderen abzuwarten packte Heros Felix am Arm und zog ihn mit sich aus der K√ľche, dem angrenzenden Flur und dem Haus. Er musste sich noch nicht einmal umblicken, um zu wissen, dass Maya ihm bereits hastig folgte, w√§hrend Esras Blick ihn von hinten zu erdolchen schien. Er kannte diesen Blick nur all zu gut. Leider.

 

Felix immer noch dicht an seiner Seite ging er eilig die Straßen entlang. Der Wind hatte in der Nacht aufgefrischt und wehte im kräftig ins Gesichte, während er immer weiter der Außenmauer der Stadt entgegen strebte, in deren unmittelbarer Nähe die Rentier- und Elchställe lagen.

 

„Ich k√ľmmere mich um die Kutsche, wartet hier“, befahl Esra, kaum dass sie den ersten dieser St√§lle erreicht hatten und stapfte ohne auf eine Antwort zu warten davon.

 

„Ist die eigentlich immer so?“ fragte Felix, kaum dass sie aus seinem Blickfeld verschwunden.

 

„Ach, sie ist halt manchmal ein bisschen schlecht gelaunt, besonders wenn sie morgens fr√ľh raus muss“, erwiderte Maya mit einer fr√∂hlichen Gelassenheit in der Stimme, w√§hrend Heros sich bem√ľhte, ein abf√§lliges Schnauben zu unterdr√ľcken. „Am besten ignorierst du sie einfach, wenn sie so brummig ist. Mit ihr zu streiten, nutzt sowieso nichts, glaub‘ mir, ich spreche da aus Erfahrung.“

 

Heros bezweifelte arg, dass diese Vorgehen Esra wirklich stoppen konnte, zumindest war es ihm seinerzeit nie gelungen ihre bissigen Kommentare unerwidert zu lassen. Aber solange dieses Verfahren Esra und Felix davon abhielt, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, konnte es ihm nur recht sein.

 

Leider sah Felix allerdings nicht wirklich so aus, als w√§re er bereit Esras Schm√§hreden einfach stillschweigend √ľber sich ergehen zu lassen, obwohl er Maya gerade nachdenklich zunickte.

 

Maya strahlte. „Sch√∂n, dann werden wir uns hoffentlich alle gut verstehen.“

 

Felix nickte einmal mehr, ehe er unvermittelt fragte: „Was hast du mit deiner Haut gemacht?“

 

Heros erstarrte, w√§hrend Maya fr√∂hliches L√§cheln der Irritation wich. Sie versuchte zwar erneut zu L√§cheln, allerdings gelang ihr dieses nicht wirklich. „Nichts, warum fragst du?“

 

„Du bist so….gr√ľnstichig.“

 

Maya warf Heros einen hilflosen Blick zu, so als erwartete sie ernsthaft, dass er die Sache f√ľr sie kl√§ren k√∂nnte. „Das ist Mayas normaler Hautton“, bem√ľhte er sich die Situation zu √ľberspielen.

 

„Gr√ľn? Warum gr√ľn?“

 

Heros setzte an, etwas zu erwidern, als Maya jedoch abwinkte. Sie schluckte schwer.¬† „Ich…“, Sie stockte kurz, ehe sie tapfer, wenn auch auf das h√∂chste unangenehm ber√ľhrt, fortfuhr. „… Ich bin wie eine Pflanze und betreibe Photosynthese. Ich hole mir meine Energie direkt aus den Sonnenstrahlen, die meine Haut absorbieren.“

 

„Also bist du ein Nero?“ stellte Felix unger√ľhrt fest. „Und deine Neromacht ist die Photosynthese.“ Er wartete noch nicht mal Mayas Nicken ab, sondern fragte stattdessen weiter: „Und was ist Esra?“

 

„Dein Henker, wenn du nicht gleich still bist!“ Ohne dass es einer von ihnen es bemerkt hatte, war Esra in diesem Augenblick zur√ľckgekommen.

 

„Esra…“ begann Heros, doch sie unterbrach ihn schlichtweg: „Nein, Heros. Das ist meine Mission, meine Verantwortung, also halte dich da raus. Wenn er sich mit mir anlegen will, dann soll er es ruhig versuchen.“

 

„Aber…“

 

„Ich bin Briseis Gast und…“ Felix stockte, als Esras Zeigefinger nur wenige Millimeter vor seiner Nase zum Halt kam. „Es interessiert mich ehrlich gesagt einen Schei√üdreck, wer du bist, denn letztendlich bereitest du mir nichts als √Ąrger, Arbeit und unn√∂tige M√ľhe und genau wie so jemanden, werde ich dich behandeln. Gew√∂hn‘ dich besser daran!“

 

„Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Felix verschr√§nkte trotzig die Arme vor der Brust.

 

Esra lachte. Ein kurzes unerfreutes Lachen, das, kaum dass es ihre Lippen verlie√ü, auch schon wieder erstarb. „Ich bin die Missionsf√ľhrerin und wenn ich will, kann ich dir das Leben in den n√§chsten Tagen zur H√∂lle machen, verlass dich drauf.“ Sie trat ein St√ľck zur Seite, um der herannahenden Kutsche Platz zu machen, die unmittelbar neben ihr stehen blieb. „Fangen wir doch gleich damit an. Du kannst entweder freiwillig aufsteigen oder ich werde einen der freundlichen Knechte bitten m√ľssen, dich zu fesseln und du wirst auf dem Boden deinen Platz finden. Deine Entscheidung.“

 

Heros lie√ü Felix nicht aus den Augen, als dieser kurz z√∂gerte, dann allerdings mit einem hasserf√ľllten Blick in Esras Richtung in die Kutsche stieg. Er kannte diesen Blick nur zu gut aus eigener leidvoller Erfahrung: Ein taktischer R√ľckzug, aber keine wirklich aufgegebene Schlacht. Der Krieg zwischen den Beiden hatte gerade erst begonnen.

 

---

 

Leider sollte sich seine Vorahnung schneller Bewahrheiten, als wie es w√ľnschenswert gewesen w√§re, wodurch ¬†die in unterk√ľhlter Stille stattfindende Kutschfahrt, die einzige Ruhepause darstellte, die Heros in den n√§chsten drei Tagen verg√∂nnt war.

 

Zun√§chst war Felix w√ľtend gewesen, dass sie nicht sofort von dem Rufer an der Wegspinne aus weiter zur Dimensionshexe reisten, sondern sich stattdessen gem√§√ü Briseis Anweisungen in der Gastst√§tte einquartierten. Als sich diese Wut im Laufe des zweiten Tages dann allm√§hlich zu einem Schmollen abgeschw√§cht hatte, war Esra √§rgerlich geworden, weil ihr Felix‘ „Nerv t√∂tender Gesichtsausdruck“ die Laune verhagelte. Wobei das wiederum dazu gef√ľhrt hatte, dass Felix einmal mehr den tief in ihm vergrabenden Groll hervorholt und begann Esra bis aufs √Ąu√üerste zu beschimpfen und damit endete, dass die beiden ihrer Lieblingsbesch√§ftigung nachgingen und sich gegenseitig mit ihren Blicken zu erdolchen versuchten.

 

Maya hatte – unter dem Vorwand trainieren zu m√ľssen-¬† den Raum schon vor l√§ngerer Zeit¬† verlassen und Heros war nur allzu dankbar, als selbst sich ebenfalls von den beiden Streith√§hnen und der mit ihnen einhergehende Wolke der schlechten Laune zur√ľckziehen konnte. Nat√ľrlich erst, nachdem er sicher gegangen war, dass sich keine spitzen Gegengenst√§nde abgesehen von Esras Zunge und Felix Z√§hnen in der unmittelbaren N√§he der Beiden befanden.

 

Der Wind war in den vergangenen Tagen immer st√§rker geworden und riss ihm beinahe die T√ľr aus der Hand, als er den Gastraum verlie√ü. Instinktiv wickelte er sich seinem Umhang etwa fester um die Schultern, ehe er sich - dicht an der Wand des¬† Gastraums und Ruferturm gedr√ľckt - in Richtung Stallung schob.

 

„Hallo Heros“, erklang eine vertraute Stimme hinter ihm, als er gerade die freie Stelle zwischen Hauptgeb√§ude und St√§lle passieren wollte. Er wandte sich um und sah sich niemand anderen als Aiolos gegen√ľber, der sich direkt neben der T√ľr zur Ruferstube auf den Boden niedergelassen hatte. „Hey.“

 

„Wie ich sehe hast du deinen kleinen gr√ľnhaarigen Jungen gefunden und er spricht jetzt sogar unsere Sprache.“

 

„Ich w√ľnschte, ich k√∂nnte es wieder r√ľckg√§ngig machen, damals war er wenigstens noch ruhig.“ Ein Blick in Aiolos‘ Gesicht verriet ihm, dass er diesen Gedanken soeben laut ausgesprochen hatte. „√Ąh… ich meine nat√ľrlich nicht...“ Heros stockte, da Aiolos Mundwinkel zu zucken begonnen hatten, doch als er einmal mehr zu ihm herabblickte, war das Zucken verschwunden.

 

„Dann sollte ich mich wohl bei dir f√ľr die Ruhest√∂rung entschuldigen“, sagte Aiolos unvermittelt. „Denn schlie√ülich war es seinerzeit meine Idee gewesen, die Bewohner vom K√§fig zu alarmieren und nach dem Andererweltler suchen zu lassen.“

 

„Du warst das? Aber wieso…woher…“

 

„Naja, es gibt nicht viele Menschen auf dieser Welt, eigentlich keinen, der nicht unsere Sprache spricht. Der Junge musste so gesehen einfach aus einer der anderen Welten kommen und¬† da der Riesenwald nicht unbedingt der sicherste Ort f√ľr einen Andererweltler ist, habe ich mir einfach mal erlaubt, mich mit Artemis von K√§fig in Verbindung zu setzten. Sie hat mir ohnehin noch einen Gefallen geschuldet, von daher…“ Er zuckte gleichm√ľtig mit den Schultern.

 

Heros schluckte. Er musste jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas. „Entschuldige dass… ich meine, es tut mir Leid, dass ich damals nicht direkt gesagt habe, was Sache ist.“

 

„Das braucht dir nicht Leid tun.“

 

„Es war dumm!“

 

„Nein“, entgegnete Aiolos entschieden. „Es war vorsichtig! Und richtig!“

 

Heros senkte den Kopf. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Wenn Aiolos damals nicht so gehandelt h√§tte, w√§re Felix jetzt vermutlich Tod. „Danke.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Fl√ľstern gewesen.

 

Aiolos erhob sich aus seiner sitzenden Position und streckte sich kurz. „Nichts zu danken. Schlie√ülich habe ich mir vorgenommen jeden Tag eine gute Tat zu ver√ľben.“ Er machte Anstalten, in die Ruferstube zu gehen, hielt jedoch im letzten Moment inne. „Ach, und Heros, da ich meine gute Tat f√ľr diesen Tag noch nicht begangen habe, verrat ich dir, dass die kleine Eos, vom Gutshof dr√ľben, sich schon das ein oder andere Mal nach dir erkundigt hat.“

 

Heros hatte noch nicht einmal die Chance etwas zu antworten, da -bevor er √ľberhaupt reagieren konnte - Aiolos bereits in die Ruferstube entschwunden war. Eine Zeit lang verharrte er stillschweigend, w√§hrend der Wind um ihn herum, weiter tobte. Bei diesem Wetter w√ľrde sie ohnehin nicht in Richtung Dimensionshexenhaus aufbrechen k√∂nnen und vor die Wahl gestellt, den Abend in netter Gesellschaft verbringen zu k√∂nnen oder einmal mehr einer Auseinandersetzung von Esra und Felix beizuwohnen, fiel ihm die Entscheidung auch nicht wirklich schwer.

 

Einmal mehr schlang Heros seinem Umhang eng um sich, ehe er ¬†dem immer widerkehrenden Fr√ľhjahrswinden trotzend in Richtung Gutshof ging.

 

---

 

Der Wind, der am Vorabend √ľbers Land gezogen war, war nichts im Vergleich zu den B√∂en, die ihm am n√§chsten Morgen dazu veranlassten, den Weg vom Gutshof zum Waldrufer so geschwind wie eben m√∂glich zur√ľckzulegen. Er wollte sich gerade in das sch√ľtzende Gasthaus retten, als er von Esra abgefangen wurde, die unter einem der Vord√§cher auf ihn gewartet zu haben schien. „Es ist zehn Uhr, Heros. Zehn!“ schrie sie ihn aufgebracht an und √ľbert√∂nte dabei sogar noch das Heulen des Windes. „Wo warst, du?“

 

„Bei Eos“, entgegnete Heros schlicht.

 

Esra starrte ihn einen Augenblick lang fassungslos an, bevor sie angewidert den Kopf sch√ľttelte. „Du bist doch echt das Letzte. W√§hrend ich mich hier¬† um den Kleinen, deinem Gast wohlgemerkt, k√ľmmern muss, treibst du dich mit irgendeinem M√§dchen im Heu herum.“

 

„Habt ihr euch etwa schon wieder gestritten?“

 

„Er hat wie immer rumgemeckert und ich habe lediglich darauf reagiert.“

 

„Also habt ihr euch gestritten“, kombiniert Heros ruhig. Es war nicht zu glauben, welch positive, entspannende Wirkung die letzte Nacht auf ihn gehabt hatte. „Wo ist er jetzt?“

 

Esra winkte ab. „Keine Ahnung, in seinem Zimmer und im Gastraum war er heute Morgen jedenfalls nicht, aber das scheint ja an diesem Morgen nichts Besonderes zu sein.“

 

„Wieso ist er nicht in der Gaststube? Seit wir hier sind, war er die ganze Zeit dort, sofern er nicht im Bett lag und geschlafen hat?“

 

Ihre Antwort war nur ein kurzes Schulterzucken.

 

Die Entspannung wich zunehmend aus Heros K√∂rper. „Esra, wo ist Felix?“ Er w√ľrde sich nur zu gerne einreden, dass er nur deswegen so laut sprach, um den Wind zu √ľbert√∂nen, aber das war nicht der Fall.

 

Leider schien seine Lautst√§rke Esra regelrecht dazu herauszufordern, das Volumen ihrer eigenen Stimme auszureizen. „Ich hab doch gesagt, ich wei√ü es nicht!“

 

„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“

 

„Gestern Abend, als er rumgesponnen hat und meinte, ich w√§re eine doofe, alte verbitterte Ziege, deren einzige Freude im Leben es w√§re, andere zu verletzen. Dann hat er noch gemeint, er h√§tte kein Bock mehr auf meine Gesellschaft und dass er, weil wir sowieso nur rumsitzen w√ľrden, alleine zur Dimensionshexe gehen w√ľrde. Naja, wenigsten hat er sich¬† dann schmollend in sein kleines K√§mmerlein verzogen und mich in Ruhe gelassen.“

 

Heros zuvor noch aufgew√ľhltes Inneres wurde pl√∂tzlich ganz ruhig, so als St√ľnde es mitten im Auge eines Tornados. „War seine Kleidung heute Morgen noch im Zimmer?“

 

„Dein alter Kimono und deine M√ľtze lagen auf dem Bett, wenn ich mich recht entsinne.“

 

„Das bedeutet, er hat seine andere Kleidung wieder angezogen, die aus seiner Heimatwelt.“

 

Esra Augen weiteten sich. „Du glaubst doch nicht wirklich…“

 

Heros nickte

 

¬†„Das ist doch…Niemand ist so bescheuert, bei Anbruch der Nacht und dem Wind den Riesenwald zu durchqueren, noch nicht eimal du w√§rst so dumm.“

 

Heros warf ihr einen bedeutungsschweren Blick zu.

 

„Du meinst nicht wirklich, dass er…“ Heros nickte, woraufhin Esra tief Luft holte. „Verdammte Schei√üe!“ Sie begann unruhig auf und ab zu tigern. „Wie kann man nur so dumm sein? So ignorant? So unvorsichtig. So…so… Woher h√§tte ich denn wissen sollen, dass er tats√§chlich so bescheuert ist?“ Sie blieb stehen, atmete tief durch, bevor ihr Blick Heros fixierte. „Und was sollen wir jetzt tun?“

 

„Briseis verst√§ndigen und auf Anweisung warten.“ Heros zuckte hilflos mit den Schultern.

 

„Bis du wahnsinnig?“ fauchte Esra und nahm ihre Wanderung wieder auf. „Sie wird uns beide nur noch Drecksarbeit erledigen lassen, wenn sie h√∂rt, dass wir ihren Gast verloren haben.“ Unvermittelt blieb sie direkt vor Heros stehen. „Wir gehen ihm selbst hinterher und holen ihn zur√ľck.“

 

„Er hat mehr als einen halben Tag Vorsprung!“

 

„Denn sollten wir uns besser beeilen. Warte hier, w√§hrend ich Maya hole!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, hastete Esra davon.

 

Heros blieb allein zur√ľck und warf erneut einen Blick zum wolkenverhangenen Himmel hinauf, der von Minute zu Minute dunkler zu werden schien. Der Wind hatte mittlerweile eine St√§rke erreicht, die die der vorangegangenen Winde dieses Jahres bei weitem in den Schatten stellte. Starke Fr√ľhjahrswinde waren nichts Besonderes im Eisernen R√ľcken und doch breitete sich ein komisches Gef√ľhl in Heros Magengegend aus, fast so als ob dieser Wind, der Vorbote f√ľr etwas anderes w√§re.

 

Nachdenklich legte er seinen Kopf in den Nacken, um die wild √ľber den Himmel hinziehenden Wolkenformationen etwas genauer zu betrachten, w√§hrend die ersten Regentropfen auf sein Gesicht trafen. Er war kein Seher, keiner der nebul√∂sen Gestalten aus den Silberbergen, die behaupteten, die Zukunft zu kennen. Aber die Anzeichen waren selbst f√ľr ihn unmissverst√§ndlich: Ein Sturm zog auf.

Kapitel 8: Im Hexenhaus

 

Er hatte einen Fehler gemacht. Einen gro√üen Fehler, auch wenn es ihm schwer fiel sich dieses einzugestehen. Felix wusste selbst nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, als er seine Habseligkeiten gepackt und in den Sturm hinausgegangen war, um sich¬† ganz allein auf den Weg zum Haus der Dimensionshexe zu machen. Aber er war einfach so w√ľtend gewesen. W√ľtend auf Heros ‚Äď seinem sogenannten Ansprechpartner - der sich sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hatte. W√ľtend auf Maya, die einerseits sagte,

man solle Esras Gemeinheiten einfach √ľberh√∂ren, andererseits aber, kaum dass ihre Partnerin mit eben diesen Bosheiten um sich warf, die Flucht ergriff. Und w√ľtend auf Esra, die es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, jeden Menschen in ihrer N√§he zu beleidigen, zu ¬†diffamieren und zur Wei√üglut zu bringen.

 

Nein, eigentlich bereute er es nicht die Gaststätte und seine unzuverlässigen Begleiter hinter sich gelassen zu haben, sondern lediglich dieses bei dem Wetter und bei Anbruch der Dunkelheit getan zu haben. Leider waren ihm gerade diese beiden Aspekte seiner Abreise allerdings

erst zu einem Zeitpunkt bewusst geworden, als er schon ein gutes St√ľck Wegstrecke im Riesenwald zur√ľckgelegt hatte. Er war ein Idiot, anders konnte man es wohl nicht sagen. Er hatte zwar nicht viel √ľber diese fremde Welt gelernt, wollte es auch gar nicht, aber selbst er wusste mittlerweile, dass nur ein¬† Wahnsinniger versuchen w√ľrde nachts den Riesenwald zu durchqueren. Und doch, strebte er eben genau dieses Ziel bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Woche an. Ja, er war ein Idiot, aber er war definitiv nicht lebensm√ľde. Wenn er aus seiner Erfahrung mit dem Riesenkaninchen eines gelernt hatte, dann das er es tunlichst vermeiden

wollte, ihm noch ein weiteres Mal √ľber den Weg zu laufen. Und die beste und einzige Methode, die ihm momentan einfiel, um ein eben solches Zusammentreffen zu unterbinden, war es, auf einen m√∂glichst dicken im Sturm nur ganz leicht hin und her schwankenden Baum zu klettern und zu hoffen, dass dieser den B√∂en standhalten w√ľrde.

 

Felix brauchte zwei Anl√§ufe ehe es ihm gelang einen der unteren √Ąste des Riesenbaumes zu erreichen und sich an diesem hochzuziehen. Er √ľberlegte kurz, ob ihm diese H√∂he ausreichen w√ľrde, entschloss dann aber doch

vorsichtshalber noch etwas weiter hinauf zu klettern. Er hatte Gl√ľck im Ungl√ľck, da der Ast auf dem er sich schlie√ülich niederlie√ü, gut und gerne selbst ein normalgewachsener Baum h√§tte sein k√∂nnen und relativ stabil wirkte. Von seinem erh√∂hten Platz aus hatte Felix eine gute Sicht auf den Weg, der sich schier endlos lang durch den Wald schl√§ngelte, und konnte ebenfalls das Unterholz zur rechten und linken des Pfades im Auge behalten f√ľr den Fall das Riesenkaninchen herannahen w√ľrde. Er lauschte angestrengt. Doch das einzige Ger√§usch, was er vernahm, war der Wind, der durch die B√§ume und das Unterholz rauschte. Es war monoton und

gleichm√§√üig und erm√ľdete ihn zunehmend.

 

Er musste eingenickte sein, kurz, wirklich nur eine Sekunde, da das N√§chste, was er bewusst wahrnahm, ihm suggerierte, das er soeben vom Baum zu rutschen drohte. Hastig hielt er sich an seinem Ast fest und r√ľckte sich wieder in eine etwas zentralere Position zur√ľck. Er musste aufmerksam sein, immer wachsam! Seine Augen glitten in der verzweifelten Suche etwas zu erblicken, das ihn wachhalten konnte, √ľber den Erdboden. Aber da war nichts. Kein Abdruck einer Pfote, kein B√ľschel ausgerissenen Fells, einfach nur Aste,

Moos und Erde.

 

Nachdenklich runzelte Felix die Stirn. Er wusste, dass normale Kaninchen nicht klettern konnten, vermochte allerdings nicht zu sagen, ob diese Regel auch f√ľr Riesenkaninchen galt. Allein der Gedanke hier oben auf den Baum zu sitzen und beobachten zu m√ľssen wie ein Riesenkaninchen eben jenen erklomm, sorgte daf√ľr, dass ihm ein eiskalter Schauer den R√ľcken hinunterlief. Und was war eigentlich mit den anderen Tieren des Waldes? Wo Riesenkaninchen existierten, w√ľrde es auch Riesenrehe, Riesenf√ľchse, Riesenw√∂lfe und bei seinem Gl√ľck sogar Rieseneichh√∂rnchen

geben. Felix erschauerte unwillk√ľrlich. Eventuell sollte er doch besser versuchen einzuschlafen, um sein Gehirn davon abzuhalten sich neue Schauergeschichten auszudenken.

 

Ein lauter Knall zerriss die Luft, der Felix instinktiv zusammen zucken lie√ü. Er klammerte sich etwas fester an seinen Ast, als unweit von ihm entfernt, eine gro√üe Baumkrone den Kampf gegen den Wind verloren gab und zu Boden st√ľrzte. Vielleicht sollte er doch in Anbetracht der Wetterlage das Risiko auf sich nehmen und in die Gastst√§tte zur√ľckgehen. Wenn gleich er keine Ahnung hatte, wie weit diese von seinen

momentan Standpunkt √ľberhaupt entfernt war. Vorsichtig l√∂ste er seine rechte Hand und lie√ü diese in seine Tasche gleiten, um seine Handy hervorzuholen. Es war bereits nach Mitternacht, was bedeuten musste, dass er gut und gerne dreieinhalb Stunden von seinen kindisch unbedachten Zorn beseelt durch den Riesenwald gelaufen war. Langsam klappte er sein Handy zu. Es hatte keinen Sinn zur√ľckzugehen und sein Gl√ľck mit den Tieren des Waldes einmal mehr herauszufordern. Er w√ľrde warten m√ľssen, auf den Baum verharren, bis das Morgengrauen einsetzte.

 

---

Als er bei Anbruch des Tages durchgefroren und mit steifen schmerzenden Muskeln schlie√ülich seine Position verlie√ü, hatte der Wind zwar vorerst nachgelassen, allerdings nicht, ohne vorher noch seine beeindruckende Visitenkarte zu hinterlassen. Der Weg, der vor ihm lag, war mit Tausenden kleineren und gr√∂√üeren √Ąsten gespickt, die ihm das vorankommen deutlich erschwerten w√ľrden. Felix z√∂gerte kurz, ballte dann jedoch seine Hand zur Faust. Er w√ľrde sich nicht von einem dummen Wind abschrecken lassen, geschweige denn mit eingekniffenem Schwanz zur√ľck zum Gasthaus rennen, um sich durchgefroren einmal mehr einen ihrer

h√§mischen Kommentare auszusetzen. Entschlossenen Schrittes setzte er seinen Weg zum Haus der Dimensionshexe fort oder besser gesagt, er folgte dem Weg, der ihn ¬†laut Heros Aussage direkt zum Dimensionshexenhaus f√ľhren w√ľrde.

 

W√§hrend er¬† Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde zur√ľcklegte, begann der Wind einmal mehr aufzufrischen und Regen setzte ein, der zum Mittag hin dichter und dichter wurde. Felix war kalt und er fror, w√§hrend die Frage, ob es nicht doch besser sei, einfach umzukehren, seinem Gehirn immer h√§ufiger einen Besuch abstattete. Aber er ging weiter, immer weiter, solange bis er

unmittelbar vor sich etwas im dichten Regenschleier erblickte. Ein leichtes L√§cheln stahl sich auf Felix‚Äė vom starkem Regen und Wind gef√§rbtes Gesicht, als er direkt vor dem steinernen Wegpfeiler stehenblieb. Der Pfeil, der gerade aus deutete, w√ľrde ihn zur Steinh√∂hle f√ľhren, aber der Weg nach links w√ľrde ihn geradewegs zum Dimensionshexenhaus bringen.

 

Seine Schritte, die im Laufe des Tages immer schwerer ob des nassen Waldbodens und seiner Ersch√∂pfung geworden waren, schwebten f√∂rmlich √ľber den Erdboden als er dem Hexenhaus entgegen strebte. W√§hrend der Anblick

des Hauses bei seinem ersten Besuch noch Angst und Unsicherheit in ihm geweckt hatten, kam es ihm an diesem kalten, verregneten Tag wie der Himmel auf Erden vor. Er wurde immer schneller, rannte f√∂rmlich √ľber die nasse Wiese, die das Haus umgaben, doch dann hielt er abrupt inne. Die T√ľr des Hauses, die beim letzten Mal noch fest verschlossenen gewesen war, stand offen! Felix z√∂gerte. Vielleicht war es nur der Wind gewesen, der die Steint√ľr aufgedr√ľckt hatte, nur der Wind oder aber‚Ķ

 

Erst jetzt bemerkte Felix, dass er den Atem angehalten hatte. Langsam stieß er

ihn aus. Die Dimensionshexe war zur√ľck. Die Dimensionshexe war zur√ľck! Der¬† Gedanke tanzte f√∂rmlich durch jede Windung seines Gehirns. Seine Beine zitterten als er Schritt um Schritt die Stufen der Veranda erklomm. Er¬† wusste selbst nicht, warum er nicht weiter rannte. Warum er nicht direkt in ihr Haus st√ľrmte, um seine Heimreise einzufordern. Aber seine Beine, sein gesamter K√∂rper schien den Freudentanz seines Gehirns nicht nachvollziehen zu k√∂nnen. Langsam √ľberquerte er die Veranda und blieb schlie√ülich im T√ľrrahmen stehen.

 

Der Raum war vollgestopft mit den

verschiedensten Gegenst√§nden. Ein Spiegel stand in einer der Ecken, w√§hrend in eine der andern Ecken ein Sofa und eine Flipchart ihren Platz gefunden hatten, auf der Dinge wie ‚Äěm√∂glichst unauff√§llig verhalten‚Äú, ‚ÄěAutomobile und Motorr√§der sind keine angreifenden Krieger‚Äú und doppelt unterstrichen der Satz ‚ÄěNiemals Magie anwenden‚Äú geschrieben standen. In den unz√§hligen, wild im Raum verteilten Regalen und Schr√§nken, die bis an die Decke reichten, fanden sich Feuerzeuge, Kugelschreiber und noch verschiedene andere Sachen aus seiner Heimatwelt, die mit Preisschildern gekennzeichnet worden waren. Augenscheinlich hatte

sich die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums neben dem Gesch√§ft rund ums Dimensionsreisen noch ein zus√§tzliches Standbein geschaffen, indem sie Gegenst√§nde aus seiner Heimatwelt f√ľr √ľberteuerte Preise in der ihren verkaufte.

 

Direkt zwischen den Regalen, in einen Berg von Unterlagen vertieft, sa√ü ein Mann im Schneidersitz vor einem kniehohen Tisch. Obwohl er ganz in seinen Arbeit vertieft zu sein schein, sagte er pl√∂tzlich: ‚ÄěDu kannst ruhig reinkommen‚Äú, wobei er einladend l√§chelnd von seinem Unterlagen aufblickte.

Immer noch √ľberw√§ltig von der Gesamtsituation betrat Felix langsam den Raum und n√§herte sich dem Mann. Es war nicht derjenige, den er seinerzeit bei seiner Ankunft begegnet war. Dieser hier war j√ľnger, schlanker und hatte l√§ngere, schwarze Haare, die er sich zu einem Zopf zusammengebunden hatte, aber das war auch schon das einzige, was an ihm noch normal wirkte. Seine Augen waren geschminkt, seine Fingern√§gel lackiert, seine Ohren und Finger gleicherma√üen mit Schmuck verziert, wobei seine Lieblingsfarbe violett zu sein schien, aber das mit Abstand faszinierendste an ihm, waren seine Augen. Felix hatte gar nicht gewusst, dass ein Mensch

fliederfarbene Augen haben konnte, aber die Irisf√§rbung seines Gegen√ľbers war unverkennbar.

 

Noch w√§hrend er den Mann musterte, erhob dieser sich unvermittelt mit einer flie√üenden Bewegung von seinem Platz, ging auf einen der Schr√§nke zu, nur um sodann mit einen frischgewaschene Handtuch und einer Decke zur√ľckzukehren. Wortlos reichte er sie Felix, der die Sachen mit einem kurzen ‚ÄěDanke‚Äú annahm, bevor er sich wieder auf seinen Platz sinken lie√ü. Er wartete h√∂flich bis Felix sich abgetrocknet und die warme, flauschige Decke um sich geschlungen ihm gegen√ľber Platz

genommen hatte, ehe er zuvorkommend fragte: ‚ÄěNun, denn, wie kann ich dir helfen?‚Äú

 

¬†‚ÄěIch‚Ķ ich ‚Ķ‚Äú Felix r√§usperte sich, ehe er es erneut versuchte. ‚ÄěArghah‚Ķ‚ÄúFelix erstarrte sekundenlang, ehe seine rechte Hand zu seiner Kehle schoss. Er probierte erneut zu sprechen, doch dieses Mal kamen gar keine Worte mehr aus seinem Mund. Sein Gesicht wurde kalkwei√ü. Was war mit ihm los, was stimmte nicht? Warum konnte er von einem Moment zum anderen nicht mehr sprechen? Wie war es m√∂glich, dass sein Gehirn pl√∂tzlich die F√§higkeit abhanden gekommen zu sein schien, die Laute in

ihrer richtigen Reihenfolge anzuordnen. Sein Blick wanderte hilflos zu dem Mann, während er mit den Augen versuchte diesem sein Problem mitzuteilen.

 

Sein Gegen√ľber neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte ihn einige Sekunden lang interessiert. ‚ÄěIch glaube, ich wei√ü, wer du bist und auch worin dein Problem besteht‚Äú, erkl√§rte er pl√∂tzlich unerwarteter Weise und rieb sich nachdenklich das Kinn. ‚ÄěDu bist der fremde Junge von dem Gottfried erz√§hlt hat, nicht wahr? Der Junge aus der anderen Dimension, der letzte Woche ausversehen mit in diese Welt gezogen

worden ist.“

 

Felix Augen weiteten sich vor √úberraschung, ehe er fast schon √ľberst√ľrzt nickte.

 

‚ÄěUnd du bist bei Briseis gewesen, oder? Die Herrin vom Eisernen R√ľcken selbst hat sich deiner und‚Ķ nunja deinem Gehirn ¬†angenommen.‚Äú

 

Felix wollte erneut nicken, erstarrte jedoch mitten in der Bewegung. Briseis! Sie war es gewesen. Sie hatte mit seinen Gehirn herumgespielt und dabei nicht nur daf√ľr gesorgt, dass er ihre Sprache beherrschte und mit der Welt selbst

zurechtkam, sondern w√§hrenddessen auch Vorkehrungen getroffen, dass er niemanden sagen konnte, wer er war. Unb√§ndiger √Ąrger wallte mit einem Mal in ihm auf. Zitternd vor Wut stie√ü Felix den Atem aus. Warum tat sie so etwas? Musste sie, die sie Gedankenlesen konnte, nicht wissen, dass kein Mensch es gerne hatte, wenn man sein Gehirn ver√§nderte?

 

‚ÄěWarum, warum hat sie das gemacht?‚Äú brach es emp√∂rt aus ihm heraus. Blanke Fassungslosigkeit lag in seinem Ton.

 

‚ÄěWeil sie nicht wollte, dass jemand ungewollte Nachfragen √ľber den Verbleib

der Dimensionshexe stellt“, erwiderte der Mann ruhig.

 

‚ÄěAber, wie kann sie das einfach so machen? Das ist‚Ķ Es ist einfach nur‚Ķ‚Äú Felix suchte verzweifelt nach einem passenden Wort, aber ihm fiel keines ein, um seine Gef√ľhle zu beschreiben.

 

‚ÄěBe√§ngstigend, erniedrigend, grausam. So als w√§re es ihr egal, dass sie in das tiefste, das intimste Innerste eines Menschen eindringt, um einem den freien Willen zu nehmen und den ihren dort zur√ľckzulassen?‚Äú Die Ohrringe des Mannes klimperten leise, als er sanft den Kopf sch√ľttelte.

‚ÄěWoher wei√üt du‚Ķ‚Äú, begann Felix, als das traurig wissende L√§cheln des anderen ihn innehalten lie√ü. ‚ÄěSie hat dich auch‚Ķ‚Äú Er brauchte gar nichts mehr zu sagen, da der Blick des Mannes Antwort genug war. ‚ÄěAber warum‚Ķ?‚Äú

 

Sein Gegen√ľber zuckte mit den Schultern. ‚ÄěIch habe bis vor sechs Jahren f√ľr sie gearbeitet. Geheimauftr√§ge erledigt, Spionagearbeit geleistet, wichtige Transporte bewacht. ¬†Ich hatte eine ganze Zeit lang Gl√ľck, aber irgendwann hat mich das Gl√ľck dann verlassen. Die Tatsache alles zu wissen, in jeden Kopf blicken zu k√∂nnen, n√§hrt f√∂rmlich die Angst, jemand anderes

k√∂nnte zu viel von diesem kostenbaren Gut, dem Wissen, weitergeben. Also blockierte man seine Erinnerung oder die F√§higkeit dar√ľber zu sprechen.‚Äú

 

‚ÄěUnd was kann man dagegen tun?‚Äú

 

‚ÄěNichts.‚Äú

 

‚ÄěAber‚Ķ aber das kann doch nicht alles sein.‚Äú Trotz, Angst, Wut und Verst√§ndnislosigkeit k√§mpfte sich gleicherma√üen in Felix hoch.

 

Der Mann seufzte. ‚ÄěMan kann gehen, aber dann muss man auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.‚Äú

‚ÄěBist du gegangen?‚Äú

 

Der Mann nickte leicht.

 

‚ÄěWar es schwer? Ich meine sich von seiner Familie zu trennen und so.‚Äú Der riesige Klo√ü, der sich bei der blo√üen Erw√§hnung des Wortes ‚ÄöFamilie‚Äė in seinem Hals gebildet hatte, nahm seiner Stimme jede Kraft.

 

‚ÄěEs ist nie einfach, die zur√ľckzulassen, die einem wichtig sind.‚Äú Sein Gegen√ľber z√∂gerte kurz. ‚ÄěAber manchmal hat man eben keine andere Wahl, manchmal muss man seinem alten Leben den R√ľcken zuzuwenden und sich eine neuen Herrn

zu suchen.“

 

‚ÄěUnd du bist zur Dimensionshexe gegangen‚Äú, schlussfolgerte Felix. Eine angenehme Ruhe breitete sich unvermittelt in ihm aus. Wenn die Dimensionshexe bereit war, einen ehemalige Getreuen der m√§chtigen Briseis aufzunehmen und dadurch h√∂chst wahrscheinlich den Zorn der Alten auf sich zu ziehen, musste sie einfach ein guter Mensch sein. Gut genug jedenfalls, um ihn ohne weiteres in seine Heimatwelt zur√ľckzubringen. Felix schluckte schwer. ‚ÄěIst sie da?‚Äú Seine Stimme war kaum mehr als ein Fl√ľstern gewesen.

 

‚ÄěNein.‚Äú Die Ohrringe klimperten einmal mehr, woraufhin Felix die Schultern sinken lie√ü. Die Entt√§uschung mischte sich mit dem mangelnden Schlaf der letzten Nacht und lie√ü nur eine unendliche M√ľdigkeit in ihm zur√ľck. ‚ÄěAber wir erwarten ihre R√ľckkehr jede Minute.‚Äú Langsam, wie ein kleines Tier das Witterung aufgenommen hatte, hob Felix den Kopf. ‚ÄěWenn du m√∂chtest kannst du hierbleiben und warten. Legt dich etwas hin und schlaf. Ich weck‚Äė dich auf, wenn sie wieder da ist.‚Äú

 

Felix‚Äė Augen brannten. Er konnte selbst nicht genau sagen, ob es lediglich die Abgeschlagenheit aufgrund der

durchwachten Nacht oder aber schlichtweg Dankbarkeit dar√ľber war, endlich jemanden gefunden zu haben, der einfach nur mal nett um der Nettigkeit Willen war. ‚ÄěIch werde dein Angebot annehmen, vielen Dank.‚Äú

 

‚ÄěNichts zu danken. Du kannst dich auf das Sofa legen, wenn du m√∂chtest.‚Äú Noch w√§hrend er sprach, hatte sich der Mann einmal mehr erhob und war an den Schrank getreten, aus dem er nun ein Kissen und eine weitere Decke hervorholte und diese auf die Couch legte.

 

Während Felix sich seiner Aufforderung

nachkommend auf das Sofa sinken lie√ü und seine dreckigen Schuhe und Jacke auszog, beobachtete er, wie der Mann sich wieder seinen Unterlagen zuwandte. ‚ÄěIch bin √ľbrigens Felix‚Äú, sagte er unvermittelt, woraufhin der andere den Kopf hob. Ein leises L√§cheln stahl sich auf sein Gesicht: ‚ÄěIch freue mich sehr deine Bekanntschaft¬† zu machen, Felix. Du kannst mich Sophos nennen.‚Äú

 

Felix l√§chelte zur√ľck. ‚ÄěIch freu mich auch dich kennenzulernen. Sophos.‚Äú

 

---

 

Es war bereits später Nachmittag als

Felix ausgeruht, wie schon lange nicht mehr, erwachte. Träge setzte er sich auf, rieb sich die Augen und streckte sich ausgiebig, wobei er seinen Blick durch den Raum gleiten ließ. Zu seiner Verwunderung saß Sophos nicht mehr vor seinem Berg voller Unterlagen, sondern stand stattdessen vor einem der Regale und betrachtete nachdenklich dessen Inhalt.

 

‚ÄěWelches dieser seltenen Kostbarkeiten w√ľrdest du mir als Experte empfehlen, Felix?‚Äú fragte Sophos auf einmal ohne seinen Blick von dem vollgepackten Schrank abzuwenden.

 

Den Drang sich noch einmal zu strecken auf sp√§ter vertr√∂stend, schwank Felix die Beine √ľber die Sofakante, tapste auf Socken √ľber den kalten Steinboden und blieb schlussendlich direkt neben dem anderen stehen. Neugierig betrachtete er das Regal etwas genauer, ehe er auf eine der T√ľten deutete. ‚ÄěIch pers√∂nlich mag Gummib√§rchen lieber als Schokolade, wobei ich in Ermangelung einer Zahnb√ľrste doch eher ein Kaugummi w√§hlen w√ľrde, wegen Mundgeruch und so.‚Äú

 

‚ÄěAlso probieren wir zuerst die Kaugummis.‚Äú Ehe sich Felix versah, war Sophos auch schon einen Schritt nach

vorne getreten, packte die gew√ľnschte Packung und warf sie ihm zu.

 

Perplex fing Felix es auf und blickte zu dem anderen hin√ľber, der ihm still vergn√ľgt zuzwinkerte: ‚ÄěNa mach schon auf.‚Äú

 

Mit einem letzten skeptischen Blick in seine Richtung, √∂ffnete Felix die Kaugummip√§ckchen und nahm einen Streifen raus, bevor er sie an Sophos zur√ľckgab. Dieser folgten seinem Beispiel und beobachtete ihn sichtlich interessiert dabei, wie er sich den Zahnpflegekaugummi in den Mund schob, nur um es ihm dann gleichzutun.

Felix wusste nicht genau, wann er das letzte Mal etwas so faszinierend und gleichzeitig am√ľsant gefunden hatte, wie¬† den bed√§chtig auf seinem ersten Kaugummi kauenden Sophos. Er konnte nicht wirklich sagen, was es war, sein Gesichtsausdruck oder aber die Tatsache, dass er dabei wirkte, wie ein Weinexperte, der gerade den teuersten Wein der Welt kostete. Vermutlich war es die Kombination aus beiden.

 

Nach ungef√§hr eine Minute beendete Sophos seine T√§tigkeit abrupt. ‚ÄěIch denke, mein Mundgeruch ist jetzt weg.‚Äú

 

Felix Augen wurden groß, während er an

sich halten musste, um nicht laut zu lachen. ‚ÄěOkay?‚Äú

 

‚ÄěUnd was mach‚Äė ich jetzt mit dem Rest?‚Äú Sophos‚Äė Gesicht wirkte nach wie vor hochkonzentriert.

 

‚ÄěDu kannst es entweder ausspucken oder runterschlucken.‚Äú

 

Ohne lange zu √ľberlegen, spuckte Sophos das Kaugummi mit einer unglaublichen Pr√§zision in den sich halb hinter einem Regal versteckenden M√ľlleimer. ‚ÄěUnd jetzt probieren wir die Gummib√§rchen.‚Äú

 

Bevor Felix auch nur die Gelegenheit bekam, etwas zu erwidern, hielt er auch schon die n√§chste Packung zwischen den Fingern. Er z√∂gerte kurz. ‚ÄěBekommst du keinen √Ąrger mit deiner Chefin, wenn du die Sachen hier einfach wegnimmst?‚Äú

 

‚ÄěMeine Chefin ist relativ tolerant mir gegen√ľber.‚Äú Winkte Sophos gelassen ab und beobachtete Felix einmal mehr dabei, wie er die T√ľte √∂ffnete und eines der B√§rchen herausnahm.

 

‚ÄěEigentlich sollte man erst nach dem S√ľ√üigkeiten essen, das Kaugummi kauen‚Äú, erkl√§rte er, w√§hrend er sich ein gr√ľnes Gummib√§rchen in den Mund

schob.

 

‚ÄěDann hei√üt das, wir m√ľssen die Kaugummistreifen sp√§ter noch einmal essen.‚Äú

 

‚ÄěDu magst die Dinger nicht wirklich, oder?‚Äú hakte Felix vorsichtig nach und musterte Sophos unauff√§llig.

 

‚ÄěIhre Konsistenz ist‚Ķgew√∂hnungsbed√ľrftig‚Äú, erwiderte Sophos diplomatisch ‚ÄěDiese Gummib√§rchen sind da eher nach meinem Geschmack.‚Äú

 

Felix lachte erleichtert auf, woraufhin sich das leichte Lächeln auf dem Gesicht

seines Gegen√ľbers vertiefte. Er wusste selbst nicht warum, aber pl√∂tzlich begann er √ľber andere Sitten aus seiner Heimatwelt zu reden. Erst vorsichtig und bedacht, doch als Sophos sich wirklich interessiert und keineswegs genervt zeigte, erweiterte er diese Erz√§hlungen um diverse Abenteuer, die er mit ¬†seinen Freunde erlebt hatte und schlussendlich erz√§hlte er ihm sogar etwas √ľber seine Familie. Vielleicht lag es daran, dass ihn die Sachen aus seiner Heimatwelt umgaben, dass ihm auf einmal das unb√§ndige Verlangen √ľberkam von daheim zu reden, vielleicht aber auch einfach an Sophos‚Äė Art ihm zuzuh√∂ren, w√§hrend sie sich ihren Weg durch die

S√ľ√üigkeitenvorr√§te der Dimensionshexe bahnten. Sie lachten gerade √ľber Sophos erste Konfrontation mit Zartbitterschokolade, als eine dunkle M√§nnerstimme sie j√§h unterbrach. ‚ÄěIm Stall bin ich jetzt fertig, wenn noch etwas anliegt, findest du mich im Keller.‚Äú

 

Felix Blicke schossen in Richtung T√ľr, deren √Ėffnung von einem breitschultrigen Mann mit kurzen Stoppelhaaren und ebenso stoppeligen Dreitagebart ausgef√ľllt wurde. Er schien direkt aus dem Regen gekommen zu sein, da sein langer schmutziger Umhang durchn√§sst war und seine nackten

dreckigen F√ľ√üe in einer Wasserlache standen.

 

‚ÄěWillst du auch ein Gummib√§rchen haben, Hubertus?‚Äú fragte Sophos gutgelaunt und hielt dem anderen anbietend die ge√∂ffnete T√ľte hin, welche dieser jedoch lediglich mit einem ver√§chtlichen Blick bedachte. ‚ÄěDie schmecken wie drei Wochen alte Eisw√ľrmer und nicht jeder sch√§tzt √ľberlagerte Dinge so sehr wie du.‚Äú

 

Sophos lachte. ‚ÄěWenn du willst, sage ich dir gerne Bescheid, sobald ich etwas Ger√∂stetes finde. Das sollte wohl eher deinem Geschmacksgaumen

entsprechen.“

 

‚Äě√úbertreibe es nicht, Sophos!‚Äú erwiderte Hubertus, ehe er sich von ihnen abwandte, den Raum durchschritt und durch eine T√ľr in den hinteren Teil des Geb√§udes verschwand.

 

Missbilligend den Kopf sch√ľttelnd schaute Sophos ihm hinterher. ‚ÄěSo ein alter Miesepeter, dabei ist es noch nicht allzu lange her, da w√§re er √ľber drei Wochen alte Eisw√ľrmer dankbar gewesen.‚Äú

 

¬†‚ÄěWer war das? Ich meine, war das ein‚Ķ‚Äú, verzweifelt suchte Felix nach

einem Wort ‚ÄöBettler‚Äė in der fremden Sprache, aber es gab keines, ebenso wenig, wie es ein Wort f√ľr ‚ÄöLandstreicher‚Äė existierte. Felix √ľberlegte fieberhaft. Doch er fand einfach keine passende Bezeichnung. ‚ÄěIst er‚Ķist Hubertus arm?‚Äú Auf Sophos‚Äė verwundert erhobene Augenbraue hin, erg√§nzte er hastig: ‚ÄěIch meine, er hat doch keine Schuhe an und seine Beinen sind so dreckig.‚Äú

 

Felix h√§tte schw√∂ren k√∂nnen, dass Sophos‚Äė Mundwinkel einen Moment lang gezuckt hatte und Schalk in seinen Augen aufgeblitzt war, aber anscheinend hatte er sich das nur eingebildet, da

dieser just in diesem Augenblick gelassen erkl√§rte: ‚ÄěNein, Felix. Hubertus ist kein armer Mann, das Gegenteil ist sogar eher der Fall. Hubertus ist reich und obendrein auch sehr m√§chtig.‚Äú

 

‚ÄěAber warum kauft er sich denn keine Schuhe?‚Äú

 

‚ÄěEr ist ein Erdmimage.‚Äú

 

Auf Felix nicht verstehenden Blick hin, holte Sophos nun doch etwas weiter aus.¬† ‚ÄěBriseis hat dir bestimmt von den Mimage, den Elementmagiern, erz√§hlt.‚Äú Felix nickte bed√§chtig. ‚ÄěUnd diese Magier m√ľssen in direkten Kontakt mit

ihrem Element sein, um ihre Macht verwenden zu k√∂nnen. Windmimage haben es da relativ einfach, weil immer irgendwie Luft um sie herum ist, wenn die Erdmimage ihre Macht allerdings verwenden wollen, so m√ľssen sie entweder ein mit Sand gef√ľlltes S√§ckchen bei sich tragen, was allerdings im Kampf ¬†unpraktisch ist, oder aber sie tragen schlichtweg keine Schuhe, um immer direkt mit der Erde in Kontakt zu sein. Die Dimensionshexe zum Bespiel konnte dich nur deswegen in diese Welt bringen, weil sie zum Zeitpunkt des Dimensionssprunges mit Erde in Kontakt gewesen ist, viel Erde, da Dimensionsreisen eben besonders viel

Macht bed√ľrfen.‚Äú

 

‚ÄěAlso ist die Dimensionshexe eine Erdmimage‚Äú, stellte Felix z√∂gernd fest.

 

‚ÄěEine Erdmimage der dritten Stufe‚Äú, verbesserte Sophos ihn freundlich. ‚ÄěErste Stufe Erde, zweite Stufe Erdanziehungskraft, dritte Stufe Raum und Zeit, so einfach ist das.‚Äú

 

F√ľr Felix klang das Ganze irgendwie alles andere als einfach, dennoch fragte er weiter: ‚ÄěUnd was bist du?‚Äú

 

Sophos‚Äė linke wohl gezupfte Augenbraue schoss √ľberrascht in die H√∂he, w√§hrend

er missbilligend mit der Zunge schnalzte. ‚ÄěSo was fragt man doch nicht.‚Äú Als Felix ihm einen erschrocken Blick zuwarf, wurden seine Gesichtsz√ľge jedoch wieder weicher. ‚ÄěAber das kannst du nat√ľrlich nicht wissen. In dieser Welt gilt es allgemeinhin als sehr unh√∂flich, seinen Gegen√ľber nach seiner Macht zu fragen. Einige sagen es bringt Ungl√ľck, andere wiederum vertreten sogar die Ansicht, dass es den Tod einladen w√ľrde. Aber die ehrlichste Antwort liegt eigentlich direkt auf der Hand. Jeder von uns, der schon einmal auf Mission war und in einen Kampf geraten ist, wei√ü wie wichtig der √úberraschungseffekt ist. Wenn uns jemand anderer aber danach

fragt und von uns erwartete ihm unsere Macht preiszugeben, dann erwacht in uns das Gef√ľhl, dass uns jemand √ľbervorteilen m√∂chte.‚Äú

 

Das erkl√§rte zumindest Maya merkw√ľrdige Reaktion, als er sie nach ihrer Hautfarbe gefragt hatte.

 

‚ÄěAber im Vertrauen gesagt‚Äú, Sophos beugte sich ein St√ľckchen vor, wenn er auch nun deutlich leiser sprach, ‚Äěwenn du gut aufpasst, kannst du manchmal schon an dem √Ąu√üeren eines Menschen erahnen, welche Magie sie verwenden werden. Erdmimage tragen h√§ufig keine Schuhe. Wenn jemand eine Glatze hat,

dann ist er ein Windmimage der zweiten Stufe oder jemand der glaubt, er k√∂nnte die zweite Stufe in absehbarer Zeit erreiche, sofern er denn nicht schlichtweg ein Aufschneider ist oder √ľber extrem schlechten Haarwuchs verf√ľgt ‚Äďschwarze Schafe gibt es halt √ľberall. Bei den Neros sollte man hingegen ganz besonders auf die Kleidung achten. Gestaltenwandler tragen Kimonos, weil diese leicht und schnell abzulegen sind, manchmal auch mit bestimmten Klappen an diversen K√∂rperstellen. Meine Gro√ümutter zum Beispiel,¬† kann sich in ganz aber auch nur partiell in eine Spinne verwandeln und hat daher eine Klappe am Hintern.

Meine Mutter hat mir daher schon als kleiner Junge beigebracht, dass ich besser in Deckung gehen, wenn Oma die Klappe an ihrem Hintern fallen l√§sst.‚Äú Sophos lachte vergn√ľgt bei der Erinnerung an fr√ľhere Zeiten, wurde dann jedoch von einer Sekunde zur anderen unvermittelt still.

 

‚ÄěWas ist los?‚Äú wollte Felix wissen, als just in diesem Augenblick die Erde unter seinen F√ľ√üen ¬†heftig zu vibrieren begann. Es war nur ein kurzer Sto√ü gewesen, der sich schnell wieder legte und doch sp√ľrte Felix, wie sich die Haare in seinem Nacken aufrichteten. Unsicher wandte er sich seinem Gegen√ľber zu.

‚ÄěSophos?‚Äú

 

‚ÄěDie Dimensionshexe ist zur√ľck.‚Äú Sophos stand auf und ging in Richtung T√ľr, ¬†in der stehend er sich zu Felix umwandte. ‚ÄěWenn du willst, kannst du mir helfen, die Elche zu holen, damit ich sie am Fu√ü des Berges abpassen kann. Sie wird sicherlich m√ľde sein ob der kraftraubenden Reise.‚Äú

 

Hastig rappelte sich Felix auf, zog seine Schuhe und Jacke an, nur um sodann Sophos auf die Veranda und schlie√ülich in den Regen hinaus zu folgen. Der Wind dr√ľckte so heftig gegen ihn, dass er kaum einen Fu√ü vor dem anderen setzten

konnte, w√§hrend der dichte Regen daf√ľr sorgte, dass er noch nicht mal mehr die B√§ume am Ende der Lichtung erkennen konnte. Als er es endlich geschafft hatte Sophos um das Haus herum in den sch√ľtzenden Windschatten des Hauses und dem an ihm angrenzenden kleineren Stall zu folgen, hatte dieser bereits zwei gro√üe Elchk√ľhe aus dem kleinen H√§uschen geholt und begonnen diese aufzuz√§umen. Vorsichtig trat Felix n√§her an die Tiere heran, von denen sich eines gerade beharrlich weigerte sich von Sophos das Zaumzeug anlegen zu lassen.

 

‚ÄěJetzt stell‚Äė dich nicht so an, Frieda‚Äú, sagte Sophos, schnalzte dann einmal

kurz mit der Zunge, nur um, als Frieda den Kopf in die Richtung des Lautes bewegte, ihr das Zaumzeug √ľberzustreifen. ‚ÄěNa geht doch.‚Äú Er wollte sich gerade dem anderen Elch zuwenden, doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

 

Felix wusste nicht wie ihm geschah, sondern sp√ľrte lediglich ein Ziehen an seinem Arm und fand sich Sekunden sp√§ter hinter Sophos‚Äė R√ľcken wieder. S√§mtliche die ihm so eigene fr√∂hliche Gelassenheit war aus dessen K√∂rper gewichen und hatte einer Ruhe Platz gemacht, die einfach nur noch be√§ngstigend war. ‚ÄěSophos, was ist

los?‚Äú fragte Felix mit zittriger Stimme, als ein w√ľtendes Knurren ihm bereits die Antwort auf seine Frage gab. Anscheinend gab es tats√§chlich doch weit mehr, als nur Riesenkaninchen in diesem Wald.

 

Vorsichtig versuchte Felix an dem anderen vorbeizuschauen, der lediglich mit dem Zaumzeug des zweiten Elches bewaffnet zwischen ihm und dem Angreifer stand. Allerdings konnte er durch den dichten Regenschleier nicht viel mehr erkennen, als einen gro√üen, dunklen Schatten. Er sah die Bewegung nicht kommen als das Tier zum Sprung ansetzten, sondern sp√ľrte nur, dass er

einmal mehr mitgerissen wurde, als Sophos dem Tier auswich, w√§hrend er mit dem Zaumzeug nach diesem schlug. Felix beobachtete wie der Schatten kurz strauchelte, dann allerdings zu einem erneuten Angriff ansetzte und dieses Mal konnte er auch erkennen, um was f√ľr ein Wesen es sich handelte. Es war eine Katze. Eine riesige schwarze Katze mit kurzen wei√üen S√∂ckchen, die ihr kaum √ľber die Pfoten reichten und eine gro√üen, wei√üen Punkt zwischen den Augen. ‚ÄěHeros‚Äú, fl√ľsterte er ungl√§ubig, doch der Sturm trug im gleichen Augenblick seine Worte davon, indem Sophos dem Tier erneut auswich. Nur mit dem Unterschied, dass er nun selbst

zum Gegenangriff √ľberging, indem er auf den R√ľcken des Tieres sprang, diesem das Zaumzeug um das Maul schlang und einen spitzen Gegenstand aus dem √Ąrmel zog.

 

‚ÄěNein‚Äú, schrie Felix, doch dieses Mal waren Sophos Reflexe nicht schnell genug. Geschockt beobachtete Felix, wie sich die Spitze seiner Waffe in den Hals der Katze bohrte und diese daraufhin in sich zusammensackte. Die Pfoten zuckten noch leicht, als Sophos vom Tier sprang, den spitzen Gegenstand wieder in seinem √Ąrmel verschwinden lie√ü und auf Felix zuging.

 

‚ÄěWas hast du getan? Das war Heros, mein‚Ķmein.‚Äú Felix wusste selbst nicht was Heros f√ľr ihn war, er wusste lediglich, dass er nicht wollte, dass dieser ¬†starb. Er versuchte sich an Sophos vorbeidr√§ngeln, als dieser in j√§h an die Schultern packte und ihn eindringlich ansah. ‚ÄěEs ist alles in Ordnung, Felix. Ich habe ihn nur bet√§ubt.‚Äú

 

Erleichterung floss dem Regen gleich seinen R√ľcken hinunter. Er atmete auf und warf einen raschen Blick auf Heros, der sich mittlerweile zur√ľckverwandelt hatte und nun wie ein zusammengekr√ľmmter Klumpen Mensch

auf dem Boden lag. Sophos‚Äė Augen folgten seinem Blick. ‚ÄěIch denke, wir bringen ihn besser rein‚Äú, sagte er dann und hob den anderen, so als w√ľrde dieser keine anderthalb Zentner wiegen, auf seine Arme.

 

Felix folgte ihm mit gesenktem Kopf und nachdenklich gerunzelte Stirn. Jetzt wo die Angst und Aufregung langsam aus seinen Knochen wich, t√ľrmte sich fragen in ihm auf. Warum hatte Sophos ihn nur bet√§ubt, wenn er doch davon ausgegangen sein musste, dass Heros ein Tier war und warum hatte Heros sie √ľberhaupt angegriffen? War er denn wirklich so w√ľtend auf Felix gewesen,

dass er versuchen w√ľrde ihn zu t√∂ten oder hatte er es auf Sophos abgesehen gehabt? Aber warum sollte er das? Sein Blick fixierte Sophos‚Äė R√ľcken, als dieser die Stufen zur Veranda emporstieg, diese √ľberquerte und das Haus betrat. Er wartete gerade noch solange, bis dieser seine Last auf das Sofa gelegt hatte, doch dann brach die Frage einfach aus ihm heraus. ‚ÄěWarum hat Heros uns angegriffen? Warum‚Ķ ich verstehe es nicht!‚Äú

 

‚ÄěEr hat nicht dich angegriffen, sondern mich.‚Äú Sophos blickte nicht einmal auf, w√§hrend er den blo√üen K√∂rper des anderen in eine Decke h√ľllte.

‚ÄěAber wieso?‚Äú

 

¬†‚ÄěHast du schon vergessen, dass ich von Briseis weggegangen bin?‚Äú Endlich schaute er ihn an. ‚ÄěIch bin ein Verr√§ter und die Herrin vom Eisernen R√ľcken hasst nichts mehr, als verraten zu werden.‚Äú Sichtlich angeschlagen und m√ľde erhob er sich von seinem Platz und ging in Richtung Veranda. ‚ÄěPass du auf ihn auf, Felix. Ich gehe derweil zu Erdmimage und k√ľmmer mich um alles.‚Äú Er wandte sich zum Gehen.

 

Felix folgte ihm noch bis auf die Veranda hinaus, beobachtete, wie er sich auf einen der Elche schwang und dann seine

Hand zu einem letzten Gru√ü erhebend davonritt.¬† Langsam ging Felix in das nun stille Dimensionshexenhaus zur√ľck. Er schaute kurz nach Heros, der allerdings tief und fest schlief, ehe er begann ungeduldig im Raum auf- und abzuwandern. Sein Blick fiel auf das vollgepackte S√ľ√üigkeitenregal und er blieb unwillk√ľrlich vor diesem stehen. Er betrachtete alles, jeden einzelnen Artikel aus seiner Heimatwelt, bevor er auf dieses zuging und begann die auf den Boden liegenden aufgerissenen Packungen zusammen zu r√§umen. Nicht mehr lange und er w√ľrde wieder zu Hause sein, umgeben von Menschen, die sich nicht in Tiere verwandeln konnte

oder gewohnheitsm√§√üig Bet√§ubungsmittel mit sich herumzutragen schienen, daf√ľr aber wussten was Gummib√§rchen und Kaugummis waren.

Kapitel 9: Erde zu Erde

 

Erik schmollte. Er schmollte, als sie Falo verlie√üen. Er schmollte, w√§hrend sie den acht gro√üen Wasserf√§llen folgend in Richtung Eiserner R√ľcken reisten. Und er schmollte immer noch, als sie den Waldrufer hinter sich lie√üen, um den Riesenwald zu durchschreiten. Der Grund f√ľr diesen Trotz war ebenso banal wie einfach zu nennen, trug den Namen Marit und verwaltete die Angelegenheiten des Staates nahezu im Alleingang.

 

Es verhielt sich nicht so, dass Eriks Mutter ihrem eigenen Sohn das Leben unn√∂tig schwer machen wollte. Sie bem√ľhte sich lediglich um eine gerechte Verteilung der Missionen. Und genau hier begann das eigentlich Problem der beiden. Erik war es durch die schier unendlichen Nachsicht seines Gro√üvater seit jeher gew√∂hnt, sich die Art und den Zeitpunkt seiner Auftr√§ge selber aussuchen zu d√ľrfen und pickte sich, wer mochte es ihm auch verdenken, grunds√§tzlich nur die angenehmsten Missionen heraus. Ein Verhalten, das wiederum Marit dazu veranlasste, mehr oder weniger sinnvolle Gegenma√ünahme zu ergreifen, um die Vorzugsbehandlung ihres Sohnes zu relativeren und diesen - zumindest in ihren Augen - wieder in die Reihen der normalen Magier einzugliedern. Dieses Mal hatte es Eriks hei√ügeliebte Rennelche erwischt, die – gem√§√ü Marits Verbot – daheim bleiben sollten, weil sie mit ihren gro√üen goldenen Geweihen zu dekadent wirken w√ľrden. ¬†Ein Edikt, das ihr Sohn jedoch keineswegs bereit war einfach so hinzunehmen.

 

Das Ende vom Lied war daher, dass Odine, Beena und Erik in einer weniger aufschneiderischen Rentierkutsche reisen mussten, letzterer in Selbstmitleid versunken war und alles daran legte, ihre Mission zu sabotieren. Nat√ľrlich nur um dann behaupten zu k√∂nnen, dass mit seinen Elchen alles besser gelaufen w√§re. Sein momentaner Sabotageakt bestand unterdessen darin, sich mit einer Geschwindigkeit voran zu bewegen, die selbst eine Baldriansaft geschwenkte Schnecke vor Neid h√§tte erblassen lassen.

 

Odine h√§tte wirklich gerne √ľber seine neueste Anti-Marit-Ma√ünahme geschmunzelt, allerdings hatten die momentan herrschenden Witterungsbedingungen selbst ihr das ewig w√§hrende Lachen vor√ľbergehend aus dem Gesicht getrieben. ¬†Es st√ľrmte. Es st√ľrmte so stark, dass sich die B√§ume √ľber ihr bedrohlich hin und her warfen, so als k√§mpften sie einen verzweifelten √úberlebenskampf, w√§hrend der Regen sich seinen Weg Bindf√§den gleich gen Boden bahnte.

 

Unwillk√ľrlich zog Odine sich ihren Regen√ľberwurf etwas fester um die Schultern, w√§hrend sie ihren Partner unverhohlen mit einem neidischen Blick bedachte.

 

„Ist was?“ Erik Gesicht, das genauso d√ľster wirkte wie die Wolken am Himmel, hatte sich ihr unvermittelt zugewandt.

 

Odine bedachte ihn mit einem aufmunternden L√§cheln. „Du hast Gl√ľck. Das Wetter kommt dir¬† und deiner Macht heute wirklich entgegen.“

 

„Gl√ľck w√ľrde ich anders definieren“, erwiderte ihr Partner mit einem leichten Grollen in der Stimme.

 

„Ach komm schon, Erik. Kuddel und Muddel gef√§llt es bestimmt besser daheim auf ihrer Weide. Sie k√∂nnen sich sonnen und nach Herzenslust grasen …“ Sie machte eine gro√üen Schritt √ľber einem zu Boden gest√ľrzten Ast hinweg. „….und du musst vor allem keine Angst haben, dass sie von einer dieser Baumkronen erschlagen werden.“

 

„Kannst du nicht wenigsten ein Mal, nur ein einziges Mal, auch schlechte Laune haben?“

 

Der leise Vorwurf in seiner Stimme brachte sie nun doch zum Lachen. „Naja, Sonnenschein und Windstille w√§re mir nat√ľrlich lieber, aber unter diesen Umst√§nden habe ich nun wenigstens mal die Gelegenheit meine schicke, neue Regenjacke auszuprobieren. In Falo regnet es ja nie. Und wenn ich dann noch daran denke, was f√ľr tolle exotische Sachen uns im Haus der Dimensionshexe erwarten, kann ich gar nicht schlechtgelaunt sein. Uns steht ihre gesamte Auswahl zu Verf√ľgung! Wir k√∂nnen Kleidung, Schmuck, Souvenirs, einfach alles kaufen.“ Odine konnte ein Zucken an Eriks linker Wange erkennen, ein untr√ľgliches Zeichen daf√ľr, dass er sich nach drei Tagen beharrlichen Schmollens nun doch f√ľr diese Mission zu erw√§rmen schien. „Und wer wei√ü, vielleicht hat sie ja auch Bestellkataloge, die wir durchbl√§ttern k√∂nnen.“

 

„Warum reisen wir eigentlich nicht gleich selbst in eine der anderen Dimensionen?“, schlug Erik vor, ehe er, auf Odines ungl√§ubigen Blick hin, l√§ssig erg√§nzte: „Opa hat mir ein kleines Taschengeld mitgegeben, als eine Art Wiedergutmachung.“

 

In Anbetracht der Tatsache, dass eine Dimensionsreise ungef√§hr dem Jahresgehalt eines durchschnittlichen Magiers entsprach, konnte man Olaf Obolus weder als klein noch als Taschengeld bezeichnen. Odine r√§usperte sich. „Wei√ü Marit davon?“

 

Eriks blaue Augen zogen sich bei der Erw√§hnung des Namens seiner Mutter unheilvoll zusammen. „Nat√ľrlich, das war immerhin der Grund, warum sie dieses schwachsinnige Missionsverbot f√ľr Kuddel und Muddel ausgesprochen hat.“ Seine Gesichtsz√ľge verdunkelten sich einmal mehr. Eine Zeit lang ging er still in sich hinein gr√ľbelnd weiter, bevor er pl√∂tzlich entschlossen verk√ľndete: „Also ist es beschlossene Sache. Sobald wir sichergestellt haben, dass die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums wohl auf ist, bitten wir sie, uns in eine der anderen Welten zu bringen!“ Sein Blick wanderte tr√§umerisch in die Ferne, nur um sodann durch das j√§he Auftauchen eines steinernen Wegweisern in die Realit√§t zur√ľck geholt zu werden. „Und wohin jetzt? Dimensionshexenhaus oder Raum-Zeit-Reise-H√∂hle?“

 

Odine setzte gerade zu einer Erwiderung an, als eine Frauenstimme ihr zuvorkam: „Wir m√ľssen zur H√∂hle. Meine Schwester Meena ist dort. Wenn irgendetwas Wichtiges w√§hrend meiner Abwesenheit vorgefallen ist, wird sie es uns berichten k√∂nnen.“

 

Erik schien, ebenso wie sie selbst, ganz vergessen zu haben, dass sie nicht alleine waren. Er warf Beena einen irritierten Blick zu, ehe er kurz √ľber sich selbst den Kopf sch√ľttelte, nur um¬† letztendlich den¬† ihm angeratenen Weg einzuschlagen.

 

Schweigend folgte Odine ihm. Es war nicht das erste Mal, dass sie die Anwesenheit der Frau einfach √ľbersehen hatten. Vielmehr verhielt es sich so, dass sobald sie auch nur in die N√§he eines Waldes gekommen waren, die langen Korkenzieherlocken und die wettergegerbte, braune Haut ihrer schweigsamen Begleiterin nahtlos mit den Unterholz um sie herum zu verschmelzen schienen. Ebenso wie jetzt, wo sie dem schmalen Waldpfad weiter und weiter folgten.

 

Sie waren nur gut eine viertel Stunde unterwegs gewesen, als sich der Wald, der zuvor immer d√ľsterer und dichter zu werden schien, von einem Moment auf den anderen lichtete, nur um sodann eine riesige Steinwand freizugeben, die sich bis weit in den Himmel hinein vor ihnen auft√ľrmte. Augenscheinlich hatten sie die Silberberge und mit diesen den wohl schwierigsten Part ihrer Reise erreicht – den Aufstieg.

 

Die in die Felswand eingelassenen Treppenstufen und das lediglich einseitig an der Wand befestigte Gel√§nder waren vom stetigen Regen durchn√§sst und glitschig, w√§hrend der Sturm sein √ľbriges tat, um ihnen den letzten Teil ihres Weges so unangenehm wie m√∂glich zu gestalten. Odine wurde bei jedem Meter, den sie sich weiter vom sicheren Erdboden entfernten, mulmiger zumute. Sie hatte zwar keine direkte H√∂henangst, was allerdings nicht bedeutete, dass sie nicht ebenso gut auf diesen Aufstieg h√§tte verzichten k√∂nnen. Ein nerv√∂ses Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Eine der wenigen ihr verbleibenden M√∂glichkeiten sich selbst davon abzuhalten, nerv√∂s auf ihrer Unterlippe herum zu kauen. Als sie das Plateau mit der Raum-Zeit-Reise-H√∂hle letztendlich erreicht hatte, war ihr regelrecht schlecht vor Anspannung, allerdings war sie nicht mehr die einzige, der mulmig zumute war.

 

„Da stimmt etwas nicht!“ fl√ľsterte Beena leise, w√§hrend ihre Augen das Plateau absuchten. „Wartet hier!“

 

W√§hrend sich Beena in Richtung H√∂hlen√∂ffnung davonschlich, versuchte Odine ihr eigenes Unwohlsein hinunter zu schlucken. Sie fingerte nach ihrem Dolch, den sie an ihrem G√ľrtel befestigt hatte, ehe sie die Kapuze ihres Regen√ľberwurfs zur√ľckschlug. Sie brauchte gar nicht in Eriks Richtung zu schauen, um zu wissen, dass auch er bereits seinen Mantel ausgezogen hatte, um sich nicht nur mental auf einen Kampf vorzubereiten.

 

Der kalte Regen lief ihr √ľber die Wangen und in den Ausschnitt ihrer Jacke hinein, w√§hrend ihre Augen unabl√§ssig und in stiller Erwartung die H√∂hlen√∂ffnung fokussierten, in der Beena soeben verschwunden war.

 

Sie wartete, den Dolch fest umklammernd, auf ein erneutes Auftauchen der Buschfrau, aber diese lie√ü sich alle Zeit der Welt. St√ľck um St√ľck kroch der Sekundenzeiger ihrer Uhr voran, ¬†aber Beena blieb verschwunden. Sie wollte gerade vorschlagen, sich ebenfalls in der H√∂hle umzusehen, als die Frau letztendlich doch noch in der Fels√∂ffnung erschien und auf sie zueilte. Tiefe Sorgenfalten durchzogen ihr Gesicht, so tief, dass sich Odines Hand unwillk√ľrlich verkrampfte. „Nichts.“ Beenas Stimme klang rau und angespannt. „Absolut nichts! Keine Kampfspuren, keine Kratzer an der Wand. Es scheint fast so, als ob meine Schwester einfach so vom Erdboden verschwunden ist.“

 

Odine und Erik warfen sich einen kurzen, verst√§ndigenden Blick zu. „Vielleicht ist sie, ¬†als der Sturm begonnen hat, zum Haus der Dimensionshexe geflohen?“

 

„Bei allen n√∂tigen Respekt und so, Erik. Meena und ich leben und arbeiten hier seit √ľber zwanzig Jahren, wir verlassen unsere Stellung nicht einfach so, nur weil ein kleiner Fr√ľhjahrssturm √ľber das Land weht. Einer von uns ist immer hier oben. Immer! Wenn Meena nicht hier ist, dann… dann…“ Hastig wandte sich Beena von ihnen ab und rieb sich die Augen, ehe sie mit heiserer Stimme fortfuhr. „Etwas muss hier oben passiert sein, etwas furchtbares.“

 

Ein kalter Schauer lief dem Regen gleich Odines R√ľcken hinunter, w√§hrend sie krampfhaft versuchte ruhig zu bleiben. Ihr Spion war verschwunden, na gut, die viel wichtigere Frage war allerdings, wer f√ľr dieses Verschwinden verantwortlich war und ob er ¬†immer noch in der Gegend verweilte. Sie warf ihrem Partner einen kurzen Blick zu. Erik war m√§chtig, sehr m√§chtig sogar, selbst f√ľr einen Zweitstufler. Sollte wirklich eine der anderen Landesherren vom Unfall der Dimensionshexe erfahren haben und versuchen die Verbreitung dieser Nachricht zu Unterbinden, indem er die Spione in der Gegend beseitigen lie√ü, w√§ren sie vermutlich in der Lage, diesen Auftragsm√∂rder zur√ľck zu schlagen.

 

Doch da gab es noch eine andere M√∂glichkeit. Einen M√∂glichkeit, die so undenkbar war, dass sie direkt aus der Welt der Schauergeschichten ihrer Kindheit zu entspringen schien. Was wenn dieser ¬†√úbergriff nicht nur ihren Kundschafter, sondern der Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums selbst gegolten hatten? Nat√ľrlich sie war eine Drittstuflerin, eine der vier gro√üen, der vier m√§chtigen Mimage, eine derjenigen, die anzugreifen purer Wahnsinn war. Das Problem war nur, dass sie zur Zeit verletzt war und es im Norden des Kontinentes jemanden gab, der noch eine Rechnung mit ihr offen hatte und wahnsinnig genug war, das undenkbare zu tun. Dylana! Was wenn sie sie von dem Unfall der Dimensionshexe Wind bekommen hatte und die sich bietende Gelegenheit zur Rache einfach nicht hatte widerstehen k√∂nnen? Was wenn sie zum Eisernen R√ľcken aufgebrochen war, um Mathilda selbst zu t√∂ten? Was wenn sie noch hier war und unten am Berg auf sie wartete? Erneut wanderten ihre Augen zu ihrem Partner. Erik war m√§chtig, aber nicht ann√§hernd m√§chtig genug, um es mit ihr aufzunehmen.

 

Odine atmete tief durch, um die aufsteigende Panik zu bek√§mpfen. Es war eine Schauergeschichte gewesen, reine Fiktion. Be√§ngstigend, ja, aber genauso unwahrscheinlich. Langsam stie√ü Odine den Atem aus, ehe sie sich wieder zusammenrei√üend an Erik wandte. „Wir m√ľssen zum Dimensionshexenhaus. Wir m√ľssen uns davon √ľberzeugen, ob und was dort passiert ist.“

 

„Du meinst die Erdmimage…“

 

Odine zuckte hilflos mit den Schultern und schenkte ihm ein nerv√∂ses Grinsen. „Ich wei√ü es nicht, Erik. Ich wei√ü es wirklich nicht. Aber wenn deine Mutter recht hatte mit Dylana und allem… Wir sollten es auf jeden Fall √ľberpr√ľfen.“

 

Erik schloss f√ľr einen Augenblick die Augen, legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch, bevor er sie erneut ansah. „Gut. Beena, du bleibst hier und beh√§ltst die H√∂hle im Auge, w√§hrend Odine und ich das Haus der Dimensionshexe unter die Lupe nehme. Sollte ich mich bis zum morgigen Sonnenaufgang nicht bei dir gemeldet habe, gehst du sofort ohne Umwege zu meinem Gro√üvater und erstattest ihm Bericht.“

 

Beenas Antwort bestand lediglich in einem leichten Schniefen, welches Erik jedoch als ‚ja‘ zu interpretieren schien, da er sich abrupt von ihr abwandte und mit dem Abstieg begann.

 

Schweigend folgte Odine ihm. Sie verstand selbst nicht, was da eben mit ihr losgewesen war, geschweige denn, woher diese pl√∂tzliche Panikattacke gekommen war. Sie war schlie√ülich keine Anf√§ngerin mehr. Seit mehr als sechs Jahren erledigte sie nun schone Auftr√§ge, hatte unendliche viele Gro√ütransporten beigewohnt und an Hunderten diplomatischen Verhandlungen teilgenommen und…

 

„Da kommt jemand“, fl√ľsterte Erik und hielt so unvermittelt an, dass Odine beinahe in ihn hineingelaufen w√§re. Er z√∂gerte kurz, f√ľgte dann jedoch leise hinzu: „Eine Frau.“

 

„Meena?“ Odines Stimme hatte sich der Lautst√§rke des anderen ebenfalls angepasst.

 

„Keine Ahnung, schau doch einfach mal nach.“

 

„In Ordung, aber halt mich fest. Ja?“ Sie sp√ľrte, wie Erik sie an den Schultern packte, konzentrierte sich dann jedoch auf ihre Aufgabe und kniff ihr linkes Auge zusammen, nur um sodann ihr rechtes aus¬† seiner H√∂hle springen zu lassen. Ihr Sehnerv dehnte sich immer weiter, w√§hrend es √ľber den Abhang¬† schwebte, die Felswand senkrecht nach unten glitt und sich im tr√ľben Regen umschaute. Sie¬† hatte bereits gut f√ľnfzehn H√∂henmeter hinter sich gelassen, als sie einen Schatten erblickte, der sich vorsichtig¬† seinen Weg nach oben bahnte. Ihren Augapfel dichter an die Felswand gepresst, verharrte sie, als sie unvermitelt ein Tippen auf ihrer Schulter sp√ľrte. „Was siehst du?“

 

„Ich warte noch“, fl√ľsterte sie zur√ľck.

 

„Verdammt noch mal, Odine, beeil dich etwas!“

 

Sie  blendete seine ungeduldige Stimme einfach aus und fixierte sich stattdessen wieder auf das, was unter ihnen vor sich ging. Der Schatten kam näher und näher, bis sie eine junge Frau erkennen konnte, deren kurze, nasse Haare ihren Kopf wie einen Helm umgaben und deren Augen den Weg vor sich fixierten.

 

„Es ist ein M√§dchen, h√∂chsten 16, nicht √§lter. Sie tr√§gt schwarz. Keine Glatze. Und hat Schuhe an.“

 

„Eine Nero?“ fragte Erik leise in ihr Ohr.

 

„K√∂nnte sein, allerdings sehe ich keine direkten Waffen, keine charakteristische Kleidung. Warte“, Odine bewegte ihr Auge etwas zur Seite. „Sie hat einen Docht an ihrem linken Arm.“

 

„Also kein Nero.“

 

„Nein, eher eine Feuermimage, vermutlich eine Mischung mit einigen anderen Elementen, allerdings deutet nichts auf eine zweite Stufe hin.“ Odine runzelte nachdenklich die Stirn, ehe sie ihre letzte Einsch√§tzung abgab. „Ich denke, sie ist keine Gefahr f√ľr uns.“

 

„Aber was macht sie denn hier bei diesem Wetter und noch dazu allein?“

 

„Ich kann sie gerne fragen, wenn du willst“, schlug Odine vor und schickte ohne Eriks Antwort abzuwarten, ¬†ihr rechtes Ohr und dem Mund los, um ihren Auge Gesellschaft zu leisten. Sie wartete, bis sich das M√§dchen auf eine die Treppen verbindenden Plateaus befand, ehe sie leise „Hallo M√§dchen“, sagte.

 

Anscheinend war ihre Vorsicht genau richtig gewesen, da dieses, kaum dass die begr√ľ√üenden Worte Odines Lippen verlassen hatten, j√§h in sich zusammenzuckte, √ľber ihre eigenen F√ľ√üe stolperte¬† und geh√∂rig ins Wanken geriet. „Wer war das, verdammt noch mal?“

 

„Das war ich, Odine.“ Sie platzierte ihren Mund, ihr Auge und ihr Ohr gut sichtbar vor dem M√§dchen. „Tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe, aber ich w√ľrde gerne wissen, was du hier ganz alleine am Berg willst?“

 

Leider war das M√§dchen weit weniger naiv, als wie es w√ľnschenswert gewesen w√§re und zudem weder brav, noch √ľberrumpelt genug, um ihre Frage ehrlich zu beantworten. Stattdessen erwiderte sie: „Mir die im Sturm hin und her schwankenden B√§ume vom Berg aus betrachten und du?“

 

Odine l√§chelte leicht, was in Anbetracht ihres ausgefahren Mundes allerdings √§u√üerst seltsam aussehen musste. „Dasselbe und dabei dachte ich, dass mein Freund und ich hier die einzigen w√§ren.“

 

„Dann seid ihr also allein?“ Der Unterton des M√§dchens klang eigenartig. „Und ich habe euch bei dieser trauten Zweisamkeit gest√∂rt. Das tut mir wirklich unendlich Leid.“

 

Odine musterte ihre Gegen√ľber nachdenklich, bevor sie vorsichtig sagte. „Falls du deinen Partner suchen solltest… er war nicht da oben.“

 

„Ich suche nicht nach meinem Partner“, entgegnete das M√§dchen entschieden und nunmehr ¬†auch sichtlich genervt. „Und ehrlich gesagt, rede ich nicht gerne mit Menschen, die ich nur st√ľckchenweise sehen kann. Wenn du schon mit mir sprechen willst, dann zeig dich gef√§lligst richtig, damit ich wenigstens wei√ü, mit wem ich es zu tun habe!“

 

„In Ordnung. Bleib wo du bist.“ ¬†Ohne auf eine Antwort zu warten, zog Odine sich wieder zur√ľck, fuhr die Felswand nach oben, ehe sie alle ihren Gliedma√üen wieder¬† ihren rechtm√§√üigen Pl√§tzen zuordnete und ihr zweites Auge √∂ffnete, um Erik anzublicken, der fragend eine Augenbraue hochzog.

 

„Sie sucht anscheinend nach jemanden, ich wei√ü nur noch nicht wen“, berichtete sie ihm ruhig. ¬†„Wir sollten wohl besser runtergehen und direkt mit ihr sprechen. Sie wartet auf uns.“

 

„Gut.“ Erik lie√ü ihre Schultern los und machte sich Odine dicht auf den Fersen an einen erneuten Abstieg.

 

„Die F√§lle, also“, begr√ľ√üte sie das M√§dchen, kaum dass sie bis auf Sichtreichweite an dieses herangekommen waren. „Es h√§tte mich auch gewundert, wenn Olaf seine Nase nicht √ľberall reinstecken w√ľrde.“

 

„Wenn ihr die Dimensionshexe besuchen d√ľrft, warum sollten wir es dann nicht auch tun? Allerdings ist es schon etwas ungew√∂hnlich f√ľr einen Magier ohne Partner unterwegs zu sein“, in Eriks Stimme klang eine leise, wenn auch eindeutige Frage mit.

 

„Ich komme bestens allein zurecht, danke“, entgegnete das M√§dchen schnippisch und vollf√ľhrte eine halbe Drehung um die Achs, nur um dann die Treppe hinunter zu steigen.

 

„Hey, warte mal!“, rief Erik ihr hinterher. „Wir wollten doch reden.“

 

„Du bist von den F√§llen, ich vom Eisernen R√ľcken. Es gibt wohl kaum etwas wor√ľber wir sprechen k√∂nnten.“

 

„Ist das zu glauben?“, Erik wandte sich fassungslos zu Odine um, w√§hrend das M√§dchen langsam im Regen verschwand. „Das kleine G√∂r hat mich einfach abblitzen lassen.“

 

Wenn die Situation nicht so ernst gewesen w√§re, h√§tte Odine vermutlich gelacht. Es kam nicht alle Tage vor, dass jemand – unabh√§ngig ob nun Mann oder Frau -¬† ihn einfach so stehen lie√ü. So jedoch sagte sie lediglich: „Wir sollten uns besser beeilen. Die D√§mmerung wird bald einsetzen.“

 

Erik schien einen Augenblick lang ernsthaft dar√ľber nachzudenken, ob das Verhalten des M√§dchens nicht doch diskutierenswerter war, als ihre Mission, doch am Ende siegte sein Pflichtgef√ľhl.

 

W√§hrend sie Stufe um Stufe hinabstiegen, begann Odine einmal mehr √ľber das merkw√ľrdige Verhalten des M√§dchens nachzudenken und je l√§nger sie √ľberlegte, umso sicherer war sie sich, dass das G√∂r nach jemanden gesucht haben musste und das diesen jemand das gleich Schicksal ereilt hatte wie Meena. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Zwei verschwundene Krieger, keine Kampfspuren, weder oben in der H√∂hle noch im Wald selbst. Und der Riesenwald war ruhig gewesen, zu ruhig in Anbetracht der Tatsache, dass laut Beena ein Schattenwandler von der Gro√üen E…

 

Ein Beben ersch√ľtterte die Felswand und die Stufen zu ihren F√ľ√üen.¬† Ein Beben so stark, als w√ľrde jemand versuchen, den Berg in zwei zu rei√üen. Und mit dem Beben kamen die Steine. Brocken so gro√ü wie Rentierkutschen sausten an ihr vorbei gen Erde, w√§hrend der Staub einem die Sicht zusehend erschwerte. Instinktiv packte sie Erik am Arm und dr√§ngte ihn und sich selbst so dicht wie m√∂glich gegen den Felsen. Sie sp√ľrte mehr, als dass sie es wirklich sah, dass Erik ein Wasserschild um die herum hochzog, um sie so gut wie m√∂glich zu sch√ľtzen. Dicht an die Wand gepresst warteten sie. Es kam Odine wie Stunden vor, Tage, obwohl in Wirklichkeit nur wenige Sekunden vergangen waren, bis der Ger√∂llregen sich wieder legte.

 

Odines Herz h√§mmerte regelrecht in ihrer Brust. Sie brauchte noch ein, zwei Sekunden nachdem der Steinsturz vor√ľber war, ehe sie es wagte, sich von der Wand zu l√∂sen.

 

„Alles in Ordnung?“ Ihre Stimme klang ungewohnt heiser, doch bevor Erik auch nur die Chance hatte etwas zu erwidern, h√∂rte sie wie jemand ihren Namen rief. Sie warf ihrem Partner einen kurzen Blick zu, bevor sie beide eiligst die glitschigen Stufen hinunter rannten, nur um kurze Zeit sp√§ter neben einem √ľber dem Abgrund baumelnden M√§dchen zum Stehen zu kommen. Sie hatte Gl√ľck im Ungl√ľck gehabt, da sie sich gerade noch so mit ihren H√§nden an einem Riss in der Treppe hatten festhalten k√∂nnen. Hastig ging Odine neben ihr in die Hocke und packte sie an einem der Arme. Sie schaute auffordernd zu Erik hin√ľber, welcher sich allerdings seelenruhig gegen die Felswand lehnte und auf ihren Blick hin lediglich sagte: „Wir kommen von den F√§llen und sie vom Eisernen R√ľcken. Es gibt keinen Grund, warum wir ihr helfen sollten.“

 

Odine w√ľnschte sich wirklich, dass Eriks Verhalten sie √ľberraschen w√ľrde, allerdings tat es das nicht wirklich. Sie unterdr√ľckte ein Seufzen. Er schmollte mal wieder, nur dieses Mal zu einem wirklich denkbar schlechten Zeitpunkt. Einem Zeitpunkt, indem sie besser daran t√§ten, die instabile, Felsen spuckende Wand so schnell wie m√∂glich hinter sich zu lassen und nicht unn√∂tige Diskussionen zu f√ľhren. Aber es hatte ja ohnehin keinen Sinn ihn darauf aufmerksam zu machen, denn selbst wenn sie es tat, w√ľrde das Ganze nur in einer weiteren Debatte ausarten, die daran m√ľndete, dass Erik erst recht darauf beharren w√ľrde, seinen Dickkopf durch zusetzten und sie im Endeffekt noch mehr Zeit verlieren w√ľrden. Odine verdrehte genervt die Augen ¬†und schwieg.

 

„Das ist doch wohl jetzt ein Scherz, nicht wahr?“ presste das M√§dchen zwischen vor Anstrengung zitternden Lippen hervor.

 

„Mitnichten, denn es waren immerhin fast deine eigenen Worte.“ Erik stie√ü sich von der Wand ab und ging direkt vor ihr in die Knie, um ihr in die Augen zu schauen.

 

Das M√§dchen w√ľrgte einen Laut heraus, der verd√§chtig nach ‚Bastard‘ klang.

 

„Ich mache dir einen Vorschlag. Ich helfe dir hoch und du sagst mir im Gegenzug, was du hier zu suchen hast? Ein Hand w√§scht die andere.“

 

Das M√§dchen √ľberlegte nicht lange. „Bleibt mir denn eine andere Wahl?“ Doch als Erik abwartend eine Augenbraue hochzog, zischte sie lediglich: „Nat√ľrlich.“

 

Erik l√§chelte leicht, ergriff dann allerdings ihren Oberarm und zerrte sie mit Odines Hilfe auf die Treppe zur√ľck. Odine hatte regelrecht Mitleid mit der armen Kleinen, die zitternd und mit abgebrochenen Fingern√§geln wie ein H√§ufchen Elend da sa√ü, w√§hrend ihr eigener Partner sich ¬†triumphierend vor ihr aufbaute. „Zuerst einmal, wie ist dein Name?“

 

„Esra und du brauchst dich gar nicht erst vorzustellen. Ich wei√ü, wer du bist. Du bist Erik, Olafs Enkel.“

 

Der Satz schien ihn nun doch etwas aus dem Konzept gebracht zu haben. „Du wei√üt, wer ich bin, und wagst es trotzdem, mich einfach so stehen zu lassen?“ Anscheinend hatte das Verhalten des M√§dchens ihn doch h√§rter getroffen, als wie Odine zu Anfang vermutet hatte.

 

„Ich habe zur Zeit nun einmal andere Sorgen.“

 

„Ja, aber…“

 

„Lass mich mal besser weiter machen, Erik“, unterbrach ihn Odine freundlich, um sein Ego vor wirklich tiefgreifenden Schaden und sich selbst, vor einer¬† noch l√§nger andauernden Wartezeit ¬†an der br√∂ckelnden Felswand zu bewahren. Dann wandte sie sich Esra zu. „Also, wen oder was hast du dort oben gesucht? Deinen Partner?“

 

„Einen Klienten“, erwiderte das M√§dchen, wenn auch √§u√üerst widerwillig. „Nur einen Klienten, den wir zur Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums eskortieren sollten, bevor wir ihn im Sturm verloren haben.“

 

„Wir?“

 

„Mein Partner und ich. Wir haben uns getrennt. Er ist zum Dimensionshexenhaus und ich bin hierher gegangen.“

 

Odine warf Erik einen kurzen, bedeutungsschweren Blick zu. Augenscheinlich musste sie doch nicht zum Hexenhaus gehen, um herauszubekommen, was dort vor sich ging. Das Erdbeben war stark gewesen, kr√§ftig genug zumindest, um einen Magier in Sorge um seinen Partner auf direktem Wege zur Steinh√∂hle eilen zu lassen. Ob er nun auftauchte oder nicht, sie w√ľrden so und so ihre Antwort bekommen. Blieb nur noch die Frage, was oder wer im Namen der G√∂tter dieses Erdbeben verursacht hatte. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute an der Felswand empor, so als w√ľrde diese ihr die Antwort auf all ihre Fragen¬† geben k√∂nnen.

 

F√ľr einen Augenblick glaubte Odine einen Schatten √ľber sich gesehen zu haben, als Erik auch schon sagte: „Da kommt jemand, ein Mann.“

 

„Ihr habt doch gesagt, da oben w√§re niemand“, emp√∂rte sich Esra.

 

„Da war auch keiner als wir dort waren“,¬† erwiderte Erik sichtlich genervt und setzte zielstrebig dazu an, sich in ein erneutes Streitgespr√§ch mit Esra verwickeln zu lassen und das in einem Moment, wo es um wesentlich mehr ging, als darum recht zu haben.

 

Da ihm gut zureden, ohnehin nicht helfen w√ľrde, ergriff Odine die einzige M√∂glichkeit, die ihr noch in den Sinn kam, beim Schopfe. Sie wandte sich schlichtweg von den beiden ab und begann zielstrebig die Felstreppe hinunter zu steigen. Sie brauchte nicht lange zu warten, ehe sie auch schon Erik unmittelbar hinter sich h√∂ren konnte. „Was soll das?“

 

Odine machte sich noch nicht einmal die M√ľhe sich umzudrehen, sondern ging einfach weiter, w√§hrend sie m√∂glichst ruhig erwidert: „Dir mag es ja egal sein, dass sich jeden Moment weitere Steine aus dem Felsen l√∂sen k√∂nnten, mal ganz davon abgesehen, dass wir nicht einmal wissen, wer oder was von da oben auf uns zukommt. Aber ich h√§nge an meinem Leben.“

 

„Was soll das hei√üen, du h√§ngst an deinem Leben? Der Steinschlag ist doch schon lange vorbei. Und was den Mann angeht, vermutlich hat die Dimensionshexe einen ihrer Leute hergeschickt, um zu erfahren, was hier vor sich geht.“

 

„Das ergibt keinen Sinn, Erik. Raum-Zeit-Reisen gehen einfach nicht mit einem Erdbeben einher. Erderuptionen geh√∂ren zur ersten Stufe und durch erste Stufe ver√§nderter Stein blockiert die dritte Stufe. Also kann sie das Erdbeben nur erzeugt haben, wenn sie selbst hier ist. Aber wie du selbst festgestellt hast, kommt keine Frau den Berg hinunter sondern ein Mann!“

 

„Vielleicht ist sie nach ihrem letzten Unfall zu fr√ľh gereist und der Dimensionssprung ist irgendwie schiefgelaufen. Vielleicht liegt sie verletzt in der H√∂hle und der Mann ist losgegangen, um Hilfe zu holen. Und ich, der Heiler, der ihr helfen k√∂nnte, laufe einfach weg.“ Im Gegensatz zu ihr gab Erik sich weit weniger M√ľhe leise zu sein.

 

„Glaubst du das wirklich?“ Odine warf ihm nun doch einen kurzen, verunsicherten Blick √ľber die Schulter zu und sah zu ihrer √úberraschung, dass auch Esra ihnen folgte.

 

„Das ist das, was ich denke. Du k√∂nntest uns dieses ganze Theater √ľbrigens auch ersparen, indem du dich einfach ein bisschen Strecken und kurz hochgucken w√ľrdest. Dann w√ľssten wir n√§mlich, was Sache ist.“

 

„Wir befinden uns inmitten eines br√ľchigen, instabilen Steilhanges, in dem sich jeden Augenblick eine neue Steinlawine l√∂sen kann und du erwartest ernsthaft von mir, hier stehen zu bleiben und mich vollkommen schutzlos zu machen?“

 

„Und was schl√§gst du stattdessen vor?“ Sie brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass Erik in just diesen Moment die Augen verdrehte.

 

Odine war es langsam leid, die Stimme der Vernunft zu sein, dennoch erkl√§rte sie mit einem mehr als freundlichem L√§cheln: „Wir verlassen die Felswand und suchen uns ein Versteck in den B√ľschen. Wenn der Mann sich als Freund herausstellt, k√∂nnen wir uns ihm immer noch zu erkennen geben und ihm helfen. Wenn er jedoch wider erwarten ein Feind sein sollte, befinden wir uns wenigstens in einer strategisch g√ľnstigeren Position, wo wir k√§mpfen k√∂nnen, ohne dass wir Angst haben m√ľssen, den Boden unter den F√ľ√üen zu verlieren.“

 

„Du bist total paranoid, Odine.“

 

„Nein, ich bin lediglich vorsichtig. Mein Vater war es nicht und du wei√üt, was dabei herausgekommen ist.“

 

Erik schwieg einen Augenblick lang betreten. „Na gut, wir machen es so, wie du es sagst.“

 

Odine hasste sich einen Augenblick lang selbst f√ľr ihren letzten Satz. Doch dann biss sie die Z√§hne zusammen und ging weiter. Als sie den Fu√ü des Bergers erreichten, hatte der stetige Regen leicht nachgelassen, allerdings bei weitem nicht genug, um den Schatten an der Felswand genau erkennen zu k√∂nnen. Zielstrebig peilten sie daher eine Stelle des Unterholzes an, von der aus sie eine gute Sicht auf den vor ihnen liegenden Bergr√ľcken zu ihrer rechten und den Waldpfad zu ihrer linken hatten. Obwohl Esra Erik bereits unmissverst√§ndlich klargemacht hatte, was sie von ihm hielt, war sie ihnen dennoch einmal mehr schweigend gefolgt und hockte nun neben ihnen im Geb√ľsch, wobei ihr Blick weit h√§ufiger in Richtung Waldpfad schweifte, als zur Felswand. Anscheinend hatte sie, was ihren Partner anging, tats√§chlich die Wahrheit gesagt.

 

„Da kommen Elche“, erklang in diesem Augenblick Eriks leise, aber nichts desto trotz aufgeregte Stimme neben ihr. „Zwei Weibchen, theodorischer Wildfang, f√ľnf und sieben Jah …“

 

„Du kannst sagen, wie alt diese verdammten ¬†Elchk√ľhe sind und woher sie stammen, aber wei√üt nichts √ľber das Alter und die Herkunft des Mannes?“ In Esras Ton klang neben Fassungslosigkeit, auch ein leichter Vorwurf mit.

 

Odine ersparte sich die M√ľhe zu erkl√§ren, dass sich Erik, sehr zum √Ąrger seiner Eltern, in puncto Heilen auf seine Elchzucht spezialisiert hatte. Stattdessen fragte sie, um einen weiteren Streit der beiden zu unterbinden, an Esra gewandt: „Ist das dein Partner, der da kommt?“

 

„Keine Ahnung, allerdings hatte er keinen Elch bei sich, als wir uns getrennt haben.“ Die Antwort des M√§dchens war ebenso knapp wie uninformativ.

 

Nachdenklich runzelte Odine die Stirn, als Erik ihr unvermittelt auf die Schulter tippte und in einer triumphierenden Geste in Richtung Treppe deutete. Odines Augen folgten seinem Fingerzeig und erblickten einen Mann mittleren Alters, der hastig die letzten Stufe¬† hinuntereilte. Seine Kleidung war zwar dreckig und klebte ob das Regens an seinem K√∂rper, ¬†doch war die Farbe unverkennbar: Gelb! Die Landesfarbe des Mittlands, der Heimat der Dimensionshexe. Augenscheinlich hatte Erik mit seiner Vermutung rund um das Erdbeben doch recht gehabt. Blieb nur noch das R√§tsel zu l√∂sen, wer aus der anderen Richtung kam. Ein Abgesandter von Dimensionshexenhaus oder doch Esras Partner oder vielleicht sogar beide? Sie setzte gerade dazu an, diese Frage laut auszusprechen, als der Berg √ľber ihnen regelrecht zu explodieren schien und ein weit schlimmerer Ger√∂llregen, als das Mal zuvor einsetzte.

 

Gebannt beobachtete sie, wie der Mittl√§nder, den niederprasselnden Steinen auswich und vom Berg weg in Richtung Waldpfad fl√ľchtete. Sie mussten eine Entscheidung treffen. Sofort! Sollten sie sich ihm nun zu erkennen geben oder nicht? Sollten sie hier bleiben oder ihn folgen? Sie wandte sich an Erik, ihren Missionsf√ľhrer, musste allerdings feststellen, dass dessen Augen nachdenklich auf Esras Hintern ruhten, welche sich leicht nach vorne gebeugte hatte, um den Waldpfad besser einsehen zu k√∂nnen. Odines Mundwinkel zuckten kurz, ehe sie ihm auf die Schulter tippte. Sie musste ihn noch ein zweites Mal an stupsen, ehe er √ľberhaupt reagierte und sich in ihre Richtung wandte.

 

Sie machte eine auffordernde Geste mit den H√§nden, wobei ihr allerdings auffiel, dass irgendetwas mit ihm nicht zu stimmen schien. Es war die Art und Weise wie Erik sie anschaute. So als w√ľrde er direkt durch sie hindurch sehen, w√§hrend sein Geist weiter den Regen auf der Suche nach irgendetwas durchforstet. Jede einzelne seiner Gesichtsmuskeln wirkte angespannt und hochkonzentriert. Er blinzelte nicht einmal, sondern verharrte lediglich schweigsam, unbewegt, so als w√§re von einem Moment auf den anderen jedes Leben aus seinem K√∂rper gewichen. Instinktiv umfasste Odine sein Handgelenk und suchte nach seinem Puls, er raste.

 

„Erik“, fl√ľsterte sie leise. „Erik!“

 

„Sei still“, Esras Stimme klang genauso angespannt, wie Odine sich f√ľhlte. Das M√§dchen r√ľckte etwas n√§her an sie heran, um ihr dann leise ins Ohr zu wispern: „Schau zum Waldpfad. Das ist Sophos, einer von Dylanas Gener√§len!“

 

Odine Kopf schoss f√∂rmlich in die angegebene Richtung, wo sie einen violett gekleidete Mann erblickte, der gefolgt von zwei Elchen auf die Felswand zustrebte und dabei androgyner nicht h√§tte sein k√∂nnen. Sie hatte schon davon geh√∂rt, dass Dylana eher feminin angehauchte, ¬†jungen M√§nnern als Gef√§hrten bevorzugen w√ľrde, dieses allerdings f√ľr eine hoffnungslose √úbertreibung gehalten. Anscheinend hatte sie unrecht gehabt. „Bist du dir sicher, was seine Identit√§t angeht?“

 

„Nat√ľrlich bin ich mir sicher. Er ist schlie√ülich der mit Abstand bekannteste Verr√§ter meines Landes. Alle anderen fl√ľchten, wenn √ľberhaupt, in die Silberberge. Er ging zu Dylana!“, fauchte Esra, wenn gleich sie nicht minder besorgt zu sein schien. „Wir m√ľssen ihn angreifen, sofort. Wenn er schon den Gehilfen der Dimensionshexe in seiner Gewalt hat, ist klar, wer sein eigentliches Ziel ist.“

 

Odine schallte sich selbst daf√ľr, dass ausgerechnet ihr, der Spionin, erst jetzt auffiel, dass √ľber den R√ľcken von einer der beiden Elchk√ľhe eine gelbkleidete Person hing. Der Mittl√§nder. Ver√§rgert zupfte sie mit den Z√§hnen an ihrer Unterlippe und warf ihren noch immer scheintoten Partner einen weiteren Blick zu. Wenn er ansprechbar w√§re, w√ľrde sie einen Angriff sofort zustimmen, so jedoch, waren sie lediglich eine Gummi-Frau und eine erststufler Mimage gegen einen von Dylanas Gener√§len, dessen Macht sie noch nicht einmal kannten.

 

¬†„Wei√üt du was er…?“, begann sie an Esra gewandt, doch diese sch√ľttelte nur bedauernd den Kopf. ¬†„Er sollte ein Nero sein, aber ich bin mir nicht sicher.“

 

„Das w√§re auch zu sch√∂n gewesen.“ Odine Gedanken rasten dahin, wie eine Elchkutsche. Sie war es nicht gew√∂hnt, dass die letzte Entscheidung bei ihr lag. Erik war der Missionsf√ľhrer, er war es immer gewesen, aber jetzt, wo es darauf ankam, war er nicht viel mehr als ein kleines St√ľckchen atmender, vom Regen bis auf die Haut durchn√§sster Mensch.

 

Ihre Augen suchten Sophos, der die baumfreie Zone zwischen Wald und Felswand bereits erreicht hatte und gerade soweit vor der Felswand anhielt, um nicht von den immer noch herabst√ľrzenden Steinen getroffen zu werden. Unter ihrem wachsamen Blick wandte er sich seinem Gefangen zu und zog diesen vom R√ľcken seines Elches. Der Mann regte sich und brabbelte irgendetwas vor sich hin, was seinen Entf√ľhrer allerdings nicht weiter zu st√∂ren schien, da er ihn gelassen an sich presste, w√§hrend einer mit seiner linken Hand etwas aus seinem Unterarmschoner hervorzog. Es war eine zirka zwanzig Zentimeter langen Nadel, mit einer Spitze so scharf, dass sie nahezu widerstandslos in den Hals seiner Geisel glitt.

 

Der Mann riss die Augen auf und schrie. Schrie so laut und so verzweifelt, dass dieser Schrei selbst das Beben des Berges wie ein leichtes Summen wirken lie√ü. Odine schluckte schwer und ein Blick in Esras Gesicht verriet ihr, dass es ihr √§hnlich ging. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ein Mensch √ľberhaupt so schreien konnte. Ihre Finger begannen unwillk√ľrlich zu kribbeln, so als wollten sie sich aus eigenem Antrieb ausstrecken, um den Mann zu retten, als unvermittelt der Steinregen stoppte und eine grauhaarige, korpulente Frau am Boden des Felsens auftauchte.

 

„Hallo Mathilda“, begr√ľ√üte sie Sophos freundlich, w√§hrend er die Nadel aus dem Hals des Mannes zog.

 

„Du musst Sophos sein. Hubertus hat mir schon von dir erz√§hlt“, erwiderte die Frau, die nur die Dimensionshexe sein konnte, vollkommen gelassen.

 

„Ihr habt geredet?“

 

„Wir wollten nach unserem ersten kleinen Machttest warten, bis mein Sekret√§r den Berg verlassen hat. Nicht, dass ihm noch etwas zust√∂√üt, w√§hrend wir k√§mpfen.“ In ihrem Unterton klang ein leichter Tadel mit.

 

„Das ist mal wieder typisch¬† Hubertus“, schimpfte Sophos teils am√ľsiert, teils ver√§rgert. „Und dabei habe ich ihm extra vorher noch erkl√§rt, dass unsere Zeit begrenzt ist. Aber h√∂rt er auf mich? Nat√ľrlich nicht. Er und seine ewige Ehrenhaftigkeit.“

 

„Was wei√üt du schon von Ehre, Sophos? Sich in den Kampf anderer einzumischen und noch dazu eine Geisel zu nehmen ist n√§mlich keineswegs ehrenwert.“ Erklang auf einmal eine tiefe, kalte Stimme √ľber ihnen.

 

Odines Blick schoss unwillk√ľrlich nach oben und erblickte einen Mann, dessen blo√üe F√ľ√üe auf einer Erdplatte standen, welche bislang gut vier Meter √ľber den Boden geschwebte hatte, doch nun zur Landung ansetzte.

 

„Ich musste mich einmischen, Hubertus. Denn gem√§√ü meines Zeitplanes bist du, was das K√§mpfen angeht, schon gut zehn Minuten √ľberf√§llig und wir wollen schlie√ülich nicht dem K√§fig in die Arme laufen.“ Sophos‘ Stimme klang so geduldig, als w√ľrde er mit einem Kind reden. „Daher habe ich mir auch erlaubt, diesen Mann mit dem wirklich bemerkenswerten Stimmvolumen als Geisel zu nehmen. Also wie sieht es aus, Mathilda? Ergibst du dich freiwillig oder muss ich deinem Gehilfen erst wirklich wehtun?“ Er tippte mit der Nadel in seiner Hand leicht gegen den Hals des Mittl√§nders, woraufhin dieser erneut zu wimmern begann.

 

„Und wie willst du das Anstellen, wo du doch jetzt mein Gefangener bist?“ Von einem Moment auf den anderen, war Mathilda verschwunden und direkt hinter Sophos aufgetaucht, um diesen einen kleinen, spitzen Dolch an die Kehle zu halten. „Ich denke, das Spiel ist vorbei, Hubertus. Es war wirklich nett mit dir zu reden und zu k√§mpfen, aber wie du siehst habe ich deinen Partner als Geisel, also ergib dich. Geh zur√ľck zu Dylana und sag ihr, dass ich wieder da bin und dass sich das Mittland, solange es ¬†unter der F√ľhrung meines Bruder steht, ihr niemals ergeben wird.“

 

Hubertus Gesicht blieb ebenso unbewegt wie sein K√∂rper, w√§hrend Sophos unvermittelt zu lachen begann: „Ich bef√ľrchte, ich bin eine denkbar schlechte Geisel. Du h√§ttest dir lieber¬† Frieda nehmen sollen.“ Er deutete mit seinen Kopf auf einen der Elche, wobei einer seiner¬† Ohrringe gegen Mathildas Gesicht schlug. „Hubertus h√§ngt mehr an ihr, als an mir.“

 

Mathildas ignorierte ihre Geisel und musterte stattdessen Hubertus in einer Art schweigender Aufforderung, doch dieser blickte nur k√ľhl zur√ľck. ¬†

 

„Odine.“

 

Odine schloss f√ľr einen Augenblick lang in stiller Dankbarkeit die Augen. Erik war wieder da. Sie wandte sich ihm zu und w√ľnschte im selben Moment, sie h√§tte es nicht getan. Denn auch wenn er geistig unter ihnen weilte, so waren seine Gesichtsz√ľge dennoch nach wie vor wie versteinert. „Hubertus ist ein drittstufler Erdmimage.“

 

„Was?“ Ihre Stimme hatte ebenso lautlos geklungen, wie die seine.

 

„Ich habe den Kampf zwischen ihm und der Dimensionshexe an der Felswand verfolgt, wann immer sie in meiner Reichweite waren. Die Zeichen waren eindeutig. Er ist ein Herr √ľber Raum und Zeit!“

 

Odine schloss f√ľr einen kurzen Moment die Augen, dann nickte sie.

 

„Wir m√ľssen eingreifen und den Mittl√§nder befreien, damit sich Mathilda nur auf den¬† Drittstufler konzentrieren kann. Ich werde diesen Sophos besch√§ftigen halten, aber zuvor muss du ihm diesen Gefangenen entrei√üen.“

 

„Und ich?“

 

Erik schnaubte lediglich, bevor er Esra mehr als kalt abblitzen lie√ü: „Ich bin von den F√§llen und du vom Eisernen R√ľcken, wage es ja nicht, mir beim Kampf in die Quere zu kommen.“

 

Esra hob trotzig ihr Kinn, erwiderte allerdings nicht.

 

„Du kannst mir helfen“, fl√ľsterte Odine ihr zu. „Ver√§ndere die Erde zu unseren F√ľ√üen, wenn du das kannst, damit der Drittstufler nicht auf einmal neben uns auftaucht.“

 

„Meine Erdaffinit√§t ist zwar nicht sehr stark, aber das sollte ich hinbekommen.“

 

Odine schenkte ihr ein kurzes dankbares L√§cheln, ehe sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe zuwandte. Sie dehnte kurz ihre Nackenmuskulatur und Schultern und konzentrierte sich dann auf ihre Finger, ihre H√§nde und schlie√ülich ihre Arme. Sie musste schnell sein, sehr schnell und sich den √úberraschungseffekt dabei zu nutzen machen. Sie nickte Erik kurz zu und lie√ü dann ihre Arme blitzschnell nach vorne schie√üen. Ihre Muskeln und Sehen dehnten sich, weiter und weiter, bis sie den Mittl√§nder erreicht hatte. Sie ergriff seine Schultern und wollte ihn von seinem Geiselnehmer weg zu sich heranziehen, als sich unvermittelt Finger um ihre Handgelenke schlossen und diese blitzschnell zu Boden dr√ľckten. Sie registrierte gerade noch, dass die Dimensionshexe hinter Sophos wie eine leblose Puppe in sich zusammensackte, ehe ein unvorstellbarer Schmerz ihren K√∂rper durchzuckte, als sich eine lange Nadeln in ihre Handr√ľcken bohrten und diese auf den Boden festpinnten. Odine schrie.

 

Sie h√∂rte Rufe neben sich, aufgeregt, w√ľtend. Doch sie konnte nicht verstehen, was diese sagten. Das einzige, das sie wahrnahm, war dieser unglaubliche Schmerz. Warum wurde sie nicht ohnm√§chtig? Wo blieb diese verdammte, schmerzstillende Dunkelheit, wenn man sie am meisten brauchte? Wenn einem die magischen F√§higkeiten verlie√üen und die Muskeln ihre Dehnbarkeit verloren. Wenn der eigene K√∂rper einen verriet und auf die Feinde zu zukriechen begann, weil er die Schmerzen ihrer √ľberdehnten Muskeln und der aufgespie√üten H√§nde nicht mehr ertrug. Mehr in Trance, denn in Realit√§t, sp√ľrte sie pl√∂tzlich ein Gewicht auf ihren R√ľcken –Esra.

 

„Geh von mir runter! Lass mich! So geh doch!“ Versuchte sie zu rufen, doch die Schmerzen verwandelte diese in unartikulierte und selbst in ihren eigenen Ohren unmenschlich anmutenden Schreie. Ihre Augen suchten hilflos ihre aufgespie√üten H√§nde, die sich immer noch einige unerreichbare Meter von ihr entfernt befanden. Sie registrierten nur am Rande den zu ihrer rechten Hand liegenden bewusstlosen Mittl√§nder, noch die sich hintern diesem befindenden ¬†ebenso besinnungslose Dimensionshexe. Sie interessierte nur ihre H√§nde, ihr Ziel, ihre M√∂glichkeit um sich von diesen unertr√§glichen Qualen zu befreien. Jemand musste ihr helfen, sie befreien.

 

Sie wandte ihren Kopf m√ľhsam zur Seite und erblickte Erik, in dessen Blick blanker Hass lag. Sie wusste nicht genau, was diese letzte Bewegung mit ihrem Gehirn gemacht hatte, doch pl√∂tzlich f√ľhlte sie sich eigenartig, fast so als h√§tte sie ihren sich immer noch vor Schmerzen windenden, unmenschlich schreienden K√∂rper verlassen und w√ľrde die Geschehnisse nur noch von au√üen betrachten.

 

Mit getr√ľbtem Blick beobachtete sie, wie ihr Partner mit Wut verzerrtem Gesicht, dass Wasser um sich herum aus dem Erdboden und den B√§umen zog und zu einer gigantischen Kugel √ľber seinem Kopf formte. Die B√§ume und alles andere um sie herum zerbersteten beim blo√üen Kontakt mit der Sph√§re, w√§hrend das Holz als tausende kleiner Splitter gen Boden regnete. Schwer atmend trat Erik einen Schritt nach vorne, dann noch einen. „Lasst Odine frei. Lasst sie frei oder ich werde euch bek√§mpfen und t√∂ten!“ Seine hasserf√ľllte Stimme durchschnitt die Luft wie eine Klinge.

 

Sophos legte den Kopf leicht schief und musterte ihn interessiert, als unvermittelt Hubertus neben ihm auftauchte und mit einer gelassenen Bewegung die Nadel aus ihren H√§nden zog. Odine registrierte zwar, dass sich ihre Arme von einem Moment zu anderen wieder auf ihre normale L√§nge zur√ľckgeformt und sich ihr Schreien zu einem Wimmern verringerten hatte, aber es wirklich f√ľhlen, konnte sie dennoch nicht. Sie war nur noch ein Zuschauer, anwesend, aber ohne wirkliches Bewusstsein.

 

Ihren glasigen Augen fokussierten Hubertus, der mit einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck, die blutige Nadel seinem Partner reichte, ehe er sich Erik zuwandte: „Du bist stark, sehr stark sogar und ich erkenne deine St√§rke an. Aber du hast dich zu leicht aus dem Konzept bringen lassen. Erst durch deinen gescheiterten Versuch Sophos zu bet√§uben und dann durch die Schreie deiner Partnerin. Komm‘ in f√ľnf Jahren wieder zu mir. Zu einem Zeitpunkt, wenn du gelernt hast, nicht nur stark zu sein, sondern auch richtig zu handeln. Dann werde ich mit Freuden gegen dich k√§mpfen.“

 

Hubertus nickte Odines Partner kurz zu, bevor sich von einem Moment auf den anderen der trockene Boden unter Eriks F√ľ√üen auftat und ihn in die Tiefe st√ľrzen lie√ü. Seine Hand, die kurze Zeit zuvor noch die Wasserkugel gehalten hatte, griff von einem Moment zum anderen ins Leere, w√§hrend sich -noch bevor der Ball instabil wurde und in sich zusammenbrach - ¬†ein steinernes Deckel √ľber Eriks Loch bildete und dieses wasserdicht verschloss.

 

Ohne Odine oder Esra √ľberhaupt eines Blickes zu w√ľrdigen, wandte sich Hubertus an seinen Partner. „Der K√§fig kommt.“

 

„Kannst du es mit ihnen aufnehmen?“

 

„Nicht ohne dabei den ein oder anderen zu t√∂ten“, erwiderte Hubertus ruhig. „Und Dylana w√ľnscht keinen Krieg mit Briseis.“

 

„Dann habe ich wohl keine andere Wahl“, Sophos zuckte mit den Schultern, w√§hrend er sich Ring um Ring von seinen Fingern zog und auf den Boden warf. „Und das alles nur wegen dieser alten, unerledigten Sache zwischen den Beiden.“ Er griff sich den Begleiter der Erdmimage und warf ihn sich √ľber die Schulter, nur um sodann auf den Felsen zuzugehen.

 

Hubertus zog indes nur irritiert eine Augenbraue hoch, folgte dann aber dennoch Sophos‘ Beispiel. ¬†„Ich dachte, du h√§ttest Angst ich k√∂nnte dich beim Raumsprung verlieren“, sagte er unvermittelt, w√§hrend er mit der Erdmimage √ľber der Schulter baumelnd auf seinen Partner zuging. Erst jetzt konnte Odine einen blutroten Striemen auf Mathildas Wange erkennen, der sich genau an der Stelle befand, wo sie kurze Zeit zuvor von Sophos‘ Ohrring getroffen worden war.

 

Sophos lachte. „Wir wissen doch beide, dass du bitterliche Tr√§nen weinen w√ľrdest, wenn du mich nicht mehr an deiner Seite h√§ttest. Also streng dich einfach ein bisschen an, dann schaffst du das schon.“

 

Hubertus warf ihm einen letzten, unterk√ľhlten Blick zu, dann verschwand er und mit ihm die Dimensionshexe, der Mittl√§nder und zuletzt auch sein Partner.

 

Kapitel 10: Artemis vom Käfig

 

Die Minuten des Wartens zogen sich in die L√§nge wie Kaugummi. Einmal mehr schweifte Felix‚Äė Blick zu der gro√üen Standuhr hinter Sophos‚Äė Schreibtisch, deren schweres Pendel mit einer Tr√§gheit hin und her schwang, die ihn langsam aber sicher zur Wei√üglut trieb. Er war noch nie ein besonders geduldiger Mensch gewesen und seine noch vorhandene Geduld wurde von Sekunde zu Sekunde weniger. Gereizt klopfte er mit seinem rechten Fu√üballen auf den Boden.

 

Er hasste Warten!

 

Teils frustriert, teils entnervt ließ er den Kopf auf seine Handflächen sinken, während seine Augen unruhig auf Wanderschaft gingen. Die Regale, der Schrank, das Flipchart, das Sofa, …

 

Nachdenklich sch√ľrzte Felix die Lippen. Vielleicht sollte er in den Keller hinunter gehen und Hubertus einen kurzen Besuch abstatten, um ihn zu fragen, wann er Sophos wieder zur√ľck erwarten konnte? Allerdings bezweifelte er, dass der alte Miesepeter allzu positiv auf eine St√∂rung reagieren w√ľrde. Wie von selbst fiel Felix‚Äė Blick auf Heros. Er √ľberlegte

kurz, ehe er¬† etwas n√§her an diesen heranr√ľckte, um ihm dann vorsichtig auf die Schulter zu tippen. Er wartete einen Augenblick lang, doch der andere r√ľhrte sich nicht. Felix r√§usperte sich: ‚ÄěHeros, he, Heros.‚Äú¬† Er r√ľttelte ihn etwas fester an der Schulter. Aber das einzige, was er erreichte, war, ein kurzer zufriedener Schnarchlaut als dieser sich von einer Seite auf die andere w√§lzte.

 

Na wunderbar. Entnervt warf Felix seine Kopf in den Nacken und starrte die Decke an, als er unvermittelt ein Ger√§usch vernahm. Seine Augen schossen f√∂rmlich zur offen stehenden Eingangst√ľr, w√§hrend seine Ohren

angestrengt lauschten. Da war es wieder! Undeutlich, ja, aber es waren definitiv Stimmen gewesen.

 

Hastig rappelte er sich auf die Beine und schoss regelrecht auf die Veranda hinaus, nur um dort schlitternd zum Halt zu kommen. Denn das, was da im Schatten der hereinbrechenden Nacht auf ihn zukam, waren nicht Sophos und die Dimensionshexe, sondern vielmehr die wohl eigenartigste Ansammlung von Menschen, die er jemals gesehen hatte. Es mussten an die dreißig sein, von denen die meisten auf kurzbeinigen, struppigen Rentieren ritten. Dem Tross vorneweg schwebte auf einem dieser

komisch anmutenden Sackkarren eine gro√üe, hagere Frau mittleren Alters, zu deren Rechten und Linken je eine Elchkuh schritt. Das P√§rchen in blau, das auf einem der Tiere ritt, kannte er nicht. Daf√ľr war ihm das M√§dchen, das auf dem R√ľcken des anderen sa√ü, leider nur zu gut bekannt.

 

‚ÄěSag mal, hat dir jemand ins Gehirn gepisst, oder wie sonst kommst du auf die bescheuerte Idee mitten in der Nacht in den Riesenwald zu gehen?‚Äú, fauchte Esra zornig, w√§hrend sie mit einem beherzten Satz vom R√ľcken ihres Elches sprang.

 

Betont gelassen verschr√§nkte Felix die Arme vor der Brust, ehe er trotzig erwiderte: ‚ÄěDas geht dich gar nichts an.‚Äú

 

‚ÄěDas geht mich sehr wohl etwas an. Denn ich habe immerhin mein verdammtes Leben riskiert, als ich dir hinterher gegangen bin. Ich k√∂nnte jetzt tot sein und das alles nur, weil du die Intelligenz eines Eiswurms besitzt!‚Äú W√ľtend stapfte Esra die wenigen Stufen zur Veranda hinauf.

 

Felix lachte trocken. ‚ÄěDu glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dir das abkaufe, oder? Wenn ich, der kleine, unwissende Anderwelter, es mitten in der Nacht

durch den Wald schaffe, dann sollte das doch f√ľr eine gro√üe Missionsf√ľhrerin wie dich kein Problem sein. Vermutlich begehen die Riesenkaninchen eh lieber Selbstmord, sobald du auch nur den Mund aufmachst. Ich w√ľrde es ihn jedenfalls nicht ver√ľbeln.‚Äú

 

‚ÄěDu hast keine Ahnung, von was du da √ľberhaupt redest, Kleiner. Und jetzt geh mir aus den Weg oder sag mir zumindest, wo Heros steckt!‚Äú

 

Mit einem letzten w√ľtende Blick trat Felix aus dem T√ľrrahmen und gab die Sicht in den Raum frei. ‚ÄěDann geh halt rein. Vielleicht bekommst du ja Heros

dazu, endlich aufzuwachen.“

 

Esra Augen zogen sich bei diesen Worten zu kleinen, bedrohlich Schlitzen zusammen, nur um sodann den Raum zu durchschweifen und letztendlich an Heros‚Äė selig schlummernden K√∂rper innezuhalten. Ihre Nasenfl√ľgel weiteten sich wie die eines Drachens, der kurz davor war Feuer zu speien. ‚ÄěDu verdammter Faulpelz!‚Äú

 

Der dumpfe Klang ihrer Stiefel hallte im Raum wieder, als sie diesen mit langen Schritten durchquerte, nur um dann abrupt vor Heros‚Äė Lager zum Stehen zu kommen. ‚ÄěHeros! Heros, wach auf!‚Äú

Ohne sich im Geringsten darum zu k√ľmmern, dass ihr Partner unter der Decke nackt war, begann sie an seinen Schultern zu r√ľtteln.

 

‚ÄěWas‚Ķ was‚Äôn los.‚Äú Heros hatte sichtlich M√ľhe zu sprechen, geschweige denn, die Augen offenzuhalten.

 

‚ÄěDu fragst mich, was los ist? Du fragst mich ernsthaft, was los ist? Du hast geschlafen! Wir haben gek√§mpft und du hast hier sch√∂n im Warmen gelegen und gepennt!‚Äú Mit einem letzten heftigen Sto√ü lie√ü Esra seine Schulter los. ‚ÄěIch dachte wirklich, ich h√§tte mich mittlerweile an deine Inkompetenz

gew√∂hnt, aber du √ľberraschst mich immer wieder aufs Neue. Heros, du verdammter Schei√ükerl, wach endlich auf!‚Äú Erneut begann Esra an seiner Schultern zu r√ľtteln, doch diesmal mit weit weniger Erfolg.

 

‚ÄěEr kann nichts daf√ľr‚Äú, versuchte Felix die Situation zu erkl√§ren. ‚ÄěSophos hat ihn bet√§ubt.‚Äú

 

Esras scharfer Blick schien mehr oder weniger dazu gedacht, ihn in zwei s√§uberliche H√§lften zu teilen. ‚ÄěWas?‚Äú

 

‚ÄěWenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir seinen Hals an. Er hat an der

Einstichstelle immer noch eine kleine Wunde.‚Äú W√§hrend Esra bereits nach vorne st√ľrzte, um Heros etwas genauer in Augenschein zu nehmen, wandte sich Felix von den beiden ab, um den Rest der Gruppe pr√ľfend zu mustern.

 

Die meisten Rentierreiter waren bereits von ihren Tieren gestiegen und versorgten diese gesch√§ftig. Lediglich der blau gekleidete Mann hatte seinen Elch in der Obhut der anderen zur√ľckgelassen und sich mit seiner Freundin auf einen der Sitzb√§nke auf der Veranda niedergelassen. Momentan redete er leise auf diese ein: ‚ÄěGeht es dir auch wirklich gut, Odine? Ich kann dich

einschlafen lassen, wenn du willst, oder deine Hände betäuben oder...“

 

‚ÄěIst schon in Ordnung, Erik. Du hast die Verletzungen bestens versorgt. Dein Gro√üvater w√§re stolz auf dich‚Äú, erwiderte die Frau und schenkte ihrem Begleiter ein zauberhaftes L√§cheln.

 

‚ÄěEr w√§re nicht stolz auf mich. Er ist immerhin einer der gro√üen Vier. Er w√ľrde sich sch√§men, wenn er w√ľsste, wie sehr ich versagt habe!‚Äú

 

‚ÄěAch Erik.‚Äú Eine ihrer verbundenen H√§nde strich sanft √ľber die Wange des Mannes.

‚ÄěNichts, ach Erik. Ich bin ein solcher Idiot gewesen.‚Äú Der Mann namens Erik fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. ‚ÄěErst versuche ich jemanden mit meiner zweiten Stufe zu bet√§uben, der irgendwie gegen meine Macht immun zu sein scheint, und anstatt, dass ich dann gegen den Drittstufler gehe, der mit seinen nackten F√ľ√üen die ganzer Zeit √ľber in einer Pf√ľtze stand, ziehe ich das Wasser aus den B√§umen und meiner Umgebung und greife sie wie ein Volltrottel in meiner ersten Stufe an.‚Äú

 

‚ÄěUnd als w√§re, das nicht schon dumm genug, jammerst du deiner verletzten Partnerin auch noch die Ohren voll,

anstatt dich hier n√ľtzlich zu machen‚Äú, erklang Esra rauchige Stimme direkt neben Felix.

 

Die kornblumenblauen Augen des Mannes schossen regelrechte Blitze in ihre Richtung. ‚ÄěIch bin von den F√§llen und du‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěJa, ja, ich wei√ü. Ich bin vom Eisernen R√ľcken‚Äú, winkte Esra genervt ab. ‚ÄěAber da wir nun schon einmal Seite an Seite gek√§mpft haben und ich deiner Partnerin davon abgehalten habe, direkt in die Arme der Feinde zu krabbeln, kannst du dich auch mal n√ľtzlich machen und meinem Partner helfen. Du hast ja sonst

nichts Sinnvolles getan.“

 

Beinahe schon fasziniert beobachtete Felix, wie der um die zwanzig J√§hrige trotzig die Arme vor der Brust verschr√§nkte und die Unterlippe leicht vorschob. Wenn es nicht absolut absurd w√§re, w√ľrde er sagen, dass der Mann gerade schmollte wie ein kleines Kind. ¬†

 

‚ÄěErik, bitte‚Äú, stimmte die Frau in diesem Augenblick in Esras Bitte mit ein, woraufhin ihr Freund missmutig die Stirn runzelte, sich dann allerdings von seinem Platz erhob.

 

‚ÄěUnd du kommst wirklich zurecht,

Odine?“, fragte er immer noch sichtlich besorgt an seine Partnerin gewandt.

 

‚ÄěJa, klar.‚Äú Sie schenkte Erik ein aufmunterndes L√§cheln, in dem sich allerdings auch eine gewisse M√ľdigkeit widerspiegelte.

 

‚ÄěAber wenn was ist oder dir irgendetwas wehtut, dann sagst du mir sofort Bescheid.‚Äú

 

‚ÄěNat√ľrlich.‚Äú

 

Mit einer letzten Musterung riss sich Erik von seiner Partnerin los und strebte auf die Eingangst√ľr des Hexenhauses zu.

Sobald sein Blick auf Esra traf, k√ľhlte sich dieser innerhalb weniger Millisekunden auf den Gefrierpunkt ab.

 

Felix hatte das Gef√ľhl, unter diesen kalten Augen mehr oder weniger in sich zusammen zu schrumpfen, w√§hrend Esra lediglich trotzig das Kinn in die H√∂he streckte. ‚ÄěDu brauchst mich gar nicht so anzuschauen. Ich mag dich auch nicht, aber Heros, mein Partner, wird dich lieben, versprochen! Immerhin verbinden euch die gleichen Hobbys: Elche, Frauen und Versagen.‚Äú

 

Erik schnaubte abfällig, ließ sich dann jedoch ohne ein weiteres Wort neben

Heros‚Äė Schlafplatz auf den Boden nieder und begann gesch√§ftig dessen Hals zu untersuchen.

 

‚ÄěIst er ein‚Ķein‚Ķ‚Äú Einmal mehr fehlten Felix die Worte, die er eigentlich sagen wollte. Augenscheinlich gab es weder eine Bezeichnung f√ľr ‚ÄěArzt‚Äú noch f√ľr ‚ÄěDoktor‚Äú in dieser Sprache. Doch schlie√ülich fiel ihm eines ein. ‚ÄěIst er ein Heiler?‚Äúfragte er an Esra gewandt, die immer noch neben ihm im T√ľrrahmen stand.

 

Diese blickte ihn einen Augenblick lang so irritiert an, dass Felix insgeheim erwartet, dass sie ihn jeden Moment

anschreien w√ľrde, doch dann zuckte sie lediglich mit den Schultern: ‚ÄěNaja, Heiler ist zu viel gesagt. Er hat sich auf Elche spezialisiert.‚Äú

 

Felix atmete tief durch. Er wusste, dass Esra kein netter Mensch war, aber dass sie so kaltherzig sein und Heros einen Veterin√§r √ľberlassen w√ľrde, h√§tte selbst er ihr nicht zugetraut. ‚ÄěIch wei√ü, dass Heros sich in eine Katze verwandeln kann‚Äú, erkl√§rte er bestimmt. ‚ÄěAber findest du es nicht etwas unvorsichtig ihn von einen Tier-Heiler behandeln zu lassen?‚Äú

 

‚ÄěWie oft muss ich dir eigentlich noch

sagen, dass man nicht √ľber die Mimage- und Nero-Kr√§fte der anderen redet?‚Äú

 

‚ÄěAber‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěDas ist doch Bockmist‚Äú, erklang in diesem Augenblick eine Frauenstimme hinter ihm. Als Felix sich umdrehte, sah er sich der Frau gegen√ľber, die den Tross auf ihren Schwebewagen angef√ľhrt hatte. ‚ÄěImmer dieses ewige Theater von wegen, man solle niemanden danach fragen oder verraten, was f√ľr eine Macht man hat. Das ist so ein Schwachsinn! Bei einem nicht unerheblichen Teil der Magier wei√ü man doch sowieso schon auf den ersten

Blick, was f√ľr eine Art Magie sie verwenden. Ich f√ľr meinen Teil laufe bestimmt nicht deswegen barfu√ü herum, weil meine F√ľ√üe so h√ľbsch anzusehen sind.‚Äú Wie zur Best√§tigung wackelte sie mit ihren beiden gro√üen Zehen, bei denen der Dreck schon unter den N√§geln hervorguckte. ‚ÄěErik von den F√§llen ist so bekannt, dass ihm das Wissen um seine ungeheure Wassermagie schon das n√§chste Liebchen ins Bett legt, noch bevor er seine letzte verlassen hat. Und du mein liebes M√§dchen, kannst, solange du mit diesem Docht am Arm heruml√§ufst, deine Feueraffinit√§t genauso wenig vertuschen, wie die Tatsache, dass der Junge direkt vor mir

der Anderweltler ist, der keine Ahnung hat, wor√ľber ich gerade rede.‚Äú

 

‚ÄěIch wei√ü, was Mimage sind! Und Neros!‚Äú, verteidigte Felix seine Unwissenheit. Sein Blick wanderte unwillk√ľrlich zu ihren blo√üen F√ľ√üen, w√§hrend er sich Sophos‚Äė Erkl√§rung in Erinnerung rief. ‚ÄěUnd ich wei√ü auch, dass du eine Erdmimage bist.‚Äú

 

Die Frau lachte, wobei sich tiefe Gr√ľbchen zu beiden Seiten ihres Mundes bildeten. Irgendwie kam sie Felix bekannt vor. ‚ÄěIch bin wirklich beeindruckt. Aber kannst du mir auch sagen, welche Stufe ich habe?‚Äú

Verwirrt √ľber die Frage blickte Felix zu ihr auf. ‚Äě√Ąhm‚ĶErste?‚Äú

 

Seine Antwort wurde mit lautem Gel√§chter seitens der Rentierreiter quittiert, die ihrer Anf√ľhrerin bis auf die Terrasse gefolgt waren. Die Ohren der Erdmimage liefen knallrot an. Allerdings schien ihr Unmut weniger ihm selbst als ihren lachenden und feixenden Begleitern zu gelten. ‚ÄěHabt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun, als da drau√üen herumzulungern und meine Gespr√§che zu belauschen? K√ľmmert euch lieber um etwas ordentlich zu Essen. Und vergesst das Bier nicht! Ich werde heute mit Sicherheit nicht mehr zum K√§fig

zur√ľckkehren, wenn ich denn schon mal die Chance habe ohne diesen verfluchte Schn√ľffler Minos unterwegs zu sein.‚Äú

 

Minos! Der K√§fig. Der Wald. Seine Flucht, seine Verfolger, das Riesenkaninchen und dann die Frau und ihr glatzk√∂pfiger Begleiter Minos, den er in die Hand gebissen hatte. Pl√∂tzlich war die Erinnerung wieder da. ‚ÄěDu bist Artemis vom K√§fig.‚Äú

 

‚ÄěJepp. Ich bin die Artemis und sei versichert, meine Macht geht bei Weitem √ľber die einer ¬†popligen Erststuflerin hinaus‚Äú, erwiderte die Frau.

 

‚ÄěIch‚Ķ ich wollte dich wirklich nicht beleidigen‚Äú, versicherte Felix ihr hastig. ‚Äě Ich komme‚Ķargha.‚Äú Einmal mehr √ľbernahm Briseis‚Äė Gehirnmanipulation die Macht √ľber sein Sprachzentrum.

 

‚ÄěArgha? Also hat die alte Briseis bereits begonnen, an deinem Gehirn herumzuspielen. Und deinen momentanen Gesichtsausdruck nach zu schlie√üen, verachtest du sie daf√ľr.‚Äú

 

Felix starrte sie einen Augenblick an, dann nickte er zögernd.

 

‚ÄěWenn das so ist, hast du in mir eine Verb√ľndete gefunden. Ich hasse

Windmimage. Es sind alles Schw√§tzer, L√ľgner und Manipulierer. Traue ihnen niemals!‚Äú In Artemis Ton schwang blanke Verachtung mit, ehe ihre Gesichtsausz√ľge sich unvermittelt gl√§tteten und sie ihm kr√§ftig auf die Schultern klopfte. ‚ÄěIch wusste von Anfang an, dass wir beiden uns verstehen werden. Schon in den Augenblick, in dem du Minos deine Z√§hne in den Unterarm gebohrt hast, habe ich erkannt, dass wir auf einer Wellenl√§nge liegen.‚Äú Sie offenbarte eine Reihe kr√§ftiger Z√§hne. ‚ÄěUnter uns, ich glaube, jeder meiner Leute tr√§umt insgeheim davon, ihn in seinen knochigen Arsch zu bei√üen.‚Äú

‚ÄěDu magst ihn nicht und dennoch l√§sst du ihn f√ľr dich arbeiten?‚Äú

 

Artemis schnaubte abf√§llig. ‚ÄěEr arbeitet nicht f√ľr mich, sondern f√ľr Briseis. Ich mag zwar die Anf√ľhrerin unserer kleinen f√ľnftausend-Seelen-Gemeinschaft sein, aber Briseis ist die Landesherrin. Sie hat ihn mir aufgezwungen, um mich im Auge zu behalten, weil ich ihr zu m√§chtig bin. Wenn es nach mir gegangen w√§re, h√§tte ich‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěDu bist m√§chtig? Und eine Ermimage! Bist du etwa auch eine Dimensionshexe?‚Äú unterbrach ¬†Felix sie aufgeregt.

 

Abwehrend hob Artemis die H√§nde. ‚ÄěImmer langsam mit den jungen Rennelchen. Ich brauche noch ein, zwei Monate bis ich meine dritte Stufe erreicht habe. Und selbst dann w√ľrde ich mich niemals Dimensionshexe nennen, das ist und bleibt Mathildas Ehrenname. Drittstufler-Erdmimage oder Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums ist die passendere Bezeichnung.‚Äú

 

‚ÄěAber du wirst trotzdem in ¬†andere Dimensionen reisen k√∂nnen.‚Äú

 

‚ÄěNat√ľrlich und nicht nur das‚Äú, erwiderte Artemis und verschr√§nkte sichtlich zufrieden mit sich selbst die Arme vor

der Brust. ‚ÄěIch werde eine Herrin √ľber Raum und Zeit sein. Ich werde die Zeit kontrollieren und mich in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen teleportieren k√∂nnen. Aber vor allem, werde ich nicht mehr auf diese nervigen, st√§ndig vom Weg abkommenden Flitzer angewiesen sein.‚Äú Sie deutete ver√§chtlich auf ihre zerbeulte Sackkarre, die am unteren Ende der Verandatreppe stand.

 

‚ÄěAber das Ding kann immerhin schweben und du musst nicht zu Fu√ü gehen. Das ist doch total praktisch‚Äú, versuchte Felix sie zu tr√∂sten.

 

Artemis klopfte ihn einmal mehr auf die Schulter. ‚ÄěDu bist ein wirklich guter Junge, Felix, aber die alte Gedankenspielerin hat es eindeutig vers√§umt dir neben den Neros und Mimage, auch einige wirklich elementare Dinge √ľber diese Welt zu erkl√§ren.‚Äú

 

Im Anbetracht der Tatsache, dass Briseis im ersten Anlauf bereits die Hälfte der magischen Bevölkerung unter den Tisch fallen lassen hatte, konnte ihr Felix in diesem Punkt nur zustimmen.

 

‚ÄěAber jetzt hast du ja mich‚Äú, fuhr Artemis in diesem Augenblick fort. ‚ÄěIch mache dir einen Vorschlag unter

Freunden. Ich erkläre dir, wie das Mimage-Stufen-System in meiner Welt funktioniert und du machst mich mit deiner Welt vertraut, sobald ich meine dritte Stufe erreicht habe.“

 

‚ÄěNa klar. Warum nicht?‚Äú, erwiderte Felix ohne lange zu √ľberlegen. F√ľr den Fall, dass sich die Dimensionshexe wider erwarten weigern w√ľrde, ihn nach Hause zu bringen, konnte er so immer noch auf Artemis ausweichen. Vielleicht gelang es ihm sogar sie dazu zu √ľberreden, mit ihm zusammen nach London, Paris, New York oder Tokio zu teleportieren. Schneller und billiger w√ľrde er wohl niemals dorthin kommen.

‚ÄěDann ist es also abgemacht.‚Äú W√§hrend sie sprach, zog Artemis zwei Flachm√§nner aus ihrer Tasche, von denen sie einen an Felix weiterreichte. ‚ÄěLass uns darauf ansto√üen.‚Äú

 

Perplex starrte Felix auf die Metallflasche in seiner Hand, w√§hrend seine Gegen√ľber die ihre bereits ge√∂ffnet hatte. ‚Äě√Ąhm‚Ķ ich bin aber erst sechszehn‚Äú, erkl√§rte er z√∂gerlich, wenn auch leicht¬† geschmeichelt dar√ľber, dass sie ihn anscheinend f√ľr √§lter hielt.

 

‚ÄěUnd? Du bist seit drei Jahren erwachsen, was soll‚Äės?‚Äú

 

Felix starrte sie einen Augenblick an, ehe er z√∂gernd begann den Deckel von seinen Flachmann zu entfernen. Mit dreizehn als Erwachsen zu gelten, nicht mehr den Regeln der Eltern gehorchen zu m√ľssen und selbst zu bestimmen, was richtig und falsch war... Er hob die ge√∂ffnete Flasche an und prostete Artemis zu. Das w√§re fantastisch! Er nahm einen herzhaften Schluck. Der scharfe Heidelbeerschnaps brannte in seiner Kehle, so dass er ein Husten unterdr√ľcken musste. Tr√§nen standen in seinen Augen, als er die Flasche wieder zudrehte und an Artemis zur√ľckreichte, bevor er ihr - nach einem letzten pr√ľfenden Blick in Heros‚Äė Richtung -

nach draußen auf die Veranda folgte.

 

 Die Terrasse war nahezu menschenleer. Lediglich Eriks Begleiterin Odine saß nach wie vor auf ihrer steinernen Sitzbank und lächelte ihm freundlich zu, als er sich neben sie sinken ließ.

 

‚ÄěFangen wir also an‚Äú, begann Artemis in diesen Augenblick und baute sich breitbeinig vor ihm auf. ‚ÄěAlso es gibt zwei Arten von Magiern: Neros und Mimage. Neros sind eigentlich total langweilig, weil sie in ihrer Macht beschr√§nkt sind und immer nur genau eine Form der Magie beherrschen. Jemand, der sich in einen Igel

verwandeln kann, kann niemals die Form eines Hases annehmen oder Blitze schleudern oder sich in einen Baum verwandeln. Wir Mimage, als Elementmagier, sind da wesentliche vielfältig, da wir bis zu drei verschiedenen Stufen erreichen können. Die erste Stufe ist am schwächsten, die dritte am stärksten.“

 

‚ÄěUnd am gr√∂√üenwahnsinnigsten‚Äú, murmelte Odine neben Felix‚Äė Ohr.

 

‚ÄěBeginnen wir einfach mal mit meiner Macht: Der Erde.‚Äú W√§hrend Artemis sprach, verformte sich der Steinboden zu ihren F√ľ√üen und eine mannshohe,

d√ľnne Mauer erschien zu ihrer Rechten. ‚ÄěDie erste Stufe von Erde, Sand oder Stein, wie immer man es auch nennen will, besteht in der Bewegung, Verformung und Verschmelzung eben dieser.‚Äú Sie klopfte mit der Hand gegen die schmutzig durchsichtige Glasmauer. ‚ÄěUnsere H√§user und M√∂bel werden durch diese Verschmelzung von Sand gebaut. Eine ganz n√ľtzliche Sache eigentlich, allerdings hat die erste Stufe einen entscheidenden Nachteil.‚Äú Ihre Hand ballte sich zur Faust, woraufhin die Mauer zerbarst und sich als Staub zu ihren nackten F√ľ√üen sammelte. ‚ÄěWenn wir auf den Stein um uns herum die erste Stufe in Form von Verformung oder

sonst was angewendet haben, k√∂nnen wir ihn weder f√ľr ¬†die zweite noch die dritte Stufe einsetzten. Das ist eines der grundlegenden Gesetze dieser Welt, unabh√§ngig davon, welche Elementaffinit√§t man besitzt. Durch die erste Stufe ver√§ndertes Element kann eine Zeitlang nicht mehr f√ľr die zweite und dritte eingesetzt werden. Was wir also brauchen, um die zweite Stufe verwenden zu k√∂nnen‚Äú, sie √∂ffnete ein kleines S√§ckchen, was sie an ihrer linken Seite trug und holte eine handvoll Sand aus diesem hervor, ‚Äěist unver√§ndertes Element. Solange ich mich mit dieser Art der Erde in direkten Kontakt befinde, bin ich in der Lage meine zweite Stufe

einzusetzen: Die Erdanziehungskraft.“

 

Fasziniert beobachtete Felix, wie sich Artemis dreckige F√ľ√üe von einem Moment zum anderen von Boden l√∂ste und sie direkt vor ihm in der Luft schwebte. ‚ÄěAls Zweitstufler- Erdmimage kannst du die Gravitation kontrollieren, sie gr√∂√üer und kleiner werden lassen oder sie um 90 ¬į drehen, um somit deinen Flitzer‚Äú, sie deutete auf ihre Sackkarre, der am unteren Ende der Steinstufen stand‚Äú, zu beschleunige...‚Äú Unvermittelt verlor Artemis das Gleichgewicht und landete unsanft auf den Boden. ‚ÄěVerdammter Schei√üdreck!‚Äú

 

‚ÄěAlles in Ordnung?‚Äú fragte Felix besorgt und sprang auf, um ihr auf die Beine zu helfen.

 

‚ÄěJa, ja.‚Äú Seine helfende Hand wegschlagend, erhob sich Artemis leise in sich hinein fluchend vom Boden. Sie betrachtete kurz ihre Beine, ehe sie ihre linke Hand einmal mehr in ihr mit Erde gef√ľlltes S√§ckchen schob und mit ihrer rechten Hand s√§mtlichen Staub von ihren K√∂rper und dem Boden ¬†entfernte.¬† ‚ÄěWie du soeben in der Praxis bewundern konntest, erste Stufe st√∂rt zweite und dritte.‚Äú

 

Felix blickten sie fragend an.

‚ÄěIch hatte noch etwas von dem ver√§nderte Mauersand an den F√ľ√üen, das hat mich etwas in meinem Schwebefluss gehindert. Kann sogar mir mal passieren‚Äú, erwiderte sie brummend, w√§hrend ihre Hand einmal mehr in ihre Jackentasche griff und ihren Flachmann hervorzog. Sie nahm einen tiefen Schluck, bevor sie sich ihnen wieder zuwandte: ‚ÄěAlso, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, erste Stufe Erdbewegung und Verformung, zweite Stufe Erdanziehungskraft, dritte Stufe Herr √ľber Raum und Zeit, aber das hatten wir ja schon. Kommen wir also nun zur Wasseraffinit√§t und damit auch zu Zweitstufler-Wassermimage wie Erik.

Die erste Stufe Wasser bestehe, wie bei der Erde auch, in der Bewegung und Verformung des Elementes. Erik zum Beispiel soll recht interessante Wassersph√§ren produzieren k√∂nnen.‚Äú Sie zwinkerte Odine leicht zu. ‚ÄěDas ist sehr praktisch, wenn du B√§ume nicht erst f√§llen, sondern gleich zu Kleinholz verarbeiten m√∂chtest. Das alles funktioniert nat√ľrlich nur, solange man in direktem Kontakt mit Wasser ist. Wenn man hingegen wie ein kleines H√§schen in einem Erdloch ohne diesem k√ľhlen Nass festsitzt, war‚Äės das mit dem imposanten Wasserspielen und man ist auf die Hilfe von netten Erdmimage wie mir angewiesen.‚Äú

Felix hörte sich ein leises Schnauben neben sich, doch als er sich Odine zuwandte, lächelte diese lediglich unverbindlich.

 

‚ÄěWas gab‚Äôs noch‚Ķ ach ja, du kannst die Wasseroberfl√§che so ver√§ndern, dass du dar√ľber laufen kannst.‚Äú

 

‚ÄěIn meiner Heimatwelt gab‚Äôs auch mal jemanden, der √ľbers Wasser gewandelt sein soll‚Äú, unterbrach Felix Artemis, die¬† dieses jedoch lediglich mit einem Schulterzucken quittierte. ‚ÄěDas ist ja jetzt auch nichts besonders. Das schaffen auch schon minder begabte Zweitstufler. Richtige

Zweitstufler-Wassermimage k√∂nnen da schon wesentlich mehr. Sie sind Heiler und in der Lage, die unterschiedlichsten Prozesse im K√∂rper anzuregen. Sie k√∂nnen dich einerseits bet√§uben, deine Blutungen verlangsamen, wenn du verletzt bist, oder daf√ľr sorgen, dass die n√∂tigen Stoffe zu deiner Wunde transportiert werden, damit sich diese schneller schlie√üt. Andererseits k√∂nnen sie aber auch deinen Blutfluss beschleunigen oder deine Zellen austrocknen lassen, um dich zu t√∂ten. Zusammengefasst, sie kennen sich ziemlich gut mit Lebewesen jedweder Art aus: Tiere, Pflanzen, Menschen. Das alles ist aber nur eine Nichtigkeit im

Vergleich zur dritten Stufe: Die Herrschaft √ľber Leben und Tod! Drittstufler-Wassermimage k√∂nnen deinen Gene ver√§ndern, dein Aussehen, jede Wunde heilen, Tote innerhalb eines gewissen Zeitfensters wieder zum Leben erwecken, aber vor allem sind sie selbst unsterblich, solange sie sich in direkten Kontakt mit Wasser befinden.‚Äú

 

Unsterblichkeit und Tote wieder zum Leben erwecken klang in Felix Ohren sogar noch etwas erstrebenswerter, als Dimensionsreise zu können. Sofern er denn daheim wäre.

 

‚ÄěKommen wir nun als zur letzten

Affinität, dem Wind.“

 

‚ÄěDu hast das Feuer noch nicht erkl√§rt‚Äú, unterbrach Felix sie. Selbst er hatte den langen Docht an Esra Unterarm bereits in Augenschein genommen und wollte lieber darauf vorbereitet sein, was ihm bl√ľhen w√ľrde, falls sie richtig w√ľtend werden sollte.

 

‚ÄěFeuer ist eigentlich total uninteressant‚Äú, winkte Artemis ab. ‚ÄěDenn es gibt bei ihm nur die erste Stufe. Ich habe doch gesagt, du musst dich als Mimage immer im direkten Kontakt mit deinem Element befinden. In der ersten Stufe kannst du die Flamme auf deiner Haut kalt oder

lauwarm brennen lassen. Aber f√ľr die zweite Stufe darfst du das Feuer nicht mehr abk√ľhlen, denn erste Stufe st√∂rt zweite und dritte Stufe! Die Folge w√§re, dass du verbrennst. Briseis, Olaf und so ziemlich¬† jeder andere Landesf√ľhrer schicken regelm√§√üig Missionen in andere Dimensionen, um eine M√∂glichkeit zu finden, die Feuermimage feuerfest zu bekommen. Aber bis dato ohne Erfolg.‚Äú

 

War deswegen Heros in seiner Welt gewesen? Um einen Weg zu finden Menschen wie Esra ihre zweite Stufe zu ermöglichen? Felix runzelte die Stirn. Dunkel erinnerte er sich an die Werbeplakate am Bahnhof und seiner

Bushaltestelle, die eine gro√üe Pyroshow f√ľr das vergangene Wochenende angek√ľndigt hatten.

 

‚ÄěKommen wir nun also zum Wind‚Äú, unterbrach Artemis seine √úberlegungen, w√§hrend sie sich kurz streckte. ‚ÄěWind in der ersten Stufe erlaubt dir, die Luft zu verformen und zu bewegen, so dass du mit einer gewissen Windaffinit√§t und dem passendem Flugger√§t in der Lage bist zu fliegen. In der zweiten Stufe kannst du Ger√§usche und Kl√§nge erkennen, wiedergeben und in geordnete Bahnen lenken. Wir nennen Zweitstufler-Windmimage daher auch Rufer, da sie ‚Äďabh√§ngig von ihrer Macht- √ľber

Distanzen bis zu f√ľnfzig Kilometern Nachrichten weitergeben k√∂nnen und somit uns die schnelle Kommunikation √ľber l√§ngere Strecken erm√∂glichen. Zudem k√∂nnen sie jede Sprache verstehen und sprechen und erkennen auch, wenn man sie anl√ľgt. Wie auch immer‚Ķ Die dritte Stufe ist die Herrschaft √ľber die Gedanken und Gef√ľhle.¬† Du hast ja Briseis kennengelernt. Sie kann deine Gedanken lesen und ver√§ndern,¬† dir die F√§higkeit nehmen √ľber bestimmte Dinge zu sprechen deine Erinnerung l√∂schen oder ersetzen und wenn sie will, dich sogar dazu zu bringen, deinen besten Freund zu t√∂ten. Letztendlich kann sie alles mit

deinem Gehirn machen, was ihr gerade gefällt. Um es kurz zu sagen, ich persönlich mag die Drittstufler-Windmimage am wenigsten.“

 

Felix nickte ihr zustimmend zu und schwieg nachdenklich. Allerdings galten seine Gedanken weniger Briseis, sondern vielmehr dem Glasstaub oder besser gesagt dessen Auswirkungen auf Artemis Magie. Er z√∂gerte kurz. ‚ÄěArtemis.‚Äú Als sie fragend den Kopf hob, schluckte er schwer, stellte dann allerdings die Frage, die ihm auf der Zunge brannte: ‚ÄěInwieweit kann eine Glasflasche bei einem Dimensionssprung das Raum-Zeit-Kontinuum kaputt machen?‚Äú

‚ÄěDas Raum-Zeit-Kontinuum selbst kann durch transportiertes Glas nicht besch√§digt werden‚Äú, erwiderte Artemis und fingerte einmal mehr nach ihrem Flachmann. ‚ÄěAllerdings w√ľrde ein so stark ver√§nderter Stein, die Erdmagie des Mimages geh√∂rige durcheinander bringen. Mathilda ist es k√ľrzlich so ergangen, wodurch du in diese Welt gekommen bist, w√§hrend sie selbst verletzt worden ist.‚Äú

 

‚ÄěVerletzt? Aber, aber ‚Ķ Briseis hat gesagt, dass das Raum-Zeit-Kontinuum besch√§digt wurde und die Dimensionshexe es momentan reparieren m√ľsste.‚Äú

‚ÄěDann hat sie dich angelogen. Ich sagte dir doch bereits: Traue niemals einem Windmimage!‚Äú Eine ungewohnte Sch√§rfe klang in Artemis‚Äė Stimme mit.

 

Felix starrte sie einen Augenblick lang schweigend an. Briseis hatte ihn also nicht nur manipuliert, sondern auch noch belogen. Und was war, wenn sie nicht nur an dieser Stelle die Unwahrheit gesagt hätte? Was, wenn sie gar nicht vorgehabt hatte ihn wieder nach Hause zu schicken? Was, wenn die ganze Reise zum Waldrufer nur eine Hinhaltetaktik gewesen war?

 

‚ÄěWollen wir nicht kurz nach deinem

verletzten Freund schauen‚Äú, erkundigte sich Odine sichtlich darum bem√ľht, die Wolke der d√ľsteren Gedanken zu vertreiben.

 

Am liebsten h√§tte Felix erwidert, dass Heros nicht sein Freund war, doch dann stand er auf und betrat gefolgt von Odine, den Innenraum des Hauses. Heros lag immer noch friedlich schlafend auf dem Sofa, w√§hrend Esra und Erik davor stehend heftig miteinander diskutierten. ‚ÄěDu warst derjenige, der mir gesagt hat, ich solle mich nicht in deinen Kampf einmischen und‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěEsra, Erik. Wie weit seid ihr?‚Äú fragte

Odine den Streit der beiden schlichtweg ignorierend.

 

‚ÄěEsra, will mir kein Wasser holen‚Äú, beschwerte sich Erik daraufhin und verschr√§nkte trotzig die Arme vor der Brust.

 

‚ÄěDu kannst selbst gehen. Du hast ja sonst nichts N√ľtzliches getan‚Äú, entgegnete Esra und hob einmal mehr das Kinn in die H√∂he.

 

‚ÄěSoll ich das Wasser holen?‚Äú bot Odine daraufhin l√§chelnd an, wobei sie, auff√§llig um Unauff√§lligkeit bem√ľht, ihre beiden verbundenen H√§nde nach vorne

schob.

 

‚ÄěLass nur, ich mach das schon‚Äú, √§nderte Esra abrupt ihre Meinung und kam der zuvor noch unzumutbaren Anweisung mit finsterem Gesichtsausdruck nach.

 

Auch Erik schien pl√∂tzlich weit weniger streits√ľchtig zu sein als zuvor, da er die Tatsache, dass Esra die bis an den Rand mit Wasser gef√ľllte Sch√ľssel so heftig neben ihm auf den Boden stellte, dass diese √ľberschwappte, geflissentlich √ľbersah. Stattdessen tauchte er hastig eine seiner beiden H√§nde in das k√ľhle Nass, w√§hrend er die Fingerspitze seiner anderen an Heros Halswunde dr√ľckte.

‚ÄěEr zieht, das Gift aus dem Blutkreislauf des Jungen‚Äú, erkl√§rte Odine Felix leise l√§chelnd und sie schien recht zu habe, da auf einmal kleine, blassblaue Tropfen Heros Hals hinunter liefen.

 

Es dauerte eine ganze Zeit, bevor Erik seine Hand aus dem Wasser nahm und diese sachte gegen Heros‚Äôs Gesicht schlug. So als h√§tte dieser nur darauf gewartete, √∂ffnete er die Augen. F√ľr einen winzig kleinen Moment wirkte er irritiert, doch dann breitete sich ein gl√ľckseliges Grinsen auf seinem Gesicht aus. ‚ÄěHe, du bist doch Erik von den F√§llen. Ich habe dich letztes Jahr beim Gro√üen Elchrennen von Falo gesehen. Du

warst echt klasse!“

 

‚ÄěAlso wenigstens mit seinem Kopf scheint alles in Ordnung zu sein‚Äú, sagte Erik anerkennend, wobei er einen Seitenblick in Richtung Esra warf.

 

‚ÄěEr hat gegen Sophos gek√§mpft, wurde von diesem bet√§ubt, denkt als erstes an dich und Elche und du willst mir ernsthaft erkl√§ren, dass er nicht verwirrt ist?‚Äú Esras Stimme h√§tte nicht zweifelnder klingen k√∂nnen.

 

Von einem Augenblick zum n√§chsten √§nderte sich Heros‚Äė Gesichtsausdruck. ‚ÄěSophos!‚Äú Der Namen aus seinem Mund

h√∂rte sich an wie ein Todesurteil. ‚ÄěEr war wirklich hier?‚Äú

 

Seine Augen fixierten Esra, die zum ersten Mal, seitdem Felix sie kannte, nicht sarkastisch und gemein wurde, sondern lediglich seufzte. ‚ÄěDu solltest es dir nicht so zu Herzen nehmen, Heros, aber‚Ķ‚Äú

 

¬†‚ÄěIch soll mir WAS nicht zu Herzen nehmen? Dass er ein kleines, berechnendes, verr√§terisches Arschloch ist? Oder das er sogar bereit war, seinen Familie zu verraten und vermutlich seinen besten Freund get√∂tet hat?‚Äú

 

‚ÄěWie kannst du so etwas behaupten? Du hast doch noch nicht einmal mit ihm gesprochen, du kennst Sophos doch √ľberhaupt gar nicht‚Äú, mischte Felix sich ein.

 

‚ÄěIch kenne ihn vermutlich besser als du ihn jemals kennen wirst! Immerhin ist er ist mein Bruder!‚Äú entgegnete Heros aufgebracht. ‚ÄěMein √ľber alles erhabener, selbstherrlicher, verr√§terischer, gro√üer Bruder, der beschlossen hat Brise und den Eisernen R√ľcken f√ľr immer hinter sich zu lassen und sich stattdessen Dylana¬† angeschlossen hat.‚Äú

 

Eigentlich hätte Felix von dem

Verwandtschaftsverh√§ltnis und Heros‚Äė Verbitterung ¬†schockiert sein m√ľssen, aber er f√ľhlte sich nur angewidert ob der Tatsache, dass Heros bereit war, sein Land √ľber das Wohl seines Bruders zu stellen. Wenn seine kleine Schwester gehirnmanipuliert werden w√ľrde, w√ľsste er ganz genau, auf wessen Seite er sich stellen w√ľrde. ‚ÄěBriseis hat ihn vertrieben, nichts anderes hat sie getan. Sie und ihre beschissenen¬† Manipulationen. Ich kann bestens verstehen, wenn er keine Lust hat, sich von ihr in seinem Kopf herumfuschen zu lassen und lieber zu jemand anderen flieht.‚Äú

 

‚ÄěEs ist zu Dylana gegangen!‚Äú

 

‚ÄěDylana, Mathilda, was macht das schon f√ľr einen Unterschied?‚Äú

 

‚ÄěDu hast keine Ahnung von dieser Welt, oder?‚Äú mischte sich Esra in diesem Moment ein. ‚ÄěUnd das Entnervende daran ist, dass du es dir selbst noch nicht einmal eingestehen willst, sondern deine Meinung ungefragt zu Dingen abgibst, von denen du nicht den Hauch einer Ahnung hast.‚Äú Sie atmete tief ein und aus, so als m√ľsste sie sich selbst beruhigen, bevor sie fortfuhr: ‚ÄěDylana ist die wohl mit Abstand schlimmste Herrin, die es je in unserer Welt gegeben

hat. Versteh mich nicht falsch, Drittstufler-Mimage habe durchaus eine gewisse Veranlagung ¬†durchzudrehen. So viel Macht tut niemanden gut. Aber was sie getan hat, ist selbst f√ľr einen verr√ľckten Drittstufler anormal. Sie hat ihre eigenen Feuermimage verbrannt, weil sie unbedingt wollte, dass diese ihre zweite Stufe erreichen. Sie hat bis vor einigen Jahren, alle Zweitstufler in ihren Reihen get√∂tet, aus Angst dass diese zu m√§chtig werden k√∂nnten. Sie experimentiert bis heute an ihre eigenen Soldaten herum, um sie in Supersoldaten zu verwandeln. Es ist allseits bekannt, dass jeder ihrer Leute sich nichts sehnlicher w√ľnscht, als sie endlich

loszuwerden. Jeder! Nur Sophos nicht! Er hat sich ihr sogar freiwillig angeschlossen! Du kannst mir nicht erz√§hlen, dass er gegangen ist, weil Briseis in seinem Gehirn herum manipuliert hat. Er ist schlicht und ergreifend abgehauen, weil er selbst zu den M√§chtigen geh√∂ren will und das h√§tte er als Nero in Brise niemals erreichen k√∂nnen. Also hat er Briseis Drang zu kontrollieren gegen den reinsten Wahnsinn getauscht, um sich die Abwesenheit von Zweitstuflern in Dylanas L√§nder zunutze zu machen und selbst aufzusteigen. Und er hat es ja auch geschafft. Er ist einer ihrer beiden Landesf√ľhrer, befehligt die Armee zweier

L√§nder, die der Bucht und die des Landes der tausend Seen. Und ist jetzt sogar soweit gegangen, die Dimensionshexe zu entf√ľhren, um sich auch noch das Mittland unter den Nagel zu rei√üen.‚Äú

 

‚ÄěDas kann nicht sein. Sophos w√ľrde nie‚Ķ er w√ľrde die Dimensionshexe niemals entf√ľhren. Er wei√ü, dass sie mich wieder nach Hause bringen soll. Er‚Ķ‚Äú Felix brach ab. Das machte alles keinen Sinn. Entweder logen Esra und Heros oder Sophos hatte ihn angelogen. Die Gedanken in seinem Kopf fuhren Achterbahn, bis er sich schlie√ülich an die einzige Person im Raum wandte, die keinen Grund hatte, gegen Sophos zu

sein. ‚ÄěSagen sie die Wahrheit? Hat Sophos die Dimensionshexe entf√ľhrt?‚Äú

 

‚ÄěJa.‚Äú Artemis Antwort war ebenso klar wie unmissverst√§ndlich. ‚Äě Er und sein Partner Hubertus.

 

Felix atmete zitternd ein und aus. ‚ÄěUnd was werdet ihr dagegen tun?‚Äú

 

Artemis sch√ľttelte traurig den Kopf. ‚ÄěDa gibt es nichts mehr, was wir noch f√ľr Mathilda tun k√∂nnen. Dylana hat vier L√§nder unter ihrer Kontrolle, selbst wenn Briseis einen Krieg zustimmen sollte, k√∂nnten wir sie nicht besiegen.‚Äú

 

‚ÄěAber ich will zur√ľck nach Hause! SIE sollte mich dorthin bringen.‚Äú

 

‚ÄěEs tut mir Leid f√ľr dich, Felix.‚Äú Artemis machte Anstalten ihm die Schulter zu t√§tscheln,¬† doch als Felix ihre Hand wegschluckte, seufzte sie nur nachsichtig. ‚ÄěDas einzige, was ich dir anbieten kann, ist dich selbst nach Hause zu schicken, sobald ich meine dritte Stufe erreicht habe.‚Äú

 

‚ÄěIch habe aber keine Lust hier noch zwei oder drei Monate festzusitzen!‚Äú, schrie Felix. ‚ÄěIch geh√∂re einfach nicht hier her. Ich hasse euer Welt, euer Wetter, eure stinkenden Rentiere, eure gesamte

Mentalit√§t. Ich will einfach nur zur√ľck nach Hause. Meine Eltern sterben bestimmt vor Sorge um mich und‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěArtemis. Artemis!‚Äú, hallte auf einmal ein Schrei von drau√üen herein, ehe ‚Äďbegleitet von einem lauten Fu√ügetrappel- einer der Rentierreiter in den Raum geschossen kam. ‚ÄěDa ist etwas, was du dir unbedingt ansehen solltest, Chefin.‚Äú

 

‚ÄěPriamos, bitte, du siehst doch, dass ich gerade besch√§ftigt bin.‚Äú

 

‚ÄěEs ist wirklich dringend!‚Äú

 

Artemis warf dem vor ihr stehenden

Mann einen kurzen, pr√ľfenden Blick zu, nickte dann allerdings und ging mit einem kurzen ‚ÄěWir reden sp√§ter weiter‚Äú an Felix vorbei in Richtung Ausgang.

 

Der Rentierreiter z√∂gerte indes. ‚ÄěVielleicht sollte der Heiler auch mitkommen, wir k√∂nnten seine Hilfe gebrauchen.‚Äú

 

Trotz seiner Wut lief Felix ein eiskalter Schauer den R√ľcken hinunter, w√§hrend sich Erik mit einer fast schon feierlichen Ernsthaftigkeit von seinem Platz erhob und auf die T√ľr zustrebte. Schweigend folgte Odine seinem Beispiel, dann Esra und schlussendlich auch Heros, der seine

Decke wie eine Toga um seinen Körper geschlungen hatte. Felix verharrte einen Augenblick lang mutterseelenalleine im Raum, bevor auch er den anderen folgte. Schweigend schritten sie die Verandatreppe hinab und gingen um das Hexenhaus herum, bis sie im Lichte der Dämmerung eine große Menschtraube rund um den Eingang des Elchstalles erblickten.

 

‚ÄěBewegt eure √Ąrsche‚Äú, brummte Artemis, woraufhin die Rentierreiter eiligst eine schmale Gassen bildeten. Zielstrebig schritt sie durch diese hindurch, hielt dann jedoch abrupt im T√ľrrahmen innen. ‚ÄěWas f√ľr eine

Schei√üe!‚Äú Sie wandte sich zu Erik um. ‚ÄěIch hoffe, du hast dein Wasser mit dabei.‚Äú

 

Erik nickte nur leicht, ehe er sich an Artemis vorbeischob und als erster den Stall betrat. Die Herrin vom Käfig zögerte kurz, bevor sie gefolgt von Esra und Odine seinem Beispiel nachkam. Heros indes blieb wie versteinert im Eingang stehen und als Felix neben ihm trat, verstand er auch warum. Fein säuberlich an der Innenwand des Stalles gelehnt lagen Menschen. Bewegungslos und ohne eine stetige, vom Leben zeugende auf und ab Bewegung ihrer Brustkörbe. Die meisten von ihnen

trugen schwarz, andere wiederum waren in wei√ü, blau, silber und gr√ľn geh√ľllt. Wie erstarrte beobachtete Felix, dass sich Erik neben einer in blau gekleideten Frau hinkniete und ihren Hals und ihre Handgelenke zu untersuchen begann, wobei sein Blick von Sekunde zu Sekunde nachdenklicher wurde. Es herrschte absolute Stille in Raum. Niemand sagte ein Wort oder klopfte ungeduldig mit dem Fu√ü auf den Boden oder hustete leise. Es war absolut ruhig. Ein wartendes Verharren, das erst endete, als Erik sich nach fast einer viertel Stunde endlich zur√ľcklehnte. ‚ÄěIch bin mir nicht ganz sicher. Aber ich denke, dass jemand ihre Zeit angehalten

hat.“

 

Artemis, die die ganze Zeit √ľber mit vor der Brust verschr√§nkten Armen gewartete hatte, hob den Kopf, um Erik direkt in die Augen zu sehen. ‚ÄěDas l√§sst sich relativ leicht feststellen.‚Äú Sie lie√ü die Arme sinken, bis ihre H√§nde die Mauer, an der die Menschen gelehnt worden waren, ber√ľhrten. Der glatte Stein unter ihren Fingern verformte sich leicht, wurde rauer und schroffer, w√§hrend sich die Unregelm√§√üigkeit √ľber die gesamte Wand ausbreitete.¬† Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich eine der in gr√ľn gekleideten Gestalten st√∂hnend zu bewegen¬† begann, dann

folgte die Frau in blau und nach ihr alle anderen.

 

‚ÄěWas ist passiert?‚Äú, murmelte ein in wei√ü geh√ľllter Mann, nachdem er sich von dem ersten Schock erholt hatte.

 

‚ÄěIhr wurdet von Dylanas Leuten gefangen genommen.‚Äú

 

‚ÄěWas machen Dylanas Magier hier? Das ist Mathildas Gebiet?‚Äú, verlangte eine Frau in gr√ľn zu wissen.

 

‚ÄěDie Dimensionshexe entf√ľhren.‚Äú Artemis Stimme h√§tte nicht ruhiger sein k√∂nnen.

Die Frau lachte. ‚ÄěDas ist doch absurd. Mathilda ist eine der m√§chtigen Vier. Selbst Dylana ist nicht so wahnsinnig es mit ihr aufzunehmen. Wenn ihr Kampf mit Briseis vor sechzig Jahren sie eines gelehrt hat, dann das niemals gegen einen anderen Drittstufler zu gehen.‚Äú

 

‚ÄěDann ist sie wahnsinniger als wie wir alle es bislang geglaubt haben‚Äú, erwiderte Artemis und stie√ü sich von der Wand ab. ‚Äě Denn Mathilda wurde angegriffen, besiegt und zu Dylana verschleppt.‚Äú

 

Die Menschen im Raum blickten sie an, so als erwarteten sie, dass Artemis jeden

Augenblick in lautes Gel√§chter ausbrechen w√ľrde, doch als diese sie weiterhin ernst anblickte, schienen sie langsam zu begreifen, dass das Gesagte, kein Scherz gewesen war.

 

‚ÄěIst es denn klug von Artemis, diesen Leuten von den Dingen die hier vorgefallen sind zu berichten? Sie sind immerhin alles Spione vom Silbermeer, dem Gr√ľnen Wall und der Gro√üen Ebene, egal wie unf√§hig sie sich auch angestellt haben m√∂gen. Und sie werden¬† ohne jeden Zweifel alles was man ihnen jetzt sagt, ihren Herren berichten‚Äú, murmelte einer der Rentierreiter hinter Felix, allerdings bei weitem nicht leise genug,

um den scharfen Ohren seiner Chefin zu entgehen.

 

‚ÄěDas ist doch jetzt ohnehin schei√üegal‚Äú, erwiderte Artemis, w√§hrend sie Anstalten machte, den Stall zu verlassen. ‚ÄěMathilda ist so gut wie tot, das Mittland hat mit ihr seinen Drittstufler-Mimage verloren und den Krieg mit Dylana ebenso und das bereits bevor dieser √ľberhaupt begonnen hat.‚Äú

 

‚ÄěWenn wir keinen √Ąrger kriegen wollen, sollten wir ¬†trotzdem daf√ľr sorgen, dass ¬†Briseis vor allen anderen erf√§hrt, was hier passiert ist‚Äú, verlangte Esra bestimmt und schob sich direkt neben

Artemis. ‚ÄěDu musst sofort deinem Rufer Bescheid geben und‚Ķ‚Äú

 

‚ÄěMinos ist gestern, w√§hrend des Sturmes vom Baum gefallen‚Äú, erkl√§rte Artemis schlicht, doch als sie sich unvermittelt Esras, Eriks, Odines und Felix‚Äė Blicken ausgesetzt sah, hob sie abwehrend die H√§nde. ‚ÄěIhr braucht mich gar nicht so anzugucken. Ich habe ihm extra noch nach gerufen, dass er vorsichtig sein soll.‚Äú

 

‚ÄěWar das denn bevor oder nachdem sie ihm hinterher gebr√ľllt hat, er solle dieses Mal ihre Bierbestellung nicht vergessen‚Äú, fragte eine Stimme hinter Felix,

allerdings konnte er nicht zuordnen, zu wem diese nun gehörte.

 

‚ÄěAber sei‚Äôs drum, heute Abend kann hier sowieso keiner mehr weg, sofern er denn nicht Bekanntschaft mit den Riesenkaninchen machen will‚Äú, sagte Artemis bestimmt. ‚ÄěUnd morgen fr√ľh fliege ich euch drei zum Waldrufer, damit ihr keinen unn√∂tigen √Ąrger mit der Alten bekommt.‚Äú

 

Felix wollte nicht zur√ľck zum Waldrufer, geschweige denn zu Briseis. Er wollte viel lieber¬† hierbleiben und darauf warten, dass Artemis ihre dritte Stufe erreichte. Trotzig schob er die H√§nde in

die Tasche, wobei seine Finger gegen sein Handy stie√üen und sich instinktiv um dieses schlossen. Es war eine Verbindung zu seiner Heimat, auch wenn es hier nicht funktionierte. In Gedankenversunken zog er es aus seiner Jackentasche und klappte es auf. Der Riss im Display erschien ihm wie eine Schlucht, die ihn von seiner Heimat trennte. Wie von selbst strich er mit seinem Daumen dar√ľber, ehe er stockte. Er hob das Telefon etwas dichter an sein Gesicht heran, doch auch dann, konnte er immer noch nicht glauben, was dort stand: Vier neue Nachrichten.

 

Kapitel 11: Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn

 

Giselhers Stimme zitterte leicht, w√§hrend die Angst -wohlm√∂glich etwas Falsches zu sagen-f√∂rmlich aus jeder Pore seines K√∂rpers quoll. Und wer mochte ihm das auch ver√ľbeln, in Anbetracht der Tatsache, dass Dylanas kalte Augen jede Bewegung seines K√∂rpers verfolgten, ihre Ohren jedem seiner Worte lauschten und ihre Launen so unvorhersehbar waren, wie das Leben und der Tod zusammen? Kriemhild mit Sicherheit nicht. Auch wenn sie sich ihre Feigheit nicht sonderlich gerne eingestand, war sie im Grunde genommen froh, dass ihr Rang so niedrig war und sie nicht mit den 27 Gener√§len einen Halbkreis um die gro√üe Landkarte vor Dylanas Wasserbecken bilden musste. Sie hatte sich stattdessen einen Platz an einen der S√§ulen des Thronsaals gesicherte, der ihr einerseits einen guten Blick auf Giselher und seinen gro√üen Karte erm√∂glichte, sie andererseits jedoch nicht zu nah an ihre Herrin heranbrachte.

 

„Die Wettquoten stehen schlecht f√ľr ihn“, erklang unvermittelt Sheths ruhige Stimme neben ihr.

 

„Wettquote!“ Kriemhild schnaubte abf√§llig. „Wie kann man auf das Leben eines Menschen Wetten abschlie√üen?“

 

„Du wei√üt selbst, dass Giselher auch gespielt und auf das Ableben von Dylanas Leibdiener gesetzt hat“, entgegnete Sheth leise.

 

„Macht es das etwa besser? In Falo wettet man darauf, welcher Elch das n√§chste Rennen gewinnen wird, und in unseren vier L√§ndern, wen die Herrin als n√§chsten abschlachtet. Was sagt das wohl √ľber die Wettenden aus?“

 

„Manchmal ist es f√ľr uns Magier eben leichter, die Dinge, denen wir Tag f√ľr Tag ins Auge blicken m√ľssen, als Spiel zu sehen und nicht als das Grauen, das es in Wirklichkeit ist.“

 

Kriemhild sch√ľttelte nur widerwillig den Kopf. „Du verbringst entschieden zu viel Zeit mit Sophos, wenn du wirklich glaubst, dass Wegsehen und Toleranz der richtige Weg ist, um ¬†mit Problemen wie diesem umzugehen.“

 

„Mein Befehlshaber hat nun einmal nicht die Macht eines Drittstufler Mimages, der sich Intoleranz erlauben k√∂nnte… wenn er denn wollte“, erwiderte Sheth sanft.

 

Kriemhild Unterkiefer verspannte sich unwillk√ľrlich, ehe sie hastig den Blick von Sophos‘ Adjutanten abwandte und sich wieder auf Giselher konzentrierte, dessen stetig vibrierende Hand noch immer unaufh√∂rlich zwischen den sechs unterschiedlich farblich gekennzeichneten Fl√ľssen, die alle zur Stadt Feuerberg - der Hauptstadt des Mittlands - f√ľhrten, hin und her huschte. Eigentlich war es seine Aufgabe gewesen festzulegen, welcher Fluss am besten von Dylanas Schloss passiert werden konnte. Allerdings tat er sich schwer, mit dieser Entscheidung oder bessergesagt mit der damit einhergehenden Verantwortung. Die Herrin im See war ber√ľchtigt f√ľr ihre Rastlosigkeit und falls sie irgendwann –sei es nun heute oder auf dem Weg zum Feuerberg- ¬†zu dem Schluss kommen sollte, dass ihr das Gr√§ben graben an den schmalen Stellen zu lange dauern w√ľrde, w√ľrde er ihre Ungeduld mit dem Leben bezahlen.

 

Nachdenklich glitten Kriemhilds Augen √ľber die Karte. Von den vier L√§ndern Dylanas, teilten sich drei eine Grenze mit dem Mittland – die Bucht, das Land der tausend Seen und Theodo, ihr eigenes Heimatland. Vom strategischen Gesichtspunkt aus sollten sie den Nordwestfluss nehmen, bei dem sie die geringste Strecke im Feindesland zur√ľcklegen mussten. Aber die G√∂tter allein mochten wissen, was in Dylanas kranken Kopf vor sich ging, geschweige denn, welche Parameter ihr Wohlwollen erlangen mochten. Doch was immer diese auch waren, Strategie spielte mit Sicherheit eine eher untergeordnete Rolle. Allein die Idee, ein Schloss dieser Gr√∂√üe mit in den Krieg nehmen zu wollen, konnte selbst vom extravagantesten Menschen dieser Welt nur noch bizarr genannt werden. Normaldenkende Menschen w√ľrden diesen Plan indes zurecht als blanken Irrsinn bezeichnen. Jeder, der hier anwesenden Gener√§le, wusste das. Jeder! Allerdings waren ihnen ebenso der Tatsache bekannt, dass ein Drittel von ihnen ihre momentanen Position nur deswegen innehatten, weil ihre Vorg√§nger so dumm gewesen waren, Dylana im letzen Krieg gegen die Eisw√ľste von einer ihrer wahnsinnigen Ideen abbringen zu wollen. Eine Dummheit, die sie mit ihren Leben bezahlt hatten. Man legte sich einfach nicht mit den M√§chtigen an, sofern man es nicht mit ihnen aufnehmen konnte.

 

Unwillk√ľrlich schweiften Kriemhilds Gedanken zu Hubertus. Es war nun schon fast eine Woche her, seitdem er sich zusammen mit Sophos auf den Weg zum Dimensionshexenhaus gemacht hatte. Eine Woche, in der dieser ihm wer-wei√ü-was eingeredet haben mochte. Instinktiv ballte Kriemhild ihre linke Hand zur Faust, √∂ffnete diese jedoch wieder, noch bevor die Fingerspitzen ihre Handfl√§che ber√ľhrten. Es hatte ohnehin keinen Sinn. Ihre Haut hatte schon vor Jahren jedwede Elastizit√§t verloren. Das einzige, was ihr geblieben war, waren die Narben, die sich Weinranken gleich an ihrer linken K√∂rperh√§lfte empor schl√§ngelten und sie nie vergessen lie√üen, was es bedeutete zu brennen. Einmal mehr imitierte ihre Hand eine Greifbewegung, ehe es ihr gelang, sich zur Raison zu rufen. Die Arme vor der Brust verschr√§nkt wandte sie sich wieder Giselher zu, der mittlerweile nicht mehr √§ngstlich, sondern vielmehr verwirrt wirkte.

 

Sie brauchte einen Moment, bevor sie den Grund f√ľr diese Irritation herausfand. Augenscheinlich hatte Dylana, als Giselher einmal mehr Breiten und Tiefen der Flussbetten gegeneinander abwog, jegliches Interesse an seinem Vortrag verloren und sich stattdessen lieber den Keksen auf ihrem Scho√ü zugewandt. Ein leises Knacken hallte von den hohen W√§nden wider, als sie das Pl√§tzchen in der Mitte auseinander brach, gefolgt von einem feinen Rascheln, als sie die darin eingebackene Nachricht hervorzog. Sie stierte sekundenlang darauf und warf dann das Papier beiseite, um sich die beiden Keksh√§lften in den Mund schiebend einem neuen Pl√§tzchen zuzuwenden.

 

„Die Alte verschlingt die Teile beinahe schon schneller, als wie Greta sie nachbacken kann“, wisperte Sheth augenrollend. Er gab Gretas Sohn Wolfhart ein Zeichen ihrer Herrin einen neuen Karton der √ľberzuckerte Backwerke zu √ľberreichen.

 

„Sie ist unruhig“, sagte Kriemhild mehr zu selbst, wobei Unruhe wahrlich noch untertrieben war. Erst gestern hatte Dylana mehr als ein Dutzend Leute get√∂tet und das nur, weil ihre Kekse schneller leer gewesen war, als wie sie Nachschub hatten beschaffen k√∂nnen. „Ist Greta schon am backen?“

 

„Nat√ľrlich. Sie sagt, sie w√ľrde notfalls Tag und Nacht in der K√ľchen stehen, wenn es Dylana nur von einem neuen Anfall abhalten w√ľrde.“

 

„Gut“, entgegnete Kriemhild und stie√ü sich von der S√§ule ab, um still und heimlich den Thronsaal zu verlassen. Die Besprechung hatte aufgrund Dylanas Desinteresses ohnehin bereits ein indirektes Ende gefunden und es gab noch viel zu tun, damit Hubertus bei seiner R√ľckkehr die Truppen abmarschbereit vorfinden w√ľrde.

 

„He, Kriemhild warte mal, wir wollten noch…“

 

Kriemhild drehte sich zu Sheth um, als ein w√ľtendes Aufkreischen der Herrin ihren Blick zum Wasserbecken lenkte. Ihre Augen streifte dabei kurz Wolfhart, der seinen leeren H√§nde in einer verzweifelten Abwehrhaltung nach oben riss, w√§hrend seine Box samt Inhalt zu seinen F√ľ√üen verteilt lagen. Wasser spritzte hoch. Dann verschwand er von einer Sekunde zur n√§chsten, so als h√§tte es ihn nie gegeben. Im selben Augenblick wurde Kriemhild von etwas im Gesicht getroffen. Wie von selbst fuhr sie sich mit ihrer gesunden Hand √ľber die Wange. Etwas warmes Nasses klebten an ihren Fingern. Sie brauchte es noch nicht einmal anzuschauen, um zu wissen, was es war. Ihre intakte Gesichtsh√§lfte verkrampfte sich, als sie mit hasserf√ľlltem Blick Dylana fixierte. Die Alte sabberte, wobei in ihren Augen, die bis vor kurzen nur Unruhe widergespiegelt hatte, ein beunruhigendes Glitzern getreten war. Ihre dicken Fingern brachen zornig ein Pl√§tzchen nach dem anderen auseinanderbrach, nur um es sich dann in den Mund zu stopfen, w√§hrend eine Nachricht nach der anderen ihren Weg gen Boden fanden.

 

„Nutzlos, alles nutzlos! Was n√ľtzt mir ein guter Tag?“ Eine weitere Botschaft landete auf dem Wasser. „Und warum sollte ich meinen Freunde mal wieder besuchen?“ Die Alte schien endg√ľltig die Beherrschung zu verlieren, aber das weit bedenklicher war der rasch schrumpfen Vorrat an Keksen auf ihrem Scho√ü.

 

Kriemhild lief es eiskalt den R√ľcken hinunter. Wenn sie nicht schleunigst f√ľr Nachschub sorgen w√ľrden, dann stand ihnen das schlimmsten erst noch bevor. M√∂glichst unauff√§llig drehte sie sich in Richtung T√ľr, ¬†nur um Sheth bereits durch diese Verschwinden zu sehen. Am liebsten h√§tte sie es ihm gleichgetan, aber Feigheit bedeutet f√ľr Dylanas Diener nur in den seltensten F√§llen auch Sicherheit. Ihre Herrin hasste es, wenn sich der Raum um sie herum leerte. Nicht umsonst hielt sie sich mehrere Dutzend Leibdiener, die ihr schichtweise Tag und Nacht Gesellschaft leisten mussten. Man nannte sie Schatten und wie diese war ihre Lebensdauer im Glanze Dylanas Gegenwart vor allem eines … kurz!

 

Unwillk√ľrlich glitt Kriemhilds Hand in die Tasche ihres Mantels und schloss sich um ihr Feuerzeug. Es war ein Geschenk von Hubertus, das er ihr damals von seiner bisher einzigen Reise in die andere Welt mitgebracht hatte. Wie als m√ľsse sie sich selbst beruhigen strichen ihre Finger √ľber das kalte Metall, ehe sie erneut Dylana fixierte.

 

„Nutzlos, nutzlos, nutzlos…“

 

Von ihren Standpunkt aus konnte Kriemhild nicht genau erkennen, wie viele Kekse noch √ľbrig waren. Dennoch beschlich sie das ungute Gef√ľhl, dass die verbleibenden noch nicht einmal ansatzweise solange vorhalten w√ľrden, bis Sheth denn langen Weg hinunter in die K√ľche und wieder hoch zur√ľckgelegt haben w√ľrde. Die sich langsam aber stetig versteifenden K√∂rper der immer noch an Dylanas Becken verharrenden Gener√§le, schienen ihr Recht zu geben. Bald w√ľrde es soweit sein. Bald …

 

Ein leises Rascheln hinter ihr lie√ü Kriemhild herumfahren. Langsam stie√ü sie den Atem aus, als sie niemand anderen als Sheth in den Raum huschen sah. Sie beobachtete, wie er einem ¬†ungl√ľcklich dreinblickenden Leibdiener eine weitere violette Schachtel in die Hand dr√ľckte, bevor er zielstrebig auf sie zukam. Er wirkte weder ersch√∂pft, noch au√üer Atem wie sie es eigentlich nach einem Sprint √ľber diese Strecke erwartet h√§tte. Ganz davon abgesehen, dass er viel zu fr√ľh wieder zur√ľck war. Das mulmige Gef√ľhl, dass sich bei Sheth Erscheinen eine Atempause genommen hatte, breitete sich aufs Neue in ihr aus.

 

„Du warst schnell“, begr√ľ√üte sie ihn, kaum dass er neben ihr zum Halt kam. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie sich der zitternde Leibdiener nun doch z√∂gerlich in Bewegung setzte, bevor sie sich wieder Sheth zuwandte. Er wich ihrem Blick aus, mehr noch, er schien sich selbst nicht ganz wohl in seiner Haut zu f√ľhlen. „Sheth?“

 

Auf Kriemhild leise Frage hin, hob er in nun doch den Kopf. „Ich war nicht in der K√ľche. Ich war in Sophos‘ B√ľro.“

 

„Sophos‘ … Du willst mir doch nicht sagen, dass Sophos Gl√ľckskekse f√ľr Dylana in seinem B√ľro aufbewahrt?“

 

Sheths Schweigen war Antwort genug. Sichtlich um Fassung bem√ľht schloss Kriemhild die Augen. Sie hatte schon immer gewusst, dass Sophos Dylana manipulierte und ihr Zugest√§ndnis entlocken konnte, wie niemand sonst auf dieser Welt. Aber dass er tats√§chlich so lebensm√ľde sein w√ľrde, seine Herrin auch noch √ľber ihre Lieblingskekse lenken zu wollen, h√§tte sie nicht gedacht. Es spielte ein gef√§hrliches Spiel, ein verdammt gef√§hrliches sogar. Dylana war sprunghaft, ihre Reaktion unvorhersehbar, vor allem dann, wenn man ihr ein Pl√§tzchen mit einer Nachricht gab, die mehr als eine kleine und vor allem sehr gut abgewogene Belanglosigkeit enthielt. Es war hinreichend bekannt, dass sie ihre Feuermimage nur deswegen dem Flammen ausgesetzt hatte, weil sie damals eine Backwerk mit dem Sprichwort „In dir muss brennen, was du in anderen entz√ľnden willst“ erhalten hatte. Einmal mehr verkrampfte sich Kriemhilds linke Hand, w√§hrend die Narben auf ihren K√∂rper mit derselben Intensit√§t zu lodern schienen, wie das Feuer auf ihrer Haut vor sechs Jahren. Schreie formten sich in ihren Kopf, der Geruch von verkohltem Fleisch drang in ihre Nase …

 

Schlagartig riss Kriemhild die Augen auf. Ihr erster Blick glitt unwillk√ľrlich zu Dylana, die sich nach wie vor mit ihren Keksen besch√§ftigte. Ihr zweiter galt dem Leibdiener, dessen Schritte man kaum mehr wahrzunehmen konnte, so langsam legte er den letzen Meter zwischen sich und dem Becken zur√ľck. Ihr dritter fand schlie√ülich Sheth, der sie interessiert musterte. Kriemhild r√§usperte sich, bevor sie leise zischte: „Bist du wahnsinnig, ihr gerade jetzt eine von Sophos‘ Nachrichten zu geben? Was ist, wenn sie ¬†… wenn sie wieder die Beherrschung verliert?“

 

„Sie kann ausrasten, ja. Aber ich h√§tte es in der Zeit, die uns blieb, niemals in die K√ľche runter und wieder zur√ľck geschafft. Nicht bei der geringen Menge an Keksen, die sie noch liegen hatte. Und vor die Alternative gestellt, sicherer Anfall, wohl gemerkt in Anwesenheit unserer gesamten F√ľhrungselite, weil keine Pl√§tzchen mehr da sind, und m√∂glicher Anfall aufgrund von Sophos‘ Botschaft, habe ich das gew√§hlt, was mir das geringere von zwei √úbeln erschien.“

 

Das kleinere √úbel. Kriemhild sp√ľrte wie ihr Nasenfl√ľgel unangenehm zuckte. Als ob man das Verbrennen von Menschen wirklich als „geringeres √úbel“ bezeichnen konnte. Ihr Blick wanderte einmal mehr in Richtung Wasserbecken, wo Dylana gerade mit einem der letzten ihr noch verbliebenden Kekse k√§mpfte. Den Leibdiener, der nun endlich den Beckenrand erreicht hatte und dort wartete, ignorierte sie dabei vollkommen.

 

„Nutzlos, nutzlos, nutzlos…“

 

Wenn sie es nicht besser w√ľsste, h√§tte Kriemhild geglaubt, ein Drittstufler Erdmimage h√§tte die Zeit verlangsamt, nur um ihre Nerven auf die Probe zu stellen. Denn aus Sekunden schienen Minuten und aus Minuten Stunden zu werden. Rational betrachtet, wusste sie, dass seit Sheths R√ľckkehr keine drei Minuten vergangen sein konnten und doch spielte ihr Gef√ľhl ihr diesen Streich. Unendlich langsam landete Nachricht um Nachricht im Wasser. Undendlich langsam formte Dylanas Mund das Wort „nutzlos“. Kriemhild konnte nicht erkennen, wie viele Kekse noch √ľbrig war und so zuckte sie unwillk√ľrlich zusammen, als Dylana unvermittelt begleitete von einer st√ľrmischen ¬†Gischt an den Beckenrand schoss, um sich die n√§chste Packung der Backwaren abzuholen. Der Diener war leichenblass, besonders als ihn ein Teil des Wassers direkt im Gesicht traf, doch er hielt so lange stand, bis Dylana ihm die Box abgenommen hatte und sich wieder in die Mitte ihres Beckens zur√ľckzog. Dann erbrach er sich auf den Boden. Gleichsam entspannten sich die Gener√§le, wusste sie doch nicht, welch gef√§hrliches Gut in den H√§nden ihrer Herrin ruhte.

 

Kriemhilds Unterkiefer verkrampfte sich stetig, w√§hrend die Finger der Alten in die Schachtel griff und den ersten Keks daraus hervorzog. Das Knacken des zerbrechenden Teiges schien ihr so vertraut, wie das brennende Holz der Scheiterhaufen damals und das Rascheln des Papiers wie der Wind, der das Feuer nur noch weiter entfachte. Immer noch laut vor sich hin schmatzend begann Dylana die Botschaft zu lesen, stockte dann jedoch unvermittelt mitten in der Bewegung. Ihr Kopf legte sich etwas nach links, wobei der mit Kr√ľmeln versetzter ¬†Sabber aus ihren Mundwinkel hinab in die Keksschachtel fiel. Dann –unendlich tr√§ge- lehnte sie ihr Haupt zur anderen Seite.

 

Kriemhild wusste, dass mittlerweile selbst die Gener√§le bemerkt hatten, dass etwas mit ihrer Herrin ganz und gar nicht stimmte. Allerdings wagte sie es nicht die Augen von Dylana abzuwenden, deren Kopf sich nunmehr –wie ein sich langsam einschwingendes Uhrpendel - hin und her bewegte. Im Raum war es still, stiller noch als der Tod, bis ein leises Summen die¬† ¬†Stille unvermittelt durchbrach:

 

Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn,

sind alle deine Kleider

Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn,

ist alles was ich mag.

Darum lieb ich, alles was so gr√ľn ist,

weil man Schatz vom Gr√ľne Walle ist.

Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn …

 

Kriemhild brauchte einen Moment, bis sie Dylanas leise gesungenen Worte verstand, doch dann traf sie die Erkenntnis mit ganzer Wucht: Sophos hatte auf den Gr√ľnen Wall abgesehen. Es war das einzige Land der drei Anrainerstaaten von Dylanas Reich, das sich nur mit seinen eigenen L√§ndern eine Landesgrenze teilte und damit nach gewonnener Schlacht, ihm und nicht Hubertus zufallen w√ľrde. Ja, er musste ein Auge auf den Gr√ľnen Wall geworfen haben oder hatte es zumindest, bis der Unfall der Dimensionshexe ihn vorerst in Richtung Mittland gelenkt hatte. Die Frage war nun jedoch, was Dylana in Sophos‘ Abwesenheit aus dessen Botschaft machen w√ľrde. Sie brauchte nicht lange auf die Antwort zu warten, da in just diesem Augenblick das vertr√§umtes Summen abbrach und ihre Herrin unter lautem aufmerksamkeitsheischenden Get√∂ses des Wassers um sie herum das Wort ergriff.

 

„Meine geliebten Untertanen, verehrte Waffenbr√ľder, die gro√üen Wahrsager aus dem Silberbergen haben uns einmal mehr mit einer ihrer zukunftsweisenden Vorhersage gesegnet. Im n√§chsten Jahr soll die Farbe Gr√ľn uns Gl√ľck bringen.“ Sie blickte sich um, so als erwartete sie ernsthaft, dass ihre „Waffenbr√ľder“ diese Nachricht ebenso begeistern w√ľrde, wie sie selbst. „Nun denn …“ Die Fingerspitzen ihrer beiden Zeigefinger tippten in stiller Vorfreude unabl√§ssig gegeneinander. „General Giselher, du hattest gerade das Wort, also sage mir, wie kann die Farbe Gr√ľn uns in unseren anstehenden Kampf weiterhelfen!“

 

Selbst die Sommersprossen auf Giselhers mehlwurmwei√ües Gesicht schienen zu verblassen, w√§hrend er um eine Antwort rang. „√Ąhm…eh…“ Hilflos blickte er auf seinen Karte, bevor er wie ferngesteuert auf den Fluss deutete, bei dem sie die l√§ngste Strecke im Feindesland zur√ľcklegen w√ľrden m√ľssen.

 

„Aber nat√ľrlich, die Vorhersehung will, dass wir den in der Karte gr√ľn gekennzeichneten ¬†Nordfluss nehmen. Sehr gut mitgedacht Giselher, wirklich sehr gut“, erkl√§rte Dylana aufgeregt. „Weitere Vorschl√§ge?“

 

„Man k√∂nnte das Schloss gr√ľn anstreichen“, schlug Sheth mit einer fast schon grotesk anmutenden und doch unverkennbar scheinheiligen Begeisterung vor, sein kleineres √úbel m√∂glichst gering zu halten.

 

„Oh, ja, oh ja, fabelhaft“, lobte ihre Herrin und rutschte auf ihren Thron hin und her. „Am besten fangen wir gleich mit dem Thronsaal hier oben an. Wenn mich jemand sucht, ich bin unten im Ersten Keller und werde meine Supersoldaten mit … hmh…¬† mit Chlorophyll ¬†versehen.“ Kaum dass die Herrin ihre Worte ausgesprochen hatte, wurde das Schloss auch schon sanft in die H√∂he gehoben, w√§hrend Dylana das Wasser aus dem Zylinder unter sich wegdr√ľckend in der Tiefe verschwand.

 

Langsam atmete Kriemhild aus. Sie hoffte ins br√ľnstig, dass das wirklich schon alles gewesen war und ihre Herrin nicht vielleicht doch noch beschlie√üen w√ľrde, neben den Krieg gegen das Mittland einen weiteren mit dem Gr√ľnen Wall zu beginnen.

 

„Da hatten wir wohl Gl√ľck, oder?“, sagte Sheth neben ihr erleichtert.

 

Stillschweigend lie√ü Kriemhild ihren Blick √ľber den Fu√üboden wandern, auf dem √ľber den ganzen Raum hinweg rote Blutspritzer verteilt waren. „Das wird Greta sicherlich anders sehen.“ Sie schaute auf und blickte direkt in Sheth Augen, die jedoch nicht wie √ľblich gr√ľn, sondern kohlrabenschwarz im Licht schimmerten. „Wie soll ich einer Mutter erkl√§ren, dass ihr Sohn tot ist und noch nicht einmal mehr ein Leichnam existiert, an dem sie trauern kann?“

 

„Ich w√ľnschte wirklich, ich k√∂nnte dir darauf eine Antwort geben.“

 

Kriemhild nickte nur nachdenklich, straffte dann jedoch die Schultern. Je eher sie losging, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass die K√∂chin es von jemand anderen weniger mitf√ľhlenden erfahren w√ľrde. Ihre Schritte waren fest, obwohl sie sich innerlich wie eine geb√ľckte, alte Frau f√ľhlte. Ja sie w√ľrde Greta die Nachricht selbst √ľberbringen, die Hiobsbotschaft, dass ihr Sohn wegen einer Packung fallengelassener Pl√§tzchen gestorben war, die zu Unrecht den Namen Gl√ľckkekse trugen.

 

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„Warum tut Hubertus das?“

 

√úberrascht blickte Kriemhild von den Unterlagen auf und wandte sich Nurit zu, die schon eine ganze Zeit lang gedankenversunken am Fenster gestanden und vor sich hin gegr√ľbelt hatte.

 

„Warum tut Hubertus was?“

 

„Gegen Mathilda gehen.“

 

Kriemhild z√∂gerte einen Moment lang. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, wieso sie Hubertus‘ verbohrten Ehrenkodex verteidigen sollte, wo sie ihn doch selbst in Frage stellte. Doch dann erwiderte sie m√∂glichst ruhig: „Er hat Dylana die Treue geschworen und sie hat es ihm befohlen.“

 

„Das ist nicht gerecht. Das ist nicht gut“, entgegnete Nurit sichtlich aufgebracht und stie√ü sich vom Fenstersims ab, um unruhig auf und ab zu gehen. „Die Dimensionshexe ist eine anst√§ndige Frau. Ich habe sie selbst kennengelernt, als ich in die andere Welt gereist bin. Und –abgesehen einmal von ihren verr√ľckten Entschluss, die Herrschaft √ľber das Mittland auszuschlagen und lieber in dieser anderen Welt leben zu wollen- kann man sie doch als ¬†eine durch und durch vern√ľnftige Person bezeichnen. Nicht wie Dylana.“

 

„Hast du mich deswegen aufgesucht? Um mich f√ľr Hubertus‘ Entscheidung zur Rechenschaft zu ziehen?“ fragte Kriemhild. Eigentlich mochte sie Nurit von Westbucht, teilten sie doch beide dieselbe Abneigung gegen Sophos. Allerdings hatte die junge Generalin die unsch√∂ne Angewohnheit, Hubertus hin und wieder auf eine Stufe mit ihrem eigenen verhassten Oberbefehlshaber zu stellen. Eine Schm√§hung, die Kriemhild jedoch nicht hinnehmen mochte.

 

„Es geht mir doch nicht darum, irgendjemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Aber es will mir nun einmal einfach nicht in den Kopf, dass ein durch und durch ehrenhafter Magier gegen einen anderen k√§mpft und das nur aufgrund des Befehls einer Wahnsinnigen.“ Abrupt blieb Nurit stehen und legte den Kopf leicht zur Seite. Fast schien es so, als w√ľrde sie angestrengt lauschen, dann wandten sich ihre ernsten bernsteinfarbenden Augen wieder Kriemhild zu. „Das Raum-Zeit-Kontinuum hat sich bewegt.“

 

Kriemhild starrte sie an: „Das kann nicht sein. Sie k√∂nnen unm√∂glich jetzt schon zur√ľck kehren.“

 

„Ich w√ľrde behaupten, ich bin durchaus in der Lage zu erkennen, wenn jemand in meiner N√§he eine gro√üe Menge Erdmagie verwendet“, erkl√§rte Nurit mit einer nicht ganz unerheblichen Menge Selbstgef√§lligkeit in der Stimme und schickte sich an den Raum zu verlassen.

 

F√ľr einen Moment verharrte Kriemhild vor ihrem Schreibtisch, dann rappelt sie sich aus ihrem Schneidersitz auf die Beine, um ihrer Freundin zu folgen. Nurit war die m√§chtigste Zweistufler-Erdmimage, die Kriemhild kannte, und wenn sie eine √Ąnderung ihrer Magieart wahrnahm, dann hatte diese auch stattgefunden. Die Frage war nur, warum Hubertus und Sophos bereits hier und noch dazu via Raumsprung gereist waren? Es k√∂nnte einerseits bedeuten, dass Hubertus genug von Sophos‘ Tr√∂delei hatte, andererseits allerdings auch, dass ihr Plan, die Dimensionshexe zu √ľberw√§ltigen fehlgeschlagen war. Obwohl ihr die erste der beiden Varianten, die liebere war, ging sie - wie eigentlich jeder der sein Leben unter Dylanas Herrschaft fristete - instinktiv vom schlimmsten aus: Hubertus tot und von der Dimensionshexe als abschreckendes Beispiel in seine Heimat zur√ľckgeschickt. Bem√ľht sich nichts von ihrer Sorgen anmerken zu lassen, dr√ľckte Kriemhild den R√ľcken durch, ehe sie die letzte T√ľr passierend ins Freie trat.

 

Es graupelte, wie es der Niederschlag an der Grenze von Theodo zur Eisw√ľste meistens tat. Der Fr√ľhling lag zwar bereits an manchen Tagen zum Greifen nah in der Luft, war allerdings im Moment noch zu schwach, um den Winter g√§nzlich zu vertreiben. Der Schnee unter Kriemhilds Stiefeln knirschte leise, als sie zusammen mit Nurit an den Reihen der roten Zeltlager entlang in Richtung S√ľdtor schritt. Ein stetig zunehmendes Raunen wurde von Wind zu ihnen hin√ľber getragen und schien auch das Interesse der entlang des Weges lagernden¬† Magier zu erwecken, die neugierig ihre K√∂pfe aus den Zelten steckten. Das Fl√ľstern nahm zu, bis es schlie√ülich sogar bis zu ihnen weitergetragen wurde: „Hubertus und Sophos sind zur√ľck … Die Dimensionshexe wurde besiegt.“

 

Kriemhild atmete einmal tief ein und aus. Hubertus lebte. Er lebte! Sie warf Nurit ein kurzes L√§cheln zu, welches diese in ihre eigenen Gedanken vertieft, jedoch nicht bemerkte. Aber das ¬†konnte Kriemhild in diesem Augenblick, in dem alle Anspannung der vergangen letzten Woche endlich von ihr abfielen, nicht weniger k√ľmmern. Wichtig war nur Hubertus, ihr Geliebter.

 

Die Stimmen um sie herum wurden lauter und lauter, bis sich im Schneegest√∂ber vor ihnen ein gro√üer Pulk Menschen von den nur durch Fackeln erleuchteten Zeltw√§nden abhob. Zuerst noch etwas unscharf, dann immer deutlicher erkannte sie Hubertus und Sophos, die den entgegenkommenden Tross anf√ľhrten.

 

W√§hrend Kriemhild ihrem Gef√§hrten mit festen Schritten entgegen ging, nahm sie ihn besorgt in Augenschein. Hubertus war durchn√§sst, schmutzig und unrasiert, was allerdings nicht ungew√∂hnlich f√ľr ihn war. Auch konnte er scheinbar ohne gr√∂√üere Anstrengung eine Frau √ľber der Schulter tragen und hatte zudem erst vor kurzem seine dritte Stufe eingesetzt. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick wirkte er somit tats√§chlich unversehrt. Sie schenkte ihm ein letztes fragendes L√§cheln als sie sich ihm anschloss, welches er mit einem leichten Kopfnicken erwiderte.

 

Sophos und Nurits Begegnung fiel indes weit weniger einvernehmlich aus. „Obwohl es mir das Herz erw√§rmt, dass du hinaus in die K√§lte gekommen bist, um mich zu begr√ľ√üen, wundere ich mich doch, dich hier zu sehen, Nurit. Solltest du nicht in Westbucht sein und….“

 

„Dylana hat uns Gener√§le vorgestern zusammengerufen, daher bin ich hier“, erwiderte Nurit und warf Sophos einen k√ľhlen Blick zu, den dieser jedoch lediglich mit einem Lachen quittierte. „Dann hat sie sich also mal wieder gelangweilt. Ich hoffe doch, ihr konnte sie gut unterhalten?“

 

Kriemhild sp√ľrte wie ihre Ober-und Unterkiefer unwillk√ľrlich gegeneinander mahlten. „Oh, sie hat sich wirklich sehr gut am√ľsiert“, entgegnete sie mit sarkastischer Freundlichkeit, bevor sie kalt hinzuf√ľgte: „Wenn man denn das T√∂ten von mehr als einem Dutzend Leute etwas am√ľsantes Abgewinnen kann.“

 

Sophos linke Augenbraue schoss fragend in die H√∂he. „Was ist mit den Keksen gewesen, die sie ruhig stellen sollten?“

 

„Aufgebraucht!“ Die K√§lte in Nurits Stimme lie√ü selbst den Schneefall, wie ein warmer Sommerregen wirken.

 

„So etwas darf eigentlich nicht passieren“, erwiderte Sophos bek√ľmmert, bevor er seufzend erg√§nzte. „Ich sollte wohl mal ein ernstes W√∂rtchen mit Sheth reden, wenn er seine Pflichten so vernachl√§ssigt.“

 

„Er hat seine Aufgaben niemals vernachl√§ssigt“, zischte Kriemhild, die ganze unterdr√ľckte Anspannung und w√ľtenden Hilflosigkeit der letzten Tag endlich Luft machend. „Au√üerdem war es nicht er, der mehr als eine Woche damit zugebracht hat, sinnlos den Kontinent zu durchqueren und das nur, weil er zu feige ist, durch das Raum-Zeit-Kontinuum zu gehen. Wenn du nicht …“

 

„Das Raum-Zeit-Kontinuum stand niemals wirklich zur Debatte“, warf Hubertus beruhigend ein. „Mathilda h√§tte es sofort gesp√ľrt, wenn ich durch die Dimensionen gereist w√§re und fliehen k√∂nnen.“

 

Kriemhild knirschte unwillk√ľrlich mit den Z√§hnen. Sie hasste es, wenn Hubertus sich auf Sophos Seite stellte, geschweige denn sein Verhalten auch noch rational zu erkl√§ren versuchte. Aber so leicht gab sie nicht auf. „Ich verstehe dennoch nicht, warum er dich √ľberhaupt begleiten musste? Wollte er dir dabei zuschauen, wie du die Dimensionshexe besiegst, oder was?“

 

„Einer musste einfach darauf achten, dass der gute Hubertus sich an den Zeitplan hielt. Obwohl er ein Erdmimage ist und es eigentlich besser wissen sollte, beweist er √ľberraschend wenig Zeitgef√ľhl, sobald es um P√ľnktlichkeit geht“, erwiderte Sophos und zwinkerte ihr verschw√∂rerisch zu.

 

¬†„Zudem haben nicht ich Mathilda besiegt, sondern Sophos.“

 

Kriemhild wandte sich ihm zu Hubertus ihm, in der Hoffnung, dass er nur einen Scherz machen w√ľrde. Leider war dieser bei aller Ehrenhaftigkeit noch nie ein besonders witziger Zeitgenosse gewesen. „Aber … aber das ist nicht m√∂glich … wie?“

 

„Er hat sich von ihr als Geisel nehmen lassen und sie dann mit einem Schlag mit seinen vergifteten Ohrringen bet√§ubt.“

 

„Er hat eine der gro√üen Vier besiegt?“ Jedes einzelne der hervor gew√ľrgten Worte schienen sie innerlich zu ersticken.

 

„Nun tu, doch nicht so, als ob dich das √ľberraschen w√ľrde, kleine Kriemhild“, lachte Sophos. Ohne jeden Zweifel h√§tte er ihr durchs Haar gewuschelt, wenn er nicht einen Mittl√§nder √ľber der Schulter getragen h√§tte. „Ich bin immerhin der Oberbefehlshaber zweier L√§nder … und das nicht nur aufgrund meines bezaubernden L√§chelns.“

 

Kriemhild blickte ihn grimmig an. Nein, er war wahrhaftig nicht nur aufgrund seines Lächelns so mächtig geworden, sondern vielmehr deswegen, weil er seit mehreren Jahren das Bett seiner Herrin teilte.

 

Sophos zuvor noch freundlicher Blick wurde unverhohlen sp√∂ttisch, so als h√§tte er ihre Gedanken gelesen, allerdings sagte er nichts, da sie in just diesem Moment das Schloss erreichten und es eine breite Planke √ľberquerend betraten. Die Magier, die sie bislang eskortiert hatten, blieben hinter ihnen zur√ľck, w√§hrend sie dem Gang folgten, der sie zu Dylanas, Thronsaal f√ľhrte. Wie nicht anders zu erwarten, hatten sie bereits das Gros der Gener√§le in Dylanas Thronsaal eingefunden, um ihre beiden siegreichen Befehlshaber in Empfang zu nehmen.

 

Insgeheim beobachtete Kriemhild Sophos‘ Reaktion, als sie den Raum betraten, der von oben bis unten in gr√ľnen Farben schillerte, allerdings blieb sein Gesicht ausdruckslos. Hubertus indes konnte seine Irritation nicht verbergen: „Was soll das?“

 

„Sophos wollte den Gr√ľnen Wall angreifen und hat deswegen Dylanas Weissagungskekse manipuliert“, erkl√§rte Kriemhild, wobei sie Sophos immer noch nicht aus den Augen lie√ü.

 

„Eigentlich hatte ich nur vor, Dylana von ihren Supersoldaten-Pl√§ne abzulenken und sie etwas mehr f√ľr Pflanzen- als denn Menschenexperimenten zu begeistern“, fl√ľsterte Sophos ihnen leise zu, bevor er sich Dylana zu wandte, die in diesem Augenblick von ihren Lieblingsfiskus - der zusammen mit einer ganzer Reihe andere Pflanzen in Schalen verteilt auf dem Wasser schwammen- aufblickte. „Sophos.“ Ein L√§cheln erhellte ihr Gesicht, was bei jeder anderen Gro√ümutter nett gewirkt h√§tte, bei ihrer Herrin allerdings im Zusammenhang mit dem folgenden Satz, einfach nur widerlich war. „Wo bist du denn solange gewesen, du unartiger Junge?“

 

„Ich musste weit reisen, meine Liebe, aber ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“

 

„Ein Geschenk? Was ist es? Zeig es mir!“, verlangte Dylana und rutschte aufgeregt wie ein Kind auf ihrem Thron hin und her.

 

„Die Dimensionshexe“, erwiderte Sophos leise l√§chelnd.

 

„Mathilda?“ Dylana richtete sich kerzengerade auf. Fast schien es so, als h√§tte sie von einem Moment zum anderen jedwede Krankheit ihres Geistes beiseite gewischt, w√§hrend die Herrin aus vergangenen Zeiten hervortrat. „Wo ist sie?“

 

„Hubterus tr√§gt sie.“

 

„Unsinn! Was da bei Hubertus √ľber der Schulter h√§ngt, ist eine alte Frau. Mathilda hingegen ist jung. Jung, unverfroren und so dumm, wie es nur eine Rebellin sein kann.“

 

„Verzeiht mir, Herrin. Aber es ist tats√§chlich, Mathilda. Und die Rebellion… die Rebellion ist bereits 39 Jahre her“, wagte es Cynrig, einer der √§ltesten Gener√§le klarzustellen, wobei er sich schwer auf seinen Gehstock st√ľtzte.

 

„39 Jahre sagst du?“Nachdenklich betrachtete Dylana sein vom Alter gezeichnetes Gesicht, bevor sie sich in ihren Thorn majest√§tisch aufrichtet und befahl. „Nun, dann bringt diese Frau zu mir, damit ich mich selbst von der Richtigkeit ihrer Identit√§t √ľberzeugen kann.“

 

Wortlos trat Hubertus an das Wasserbecken und lie√ü den K√∂rper der grauhaarigen, korpulenten Frau, die er getragen hatte, vorsichtig in das kalte Nass gleiten. Eine Zeitlang trieb sie bewegungslos auf der Oberfl√§che, w√§hrend Dylana den Kopf nachdenklich von links nach rechts legte, dann lachte sie unvermittelt. „Ohne Zweifel, das ist Mathilda.“

 

Einmal mehr betrachtete Dylana die Frau zu ihren F√ľ√üen, konzentrierte sich kurz, ehe sie sich sichtlich zufrieden in ihren Thron zur√ľcklehnte. Ein lautes Platschen hallte von den hohen W√§nden nieder, gefolgt von einem hektische Luftschnappen, als sich die Dimensionshexe unvermittelt¬† bewegte. Sie ruderte unter Dylanas belustigten Blicken, wild mit den Armen und ging ein, zweimal unter, bevor sie es schaffte sich zu fangen und zu schwimmen. Ihre Augen irrten durch den Raum und fanden schlie√ülich die ihrer ehemaligen Herrin, woraufhin sie einmal mehr unterzugehen drohte. Doch augenscheinlich hatte Dylana genug gesehen. Denn die Wasseroberfl√§che begann sich unvermittelt zu verformen, bildete, menschengro√üe feingliedrige Finger, die aus dem Gew√§sser hervorschossen und die Arme der Dimensionshexe ergriffen, um diese halb aus dem Becken zu heben.

 

Ein, zwei Sekunden versuchte Mathilda sich noch zu wehren, doch dann f√ľgte sie sich in ihr Schicksal. Aber obwohl sie gefangen war, gl√ľhte von einem Moment zum n√§chsten ein Feuer in ihren Augen auf. Ein Feuer, das dort vermutlich schon vor gut vierzig Jahren entbrannt war, als sie eine Rebellion aus den Erdboden stampfte, die Dylanas ganzes Reich ersch√ľttern sollte und der Herrin sechs ihrer acht damaligen L√§nder gekostet hatte. „Dylana.“

 

Die Herrin im See l√§chelte: „Mathilda von Feuerberg. So sehen wir uns also wieder, und das nach all den Jahren. Wer h√§tte das wohl gedacht? “

 

„Ich f√ľr meinen Teil h√§tte auch sehr gut darauf verzichten k√∂nnen“, erwiderte Mathilda mit einer Gelassenheit, die Kriemhild¬† nur noch bewundern konnte. Die Dimensionshexe musste wissen, dass ihre Chance hier lebend und ohne Folter rauszukommen, gleich null waren, und doch bot sie Dylana die Stirn.

 

„Das kann ich mir vorstellen. Und doch h√§ttest du wissen m√ľssen, dass es eines Tages dazu kommt. Du hast vermutlich gedacht, dass die Zeit dir helfen wird, mich endg√ľltig los zu werden. Aber du vergisst, ich bin die Herrin √ľber Leben und Tod.¬† Deine Herrin! Die Frau, der du die Treue geschworen hast. Die Frau, die du verraten hast.“

 

„Verrat?“ Mathilda sch√ľttelte den Kopf. „Es liegt nichts Verr√§terisches darin, Tyrannei und Wahnsinn die Stirn zu bieten!“

 

„Tyrannei? Wahnsinn? Ist es das, was du dir einredest, um deinen Ehrlosigkeit, deinen Betrug, zu besch√∂nigen? Ich habe dich zu einen meiner Gener√§le gemacht! Ich habe dich zu einem meiner Stadtf√ľhrer bef√∂rdert und was ist der Dank daf√ľr? Untreu bist du geworden, kaum dass du deine dritte Stufe erreicht hattest. Und als w√§re das nicht genug, hast du auch noch andere mit hineingezogen.“

 

„Sie haben sich mir freiwillig angeschlossen, weil sie dich und dein krankes Gehirn nicht mehr ertragen konnte.“

 

„Mir jetzt, in dieser Situation, zu widersprechen zeigt nur, dass du zwar jede Menge Jahre √§lter, aber kein Deut kl√ľger geworden bist“, unterbrach Dylana sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Die Fakten sind so klar, wie das Wasser zu meinen F√ľ√üen. Sechs L√§nder hast du mir genommen als ich am schw√§chsten war. Sechs! Nur zwei konnte ich halten, zwei weitere zur√ľckerobern. Aber sei‘s drum, noch habe ich alle Zeit der Welt zur√ľckzuholen, was mir geh√∂rt.“

 

„Mein Bruder, John, Sakura, Gail, Olaf und Briseis werden sich dir niemals ergeben!“

 

Dylana schnaubte abf√§llig. „ Wer ist schon John? Sakura? Gail? Sie geh√∂ren nicht zu den Gro√üen Vier. Ebenso wenig dein Bruder, der obwohl er sowohl das Wasser als auch die Erde in der zweiten Stufe zu beherrschen vermag, nicht viel mehr ist als einen simplen Zweitstufler. Ein seltenes Exemplar mit seiner Doppelbegabung, zweifelsohne, aber definitiv zu schwach, um es mit mir aufzunehmen. Und was Olaf angeht, so hat er den Titel „Einer der gro√üen Vier“ doch ohnehin nur aus Mitleid bekomme. Denn lediglich einen drittstufler Mimage in einem l√§cherlichen Zweikampf zu besiegen, macht einen –zumindest in meinen Augen- noch lange nicht gro√ü. Und was Briseis betrifft …“ Dylanas Kopf ruckte unvermittelt, so als h√§tte sie keine Kontrolle mehr √ľber ihn. Sie murmelte einige unverst√§ndliche Worte vor sich hin, ehe sie unvermittelt Sophos fixierte. „Was hast du mir denn da mitgebracht, mein Lieber?“, fragte sie und deutete mit einem ihrer dicken Finger auf den in gelb gekleideten Mann, der nach wie vor √ľber seiner Schulter hing.

 

Man musste Sophos zugutehalten, dass er noch nicht einmal zuckte, als seine Herrin, zu ihrem alten, vergesslichen selbst zurr√ľckkehrend, unvermittelt das Thema wechselte. „Einen Mittl√§nder. Ein weiteres Geschenk f√ľr dich, meine Liebe.“

 

„Du hast mich. Lass ihn gehen. Er hat nichts mit unseren Differenzen zu tun“, verlangte Mathilda, wurde jedoch von Dylana komplett ignoriert. Denn ihre Herrin war bereits viel zu sehr damit besch√§ftigt den Mittl√§nder aus seinem Schlaf zu wecken. Keine Minute sp√§ter wachte auch unter lautem Geplatsche und hektischen Atem holen aus seiner Bet√§ubung auf.

 

„Lass ihn in Ruhe!“ Zum ersten Mal w√§hrend des Gespr√§ches der beiden Drittstufler hatte Kriemhild das Gef√ľhl, dass Mathilda die Fassung verlor. Sie h√∂rte es an der schrillen Stimme, erblickte es in ihren Augen, die panisch hin und her huschte, als Dylana ihrem Landsmann mit ihren w√§ssrigen Fingern in die H√∂he hob, und roch es in der Luft, die mit Angst getr√§nkt zu sein schien. Wer auch immer dieser Mittl√§nder war, sein Leben z√§hlte f√ľr eine m√§chtige Frau wie die Dimensionshexe mehr, als ihr eigenes. Vielleicht ihr Sohn? Ihr Geliebter? Ein √ľberaus ¬†gesch√§tzter Freund? Wer auch immer er war, er blinzelte sich das Wasser aus den Augen und sah sich direkt mit Dylana konfrontiert. Diese musterte ihn interessiert und l√§chelte ihn mit einem mal strahlend an, so als w√ľrde sie in ihm einen guten, alten Freund wiedererkennen … bevor sie ihm die Augen ausriss. Er schrie kurz auf, sackte dann jedoch bewusstlos oder tot in sich zusammen, w√§hrend Dylanas lange gierige Wasserfinger die Beute zu ihrem Thron trugen.

 

Kriemhild f√ľhlte wie die Magens√§ure sich langsam aber sich ihren Weg die Speiser√∂hre hinauf bahnte und schluckte mehrmals hart, um diese zur√ľckzuhalten. Ihr Blick suchte Mathilda, die jedoch den Kopf gesenkt hatte und sichtlich um Fassung rang.

 

Als die Finger Dylanas Thron erreicht hatte nahm sie die Augen des Mittl√§nders von ihnen entgegen und betrachtete sie aufmerksam, bevor sie einmal mehr zu summen begann und and√§chtig √ľber die Aug√§pfel strich. „Gr√ľn, gr√ľn, gr√ľn…“

 

Eine Zeit lang wagte es keiner etwas zu sagen. Selbst Hubertus schwieg, obwohl seine Miene nicht d√ľsterer h√§tte sein k√∂nnen. Letztendlich war es die Dimensionshexe, die immer noch schwer atmend das Wort ergriff: „H√∂r auf!“

 

Dylanas Summe verstummte, als sie ruckartig aufblickte. Sie erstarrte, als sehe sie Mathilda heute zum ersten Mal. „Du!“ Ihr Gesicht verformte sich zu einer grotesken Maske aus Hass und Wahnsinn. „Du!“

 

Mathilda erwiderte ihren Blick und richtete sich, so gut es das sie umschlie√üende Wasser zulie√ü, zu ihrer vollen Gr√∂√üe auf. In diesem Moment erhob sich auch Dylana aus ihrem Thorn, ohne sich darum zu k√ľmmern, dass die Augen des Mittl√§nders von ihrem Schoss ins Wasser fielen. Schwerf√§llig schl√ľrfte sie auf Mathilda zu, bis nur noch einige wenige Zentimeter die beiden trennten. „Bereuest du es?“

 

„Niemals.“

 

„Gut. Ich h√§tte dir ohnehin nicht verziehen.“ Kaum dass Dylana ihren Satz beendete hatte, wurde Mathilda unaufhaltsam nach unten gezogen. Noch immer hoch aufgerichtet, das alte Feuer in ihrem Blick ein letztes Mal entfacht, versank ihr K√∂rper im Wasser. Und Kriemhild wusste, dass sie sie wohl nie wiedersehen w√ľrde. Die Dimensionshexe w√ľrde einen Platz in der Troph√§ensammlung ihrer Herrin einnehmen, wie es schon so viele andere arme Gesch√∂pfe getan hatten und noch tun w√ľrden.

 

Kriemhilds Blick fiel auf Hubertus dessen H√§nde zu F√§usten geballt an seiner Seite hinab hingen. Er war unzufrieden, aber wie immer tat er nichts, sondern hielt stillschweigend an seinem Schwur fest. Er schaute seiner Herrin noch eine Zeitlang dabei zu, wie sie z√§rtlich ihre Pflanze streichelte und dabei unabl√§ssig auf diese einredete, sie f√ľr ihre kr√§ftige, gr√ľne Farbe lobte, w√§hrend die Auge des Mittl√§nders langsam in der Tiefe des Beckens versanken. Als immer mehr erkennbare wurde, dass Dylana f√ľrs erste besch√§ftigt war, wandte er sich schlie√ülich ¬†zum Gehen.

 

Schweigend folgte Kriemhild ihm und warf ihren Geliebten von Zeit zu Zeit einen halb besorgten halb anklagenden Seitenblick zu. Sie hatten schon einen guten Teil des Ganges hinter sich gelassen, als sie nicht mehr l√§nger an sich halten konnte. „Und wie gef√§llt dir nun das Ergebnis deines Schwurs? Wenn du nur …“

 

„Planst du etwa schon wieder eine Revolution im Schloss deiner Herrin und das nachdem du eben erst gesehen hast, was mit der letzten Rebellin passiert ist?“, erklang unvermittelt Sophos‘ Stimme hinter ihr.

 

Augenblicklich fuhr¬† Kriemhild zu ihm herum. „Sag mal, hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als uns andauernd zu verfolgen?“

 

„Ich habe kriegsrelevante Dinge mit Hubertus zu besprechen“, erwiderte Sophos schulterzuckend. „Und wie ich aus vertrauter Quelle wei√ü, haben wir mit unserer Reise schon viel zu viel Zeit vertr√∂delt.“

 

Kriemhild fletschte unwillk√ľrlich die Z√§hne. Ihr Leben k√∂nnte so viel einfacher und ruhiger verlaufen, wenn sie ihn nur irgendwie loswerden w√ľrde.

 

„Ich bef√ľrchte, dass bereits in k√ľrzester Zeit einmal mehr Magier zum Eisernen R√ľcken geschickt werden.“

 

Sophos legte auf Hubertus Worte hin nachdenklich den Kopf zur Seite. Dann l√§chelte er. „Das glaube ich auch.“

 

Irritiert wanderte Kriemhilds Blick von einem zu andern. „Wovon redet ihr?“

 

„Wir sprechen von einem Andrerweltler, dem wir beim Dimensionshexenhaus begegnet sind. Ein Junge aus einer anderen Welt … und gr√ľnen Haaren.“

 

Mehr brauchte Hubertus nicht zu sagen. Sobald Dylana von dem Jungen aus der Fremde Wind bek√§me, w√ľrde sie alles daran setzen ihn zu bekommen, ob nun als gr√ľner Gl√ľcksbringer f√ľr den bevorstehenden Krieg oder als Teil ihrer Troph√§ensammlung. „K√∂nntest Sophos nicht einfach eine neue Botschaft verfassen, um die Alte von ihrem Gr√ľnfimmel zu befreien?“

 

„Nat√ľrlich k√∂nnte ich das“, erwiderte Sophos, w√§hrend er spielerisch an einem seiner Ohrringe zupfte. „Allerdings w√ľrde das Leute zu der Behauptung verleiten, ich w√ľrde unsere Herrin manipulieren oder gar zu einem Krieg ermuntern wollen. Und solche Verleumdungen ertr√§gt mein sensibles Herz einfach nicht.“

 

Kriemhild starrte ihn einen Moment lang an, ehe sie sich ersch√∂pft √ľber die von pl√∂tzlichen Kopfschmerzen geplagte Stirn fuhr. Wenn Sophos seine Meinung nicht √§nderte, dann w√ľrde ihre Herrin den Andrerweltler haben wollen, sobald sie auch nur von seiner Existenz und den gr√ľnen Haaren erfuhr. Die Frage war dabei nicht ob oder wie sie davon Wind bek√§me, sondern lediglich wann.

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Rina83
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Rina83 Re: -
Zitat: (Original von EagleWriter am 01.01.2012 - 19:13 Uhr) Auf jeden Fall Lesenswert. Sehr gut geschrieben


Liebe Dank auch dir Eagle f√ľr deine lobende Worte.

LG

Rina
Vor langer Zeit - Antworten
Rina83 Re: Ich lese diese Geschichte immer wieder gerne... -
Zitat: (Original von Fianna am 14.12.2011 - 16:31 Uhr) Sie ist fesselnd, spannend, unterhaltsam und wirklich sehr gut geschrieben.
Die Charaktere sind sympathisch und √ľberzeugend.
Eine wirklich schöne Geschichte, auf deren Fortgang ich gespannt bin.

Liebe Gr√ľ√üe
Fianna


Hey Fianna,

auch dir ein ganz gro√ües Dankesch√∂n f√ľr deinen Kommentar und dein Lob. :)
Ich hatte in den letzten Monaten leider eine Schreibblockkade, so dass ich -mehr oder weniger- gar nicht mehr schreiben konnte. Mittlerweile geht es wieder etwas besser, so dass ich hoffe, meine Geschichte möglichst bald fortsetzen zu können.

Viele liebe Gr√ľ√üe

Rina =)
Vor langer Zeit - Antworten
Rina83 Re: Raum und Zeit -
Zitat: (Original von Montag am 05.11.2011 - 22:52 Uhr) Gern gelesene Geschichte.
MfG Montag

Hey Montag,

vielen lieben Dank f√ľr deinen Kommentar

LG

Rina
Vor langer Zeit - Antworten
EagleWriter  Auf jeden Fall Lesenswert. Sehr gut geschrieben
Vor langer Zeit - Antworten
Fianna Ich lese diese Geschichte immer wieder gerne... - Sie ist fesselnd, spannend, unterhaltsam und wirklich sehr gut geschrieben.
Die Charaktere sind sympathisch und √ľberzeugend.
Eine wirklich schöne Geschichte, auf deren Fortgang ich gespannt bin.

Liebe Gr√ľ√üe
Fianna
Vor langer Zeit - Antworten
Montag Raum und Zeit - Gern gelesene Geschichte.
MfG Montag
Vor langer Zeit - Antworten
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