Krimis & Thriller
P.S.: Ich töte dich

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"P.S.: Ich töte dich "
Veröffentlicht am 14. August 2011, 80 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

kreativ - lukrativ - interaktiv
P.S.: Ich töte dich

P.S.: Ich töte dich

Beschreibung

Cover ist von Liso :) Martin Vahl ist ein renommierter und von aller Welt geschätzter Kriminologe und forensischer Psychiater. Niemals hätte er gedacht, dass sein Beruf ihm zum Verhängnis werden könnte. Niemals hätte er gedacht, dass ihm seine langjährige Berufserfahrung einmal nicht nützlich sein würde. Und am wenigsten hätte er gedacht, dass er einmal das Märchen "Rumpelstilzchen" bis aufs kleinste Detail analysieren würde. Doch in dieser Woche sollte sich alles ändern. Heute back ich, morgen brau ich und am Ende der Woche ist deine Familie tot! Ach wie gut, dass niemand weiß, wie Rumpelstilzchen wirklich heißt!" Das Basiskonzept dieser Geschichte wurde von den Co-Autoren RogerWright, dome91, Liso und Leichtmatrosin erst zu einem richtigen Thriller, den ihr hoffentlich genießen könnt! :-)

Montag (geschrieben von MysticRose)

Martin Vahl wühlte im Gerümpel des Abstellraumes im Keller, um das kaiserlich gute Wetter auf der großen Sonnenliege zu genießen, doch leichter gesagt als getan, denn die ließ sich nicht finden.

"Schatz? Weißt du, wo der große Liegestuhl ist?"

Seine Frau antwortete ihm nicht.

"Rike! Wo ist der Liegestuhl?"

Eine typische Angwohnheit Vahls war es, seine Frau bei ihrem Spitznamen zu nennen, welchen sie so abgrundtief hasste, um sie zu necken. Plötzlich riss Frederike Vahl die Kellertür auf.

"Wie hast du mich genannt? Du Hornochse!"

Frederike Vahl rannte die Kellertreppen hinunter, um ihrem Mann scherzhaft den Kochlöffel um die Ohren zu schlagen, wie sie es immer wieder betonte. Aber das war es, was Martin so an ihr liebte: Sie konnte nie lange böse sein. Und immer, wenn sie Bockmist verzapfte, konnte er ihr nicht lange böse sein.

"Ich würde lieber nicht nach dem Liegestuhl fragen. Da liegt Tanja nämlich seit zwei Stunden drauf. Sie wollte morgen schön braun für Tobias sein", lachte Frederike.

Tanja Vahl, die 16jährige Tochter von Martin und Frederike, war die typische Rebellin, wie es im Bilderbuch stand.

"Also dieser Tobias!" Martin war der Schwarm seiner Tochter ganz und gar nicht geheuer.

"Was ist mit 'diesem' Tobias!?" Wütend stand Tanja Vahl plötzlich in der Kellertür und giftete ihren Vater an.

"Oh-oh. Das macht mal lieber unter euch aus. Ich gehe wieder hoch", grinste Frederike und zwinkerte Martin zu.

"Nichts", seufzte Martin.

Als seine Tochter die Arme vor der Brust verschränkte, musste er laut lachen, weil er überlegte, ob er genauso ein schwieriger Teenager war wie sie. Nein, war er nicht. Behauptete er einfach.

"Nichts? Dann stört es dich ja bestimmt auch nicht, dass ich ihn für morgen eingeladen habe!", brüllte Tanja und rannte wutentbrannt die Kellertreppen hinauf. 

"Nein, tut es nicht. Morgen bin ich ja Gott sei Dank nicht zu Hause. Ich muss deine Launen also einen Tag weniger in meinem Leben ertragen!"

Vahl stöhnte. Hoffentlich würde diese Zeit bald vorbeigehen, dachte er.

Dann war es ihm, als würde sein komplettes Hirn erst jetzt funktionieren. Es war ein Montag, 15 Uhr und seine 16jährige Tochter war nicht in der Schule gewesen?

Er stampfte die Treppen hinauf. "Moment mal, Fräulein! Was machst du eigentlich hier zu Hause? Hast du nicht Schule?" Doch er stieß nicht nur auf taube Ohren, sondern auch auf eine zugeschlossene Tür seiner Tochter.

"Ich rede mit dir!"

Die "Rammstein"-Musik aus Tanjas Zimmer war ohrenbetäubend laut. Schon oft hatte er seiner Tochter darüber Moralpredigten gehalten, aber mittlerweile hatte er aufgegeben und setzte ganz darauf, dass sich der Musikgeschmack in ein bis zwei Jahren änderte.

Als er Frederikes Hand auf seiner Schulter spürte, beruhigte ihn das komischerweise. "Reg dich nicht so auf. Tanja hat heute keine Schule. Eigentlich solltest du das wissen, Liebling."

Ehe Martin antworten konnte, riss Tanja ihre Tür offen und starrte wutentbrannt ihren Vater an. "Wir haben heute irgendwelche Konforenzen in der Schule, deswegen ist frei! Und wenn du dich auch nur halb so viel mit mir beschäftigen würdest, wie du es immer mit diesen kranken Serienkillern machst, wüsstest du das auch!"

"Also! Tanja!"

Sie schloss die Tür wieder und drehte die Musik noch lauter auf. "Übrigens hab ich eine Eins in Deutsch, aber das interessiert dich ja eh nicht!", brüllte seine jüngste hinter verschlossener Tür.

Vahl blickte seine Frau mit dem Jetzt-sag-doch-auch-mal-was-Blick an, doch Frederike zuckte nur mit den Schultern. "Nimm es ihr nicht so übel, Martin."

"Nicht so übel? Ich bin ihr Vater und sie hat null Respekt vor mir!", beschwerte Martin sich, als er sich mit Frederike auf das große Sofa im Wohnzimmer setzte. "Langsam glaube ich nicht, dass das nur an dem Alter liegt!"

Frederike legte ihre Hand auf sein Knie und schaute ihn an. Augenblicklich musste Vahl lächeln, als er in ihre tiefgrünen Augen schaute. "Dass sie so ein Hitzkopf ist, hat sie von dir!", lachte Frederike. Just als Martin sich empören wollte, sprach Frederike weiter.

"Hör mal. Chris, Tanja und ich wissen, was du für einen Job hast. Und wir wissen, was das bedeutet."

"Ja, aber-"

"Nein, lass mich ausreden. Glaub mir, dass das Tanja auch weiß. Es ist nicht einfach, du hast wenig Zeit und wenn du schon mal zu Hause bist und nicht gerade in irgendwelchen Hochsicherheitsgefängnissen, psychiatrischen Kliniken oder Krankenhäusern steckst, musst du hier Gutachten erstellen, irgendetwas analysieren oder was weiß ich. Ich weiß das. Und damals, als ich dich kennenlernte und wir noch jung - das muss man mal in Anführunszeichen setzen - waren, habe ich mich damit abgefunden, weil ich dich sehr liebte. Und ich liebe dich immer noch sehr. Aber jetzt haben wir beide zwei wunderbare Kinder, die ihre Mutter genauso sehr wie ihren Vater brauchen. Und von ihrem Vater haben sie in letzter Zeit fast nichts. Wirklich Martin. Das ist mein Ernst. Ich weiß doch, was für ungeheuren Belastungen du jeden Tag ausgesetzt bist. Und ich würde mir wünschen, dass du auch deswegen mal wieder mehr mit uns unternimmst."

Vahl brauchte längere Zeit, um die Worte seiner Frau sacken zu lassen. Vor genau 20 Jahren, als er Frederike kennenlernte, war sie wirklich mehr als geduldig mit ihm. Sie hatte es akzeptiert, oder besser gesagt, akzeptieren müssen, dass ihm sein Beruf sehr wichtig war und sie öfters zu kurz kam. Damals steckte er natürlich noch im Studium. Als Frederike und er ein Paar wurden, wurde sie kurze Zeit später schwanger. Ungeplant. Beide sagten immer, Chris, ihr 18jähriger Sohn, sei ein ungeplantes Wunschkind gewesen. Vahl schämte sich heute für den Gedanken, dass er eines Abends damit rang, Frederike zur Abtreibung zu raten. Alleine der Gedanke schämte ihn zu Tode.

Frederike riss ihn aus seinen Gedanken, indem sie ihm durch die Haare wuschelte.

"Und? Was sagst du?"

Er nickte nur, was ihr genügte.

"Denk darüber nach. Ich bin wieder in der Küche."

"Alles klar, Liebling."

Frederike war ein wahrhaftiger Schatz. Auf einmal war Vahl wieder klar, was für ein Glück er hatte. Jede andere Frau würde es nicht länger als eine Woche mit ihm aushalten, dachte er sich.

Er beschloss, Tanja erstmal sich selbst zu überlassen und sich später um seine Tochter zu kümmern. Als Vahl auf der riesigen Gartenterasse die Blumen gießen wollte, sah er das Auto seines Sohnes in die Garage fahren. Er war froh, dass sein Sohn sich von seinem schweren Autounfall vor einem halben Jahr wieder gut erholt hatte.

"Hi Chris! Alles beim Alten bei dir? Heute schon eher Schluss?"

"Ja, alles klar. Lehrerkonforenz oderso. Keine Ahnung. Hab hier vorhin einen Umschlag für dich gefunden. Ohne Absender."

"Oh... Wo lag der denn?"

"Im Briefkasten. Geh jetzt rein, ein bisschen chillen, okay?"

"Ja, ja."

Martin Vahl betrachtete den Briefumschlag ohne Absender argwöhnisch. Dann riss er in gekonnt mit dem Zeigefinger auf und entfaltete das große Blatt Papier.

 

 

HEUTE BACK ICH, MORGEN BRAU ICH UND AM ENDE DER WOCHE IST DEINE FAMILIE TOT! ACH WIE GUT,  DASS NIEMAND WEIß, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT!

GRÜßE VOM RUMPELSTILZCHEN

PS.: VIELLEICHT TÖTE ICH AUCH DICH?

 

 

Vahl musste den Zettel mehrere Male lesen. Schweißperlen rannten seine Schläfen und seinen Nacken entlang in den Rücken. Es wurde ihm kalt. Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf rannte, war, ob irgendjemand von "seinen Mördern" wieder auf freiem Fuß war. Nein, ihm kam keiner in den Sinn. Ein dummer Witz seiner verwirrten Patienten? Nein. Im gleichen Augenblick wusste Vahl, dass das nicht möglich war. Wer hatte diesen Zettel innerhalb von wenigen Sekunden und unbemerkt in seinen Briefkasten gesteckt? Geistesgegenwärtig rannte Vahl auf die Straße, rief, brüllte, kreischte. Was erhoffte er sich davon? Dass derjenige, der den Umschlag in seinen Briefkasten gesteckt hatte, aufschrie und sagte: "Ja, ich bin's gewesen!"? Er musste über seine kindische Denkweise lachen. Beruhig dich, Martin. Beruhige dich. Vielleicht wirst du noch beobachtet. Und wenn du hysterisch wirst, kannst du gar nichts erreichen. Dann wird dieser Irre noch befriedigt. Ganz ruhig. Jetzt gehst du erstmal wieder zurück auf die Terrasse.

Vahl setzte sich auf einen Terrassenstuhl und faltete den Papierfetzen noch einmal auseinander. Er fühlte sich wie ein Schüler, der gerade während einer Mathearbeit spicken würde. So verstohlen sah er auf den Zettel, stets bedacht, dass niemand in seiner Umgebung etwas bemerkte. Gott sei Dank war seine Familie momentan außerhalb der Reichweite.

 

 

 

 

Dienstag (geschrieben von RogerWright)

Vom Brief hatte der besorgte Vater niemandem in seiner Familie erzählt. Auch wenn Frederike sich gewundert hatte, warum er die ganze Nacht hatte kein Auge zudrücken können, hatte er mit seiner Arbeit geantwortet, was sie zu verstehen schien. Zum Glück.

Martin Vahl hatte den Brief in seine rechte Manteltasche gesteckt - so tief es nur ging. Doch selbst wenn sie so tief wie der Mariannengraben gewesen wäre, hätte er doch immer die bedrohliche Präsenz des Schriftstückes gespürt. Der Morgen war grau, es sollte regnen; die Sonne versteckte sich.

"Frederike, Kinder, ich fahre jetzt los!", rief er ins Haus zurück.

"Mach's gut und pass auf dich auf, Liebling", sprach seine Frau in gewohnt besorgtem Tonfall und hauchte ihm einen Abschiedskuss auf die Wange.

"Alles klar, Vater. Lass dich nicht von den Bekloppten irre machen", wünschte ihm sein Sohn grinsend.

"Ach, und Tanja? Lern mal lieber für Mathe mit Tobias. Die nächste Arbeit steht ja auch bald an!"

Alles, was er dafür von seiner Tochter erntete, war ein bitterböser Blick. Normalerweise hätte Martin irgendetwas typisch Väterliches gesagt, aber in diesem Moment - mit diesem Brief in der Tasche - war es ihm unmöglich, einen auch nur halbwegs klaren Gedanken zu fassen.

"Geht ihr denn heute Abend noch weg, Tanja?", wollte er wissen.

"Wieso? Willst uns bestimmt nachschleichen, wie? Du Kontrollfreak!"

"Nein, aber ... Denk daran, dass du den jungen Mann noch nicht so lange kennst, ja? So etwas ist ja nicht ganz ungefährlich." Gerade, wenn ein irrer Mörder draußen herumläuft, dachte er für sich, küsste seine Frau noch einmal und machte sich auf den Weg zum Auto. In diesem Augenblick wusste er nicht, was ihn leitete, aber es zog ihn noch einmal zum Briefkasten, obwohl die Post noch nicht da war. Vor ihm zögerte er, als müsse er gleich in einen Kasten mit Giftschlangen greifen. Vorsichtig öffnete er den Kasten und es lag wieder ein Brief darin, ohne Absender. Verstohlen blickte er um sich, sah niemanden, setzte sich ins Auto - irgendwie fühlte er sich dort sicherer. Er öffnete den Umschlag.

 

NOCH SECHS TAGE, DANN LIEGT DEINE FAMILIE IM SARGE! ACH WIE GUT, DASS NIEMAND WEIß, WIE RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

 

 

Es begann zu regnen. Vahl machte sich auf den Weg ins Polizeipräsidium. Als forensischer Psychiater und studierter Kriminologe arbeitete er eng mit der Polizei zusammen. Seine Fähigkeiten als Profiler kamen den Polizisten oft zu Gute. Allerdings wusste er selbst nicht, was er dort wollte.

Im Präsidium angekommen, hastete er in sein Büro, ohne irgendjemanden zu grüßen. Er blickte in die Akte einiger Straftäter. Er wusste nicht, warum, aber eine Akte eines Vergewaltigers stach ihm ins Auge. Der Mann hatte mehrere junge Frauen vergewaltigt. Manchmal wunderte Martin sich darüber, wie er diesen Beruf eigentlich ausüben konnte, wo er doch selbst eine Familie hatte und zudem eine Tochter, die fast in dem Alter der Opfer war.

Mit einem Kopfschütteln schloss er in die Akte und wollte sie in die Schublade zurück schmeißen, als ihm dort ein weiterer Umschlag ins Auge sprang.

 

MARTIN VAHL.

 

Kein Absender. Nein, nicht schon wieder. Vahls Nacken schmerzte heftig, eiskalte Schweißperlen rannten ihm über die Stirn.

Bitte mach, dass das alles ein Albtraum ist. Bitte.

Er öffnete den Umschlag und entfaltete das Briefpapier.

 

ICH BIN ÜBERALL.

DU KANNST DICH NICHT IN DEINEM BERUF VERKRÜMELN.

DEINE FAMILIE IST DRAN, WENN DU DICH NICHT OPFERST.

ACH WIE GUT, DASS DU IMMER NOCH NICHT WEIßT, WIE RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

 

Als ob Vahl beim Spicken während einer Klassenarbeit erwischt worden wäre, zerknüllte er das Papier. Dann entfaltete er es wieder. Der Brief verschwand schlagartig bei den anderen. Sollte er ihn etwa den Polizisten übergeben? Könnten die was feststellen? Außerdem, was hieß es, er solle sich selbst opfern?

Rumpelstilzchen wusste, wo Martin war. Und er schien ihm immer einen Schritt voraus zu sein.

Am Nachmittag traf Tobias beim Haus der Familie Vahl ein. Er trug ein enges T-Shirt, welches seinen muskulösen Oberkörper noch mehr zur Geltung brachte. Die Haare hatte er sich sehr kurz scheren lassen und er trug eine enge Lederhose. Darum hatte Tanjas Vater ihn nicht ausstehen können, er kam ihm wie ein übler Prolet vor, der nicht einmal einen geraden Satz ohne "Alter!" oder "Krass, ey!" herausbringen konnte.
Er klingelte und im selben Moment öffnete Tanja die Tür, sie hatte hinter ihr gewartet.

"Hey, Tanja!" 

"Na, Tobs'?"

Er betrachtete ihr knappes Top und die schwarzen Hotpants. 

"Bist aber ganz schön braun, meine Güte. Fehlt ja nur noch die Grillsauce!"

"Gefällt's dir?"

"Ja, sicher, ey!"

Sie gestattete ihm einen kurzen Willkommenskuss. "Komm doch erst mal rein."
In der Wohnküche versuchte Frederike gerade einen Kuchen für etwaige zufällige Gäste vorzubereiten. Damit beschäftigte sie sich einfach, damit ihre Tochter ungestört sein konnte, natürlich fielen ihr Tanjas Schwärmereien auf.

"Mama, das ist Tobias, du kennst ihn schon."

"Hallo Tobias!", rief sie ihm über die Schulter zu und grüßte mit der betopflappten Hand.

"Hi!"
Als die Verliebten sich ins Wohnzimmer gesetzt hatten und ihre Schulsachen auf dem großen Tisch ausgebreitet hatten hörten sie, dass Chris von oben aus seinem Zimmer stampfte.

"Hey, fellas, have ya heard the news ya know that Annie's back in town... It won't take long, just watch and see all the fellas lay their money down...", intonierte er "Heartbreaker" von "Led Zeppelin", während er die Treppe herunterkam.
"Was soll das Geblöke?!", fragte ihn seine Schwester wütend.

"Ist es ein Sakrileg, wenn man Fan der großen Heroen des Rock ist? Ist das Tobias?", fragte er unumwunden.

"Ja."

"Was läuft so, man?" Beide gaben sich die Hand.
Um weiteren Störungen aus dem Weg zu gehen, begaben beide sich nach oben in Tanjas Zimmer.
Am Abend traf das Familienoberhaupt ein, welches Tobias kurz musterte und ihn dann grimmig grüßte. Er gefiel ihm irgendwie nicht, er hatte ihm schon damals nicht gefallen, als er ihn zufällig mit seiner Tochter in der Stadt gesehen hatte.

"Wir gehen jetzt nochmal ins Kino", flötete Tanja und hatte sich und Tobias schon fast zur Türe hinausgeschoben.

"Wartet!", rief Martin ihnen erschrocken nach.

"Was denn?", fragte seine Tochter genervt.

"Ich habe bei der Sache ein ungutes Gefühl."

"Du und eine dämliche Schwarzseherei!", winkte seine Tochter ab. "Mein Alter ist total bekloppt geworden, seine Patienten färben voll auf ihn ab, lass uns gehen!"

"Verdammt, nein!", schrie Vahl verzweifelt, doch seine Tochter und ihr Freund waren bereits in die warme Nacht verschwunden.
Wie betäubt legte sich Martin auf das Sofa, er hörte gar nicht, was ihm Frederike und Chris zuriefen. Zum Glück hatte er den Mantel im Auto gelassen und damit auch die Briefe, dachte er, als der Schlaf ihn wie die Faust eines Schwergewichtsboxers ausknockte.

Mittwoch (geschrieben von RogerWright)

Martin erwachte aus einem traumlosen Schlaf, der ihm allerdings ein wenig Kraft zurückgegeben hatte. Wie er in sein Bett neben Frederike gekommen war, wusste er nicht; auch an den Abend konnte er sich nur noch verschwommen erinnern. Vorsichtig schälte er sich unter der klitschnassen Decke hervor und erging sich in seinen morgendlichen Ritualen. Nachdem er sich angezogen hatte, sah er vorsichtig in die Zimmer seiner Kinder, was ihm möglich war, da er lange vor ihnen erwachte.

Nachdem er das Zimmer seines Ältesten wie erwartet mit ihm darin begutachtet hatte, fürchtete er sich nun die Tür zum Zimmer seiner Tochter zu öffnen. Schwach entsann er sich, dass sie mit Tobias - diesem grässlichen Proleten - unterwegs war, bevor es in Vahls Gedächtnis pechschwarz wurde.

Langsam, fast schon in Zeitlupe, öffnete er die Tür und sah durch den schmalen Spalt hinein. Er sah seine Tochter in ihrer normalen Schlafpose auf dem Bauch liegend und schloss zufrieden die Tür.

Da noch niemand aufstand, stahl er sich in die kleine Abstellkammer, wo die Bücher aufbewahrt wurden, die man nicht mehr so häufig las. Zielsicher schnappte er sich die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm und deponierte das Buch gleich im Auto. Er musste die Geschichte von Rumpelstilzchen unbedingt lesen, vielleicht gab sie ja Aufschluss. Und er musste sich auch eingestehen, sie nicht mehr so gut zu kennen wie damals noch, als er sie den Kindern vorgelesen hatte - als es noch keinen Irren gab, der sein Leben und das seiner Familie bedrohte.

Dabei ging er auch am Briefkasten vorbei, blieb abrupt stehen, öffnete ihn wieder mit äußerster Vosicht, als könnten jeden Moment die Flammen der Hölle aus ihm hervorbrechen. Doch zu seiner großen Verwunderung fand er keinen Brief, nur die übliche Werbung - und das machte ihn stutzig. Hatte Rumpelstilzchen sich in Luft aufgelöst, oder war ihm bloß das Briefpapier ausgegangen?

Nach dem Frühstück, das er heute etwas weniger missgelaunt einnahm als an den Tagen zuvor, fuhr er umgehend zum Polizeipräsidium. Morgens war hier fast noch kein Betrieb, obwohl das Verbrechen ja bekanntlich nie schlief. Die Nachtschichtler blickten ihn nur müde an, als er an ihnen mit einem hastigen "Guten Morgen" vorbeidüste und sich in seinem Büro einschloß. Er zog die Jalousien zu, aber die Polizisten waren selbst noch nicht munter genug, um Vahls Verhalten irgendwie zu deuten.

Nachdem Martin sich fast eine geschlagene Stunde mit dem Märchen beschäftigt hatte und sich nebenbei diverse Deutungen notiert hatte, ging er nun die Liste derer durch, die etwas gegen ihn haben könnten und vielleicht dieses Märchen als Vorlage nutzten.Hatte er sich jemals einen solchen Feind gemacht? Selbst jemand von "seinen" schweren Jungs könnte doch nicht so abartig sein und ihn mit diesen Psychotricks in den Wahnsinn treiben wollen. Oder doch? Vahl notierte sich diverse Namen, strich sie wieder durch, schmiss den Zettel in den Papierkorb. Er kam nicht voran.

Entweder hatte hier jemand den übergroßen Wunsch ein Kind zu haben, dass er auch vor Erpressung nicht zurückschreckte oder dass man nicht lügen soll, denn das führt einen immer in eine bedrohliche Bredouille. Oder hatte es doch mit dem Kind zu tun? Er notierte sich alle diese Varianten und brach dann vor Wut seinen Bleistift in zwei. So kam er auch nicht weiter. Anhaltspunkte, er brauchte Anhaltspunkte, irgendetwas.

Beim Mittagessen in der Kantine saß er seinem alten Freund, dem Kriminalkomissar Veit Richter, gegenüber. Obwohl Vahl immer mit der Polizei zusammenarbeitete, mochte er diesen Berufsstand nie besonders leiden, vor allem die nicht, die ihn immer wieder blitzten oder Knöllchen ausschrieben. Nur auf Veit hatte er sich seit Beginn seiner Arbeit mit der Polizei immer als guten Freund verlassen können.

Während Vahl so gedankenverloren in seinem Reis mit Hühnerfrikassee herumstocherte, sprach Veit Richter ihn an.

"Was ist eigentlich los mit dir? Gibt's Stress?"

"Nein", kam es aus Vahls Mund knapp zurück.

Der Polizist grinste still in sich hinein. "Ja, ja, klar. Du machst mir nichts vor; so lange hast du noch nie in deinem Essen herumfuhrwerkt. Selbst damals nicht, als das mit deinem ersten Kind-" Er verstummte, als er die wutverzerrte Maske seines Freundes sah, der jeden Moment zu platzen drohte.

"Sprich dieses Thema nicht so an!" 

Nach einer Weile des peinlichen Schweigens versuchte Richter es erneut. "Ich meine ja nur, du siehst aus, als hätte man dein Gesicht in einem Eimer Deckfarbe gehalten, und du verbarrikadierst dich in deinem Büro wie ein Ruhrkranker unter Quarantäne."

"Hast du einen Volkshochschulkurs in deutscher Sprache gemacht und wirst langsam zum Poeten?", ertönte es säuerlich von Martin.

"Poet war ich schon immer." Richter versuchte, etwas Lockerheit in die angespannte Atmosphäre zwischen den Freunden zu bringen. "Hast du Stess mit Rike? Willst du mir nicht sagen, was ist?" 

"Nein. Das müsstest du mittlerweile auch gemerkt haben."

"Na, warte. Ich komme schon dahinter, Martin." Mit dieser heiteren Drohung verschwand Veit Richter aus der Kantine.

Wütend über sich selbst, schaufelte Martin seine Frikassee in sich hinein. Super, dachte er. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis Veit da auch noch mit drin steckt.

Nachdem Martin seine Arbeit beendet hatte und lediglich die Erkenntnis gewonnen hatte, dass er kein genaues Profil von Rumpelstilzchen hatte, trat er in die Tiefgarage zu seinem Auto. Auf der Frontscheibe hatte sich doch tatsächlich wieder irgendein Witzbold verewigt. "Ruf mich mal an, Süßer..." und eine Telefonnummer - das fanden diese niederen Geschöpfe des intelektuellen Kaffeesatzes immer saukomisch. Martin ging, mit einem Taschentuch bewaffnet, um seinen Wagen herum und versteinerte, als er die Botschaft las.

DIR BLEIBEN NOCH VIER TAGE, UND, WIE IST DEINE LAGE? ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEIß, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT...

Sein dunkler Schatten, Rumpelstilzchen, war wieder da gewesen. Kein Brief, diesmal eine persönliche Botschaft auf seinem Auto. Vahl wollte die Autotür öffnen, doch sein Körper rebellierte und ließ ihn davor niedersinken.

 

Von heftigen Krämpfen geschüttelt erwachte Martin auf seinem Sofa, das verweinte Gesicht seiner Frau über sich, die ihm zitternd die Hand hielt. Seine Kinder hatten sich ebenfalls um ihn versammelt.

Auch Veit Richter saß im Wohnzimmer von Familie Vahl, allerdings hielt er Abstand zu Martin.

"Ist alles in Ordnung?", fragte Martin schließlich noch etwas benommen, die Gesichter um ihn rum nur langsam wahrnehmend.

"Bei mir schon. Aber bei dir nicht. Du scheinst ein Burnout zu haben", antwortete Richter.

Vahl richtete sich auf. "Was ist denn passiert?"

"Man hat dich neben deinem Auto in der Tiefgarage gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht. Glücklicherweise war ja nichts großartig Ernstes, deshalb bist du schon hier", entgegnete Frederike stockend und konnte ihre Tränen kaum zurückhalten.

"Ist ja schon gut. Mir ist ja nichts passiert", tröstete Vahl sie.

"Gut, ich mache mich mal wieder auf die Socken", gab Veit Richter von sich. "Wenn irgendwas ist, weißt du ja, wie du mich erreichen kannst, Martin."

"Mensch, Vater. Ich glaube, die Killer machen dich langsam fertig, kann das sein?", fragte Chris, immer noch entsetzt über den Zustand seines Vaters.

"Ach, Quatsch. Ich hab momentan nur etwas Stress, macht euch mal keine Sorgen. Außerdem ist es ja auch total warm und ich kann diese Hitze nicht vertragen. Vielleicht bin ich nur deswegen zusammengeklappt, wer weiß das schon genau."

"Boah, Papa, ehrlich." Auch Tanja Vahl schaltete sich ein. "Ich hab' mir aber auch Sorgen gemacht."

"Ehrlich? Dann weißt du ja jetzt, was für Ängste ich immer durchstehen muss, wenn du mit Tobias unterwegs bist."

Tanja konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Was ist eigentlich mit meinem Auto?", wollte Vahl wissen und blickt verstohlen in die Gesichter seiner Frau und Kinder.

"Was soll damit sein?", fragte Frederike verwundert. "Steht in der Garage. Veit hat dich hergefahren."

"Ist nichts mit dem Auto?"

Martin Vahl wusste nicht, wie er die lässige Antwort Frederikes interpretieren sollte.

"Was soll denn damit sein, Martin?"

Nein, das durfte nicht wahr sein. Langsam zweifelte er an seinem eigenen Verstand.

Donnerstag (geschrieben von Liso)

Vahl blieb auf dem Sofa liegen. Seine Frau legte sich die Nacht zu ihm. Glücklicherweise nahm sie seine erneute Schlaflosigkeit nicht zur Kenntnis. Als er am Morgen aufwachte, war er allein. Die Kinder waren in der Schule und seine Frau war einkaufen. Er schleppte sich mit müden Knochen unter die Dusche.

Was hab ich nur geträumt? Rumpelstilzchen treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich muss das Rätsel lösen!, kam es Vahl in den Sinn, als er sich im Spiegel betrachtete.
Nachdem er sich eine Tasse Kaffee getrunken hatte, wollte er sich gerade auf den Weg zur Arbeit machen. Doch an der Tür stoppte er. War da gerade ein Schatten? Beobachtet er mich gerade? Mit einem mulmigen Gefühl trat er zur Tür und öffnete sie. Er erschrak, aber erkannte direkt, dass es nur seine Frau Frederike mit den Einkaufstüten war.

"Warte Schatz, ich helfe dir", sagte Martin liebevoll. Seine Frau sollte glauben, dass es ihm wieder gut ging. Er trug die Tüten auf die Arbeitsfläche in der Küche und verabschiedete sich mit einem Kuss zur Arbeit. Frederike wollte gerade ihren Einwand aussprechen, doch sie wusste andererseits auch, dass Vahl die seine Arbeit brauchte. Warum auch immer.
Im Büro angekommen, ließ er sich in seinen Sessel fallen und holte tief Luft. Nach einer Minute der Stille kramte er nach seinem Märchenbuch in der Schublade seines Schreibtisches, doch es war nicht da.

"Das kann doch nicht weg...", weiter kamen seine Gedanken nicht, denn er fand einen erneuten Zettel in der Schublade seines Schreibtisches. Noch bevor seine Gedanken sich darauf eingestellt hatten, griff er nach ihm und entfaltete ihn. Er brauchte nicht lange um zu wissen, dass das ein weiterer Brief von Rumpelstilzchen wahr.

ES BLEIBEN NUR NOCH DREI TAGE UND DEINE ERGEBNISSE SIND ZIEMLICH VAGE. ACH, WIE GUT, DASS DU IMMER NOCH NICHT WEIßT, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

Nach dem üblichen Reim las Martin weiter:

SO LANGSAM BIST DU SONST DOCH AUCH NICHT, MARTIN. DABEI LIEGT DES RÄTSELS LÖSUNG DIREKT VOR DIR!

Vahl schaute sich verunsichert um.

Er ist überall. Er kommt so nah an mich heran. Warum kann er das?

Nachdem ihm diese Gedanken nicht weiterbrachten, überlegte er, was Rumpelstilzchen mit "Dabei liegt die Rätselslösung direkt vor dir!" meinen könnte. Er schaute auf seinen Schreibtisch und entdeckte ein paar aufgeschlagene Akten, ein Familienfoto, einen Krankenhausbericht und ein paar wirre Notizen von Dingen, an die er denken musste. Erst schaute er die Notizen, ob dort ein Zettel hing, der nicht von ihm stammte. Aber es waren alles nur seine Zettel.

Vielleicht doch einer aus den Akten? Er fing an, alle durchzusehen und brauchte dazu zwei Stunden. Aber der Erfolg blieb aus, denn alle seine Eingebuchteten hatten noch eine Weile im Gefängnis vor sich und es war auch niemand ausgebrochen. Vahl dachte nach, ob es nicht Komplizen von Verhafteten sein könnten. Ja. Nein. Vielleicht. Nein, eigentlich nicht. Verdammt!

Verdammt, wer bist du, Rumpelstilzchen?!

Vahl kochte innerlich und hätte am liebsten seinen Schreibtisch zerschmettert.
Er fuhr auf dem schnellsten Weg zu JVA; ihm war der Gedankesblitz gekommen, mit "seinen" letzten inhaftierten Mördern zu sprechen. Es dauerte nicht lange, bis er in der Psychiatrischen war. Die meisten Insassen verdankten ihren Aufenthalt natürlich Martin.  Er bekam den Verhörraum am anderen Ende des Gebäudetrakts, als er sich auswies und vorgab, mit zwei Inhaftierten sprechen zu wollen. Zwei Stunden später war Vahl genauso schlau wie vorher, hatten diese Irren doch wieder nur über das Wetter geredet! Er ärgerte sich über sich selbst, denn er hatte eigentlich damit rechnen müssen, dass "seine" Mörder nicht immer einen Seelenstriptease vor ihm machten. 

Niedergeschlagen ging er zu seinem Auto. Nichtsahnend öffnete er die Autotür, setzte sich hinters Steuer und wollte gerade los fahren, als er auf dem Lenkrad einen großen Zettel fand. Er war gefaltet und auf der Seite die er sah, konnte man ein großes Lachgesicht sehen. Als er den Zettel öffnete, erkannte er die Schrift von Rumpelstilzchen.


ES BELUSTIGT MICH, WIE DU ES SCHAFFST, DIE EINFACHSTEN HINWEISE MISSZUDEUTEN UND  DU ZU DEN FALSCHEN LEUTEN FÄHRST.  MARTIN, WAS IST LOS MIT DIR, WIRST DU ALT? SCHAFFST DU DEINE ARBEIT NICHT MEHR; VERNACHLÄSSIGST DU DEINE FAMILIE? ACH, WIE GUT, DASS DU IMMER NOCH NICHT WEIßT, WIE RUMPELSTILZCHEN RICHTIG HEIßT! WENN ICH DU WÄRE, WÜRDE ICH MICH BEEILEN... 


Beim letzten Satz schmiss Vahl den Zettel auf dem Beifahrersitz und schlug den Gang hart ins Getriebe.
Mit quietschenden Reifen raste er durch die Straßen, jede Ampel nahm er bei Gelb, fast schon Rot, aber das interessierte ihn nicht. Erst als er in seinem Wohngebiet war, fuhr er etwas ruhiger. Er wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Vahl parkte schnell und erschrak, als er sah, dass die Haustür weit offen stand und niemand zu sehen war. Vorsichtig näherte er sich seinem Haus. Er spähte in den Flur und entdeckte niemanden. Schluckend schlich er weiter zur Küche. Dort entdeckte er seine Frau, die gut gelaunt zur imaginären Musik tanzte. Vahl überlegte kurz was vor sich ging und dann traf ein Geistesblitz ihn . Rike hörte wieder Musik über Kopfhörer, weil Tanja ihren Schönheitsschlaf halten wollte. Erleichtert ging er zur Wohnungstür und verschloss sie, jetzt näherte er sich behutsam seiner Frau und begrüßte sie mit einem Kuss. Zur Sicherheit fragte er seine Frau wegen der Tür und sie bestätigte, dass sie den Hund raus gelassen und vergessen hatte sie wieder zu schließen. Das passierte knapp dreimal die Woche. Auf diesen Schock hin legte sich Vahl auf das Sofa und versuchte sich zu entspannen. Rike leistete ihm mit einem großen Cappuccino Gesellschaft.
Martin und Rike waren sehr still, das merkten auch die Kinder beim Abendessen. Rike machte sich um Martin Sorgen; selbst Tanja, die sich sonst nur mit ihrem Vater in die Haare bekam, sah ihn jetzt in einem anderen Licht. Irgendetwas stimmte nicht, das wusste die Familie, aber was es war, konnten sie nicht erahnen. Irgendetwas leitete ihn dazu, nach dem Abendessen nochmal ins Polizeipräsidium zu fahren, er wusste nicht, was es war.
Er stellte seinen Wagen auf seinen privaten Polizeiparkplatz und betrat das Polizeigebäude. Gerade wollte er in seinem Büro verschwinden, als Veit Richter ihn stoppte.

"Martin! Geht's dir wieder besser?"

Martin war nicht auf ein Gespräch erpicht, hatte aber keine Chance sich davor zu drücken.

"Ja, ja. Danke der Nachfrage", antwortete Martin fast schon überfreundlich.

"Was ist denn los mit dir, Martin, so kennt man dich ja gar nicht."

"Alles wieder in Ordnung, glaub mir", versicherte Martin Veit. Veit holte gerade wieder Luft doch Martin schnitt ihm das Wort ab: "Ich muss an die Arbeit. Wir sehen uns später." Mit diesen Worten verschwand Martin in seinem Büro und schloss ab. Veit stand etwas fassungslos vor Martins Büro und kratzte sich am Hinterkopf.
Vahl fühlte sich in seinem Büro sicher. Dennoch schoßen ihm die Tränen ins Gesicht. Er sank hinter seiner Tür verzweifelt auf den Boden. Dann fing er an zu schluchzen wie ein kleines Kind, als plötzlich sein Handy klingelte.

Nummer unterdrückt, las Vahl. Er wunderte sich, denn normalerweise rief niemand unterdrückt auf sein Handy an, vor allem nicht auf seinem privaten Handy. Mit dem schlimmsten rechnend nahm er das Telefonat entgegen.

"Martin Vahl?", meldete sich Martin leicht verunsichert.

Es dauerte eine Sekunde bis sich eine Computerstimme meldete

"Martin. Ach, wie gut, dass du nicht weißt, wie das Rumpelstilzchen richtig heißt." Martin schluckte. Die Stimme fuhr fort: "Deine Zeit läuft langsam ab. Und irgendwie habe ich Lust, dir ein wenig Dampf zu machen. Wie wäre es, wenn ich mir deine Frederike hole? Sie sieht gerade so schön aus beim Schlafen."

Die Leitung klickte und Vahl schmiss das Handy auf den Boden, als hätte er sich gerade daran verbrannt.

"Martin!" Veit Richter stürmte plötzlich ins Büro seines Freundes, der ihn mit verheulten Augen anstarrte.

"Fahr zu meiner Familie, schnell!"

"Um diese Uhrzeit? Es ist kurz vor Mitternacht!", empörte sich Veit Richter, aber ohne ein weiteres Wort schob er Martin auf den Beifahrersitz seines Polizeiwagens.

"Wer bedroht dich, Martin!? Red doch endlich mit mir, verdammte Scheiße!"

"Das kann ich nicht! Ich hab Angst! Und fahr schneller!"

Freitag (geschrieben von dome91 )

Vahl sah erschöpft auf seine Uhr. 00:20 Uhr. Er rieb sich den Kopf und versuchte, so über seine höllischen Kopfschmerzen Herr zu werden. Ihm war, als würde sein Kopf explodieren. Außerdem spürte er immer wieder Veits neugierige Blicke von der Seite, die unmissverständlich klar machten, dass er ihn endlich über alles in Kenntnis setzen sollte. Doch Martin fühlte sich gar nicht im Stande, seine Situation zu erklären. Alles, an das es zu denken war, galt nur seiner Frau. Und die Angst davor, was er bei sich zu Hause vorfinden würde. Wieder sah er auf die Uhr. 00.25 Uhr. Er geriet langsam in Panik.

Was, wenn es bereits zu spät war und dieser Irre mit seiner Frau was auch immer angestellt hatte, was, wenn Frederike bereits... Er spürte, wie ihm die Kälte jegliche Luft zum Atmen nahm. An so etwas durfte er eigentlich nicht denken.

"Sag mir, was los ist, Martin." Veit wirkte vollkommen ruhig, während er konzentriert die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritt. Martin zögerte. Er wollte nicht, dass auch Veit mit in die Sache hineingezogen werden würde, aber jetzt hatte er wohl keine andere Möglichkeit mehr. Er musste es ihm sagen, jedoch entschied er sich, die Wahrheit etwas zu verändern. "Seit vier Tagen sendet mir irgend so ein Irrer Drohbriefe. Im letzten, den er mir hinterlassen hat, droht er, Frederike etwas anzutun. Vemutlich ist es nur ein kranker Streich, aber..."

"Martin!? Damit rückst du jetzt erst raus!?"

Vahl spürte, wie der Volvo seines Freundes noch schneller wurde.

"Ja, verdammte Scheiße!"

"Hast du geglaubt, du hättest alles im Griff? Mein Gott, Martin! Gerade du solltest wissen, dass mit solchen Freaks nicht zu spaßen ist! Was hat er geschrieben?"

Er wiederholte die Worte Rumpelstilzchens und war überrascht, wie gut er sich noch daran erinnern konnte. Es war, als hätten sich diese Zeilen beim Lesen in seine Augen gebrannt. Veit beschleunigte den Wagen weiter. Als sie wenige Minuten vo Martins Haus hielten, schlug sein Herz bis zum Hals. Das Haus lag völlig im Dunkeln. Man konnte nicht erkennen, ob ein Fenster eingeschlagen oder die Haustür aufgebrochen war. Es sah völlig normal und ruhig aus.

Großer Gott, bitte... Hektisch kramte er seinen Hausschlüssel hervor und öffnete die Tür.

"FREDERIKE!"

Keine Antwort.

"FREDERIKE!"

Wieder blieb alles ruhig. Verzweifelt versuchte Vahl, sich in der Dunkelheit seines Hauses zu orientieren, doch seine Angst verhinderte dies mit einem grausigen Erfolg. Dann wurde es plötzlich hell und Martin hätte sich gewünscht, dass es dunkel geblieben wäre.

"Großer Gott." Veit stand hinter ihm am Lichtschalter. Sie befanden sich im Wohnzimmer. Zumindest, was davon übrig geblieben war. Alles war verwüstet, lag in Scherben und wurde zerfetzt. Das Wohnzimmer der Vahls war nicht mehr wiederzuerkennen. Doch das war es nicht, was Martin Vahl unter Tränen zu Boden sacken ließ. Was seine Qualen ins Unermessliche trieb. Die Wände, die Decke, der Fußboden - Blut. Rumpelstilzchens Spuren.

An der Wand, wo vor wenigen Stunden noch das gemeinsame Familienfoto hing, wurde mit blutigen Lettern eine Nachricht hinterlassen:

 

DU SOLLTEST WISSEN, DASS RUMPELSTILZCHEN KEINE SCHERZE MACHT. UM ZU FINDEN, WAS DU SUCHST, MUSST DU DICH SELBST ÜBERWINDEN. ACH, WIE GUT, DASS NIEMAND WEIß, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

 

Veit kam auf den am Boden kauernden Martin zu und legte tröstend eine Hand auf seine Schulter. Er bebte. Bebte vor Verzweiflung und Angst. Dann, ganz unerwartet, ging das Licht aus. Und Martin Vahl fiel, getrieben von einem dumpfen Schmerz, in eine Ohnmacht. Als er erwachte, dauerte es seine Zeit, bis er begriff, was passiert war. Der Drohbrief, sein Haus, das blutverschmierte Wohnzimmer, Veit.
"Scheiße, man! Martin! Bist du wach?"

Sein Freund beugte sich zu ihm runter;  er sah genauso übel aus wie Martin sich fühlte. Der Schock über das Gesehene, stand ihm noch ins Gesicht geschrieben.

"Hör zu, wir haben bereits einen Suchtrupp für Frederike zusammengetellt. Eins kannst du mir glauben, wir finden das Schwein und deine Frau."

"Wo...wo bin ich?" Martin richtete sich auf und sah sich um. Alles, was er erkennen konnte, war ein kleiner Schreibtisch mit einem Computer und einem ziemlich veralteten Stuhl.

"Du bist im Krankenzimmer der Polizeistation. Du warst ziemlich lange weg, nachdem du deinen Kopf an einem Tisch angeschlagen hast."

Langsam kamen die Erinnerungen deutlicher zurück. Martin fuhr hoch.

"Wie spät ist es?", fragte er mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme.

"17:33 Uhr."

"Was ist mit meinen Kindern? Wo sind Tanja und Chris?"

Veit zögerte. In Martin breitete sich eine neue Welle der Angst aus.

"Veit! Wo sind Tanja und Chris?"

"Sie haben sich noch nicht gemeldet. Aber das muss nicht heißen, dass sie auch..." Er brachte den Satz nicht mehr zu Ende, da Martin ihn unwirsch unterbrach.

Martin spürte, wie sein Bewusstsein erneut drohte, ihm den Dienst zu versagen.

"Hör zu, Martin. Wir werden uns darum kümmern, hast du verstanden? Du wirst hier warten. Ich muss jetzt los, ich leite die Suche nach deiner Frau. Ich verspreche dir, wir werden sie finden, okay?"
Mit diesen Worten und einem beruhigenden Blick verabschiedete sich Veit und ließ Martin allein in dem kleinen Zimmer zurück. Vahl rieb sich den Kopf, seine Kopfschmerzen wurden zunehmend stärker und die Beule an seienem Hinterkopf verschlimmerten sie nur noch mehr. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, und war darauf bedacht, nicht daran zu denken, wo seine Frau war 
und was sie in diesem Moment wohl durchmachen musste. 

Was will er von mir? Was soll ich tun? Ich muss es wissen, ich muss es wissen ...
Das Klingeln seinen Handys riss ihn aus seinen Überlegungen. Hektisch krahmte er dieses nervige Dingen aus seiner Hosentasche und erstarrte, als er die Nummer erkannte. Es war seine Hausnummer.

Mit allem hatte er gerechnet, mit einer elektrischen Stimme, die ihm sagte, dass seine Frau tot war, oder mit der angsterfüllten Stimme Frederikes, die flehend um Hilfe suchte, doch nicht mit ...

"Dad? Wo, zum Teufel, steckst du? Und wo ist Mama?"
"Tanja?"
Vahl wusste nicht, was er zuerst fühlen sollte; Erleichterung, dass seine Tochter noch am Leben war, oder Besorgnis, weil sie ebenfalls in Gefahr war.
"Tanja. Tanja, ist ... ist bei dir alles in Ordnung?"

"Natürlich. Was soll denn nicht stimmen? Sag mal, weißt du wo Mama ist? Ich bin heimgekommen und der Einzige, der da war, war Chris. Und mit seinem Kater kotzt der die ganze Bude voll!"
"Tanja, ich bin sofort bei dir."
Er hörte noch, wie seine Tochter etwas erwiderte, legte aber auf, bevor er genau wusste, was sie sagen wollte. Die Freude darüber, dass seine beiden Kinder wohl auf waren, gab ihm eine neue und auch längst vergessene Hoffnung zurück.
Er stürmte aus dem Krankenzimmer, raus aus dem Polizeirevier und krammte dabei nach seinen Autoschlüsseln.

Eine halbe Stunde später bremste er vor seinem Haus. Wärend der Fahrt vom Revier kamen ihm einige Gedanken in den Sinn. Tanja war ziemlich gelassen. Um zu telefonieren, musste man ins Wohnzimmer; das hieße, sie hätte eigentlich die blutbeschmierten Wände sehen müssen, die Drohung sowie die Zerstörung.
Er hoffte, auf diese Fragen schnell eine Antwort zu bekommen, und wollte seine Haustür aufschließen, doch zunächst zögerte er.

Hier war ein Verbrechen verübt worden. Warum war also das Haus nicht mit Polizeiband abgeklebt worden? Was ging hier vor?

Vorsichtig öffnete er die Tür.

"Ja, super, ich dachte, Mama würde sich mal blicken lassen!", schnaubte Tanja ihm entgegen.
"Tanja." Mit drei Schritten war er bei seiner Tochter und schloss sie fest in die Arme. Eine unglaublicher Erleichterung strömte durch ihn hindurch.
"Boah, was soll das denn!?", rief sie und versuchte, aus Vahls Klammergriff zu entkommen. Er ließ seine Tochter los und sah sie eindringlich an.
"Ist alles in Ordnung bei dir?"
"Jaaa!" Dieses lang gezogene "Ja" seiner Tochter kannte er nur zu gut.
Das Telefon. Vahl rannte an seiner Tochter vorbei in Richtung Wohnzimmer. Wie vom Blitz getroffen ertarrte er.
"Das ist unmöglich."
Das bis noch vor wenigen Stunden verwüstete Wohnzimmer  war wieder vollkommen hergerichtet. Kein Blut, keine aufgeschlitzten Möbel, keine zerbrochenen Bilder. Vahl wusste nicht, wie ihm geschah. Wie um alles in der Welt ...
"Äh ... Papa?!" Tanja stand hinter ihm und musterte ihren Vater skeptisch.
Vahl drehte sich zu Tanja um und legte ihr beide Hände auf die Schultern.
"Tanja, wo warst du überhaupt?"
Seine Tochter zögerte und wich seinem Blick aus.
"Tanja, bitte", sagte er eindringlich und sie sah ihn herausfordernd an.
"Bei Tobias."
Vahl schockierte diese Antwort weniger, als er gedacht hatte.
"Bei Tobias", wiederholte er, "und Chris? Wo war der?"

Tanja schien verwirrt, dass ihr Vater sie nicht anbrüllte oder an die Decke ging, ehe sie sagte: "Ich weiß nicht. Bei Freunden gefeiert?"
"Okay, pass auf. Ich will, dass du deinen Bruder holst und dann zu Tobias gehst. Dort wartet ihr, bis ich wieder zurückkomme. Hast du das verstanden?"
Tanja starrte ihn mit großen Augen an.
"Was!?"
"Tanja, frag nicht! Tu einmal im Leben, was ich dir sage!"
Sie nickte langsam, drehte sich dann um und lief die Treppe hoch.
Vahl sah ihr nach, bis sie verschwunden war, und untersuchte dann das Wohnzimmer. Er war so vertieft darin, die Tapeten nach den kleinsten Blutstropfen zu untersuchen, dass er begann, an sich selbst zu zweifeln. Er musste mit Veit telefonieren. 

Samstag (geschrieben von Leichtmatrosin)

Doch Veit ging nicht mehr an sein Handy. Martin begann, sich Sorgen zu machen, denn er wusste nicht, wie das zu deuten war.

Wo war Veit denn nun schon wieder? Warum hob er nicht endlich ab?
Das bringt eh nichts mehr!, dachte er und verließ die Wohnung. Ich muss es selbst in die Hand nehmen.
Als er in sein Auto steigen und wieder zum Polizeirevier losfahren wollte, bemerkte er einen kleinen Zettel auf seinem Sitz. Nicht schon wieder!, betete er in Gedanken zum Himmel und faltete diesen Zettel auseinander.

DIR BLEIBT NUR NOCH EIN EINZIGER TAG, UM ZU ERFAHREN, WER DIR WIRKLICH NAHE STEHT!

P.S. ACH, WIE GUT, DASS KEINER WEIß, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

Wer ihm wirklich nahe stand? Wie sollte er diese Botschaft deuten? Wollte dieser Irre ihm etwa sagen, dass noch jemand anders unter einer Decke mit ihm steckte? Plötzlich fiel Martin die Reaktion seiner Tochter ein, die äußerst gelassen reagiert hatte. Auch die Tatsache, dass seine Wohnung wieder aufgeräumt und piekfein aussah, irritierte ihn zutiefst. Ob Tanja wohl... Nein! Nein, das konnte unmöglich sein.
Er steckte den Zettel in seine Hemdtasche und fuhr los.

*
Frederike vergrub ihre Zehen tief im künstlichen Sand und lehnte sich zurück, um die Wärme, die sie umgab, aufsaugen und genießen zu können. Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Gelegenheit dazu gehabt, und nun erbot sich ihr ein wundervoller Tag mit ihrer besten Freundin in einem der besten Wellness-Center, die es in ihrer Nähe gab.
"Und? Wie läuft's?", fragte Nathalie und meinte damit Frederikes Ehe.
"Gut., antwortete diese und schloss ihre Augen.
"Hast du es ihm eigentlich gesagt?"
Frederike spürte, wie sich ihr Rücken plötzlich verspannte. "Was gesagt?"
"Naja, du weißt schon..."
"Ach, das!"
"Ja, sage ich doch. Hast du es Martin jemals gesagt?"
"Wieso?"
"Was, wieso? He, hör mal, das ist..."
"Wieso fragst du mich danach?"
"Ich find's wichtig."
Frederike stieß einen genervten Seufzer aus und richtete sich wieder auf, um ihrer Freundin direkt in die Augen schauen zu können. "Misch dich bitte nicht in meine Familie ein, okay?"
Nathalie verstand den Wink und nickte nur.

*
Endlich auf dem Polizeirevier angekommen, stürzte Martin in Veits Büro, ohne auch nur auf die bestürzten Gesichter der anderen zu achten. Was natürlich ein Fehler war, denn so hätte er bemerkt, dass irgendetwas passiert war. Etwas, was ihn erneut in tiefe Trauer stürzen würde.
"Wo ist Veit?", fragte er einen anderen Beamten.
"Aber Herr Vahl? Haben Sie denn nicht mitbekommen, dass Herr Richter... also..."
"Ich muss Veit unbedingt sprechen!", sagte Martin noch einmal mit Nachdruck.
"Ich fürchte, das wird nicht mehr gehen."
"Wieso denn nicht?!" Er stand kurz vor einer Explosion.
"Veit Richter ist tot."
Martin ließ sich auf einen Stuhl fallen und vergrub sein Gesicht in die Hände.. "Was?! Das ist doch...", begann er zu stottern.
"Leider ja."
"Wo habt ihr ihn gefunden?"
"Es ist hier in der Nähe des Polizeireviers passiert. Die Spuren sind noch frisch."
Verdammt, dachte sich Vahl, dieser Irrer verfolgt mich, er spioniert mir nach!
Für Martin bestanden keine Zweifel darin, dass Rumpelstilzchen Veit umgebracht hatte. Die Tatsache, dass Richter ihm noch im richtigen Zeitpunkt geholfen und herausgefunden hätte, wer dieser Verrückte war, war eindeutig ein Indiz dafür.
"Entschuldigen Sie mich für einen kurzen Moment", sagte Martin schließlich und ging hinaus, um sein Handy aus der Tasche zu holen und seine Frau anzurufen. Dann bemerkte er einen kleinen Brief in der linken Ecke seines Handydisplays. Es war eine SMS seines Kollegen Veit - offenbar kurz vor dessen Tod.

 


Martin, wenn du das liest, ruf mich bitte sofort zurück. Ich muss mit dir wegen Frederike reden, Louisa hat mir was Wichtiges erzählt... Sofort!!! -V. 

 

Vahl las zwar die SMS, aber löschte sie sofort wieder. Warum wusste er selbst nicht. Dann wählte er Frederikes Nummer.

"Ja? Hallo?", erklang ihre Stimme am Hörer.
"Frederike! Rike, Liebling, wo steckst du?"
"Ich hab' dir schon mal gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst."
"Tut mir Leid, ich bin nur so froh, deine Stimme zu hören." Und zu wissen, dass du noch nicht tot bist!, fügte Martin in Gedanken hinzu.
"Hm", war alles, was Frederike daraufhin antworten konnte.
"Geht es dir gut? Wo bist du gerade? Frederike, du musst unbedingt zum Präsidium kommen!"
"Ist irgendwas Wichtiges?"
"Ich... und ob. Du musst schnell kommen, bitte."
"Meinetwegen. Ich muss auch dringend mit dir reden."

(Fortsetzung geschrieben von MysticRose)
Vahl legte auf. Niemals im Leben hätte er gedacht, dass ihm sein Beruf zum Verhängnis werden könnte. Niemals hätte er gedacht, dass ihm seine langjährige Berufserfahrung einmal nicht nützlich sein könnte. Und am wenigsten hätte er gedacht, dass er einmal das Märchen "Rumpelstilzchen" bis aufs kleinste Detail analysieren würde. Doch in dieser Woche änderte sich alles. ALLES. Dann kam ihm nur ein Gedanke: Veits Exfrau Louisa. Was hatte sie Veit vor seinem Tod über Frederike erzählt? Fakt war, dass er etwas Entscheidendes über Rumpelstilzchen herausgefunden haben und deswegen sterben musste. Martin musste es erfahren, ganz egal wie dreckig er sich momentan fühlte. Noch einmal wollte er sich bei seiner Tochter melden und rief sie an. Ihm war egal, wie sie reagieren würde. 

"Papa, was gibt's denn schon wieder?"

"Bist du bei Tobias? Geht's dir gut, Tanja?"

"Ja und ja. Ja, ich bin bei Tobias und ja, mir geht's gut. Okay!?"

"Ist Chris auch da?"

"Nee, der wollte nicht. War aber auch eine Schnapsidee von dir. Der hat 'nen üblen Kater und dürfte zu Hause noch rumkotzen."

"Was!? Ich habe zu dir gesagt, du sollst Chris mitnehmen!"

"Das geht wohl schlecht, ich hab keinen Bock darauf, dass er Tobias' Bude auch noch vollkotzt. So, ich leg jetzt auf, ja? Wir sehen uns heute Abend oderso."

Ehe Vahl etwas erwidern konnte, knackte die Leitung und vor seinen Augen drehte sich alles. Nein, er durfte jetzt nicht schlapp machen, nicht jetzt.

Reiß dich zusammen, Martin, verdammte Scheiße!

Er war sich sicher, dass er in seinem ganzen Leben noch nie so viel geflucht hatte, wie in dieser einen Woche, die sein Leben bereits verändert hatte. Weil er befürchtete, gleich wieder umzukippen, wenn er aufstand, blieb er vor dem Boden des Präsidiums sitzen und versuchte vergebens, gleichmäßig zu atmen. Die Leute um ihn herum nahm er nur noch als Phantome war, bis er Louisa, Veits Exfrau sah, die tränenüberströmt in seine Richtung rannte.

"Tut mir so Leid, Louisa."

"Ich versteh das Ganze nicht... Hast du was rausgefunden? Wer macht sowas?"

Dass es sich bei Veit um ihren Exmann handelte, der sie damals mehrfach betrogen hatte, tat ihrer grenzenlosen Trauer und Wut keinen Abbruch. Beide waren nach ihrer Trennung Freunde geblieben; Martin hatte beide insgeheim immer bewundert, wie so locker mit einer kaputten Ehe umgehen könnten.

"Ich weiß es nicht, Louisa. Ich bin genauso am Boden wie du. Im wahrsten Sinne des Wortes." Langsam stand Martin auf und stützte sich an der Wand ab.

"Hör mir mal zu", begann Vahl und stützte sich immer noch an der Wand ab. Er hoffte, dass ihm seine Erfahrungen, mit Angehörigen von Opfern von Serienmördern zu sprechen nun zu Gute kam und Louisa ihm nicht eine verpassen würde.

"Veit hat mir gesagt, dass du irgendetwas Wichtiges weißt, was mich betrifft. Das muss ich wissen. Ich bitte dich inständig darum."

Die positivsten Erfahrungen als Profiler hatte Vahl gesammelt, wenn er nicht erst um den heißen Brei herum redete und gleich mit der Tür ins Haus fiel, so hart es sich auch anhörte, doch auch bei Louisa zahlte sich diese Erfahrung aus.

"Ja, stimmt. Ich wollte es dir eigentlich nie sagen, weil ihr immer so glücklich wart, aber... Ich sag's dir jetzt einfach. Vor knapp einem Jahr hatte Chris doch einen Autounfall, bei dem er schwer verletzt wurde und dabei so viel Blut verloren hat." Gerade sprach ausnahmsweise mal nicht die Ärztin in ihr.

"Ja, sicher. Was ist denn deswegen?"

"Frederike und du, ihr habt beide Blutgruppe 0, das weiß ich ja. Und dem entsprechend müsste Chris sie eigentlich auch haben. Hat er aber nicht. Er hat Blutgruppe B."

"Was? Ich verstehe nicht...", stammelte Martin, obwohl er doch verstand. "Bist du dir sicher?" 

"Hundert Prozent."

"O mein Gott..." Erst jetzt begriff Vahl hundertprozentig. Er war nicht der leibliche Vater seines Sohnes.

"Das heißt, dass Chris nicht mein leiblicher Sohn ist?"

"Ja, es sieht ganz danach aus."

Just in diesem Moment piepste Vahls Handy, dieses kleine, nervtötende Ding, und er las eine SMS von Frederike. Wenn man vom Teufel spricht, dachte er.

"Sie hat mich betrogen, richtig?", fragte er, obwohl er die Antwort kannte.

Louisa druckste herum. "Ich kann mir das Ganze nicht anders erklären, Martin."

"Ich weiß, ich weiß. Schon gut." Louisa war eine Topärztin mit längerer Berufserfahrung als er sie hatte. Aber nichts war gut. Gar nichts war gut. Was um Himmels Willen redete er eigentlich? 

Natalie hat mich nach Hause gebracht. Hab Chris gerade mein Auto geliehen, er will noch mit Freunden weg. Bis später, Frederike.

Diese trockenen Sätze beinhalteten die SMS seiner Frau, die ihn betrogen hatte und es wahrscheinlich noch wusste, dass Chris nicht sein leiblicher Sohn war. Schon wieder klingelte sein Handy, dieses absolut nervtötende Ding, und er meldete sich mit seinem vollen Namen.

"Hallo? Mit wem sprech ich bitte?"

Jemand meldete sich. "Du hast dir Hilfe geholt, Martin. Das findet Rumpelstilzchen gar nicht toll, weil du das Rätsel alleine lösen sollst. Deswegen musste ich dich bestrafen und habe die Bremsschläuche deines Autos durchgeschnitten, mit dem deine Frau gerade unterwegs sein müsste."

Die Leitung knackte. Vahl schmiss sein Handy auf den Boden und bezweifelte, dass man es noch retten konnte. Dann schrie er so laut wie ihm möglich war und wollte nur noch eines: Seinen Sohn retten.

Da er sich nicht anders zu helfen wusste, rannte er, auch wenn es dauern würde, bis er zu Hause ankam.

 


Sonntag (geschrieben von MysticRose)

Vahl merkte, dass seine Beine wieder kurz davor waren, ihm den Dienst zu versagen. Er stürzte und schrammte sich beide Knie auf. In diesem Moment bedauerte er, dass sein Handy vor dem Polizeipräsidium lag - vermutlich zertrümmert. Er hatte jegliches Gefühl für die Zeit verloren, dachte nur noch an seinen Sohn. Er ignorierte seine blutenden Knie und rannte weiter, bis er bei sich zu Hause ankam und befürchtete, vor der Haustür vor Erschöpfung zu dehydrieren.

"Frederike, mach die Tür auf! Schnell!" Keine Antwort. Er klingelte Sturm und hämmerte mit aller Kraft gegen die Tür, bis Frederike sie öffnete.

"Martin, um Gottes Willen!" Sie war erschrocken und Vahl nahm ihr das wirklich ab."Wo kommst du denn her!?" Er wollte antworten, aber übergab sich zuvor drei Mal ins Spülbecken der Küche.

"Wo ist Chris?!" Sein Sohn war das Einzige, an das Vahl momentan denken konnte.

"Ich hab ihm mein Auto geliehen, er wollte noch weg. Aber wo kommst du her, wie haben ja nach ein Uhr nachts?"

"Ruf Chris an, sofort! Ruf Chris an!"

Martin stürzte im nächsten Moment zu Boden und merkte, dass er sein eigenes Blut schluckte.

"Er geht nicht an sein Handy, was soll ich machen?" Frederike stand vor ihm, wie ein hilfloses kleines Mädchen, das an seinem ersten Schultag den Bus verpasst hatte und nun nicht weiter wusste, doch Martin war unfähig, auch nur irgendetwas zu sagen.

"Martin! Jetzt red doch mit mir! Was ist los!?" Dies waren die letzten Worte, die Vahl noch vernahm, ehe sich alles vor seinen Augen immer schneller drehte. 

*

Er sah plötzlich wieder den Tag vor sich, an dem Frederike ihm sagte, dass sie schwanger war. Von ihm. Von ihm, dem bitterarmen Studenten, zweiundzwanzig Jahre alt, der sich nicht vorstellen konnte, Vater zu werden und seiner Freundin schleunigst zur Abteibung raten wollte. Jeden Abend wollte er es ihr sagen, immer wieder hatte er es verschoben. Als er schließlich seinen kleinen Sohn in den Armen hielt, schämte er sich für diesen Gedanken abgrundtief.

*

"Ich ruf jetzt einen Arzt, Martin!"

Er musste kurze Zeit bewusstlos gewesen sein und sah Frederike verschwommen über sich.

"Jemand will ihn umbringen... Rette ihn... Die Bremsschläuche sind durchgeschnitten... Chris... Rette Chris... Er stirbt..." 

"Was, Martin?! Was redest du da?!"

*

Erneut drehte sich alles schneller.Wieder sah Vahl vor den Tag vor sich, als sein Sohn geboren wurde und er ihm zum ersten Mal in seine strahlend blauen Augen blickte. Als er ihn in die Arme nahm, musste er weinen, weil ihn alle möglichen Emotionen überkamen. Das unbeschreibliche Gefühl, das ihn übermannte, als er den kleinen Chris in seinen Armen hielt, konnte er niemandem beschreiben, der nicht selbst mit Kindern gesegnet war. Und Chris würde für immer sein Sohn bleiben, dachte Vahl. Egal, was irgendwelche Blutgruppenanalysen bestätigten oder nicht.

*

Martin Vahl rappelte sich auf und war zu allem bereit. Er wusste, dass seine komplette Ehe aus einer einzigen Lüge bestand, aber das war momentan sein geringstes Problem.

"Martin, hey! Ich liebe dich, wir schaffen das zusammen!", sagte ihm Frederike plötzlich und ihm wurde schlagartig wieder übel.

"Ich weiß es, Frederike. Louisa hat es mir gesagt", rutschte es plötzlich aus ihm heraus, obwohl er es überhaupt nicht sagen wollte, doch zum Glück wurde er durch ein Telefonläuten unterbrochen. Der Anruf aus dem örtlichen Krankenhaus teilte Frederike und ihm das mit, was er befürchtet hatte.

Chris.

"Nein, Martin, das kann doch nicht wahr sein!" Frederike brach heulend neben ihm zusammen. "Bitte nicht!"

Martin Vahl rannte in den Flur, wo sein Zweithandy sich in seinem Parker befand und orderte ein Taxi, als ihm auf den Flurspiegel eine Nachricht ins Auge sprang.

 

 

NUN HAT ES MEINEN SOHN ERWISCHT. DAS WAR EIGENTLICH NICHT MEINE ABSICHT UND GEFÄLLT MIR GAR NICHT. ABER ICH MUSS DICH NOCH WEITER BESTRAFEN UND WERDE IHN NUN UMBRINGEN. ACH, WIE SCHLECHT, DASS DU VERMUTLICH JETZT ERST WEIßT, WIE DAS RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT. -DEIN EBENBILD

 

 

Als Frederike sich in den Hausflur schleppte, sah sie zum ersten Mal, was sich seit einer Woche im Kopf ihres Ehemannes abspielte. Sie schrie, doch Martin zog sie aus der Haustür, denn er hatte das gelbleuchtende Taxischild vor der Haustür bemerkt und wollte nur noch zu seinem Sohn.

"Zum Krankenhaus! Und zwar so schnell Sie können!", sagte er, bemühte sich ruhig zu bleiben, doch es gelang ihm nicht.

"Ganz ruhig, guter Mann. Es geht ja wohl nicht um Leben und Tod", gähnte der Taxifahrer und stellte die Uhr sein.

"Doch! Genau das tut es!"

Martin war es egal, was dieser Mann in genau diesem Moment von ihm dachte; er wollte so schnell wie möglich zum Krankenhaus kommen.

"Schneller, bitte fahren Sie doch schneller!" Nun schaltete sich auch Frederike ein. Martin fand ihre Stimme zum ersten Mal in seinem Leben abstoßend und erschreckte sich über dieses Gefühl, das so neu war. Er ermahnte sich selbst, sich nicht in das Gefühl zu versteifen und das verlangte höchste Konzentration von ihm. Wenn überhaupt noch etwas von dieser übrig geblieben war.

"Ist es okay, wenn ich hier halte?", fragte der Taxifahrer und Frederike öffnete bereits die Autotür.

"Ey, ich krieg noch Geld von Ihnen!", brüllte er ihr hinterher. "Fünfzehn Euro achtzig, man!"

Das war Martin egal. Er kramte in seiner Jeanstasche und drückte dem Taxifahrer einen Fünfzig-Euro-Schein in die Hand. Dann rannte er Frederike hinterher - so gut, wie es seine kaputten Knie noch erlaubten.

Als er das Krankenhaus betreten hatte, rempelte er eine zierliche Krankenschwester an und vergaß, sich zu entschuldigen, stattdessen stammelte er: "Chris Vahl! Chris Vahl! Wo?"

"Um Gottes Willen, stimmt was nicht mit Ihnen?", fragte diese erschrocken und Martin rannte weiter, bevor er sie noch auf die Idee kommen würde, irgendeinen Arzt zu konsultieren, während Frederike sich bereits in der zweiten Etage des Krankenhauses befand. Als er die Treppe hochstürmte, sah er seine Frau. Martin befürchtete, unter den Schmerzen, die seine Knie ihm bereiteten, schon wieder zusammenzubrechen, deswegen stützte er sich an das Pult, hinter dem zwei Krankenschwestern saßen.

"Chris Vahl!", keuchte er. "Wo liegt er?"

"Sind Sie irgendein Verwandter?", fragte die eine mit schwarzer Hornbrille.

"Wir sind seine Eltern!", brüllte Frederike.

Du widerliche Heuchlerin, dachte Martin angeekelt.

"Sie sind seine Mutter?", fragte die mit der Hornbrille noch einmal.

"Ja! Auf welchem Zimmer liegt mein Sohn?"

"Ich bin Martin Vahl, sein Vater!", schaltete er sich ein. "Verdammte Scheiße, wo liegt mein Sohn!?"

"Sie sind Martin Vahl!? Sie wollen mich wohl veräppeln! Martin Vahl ist vor zwei Minuten hier vorbeigegangen, um seinen Sohn zu besuchen!", empörte sich die andere Krankenschwester.

"Sagen Sie mir, auf welchem Zimmer mein Sohn liegt!", brüllte Frederike wieder mit Tränen in den Augen.

"216, den Gang entlang bis hinten rechts, aber..." Weiter kam die Hornbrillenträgerin nicht.

Vahl schleppte sich mit allerletzter Kraft den Gang entlang und riss die Tür des Krankenzimmers auf. Plötzlich stand er vor einer neuen Botschaft Rumpelstilzchens.

ICH BIN HEUTE GUTER LAUNE. ZUDEM IST ES JA MEIN SOHN, VON DAHER FÄLLT ES MIR SCHWER, SO HART ZU SEIN UND IHN UMZUBRINGEN. VIELLEICHT LASSE ICH DEN ARMEN KLEINEN WURM AM LEBEN, WENN DU DICH BEEILST. DU WILLST JA SCHLIEßLICH DEM GEGENÜBERSTEHEN, DER DIR DEIN LEBEN ZUR HÖLLE MACHT, NICHT WAHR? ACH, WIE GUT, DASS DU SOGAR JETZT NOCH NICHT WEIßT, WIE RUMPELSTILZCHEN WIRKLICH HEIßT.

Martin stand vor Rumpelstilzchens Botschaft, die in bedrohlich roter Farbe auf der Wand über dem Krankenhausbett geschrieben worden war. Er spürte, dass Frederike ihn ansah und nach seiner Hand greifen wollte, doch er lehnte ab. Er würdigte sie keines Blickes. Wieder griff sie nach seiner Hand, aber Martin zog sie weg. Nach Hause. Irgendetwas sagte ihm, dass er wieder nach Hause musste. Und zwar so schnell wie es nur ging.

"Martin, warte!", rief Frederike hinter ihm her, aber er ignorierte sie einmal mehr. Auch dass er nochmals stürzte und sich dabei noch mehr Haut von seinen Knien aufriss, nahm er in seinem aktuellen Zustand nicht mehr war. Woher er plötzlich diese viele Kraft nahm, konnte er sich nur durch das Adrenalin erklären, das momentan durch seine Adern schoss. Hieß es nicht, Eltern waren zu Unfassbarem im Stande, wenn sie wusstn, dass ihr Kind in Gefahr war? Und Chris war sein Sohn, beschloss er just in diesem Moment einmal mehr; es war ihm gleich, was bei irgendeiner Blutgruppenanalyse herauskommen würde. Genauso egal war es ihm, was vermutlich auf irgendeinem weißen Blatt Papier über die Vaterschaft stehen würde.

"Martin, warte doch!" Er hörte seine Frau wieder. "Chris ist... Martin... Ich weiß es erst seit seinem Unfall! Martin, bitte bleib stehen!"

Wieder überkam ihm ein Ekelgefühl und er befürchtete, sich gleich ins Blumenbeet seiner Nachbarin übergeben zu müssen, doch er blieb stark.

FÜR CHRIS.

"Scheiße, man, alles dunkel!" Martin dachte, er würde vor Angst den Verstand verlieren. Kurzentschlossen schmiss er einen Blumenkübel durch das Küchenfenster und stieg ein.

"Wo bist du, du Schwein!? Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst, aber lass mein Kind in Ruhe!"

Immer noch war alles dunkel. Rumpelstilzchen musste sich am Stromkasten zu schaffen gemacht haben, stellte Martin Vahl fest. Im Wohnzimmer wurde es hell, aber seine Beine brachen endgültig unter ihm zusammen, als er das Szenario sah, was sich ihm bot. Er sah direkt in das diabolisch grinsende Gesicht seines Ebenbildes. Seines Ebenbildes Rumpelstilzchen, das ihm sein Leben zur Hölle machte. Daneben sah er seinen Sohn. Auf der blutverschmierten Ledergarnitur. Vermutlich tot.

"Bist du überrascht, Martin Vahl!? Überrascht, dass mein Sohn tot ist, oder überrascht, dass es mich gibt?", ertönte es aus dessen Munde. Vahl war nicht fähig zu schreien, Frederike jedoch umso lauter.Nein, dachte Vahl. Du darfst jetzt nicht aufgeben. Nicht, wo du vor diesem Schwein stehst, das dir alles nehmen will, was dir lieb ist. Das darfst du dir nicht antun. Mit diesen Worten stand er auf und sah plötzlich, dass seine Tochter Tanja im Türrahmen stand, offenbar gerade von einem Discobesuch wiedergekehrt.

"Wie schön", grinste Rumpelstilzchen. "Die ganze Familie beisammen. Die rebellische Tochter, der tote Sohn, die fremdgängerische Frau und der von der Arbeit überlastete Mann und mein eigener Bruder. Herzlich Willkommen in der Realität, Martin Vahl. Hier bin ich. Dein Bruder."

Mit diesen Worten richtete er eine Waffe auf Martin. Er erkannte sie sofort. Es war die Veits Waffe.

"Ich bin da, um meinen Platz einzunehmen, Martin. Deine Zeit ist gekommen."

Tanja Vahl rannte aus dem Wohnzimmer, doch Rumpelstilzchen schoss auf sie.

"Ooops." Rumpelstilzchen verzog das Gesicht. "Ein Schuss in den Bauch. Na, ja, einer ist keiner. Frederike stürzte zu ihrer Tochter und brach erneut zusammen. 

"Du Schwein hast meine Tochter angeschossen!" Martin Vahl kamen die Tränen, weil er so laut schrie.

"Richtig", folgerte Rumpelstilzchen. "Aber vielleicht es auch meine. Lange genug war ich dein Schatten, Martin. Und bevor die Bullen gleich die Bude stürmen, werde ich dich, meine Frau und deine - vielleicht auch meine - Tochter umlegen."

Rumpelstilzchen spazierte um die Sitzgarnitur und grinste immer noch diabolisch. "Hach, Martin. Wie du da jetzt stehst, du müsstest dich sehen."

Dann begann dieser Irre, der Martin Vahl wie aus dem Gesicht geschnitten war, zu lachen. Krankhaft laut zu lachen. Offenbar beachtete er nicht, dass er mittlerweile genau hinter Tanja Vahl stand, während er seinen Bruder verhöhnte.

"Ich kann es kaum erwarten, endlich deinen Platz einzunehmen, Martin."

Ja, Vahl entschied sich nun dazu, die Polizei ein weiteres Mal zu verfluchen, denn er würde aus dieser Sache nicht lebend heraus kommen. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er, wie seine Tochter sich plötzlich aufrichtete und nun hinter seinem Ebenbild stand. Dieses Funkeln in ihren Augen - vor Wut -  kannte er ausschließlich von ihr, wenn er etwas gegen Tobias sagte. Ehe er sich versah, verpasste sie Rumpelstilzchen zwei so kräftige Tritte in die Kniekehlen, dass es zu Boden sank und die Waffe fallen ließ.

"Du kleine Göre!", brüllte Rumpelstilzchen, während er ihr immer fester die Kehle zudrückte, bis Martin sich auf beide stürzte und sich plötzlich ein Schuss löste.

"Das hat der Teufel getan!!!", brüllte Rumpelstilzchen. Es waren seine letzten Worte. Tanja Vahl schrie und riss sich von Rumpelstilzchen los. Der Boden, unter dem Martin Vahls Ebenbild lag, begann, sich rot zu färben.

"Aber was..." Tanja hielt inne. Dann sah auch Martin, dass sein Sohn Veits Waffe in der Hand hielt und Rumpelstilzchen damit erschossen hatte.

Blaulicht. Plötzlich Blaulicht. Überall Blaulicht ums Haus. Vahl verfluchte einmal mehr seine werten Arbeitskollegen, die Polizisten, als sie das Haus stürmten. Er eilte zu Chris und lächelte ihn an.

"Hey, mein Junge, hörst du mich?", flüsterte er und strich Chris durch das Gesicht.

"Stimmt das, Papa?", röchelt er plötzlich.

"Hör mir mal zu, ja? Du bleibst immer mein Junge. Für immer, hast du das verstanden? Und du darfst uns alle nicht alleine lassen, okay?" Martin Vahl weinte. Der Albtraum war nicht vorbei, er hatte mit dem blutüberströmten Gesicht seines Sohnes gerade erst begonnen.

"Mir ist es egal, was auf irgendeinem weißen Blatt Papier steht, Chris. Was bedeutet das schon gegen meine Gefühle? Ich bleibe immer dein Vater, hast du gehört?"

Chris Vahl nickte und schloss die Augen.

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Ach, wie gut, dass jeder von euch Lesern mit diesem Satz weiß, dass die Fortsetzung "P.S.: Dieses Mal töte ich dich" heißt...

 

 

 

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MysticRose Re: Ein Thriller -
Zitat: (Original von Luzifer am 06.11.2012 - 12:52 Uhr) ist es, japp. Auch liest er sich sehr gut.
Leider sind da auch einige Logikfehler drin.
Herr Vahl wird noch bewusstlos aus dem Krankenhaus entlassen? Da müsste er schon ein begnadeter Schlafwandler gewesen sein. ^^
Zum Schluss war die Tochter nicht in einer Disco, von der sie kommen konnte, sondern bei Tobias gewesen. Dies wusste auch Vahl.
Dies waren nur zwei Beispiele. Da sind noch mehr drin, aber die fallen nicht so deutlich auf. =)

Bis auf die Logikfehler hat mir auch nur noch gestört, dass hier über so viel Kompetenz und Erfahrung in seiner profilerischen Laufbahn berichtet wird, er sich aber so stümperhaft anstellt und kaum Profisionalität erkennen lässt. Gut, dies kann man auf seine menschliche Seite schieben, weil er selbst diesmal betroffen war.

Gut gefallen hat es mir aber, dass bis zum Schluss man nicht wirklich hätte sagen können, was Sache ist. Auch ist die Spannung nie abgeebbt. Hat sich also wirklich gelohnt die 78 Seiten in einem Rutsch zu lesen. =)

Beste Grüße
Luzifer

PS. Du hattest vor langer Zeit gebeten bzw. geworben den Text zu lesen. Besser spät als nie. ;)


Hi Luz,
cool, danke für den langen Kommentar! Und äh, ich muss zu meiner Schande gestehen, ich weiß gar nicht mehr so genau, wie der genaue Handlungsverlauf des Buches war *räusper* - da müsste ich nochmal nachlesen und nehme dann Stellung :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Luzifer Ein Thriller - ist es, japp. Auch liest er sich sehr gut.
Leider sind da auch einige Logikfehler drin.
Herr Vahl wird noch bewusstlos aus dem Krankenhaus entlassen? Da müsste er schon ein begnadeter Schlafwandler gewesen sein. ^^
Zum Schluss war die Tochter nicht in einer Disco, von der sie kommen konnte, sondern bei Tobias gewesen. Dies wusste auch Vahl.
Dies waren nur zwei Beispiele. Da sind noch mehr drin, aber die fallen nicht so deutlich auf. =)

Bis auf die Logikfehler hat mir auch nur noch gestört, dass hier über so viel Kompetenz und Erfahrung in seiner profilerischen Laufbahn berichtet wird, er sich aber so stümperhaft anstellt und kaum Profisionalität erkennen lässt. Gut, dies kann man auf seine menschliche Seite schieben, weil er selbst diesmal betroffen war.

Gut gefallen hat es mir aber, dass bis zum Schluss man nicht wirklich hätte sagen können, was Sache ist. Auch ist die Spannung nie abgeebbt. Hat sich also wirklich gelohnt die 78 Seiten in einem Rutsch zu lesen. =)

Beste Grüße
Luzifer

PS. Du hattest vor langer Zeit gebeten bzw. geworben den Text zu lesen. Besser spät als nie. ;)
Vor langer Zeit - Antworten
Erika Re: Re: Gelungen -
Ich hab es mir auf den Reader geladen, da ist das kein Problem.
LG

Erika

Zitat: (Original von MysticRose am 19.05.2012 - 19:17 Uhr)
Zitat: (Original von Erika am 19.05.2012 - 16:34 Uhr) Fesselnd geschrieben, gratuliere!

LG

Erika


Dankeschön, Erika :-) Cool, dass du den kompletten Wälzer gelesen hast!
Grüße zurück
Admiranda

Vor langer Zeit - Antworten
MysticRose Re: Gelungen -
Zitat: (Original von Erika am 19.05.2012 - 16:34 Uhr) Fesselnd geschrieben, gratuliere!

LG

Erika


Dankeschön, Erika :-) Cool, dass du den kompletten Wälzer gelesen hast!
Grüße zurück
Admiranda
Vor langer Zeit - Antworten
Erika Gelungen - Fesselnd geschrieben, gratuliere!

LG

Erika
Vor langer Zeit - Antworten
MysticRose Re: -
Zitat: (Original von Teykna am 13.05.2012 - 14:26 Uhr) Eine interessante Geschichte. Gut geschrieben. Man wurde gefesselt! ich musste immer weiter lesen.


Hallo,

schön, dass du sie gelesen hast, ist ja ein ganz schöner Wälzer im Gegensatz zu den anderen Sachen hier. Freut uns auch alle, wenn sie immer gefällt!
Vor langer Zeit - Antworten
Teykna Eine interessante Geschichte. Gut geschrieben. Man wurde gefesselt! ich musste immer weiter lesen.
Vor langer Zeit - Antworten
Chimera Re: Re: Sehr interessant geschrieben... -
Zitat: (Original von MysticRose am 13.01.2012 - 15:03 Uhr)
Zitat: (Original von Chimera am 13.01.2012 - 11:30 Uhr) mit viel Tempo, Emotion und Aktion versehen.
Aber ich kann mich nicht mit dem widerspruch zwischen Charakterzeichnung als Profi und seinem unprofessionellen Verhalten während der Geschichte anfreunden. Man möge es mir nachsehen ;)
Dem Spannungsaufbau tut es keinen Abbruch, macht den Charakter auch menschlich ;-)

Danke an alle Schreiber, die dieses Werk geschaffen haben.

Liebe Grüße
Chimera


Hello again,
Wahnsinn, danke erstmal an dich, dass du diese Seiten auf dich genommen hast. Hoffe, du hast es nicht bereut :-)


Bereut habe ich da gar nichts, war interessant zu sehen, wie andere an die Thematik "Serienmörder" vs "Profiler" herangehen.
Da fällt mir aber ein, ein weniger persönlicher Bezug zum Kennenlernen des Hauptcharakters wäre vielleicht auch gut gewesen ;-)
Besonders wenn eine Nachfolge-Geschichte angedacht ist^^

Liebe Grüße
Chimera
Vor langer Zeit - Antworten
MysticRose Re: Sehr interessant geschrieben... -
Zitat: (Original von Chimera am 13.01.2012 - 11:30 Uhr) mit viel Tempo, Emotion und Aktion versehen.
Aber ich kann mich nicht mit dem widerspruch zwischen Charakterzeichnung als Profi und seinem unprofessionellen Verhalten während der Geschichte anfreunden. Man möge es mir nachsehen ;)
Dem Spannungsaufbau tut es keinen Abbruch, macht den Charakter auch menschlich ;-)

Danke an alle Schreiber, die dieses Werk geschaffen haben.

Liebe Grüße
Chimera


Hello again,
Wahnsinn, danke erstmal an dich, dass du diese Seiten auf dich genommen hast. Hoffe, du hast es nicht bereut :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Chimera Sehr interessant geschrieben... - mit viel Tempo, Emotion und Aktion versehen.
Aber ich kann mich nicht mit dem widerspruch zwischen Charakterzeichnung als Profi und seinem unprofessionellen Verhalten während der Geschichte anfreunden. Man möge es mir nachsehen ;)
Dem Spannungsaufbau tut es keinen Abbruch, macht den Charakter auch menschlich ;-)

Danke an alle Schreiber, die dieses Werk geschaffen haben.

Liebe Grüße
Chimera
Vor langer Zeit - Antworten
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