Kurzgeschichte
Der große Popeto - Aus dem Leben eines Petomanen.

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"Meteorismus; Blähungen; Kunstbläser;"
Veröffentlicht am 27. April 2011, 32 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Joseph Pujol
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Über den Autor:

"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore
Meteorismus; Blähungen; Kunstbläser;

Der große Popeto - Aus dem Leben eines Petomanen.

Widmung


Pour Joseph Pujol (1857-1945), Le Pétomane.

DER GROssE POPETO



„Mein Herr und lieber Freund – Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!“ Erik Satie (1866-1925), Komponist, an einen unwohlwollenden Kritiker


Diese Kunst wird heutzutage nicht mehr gewürdigt. Der Geschmack des Publikums hat sich gewandelt. Und dennoch gab es eine Zeit, da Tausende, Abertausende, vor den Türen der Varietés und Theater standen, um meinen Vater, den Großen Popeto, einmal leibhaftig auf der Bühne zu erleben. Das war in der Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts, in einer Epoche, da alles möglich erschien, in der die Grenzen des gerade noch Machbaren in eine per se überwältigende Zukunft changierten.

Harry Houdini, der Entfesselungskünstler, gehörte zu den Berühmtheiten jener Tage. Anita Berber, schön und verrucht, tanzte im Apollo Theater die „Tänze des Lasters“. Die Brüder Skladanowsky präsentierten den Bioscop, einen der ersten Filmvorführapparate. Emil Naucke, stolze zweihundertfünfunddreißig Kilogramm schwer, betrat in einem Trikot von erlesener Vielfarbigkeit die Bühne, darinnen Gewichte wahrlich titanischer Größenordnung stemmend. Einer der beliebtesten unter all diesen Leuchten des Varietés, und vom Publikum jahrzehntelang wie ein König gefeiert, war mein seliger Papa, Wilhelm Herodes Schneckenstock, den alle, selbst die schärfsten Kritiker, als den „wahrlich größten Darmwindbläser des Weltenballs“ rühmten. Möglicherweise, wie ein sich geistreich wähnender Reporter der ,Berliner Ilustrirte‘ schrieb, „des gesamten Universums deutscher

Zunge.“ Folgen Sie mir, hochverehrte Damen und Herren, in das Jahr 1901. Queen Victoria, die vierundsechzig Jahre über das Britische Empire regierte, ist nur Wochen zuvor in den Armen ihres Enkels, des deutschen Kaisers, entschlafen. Doch hier im Kristallpalast zu Berlin herrscht wahrlich keine Trauer. Im Gegenteil. Am heutigen Abend hat sich eine ausgelassen parlierende Menschenmenge eingefunden, dies in Erwartung einer Darbietung der Künste des Großen Popetos, welcher exklusiv zu diesem Gastspiel aus Calcutta eingetroffen ist. Nach übereinstimmenden Berichten der Journaille, waren die Karten binnen vierundzwanzig Stunden ausverkauft! Ein neuer Rekord. Langsam verlöschen die Lichter. Das Ratsche und Getratsche auf den billigen Rängen dämpft

sich zu einem hoffnungsfrohen Gewisper. Jean, der vielen Zungen gerechte und insbesondere beim weiblichen Publikum hoch verehrte Conférencier, betritt in einem silbern glänzenden Frack die festlich geschmückte Bühne, lächelt mit mehr Zähnen als die Wissenschaft je zuvor in einem menschlichen Munde beobachten durfte, und verbeugt sich so tief, dass seine Nase nur knapp die auf Hochglanz polierten Spitzen der Lackschuhe verfehlt. „Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, hochgeschätzte Freunde wohlfeiler Sensationskunst. Der Kristallpalast darf Ihnen am heutigen Abend voller Stolz einen der bedeutendsten Artisten der Gegenwart präsentieren. Heißen Sie mit einem donnernden Applaus willkommen: den unvergleichlichen, den einzigartigen, den wahrhaft windigen PO-PE-TOOOO!“ Wie das vom Sturm empor geworfene Meer,

brandet der Beifall markerschütternd, von zahllosen „Hurras“ und „Vivats“ durchklungen, gegen den Orchesterboden, während ein Herr mittleren Alters, mit schütterem Haar und wasserstoffblauen Augen, würdevoll aus der Kulisse tritt, die Arme hebt und dann, in formvollendet königlicher Manier, das Haupt vor seinem Publikum verneigt. (Sie mögen es nicht bemerkt haben, doch das freundliche Zwinkern, verbunden mit einem kameradschaftlichen Lupfen der Augenbraue, galt mir, seinem Filius, Wilhelm Herodes Junior, sieben Jahre alt, der mit seiner schönen Mama auf einem Ehrenplatz in der ersten Reihe sitzt.) Jean, der die Bühne nur für den Flügelschlag einer Libelle dem eigentlichen Star des Abend überlassen mag, tritt erneut nach vorn, dabei charmierend um die Gunst des Damen bemüht, und verkündet mit jenem Tremolo, das ihn zu recht so einzigartig unter den Conférenciers

dieser Stadt gemacht hat: „Die Anal-Blaskunst, meine Damen und Herren, darf als eine der ältesten in der Geschichte der Menschheit gelten und wurde bereits vor achthundert Jahren von den aztekischen Eingeborenen Mexikos zum Zwecke der Nachrichtenübermittlung genutzt. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass alle Kunststücke, welche heute zur Ausführung gelangen, ohne Geruchsbelästigung, jedoch mit Raffinement und Taktgefühl über die Bühne gehen, so dass auch die ungleich feineren Sinnesorgane des schönen Geschlechts in keinster Weise beleidigt werden.“ (Wohlwollendes Gelächter.) „Der Große Popeto, das sei hier betont, ist kein medizinisches Wunder. Seine Kunst wird nicht durch billige Taschenspielertricks erzielt. Auch eine besonders tiefgehende Untersuchung der Großen Kaiserlichen Ärztekommission im Winterpalais in Sankt Peterburg, beehrt durch die Anwesenheit seiner Majestät des Zaren

Nikolaus, erbrachte keinerlei Hinweise auf etwaige anatomische Abnormitäten, welche die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Künstlers auf diesem Wege zu erklären vermöchten.“ (Respektvolles Klatschen, Popeto verneigt sich.) „Nur im Süden Italiens, dort wo bekanntlich die Zitronen blühen und die Sonne auf Gottes höchsteigenes Antlitz scheint, gab es einen Petomanen gleichwertigen Ranges, von dem es heißt, der große Giuseppe Verdi habe ihm, zwecks konzertanter Aufführung, ein Stück Musik für zwei blanke Hintern, eine Triangel und diverse Blechblasinstrumente komponiert. Natürlich war Popeto auf der Stelle bereit, seine Kunst mit der des Zunftgenossen hier vor Ihren erlauchten Ohren zu messen, doch mussten wir erfahren, dass Signore Poppolo Berlusconi vor Jahresfrist verschieden ist – an Darmverschlingung, wie es heißt.“ (Heiterkeitsausbrüche, verbunden mit anhaltendem Schenkelklatschen. Jean macht ein

komisch-bekümmertes Gesicht.) „Doch damit genug, liebe Freunde. Lassen wir den Worten nunmehr - “ (Kurzes Zögern, vereinzeltes Kichern im Auditorium.) „die wohlgelittenen Flötentöne folgen! Meine Damen und Herren, der Große Popeto und seine erstaunlichen Imitationen unserer gefiederten Freunde aus der weiten Welt der Ornithologie!“ Jean verbeugt sich, wirft Kusshändchen in die Menge, weist auf den Solisten und verschwindet alsdann mit einer Pirouette hinter dem Vorhang aus burgunderfarbenem Damast. Würdevollen Schrittes tritt Popeto nach vorn. Seine Miene ist ernst, der Blick gesammelt. Er verschränkt die Finger über der Brust, schließt die Lider und stößt vier, fünf Mal in rascher Folge den Atem aus. Dann senkt er in tiefer Kontemplation das Haupt. Eine halbe Minute vergeht. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, und es klänge wie die Kollision mit einem Ozeandampfer. Popeto hebt den Kopf,

öffnet die Augen. Er bittet um Aufmerksamkeit: „Verehrtes Publikum – der Stachelbürzler aus den tropischen und subtropischen Wäldern Südostasiens.“ Erneut tritt Stille ein, doch dann, man vermag die Lebensnähe kaum zu fassen, ertönt, unverkennbar und in reinster Form, der charakteristische Ruf des buntgefiederten Sperlingsvogels: „Ki-Bühl, Ki-Bühl, NokNokNokNokNok, Kra-Wehl, Tschikkolo, Tschikkolo-Tschik!“ Und nochmals: „Ki-Bühl, Ki-Bühl, NokNokNokNokNok, Kra-Wehl, Tschikkolo, Tschikkolo-Tschik!“ Der Beifall donnert wie eine Lawine durch den Saal. Einzelne springen empor, rufen „Bravo!“ oder „Kolossal“. Die Wangen der jungen Damen werden durch eine Mischung aus Verschämtheit und Exaltation zartrosa verfärbt, während der selbigen eng geschnürte Mütter die Seidenfächer geschwind wie Kolibri-Flügel

rotieren lassen. Schon die Ouvertüre war dem Ruf des Meisters angemessen. Popeto jedoch gehört nicht zu denjenigen, welche auf ihren Lorbeeren ausruhen, bis dieselben allmählich zu verwelken beginnen: „Vielen Dank, meine Damen und Herren. Bien, merci, Mesdames et Messieurs. Gracias a usted, Senoras y Senores. Und nun, daran anschließend, der Vanga, auch Blauwürger genannt, auf der Insel Madagaskar vor den schwarzen Küsten Afrikas beheimatet. Ich bitte um Stille, denn mit dem folgenden Ruf pflegt der männliche Vogel das sich naturgemäß zierende Weibchen aus den grünen Wipfeln der Urwaldriesen zu locken.“ (Gelächter und Beifall.) „Kara-wall, Kara-wall, Tschippilli-Tschippilli-Tschuhk. Kaaa-bumm!“ Nun kennt die Begeisterung kaum noch Grenzen. Ein älterer Herr in der ersten Reihe wirft übermütig den Zylinderhut auf die Bühne, ein Mädchen von vielleicht fünf oder sechs

Jahren stellt sich auf die Zehenspitzen, um ein zauberhaftes Blumenbukett zu überreichen, welch‘ Ansinnen von Popeto mit einem Lächeln bedankt wird. Die Blicke der in prachtvolle Admirals-Uniformen gekleideten Ordnungskräfte flackern hie und da Richtung Notausgänge. Ein Odem wie von Aufruhr liegt in der Luft. Mama tätschelt meine Hand und drückt mir einen Kuss auf die Stirne. Das ist er, mein Papa! Jawohl! Ich bin so stolz, dass ich am liebsten emporspringen möchte, damit es der ganze Saal erfahren mag: „Seht her, der große Popeto – und ich, Wilhelm Herodes Junior, bin dessen eingeborener Sohn!“ Doch noch bevor sich der Aufruhr gelegt hat, folgt geschwinde der nächste Programmteil. „Im Folgenden werde ich ein Exempel dafür geben, dass sehr wohl möglich ist, was von manchen Koryphäen der Wissenschaft hartnäckig bestritten wird – nämlich, vermittels des kontrollierten Einsatzes der

Gesäßmuskulatur, dem Enddarm menschliche Sprache zu entlocken. Zu diesem Behuf erlaube ich mir, ein wunderbares Stück Lyrik aus der Feder eines hochgeschätzten Dichters Berliner Provenienz zu interpretieren. Hören Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, ,Die liebliche Laute‘ von Leutnant der Reserve Dr. jur. Waldemar Binsenkraut.“ Ungläubiges Staunen macht die Runde. Sollte das möglich sein? Ist der große Popeto wahrhaftig in der Lage, vermittels der Anal-Blaskunst, die dem Menschen ureigene Lautäußerung in verständlicher Form zu artikulieren? Zweifel sind augenscheinlich vorhanden, während diejenigen, die das Vergnügen hatten, dieser Darbietung bereits in Paris, London, New York oder kürzlich erst in Gaggenau an der Murg beizuwohnen, mit wissendem Lächeln in die Runde blicken. „Die

Laute So zart ihr Klang So mittenmang Ins Ohr die Töne tropfen Bist du’s, mein Lieb Mein Herzensdieb Bekränzt durch Malz und Hopfen Ich bin’s, mein Kind Vor Liebe blind Sollst meine Sehnsucht stopfen So komm denn nur Folg dieser Spur Lausch in der Brust dem Klopfen Die Laute klang Das Herz ward bang Dort zwischen Nacht und

Hopfen Steht sie vor dir Ganz nackt und schier Mit goldgefarbten Zopfen…“ Gewisse marginale Abstriche bei den Umlauten sind dem Faktum geschuldet, dass das Gesäßteil der Frackhose am Nachmittage ein wenig zu scharf gebügelt ward. Nichtsdestotrotz, die Wirkung ist extraordinär. Das Publikum rast. Sie erheben sich von den Sitzen, sie werfen Hüte, Hände, Regenschirme, Puderquasten, ja ganze Säuglinge in die Luft. Sie klatschen, bis das Gefühl in den Fingern einer allumfassenden Taubheit gewichen ist. Sie toben wie die Vandalen vor den Mauern Roms. Einige Übermütige deuten an, die Bühne erklimmen zu wollen. Vermutlich in der Absicht, den Künstler ebenfalls in die Luft zu werfen, was durch die Ordnungshüter, allesamt ehemalige Preisboxer,

im Keime erstickt wird. Nach diesem Zwischenfall dauert es, bis sich der Enthusiasmus auf ein der weiteren Vorführung zuträgliches Maß reduziert hat. Das Orchester, unter Hofkapellmeister Adolf Notenfengler, nutzt die Gelegenheit für ein musikalisches Intermezzo: Wir hören „O Du liebe Mutter Spree“ und daran anschließend „Heil Dir im Siegerkranz“, was umgehend zu einem zivilisierteren Betragen gereicht. Popeto tritt nun an den Bühnenrand. „Hochverehrtes Publikum, kommen wir zu einem kulturellen Höhepunkt. Richard Wagner darf mit Fug und Recht als der größte Tonsetzer gelten, dessen Deutschland und die Welt je gewahr wurden. Mit freundlicher Erlaubnis von Frau Cosima, die kennenzulernen ich die Ehre anlässlich einer privaten Vorführung meiner Kunst in der Villa Wahnfried hatte, werde ich nun das berühmte Vorspiel aus Wagners Oper „Lohengrin“ zu Gehör bringen, und bitte Sie,

die Anwesenden, diesem Kunstgenuss stille und in sich gekehrt beizuwohnen.“ Er schließt die Augen, lässt den Kopf wie einen Kegel auf dem dünnen Hals rotieren, lockert durch dezentes An- und Entspannen der Gesäßhälften die Geschmeidigkeit der innewohnenden Falte. Er wartet, lauscht auf den rechten Moment, die Winde streichen zu lassen, dann, zunächst wie ein fernes Wetterleuchten, gefolgt von sphärischen Klängen, beginnt jene unsterbliche Musik, die Friedrich Nietzsche völlig zu recht als „von… narkotischer Wirkung“ beschrieben hat. Unmöglich, die Herrlichkeit der Töne mit menschlicher Sprache zu ermessen. Hier offenbart sich im tiefsten Kern die Wahrheit, dass La Musica sowohl die schreckliche als auch vollendete Königin aller Künste ist. Wunderbar. Manch gramgebeugtes Mütterlein ergreift die schwielige Hand ihres Sohnes. Vom Munde abgespart haben sie den Gegenwert der Billets. Graf und Gräfin blicken

einander mit wehmütigem Lächeln in die Augen, was wohl schon Jahre nicht mehr vorgekommen ist. Tränen fließen selbst vom allergemeinsten Antlitz, und niemand, nein niemand sieht sich genötigt, Scham angesichts seiner Gefühle zu empfinden. Mit stolzem vaterländischem Herzen gedenken wir der Worte, die Heinrich der Vogler sprach, unter der Gerichtseiche sitzend, und die auch in unseren, doch so pedestrischen Tagen nichts von ihrem Wert oder Wahrheitsgehalt eingebüßt haben: „Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich. Was deutsches Land ist, stelle Kampfesscharen. Dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich.“ Die letzten Töne verklingen als Nachhall göttlicher Berauschtheit. Das Publikum, vom ältesten Mummelgreis bis hin zum knopfnasigen Wickelkind, erhebt sich von den Plätzen, um

dem Großen Popeto durch stürmische Ovationen Ehre zu erweisen. Da ist nichts von turbulenter Jahrmarktsatmosphäre. Hier in dieser urdeutschen, der europäischen Kultur als fruchtbarer Samen innewohnenden Schaffenskraft, entfaltet sich ein Gemeinsinn spendendes Band, welches den Aristokraten mit dem Bauern, den Fabrikbesitzer mit dem einfachen Arbeiter, die Magd mit der Herzogin aufs traulichste vereint. Popeto tritt nach vorn, überwältigt vom Sturm der Begeisterung, den seine Kunst entfachte – obwohl er selbiges schon viele Male zuvor erleben durfte. Er verbeugt sich, hebt die Arme, lässt dieselben in gespielter Verzweiflung sinken, verbeugt sich erneut, lächelt, geradezu beschämt durch die zahlreichen Bekundungen hingebungsvoller Verehrung, verbeugt sich wieder und wieder und wieder – sinnlos, der Beifall nimmt kein Ende. Jean tritt auf die Bühne. Ihm dünkt, es sei der rechte Moment

gekommen, im Glanze dieser Sonne zu extemporieren. Auch er verbeugt sich, lächelt, hebt die Arme, grüßt, winkt. Popeto verschwindet hinter dem Vorhang, doch das Klatschen will kein Ende nehmen. Im Gegenteil, es schwillt an. „Bravo, Popeto, Bravissimo!“ „Dakapo, Dakapo!“ Der Künstler kehrt zurück, schüttelt bedauernd das Haupt, versucht die Menge zu bändigen, indem er seine Taschenuhr befragt und auf die fortgeschrittene Stunde verweist – ohne Erfolg! Es gibt kein Halten. Erst nachdem Papa Bereitschaft signalisiert, den Abend mit einigen Kapriolen ausklingen zu lassen, wird das Gelärm nach und nach zu freudiger Erwartung gedämpft. Es folgt im Anschluss die wortgetreue Deklamation der Rede eines Abgeordneten der Zentrumspartei zum Thema „Kirche, Sozialismus und Kaisertum“. (Insbesondere die lebensechte Wiedergabe des schwäbischen Dialekts, sorgt bei unseren guten Berlinern für schallendes

Gelächter.) Es folgen item: „Gewittersturm über den Niagara-Fällen“, „Schwere Infanterie vor Gravelotte“, „Nächtliche Schlittenfahrt auf der Moskwa“, „Angriff der Sioux-Indianer auf den Planwagen-Treck des Buffalo Bill“ und abschließend der Klassiker unter den Klassikern: „Das Geheime Liebesleben der Oktopoden“. Dann, erst dann fällt der letzte Vorhang, und das Publikum schreitet glücklich und zufrieden in die erquickende Nachtluft hinaus. Das Gedränge hinter der Bühne ist so groß, dass kaum ein Durchkommen möglich erscheint. Alle, die Rang, Namen, Titel, Fabriken, Orden oder doch zumindest das rechte Geblüt ihr Eigen nennen, haben sich vor der Garderobe versammelt, um dem Künstler die Hand zu drücken. Gerhart Hauptmann ist dort, von seinem Haarschopf nahezu okkupiert, der junge Thomas Mann, blass wie Käse aus Emmental,

Mark Twain, der amerikanische Erzähler, welcher zu einem seiner humoristischen Vorträge in der Hauptstadt weilt. Ein altersschwacher General, der unter drei Kaisern diente und dabei zahlreiche Extremitäten auf dem Felde der Ehre beließ, erklärt im Brustton der Überzeugung, das Donnern der Geschütze niemals zuvor so mächtig empfunden zu haben - nicht einmal in der Schlacht bei Gravelotte selbst. Auch ein leibhaftiger Adjutant seiner Majestät gibt sich die Ehre und berichtet, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass der erlauchte Herrscher Versuche unternommen habe, adäquate Ergebnisse durch die Beherrschung der Darmwinde zu erzielen, jedoch von den anwesenden Damen genötigt wurde, die Vorführung ruhmlos zu beenden. Dies, so darf ich sagen, war der Zenit in der Karriere meines lieben Vaters Wilhelm Herodes Schneckenstock – ein Triumph sondergleichen, und ein Tag, der für mich, seinen Sohn, stets

einen Ehrenplatz in der Liste meiner kostbarsten Erinnerungen besetzen wird. Doch die Zeiten, sie ändern ein ums andere Mal den unsteten Sinn, und der Geschmack des Publikums mäandert auf verschlungenen Pfaden. Neue Sensationen traten auf den Plan – technischer, gigantischer, größer. Schon bald fanden die Errungenschaften der Gebrüder Skladanowsky vermehrten Zuspruch – das Kino startete seinen weltweiten Siegeszug. Schneller als die meisten von uns erwartet hatten, fegten seine zappelnden, schwarzweißen und noch dazu stummen Bilder hochverdiente Künstler wie lästige Krümel vom Tisch der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die Anal-Artistik konnte diesem Ansturm nicht auf Dauer widerstehen. Voll Wehmut entsinne ich mich des Tages, da Artur Grünspecht, der große Berliner Impresario, meinen Vater in sein Office bestellte, um ihm mitzuteilen, dass er gedenke,

den abgelaufenen Vertrag nicht mehr zu verlängern. „Sehen Sie, Schneckenstock, mit dem Hintern Musik zu machen, ist heutzutage keine Kunst mehr“, waren seine Worte. „Wie?“, empörte sich mein Vater. „Dann lassen Sie mal hören, bester Grünspecht.“ „Nein, nein, so meinte ich das selbstverständlich nicht. Natürlich ist das eine Kunst, und Sie, verehrter Popeto, sind ihr ausgezeichneter Meister. Was ich sagen will, ist, mit dieser Art von Kunst wird heutzutage kein Staat mehr gemacht. Die Leute wollen Kinematographen, Automobile, Flugapparate, Radiowellen. Die Konkurrenz erdrückt uns schier. Wenn Sie wenigstens in Erwägung zögen, Ihre Fähigkeiten in den Dienste des Fortschritts zu stellen…“ „Was meint?“ „Nun, der Film ist stumm. Da fehlen die wirkungsmächtigen Toneffekte. Ein Mann Ihrer

Talente ist doch wie geschaffen, um…“ „Niemals, Herr Grünsprecht, niemals! Das hieße ja, den Ast absägen, auf dem ich so viele Jahre gesungen habe.“ „Dann, allerdings…“ „Allerdings, dann! Ich empfehle mich, Herr Grünspecht, und wünsche fürderhin reichen Erfolg mit den beweglichen Bildern. Schon bald werden Sie erkennen, dass es sich nur um eine Modeerscheinung handelt. Niemals kann oder wird die Kinematographie den Gipfel der Kunst erklimmen, den ich, Wilhelm Herodes Schneckenstock, zu besteigen die Ehre hatte. Lohengrin, Herr Grünspecht. Ich sage nur: Lohengrin! Versuchen Sie doch mal eine Oper als Stummfilm zu machen. Ha! Sie werden den Großen Popeto noch auf den Knien bitten, mit dem Hintern Musik zu machen! Auf den Knien. So wahr mir Gott helfe! Und nicht nur der meinige, Herr Grünspecht, gewiss auch der Ihrige! Guten

Tag.“ Doch, mit Jahwes Hilfe oder auch nicht, der betagte Impresario durfte dieser Übung entraten. Die Zeit rollte gedankenlos über Papa und seine Kunst hinweg. Der Abstieg war nicht aufzuhalten. Von den Varietés in die Bierzelte, von den Bierzelten in die Schankräume, von den Schankräumen auf die Rummelplätze. Und dort, soviel steht fest, sind die Anhänger des göttlichen Richard Wagner deutlich in der Minderzahl. Auch wenn es an monetären Mitteln nicht mangelte, der Hunger keineswegs zu einem steten Gast an unserem Tische wurde – die völlige Missachtung seiner Darbietungen durch ein grobes, rüpelhaftes und stets nach billigen Effekten lechzendes Publikum, schmerzte den Großen Popeto weitaus mehr, als dies ein leerer Magen getan hätte. Im Alter von dreiundfünfzig Jahren blieb sein Herz vor Kummer stehen. Während der Darbietung des volkstümlichen Klassikers „Ännchen von

Tharau“. In Kyritz an der Knatter. Finis. Sein Begräbnis allerdings wurde nochmals ein Triumph, wenn auch einer, der nunmehr viel zu spät kam. Alle, wahrhaft alle, die im Varieté etwas galten, waren gekommen, Popeto die letzte Ehre zu erweisen: Madame Salome, einbeinige Primaballerina, gerühmt und bewundert für ihre vortreffliche Interpretation der Odette in Tschaikowskys „Schwanensee“. Egmont und Navarro, die siamesischen Messerwerfer. (Obgleich seit Jahren bis aufs Blut verfeindet!) Edmondo Parabellum, der vor laufendem Publikum Nägel, Hanfseile, Pianolas und lebendige Hunde verspeiste. Die „Kooperative Vereinigung der Internationalen Darmwindbläser“ entsandte ihren Alterspräsidenten Hans-Magnus Dickwand-Botenstoff sowie einen wagenradgroßen Kranz, auf dessen Schärpe in güldenen Lettern zu lesen stand: „Lieber Freund und Kollege, Du hast nun

des Lebens laue Leuchte ausgeblasen. Möge Dir dort oben stets eine warme Brise wehen.“ Es war bewegend, wahrhaft bewegend. Am heftigsten jedoch griffen mir jene Worte ans Herz, welche Artur Grünspecht, der treulose Impresario, am offenen Sarg zu den Trauernden sprach: „Was, liebe Freunde, ist das für eine Welt, in der es keinen Platz mehr für einen Künstler wie den Großen Popeto gibt? Was sind all jene, die ihm folgten, gegen den Einen, der mit leicht dahin gestrichenem Darm-fis das Zirpen der Grille ebenso wie das wogende Wüten des gewaltigen Meeres aufs Trefflichste zu imitieren verstand. Jeder von uns hat ein besonderes, von Gott gegebenes Talent. Popeto übte das seine in einer Weise aus, die Menschen auf allen sieben Kontinenten zum Lachen, Weinen, Erschauern und gelegentlich auch zum Innehalten und Nachdenken brachte. Was, so frage ich dich, Popeto, alter Freund und Weggefährte, was kann ein Mann, ein Artist

deiner Statur, mehr von sich verlangen - oder auch nur erwarten - als dies? Von seinem Leben? Vom Leben überhaupt?“ Ja, liebe Freunde, was? E N D E © Doktor Seltsam 2011

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cliffy Deine Geschichte gefällt mir sehr gut leiben Gruß Jenny
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Eine äußerst amüsante, wenn auch für Monsieur Pujol nicht sehr schön geendete Geschichte.( Immerhin wurde er 88 und verlor 2 seiner Söhne im Krieg, 2 kehrten als Invaliden heim.)
Heute sitzen große Ä... in der Regierung, deren Fürze, dem Volk nur Verdruß bereiten. Aber "der große Impresario" schweigt, "entläßt" sie nicht;-) Herzliche Grüße Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"DER GROßE POPETO - Aus dem Leben eines Petomanen."
Mein lieber Doc,
ich bin entäuscht, enttäuscht, entäuscht,
dass ausgerechnet Ihr, meine ach so hochgeschätzte A.B.
mit diesem, diesem... windigen Hinter-Backen-Bläser und seiner ungemein geschmeidigen Bläser-Falte in einem Atemzug genannt habt!
Wie grauenhaft abscheulich...
Aber über diese historisch geprägte anale Blas-Geschichte hab' ich dennoch sehr gelacht!
Wie überaus erfreulich...
besten Dank also, mein lieber Doc
Louis :-)

Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Re: -
Zitat: (Original von Zentaur am 24.05.2013 - 11:23 Uhr) Nun der grosse Popeto weilt nicht mehr unter uns. Jedoch steht er jetzt in der Gunst der Götter Thor,Aegir und den anderen Göttern des Donners. Wenn die Gewitter über die Welt hereinbrechen, kann jeder die formidable, einzigartige Kunst Popetos vernehmen.


lg Helga


Besten Dank, Helga. Ich hoffe Deine ungleich feineren Sinne wurden während der Lektüre nicht Opfer von Geruchs- oder Geräuschbelästigung...

Liebe Grüße

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Re: Famos... -
Zitat: (Original von HarryAltona am 22.05.2013 - 22:24 Uhr) diese Geschichte über einen Vertreter der windigen Kunst. - Eine Kunst, die heutzutage leider nur noch von sehr wenigen ( Den selbsternannten Entscheidungsträgern. ) gepflegt wird.


Ein wahres Wort, lieber Harry. So manche Rede im Bundestag oder vor den Mikrofonen der draußen wartenden Journalisten, erinnert auch verdächtig an jene Analblaskunst, die die Azteken schon vor achthundert Jahren zur Nachrichtenbeförderung nutzten...

Besten Dank und liebe Grüße

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Re: Immer noch entzückend, lieber Dok. -
Zitat: (Original von Brubeckfan am 25.05.2013 - 10:03 Uhr) Dein Ausdruck, der ganze Stil, alles aus einem Guß. Und die Analorientierung macht es zu einem Text für Familiennachmittage.
Ja die scharfe Bügelfalte, da ist Vorsicht am Platz.

Ursprünglich stand hier irgendwo "Skandalowsky", stimmts?

Du kennst sicher die Frage jener reiferen Konzertbesucherin: "Wundervoll, diese Töne macht der Fagottist alle mit dem Mund?" " Ich hoffs, meine Beste."

Viele Grüße,
Gerd


Gerd, ich bin beeindruckt. Du hast den Text wirklich sehr genau gelesen. Ja, stimmt, ursprünglich hießen die Brüder Skandalowsky, das war sozusagen ein kleiner Scherz.. Der wahre Name dieser nicht von mir erfundenen Brüder lautet nämlich: Skladanowsky! Hab's dann irgendwann geändert. Ehre wem Ehre gebührt.

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan Immer noch entzückend, lieber Dok. - Dein Ausdruck, der ganze Stil, alles aus einem Guß. Und die Analorientierung macht es zu einem Text für Familiennachmittage.
Ja die scharfe Bügelfalte, da ist Vorsicht am Platz.

Ursprünglich stand hier irgendwo "Skandalowsky", stimmts?

Du kennst sicher die Frage jener reiferen Konzertbesucherin: "Wundervoll, diese Töne macht der Fagottist alle mit dem Mund?" " Ich hoffs, meine Beste."

Viele Grüße,
Gerd
Vor langer Zeit - Antworten
Zentaur Nun der grosse Popeto weilt nicht mehr unter uns. Jedoch steht er jetzt in der Gunst der Götter Thor,Aegir und den anderen Göttern des Donners. Wenn die Gewitter über die Welt hereinbrechen, kann jeder die formidable, einzigartige Kunst Popetos vernehmen.


lg Helga
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Famos... - diese Geschichte über einen Vertreter der windigen Kunst. - Eine Kunst, die heutzutage leider nur noch von sehr wenigen ( Den selbsternannten Entscheidungsträgern. ) gepflegt wird.
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Re: Aufstieg und Fall des deutschen Furzes -
Zitat: (Original von Cupator am 22.08.2012 - 20:33 Uhr) Lieber Herr Doktor, dieser Text ist - makellos gut! Meinen Glückwunsch. Könnte ich hier ausnahmsweise sechs Sterne vergeben, ich täte es. Die Fabel - anrührend und komisch zugleich. Der historische Rahmen - mitreissend, nicht nur für Zwischendurch-Berliner wie mich. Die Sprache - in meisterlicher stilistischer Treffsicherheit dem angehenden 20. Jahrhundert angepasst. Thomas Mann, der hinter der Bühne seinem Kollegen Hauptmann wohl manches zu geigen hatte, hätte die Buddenbrooks kaum anders geschrieben, hätte Herr Popeto dort Eingang gefunden.

Ich erhebe mich zu einem dreifach donnernden Fanfarenstoß (bin nämlich allein zu Hause) und danke für dieses Lesevergnügen.

Herzlichst,
Cupator


Ja, um ehrlich zu sein, ich finde auch, ich hab mich nicht schlecht geschlagen...

Besten Dank und Grüße

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
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