Kurzgeschichte
DER KULTIVIERTE MÖRDER - oder LES FLEURS DU MAL

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"DER KULTIVIERTE MÖRDER - oder LES FLEURS DU MAL"
Veröffentlicht am 08. April 2011, 34 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Aus der umfangreichen Kollektion besinnlicher Friedhofsbilder des Autors
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore
DER KULTIVIERTE MÖRDER - oder LES FLEURS DU MAL

DER KULTIVIERTE MÖRDER - oder LES FLEURS DU MAL

Einleitung

« Einen Menschen zu töten, mag als Ungehörigkeit durchgehen. Zwei grenzt an Vorsatz. Drei ist üble Gewohnheit. Vier Politik. » Dem Marquis de Valmont zugeschriebenes Bonmot. Angeblich auf dem Weg zur Guillotine gegenüber dem Henker geäußert.

DER KULTIVIERTE MÖRDER ODER LES FLEURS DU MAL


Vor vielen Jahren lebte in unserer Stadt ein Mörder, der nicht nur ein hochlöbliches Mitglied im Kirchenchor, sondern auch ein angesehener Debatter in der örtlichen Dependance des „Politischen Reform-Clubs“ war. Besagter Herr wurde, bezüglich seiner langjährigen Erfahrung und der Diskretion, mit der er sein Handwerk betrieb, weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzt. Seine Dienste nahmen hohe und höchste Würdenträger des Gemeinwesens in

Anspruch, sowohl geistliche als auch weltliche, und niemals, nicht ein einziges Mal, gab die Art und Weise, in der er die ihm übertragenen Angelegenheiten zum Abschuss, pardon, Abschluss brachte, Anlass zur Kritik oder gar Grund zu echter Besorgnis. „Seht Kinder“, pflegten die Väter auf den Straßen zu sagen, wenn er freundlich im Vorübergehen den Hut lüpfte, „dort ist der Mörder. Der versteht es. Nehmt euch ein Beispiel an ihm, lernt fleißig in der Schule, achtet auf Sauberkeit und Anstand, dann werdet auch ihr im Leben vollste Zufriedenheit erlangen. So wie er, der ausgezeichnete Mann.“ Ich weiß nicht, ob Sie, verehrter Leser,

einmal Gelegenheit fanden, einen Abgesandten dieser Profession in Augenschein zu nehmen, doch darf ich versichern, dass der unsere dem allgemein verbreiteten Bilde in keinster Weise entsprach. Weder war er unrasiert und dem Alkohol verfallen, noch neigte er zu Jähzorn oder jener Art von abscheulichem Grimassieren, das gemeinhin auf den Titelblättern der Groschenheftchen mit diesem Stand in Verbindung gebracht wird. Nein, nichts von alledem traf auf seine kultivierte Person zu. Monsieur K., so wollen wir ihn aus Gründen der Pietät nennen, war ein zarter, fast durchscheinender Mann, dessen edel geschnittene Gesichtszüge

Feingefühl und Sensibilität erkennen ließen. Er war ein Freund der Literatur, konnte seitenweise aus „Le Fleurs Du Mal“ zitieren und war darüber hinaus imstande, eine Monographie über das Wirken Arthur Rimbauds zu verfassen, die bis in die Literaturzirkel der Hauptstadt hinein für einige Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Unverheiratet lebte er in einem großen und sehr schönen Haus, dessen Garten nicht nur der ganze Stolz des Mannes, sondern auch ein Kunstwerk von dessen ureigener Hand war. Sein Auftreten in der Gesellschaft lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Tadellos! Höflich und gesittet gegenüber jedermann, stets wie aus dem Ei gepellt, gekleidet in feinste Stoffe von elegantestem Schnitt, war

sein nie müßig wirkendes Flanieren auf den Boulevards unserer kleinen Stadt für all seine Mitbürger ein höchst erfreulicher Anblick. „Bon jour, Monsieur K.“, riefen die Honoratioren. „Salü, Monsieur K.“, die niederen Stände. Und er, mit eleganter Geste den Hut schwenkend, lächelte, als habe ihm die Königin von Aquitanien einen Heiratsantrag gemacht. Eines Tages wurde mein Vater, ein Kriegsprofiteur und Philanthrop von einigem Rang, in die Notwendigkeit versetzt, sich der Dienste des ausgezeichneten Mannes zu versichern. Der Grund waren gewisse

Investitionen, die er auf Anraten eines Bekannten in griechische Staatsanleihen getätigt hatte. Wir, die wir die Wirtschaftsnachrichten jener Jahre noch vor Augen haben, wissen heute selbstredend, dass griechische Staatsanleihen nur wenig später nicht mehr den Wert des Papieres besaßen, auf dem sie einst gedruckt worden waren. (Der Ratgeber erwies sich im Übrigen als Lump und Trunkenbold, der bald darauf – und dies zu Recht! - eines widernatürlichen Todes verstarb.) Fatal waren jedoch die Konsequenzen für unseren kleinen Haushalt: Maman und Papa, meine siebzehnjährige Schwester Aubergine und ich selbst, Jean-Luc, mussten uns gewärtigen, dass wir mit einem Schlage mittellos waren, arm wie die

Kirchenmäuse. Eine nicht eben beglückende Perspektive für meine Familie, die es doch gewohnt war, von einem Dutzend Dienstboten in schönster Weise auf Händen getragen zu werden. Allerdings erwies sich in dieser dunklen Stunde wieder einmal der Satz als richtig, dass der Tüchtige stets ein Schlupfloch zu finden vermag – sofern er nur gewillt ist, an die ordnende Hand unseres gütigen und gerechten Herrn Jesus Christus zu glauben. In Afrika nämlich, hatte ein erfreulich unterentwickelter Staat die begehrlichen Blicke auf seine ebenso unterentwickelten, aber rohstoffreichen Nachbarn geworfen. Zum Behuf der Unterwerfung jener, benötigten die kriegerisch gesonnenen Barbaren all die

Wunderwerke der Waffenmanufakturen, welche der technische Fortschritt dem Menschen des 19. Jahrhunderts in so überreichem Maße beschert hat, und waren bereit, für diese kleine Gefälligkeit in purem Golde zu bezahlen. Kurzum, ein Geschäft, wie man es nicht alle Tage am Wegesrande findet. Unglückseligerweise gab es jedoch einen Widerpart, der ebenfalls Wind von der Sache bekommen hatte. Besagter Mensch, Marokkaner von Geburt, verdorben durch den Mangel an Grundsätzen, der dem Maghrebiner traditionell zu eigen ist, stand bereits kurz vor dem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen. Dies unter Zuhilfenahme von Mitteln, sagen wir: flüssigen Mitteln, über deren befördernde Wirkung kein Zweifel

bestehen konnte. Man nennt dergleichen „Bakschisch-Politik“. Da wir monetär nicht in der Lage waren, auf Augenhöhe zu fechten und weder gutes Zureden noch anonyme Drohungen, perfide Erpressungen oder geschickte Verleumdungen die gewünschten Ergebnisse zeitigten, erschien es nach kurzer Beratschlagung angebracht, und geschäftlich durchaus folgerichtig, den lästigen Burschen einfach bis zum Tage des Jüngsten Gerichts aus dem Wege zu räumen. Nicht hochgemut zwar, aber dennoch entschlossen, das Wohl seiner Lieben über gewisse Bedenken moralischer Natur zu stellen, griff mon Pere einen Tag vor Ablauf der Bieterfrist nach dem Hörer des

telephonischen Apparates, läutete bei der allseits bekannten Nummer in der Rue du Anthropophage an und bat dort mit einigem Nachdruck um den Besuch des Monsieur K. in einer Angelegenheit, die keinen Aufschub dulden mochte. Nachdem dies getan, begab er sich schnurstracks in sein geschäftliches Refugium, dortselbst bis zur vereinbarten Stunde wie ein Leopard im Käfig auf und ab schreitend, eine Zigarre nach der anderen in milde glimmende Aschehäufchen verwandelnd und die in Ehren ergrauten Haare büschelweise vom Haupte raufend. Ich muss hinzufügen, dass Papa ein Mann von strikt katholischen Glaubenssätzen war. Gewalt, gleich welcher Art, blieb diesem wahren Christenmenschen stets ein Gräuel,

und überdies ein Anzeichen für das verdammenswerte Fortschreiten der menschlichen Verrohung. (Ausdrücklich ausgenommen war natürlich jene Gewalt, welche, durch die eigenen Handelsgüter sinnreich befördert, zum Nutzen und Frommen der abendländischen Kultur Anwendung fand. Vorrangig in den Kolonien, denn, wie allgemein bekannt sein dürfte, ist dies die einzige Sprache, die jene Wilden dort in toto verstehen.) Eine Stunde mochte vergangen sein, dann, endlich, ertönte die Glocke an der Tür und Moustache, unser getreues Faktotum, verkündete das Erscheinen des Monsieur K., welcher, dem Alten prompt auf dem Fuße

folgend, auch schon ins Zimmer getreten war. In der linken Hand hielt er den Hut, in der Rechten eine Tasche aus feinstem Büffelleder. Er verbeugte sich gegenüber Maman und Aubergine, legte mir in freundlichster, ja, geradezu kameradschaftlicher Weise die Hand auf die Schulter und wandte sich erst dann mit warmherziger Vertrautheit dem Hausherrn zu: „Vicomte, Sie haben nach mir gerufen, hier bin ich.“ Ein guter Mörder, Mesdames et Messieurs, muss wie ein guter Arzt sein – nicht nur der Körper des potenziellen Opfers sollte Gegenstand seiner Betrachtungen werden, sondern auch und insbesondere die

seelische Befindlichkeit des Auftraggebers. Ich spreche hier selbstredend nicht von jenen dumpf agierenden Schlächtern, die im Delirium Tremens Frau und Kinderlein in Stücke hacken, sondern von Personen, die die hohe Kunst des Tötens mit Raffinement und ausgesuchter Finesse betreiben. Monsieur K. wurde schon beim ersten Blick auf meinen Vater der widerstrebenden Empfindungen gewahr, die hinter der sorgenzerfurchten Stirne des braven Mannes ihren Kampf ausfochten. Oft genug hatte er im Rahmen seines Wirkens ähnliches erlebt. Ganz so, als wäre er der Gastgeber und nicht etwa der Gast, wies er mit einladender Hand auf einen bequemen Sessel, nötigte Papa darinnen Platz zu nehmen und setzte sich

ihm gegenüber auf einen Stuhl, leicht nach vorn gebeugt, und mit der Miene eines Geistlichen, der nicht nur bereit ist, die Beichte abzunehmen, sondern, wichtiger noch, den dringend benötigten Dispens zu erteilen. „Darf ich den Herren ein Gläschen Chartreuse anbieten?“, fragte Maman, doch der Mörder schüttelte unwillig den Kopf und verlangte stattdessen („Wenn es nicht zu viele Umstände bereitet , Madame.“) ein Glas „Brunnenwasser“, war er doch, zu all den anderen guten Eigenschaften, die ihm innewohnten, aktives Mitglied im „Tempel der Brüder der Freunde der tödlichen Gegner des Volksverderbers Alkohol“ und somit ein strikter Verfechter der Abstinenz. Dann, sich

in Gänze auf seine Aufgabe konzentrierend, begann er die notwendigen Utensilien seiner Aktentasche zu entnehmen und vor sich auf dem Tische auszubreiten. „Vicomte, ich darf davon ausgehen, dass es keinen anderen Weg gibt, als den, meine bescheidenen Dienste in Anspruch zu nehmen?“ „Das ist korrekt.“ „Und Sie, verehrter Freund, sind sich der durchaus ernsthaften Konsequenzen bewusst, die eine solche Handlungsweise nach sich zieht?“ „Das bin ich.“ „Erlauben Sie mir einen Rat?“ „Ich bitte sogar darum.“ „Finden Sie eine andere Lösung, eine

bessere. Der Tod hat stets etwas – unumkehrbares.“ „Es handelt sich um eine geschäftliche Angelegenheit, Monsieur, nicht um eine - private.“ „Dann allerdings…“ Monsieur K. streifte mit einem Blick Maman, ließ den Satz, der ihm auf der Zunge gelegen hatte, in der Luft hängen und zückte stattdessen ein schwarzes Büchlein, wie es auch von Ärzten bei ihren medizinischen Konsultationen benutzt wird. „Kommen wir zu den Fakten. Der Tarif ist bekannt?“ „Jawohl. Und ich zahle a conto.“ „Die Hälfte im Voraus, der Rest nach Gottes gütigem Ratschluss.“ „Monsieur, keine Umstände. Ich bin gewiss,

Sie sind ein Mann, der meines Vertrauens würdig ist.“ „In der Tat, der bin ich – und dennoch, ich lehne ab! Keinesfalls möchte ich den Eindruck erwecken, Ihre unkommode Situation für meinen schnöden Vorteil zu nutzen.“ „Monsieur, vergeben Sie. Wir alle wissen Ihr segensreiches Wirken zu schätzen.“ „Wohlan. Der Tod ist mein Geschäft, aber er ist auch eine Angelegenheit, die Fingerspitzengefühl verlangt.“ „Wer würde da widersprechen?“ „Präferieren Sie etwas Bestimmtes?“ „Ich verstehe nicht…“ „Die Waffe. Die Art der Waffe, mit der…“ „Ach so. Ich weiß nicht. Was empfehlen Sie,

Maître?“ „Das hängt im Wesentlichen von der Leidensdauer ab.“ „Der Leidensdauer…?“ „Schnell und schmerzlos, kalt und grausam, langsam, jedoch mit unerbittlicher Konsequenz!“ „Wie lange…? Wollte sagen, mit wie viel Zeit rechnet man denn im Allgemeinen?“ „Ein gezielter Schuss in die Brust beendet das Leben praktisch sur le champ. Noch bevor die Stirn des Delinquenten den Boden berührt, ist die Seele auf dem Weg in eine bessere Welt. Andererseits…“ „Andererseits?“ „Sollten Sie Interesse an subtileren Methoden haben, könnte ich, gegen einen kleinen

Aufpreis, versteht sich, die hinter-indische Schlingen- und Hakentechnik offerieren.“ „Nie gehört.“ „Kein Wunder. Ich selbst erlernte diese Kunst während meines zweijährigen Aufenthalts in den Dschungeln des Subkontinents bei einem Yogi, der seine Vorfahren in direkter Linie bis zu Mahavatar Babaji zurückverfolgen kann.“ „Formidabel.“ „Ich darf von mir behaupten, der einzige Europäer zu sein, der die Schlingen- und Hakentechnik in ihrem ganzen verschwenderischen Reichtum anzuwenden versteht. Mein persönlicher Rekord liegt bei achtunddreißig.“ „Was meint?“ „Was meint, dass das Opfer achtunddreißig

Stunden ununterbrochener Qualen teilhaftig wurde, bevor es mit ihm zu Ende ging. Qualen, so delikat und von so ausgefeiltem Sadismus, dass der Patient praktisch schon bei der Vorstellung dessen, was als nächstes kommen könnte, die Hälfte seines Verstandes verliert.“ „Wäre das gut? Ich meine, das mit dem Verstand. Sollte er nicht vielmehr…“ „Sie fürchten um Ihr Vergnügen?“ Mein Vater zögerte mit der Antwort und betupfte sich stattdessen die Stirn. „Das nicht, aber ich bin der Meinung, wenn ich schon so viel Geld investiere, dann…“ „…sollte etwas mehr dabei herausspringen!“ „Exactement.“ Monsieur K. nickte in seiner

leidenschaftslosen Art und hob ein hauchdünnes Messer mit S-förmig gebogener Klinge vom Tisch. „Die Haut abziehen. Die Haut abziehen und anschließend den Körper mit einer Paste aus Salz und Chilipulver einreiben. Sehr beliebt im Hafenviertel von Marseille.“ „Klingt – Wie soll ich sagen? – ein wenig roh.“ „Verstehe.“ Der Mörder präsentierte eine kunstvoll gefertigte Phiole, die mit kyrillischen Buchstaben bedeckt war. „Diese in den westlichen Ländern nahezu unbekannte Säure, habe ich von einem russischen Alchimisten erworben. Sie löst innerhalb von zwei Stunden das komplette Knochengerüst auf, nicht jedoch das umliegende Gewebe. Zurück bleibt ein formloser Sack aus Fleisch

und Innereien. Sehr schmerzhaft. Und äußerst effektiv.“ „Nein. Ich denke, nein. Vielleicht doch lieber eine Kugel…“ Flugs zog K. eine langläufige Pistole aus der Brusttasche. „Das ist die Waffe mit der unser bedauernswerter Präsident…“ „Mon Dieu!“ „Ich sehe, wir verstehen uns.“ „Das war ein meisterhafter Schuss, Maître!“ „An die dreihundert Meter. Ich saß auf der Spitze eines Gotteshauses, während das Ziel hinter einer mannshohen Trikolore verborgen war.“ „Und Sie haben trotzdem…?“ „Eine einzige Kugel. Alles andere wäre übelste

Stümperei.“ „Gut. Ich bin einverstanden.“ „Bis wann wünschen Sie die Ergebnisse?“ „Alsbald. Es pressiert, mein Guter.“ Monsieur K. nickte und machte sich diverse Notizen. „Dann fehlt mir nur noch der Name desjenigen, der...“ Er hielt taktvoll inne. Mon Pere schlug die Augen nieder. „Es handelt sich um…“ Der Mörder gebot ihm Einhalt. Er nahm einen Bogen Briefpapier, knickte denselben in der Mitte und reichte ihn mit einer Schreibfeder an Papa. „Glauben Sie mir, es vereinfacht die Dinge kolossal. Sie können dann mit Fug und Recht sagen: Aus meinem Munde? Jamais! Schreiben Sie den Namen nur auf. Ich werde den Beweis anschließend

vernichten.“ Wir alle waren hoch erfreut, über die Kompetenz, mit der Monsieur K. diese Angelegenheit zu behandeln verstand. Papa ergriff Feder und Papier, notierte in schwungvoller Handschrift ein einziges Wort und reichte den Bogen zurück an unseren Gast. Der nahm das Dokument, las, kratzte sich an der Nase, beklopfte den Bauch, strich das Haar in den Nacken, faltete das Blatt ein weiteres Mal und legte es vor sich auf den Tisch – so behutsam, als sei dasselbe ein giftiges Insekt oder, schlimmer noch, eine Regierungserklärung. „Tut mir leid, Vicomte, ich sehe mich außerstande, Ihren Auftrag zu akzeptieren.“ „Was?

Wieso?“ „Kurzum: Vertrag ist Vertrag. Man hat bereits in anderer Weise verfügt. Über mich – und, wenn Sie mir gestatten mögen, das so zu formulieren, auch über Ihre geschätzte Person“ „Sie wollen andeuten, die gegnerische Partei…?“ „Ganz recht, mein Freund.“ „Eine solche Vorgehensweise ist für ein stolzes Mitglied der Kriegsgewinnler-Innung inakzeptabel. Das ist ein Skandal, Monsieur, ein regelrechter Affront.“ „Sie sagen es. Allerdings ein gutbezahlter.“ Ohne sich weiterer Erklärungen schuldig zu machen (oder auch nur mit der Wimper zu zucken), riss er geschwind, und diesmal in

wahrhaft tödlicher Absicht, die Pistole aus den Tiefen des Gehrocks, richtete den Lauf gegen die Brust meines bass erstaunten Vaters und platzierte eine nicht große, dafür äußerst folgenreiche Kugel inmitten des augenblicklich verstummenden Herzens. Nachdem sich der Pulverdampf gelichtet hatte, drehte er sich um, betrachtete mit Anteil verkündender Miene die Hinterbliebenen und hob zu einer kurzen, gleichwohl bewegenden Rede an: „Madame, tapferer kleiner Jean-Luc, Mademoiselle Aubergine. Gestatten Sie mir, an dieser Stelle mein aufrichtiges Beileid ausdrücken. Gern wäre ich einer unserer nie um die richtigen Sentenzen verlegenen französischen Dichter von Weltrang, vermöchte ich doch Besseres

zu bieten, als diese dürren Worte geheuchelten Bedauerns. Ich weiß, und das will ich sagen, um die Schwere ihres Kummers. Sie gestatten gleichwohl, dass ich mich nun zurückziehe. Es gilt noch, einen wackeren Ministerialrat in den Ruhestand zu versetzen. Wünsche einen angenehmen Tag, und lassen Sie mich bitte wissen, wann der teure Verblichene zur letzten Ruhe gebettet wird. Ich möchte, wenn es erlaubt ist, einen Strauß Blumen senden. Lilien vielleicht? - Ihr Gatte, Madame, war mir ein väterlicher Freund und zudem in jeglicher Hinsicht ein Ansporn und Vorbild. Ich werde ihn zweifelsohne schmerzlich vermissen. Sollte ich daher an anderer Stelle von Nutzen sein können, sollte Ihnen vielleicht einmal eine

irrlichternde Seele im Wege stehen, wäre es mir ein außerordentliches Vergnügen, wenn Sie sich meiner Dienste bedienen wollten. Bis dahin bleibt mir nur, zu sagen: Adieu und: Gottbefohlen.“ Mit diesen Worten verbeugte er sich, ergriff Tasche, Hut, Stock, Mantel, Regenschirm, Pistole - und schon im nächsten Moment fiel die Türe mit einem an Kanonenböller gemahnenden „Klickeradoms“ ins Schloss. Wir alle blickten auf die Stelle, wo Monsieur K. soeben noch gestanden hatte, reglos, stumm, wie bezaubert von diesem geistvollen Herrn, der es verstand, das Unvermeidliche mit so viel Anmut und Feingefühl, mit so viel Charme und Distinguiertheit zu behandeln. Trotz des unerwarteten Ausgangs der Affäre,

empfanden wir Dankbarkeit. Ja, Dankbarkeit dafür, der Gnade teilhaftig geworden zu sein, am Wirken eines solch begnadeten Künstlers Anteil genommen zu haben. Nie davor (und auch nie danach) bin ich einem Mörder begegnet, der alle für seinen Berufsstand erforderlichen Eigenschaften in so vortrefflicher Weise zu bündeln verstand, um das in jeglicher Hinsicht optimale Ergebnis zu erwirken. Darauf mein Wort, Mesdames et Messieurs. Darauf mein Wort als Franzose und als Patriot. Jean – noch ein Fläschchen vom Roten, tout suit! Vive la République !

Santé! Fin © Doktor Seltsam 2011

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"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw."

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cassandra2010 

...ein büschen Kafka, ein bisschen Thomas Mann- aber wo bleibt der typisch französische "avec"?

Aber ne schmackhafte Geschichte isses, keine Frage!

Cassy
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Mönsch, Cassy, Kafka, Mann, das sind ja wirklich nicht die schlechtesten literarischen Vorbilder, die Du mir da andichtest. Mercie Chérie! Übrigens - kann es sein, dass Dein Opa zufällig Franzose war? Du hast da so'n ganz gewisses Timbre im Anschlag - ich irre mich praktisch nie, was das anbelangt!

Liebe Grüße

Maurice Chevalier, auch bekannt als das singende Baguette vom Pont Neuf
Vor langer Zeit - Antworten
cassandra2010 
Ha! der gallische Knödeldödel! Vor allem, wenn er "in ingggliiiiish" brödelte, war er, wie Papi immer sagte, un drôle de loustic~~~
Où sont les neiges d'antan...
https://www.youtube.com/watch?v=i83GCbojTBg

Amitiés
Cassy


Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Deine köstliche Geschichte vom kultivierten Mörder K. , beeindruckend an die damalige Ausdrucksweise angelehnt. Robert Gernhardt - aber das weißt du sicher - hat eine Sammlung Nonsensgeschichten unter dem Titel: "Die Blusen des Böhmen" verfaßt. A nos amours absents! Ira
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam "Die Blusen des Böhmen" - ein Klassiker! Und Gernhardt kommt für mich naturgemäß gleich hinter der Dreifaltigkeit! Sehr, sehr empfehlenswert, falls Du es nicht kennen solltest, ist auch Henscheids "Die Vollidioten"!

Liebe Grüße

Dok
Vor langer Zeit - Antworten
Herbsttag Danke für den Tipp. Nein, habe ich noch nicht gelesen. ;-)
Übrigens: Bis heute noch keine Post. Schöne Dienstagsgrüße Ira
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Bitter. Böse. Und deine Sprache erhebt sich über alle Banalitäten so genannter Kollegen.
lg... harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Ich spüre mich leicht erröten! ;-)

Vielen Dank und liebe Grüße
Dok
Vor langer Zeit - Antworten
cassandra2010 Re: Re: Hat was von -
Zitat: (Original von DoktorSeltsam am 03.07.2013 - 21:17 Uhr)
Zitat: (Original von cassandra2010 am 03.07.2013 - 20:44 Uhr) Nerval, deine Erzählung oder auch Alfred de Vigny, so recht zum Eintauchen.

Aber, avant tout, deinem Französisch möchte ich ein wenig auf die Füße helfen ( Marx war ja auch mehrfach in Paris, gell, bei Henri Heine)

Eh bien:

Tippfehler; die Gallier schreiben:

Salut
Bonjour
Les Fleurs du Mal


a conto sagt in F. kaum einer, weil italienisch

Aber der Vorname Aubergine ist sehr erheiternd, und ein Domestik namens Schnurrbart ist sicher immer à votre service

... und geprostet wird i.A. folgendermaßen:

A la vôtre! A votre santé!
oder, etwas scherzhaft,

A nos amours absents!

Nur santé ist prollig

Mein Opa war Franzose... das erklärt so einiges, gell?

Salut, docteur

Cassy



Besten Dank, meine liebe Cassy. Frei gesprochen, dafür, dass ich nicht ein Wort Französisch beherrsche, habe ich mich wacker geschlagen, oder?

Liebe Grüße

Dok


Sans doute, mon ami, sans doute!
Und dein kultivierter assassin war épatant, vraiment épatant!
Amicalement
Cassy
Vor langer Zeit - Antworten
DoktorSeltsam Re: Hat was von -
Zitat: (Original von cassandra2010 am 03.07.2013 - 20:44 Uhr) Nerval, deine Erzählung oder auch Alfred de Vigny, so recht zum Eintauchen.

Aber, avant tout, deinem Französisch möchte ich ein wenig auf die Füße helfen ( Marx war ja auch mehrfach in Paris, gell, bei Henri Heine)

Eh bien:

Tippfehler; die Gallier schreiben:

Salut
Bonjour
Les Fleurs du Mal


a conto sagt in F. kaum einer, weil italienisch

Aber der Vorname Aubergine ist sehr erheiternd, und ein Domestik namens Schnurrbart ist sicher immer à votre service

... und geprostet wird i.A. folgendermaßen:

A la vôtre! A votre santé!
oder, etwas scherzhaft,

A nos amours absents!

Nur santé ist prollig

Mein Opa war Franzose... das erklärt so einiges, gell?

Salut, docteur

Cassy



Besten Dank, meine liebe Cassy. Frei gesprochen, dafür, dass ich nicht ein Wort Französisch beherrsche, habe ich mich wacker geschlagen, oder?

Liebe Grüße

Dok
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