Kurzgeschichte
Der Schwarze Mann

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"Der Schwarze Mann"
Veröffentlicht am 25. Januar 2011, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich bin Hanni. Die Lustknaben auf meiner imaginären tropischen Insel pflegen mich allerdings Niripsa zu nennen. Dort herrsche ich über ausgedehnte Kaffeeplantagen und die weltbesten Röstereien, ich lasse mich in einer Sänfte mal hier- mal dorthin tragen, tauche auf dem Rücken meines zahmen Haies (der schreckliche Angst vor Schmetterlingen hat) durch die Meere und höre dazu achtzig Jahre alte Aufnahmen französischer Musik. Ich rede gerne und viel ...
Der Schwarze Mann

Der Schwarze Mann

Beschreibung

Inspiriert von der liebreizenden Luise, angeregt von der naseweißen Anne. ;-)

Da stand er, der Schwarze Mann.

Tagaus, tagein stand er auf dem kleinen Hauptplatz der Stadt und blickte mit trauriger Miene die Straße hinunter.

 

Und jeden Tag ging eine junge Frau an ihm vorbei. Manchmal telephonierte sie geschäftig, manchmal biss sie in eine Semmel, manchmal las sie kaum auf den Gehweg achtend in ihren Skripten, aber immer blickte sie auf und lächelte ihn an.

Aufgefallen war sie ihm bald, denn nicht viele Menschen lächelten ihm zu.


Die erste Zeit hatte er gemeint sie würde ihn auslachen, doch nachdem er sie einige Tage ganz genau beobachtet hatte, musste er sich eingestehen, dass nicht das geringste bisschen Spott in ihren Blicken lag. In den Tagen in denen er sie beobachtet hatte, war ihm auch aufgefallen, dass sie gar nicht so unscheinbar war, wie er zuerst gemeint hatte. Ihre Augen waren groß und rund und obwohl sie braun waren, schienen sie die Sonne in sich gefangen zu halten.

Dass das keinem anderen auffällt!“ wunderte er sich, während er begann die Stunden zu zählen, bis sie wieder seinen Weg kreuzen würde. 

Hatte er sie früher erst erkannt, wenn sie zu ihm aufsah, konnte er bald ihre Schritte unter hunderten heraushören und jedes mal, wenn er sie bemerkte, wurde sein Tag ein klein wenig heller. Wenn sie hingegen an manchen Tagen gar nicht kam, dann bedrückte ihn die Dunkelheit, die ihre Abwesenheit mit sich trug.

 

Eines Tages, es war ein trüber Montag Nachmittag und er wusste, dass sie sich beeilen müsste um rechtzeitig zu ihren Vorlesungen zu kommen, da blieb sie vor ihm stehen.

Der Schwarze Mann fühlte wie sich Entsetzen und Freude in seiner Brust mischten, doch schon baute sich die junge Frau vor ihm auf und meinte mit freundlich echauffierter Stimme: „Tagaus, tagein stehst du auf diesem kleinen Platz und schaust traurig die Straße hinunter,“ sie runzelte die Stirn, „es kann doch nicht sein, dass du keinen einzigen fröhlichen Gedanken in deinem Leben hast!“

Der Schwarze Mann sah ihr hinunter, doch wusste er nichts zu erwidern.

Nun sag doch was dich bedrückt!“

Ich habe mein Mädchen verloren,“ meinte er schließlich, zuckte mit den Schultern und blickte sich um, als würde er sie hinter sich finden.

Wo?“ fragte die junge Frau und stieg auf die Zehenspitzen um ebenfalls über seine Schulter schauen zu können.

Ich weiß es leider nicht. Deswegen stehe ich jetzt hier, vielleicht kommt sie und findet mich.“

Hm,“ meinte die junge Frau schließlich, kniff die Augen zusammen und wandte sich um um zu gehen, einen verdatterten schwarzen Mann zurücklassend.

 

Am nächsten Morgen kam sie früher als gewohnt, setzte sich auf die Bank neben dem schwarzen Mann und hielt ihm wortlos eine Zimtschnecke entgegen. 

Als er keine Anstalten machte sie zu nehmen meinte sie mit den Augen rollend: „Du solltest etwas Frühstücken.“

Und so nahm der Schwarze Mann die Zimtschnecke, aß sie schweigend und erfreute sich, die junge Frau bei sich zu wissen, bis sie aufstand um ihres Weges zu gehen.

 

Jeden Tag besuchte sie ihn, verbrachte Zeit mit ihm, saß still neben ihm oder plapperte ihn von oben bis unten voll bis er meinte seine Ohren würden klingen. Und jeden Tag wurde das Leuchten in ihren Augen stärker, wie auch das Strahlen seines Herzens weithin sichtbar sein musste, wie er meinte.

 

So vergingen Monate, der Winter wurde zum Frühling und der Frühling machte schließlich einem sonnigen Sommer Platz, wie ihn der Schwarze Mann noch nicht erlebt hatte.

Doch je heller die Sonne schien, umso matter wurde das Strahlen in den Augen der jungen Frau. Ihr Lächeln, das ihm immer schöner geworden war, wurde wieder kleiner, ihre Blicke suchten seine seltener und auch ihr Lachen bekam er weniger oft zu hören.

Es kam der Tag, da setzte sie sich neben ihn und meinte: „Ich muss nun fort gehen, lieber Schwarzer Mann. Hier bleiben kann ich nicht aber du,“ sie biss sich auf die Lippe, holte tief Luft und meinte endlich, „aber du könntest mit mir kommen. Wenn du magst.“ Das letzte hatte sie kaum hörbar angefügt.

 

Der Schwaze Mann stand wie vom Donner gerührt. Weggehen? Er? Das war unmöglich!

Die junge Frau sah ihn an und verstand. Langsam lächelte sie ihn an, doch es war ein trauriges Lächen, mit dem sie Abschied nahm. Sie stand auf, strich sich den bunten Rock zurecht und ging.

 

Der Schwarze Mann sah ihr nach. Um alles in der Welt wollte er die Hand nach ihr ausstrecken, doch er konnte nicht. Und so sah er zu, wie sie sich immer weiter von ihm entfernte um nicht wiederzukehren.

 

Einige Monate vergingen, die Spätesommertage machten dem Herbst Platz. Der Herbst wiederum wurde zum Winter und schon bald hielt der Frühling Einzug.

Der Schwarze Mann stand noch immer auf seinem Platz, beobachtete die Tage, wie sie kamen und gingen, und blickte mit trauriger Miene die Straße hinunter. Manchmal, wenn die Sonne genau richtig durch die Blätter schien, dann leuchteten sie wie die Augen der jungen Frau es getan hatten und er spürte wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.

 

Was hast du denn?“, fragte ihn ein kleiner Junge an einem solchen Tag.

Ich habe mein Mädchen verloren,“ antwortete der Schwarze Mann traurig.

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Hörbuch

Über den Autor

hanni86
Ich bin Hanni. Die Lustknaben auf meiner imaginären tropischen Insel pflegen mich allerdings Niripsa zu nennen. Dort herrsche ich über ausgedehnte Kaffeeplantagen und die weltbesten Röstereien, ich lasse mich in einer Sänfte mal hier- mal dorthin tragen, tauche auf dem Rücken meines zahmen Haies (der schreckliche Angst vor Schmetterlingen hat) durch die Meere und höre dazu achtzig Jahre alte Aufnahmen französischer Musik.
Ich rede gerne und viel und habe dabei allermeistens auch das Gefühl etwas zu sagen zu haben.
Nur jetzt will mir einfach nicht mehr einfallen...verdammt! ;-)

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Ninamy67 Sehr geheimnisvoll....hat mir sehr gut gefallen!
:-)
LG Nina
Vor langer Zeit - Antworten
hanni86 Re: -
Zitat: (Original von SolinaTormas am 20.01.2012 - 01:19 Uhr) Schöne Geschichte.
Hab sie gerne gelesen =)
Ich wüsste gerne wo sein Mädchen hingegangen ist, aber das wird wohl ein geheimnis bleiben.
glg

Vielen Dank, das hört man gern. :-)

Wenn man wüsste wo das Mädchen hingegangen ist wäre die ganze Sache doch viel zu...hm, ich weiß auch nicht. Jedenfalls "viel zu" von irgendetwas.^^ Oder so. Ähem.

Liebe Grüße,
Hanni
Vor langer Zeit - Antworten
hanni86 Re: -
Zitat: (Original von DerHein am 20.01.2012 - 00:51 Uhr) Schön!
Liest sich wie ein Märchen, besser gesagt ( ich habs gegoogelt, weil Märchen dann doch nicht so hundertprozentig passen wollte) wie ein Kunstmärchen. Beim Titel erwartet man den bekannten Kinderschreck und wird dann von einer gefühlvollen Beschreibung eines, in seinen eigenen Handlungen, gefangenen Mannes überrascht.

Dass du extra ein Wort dafür gegoogelt hast freut mich sehr! :-) Und dann nochdazu so ein schönes!
Entstanden ist die Geschichte nach Anregung einer Kollegin hier, die die Idee eines traurigen schwarzen Mannes hatte. Der Gedanke gehört also genaugenommen ihr (Sofie). Freilich schmälert das nicht, dass ich mich sehr freue, dass dir die Geschichte gefallen hat!

Liebe Grüße,
Hanni
Vor langer Zeit - Antworten
hanni86 Re: Traurig und doch schön! -
Zitat: (Original von Principessa62 am 10.12.2011 - 21:43 Uhr) Vieles an deiner Geschichte hat Kern!
Am Anfang dachte ich noch, dass jetzt alles fröhlich und schön für den Mann wird, aber gerade, dass das Gegenteil passiert, finde ich sehr schön.
Wunderschön und doch zum Heulen...

LG
Ronja

Vielen lieben Dank,
es freut mich, dass du das Ende gemocht hast. Irgendwie mag ich traurige Enden meistens lieber. Natürlich nur in Geschichten, dort aber umso mehr.

Liebe Grüße und nochmals vielen lieben Dank,
Hanni
Vor langer Zeit - Antworten
DerHein Schön!
Liest sich wie ein Märchen, besser gesagt ( ich habs gegoogelt, weil Märchen dann doch nicht so hundertprozentig passen wollte) wie ein Kunstmärchen. Beim Titel erwartet man den bekannten Kinderschreck und wird dann von einer gefühlvollen Beschreibung eines, in seinen eigenen Handlungen, gefangenen Mannes überrascht.
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan Re: Re: literaturwürdig. -
Zitat: (Original von hanni86 am 10.12.2011 - 21:34 Uhr)
Zitat: (Original von Brubeckfan am 09.12.2011 - 12:49 Uhr) Für mich ...

Gruß,
Gerd

Vielen herzlichen Dank! :-)
Bei Texten ist es meistens so, dass einem einige mehr am Herzen liegen als andere und dieser hier hat sich...ach, wie auch immer, jedenfalls liegt mir dieser hier als einer von ganz, ganz wenigen ein wenig am Herzen und da freut es mich besonders, wenn er gefällt. Ich bedanke ich mich also sehr herzlich und das nicht nur für den Kommentar, sondern auch dafür, dass ich mich hier gerade sehr freue. :-)

Liebe Grüße,
Hanni


Gern geschehen. Ich verstehe Dich gut.

Gerd
Vor langer Zeit - Antworten
hanni86 Re: literaturwürdig. -
Zitat: (Original von Brubeckfan am 09.12.2011 - 12:49 Uhr) Für mich ein eindrucksvoller Mix aus treffenden Formulierungen und Metaphern, die ein jeder so heftig interpretieren kann wie er mag.
Fürchte, irgendwann stößt meine Favoriten-Schachtel auf Grenzen...

Gruß,
Gerd

Vielen herzlichen Dank! :-)
Bei Texten ist es meistens so, dass einem einige mehr am Herzen liegen als andere und dieser hier hat sich...ach, wie auch immer, jedenfalls liegt mir dieser hier als einer von ganz, ganz wenigen ein wenig am Herzen und da freut es mich besonders, wenn er gefällt. Ich bedanke ich mich also sehr herzlich und das nicht nur für den Kommentar, sondern auch dafür, dass ich mich hier gerade sehr freue. :-)

Liebe Grüße,
Hanni
Vor langer Zeit - Antworten
Brubeckfan literaturwürdig. - Für mich ein eindrucksvoller Mix aus treffenden Formulierungen und Metaphern, die ein jeder so heftig interpretieren kann wie er mag.
Fürchte, irgendwann stößt meine Favoriten-Schachtel auf Grenzen...

Gruß,
Gerd
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