Krimis & Thriller
Dietanic - Leseprobe

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"Dietanic - Leseprobe"
Veröffentlicht am 24. September 2010, 8 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren und besuchte bis 2011 das Gymnasium der Katholischen Schule Salvator. Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten, weshalb sie sich in ihren Büchern vor allem dem Krimi-Genre annimmt. Nach dem Abitur arbeitete sie als Kauffrau im Einzelhandel und veröffentlichte zunächst mehrere kurze Kriminalgeschichten. Ab 2012 machte sie eine Ausbildung zur ...
Dietanic - Leseprobe

Dietanic - Leseprobe

Einleitung

Alice Barell ahnt nichts Schlimmes, als sie zusammen mit ihrer Großmutter an Bord des Schiffes geht. Es sollte ein Geschenk für die alte Dame sein, doch alles kommt anders als geplant. Schon bald geschehen seltsame Morde an Deck und jeder ist fortan verdächtig. Sollte einer von ihnen tatsächlich ein Mörder sein? Alice versucht der Sache auf den Grund zu gehen und ahnt nicht, dass sie damit nicht nur sich, sondern auch ihre Mitmenschen in Gefahr bringt. ~ Für Louisa, die mir die Grundidee gab; Thomas, der sich den grenzdebilen Titel ausdachte; Kim und Vanessa, die mir so manche Details vorschlugen ~

Prolog

Als das Schiff in den Hafen einlief, war nichts mehr so wie es sein sollte. Das Grauen, welches mir und meinen Mitreisenden widerfahren war, ist heute immer noch unvorstellbar und, hätte ich es selbst nicht miterlebt, genauso unglaubwürdig. Die Passagiere des Luxusdampfers beeilten sich, dem Schrecken der letzten Wochen zu entfliehen. Todesliner oder Dietanic wurde er auf den reißerischen Titelseiten der verschiedenen Zeitungen genannt. Die tobende Menge der Jubelnden umringte ihre Angehörigen freudig, andere suchten weiter nach Verwandten und Freunden.

Vergeblich.

Mehrere Polizisten gingen in diesem Moment an Bord und wenig später wurden die Toten auf Liegen hinausgetragen. Ihre Gesichter waren mit einem Tuch abgedeckt worden. Die Menschen verstummten schlagartig und schauten den Männern angespannt hinterher. Endlich verschwanden sie innerhalb des Krankenwagens und fuhren davon. Einige Frauen in meiner Nähe schrieen auf oder weinten bitterlich. Sie flehten um Gerechtigkeit. Ich wusste, dass es für jeden von ihnen schon lange zu spät war. Die restlichen Beamten begannen nun, die Passagiere zu  befragen. Viele standen noch unter Schock und mussten von Ärzten betreut werden.

Ich wandte mich ab und mein Blick verlor sich in der Ferne des Meeres. Die Sonne senkte sich weiter am Horizont hinab und die Wellen davor glitzerten mir in roten Farben entgegen. Es hätte ein wunderschöner Abend sein können, doch die Erinnerung an das, was geschehen war, konnte ich nicht mehr verdrängen. Sie würde für immer ein Teil von mir sein. Ich stützte mich auf das rostige Geländer vor mir und beobachtete, wie das Wasser gegen die Steinmauer unter meinen Füßen schlug und aufschäumte. Ein schweres Schuldgefühl erfasste mich.

Wieso hatte ich die Morde nicht verhindern können?

Durch mein Eingreifen wäre es vielleicht nicht zu der Tragödie gekommen. Doch meine Ahnungen konnten erst zur Gewissheit werden, als es bereits zu spät für all diese unschuldigen Menschen war.

„Miss Barell?“, wurde ich plötzlich angesprochen und wandte mich an die Frau hinter mir.

„Ja?“

„Ich weiß, dass das alles sehr schwierig für Sie sein muss. Aber ich muss Ihnen dennoch ein paar Fragen stellen.“

Sie zeigte mir ihren Ausweis und ließ mich erkennen, dass sie von der Polizei war.

„Natürlich“, erwiderte ich leise und wir setzten uns auf eine grüne Parkbank zu unserer Linken.

Das Rauschen des Meeres erklang weiterhin in meinen Ohren und ließ mich frösteln. Ich würde wahrscheinlich für längere Zeit keinen Fuß mehr auf ein Schiff setzen.

„Sie waren hautnah dabei“, begann sie und schlug die Beine elegant übereinander, bevor sie einen Notizblock sowie einen Kugelschreiber aus ihrer Manteltasche zog. „Können Sie mir vielleicht erzählen, wie es zu den Ereignissen kam und wie Sie diese miterlebt haben?“ Ich schluckte schwer und nickte nach kurzem Zögern. Sie machte auf mich eher den Eindruck einer Journalistin als den einer Polizistin. Das alles würde schlimmer für mich werden als ich gedacht hatte. „Weswegen waren Sie auf dem Schiff? Hatten Sie eine Vermutung, was geschehen würde? Ich brauche das alles sehr detailliert, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Ihre Unverschämtheit und das fehlende Mitgefühl in ihrer Stimme versuchte ich zu überhören und räusperte mich. Dann begann ich leicht stotternd zu erzählen, fasste mich jedoch schnell und gewann bald an Kraft innerhalb meines Redeflusses.

„Ich war gerade dabei, meinen Koffer zu packen...“

Die Abreise

„Nimmst du deinen blauen Pullover mit, Alice?“, rief mir meine Mutter aus meinem Zimmer im ersten Stock zu, während ich mir in aller Ruhe zwei Scheiben Brot in der Küche unter ihr mit Erdnussbutter bestrich.

„Was sollte ich damit im Sommer wollen?“

„Du weißt, dass es auf Schiffen oft sehr windig ist.“

„Wenn mir kalt ist, kann ich ja immer noch in meine Kabine zurückgehen oder etwas anderes unternehmen. Es gibt schließlich genug Möglichkeiten dazu.“ Ich legte die beiden Brote schließlich auf einen Teller und machte mich damit auf den Weg nach oben. Tatsächlich saß sie vor einem schwarzen geöffneten Koffer und sortierte Kleidungsstücke zu Haufen daneben.  „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du das nicht tun musst?“, schimpfte ich. „Ich bin alt genug, meine Sachen selbst zusammenzusuchen.“

„Aber ich weiß, dass du immer etwas vergisst“, entgegnete sie und lächelte belustigt. „Ruf’ lieber Sam an und frag’ ihn, ob Grandma fertig ist.“

„Woher willst du wissen, dass Sam abnimmt?“

„Wer sonst? Sie tut es ja nicht. Das hat sie nie getan.“

„Grandma ist schon merkwürdig, findest du nicht?“

Die Frau vor mir hob ihre Augenbrauen skeptisch.

„So merkwürdig, wie eine Mutter nur sein kann.“

Ich lächelte und griff zum Hörer neben der Tür. Nach mehreren Sekunden erklang eine tiefe Männerstimme.

„Sam? Bist du’s?“, fragte ich vorsichtshalber. „Hier ist Alice.“

„Du willst bestimmt wissen, wie es um die Abreise steht, wie?“

„Ich bin bald startbereit.“

„Hier herrscht noch das größte Chaos. Bei alten Menschen dauert das immer länger.“

Ich kicherte.

„Du bist selbst sogar drei Jahre älter und sprichst so von deiner 74jährigen Frau?“

„Wo du gerade ihr Alter erwähnst“, begann er. „Vielen Dank noch mal für das tolle Geschenk. Sie hat sich schon lange nicht mehr so gefreut wie an diesem Tag. Später meinte sie tatsächlich, es sei der schönste Geburtstag seit 1954 gewesen.“

„Das mache ich doch gerne. Immerhin ist sie meine Großmutter. Das nächste Mal habe ich für dich bestimmt auch eine Überraschung parat. Wart’s ab.“

„Und das, obwohl ich nicht dein Großvater bin? Da bin ich aber gespannt.“

„Ob blutsverwandt oder nur angeheiratet, ist doch egal. Du gehörst für mich längst zur Familie.“

„Danke. Schon das alleine macht mich glücklich.“

„Sag’ Grandma, dass wir in einer Stunde vorbeikommen.“

Wir verabschiedeten uns und ich hängte den Hörer wieder in seine Halterung an der Wand.

„Alles geregelt?“, erfragte meine Mutter und legte gerade das letzte Oberteil ordentlich gefaltet in den Koffer.

Ich nickte und übernahm schließlich das Packen meines anderen Koffers selbst. Mein Vorhaben, so wenig wie möglich mitzunehmen, erwies sich als äußerst schwierig, wenn man bedachte, dass die Schiffsreise gute drei Wochen dauern sollte. Ich hatte zurzeit Ferien und durfte das College somit aus meinem Gedächtnis streichen. Zumindest für die nächsten Tage. Ich fragte mich, ob noch andere Jugendliche in meinem Alter an Bord sein würden. Für eine 17jährige konnte es ansonsten schnell langweilig werden. Aber die Hauptsache war, dass sich meine Großmutter darauf freute. Eigentlich hatte ich die zweite Karte für Sam vorgesehen, doch er erwartete mehrere nicht verschiebbare Arztbesuche in den nächsten Tagen. So musste ich schließlich für ihn einspringen, da meine Eltern ihre Arbeit nicht vernachlässigen durften. Ich war mir jedoch sicher, dass es schön sein würde. Die Idee zu einer mehrwöchigen Kreuzfahrt über den Atlantik war mir gekommen, als ich einen Prospekt für Schifffahrten auf dem Schreibtisch meines Vaters vorgefunden hatte. Er vergaß häufig, solche Dinge zu entsorgen. Das Geld dafür war ebenfalls weitestgehend aus meinen Ersparnissen sowie vielen harten Arbeitstagen in Supermärkten und anderen Geschäften hervorgegangen. Den fehlenden Rest stellten mir meine Eltern bereit. Ich würde es ihnen irgendwann wieder zurückzahlen, beschloss ich, was eine halbe Ewigkeit dauern konnte. Doch in erster Linie ging es um Joana, die Mutter meiner Mutter. Sie verstand sich nicht so gut mit ihrer Tochter, doch das kam in den besten Familien vor. Mit mir umso mehr. Ich war ihre einzige Enkelin, da meine Mutter nur eine Schwester hatte, die Kinder jedoch nicht ausstehen konnte und somit auch keine eigenen besaß. Nach weiteren endlos wirkenden Minuten war ich fertig mit dem Packen und schloss den zweiten Koffer erleichtert. Sie half mit beim Tragen und Verladen der Gepäckstücke und ich kramte die restlichen nötigen Dinge zusammen, die ich hastig in meinen dunkelblauen Rucksack stopfte. Er stellte eine Art Handgepäck dar. Daraufhin warf ich einen letzten Blick auf das kleine helle Haus und setzte mich in den Wagen. Ich hatte gerade erst begonnen, meinen Führerschein zu machen und durfte leider noch nicht selbst fahren. Meine Mutter startete den Motor und wir fuhren hinaus auf die Straße.

 

Ich überprüfte meine Frisur im Rückspiegel, bevor ich ausstieg und Joana begrüßte. Ihr Gang hatte sich über die vielen Jahre kaum verändert und ihre wachsamen blauen Augen erstrahlten immer noch lebensfroh, wenn sie mich entdeckte. Fast hatte ich das Gefühl, sie wolle mich erdrücken, als sie mich in ihre ausgebreiteten Arme schloss.

„Ich danke dir so, meine Kleine.“

„Keine Ursache, Grandma“, lächelte ich verlegen und löste mich aus ihrer Umklammerung.

Meine dunkelblonden langen Haare waren dabei durcheinander geraten und ich richtete sie auf der Toilette, bevor wir zu dritt zurück ins Auto stiegen. Sam kam auf seinen Stock gestützt vor die Tür und verabschiedete uns. Seine wenigen grauen Haare lagen streng an den Seiten an und eine dünne Brille zierte seine Nase. Im Gegensatz zu meiner Großmutter war er auf viele Ärzte angewiesen und konnte nicht lange alleine bleiben. Daher würden meine Eltern regelmäßig bei ihm vorbeischauen.

Joana band sich ihre ebenfalls grauen schulterlangen Haare zu einem Dutt, wodurch ihr schmales Gesicht betont wurde. An ihren Ohren hingen kleine silberne Ringe und sie trug eine lockere Jacke über einer blauen Bluse. Ein beigefarbenes Tuch bedeckte ihren Hals und die alte Dame hatte ihre mittlerweile knochigen Hände hinter mir in den Schoß gelegt. Nervös schaute sie während der Fahrt zum Hafen aus dem Fenster. Ich konnte ihre Aufregung deutlich spüren.

Endlich kam das Meer in Sicht. Wie ein Teppich aus Wellen breitete es sich in den Horizont aus. Eine endlos wirkende Weite. Mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmelszelt und ihre Strahlen blendeten mich, als ich die Tür öffnete. Ich half Joana aus dem Fahrzeug. Ihr knielanger dunkler Rock bereitete uns dabei einige Schwierigkeiten. Endlich fanden wir einen Beschäftigten der Schifffahrtsgesellschaft, mit der wie reisen sollten und luden unsere Koffer auf seinen kleinen elektrischen Wagen, an dessen Steuer er saß. Der Mann würde die Gepäckstücke gleich darauf verladen und später in die einzelnen Kabinen bringen. Ich trug unsere Namen und die Nummern der Koffer in einer Liste ein und schon war das Erste geschafft.

Als ich mich umdrehte, rempelte jemand hart gegen mich. Es war ein zierliches, etwa 13 oder 14 Jahre altes Mädchen mit dunklen verwuschelten Haaren, die in jede Richtung abzustehen schienen. Ihre großen ebenfalls dunklen Augen fixierten mich einen Moment lang überrascht, vielleicht sogar ängstlich. Ohne ein weiteres Wort rannte sie davon und verschwand aus meinem Blickfeld. Verwundert wandte ich mich wieder meiner Familie zu. Meine Mutter verabschiedete sich gerade von Joana und tat es bei mir nach. Sie war nicht der Typ von Mutter, die mit einem Taschentuch auf die Abfahrt des Schiffes wartete und die Wangen mit Tränen benetzte. Sie würde nicht warten, bis wir ablegten, sondern hätte den Hafen bereits zuvor verlassen. Und genauso war es. Kaum hatten wir uns dem riesigen Schiff zugewandt, brauste sie schon davon. Ich selbst mochte ebenfalls keine Abschiedsszenen und empfand diese Geste daher nicht als unhöflich oder unangebracht. Außerdem kannte ich sie und ihr Verhalten bereits lange genug. Joana war währenddessen völlig gebannt von dem, was vor ihr lag.

Das Schiff hatte drei oder mehr Etagen und verfügte laut Prospekt über mehrere hundert Kabinen, viele Swimmingpools, eine riesige Sauna sowie zwei Fitnessräume, Shops, einen Essenssaal und sonstigen Schnickschnack. Es war das Paradies für jeden, der gerne reiste, vermutete ich. Die weiße Farbe der Außenwand sah frisch gestrichen aus und auch jegliche Schrift war weder verblasst noch abgeblättert. Als würde das Schiff heute seine Jungfernfahrt antreten.

Eine lange Treppe führte hinauf ins Innere. Wir begaben uns mit unserem Handgepäck und den Fahrkarten im Anschlag zu ihr und zeigten diese den beiden in Uniform gekleideten Herren davor. Sie wünschten uns daraufhin eine gute Reise und endlich konnten wir den langen Weg nach oben wagen. Vor uns staute es sich und gelegentlich waren wir gezwungen zu warten. Dies war nicht besonders schlimm, da meine Großmutter die vielen Stufen durch die Probleme in ihrem Knie nicht gerade schnell bewältigen konnte. Ich half ihr bei jeder davon fürsorglich. Alle Medikamente, die sie benötigte, hatte sie stets bei sich und ich musste mich nicht darum kümmern. Dennoch würde ich ein Auge darauf werfen, ob sie diese auch zu sich nahm, schwor ich mir. Endlich waren wir oben angelangt. Wahrscheinlich gab es auch einen Fahrstuhl oder eine Rampe für Rollstuhlfahrer, doch Joana hatte darauf bestanden, die Treppe zu nehmen. Ihr Dickschädel sei fast so groß wie meiner, betonte meine Mutter gerne.

Ich staunte nicht schlecht, als ich das Innere des Schiffes zu Gesicht bekam. Auf einmal rannte jemand knapp an mir vorbei und ich zog vor Schreck den Bauch ein. Es war das Mädchen von vorhin. Sie streifte meinen Blick kurz und schon war sie erneut wie vom Erdboden verschluckt. Offensichtlich würde sie mit uns reisen, aber ich konnte mir trotzdem keinen richtigen Reim aus ihr machen.

„Merkwürdiges Ding“, schlussfolgerte ich leise und schüttelte den Kopf verwirrt.

„Was meinst du?“, fragte meine Großmutter neben mir.

„Nichts“, erwiderte ich schnell. „Wollen wir gleich zu unserer Kabine? Dann müssen wir zuerst zur Rezeption.“

Wir folgten dem Strom Menschen durch die breiten, mit rotem Teppich ausgelegten Gänge. An den Wänden hingen jeweils mehrere glänzende Lampen, deren Verzierungen in alle Richtungen zu leuchten schienen und an den Enden der Teppiche erkannte man grauweißen Marmor darunter. Es roch nach frischen Möbelstücken, fand ich. Joana war hingerissen von der edlen Ausstattung, merkte man. Sie konnte ihren Blick nicht mehr von den hellen Wänden lassen, an denen in regelmäßigen Abständen professionell geschossene Fotos von Stränden, Wäldern oder Bergen hingen. Natürlich überwogen die Bilder, welche das Meer zeigten. Endlich trafen wir auf eine große Halle und stellten uns an die Schlange vor der Rezeption. Diese glänzte genauso prachtvoll wie die Kronleuchter in jedem größeren Raum. Ähnlich einem Hotel hingen hunderte von Schlüsseln hinter den beiden jungen hübschen Damen an ihren Haken. Wir erhielten die Nummer, die auch unsere Koffer bekommen hatten und suchten anschließend das Zimmer, was bei so vielen Gängen und Treppen nicht einfach war. Den Schlüssel in der Hand streifte ich alleine durch das Schiff. Meine Großmutter wolle sich einen Cocktail leisten, hatte sie verkündet, nachdem wir den Speisesaal entdeckt hatten. Es handelte sich um eine riesige Halle mit einer Bühne, auf der täglich musikalische Veranstaltungen stattfinden sollten. Der Saal befand sich gleich neben der Rezeption und wurde durch eine verzierte gläserne Doppeltür gekennzeichnet. Außer einer Theke mit entsprechenden Barhockern gab es noch eine große Anzahl an Tischen und Stühlen. Ihr hellen Polster und die weinroten Ränder passten zu der restlichen Ausschmückung des Schiffes.

Mittlerweile begannen meine Beine zu schmerzen. Mir kam es so vor, als sei ich ständig im Kreis gegangen. Ich fragte schließlich den nächstbesten, der mir begegnete, einen Jungen in dunkelblauer Uniform, nach dem Weg. Er war etwa in meinem Alter und schien eine Art Liftboy zu sein. Seine braunen Haare fielen im gelegentlich störend in die Stirn, die er mit einer flinken Handbewegung aus dem Gesicht strich. Er hatte ein ungewöhnlich freundliches Lächeln und beschrieb mir den Weg zu meinem Zimmer. Allerdings achtete ich weniger auf seine Worte als auf ihn selbst. Er war etwas größer als ich und gertenschlank, fast schon dünn. Die Uniform passte meiner Meinung nach zu ihm. Seine Stimme klang angenehm, doch irgendwann endete sein Redeschwall plötzlich.

„Danach nur noch die Treppe hinauf und links.“

„Ja, ich denke, ich kann es mir merken“, antwortete ich hastig, damit er nicht glaubte, ich habe ihm nicht zugehört, was leider der Fall gewesen war.

Er lächelte wieder auf seine nette Weise und ich spürte seinen Blick in meinem Rücken, als ich mich von ihm entfernte. Nervös verschwand ich hinter der nächsten Ecke. Er musste gedacht haben, ich sei eine Vollidiotin. Bestimmt lachte er mich mittlerweile bereits aus, da ich sicherlich die falsche Richtung gewählt hatte. Ansonsten begegnete ich niemandem meiner Altersklasse. Die meisten an Bord waren Personen im Rentenalter sowie deren Kinder, die alle bereits erwachsen waren oder sie machten alleine beziehungsweise zu zweit diese Kreuzfahrt. Ich würde mich mit Sicherheit langweilen, wurde mir klar. Dann dachte ich wieder an den Jungen. Würde ich ihm noch einmal begegnen? Ich erwischte mich dabei, wie ich es mir wünschte und schüttelte heftig den Kopf. Diese Gedanken musste ich schnellstmöglich wieder loswerden. Ich kannte ihn nicht und wusste nichts über ihn. Er war bloß ein Fremder, mehr nicht.

Letztendlich fand ich aus dem Unterbewusstsein oder durch Zufall die richtige Etage. Von der Rezeption zu unserem Zimmer hätte ich lediglich eine Treppe nehmen brauchen, erkannte ich erschöpft. Ich ging zurück zu meiner Großmutter, die gerade ihre beiden Getränke mit etwas Trinkgeld für den Kellner bezahlte.

„Hallo Liebes. Willst du auch was zu dir nehmen?“

Ich verneinte dankend und führte sie zu unserem Zimmer im höher gelegenen Stockwerk. Innen sah es genauso schön aus wie erwartet. Ich staunte nicht schlecht. Wir hatten ein großes Schlafzimmer mit seidenen Bezügen auf den Betten und das Bad direkt daneben war mit zwei Waschbecken, einem großen sauberen Spiegel und blank geputzten Fliesen ausgestattet. Außerdem gab es eine Dusche sowie eine Badewanne.

Wunderschön, dachte ich nur begeistert und Joana hatte sich derzeit auf dem Bett ausgebreitet.

„Ist das nicht traumhaft?“, rief sie glücklich aus und ich musste bei ihrem Anblick ungewollt lachen.

Sie benahm sich nicht häufig wie ein Kind und freute sich so offensichtlich über ihre Geschenke. Ich hatte mit dieser Reise genau ins Schwarze getroffen.

Heute wünsche ich mir, dass ich sie nie gemacht hätte. So viel Leid wäre mir und meiner Großmutter erspart geblieben. Doch was hätte unser Fehlen für die anderen unschuldigen Menschen an Bord bedeutet? Absolut nichts hätte sich für sie geändert und all der Schmerz wäre lediglich über das Radio oder den Fernseher zu mir durchgedrungen. Dann hätte ich vielleicht nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Die armen Menschen. Zum Glück musste ich das nicht miterleben.“ Und weiter würde ich keinen einzigen Gedanken an sie verschwenden.

Eine Partie Bridge

Dann war es soweit. Wir hörten ein ohrenbetäubendes Tuten und beeilten uns, an Deck zu kommen. Hier hatte man viel Platz und konnte sich um einen großen Swimmingpool herum verteilen. Überall standen Liegen bereit. Wir gesellten uns zu den anderen Gästen, die sich bereits an die Reling drückten, um auch ja nichts vom Ablegen des Schiffes zu verpassen. Die Motoren würden inzwischen laut im Maschinenraum im untersten Teil arbeiten, doch davon spürte man nichts. Immer weiter entfernten wir uns vom Steg und mehrere dicke Seile wurden aufgerollt und an Deck geschafft. Sie waren die letzten Verbindungen zum Land gewesen. Schon nach wenigen Minuten erblickten wir das schäumende Wasser zwischen uns und den vielen immer kleiner werdenden Personen, die am Hafen standen und uns zuwinkten. Joana erwiderte ihre Geste freudig. Normalerweise wäre mir so ein Verhalten peinlich, doch ich konnte mich glücklich schätzen, dass sie sich endlich einmal erholte und ihre Reise genoss. Endlich endete der Andrang am Rande des Decks und die Menschenmassen verteilten sich auf dem Dampfer. Noch ein dröhnendes Tuten drang aus einem der der Schornsteine.

„Du musst nicht die gesamte Zeit bei mir bleiben, Liebes“, meinte meine Großmutter schließlich und strich mir liebevoll über die Wange. „Ich bin alt genug und muss keinen Aufpasser um mich herum haben. Wenn du etwas anderes tun willst, dann tu’ es einfach, ja?“

Sie lächelte aufmunternd.

„Danke, Grandma, aber ich bleibe gerne bei dir.“

„Du bist eine genauso schlechte Lügnerin wie deine Mutter“, lachte sie und wir gingen zurück in unsere Kabine, in welcher mittlerweile unsere Koffer abgestellt wurden. Den Rest des Tages verbrachten wir mit dem Auspacken und Einräumen in unsere Schubladen und den großen Schrank im Schlafzimmer. Durch die beiden runden Fenster sahen wir, dass es mittlerweile dunkel wurde.

„Ich finde, wir sollten heute auf alle Fälle das Tanzvergnügen nicht verpassen. Zuerst essen wir eine Kleinigkeit und danach wurde angekündigt, spielt die Kapelle fast die ganze Nacht lang. Das wird bestimmt wunderbar“, schwärmte die alte Dame und ich musste erneut schmunzeln.

„Und mit wem möchtest du tanzen? Sam ist ja leider nicht bei uns.“

„Das macht nichts. Versteh’ mich nicht falsch, Kleine. Es wäre wundervoll, wenn er hier bei uns sein könnte. Trotzdem freue ich mich, auch mal mit anderen Herren die Zeit totzuschlagen. Ich liege immerhin noch nicht im Grab und will das Leben genießen. Außerdem würde Sam sowieso nur auf seinem Stuhl sitzen und erwarten, dass ich das auch mache.“

„Er hat nicht mit Absicht ein halbtotes Bein“, verteidigte ich ihren Gatten.

„Ich weiß“, seufzte sie. „Ich mag ihn sehr, aber ab und zu muss ich auch mal etwas für mich unternehmen. Verstehst du das?“ Ich nickte. „Und nun geh’ und kümmere dich erstmal nicht mehr um mich“, fügte sie zwinkernd hinzu.

„Ich bin gleich wieder da“, versprach ich ihr und verließ unsere Kabine.

Gelangweilt streifte ich auf der Suche nach etwas Aufregendem durch das Schiff. Ich hatte diese Gänge alle bereits am Mittag betrachten können. Schließlich kam ich wieder bei den Aufzügen an, doch der Junge war nicht zu sehen. Enttäuscht drehte ich ab und lief zurück zu meiner Kabine.

„Was denn? Schon wieder da?“, stieß Joana überrascht hervor. Sie stand im Badezimmer vor dem großen Spiegel und zog ihre Lippen mit einem bronzefarbenen Stift nach. Mir fiel ihr extravagantes Kleid auf. Es reichte ihr bis zu den hohen Schuhen, die genau wie das glitzernde Kleid in Bronze schimmerten. „Gefällt es dir?“, wollte sie wissen, nachdem sie meinen Blick aufgenommen hatte.

„Sehr sogar“, erwiderte ich staunend. „Ich glaube nicht, dass ich so etwas Feines dabeihabe.“

„Keine Sorge, wir finden schon noch etwas für dich. Ich habe vorgesorgt.“

„Wie bitte?“

Sie lächelte als Antwort nur wieder geheimnisvoll und beendete das Schminken anschließend. Um ihre Schultern abzudecken, legte sie sich ein farblich passendes Tuch darüber. Sie sah wunderschön aus, erst recht durch die hochgesteckten Haare und den Schmuck, den sie sich im Anschluss an Ohren und Hals hing.

„Ich habe deine Mutter gebeten, dein schönstes Kleid einzupacken.“

„Was hast du?“, fragte ich erstaunt. „Woher wusstest du von diesen Bällen hier auf dem Schiff?“

„Das stand in dem Prospekt, den du mir mit der Fahrkarte geschenkt hast.“

Ich verstand.

„Nur gut, dass ich überhaupt irgendein Kleid besitze.“

„Ein Rock oder eine feine Hose plus Bluse hätten es ja auch getan.“

„Neben dir werde ich trotzdem wie ein ungewaschener Mehlsack aussehen“, kicherte ich vergnügt. „Ich hoffe nur, dass mich niemand zum Tanzen auffordert.“

Die Frau wandte sich ganz mir zu, während sie sich ihren zweiten Ohrring ansteckte.

„Wieso denn das? Ich würde mich darüber freuen.“

„Ja, weil die Männer auch in deinem Alter sind. Hier läuft niemand unter 50 herum.“

„Nun sei aber nicht albern. Es ist doch lediglich ein Gerücht, dass Schiffsreisen nur etwas für Senioren sind. Irgendein interessanter junger Bursche wird sich schon für dich finden.“

Ich musste wieder an den Jungen vom Lift denken. Ob ich ihn im Saal treffen würde?

„Vielleicht hast du Recht“, entschied ich im Endeffekt und pflichtete ihr bei. „Ich glaube, dass mehrere Jugendliche oder Kinder mit an Bord sind. Da war vorhin so ein Mädchen. Möglich, dass ich sie wieder sehe.“

„Welches Mädchen? Ich habe keines gesehen.“

Ich winkte ab und half ihr beim Anlegen ihrer Kette, mit der sie noch einige Schwierigkeiten hatte, bevor ich mir selbst das enge blaue, samtfarbene Kleid überstreifte. Es reichte mir bis zu den Knien und hatte vorne mehrere hübsche weiße Verzierungen. Ich streifte die Träger richtig und wechselte meine Ohrringe, damit sie farblich passten. Danach half mir meine Großmutter mit den Haaren. Schnell trug ich mir noch etwas Schminke auf.

„Wir müssen nicht immer an diesen Festlichkeiten teilnehmen, aber am ersten Abend, dachte ich, wäre es doch eine schöne Abwechslung.“

Ich stimmte ihr zu und gemeinsam gingen wir hinunter in den riesigen Saal, der über ein Tanzparkett und eine Kapelle verfügte. Eine Frau stand daneben und sang viele schöne Lieder hintereinander. Zu unserem Glück hatte jeder seinen Sitz reserviert bekommen und es gab keine Streitigkeiten deswegen. Wir applaudierten mit den anderen der Band sowie ihrer Frontfrau zu, die nun soulähnlich klingende Töne anstimmten. Das Parkett füllte sich daraufhin. Ein zuvorkommender Kellner fragte nach unserem Befinden und was wir zu trinken wünschten. Wir bestellten beide ein Glas Wein, wobei meine Großmutter dafür garantieren musste, dass ich unter ihrer Aufsicht blieb und Alkohol zu mir nehmen durfte. Ich stöhnte innerlich genervt aufgrund der Nachfrage. Es gab für meinen Geschmack zu viele Vorschriften für Jugendliche. Außerdem wurde ich prinzipiell immer jünger geschätzt als ich war. Der Kellner kam mit den beiden Gläsern zurück und wir stießen auf unsere Reise und Joana selbst an. Danach brachte man uns die Speisekarte. Zum Glück war das Essen im Preis inbegriffen. Es würde ein schöner Abend werden, wusste ich.

Ich hatte seit langem nicht mehr so gut geschlafen wie in dieser Nacht. Das Bett war behaglich und ich träumte von ausgedachten Stränden mit einer Fülle an Palmen und Muscheln. Wäre unsere Reise doch bloß so weitergegangen und nicht in einem grauenhaften Alptraum versunken.

 

Ein gigantisches Frühstücksbuffet war wie aus dem Nichts in der großen Halle aufgestellt worden. Wir saßen an unserem gewohnten Tisch und verdrückten fast das Doppelte wie zu Hause. Es gab einheimische Nahrungsmittel, aber auch exotische Früchte und Ausgefallenes wie riesige Krabben, um die ich jedoch einen weiten Bogen zu machen pflegte. Meerestiere lagen mir nicht so wie gewöhnliche Brötchen mit Butter und Honig oder Wurst. Allmählich füllte sich der Raum mit Menschen, die ihre Plätze einnahmen oder sich das reichhaltige Angebot näher beschauten. Fast alle von ihnen waren im Rentenalter, erkannte ich niedergeschlagen. Die anderen hatten jedoch auch nicht mein Alter, sondern standen längst mit beiden Beinen fest im Leben, waren verheiratet, hatten Kinder und besaßen möglicherweise längst eine eigene Firma.

„Was ist mit dir?“, fragte mich meine Großmutter. „Du siehst so bedrückt aus.“

„Es ist nichts. Ich bin nur noch etwas müde.“

„Das glaube ich dir nicht, meine Kleine. Du hast geschlafen wie ein Murmeltier. Also, raus mit der Sprache.“

„Es ist wirklich nichts“, verdeutlichte ich nochmals. „Mach’ dir keine Sorgen. Alles bestens.“

Sie ließ davon ab, aber ich wusste, dass sie noch nicht aufgeben würde. Joana kannte mich gut genug, um zu wissen, dass mit mir etwas nicht stimmte. Allerdings ging es bei dieser Reise eher um sie als um mich und so wollte ich meine Gedanken besser für mich behalten und ihr diese Fahrt so schön wie möglich machen. Sie hatte es verdient, nicht ich.

„Grandma?“

„Ja?“

„Wir werden beobachtet“, erklärte ich unbehaglich und konnte meine Augen nicht mehr von dem älteren Pärchen abwenden, welches uns beide ununterbrochen anstarrte.

Nun drehte sich auch meine Großmutter zu den beiden, doch sie schauten nicht weg, sondern lächelten uns freundlich entgegen. Nach einer Weile erhoben sie sich und kamen zu uns herüber. Die Frau war um einen halben Kopf kleiner als ich und ihr Mann nicht viel größer. Beide hatten ergraute Haare mit dunklen Strähnen, wobei er kaum noch einen Schopf besaß außer an den unteren Rändern. Sie trug eine moderne Bluse und einen knielangen weißen Rock. Auf dem Kopf hatte sie eine große dunkle Sonnenbrille liegen. Es musste tatsächlich sehr hell und warm auf dem Deck sein. Er hatte mit einem gewöhnlichen gemusterten T-Shirt und einer kurzen braunen Hose vorlieb genommen. Beide wirkten sympathisch.

„Entschuldigen Sie bitte“, begann die Frau. „Es war keine Absicht von uns, Sie so durchgehend anzusehen. Aber wir hatten uns überlegt, wer von den Anwesenden möglicherweise Kartenspiele mag und kamen dann auf Sie.“

„Sehen wir tatsächlich so aus?“, wollte meine Großmutter wissen und schüttelte die Hände der beiden Mitreisenden. „Das ist meine Enkelin Alice Barell und ich bin Joana Wallace.“

„Flora und Quentin Harvey“, stellten sie sich vor. „Wir fahren schon zum dritten Mal mit dieser Gesellschaft. Es ist traumhaft, nicht wahr?“

„Zum dritten Mal schon“, staunte ich und sie setzten sich zu uns an den Tisch. „Dann mangelt es Ihnen anscheinend an nichts.“

„Alice!“, zischte meine Großmutter warnend, doch Flora winkte lächelnd ab.

„Neugier soll niemals bestraft werden. Mein Mann hatte vor wenigen Jahren in der Lotterie gewonnen und seitdem können wir uns so etwas leisten. Ansonsten hätte es vielleicht nur für eine Reise gereicht.“

„Warum geben Sie das Geld nicht woanders aus. Warum stecken Sie es in Reisen?“

„Weißt du, Alice, wir fahren sehr gerne weg. Wir beide waren schon fast überall auf der Welt, nur die Ozeane fehlen uns noch“, führte Quentin weiter aus.

Kurz darauf waren wir alle schon tiefer ins Gespräch gekommen und meine Großmutter verabredete sich bald darauf mit ihnen zu einer Partie Bridge. Leider beherrschte ich dieses Spiel nicht und sie mussten sich daher einen anderen vierten Mitspieler suchen. Zwar bot man mir an, es mir zu erklären, doch ich lehnte dankend ab und versprach Joana, mich auch woanders gut zu beschäftigen. Wir würden uns später in der Kabine oder auf Deck treffen.

Zurück in meinem Zimmer zog ich meinen Bikini und darüber einen Bademantel an, mit welchem ich nach oben lief, um endlich einmal den riesigen Pool auszuprobieren. Ich fand nur schwer eine freie Liege. Alles war überfüllt und relativ ungemütlich. Nicht, wie in diesen Seefahrtsfilmen und Reisewerbungen im Fernsehen. Sofort streifte ich den Mantel von meinen Schultern und begab mich ins kalte Nass. Es stellte eine angenehme Abwechslung für mich dar. Nur wenige der vielen alten Menschen trauten sich in das Becken. Sie sonnten sich lieber in der Sonne außerhalb. Ich tauchte ab und fühlte mich endlich wirklich frei. Nach einigen Schwimmzügen kam ich wieder an die Oberfläche und merkte, dass vor mir am Beckenrand ein Paar Beine stand. Jemand schien mich zu beobachten. Schnell wischte ich mir das Wasser aus den Augen und strich die nassen Haare zurück. Es war der Junge vom Vortag. Das Lächeln verharrte immer noch in seinem Gesicht. Dieses Mal trug er keine Uniform, sondern Jeans und ein weißes T-Shirt, unter welchem seine Bauchmuskeln trotz des schlaksigen Körperbaus deutlich betont wurden.

„Schwimmen magst du wohl lieber.“

„Als was?“, erwiderte ich und stieg aus dem Wasser.

Er reichte mir meinen Mantel, den ich mir gekonnt langsam überzog. Wenn er mich schon so sah, dann sollte der Moment ruhig ausgekostet werden. Genau wie meine Mutter gesagt hatte, war es sehr windig an Deck. Meine Haare wollten nicht stillhalten und so strich ich sie nochmals hinter die Ohren.

„Als Zimmer zu suchen.“

„Sehr witzig“, grinste ich und er begleitete mich nach innen. „Und du magst das Betrachten von jungen Mädchen wohl lieber als ständig an deinem Fahrstuhl zu stehen.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht. Ist auf alle Fälle eine Abwechslung. Fährst du zum ersten Mal mit uns?“

„Ja, ich habe meiner Großmutter diese Reise geschenkt, aber ihr Lebenspartner kann nicht mit ihr fahren. Deswegen bin ich jetzt hier.“

„Das freut mich.“

Sein Lächeln war atemberaubend.

„Wie heißt du? Ich darf dich doch duzen, oder?“

„Natürlich. Ich bin Alice. Und du?“

„Ben.“

„Flirtest du häufig mit Fahrgästen?“

„Flirte ich denn gerade?“, erwiderte er schmunzelnd und strich sich durch die Haare.

„Das kam mir so vor.“

„Wenn du das flirten nennst, dann kennst du mich noch nicht wirklich“, antwortete er und kam näher, bis seine Nase fast die meine berührte.

Ich konnte ihn jetzt riechen. Es war ein betörender Duft von Männlichkeit. Er hielt kurz inne und zog sich danach wieder zurück. Mein Herz raste. So aufgeregt war ich lange nicht mehr gewesen. Mit einem überlegenen Lächeln auf den Lippen winkte er im Weggehen kurz und verschwand hinter der nächsten Ecke. Ich versuchte mich zu beruhigen und ging zurück in meine Kabine. Hoffentlich war ich nicht rot angelaufen. Sollte ich Angst oder Zuneigung empfinden? Ich war völlig durcheinander und konnte mir diese Frage nicht beantworten. Dann schaute ich einmal auf die Uhr und sprang auf. Ich würde mir etwas zu essen besorgen, beschloss ich. Als ich im entsprechenden Raum ankam, entdeckte ich weiter hinten meine Großmutter und ihre drei neuen Bekannten Karten spielen. Die Fremde und gleichzeitig vierte Mitspielerin war etwa in ihrem Alter und trug ihre dunkel gefärbten, schulterlangen Haare offen. An ihren freien Armen trug sie mehrere teure Armreifen, die scheppernd gegeneinander schlugen, wenn sie eine Karte ausspielte. Ihr rosafarbenes Kostüm passte nicht zu ihren rot gemalten Lippen, war meine Meinung.

„Alice, da bist du ja!“, rief Joana lauthals und gab mir zu verstehen, dass ich mich ihnen nähern sollte. „Flora und Quentin hast du ja bereits vorhin kennen gelernt. Das hier ist Gloria Peckleburn.“

Ihr Name passte perfekt zu ihr. Vielleicht war er sogar bloß erdacht. Sie wirkte wie eine aufgedrehte alte Tante mit nicht mehr allen Tassen im Schrank. Die Vorgestellte ergriff meine Hand deutlich fester als jeder andere an Bord es hätte tun können und umarmte mich anschließend, indem sie mich fast unter sich begrub. Ihre beleibte Statur half ihr dabei. Nach einer Weile fand ich wieder Luft und hustete einmal kräftig. Ihr Parfum hätte mir beinahe den Rest gegeben.

„Wie schön, dich endlich zu sehen, Alice!“, polterte sie voller Freude, als habe sie mich bereits ihr Leben lang gekannt. „Wie groß du doch bist. Deine Grandma hier hat uns schon so viel von dir erzählt. Ich war gespannt, wie du ausschaust. Wunderhübsch bist du. Und deine Augen. So einen Schatz in der Familie habe ich mir immer gewünscht.“

Ich hoffte schon fast, sie würde sich an ihren Reden verschlucken, doch sie sprach immer weiter. Quentin unterbrach sie schließlich mit dem Einwand, sie solle doch eine Karte legen. Ein Blick von seiner Seite machte mir deutlich, dass er mir die Chance geben wollte, vor dieser Frau zu flüchten. Dankend nickte ich ihm zu und verschwand wieder, aber nicht ohne mir ein Brötchen vom Buffettisch zu schnappen, in welches ich anschließend genüsslich biss.

Wenigstens hat Grandma ihren Spaß, sinnierte ich und war mit meinen Gedanken wieder bei Ben.

Ich war mir nicht sicher, ob ich seine Annäherungsversuche erwidern sollte oder nicht. Aber warum eigentlich nicht? Es würde sich sowieso nur als Urlaubsflirt und nichts Ernstes herausstellen. Zwar war ich nicht dafür bekannt, mit Gefühlen zu spielen, er dagegen schon, so wie er auf mich wirkte. Vielleicht konnte ich ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen, wenn ich Glück hatte. Voraussetzung war, dass ich ihm noch häufiger begegnete. Ich schlenderte wieder durch die Gänge bis mir langweilig wurde und ich einen Blick in die Sauna warf. Vielleicht könnte ich hier einige Stunden verschwitzen.

Alex

So und so ähnlich verliefen die weiteren Tage. Nun war bereits eine Woche vergangen und die Langeweile stieg stetig an. Ich hatte mittlerweile beinahe alle Teile des Schiffes erkundet und wusste genau, wo ich was finden konnte. Doch Ben sah ich vorerst nicht mehr. Meine Großmutter war wie in der gesamten letzten Zeit mit ihren Freunden und dem Kartenspielen beschäftigt. Inzwischen waren sie auf Skat umgestiegen und einer von ihnen sorgte immer abwechselnd mit den anderen für Getränke. Zu meinem Unglück stieß ich fast mit Gloria zusammen, die durch die Doppeltür trat, als ich mich gerade daran vorbei schleichen wollte.

„Ach!“, rief sie zu laut für meinen Geschmack und meine Ohrmuscheln.  Fremde Leute starrten uns an, ehe sie das Interesse an der Szene verloren und weitergingen. Heute trug die Frau ein orangefarbenes Seidenkostüm, welches genauso wenig zu ihren Lippen passen wollte wie das vorherige. „Du musst mir unbedingt mehr von dir erzählen, Schätzchen“, fügte sie hinzu und legte ihren breiten Arm um meine Schultern.

Ich dachte, ich müsse zusammenbrechen und versuchte krampfhaft ihrem Gewicht standzuhalten.

„Da...da gibt es eigentlich nichts zu berichten“, brachte ich keuchend hervor.

„Bei so einem jungen Ding wie dir? Bestimmt hast du schon einen Freund, nicht wahr?“

„Nein...eigentlich momentan nicht.“

„Beim Abendessen musst du mir unbedingt von ihm erzählen.“

Schon ließ sie mich wieder los und schritt zurück in den Saal.

„Ich habe doch gerade gesagt, dass...“, brach ich ab, um sie nicht zurückzulotsen.

Ich überprüfte meine Schulterpartie und entfernte mich schnellstmöglich von Rezeption und Essenssaal.

 

Es dämmerte. Das Meer rund um uns herum erstrahlte in roten Tönen und stieß sanft gegen den Rumpf des Schiffes. Ich beobachtete die Wellen eine Weile. Am Horizont war nichts zu entdecken außer der Endlosigkeit, die sich immer weiter auszudehnen schien. Nirgendwo ein Stück Land. Lediglich ein paar Möwen zeigten mir, dass wir nicht ganz von der Außenwelt abgeschottet waren. Irgendwo musste also doch eine Insel liegen. Ich ging einmal auf dem Deck entlang und ließ meinen Blick kreisen, doch sehen konnte ich in der Ferne nichts außer Salzwasser. Langsam leerte sich die oberste Etage, denn das Abendessen würde bereits angerichtet sein. Nur ein alter Herr schlief seelenruhig auf einer der Liegen und ein einsames Paar stand an der Reling und schaute verträumt hinaus in den Himmel. Ich ging zum vordersten Teil des Schiffes, doch man durfte zu meinem Ärgernis nicht ganz an die Spitze. Es war offenbar zu gefährlich. Plötzlich trat ich auf einen harten Gegenstand und ging einen Schritt zurück. Ich beugte mich hinab und betrachtete das Etwas genauer. Es waren mehrere kleine Angelhaken. Weiter vorne konnte man noch größere finden, erkannte ich. Als ob irgendjemand auf einem Kreuzdampfer auf die Idee kommen würde, angeln zu gehen. Ich wollte den Haken gerade wieder zu den anderen legen, als mich jemand von hinten ansprach: „Man muss damit nicht unbedingt Fische fangen.“

Ich schrak herum und entdeckte Ben, der schließlich näher kam. Er trug wieder seine Uniform und hielt eine Zigarette locker zwischen den Fingern.

„Was meinst du?“

Er schüttelte nur den Kopf und warf die Kippe lässig über Bord. Jetzt stand er direkt vor mir und schaute auf mich hinunter. Seine Augen schienen mich beinahe zu durchdringen. Ich konnte mich nicht mehr aus seinem Bann befreien. Ein Rumpeln hinter uns ließ ihn zurückweichen. Der Alte hatte sich schwerfällig von seiner Liege erhoben und verließ das Deck wie auch das jüngere Pärchen, welches sich eng umschlungen aneinander klammerte. Er kratzte sich einmal am Hinterkopf und verabschiedete sich von mir.

„Ich muss leider zurück an meinen Platz. Deine Großmutter wird sicher schon warten.“

Er schenkte mir ein letztes Lächeln und schon war er wieder fort. Ich blieb wie angewurzelt dort, wo ich war und wagte es nicht einmal zu atmen. So ein schneller Puls war mir fremd. Ich erkannte mich selbst nicht wieder.

Was hatte ich denn erwartet und was hatte ich mir eigentlich gewünscht?

Ein Klimpern in einer Nähe erschreckte mich zutiefst. Niemand außer mir war zu sehen. Das Geräusch war aus einer dunklen Ecke in Nähe der Treppe gekommen. Sollte ich einfach bleiben oder besser gehen? Mir war das Ganze unheimlich. Ich fasste meinen Mut und rief: „Wer auch immer da ist, soll sich zeigen!“

Keine Antwort und auch kein Rascheln oder Klingeln mehr. Nur die Musik aus dem großen Saal drang zu mir herauf.

Meine Großmutter wusste, dass mit mir alles stimmte, auch wenn ich nicht dabeisaß. Ich hatte ihr gesagt, es ginge mir nicht so gut und ich wolle den Abend lieber in unserer Kabine oder auf dem Deck verbringen. Zudem konnte ich Gloria Peckleburn nicht ertragen, was ich aber besser verschwieg. Das war auch der eigentliche Grund gewesen, mich vorerst nicht bei ihnen aufzuhalten.

Ein weiteres Klimpern ließ mich zusammenzucken.

„Jetzt reicht es aber!“, rief ich wütend und wollte meine Angst damit überspielen. „Raus mit Ihnen! Ich hasse Spielchen dieser Art!“ Tatsächlich trat eine Person aus dem Dunkel. In der Hand hielt sie zwei Angelhaken, die sie gegeneinander schlug. Das war also das merkwürdige Geräusch gewesen. Die großen dunklen Augen des Mädchens schauten mich voller Angst an. Sie war etwas kleiner als ich und ein paar Jahre jünger. „Du?“, kam es verwundert aus meinem Mund. Als sie zusammenschrak und sich panisch umschaute, sagte ich hastig: „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich bin völlig harmlos. Warum rennst du immer weg?“ Sie schien sich zu beruhigen und trat einen Schritt auf mich zu. Dann blieb sie erneut wie angewurzelt stehen. Offensichtlich war ich ihr immer noch nicht ganz geheuer. „Wer bist du?“, versuchte ich ein Gespräch in Gang zu bringen.

Sie antwortete nicht sofort, sondern schien stark zu überlegen. Auf ihrer Stirn entstanden kleine Falten vom krampfhaften Nachdenken und sie klapperte immer noch mit den beiden Haken gegeneinander. Auf mich wirkte diese Szene etwas skurril. Ihre braunen Haare wirbelten wild im Wind umher, doch sie schien diese gar nicht zu beachten, sondern hatte nur Augen für mich. Ihre Lippen bewegten sich leicht. Ich wartete ihre Worte geduldig ab.

„Du...du...bist neu, was?“

Ihre Stimme war so leise wie ein Hauchen und ich musste mich anstrengen, sie zu verstehen.

„Was meinst du mit neu?“, hakte ich vorsichtig nach und ging langsam auf sie zu.

Sie bewegte sich fortan rückwärts, bemerkte ich und blieb schnellstmöglich stehen.

„Du bist also neu hier.“

Ich nickte.

„Kann schon sein. Wer bist du und was machst du alleine auf dem Deck?“

„Du bist doch auch hier ohne Begleiter. Weswegen sollte ich dann einen haben?“

Ihre frechen Antworten gefielen mir.

„Zumindest sind wir ja schon zu zweit“, erwiderte ich freundlich lächelnd und kam näher.

Dieses Mal wich sie nicht zurück, sondern blieb an Ort und Stelle.

Sie war ungewöhnlich zierlich, fand ich. Ein hageres Mädchen mit beinahe schon eingefallenem Gesicht, aber nicht direkt krank wirkend. Die großen Augen beobachteten jeden meiner Schritte.

„Wie alt bist du?“, wollte sie wissen.

„17. Und du?“

„13.“

„Das dachte ich mir.“

„Wieso? Kannst du hellsehen? Niemand errät mein Alter richtig. Sie halten mich alle für jünger.“

„Ich habe vor ein paar Tagen versucht dein Alter zu schätzen. Dabei kam etwas um 13 oder 14 heraus.“

„Ich mag dich“, sagte sie zu meiner Überraschung. „Schreibst du mir deinen Namen auf?“

„Warum kann ich ihn dir nicht einfach sagen?“, stellte ich verwundert die Frage.

Ihr Verhalten war seltsam, aber nicht gruselig. Sie hatte etwas Geheimnisvolles an sich.

„Schreibst du ihn mir hier auf? Ich lasse die Leute immer ihre Namen schreiben. Das ist so eine...eine Eigenart von mir, sagt Grandpa.“

„Grandpa? Du bist mit deinem Großvater hier?“

Sie trat ganz ins Licht und suchte etwas in der Seitentasche ihrer dunklen Wolljacke. Ansonsten war sie mit Jeans bekleidet und unter der Jacke lugte ein dünnes gelbes T-Shirt hervor.

„Wo sind deine Schuhe?“, merkte ich an, nachdem ich ihre nackten dreckigen Füße entdeckt hatte.

„Hier“, sagte sie nur und reichte mir einen Kugelschreiber sowie ein zerknittertes Stück Papier. Es war aus einem Block herausgerissen worden. Ich beließ es bei den offenen Fragen und suchte mir eine Unterlage zum Schreiben. Danach reichte ich ihr den Zettel wieder. Sie nahm ihn mit zitternden Händen entgegen und las meinen Namen langsam vor sich hin. „Spricht man das Französisch?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ganz normal Englisch.“

Sie steckte ihn zurück in ihre Tasche.

„Meine Grandma sagt immer, wenn man den Namen seines Gegenübers kennt, weiß man schon fast, wie seine Seele aussieht. Denkst du genauso?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Da hat sie vielleicht gar nicht so Unrecht. Wie heißt du?“

„Alex.“

„Alex?“

„Eigentlich Alexandra, aber ich mag den Namen nicht.“

„Warum? Er ist nicht schlimmer als andere.“

„Aber auch nicht schöner.“

Ich konnte mich immer wieder nur über dieses Mädchen wundern. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, band sie sich ihre wilde Mähne zu einem Zopf zusammen.

„Was hast du denn mit deiner Hose gemacht?“

Ich zeigte auf die dunklen Flecke an der Seite der Jeans.

„Das ist Öl oder so.“

„Öl?“

Wie zuvor kam statt einer Antwort nur eine weitere Gegenfrage.

„Willst du mit mir Fangen spielen?“

„Fangen? Wie kommst du gerade darauf?“

„Es macht Spaß. Erst recht auf so einem großen Schiff. Oder Verstecken. Wie wäre es damit? Ich beginne. Du musst bis zehn zählen.“ Und schon rannte sie davon, wobei sie die Angelhaken mit lautem Gepolter auf den Boden warf. „Aber nicht schummeln!“, hörte ich Alex noch rufen, ehe sie unter Deck verschwand.

„Sehr seltsames Mädchen“, murmelte ich und begab mich in ihre Richtung. „Ist 13 Jahre alt und liebt Kleinkinderspiele.“

Ich war mir sicher, dass sie keine geistige Behinderung besaß und erlaubte mir nur deshalb diese Überlegungen. Sie schien dagegen flink und pfiffig zu sein, nur einfach etwas kindisch. Ich seufzte einmal, da ich solche Spiele immer schon verabscheut hatte und folgte ihr die Treppe hinunter. An der Rezeption konnte ich sie nicht finden und fragte eine Frau nach dem Mädchen. Sie hatte sie nach links laufen sehen. Schnell bedankte ich mich und begann tatsächlich zu rennen.

Auf irgendeine Weise wollte ich tatsächlich siegen. Es war wie ein Trieb, der mich führte und meine Beine bewegte. Ich musste sie finden, damit ich gewinnen konnte. Ich wusste, dass ich viel zu alt für so etwas war, aber wenn es ihr Spaß machte, dann wollte ich ihr diesen nicht verderben.

Ich traf auf eine weitere Treppe, die ich noch nie betreten hatte. Sie führte nach unten und ich konnte ihr Ende vor Dunkelheit nicht erkennen. Etwas tief in mir verriet, dass diese Räume das perfekte Versteck wären und so stieg ich vorsichtig die Stufen hinunter. Etwas polterte laut und ich schirmte meine Ohren ab. Dies schien der Maschinenraum zu sein. Weiter hinten brannte ein kleines Licht und ich erkannte große Kessel und viele Räder davor stehen, die sich ununterbrochen bewegten. Auf der anderen Seite stand ein Mann und überprüfte die Zahlen auf einem Bildschirm. Ich ging auf ihn zu.

„Entschuldigen Sie. Haben Sie ein Mädchen gesehen? Sie ist etwas jünger als ich und hat dunkle lange Haare.“

„Hier unten hat niemand etwas zu suchen außer den Mitarbeitern. Es könnte sonst gefährlich werden. Ich bitte Sie, sich wieder nach oben zu begeben, Miss. Hier war kein Mädchen außer Ihnen. Tut mir leid.“

Ich bedankte mich und wollte seinen Rat gerade befolgen, als mir etwas von der rechten Seite her ins Auge stach. Dann erkannte ich die Beine, die hinter einem der Kessel hervorschauten.

„Da bist du ja. Habe ich dich“, lachte ich und warf einen Blick hinter das Metall.

Ich schluckte einmal schwer und vergaß daraufhin zu atmen. Es war nicht Alex, sondern Gloria Peckleburn, die hinter dem Kessel an die Wand gelehnt saß. Die leeren Augen starrten mir entgegen und ihr teures Kostüm war über und über mit Blut getränkt. Der Mund der Frau war zu einem Schrei geöffnet und ihre sonst so gepflegten Haare lagen durcheinander geworfen um sie herum. Ich wollte einen Ton von mir geben, doch ich war zu geschockt von dem, was ich vor mir sah. Ich konnte mich nicht mehr rühren. Dann fiel mein Blick auf das Scheußlichste von alldem. Ich musste mich abwenden und würgte fortlaufend nur noch. Mein Magen überschlug sich beinahe und ich klammerte mich an das nächste Rohr, um nicht umzufallen, sollten meine Beine nachgeben. Doch die Übelkeit ließ nicht nach. Ich kniff die Augen zusammen und wollte das letzte Bild wieder vergessen, doch es hatte sich längst in mein Gehirn gefressen.

Die Frau war tot, wusste ich. Niemand konnte Gloria mehr helfen. Denn ihr Hals war von einem riesigen Haken durchbohrt worden.

Die Botschaft

Mit Scheinwerfern wurde die Leiche der Frau bestrahlt und untersucht. Es gab einen Schiffsarzt, der jedoch nur den Tod festzustellen hatte und keinerlei Beamten von der Polizei, auch unter den Gästen nicht. Der Kapitän verkündete, dass wir erst im Zielhafen einlaufen müssten, um Hilfe holen zu können, da eine Unterstützung der Küstenwache unmöglich erschien. Wir befanden uns mitten auf dem offenen Ozean. Es dauerte jedoch nicht so lange, wenn wir uns selbst auf unser Reiseziel zu bewegten. Einen Notruf über Funk hatte er bereits gesendet. Somit waren wir vorerst auf uns alleine gestellt. Meine Großmutter drückte mich an sich und strich mir beruhigend über den Kopf. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so etwas Schreckliches zu Gesicht bekommen. Der Schock saß immer noch tief. Ich würde wahrscheinlich diese Nacht nicht schlafen können. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht. Immer wieder würde mir Glorias Gesicht vor dem inneren Auge erscheinen. Ihre ausdruckslosen Augen und das viele Blut auf ihrem kalten Körper. Der Kapitän wandte sich von der Toten ab und kam auf mich zu.

„Wissen Sie, zu wem sie gehörte und wer sie war?“

Ich nicke angestrengt und begann ungewollt zu zittern.

„Ihr Name war Gloria Peckleburn. Wir haben sie vor einigen Tagen hier an Bord kennen gelernt“, erklärte meine Großmutter schnell, um mich zu entlasten. „Ansonsten wussten wir nichts über sie. Ich spielte manchmal Karten mit ihr.“

„Vielen Dank. Gibt es Angehörige hier an Bord?“

„Das wissen wir nicht.“

„Ich danke Ihnen nochmals. Wie heißen Sie? Ich bin Kapitän Bulgard.“

Er schüttelte unsere Hände.

„Alice...Alice Barell“, antwortete ich hackend.

„Und ich bin Joana Wallace.“

„Bitte halten Sie sich für weitere Fragen bereit. Ansonsten möchte ich, dass Sie das hier so gut es geht verdrängen und Ihre weitere Reise genießen.“

„Wir werden es versuchen“, schwor meine Großmutter und wir entfernten uns endlich von diesem Ort.

Oben wurde mir bereits wärmer. Leute scharrten sich um uns und stellten Fragen über Fragen. Sie warfen neugierige Blicke hinab in das Loch, doch wurden Sie von Mitarbeitern des Schiffes zurückgehalten. Anscheinend hatte sich die Nachricht von Glorias Tod schnell verbreitet. Der Kapitän kam uns plötzlich hinterher geeilt und bat uns, noch einmal zurückzukommen. Besonders mich musterte er dabei sehr ausführlich. Vielleicht dachte er, er könne schlau aus mir werden, wenn er mich lange genug betrachtete. Ich war immerhin die Finderin der Leiche und wusste möglicherweise noch einiges mehr. Doch das wollte ich gar nicht. Es war bereits jetzt alles viel zu schlimm für mich.

„Können Sie uns vielleicht sagen, was das dort bedeutet?“, fragte er und zeigte an den Wandbereich über Glorias Körper.

Ich konzentrierte mich und versuchte zu entziffern, was dort stand. Jemand hatte etwas mit dunkler Farbe an das Metall geschrieben, doch die Buchstaben waren zerflossen und unordentlich. Zu meinem Schreck erkannte ich, dass die Schrift aus Blut bestand. Glorias Blut. Ich stieß einen leisen Schrei aus und schlug die Hände entsetzt vor den Mund. Wer konnte so abartig veranlagt sein, eine Frau zu ermorden und dann mit ihrem Blut eine Nachricht zu hinterlassen?

„Wir konnten es mittlerweile lesen, aber werden nicht ganz schlau aus diesem Satz“, erläuterte der bärtige, groß gewachsene Mann in Uniform.

„Was steht dort?“, wollte ich wissen.

„Ich hoffe, ihr werdet es mir danken. Belinda.“

„Belinda? Wer ist das?“

„Das wissen wir nicht“, erwiderte er niedergeschlagen. „Ich hatte gehofft, dass Sie beide uns da weiterhelfen könnten. Wir wissen auch nicht, wer hier wem und wozu dankt.“

„Für den Mord soll gedankt werden“, erkannte Joana schnell. „Aber wer tut so etwas nur? Das ist ja schrecklich!“

„Wir werden Sie beide auf dem Laufenden halten“, versprach er. „Könnten Sie, Miss Alice, mir aber vielleicht noch erzählen, warum Sie hier unten waren und was Sie beobachteten?“

Ich schluckte nochmals schwer und fing mich wieder. Vor meinen Augen drehte sich alles.

„Ich...ich folgte diesem...diesem Mädchen. Wir spielten Verstecken oder Fangen, das weiß ich nicht mehr so genau.“

„Welches Mädchen meinen Sie?“

Ich dachte nach.

„Alexandra, sagte sie mir. Sie ist 13 Jahre alt und wollte mit mir spielen. Als ich sie nicht mehr gefunden habe, ging ich hier herunter. Aber der Arbeiter hatte sie auch nicht gesehen, weswegen ich wieder nach oben laufen wollte, um weiterzusuchen.“

„Haben Sie sie hier herein gehen sehen?“

„Nein.“

„Weswegen haben Sie dann gerade diesen Weg genommen?“

Ich bekam Kopfschmerzen von seinen Fragen und stützte mich gegen die Schulter meiner Großmutter.

„Jetzt reicht es aber!“, rief diese wütend aus. „Sie tun fast so, als sei meine Alice eine Mörderin oder Verdächtige! Es ist doch wohl schon schlimm genug für sie!“

„Bitte verstehen Sie das nicht falsch“, wehrte er überrascht ab. „Ich wollte nicht unhöflich sein. Leider ist hier ein Mord geschehen und ich muss alles wissen, damit ich es nachher der Polizei berichten kann. Der Mörder muss einen gewissen Grad an Kraft besessen haben, um ihr den...den Haken in den Hals zu rammen, und ich vermute nicht im Geringsten, dass Sie diesen aufbringen können. Es war wahrscheinlich ein ausgewachsener Mann, aber das ist nur eine Vermutung.“

„Wir können alles genauso gut selbst der Polizei nochmals nach.

„Ich dachte, dass sich dieser Raum als Versteck bestens eignete und bin deswegen hier unten entlanggegangen. Allerdings war sie dann doch nicht hier.“

„Verstehe. Können Sie mir das Mädchen beschreiben?“

„Wieso ist das so wichtig?“

„Vielleicht hat sie etwas gesehen. Die meisten anderen waren zu dieser Zeit nämlich mit ihrem Essen beschäftigt.“

„Klein, dünn und dunkle lange Haare“, beschrieb ich sie. „Große ebenfalls dunkle Augen. Sie sieht wahrscheinlich jünger aus als sie ist.“

„Merkwürdig. An dieses Mädchen kann ich mich gar nicht erinnern. Aber das kommt auf so einem Dampfer schon mal vor. Ich werde Sie vorerst nicht mehr belästigen, bitte Sie aber darum, die Nachricht über den Mord nicht auszuweiten.“

„Das ist leider bereits geschehen, vermute ich“, erklärte meine Großmutter und zeigte ihm die Massen, die sich um den Treppenansatz herum scharrten.

 

Ich legte mich auf das Bett und konnte meine Gedanken nicht auf etwas anderes konzentrieren. Mein Atem ging immer noch stockend und Joana verabreichte mir zwei Schlaftabletten, damit ich endlich zur Ruhe kommen konnte. Danach verließ sie die Kabine, um mir Zeit für mich zu lassen. Sie wusste immer, was das Beste für mich war.

Belinda, dachte ich. Wer bist du und warum schickst du uns diese Nachricht?

Tatsächlich schlossen sich meine Augen daraufhin wie von selbst und ich fiel hinein in einen unruhigen, nervenaufreibenden Traum.

 

- Ende der Leseprobe -

 

Als eBook erhältlich:

http://www.neobooks.com/werk/26033-dietanic.html

http://www.amazon.de/Dietanic-ebook/dp/B00FJM3CNG/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1381132137&sr=1-4

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Hörbuch

Über den Autor

MagicMarlene
Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren und besuchte bis 2011 das Gymnasium der Katholischen Schule Salvator.
Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten, weshalb sie sich in ihren Büchern vor allem dem Krimi-Genre annimmt.
Nach dem Abitur arbeitete sie als Kauffrau im Einzelhandel und veröffentlichte zunächst mehrere kurze Kriminalgeschichten.
Ab 2012 machte sie eine Ausbildung zur Medientechnologin Druck und arbeitet seitdem in diesem Beruf.
2014 erschien schließlich ihr Debütroman, der Thriller ?Tod der Angst?, beim Jerry Media Verlag, den sie im Zuge der Leipziger Buchmesse 2014 im sogenannten ?Krimikeller? des Leipziger Central Kabaretts vorstellen durfte.
?Seefeldt & Wolf ? Tödlicher Hass? ist der erste Fall für den Berliner Kommissar Alois Seefeldt und die Rechtsmedizinerin Faraya Wolf als Ermittlerteam. Das eBook erschien 2017 als Sommerkrimi-Exklusivausgabe bei Thalia.

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MagicMarlene Re: -
Zitat: (Original von Stefanremo am 06.10.2013 - 00:29 Uhr) Hy,
Deine ,,Dietantic" find ich echt klasse die ganze Story und auch die Umgebung mit dem Schiff wo man sich ja nicht so aus dem Weg gehen kann, und so. Find ich echt. Super.
Also wenn es dieses Buch zu kaufen gäbe-> ich würde es kaufen :) LG
Stefan


Vielen Dank! ;)
Gibt es als eBook für 0,99 Euro zu kaufen:
http://www.neobooks.com/werk/26033-dietanic.html
Vor langer Zeit - Antworten
Stefanremo Hy,
Deine ,,Dietantic" find ich echt klasse die ganze Story und auch die Umgebung mit dem Schiff wo man sich ja nicht so aus dem Weg gehen kann, und so. Find ich echt. Super.
Also wenn es dieses Buch zu kaufen gäbe-> ich würde es kaufen :)

LG
Stefan
Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: -
Zitat: (Original von KatharinaK am 05.10.2013 - 10:54 Uhr) "Ja, das ist eher so ein Psychoroman oder sowas. xD
Die Ideen kamen auch eher von Freunden, das ist weniger meine Geschichte. Deswegen mag ich dieses Buch auch nicht so sehr wie andere. "

Diese Aussage von der Autorin selbst - grenzwertig, finde ich. Außerdem zu Unrecht. Diese Geschichte ist wahrlich nicht dazu geeignet, weniger gemocht zu werden. Beim Reinlesen war ich versucht, es gleich ganz zu lesen - somit ein Kriterium für Leser einfangen erfüllt.

Ich werde diese Leseprobe sicher ganz lesen, ob dann Lust auf mehr da ist, wir werden sehen.

Einstweilen liebe Grüße aus Ungarn,

Katharina


Danke, liebe Katharina! =)
Ist aber schon etwas her, dass ich das gesagt habe, oder? ;)
Ich musste auch erst etwas sicherer werden, aber die Zeit hat dies bereits zu einem großen Teil geschafft.
Ich freue mich über deinen Kommentar und hoffe, dass dir die Story auch weiterhin gefallen wird.

Viele Grüße aus Berlin
~ Marlene
Vor langer Zeit - Antworten
KatharinaK "Ja, das ist eher so ein Psychoroman oder sowas. xD
Die Ideen kamen auch eher von Freunden, das ist weniger meine Geschichte. Deswegen mag ich dieses Buch auch nicht so sehr wie andere. "

Diese Aussage von der Autorin selbst - grenzwertig, finde ich. Außerdem zu Unrecht. Diese Geschichte ist wahrlich nicht dazu geeignet, weniger gemocht zu werden. Beim Reinlesen war ich versucht, es gleich ganz zu lesen - somit ein Kriterium für Leser einfangen erfüllt.

Ich werde diese Leseprobe sicher ganz lesen, ob dann Lust auf mehr da ist, wir werden sehen.

Einstweilen liebe Grüße aus Ungarn,

Katharina
Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: Sprachlos -
Zitat: (Original von Gast am 14.07.2013 - 23:11 Uhr) Ich weiß nicht, was ich sag... schreiben soll. Das ist einfach... verdam*mt gut. Ich würde 'Dietanic' jederzeit weiterempfehlen.
Glg Tigerin


WoW!!! Das freut mich! =D
Vielen Dank, Tigerin! =)
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Sprachlos - Ich weiß nicht, was ich sag... schreiben soll. Das ist einfach... verdam*mt gut. Ich würde 'Dietanic' jederzeit weiterempfehlen.
Glg Tigerin
Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: -
Zitat: (Original von naemi am 04.12.2010 - 23:40 Uhr) Also ich muss sagen es gefällt mir wirklich gut! Auch wenn ich erst die ersten paar Seiten gelesen habe. Aber ich nehme mir aufjedenfall noch Zeit um den Rest zu lesen! :)

grüße nae



Danke, so etwas freut mich immer zu lesen... ;)
Vor langer Zeit - Antworten
naemi Also ich muss sagen es gefällt mir wirklich gut! Auch wenn ich erst die ersten paar Seiten gelesen habe. Aber ich nehme mir aufjedenfall noch Zeit um den Rest zu lesen! :)

grüße nae

Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: -
Zitat: (Original von Taarah am 27.11.2010 - 10:41 Uhr) Ich bin noch nicht ganz durch, aber es scheint mir, das hier ist kein hundertprozentiger Krimi ;) Ich hab jetzt nicht die ganzen Kommentare gelesen, aber ich nehme mal an, dass das auch schon andere bemerkt haben ;)

Was mich erstmal überrascht hat, ist der Titel. Ich habe den vorher nämlich ganz anders gelesen.
Di - e - ta - nic in Silben geschrieben. Und dann dachte ich mir: "Häh? Wasn los??!" Bis mir aufgefallen ist, dass das "die" vom englischen "sterben" kommt. Ich bin doch voll doof lol

Ich lese jetzt noch zu Ende, ansonsten bemängel ich nix. (Wäre ich dein Korrekturleser, hätte ich sicherlich schon was verbesserungswürdiges gefunden lol)

Einen schönen Samstag!!!

Taarah~~


Ja, das ist eher so ein Psychoroman oder sowas. xD
Die Ideen kamen auch eher von Freunden, das ist weniger meine Geschichte. Deswegen mag ich dieses Buch auch nicht so sehr wie andere. =P

Danke. =)

~ Maggy XXX
Vor langer Zeit - Antworten
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