Kurzgeschichte
Regenbogen

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"Regenbogen"
Veröffentlicht am 21. Februar 2010, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Regenbogen

Regenbogen

Beschreibung

Hm, vielleicht wie ich es erlebt habe, aber noch immer nicht soweit bin. - Für Caro -

Regenbogen

Regentropfen fallen wie ein schwerer Vorhang vom Himmel, lassen mich die Welt vor meinem Fenster durch einen durchsichtigen Schleier wahrnehmen. Sammeln sich an den Fensterscheiben, die schon von langer Zeit das letzte Mal geputzt worden waren, und bahnen sich wie kleine Flüsse den Weg hinab. Braune Pfützen bilden sich auf der Straße und auf den Gehwegen, die menschenleer scheinen. Alles wirkt trist und grau. Trostlos. Das Wetter scheint meine Stimmung, meine Seele widerzuspiegeln.

Du kannst mich nicht die ganze Zeit ignorieren, das weißt du auch!“

Genervt rolle ich mit den Augen. In den letzten Tagen hatte ich auf viele Arten versucht die Stimme zum Schweigen zu bringen. Inzwischen ist es schon so weit, dass ich mir wie ein kleines Kind die Ohren zuhalten und laut „Nanana“ singen möchte. Einfach nur, damit ich sie nicht hören muss, damit sie endlich ihre verdammte Klappe hält! Aber sie sitzt mir im Nacken, hat sich an mir fest gesaugt wie eine Zecke und verspritzt fortwährend ihr Gift. War es möglich ihr einen Maulkorb zu verpassen?

Irgendwann musst du dich mit mir auseinander setzen. Nur weil du im Moment keine Lust dazu hast, heißt es noch lange nicht, dass dir das auch gut tut!“

Diese Stimme ist wie ein Bohren in meinem Gehirn, laut und paranoid. Ich bekomme Kopfschmerzen, massiere meine Schläfen und starre weiterhin aus dem Fenster. Wenn ich sie weiter ignoriere gibt sie vielleicht irgendwann auf. Ich weiß, dass sie es nicht tun wird, aber ich habe immer noch Hoffnung. Hoffnung, dass sie endlich Ruhe gibt. Natürlich ist mir bewusst, dass ich mich ihr früher oder später stellen muss. Aber ich habe keine Lust, keine Kraft und wenn es nach mir geht, wird es eher später als früher stattfinden. Es ist immer noch meine Entscheidung und ich werde nicht nachgeben. Nein, das werde ich nicht!

Möchtest du mich vielleicht mal ansehen oder weiter aus dem Fenster starren? Da draußen ist nichts, was dir weiterhelfen kann! Aber ich kann es schon, also rede mit mir!“

Sie wird immer drängender, fängt sogar langsam an, mich in die Enge zu treiben. Trotzdem sehe ich aus dem Fenster, als würde dort draußen die Antwort liegen, die ich hier drinnen nicht finden kann. Als könnte mir das leise Murmeln des Regens den nächsten Schritt offenbaren. Aber ich bin immer noch ratlos, will ihr immer noch nicht zuhören. Kann sie nicht einfach verschwinden?

Ich gehe nicht weg. Ich bleibe genau hier sitzen und du kannst so lange dem Regen zuschauen wie du willst, aber ich werde trotzdem hier bleiben.“

Allmählich wird es mir zu viel und ich will sie endlich zum Schweigen bringen. Wie soll ich nach einer Lösung suchen, wenn mir ständig jemand im Genick sitzt. Will sie das einfach nicht verstehen?

Sei doch nicht so stur! Du weißt ganz genau, dass du mit mir reden musst, wenn du eine Antwort finden willst!“

Kannst du nicht einfach die Klappe halten? Ich will dir nicht zuhören!“, fahre ich sie an und hoffe inständig, dass sie darauf hören wird. Doch es ist umsonst.

Ha! Also hörst du mir doch zu!“, triumphiert sie. „Wenn du mich jetzt endlich ansehen würdest, könnten wir uns um das Problem kümmern oder meinst du, es verschwindet von selbst?“

Ich würde mir wünschen, du würdest von selbst verschwinden“, knurre ich und lehne meinen Kopf gegen das kühle Glas. „Könntest du mir nicht den Gefallen tun?“

Auch durch deine blöden Witze kannst du mich nicht vertreiben.“ Langsam wird sie penetrant und ihre Stimme nimmt einen euphorischen Klang an. Meint sie etwa, ich würde einknicken? „Du tust dir nur selbst weh. Außerdem hab ich keine Lust mehr, ständig in dieses widerliche Wetter hinaus zu starren. Können wir nicht endlich wieder mal an die frische Luft?“

Geh du doch.“ Soll sie doch in den Regen, wenn sie unbedingt darauf besteht. Ich halte sie gewiss nicht auf.

So schnell wirst du mich nicht los, Fräulein. Schau mich endlich an, vielleicht scheint dann da draußen wieder mal die Sonne. Herrgottnochmal, du bist doch kein kleines Kind!“

Sie wird wütend, ich jedoch auch. Gegen mich kann sie nicht gewinnen. Oder vielleicht umgekehrt?

Kannst du nicht einfach verschwinden? Bitte!“ Ich wechsle meine Taktik, bitte sie, flehe sie beinahe an. „Bitte, lass mich einfach nur allein.“

Schau mich an, rede ein bisschen mit mir und dann bin ich sofort weg.“

Habe ich möglicherweise gar keine andere Möglichkeit? Muss ich mit ihr reden, damit sie endlich die Klappe hält und verschwindet? „Versprichst du mir, dass du gehst?“

Natürlich, ich gebe keine leeren Versprechungen. Aber ich kann nicht sagen, ob ich nicht bald wieder auftauchen werde!“

Erschöpft beobachte ich noch immer, wie die schweren Tropfen auf die Erde fallen, sie in ein tristes Meer aus Grautönen verwandelt, in dem nur einzelne Farbtupfer eine Abwechslung bieten. Wenn die Welt dort draußen schon so anstrengend ist, warum kann sie mich hier drin dann nicht einfach in Ruhe lassen?

Trotzdem drehe ich mich langsam um, noch nicht auf das gefasst, was mich gleich erwarten wird. Ich bin noch immer nicht gewillt, mich damit auseinander zu setzen, doch ich habe keine andere Wahl.

Dann endlich sehe ich sie an, sehe mich selbst an.

Siehst du, so schwer war das doch gar nicht, oder?“ Ihr Mund, der eigentlich mein Mund ist, verzieht sich zu einem Lächeln. „Schau mich nicht so belämmert an, dir ist dabei doch kein Zacken aus der Krone gebrochen!“

Am liebsten würde ich mich wieder umdrehen, weglaufen so schnell und so weit ich kann. Ich will mich nicht ansehen, ich will nicht sehen, wie ich bin. Ich will mich nicht mit mir selbst auseinander setzten, ich bin einfach zu müde.

Schau mich nicht so an!“, schimpft sie. „Jetzt kannst du auch wieder aus dem Fenster starren, vielleicht fällt es dir dann leichter mit mir zu reden!“

Erleichtert drehe ich mich um, erleichtert sie so schnell zum Schweigen gebracht zu haben. Sehe hinaus in den Regen, sehe ihn jedoch nicht. Denn was meinen Blick auf sich zieht ist nicht trist, nicht grau, nicht trostlos. Es ist ein Regenbogen. Sehr schwach, kaum zu sehen, doch er ist trotzdem da. Seine feinen Farben durchbrechen den grauen Vorhang der Welt dort draußen. Vielleicht, ganz vielleicht gibt er mir sogar ein gutes Gefühl.

Siehst du?“, fängt sie hinter mir wieder das plappern an. „Wo ein Regenbogen ist, muss auch die Sonne sein. Du hast sie nur noch nicht gefunden.“

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Robin

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Robin Re: Ich stimme -
Zitat: (Original von Luzifer am 22.02.2010 - 21:18 Uhr) PhanThomas zu. Das war ja nun der letzte Text (außer der Reihe), den ich noch nicht hatte und mir macht es Freude deine Spiele mit den Gefühlen zu lesen.
Hier würde ich mir wünschen, dass es Schizophrenie wäre, aber es ist dann doch wohl mehr der innere Kampf mit sich selbst, den man täglich aufs neue austrägt. Die eine Seite will einfach nur ruhe und frieden in einer eintönigen und gleichbleibenden Umgebung, während die andere dazu drängt das Schöne zu entdecken und die Risiken, die damit verbunden sein könnten. Auch was einen selbst angeht.
Super :)

LG
Luzifer


Okay, jetzt bin ich ganz still, damit du auch schon weiterspinnen kannst. Vielleicht ist es Schizophrenie, vielleicht auch nicht. Ähem, das bleibt ganz dir überlassen. Ich geb ja nur zu gerne Denkanstöße *lach*
Und deine Kommentare freuen mich doch immer wieder aufs neue :-) Da bringst du mich immer zum Strahlen ;-)

Liebe Grüße
Lisa
Vor langer Zeit - Antworten
Luzifer Ich stimme - PhanThomas zu. Das war ja nun der letzte Text (außer der Reihe), den ich noch nicht hatte und mir macht es Freude deine Spiele mit den Gefühlen zu lesen.
Hier würde ich mir wünschen, dass es Schizophrenie wäre, aber es ist dann doch wohl mehr der innere Kampf mit sich selbst, den man täglich aufs neue austrägt. Die eine Seite will einfach nur ruhe und frieden in einer eintönigen und gleichbleibenden Umgebung, während die andere dazu drängt das Schöne zu entdecken und die Risiken, die damit verbunden sein könnten. Auch was einen selbst angeht.
Super :)

LG
Luzifer
Vor langer Zeit - Antworten
Robin Re: Deine kurzen Gedankenspielereien... -
Zitat: (Original von PhanThomas am 21.02.2010 - 22:20 Uhr) ... faszinieren mich immer wieder. Texte über Selbstzweifel, Ängste, die Flucht vor den eigenen Gedanken - daraus könntest du irgendwann mal ein kleines Büchlein machen. Dass du ohnehin eine tolle Schreibe hast, muss ich ja nicht erst betonen. :-) Klasse Story mit wundervoller Bildsymbolik!

Liebe Grüße
Thomas


Wow... also das weiß ich im ersten Moment gar nicht, was ich darauf antworten soll. Ähem, danke :-)
Ich hab mich glaub ich noch nie so sehr über einen Kommentar gefreut. Das versüßt mir gleich den Tag, der bis jetzt nicht so der Bringer war ;-)

Liebe Grüße
Lisa
Vor langer Zeit - Antworten
PhanThomas Deine kurzen Gedankenspielereien... - ... faszinieren mich immer wieder. Texte über Selbstzweifel, Ängste, die Flucht vor den eigenen Gedanken - daraus könntest du irgendwann mal ein kleines Büchlein machen. Dass du ohnehin eine tolle Schreibe hast, muss ich ja nicht erst betonen. :-) Klasse Story mit wundervoller Bildsymbolik!

Liebe Grüße
Thomas
Vor langer Zeit - Antworten
Markus Re: Re: Schöne Bilder -
Zitat: (Original von Robin am 21.02.2010 - 19:25 Uhr)
Zitat: (Original von marc50 am 21.02.2010 - 19:24 Uhr) sind beim Lesen aufgetaucht
lg
markus


Lieber Markus,
ich danke dir herzlich für dein Kommentar. Schön, dass ich es geschafft habe, Bilder auftauchen zu lassen.

Liebe Grüße
Lisa

Ich spaziere gerne durch Galerien und freue mich, wenn die Farbe der Bilder die Sonnenstrahlen aufnehmen können.
lieben Gruß
markus
Vor langer Zeit - Antworten
Robin Re: Schöne Bilder -
Zitat: (Original von marc50 am 21.02.2010 - 19:24 Uhr) sind beim Lesen aufgetaucht
lg
markus


Lieber Markus,
ich danke dir herzlich für dein Kommentar. Schön, dass ich es geschafft habe, Bilder auftauchen zu lassen.

Liebe Grüße
Lisa
Vor langer Zeit - Antworten
Markus Schöne Bilder - sind beim Lesen aufgetaucht
lg
markus
Vor langer Zeit - Antworten
Robin Re: -
Zitat: (Original von WakingCloud am 21.02.2010 - 19:07 Uhr) Bei dem Schlusssatz musste ich an den Spruch denken:
Schatten die auf unser Leben fallen sind nur ein sicheres Zeichen dafür, dass es irgendwo Licht gibt, dass sich zu suchen lohnt.


Ein sehr schöner und vor allem wahrer Satz. Das sollten wir nicht vergessen, egal wie dunkel diese Schatten scheinen.
Danke für dein Kommentar :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Robin Re: Wunderschön! -
Zitat: (Original von TheCherrystick am 21.02.2010 - 15:49 Uhr) Mal wieder ein gelungenes Werk! :)

Besonders der Schlusssatz hat mir am besten gefallen! Der gibt einem irgendwie einen Funken Hoffnung, dass irgendwo da draußen am Ende jenes Regenbogens ein Topf mit Gold auf uns wartet. Oder besser gesagt ein Topf mit Wegen unsere Probleme zu lösen ~hehe~

Supi *Däumchen hoch*

Gaaaanz liebe Grüße
Bianca



Hallöchen Bianca :-)
Danke, der hat mich ehrlich gesagt auch am meisten Zeit gekostet, weil ich ihn immer wieder umgeschrieben hab. Aber das soll es auch wirklich ausdrücken. Ob es das wirklich gibt, ist die andere Frage ;-)
Freut mich, dass du's gelesen hast :-)

Ganz herzlich liebe Grüße
Lisa
Vor langer Zeit - Antworten
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