Romane & Erzählungen
Der Schutzengel

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"Der Schutzengel"
Veröffentlicht am 31. Dezember 2009, 12 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

├ťber mich gibt es nicht viel zu schreiben. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Ich liebe das Leben und ganz besonders das Bereisen anderer L├Ąnder. Da ich nach dem Arbeitsleben als Jurist bereits seit 13 Jahren in Pension bin, habe ich daf├╝r auch viel Zeit.
Der Schutzengel

Der Schutzengel

Der Schutzengel

 

Obgleich ich noch keine vier Jahre war, kann ich mich noch gut daran erinnern, als mein Vater mit meiner Mutter, meiner 3 Jahre ├Ąlteren Schwester und mir aus Kassel┬á in sein Heimatdorf Ecklingerode bei Duderstadt fuhr. Die Kriegsereignisse wurden immer schlimmer, und er wollte uns an einen Ort bringen, der sicherer war als Kassel, das mit seiner Schwerindustrie ein potentielles Angriffsziel feindlicher Bomber war. Auch das Elternhaus meiner Mutter stand in Ecklingerode und wurde f├╝r meine Mutter und mich f├╝r etwa 2 Jahre das neue Zuhause. Meine Schwester wurde f├╝r diese Zeit im Elternhaus meines Vaters┬á einquartiert. Die H├Ąuser waren zwar nicht mehr als 500m voneinander entfernt, aber im Sprachgebrauch der Ortsans├Ąssigen lebten meine Mutter und ich nunmehr im Oberdorf, meine Schwester im Hinterdorf. Wenn ich die Augen zu mache, sehe ich noch alles genau vor mir. Mein neues Heim war ein altes zweist├Âckiges Haus, in dem eine knarrende Holztreppe in die oben befindlichen Schlafr├Ąume f├╝hrte. Im Erdgescho├č befand sich das Wohnzimmer, da├č man allerdings nicht betreten durfte. Es war, wie Gro├čmutter es nannte, ein Zimmer f├╝r ganz besondere Anl├Ąsse. Das Leben spielte sich daher fast ausschlie├člich in der K├╝che ab. Hier stand ein gro├čer Herd, der an kalten Tagen die K├╝che beheizte, auf dem aber auch die Mahlzeiten hergerichtet wurden, wenn es was Warmes zu Essen gab. Von dem heutigen Luxus, der uns in allen Bereichen umgibt, war man meilenweit entfernt. Selbst das elektrische Licht war relativ neu und meine Gro├čeltern waren stolz, wenn sie mit einer Drehbewegung des Schalters f├╝r Helligkeit sorgen konnten. Es war n├Ąmlich noch nicht lange her, da├č ├ľllampen und etwas sp├Ąter Petroleumlampen der Beleuchtung der R├Ąume dienten. An Waschmaschine, Sp├╝lmaschine und die vielen anderen elektrischen und elektronischen Ger├Ąte, die unser heutiges Leben so erleichtern, war damals nicht im Traum zu denken. Ein Telefon gab es nur beim B├╝rgermeisteramt, und das konnte nur in seltenen Notf├Ąllen benutzt werden. Auch f├╝r uns Kinder war das Leben ein ganz anderes als heute. Das Spielzeug war, wenn es welches gab, ├╝berwiegend selbstgebastelt. Beim Spielen mu├čte man noch die Phantasie walten lassen, um nicht lustlos und besch├Ąftigungslos in der Ecke zu sitzen. Aus meiner Erinnerung kann ich sagen, da├č es mir als Kind in dieser Zeit nie langweilig war, wenngleich meine Freizeitbesch├Ąftigungen ├Âfters nicht die Zustimmung meiner Mutter fanden. Wenn ich mit sauberer Kleidung in die Jauchengrube gefallen war oder wenn ich in der Tasche meiner frisch gewaschenen Sch├╝rze W├╝rmer sammelte, konnte ich nicht mit dem Wohlwollen meiner Mutter rechnen. Ich wei├č auch noch, wie ich mich freute, wenn der schon 10-j├Ąhrige Nachbarsjunge Gisbert auf unseren Hof kam. Er brachte dann stets einen Zweig frisch geschnittener Weide mit und bastelte mir daraus eine Pfeife, der man verschiedene T├Âne entlocken konnte. Die Jahre der Evakuierung auf dem Dorf waren f├╝r mich eigentlich eine sch├Âne Zeit, in der man nicht st├Ąndig merkte, da├č man sich in einem furchtbaren und blutigen Krieg befand. Ich kann mich lediglich erinnern, wie meine Mutter, Gro├čeltern und Nachbarn von dem roten Himmel in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober sprachen, als Kassel bombardiert wurde und ├╝ber 10.000 Menschen ihr Leben lassen mu├čten. Das Grauen dieser Bombennacht konnte man selbst in dem 100km von Kassel entfernten Ecklingerode anhand eines blutroten Streifens, der sich am Horizont abzeichnete, erahnen. Abgesehen davon lebten wir eigentlich ein normales Leben, ohne von dem Krieg allzuviel mitzukriegen. Zwar lief jeden Tag der Dorfschulze mit einer gro├čen Bimmel durch die Stra├čen des Ortes, hielt etwa alle 200m inne, lie├č seine Glocke erklingen, und wartete, bis die Einwohner auf der Stra├če oder vor ihren Haust├╝ren standen. Dann verk├╝ndete er mit gewaltiger Stimme die neuesten Ereignisse, um somit die Ortseinwohner auf dem Laufenden zu halten. Dies betraf aber weniger den Krieg, als normale interne Angelegenheiten des Ortes. Da├č sich Deutschland im Krieg befand bekam man hier in Ecklingerode erst so richtig etwa 2 Jahre sp├Ąter mit, als zun├Ąchst die Amerikaner und dann die Russen in das Dorf einmarschierten.

Doch nun zur├╝ck zu meinen Erinnerungen im Elternhaus meiner Mutter. Hier fand ich es ├Ąu├čerst unangenehm, wenn man als kleiner Junge die ├ľrtlichkeit aufsuchen mu├čte, denn diese befand sich au├čerhalb des Wohnhauses in einer angrenzenden Scheune. Von der Scheune abgeteilt gab es ein kleines Kab├╝ffchen. Von au├čen konnte die T├╝r ├╝ber einen Sperrriegel ge├Âffnet und einmal drinnen mit einem Hakenverschlu├č wieder versperrt werden. Nun sah man ein Bauwerk, das wie eine schwere ├╝berdimensionale Holzkiste aussah, deren Oberseite mit einem Loch versehen war. Schaute man in das Loch, konnte es einem wegen der Tiefe schwindlig werden und die Vorstellung, was sich alles auf dem Grund abgesetzt hatte, konnte einem auch keine Freude bereiten. Ich wei├č noch, wie ungern ich insbesondere des Nachts diese ├ľrtlichkeit aufsuchte. F├╝r das kleine Gesch├Ąft brauchte man zwar das Schlafzimmer nicht zu verlassen, denn daf├╝r gab es die Bettvase, doch f├╝r das gro├če Gesch├Ąft gab es kein Pardon und man mu├čte den Weg zur Scheune in Angriff nehmen. Es steckt noch tief in meiner Erinnerung, wie ich bei der Aus├╝bung des Gesch├Ąftes auf dem Loch sa├č und mich mit beiden H├Ąnden krampfhaft am Rand festhielt. Das Loch war so gro├č, da├č mein kleiner K├Ârper spielend hindurch passte und der Gedanke daran, da├č ich durchrutschen k├Ânnte, lie├č sich nicht aus meinem Sinn vertreiben. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bei jeder Sitzung durch das Loch rutschen und in den F├Ąkalien versinken wie im Moor. Nach Beendigung der Sitzung mu├čte ich zur Endreinigung den Sitz verlassen und mich hinstellen, denn nur so bekam ich die H├Ąnde frei, die mich bislang vor dem Absturz bewahrt haben. Nun erst konnte ich von einem Haken ein St├╝ck Zeitungspapier l├Âsen, das nach dem Lesen nunmehr in kleine handliche St├╝cke geschnitten dem Zweck der K├Ârperhygiene zugef├╝hrt wurde. Allerdings mu├čte man das Papier zun├Ąchst vom Zustand der Starre befreien, indem man es zusammenkn├╝llte und alsdann durch Zwirbeln zwischen den H├Ąnden in einen Zustand versetzte, der es zulie├č, die Reinigung zu vollziehen, ohne sich dabei zu verletzen. Diese Prozedur des Stuhlgangs war so gr├Ą├člig, das ich abends, wenn wir alle gemeinsam zum Essen am Tisch sa├čen, meinen Appetit z├╝gelte, um die Darmt├Ątigkeit nicht noch mehr zu aktivieren. Ich wei├č noch, da├č ich beim Essen immer auf dem selben Stuhl sa├č. Mitten ├╝ber dem Tisch hing eine Lampe, an der immer ein mit Fliegenleim beschichteter Papierstreifen hing. Dieser war meistens ├╝bervoll mit festklebenden Fliegen, die zum Teil schon bewegungslos und tot waren, aber auch zum Teil noch lebhaft um ihr Leben k├Ąmpften. Ich emfand diese Art der Fliegent├Âtung immer als grausam, hatte aber Verst├Ąndnis daf├╝r, da├č man etwas gegen die Fliegenplage tun mu├čte. Ganz fest und unausl├Âschlich ist in meinem Ged├Ąchtnis geblieben, da├č ich von meinem Sitzplatz aus direkt auf ein wundersch├Ânes Bild blicken konnte, das an der Wand hing. Meine Mutter hatte es als 17-j├Ąhriges M├Ądchen gemalt. Es stellte einen tosendenWildbach dar, ├╝ber den ein schmaler Steg f├╝hrte. Mitten auf dem Steg stand ein kleiner Junge und hinter ihm ein Engel, der ihm die H├Ąnde auf die Schulter legte. Mich faszinierte das Bild, und ich wurde so sehr von Engel und Kind in Bann gezogen, da├č ich mich an meinen Gro├čvater wandte. „Sag mal Gro├čvater,“ h├Ârte ich mich sagen, „warum steht der Engel hinter dem kleinen Jungen?“┬á Gro├čvater schaute mich ernst an und erkl├Ąrte:“Das ist ein Schutzengel, der auf den kleinen Jungen aufpa├čt und daf├╝r sorgt, da├č er nicht auf dem schmalen Steg ausrutscht und in den sch├Ąumenden Wildbach st├╝rzt. Jeder Mensch hat einen Schutzengel, der einen durch das Leben begleitet, auch Du mein Kind.“ „Und warum kann ich meinen Schutzengel nicht sehen,“ bohrte ich nach. „Was w├╝rde das geben,wenn jeder seinen Schutzengel sehen k├Ânnte, nein mein Junge, der Engel ist daf├╝r da, Dich zu besch├╝tzen, aber er ist unsichtbar,“ entgegnete Gro├čvater. Ich gab mich mit dieser Antwort aber noch nicht zufrieden. „Woher wu├čte aber Mutti, als sie dieses Bild gemalt hat, wie ein Engel aussieht?“ Zun├Ąchst schien es, als wenn Gro├čvater auf diese Frage nicht antworten wollte, doch dann sprach er leise:“Es gibt nur ganz wenige Menschen, denen es verg├Ânnt ist ihren Schutzengel zu sehen. Nur wer anderen Gutes tut und wessen Lebenswandel aufrichtig und fromm ist, kann zu dieser Gnade kommen.“ Da es f├╝r mich nichts Wichtigeres gab, als meinen Schutzengel zu sehen, ├Ąnderte ich fortan mein gesamtes Verhalten. Meine wenigen Groschen, die ich aus meiner Sparb├╝chse herauspuhlte, warf ich am n├Ąchsten Sonntag beim Kirchenbesuch in den Klingelbeutel. Dem Gottesdienst versuchte ich fromm und konzentriert zu folgen und auch die Kirchenlieder sang ich lauter als sonst ├╝blich mit. Zuhause holte ich jeden Morgen in kleinen Eimern und mehreren Wegen das Pumpenwasser und sch├╝ttelte es in ein in der K├╝che daf├╝r bereitstehendes Gef├Ą├č. Ich achtete darauf, da├č meine Kleidung beim Spielen nicht beschmutzt wurde, und wenn meine Mutter oder meine Gro├čeltern etwas von mir wollten, gehorchte ich aufs Wort. Ab und zu drehte ich heimlich den Kopf und schaute hinter mich, in der Erwartung, meinen Schutzengel zu erblicken. Doch mein neues Verhalten den anderen gegen├╝ber schien noch nicht gefruchtet zu haben. Mit der Zeit wird es schon klappen, dachte ich, und fuhr fort, ein gutes und anst├Ąndiges Kind zu sein. Abens im Bett legte ich mich fortan auf die Seite, weil ich Angst hatte, einen in Entstehung befindlichen Engel zu zerdr├╝cken oder in seinem Wachstum zu st├Âren. Morgens wenn ich aufstand, guckte ich verstohlen in den gro├čen Wandspiegel und hoffte auf eine Begegnung mit dem Engel. Aber alles Hoffen war vergeblich. Schlie├člich erkannte ich die Aussichtslosigkeit meiner Bem├╝hungen und lie├č fortan die strengen Regeln, die ich an mein Verhalten gestellt hatte, wieder etwas schleifen. So wurde ich ├Ąlter und reifte heran, ohne jemals meinen Schutzengel gesehen zu haben.

 

Doch auch heute noch, wo ich erwachsen bin, glaube ich an meinen Schutzengel. Er macht sich bemerkbar in der Form der „Inneren Stimme“ und ist bei kritischen Situationen des Lebens zugegen. So vergesse ich beispielsweise nicht, als meine Frau und ich ein neu gekauftes Auto auf der Autobahn einfuhren. Vor mir fuhr ein schwerer Lastkraftwagen mit Anh├Ąnger. Ich wollte gerade zur ├ťberholung ansetzen, als eine innere Stimme mir sagte,:“La├č das sein, Du hast doch Zeit.“ Ich unterlie├č meine Absicht und bremste ab. In diesem Augenblick platzte bei dem LKW ein Reifen, er kippte zur Seite und fiel in voller L├Ąnge auf die Seitenplanke. Es war gewi├č, h├Ątte ich den ├ťberholvorgang durchgef├╝hrt, w├Ąren wir von dem schweren Fahrzeug zerdr├╝ckt worden. Es mu├č also eine Warnung meines Schutzengels gewesen sein, die uns das Leben rettete. So gibt es viele Beispiele im Leben, wo man heikle Situationen ├╝bersteht, indem man auf seine innere Stimme h├Ârt. Der Schutzengel ist allgegenw├Ąrtig, und ich sehe ihn nach einer gut ├╝berstandenen Notsituation vor meinem geistigen Auge in der Gestalt des Bildes, was meine Mutter als 17-j├Ąhriges M├Ądchen gemalt hatte, n├Ąmlich als Engel, der den kleinen Knaben sicher ├╝ber den schmalen Steg f├╝hrt.

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Mani
├ťber mich gibt es nicht viel zu schreiben. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Ich liebe das Leben und ganz besonders das Bereisen anderer L├Ąnder. Da ich nach dem Arbeitsleben als Jurist bereits seit 13 Jahren in Pension bin, habe ich daf├╝r auch viel Zeit.

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Hiob2punkt0 Ich bin davon überzeugt, das jeder einen Schutzengel hat und wir bestimmt schon mal einen begegnet sind ohne es in diesen Moment zu wissen. Super Geschichte.
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Sehr sch├Âne und ergreifende Geschichte
Vor langer Zeit - Antworten
Boris einen sch├Âne Geschichte - die mich an den Bauernhof meiner Gro├čeltern erinnert.

LG Boris
Vor langer Zeit - Antworten
Ryu1 Sehr sch├Ân - geschrieben. Deine Beschreibung des Bildes von dem Schutzengel -
meine Silvi kann sich an ein ├Ąhnliches erinnern, welches ihre Mutter in ihrem Zimmer h├Ąngen hatte.

Wirklich eine sehr sch├Âne Geschichte und ich glaube ebenfalls daran, das es Schutzengel gibt!

Frohes neues Jahr!
Ryu
Vor langer Zeit - Antworten
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