Fantasy & Horror
Sharp Claws - Das Vermächtnis der Fürstin (Probe)

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"Sharp Claws - Das Vermächtnis der Fürstin (Probe)"
Veröffentlicht am 24. Oktober 2009, 66 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren und besuchte bis 2011 das Gymnasium der Katholischen Schule Salvator. Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten, weshalb sie sich in ihren Büchern vor allem dem Krimi-Genre annimmt. Nach dem Abitur arbeitete sie als Kauffrau im Einzelhandel und veröffentlichte zunächst mehrere kurze Kriminalgeschichten. Ab 2012 machte sie eine Ausbildung zur ...
Sharp Claws - Das Vermächtnis der Fürstin (Probe)

Sharp Claws - Das Vermächtnis der Fürstin (Probe)

Beschreibung

- England im 19. Jahrhundert - Ein Todesfall ereignet sich in der Stadt und alles deutet auf einen Wolfsangriff hin. Der Polizist Barnes ist anderer Meinung. Miller, sein Kollege, weist jegliche Zweifel zurück, muss aber bald darauf einsehen, dass die Legende vom Werwolf der Wahrheit entsprechen könnte. Doch was hat das blutige Verbrechen mit der Fürstin, die einst in der Stadt lebte, und ihren Schätzen zu tun? Die beiden kommen einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur und schon bald beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. ~ Für Franz ~

Prolog

- Achtung! Es handelt sich hierbei lediglich um eine aus fünf Kapiteln bestehende Leseprobe. -

 

Es ist Vollmond. Hell schimmert er auf ihn hinunter. Er hebt sein Haupt und der Schein spiegelt sich in seinen Augen.
Große Augen.
Leuchtende Augen.
Böse Augen.
Die Dunkelheit verschluckt das Wesen.
Niemand kann es sehen.
Niemand kann es spüren.
Die Nacht. Seine Stunde ist gekommen. Langsam schleicht er voran, denn er kann sie bereits riechen. Ein merkwürdiger Duft, der seine Nase reizt. Der Speichel läuft ihm im Mund zusammen und gleich ist er bei ihr. Das Tier macht sich zum Absprung bereit, versteckt sich hinter einem Baum und geht in die Knie. Der Schnee dämmt jedes Geräusch.
Da ist sie.
Das Mädchen schwingt einen Korb neben sich her und scheint noch nicht zu ahnen, was sie erwartet. Er spannt seine Muskeln an und stützt sich auf die Hinterbeine. Die Krallen graben sich in die weiße, kalte Schicht unter ihm. Ein hungriges Knurren dringt aus seiner Kehle und er fletscht die langen Zähne. Sie hat ihn gehört und schaut sich erschrocken um. Es ist gefährlich, so lange noch außerhalb des Hauses zu bleiben.
Beinahe Mitternacht.
Dann ertönt die Turmuhr. Laut schallen ihre Schläge zu ihm hinüber. Sie geht weiter, dieses Mal schneller. Ihr Kleid raschelt leise über den Boden und das lange Kopftuch der Frau flattert im Wind. Er kann nicht mehr länger warten.
Nun ist es soweit.
Die Glocke ruht wieder. Das Tier stößt sich lautlos ab und fliegt über sie hinweg. Sie bleibt stehen, verwundert über den plötzlichen Schatten. Er sieht das Gold an ihrem Hals, welches im Mondlicht glänzt.
Er braucht es.
Muss es einfach haben.
Es besitzen.
Nie mehr will er seine Augen davon abwenden. Seine hellen gelben Augen. Das Geschöpf landet vor ihren Füßen und schon schweigt sie.
Für immer.

Ein gewöhnlicher Tod

Jonathan Miller schlug die Augen auf. Er hatte wieder einmal schlecht geträumt, doch konnte er sich an keine Einzelheiten erinnern. Müde rieb er sich die Augen und rollte vom Bett. Das Holz unter seinen Füßen knarrte, als er darüber hinweg lief und sich im Spiegel, welcher an der Wand gegenüber hing, betrachtete. Seine Haare waren ungewaschen und durcheinander geraten. Auch einer Rasur müsste er sich dringend unterziehen.
Es roch streng. Mit gerümpfter Nase öffnete er das Fenster und atmete gierig die klirrend kalte Luft ein. Die ersten Sonnenstrahlen waren am Horizont zu sehen. Über Nacht war kein Neuschnee gefallen. Erleichtert über diese Tatsache, streifte er sich seinen verbeulten grauen Anzug und ein helles, mittlerweile sehr gebraucht aussehendes Tuch für den Hals über. Die alten schwarzen Stiefel hatten ebenfalls eine Aufarbeitung nötig. Aber was sollte man machen? Ohne Geld und mit einer andauernden Langeweile war das Leben nicht gerade vorteilhaft.
Er ließ seinen Blick ein letztes Mal über die Dächer des kleinen Dorfes schweifen. Dahinter erstreckte sich der Wald. Miller drang selten bis zu ihm vor. Warum auch? Diese Gegend war sehr gefährlich. Tagsüber lungerten Diebe und Scharlatane dort herum, nachts streiften Wölfe und Bären durch dieses Gebiet.
Wie angenehm still es doch war. Ohne den Trubel des Marktes und ohne schreiende Kinder. Doch sobald die Sonne ihr ganzes Antlitz preis gab, würden sich die Straßen füllen.
Miller seufzte und schloss das Fenster wieder. Dann nahm er seinen Hut in die Hand und säuberte ihn notdürftig mit einem ergrauten Lappen, der jedoch keine große Veränderung bewirkte. Den schwarzen Mantel übergestreift, öffnete er die Tür und wäre dabei fast mit einer breitschultrigen Person zusammengestoßen, die die Treppe hinaufgeeilt kam.
„Um Gottes Willen, Barnes!“, schimpfte Miller. „Was kann denn so dringend sein, dass es Sie mit solcher Eile in meine Gegend verschlägt?“
Anthony Barnes atmete schnell und schüttelte nur den Kopf. Miller ließ ihn notgedrungen ein und bot ihm ein kühles Glas Wasser an. Kurz darauf hörte der Mann auf zu hecheln und schluckte die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Er wischte sich mit seinem ausgefransten braunen Ärmel den Mund trocken. Miller beobachtete ihn währenddessen neugierig.
„Und?“, fragte er schließlich, denn seine Erwartungen waren gestiegen.
„Es wurde ein Mädchen gefunden, Sir“, antwortete der junge Polizist letztendlich.
„Und das ist so dringend?“, entgegnete Miller skeptisch. „Es werden jeden Tag Mädchen gefunden. Sie liegen alkoholisiert in vielen Ecken der Stadt und ich darf sie anschließend wieder einsammeln. Alles Huren oder alte Waschweiber, die sich ihren tristen Alltag verschönern wollten. Was ist daran so neu?“
„Das meine ich nicht“, erwiderte der Angesprochene aufgeregt und begann unruhig auf seinem Stuhl hin- und herzurutschen.
„Was dann? Hier passiert nie etwas Besonderes“, stellte Miller gelangweilt fest und wandte sich ab.
Daraufhin knüpfte er sich seine Schuhe unter dem Tisch zu.
„Sie ist ermordet worden“, beantwortete sein Kollege die Frage und er stieß sich vor Schreck den Kopf unter der Holzplatte.
Miller rieb sich seine schmerzende Schädeldecke und kam wieder zum Vorschein.
„Was sagen Sie da?“, fragte er ungläubig nach.
„Ein Mord, Sir. Das Mädchen wurde getötet.“
„Sind Sie sich sicher? Immerhin hatten wir nur selten so einen Fall. Hier gibt es doch immer nur Raub und Diebstahl.“
„Nach einem Raubmord sieht es im ersten Moment nicht aus, Sir.“
„Wie ist sie denn gestorben?“
Barnes schluckte schwer und beugte sich verschwörerisch nach vorne.
„Sie…sie wurde regelrecht zerfleischt“, flüsterte der Mann unheilvoll.
Miller weitete seine Augen verwundert. Dann lachte er.
„Ich finde das nicht besonders komisch“, entgegnete Barnes empört und verschränkte die Arme fest vor der Brust.
Der Andere verkniff sich das weitere Glucksen und räusperte sich.
„Und das nennen Sie einen Mord? Das war sicherlich ein Unfall.“
„Nein, Sir. Ich denke, dass es Mord war“, beharrte der Mann trotzig und zog eine Schnute. „Wie sollte sie durch einen Unfall so schlimm zugerichtet werden?“
„Das kann viele Gründe haben, mein lieber Barnes. Sie könnte in ein Mühlrad gekommen sein oder vielleicht unter einen Wagen oder…“, erklärte Miller, wurde jedoch unterbrochen.
„Man fand sie am Waldrand. Dort arbeitet niemand.“
„Na, dann ist die Sache so klar wie der hellste Sonnenschein. Die Wölfe waren es. Nachts ist es nicht sonderlich sicher in der Nähe des Waldes. Das sollten junge Mädchen eigentlich auch wissen. Apropos Sonnenschein. Sollten wir nicht langsam aufbrechen? Ich bekomme dank Ihnen sonst wieder höllischen Ärger.“
Barnes erschrak und sprang auf. Dann warf er einen Blick auf die Kirchturmuhr. Es war bereits neun. Hastig lief er durch das Zimmer. Miller öffnete gelassen die Tür und schritt voran, die steile, knarrende Treppe hinunter.
„Aber Sir…“, begann Barnes wieder und trippelte ihm wie ein treuer Hund hinterher.
„Achten Sie auf die vierte Stufe von unten, die ist locker.“
„Sir…“
„Verbrauchen Sie ihre Energie bitte nicht zum Reden, sondern konzentrieren Sie sich lieber aufs Gehen.“
„Sir! Ich…“
„Nicht jetzt, Barnes! Sie sehen doch, dass ich mich mental auf meinen Arbeitstag vorbereiten muss.“
Barnes wusste, dass sein Vorgesetzter seine Arbeit verabscheute. Der junge Mann lief ihm vor die Füße und versperrte den Weg. Miller seufzte.
„Nun gut. Sie haben gewonnen. Allerdings müssen Sie uns eine Kutsche spendieren. Ich mag es nicht, zu spät zu kommen.“
„Hören Sie. Es ist Winter.“
„Das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen“, erwiderte Miller ironisch und verdrehte die Augen.
„Es ist nachgewiesen, dass sich die Wölfe in unseren Wäldern während des Winters in ihre Höhlen zurückziehen. Sie treiben ihre Rudel tiefer in den Wald hinein. Warum sollten sie plötzlich zurückkehren und Jagd auf Menschen machen, obwohl sie genug Hasen und Rehe erbeuten können?“
„Das können sie gar nicht. Vielleicht vereinzelte Tiere, aber genügend Beute bleibt ihnen im Winter da draußen sicher nicht. Immerhin ziehen sich Rehe, Hasen und Füchse genauso zurück. Außerdem gestalten Wölfe ihren Tag auch nicht immer so, wie man es von ihnen erwartet. Wir wissen, dass sie sehr aggressiv sind. Warum also kein Wolfsangriff?“
„Aber…“, setzte Barnes an.
Miller brachte ihn mit einer abweisenden Handbewegung zum Schweigen. Wutschnaubend hielt der Mann vor ihm eine leere Kutsche an und sie stiegen ein. Die Polizisten brauchten länger als gedacht, da die Räder häufig im Schnee stecken blieben.
„Wir sollen direkt zum Tatort kommen.“
„Wer sagt das?“
„Der Chef natürlich“, erwiderte Barnes streng. „Oder wollen Sie sich ihm widersetzen?“
Verträumt schaute Miller in die Landschaft hinaus. Weiße Flächen zogen bereits seit einiger Zeit an ihnen vorbei. Ab und zu konnte man ein Haus in der Ferne erkennen. Sie hatten das Dorf schließlich hinter sich gelassen und fuhren eine Viertelstunde lang durch den Schnee. Jegliche Bäume und Felder lagen unter einer dicken weißen Schicht begraben. Es begann wieder zu schneien und Miller versuchte sich einen Moment lang auszuruhen. Plötzlich spürte er einen Ruck und erwachte. Sie waren endlich angekommen, woraufhin sich der Mann nach dem Aussteigen ausgiebig streckte. Er hatte letzte Nacht nicht gut geschlafen, da ihn schon seit mehreren Wochen Albträume plagten. Leider konnte er sich nie an deren Inhalt erinnern.
Zu ihrer Linken lag die Waldgrenze. Er richtete seine Augen wieder nach vorne und entdecke eine Schar Menschen, die sich um etwas versammelten. Eilig lief er darauf zu und scheuchte die Leute weiter. Einige seiner Kollegen waren bereits anwesend. Miller verzog angeekelt das Gesicht, als er herausfand, was auf dem blutbefleckten Boden vor ihm lag. Es war eine junge Frau. Sie war furchtbar entstellt, doch man konnte erkennen, dass es einmal ein Mensch gewesen sein musste. Ihre Kehle wies tiefe Bisswunden auf und ihre Augen waren vor Schock weit geöffnet. Als hätte sie dem Tod selbst gegenüber gestanden. Ihre Hände waren zerkratzt und mit Blut überströmt. Der Schnee sog die dunkle Flüssigkeit auf wie ein Schwamm. Miller beugte sich zu der Leiche und schloss ihr sanft die Augen. Dann begutachtete er sie genauer. In ihrem Bauch klaffte ein riesiges Loch. Teile der Innereien lagen um sie verstreut, der Rest fehlte. Barnes trat neben ihn.
„Und, Sir?“
„Was wollen Sie hören, Barnes? Ich denke immer noch, dass es Wölfe waren.“
Dann richtete er sich wieder auf und schaute sich um.
„Wo ist der zuständige Arzt?“, wollte er wissen.
„Der steht da hinten“, antwortete Barnes und zeigte mit seinem vor Kälte zitternden Finger auf eine Person, die an einem der Bäume lehnte und etwas in ein flaches schwarzes Buch schrieb.
„Danke, Barnes.“
Er ging auf den Mann zu und beobachtete ihn in diesem Zusammenhang genauer. Miller hatte die Angewohnheit, sich erst ein Bild von einer Person zu machen, bevor er den Kontakt mir dieser aufnahm. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.
Er war etwa in seinem Alter, mit grauem Haaransatz und einem langen hellen Wintermantel. Ärzte verdienten sicherlich mehr als die Polizei. Miller hauchte ein weiteres Mal in seine Hände und wärmte sich auf diese Weise ein wenig. Er hatte nicht das Geld für Handschuhe, so wie der Herr welche trug. Der Polizist nahm höflich seinen Hut vom Kopf und räusperte sich. Überrascht blickte der Andere von seinen Notizen auf und lächelte, bevor er die dünne Brille auf seiner Nase richtete.
„Guten Tag. Ich bin Doktor Green. Sie müssen Mr. Miller sein, habe ich recht?“, begrüßte er den Polizisten und reichte ihm freundlich die Hand.
Der Angesprochene nickte kurz.
„Haben Sie die Leiche inzwischen untersucht?“
„Sagen Sie besser, das, was von ihr noch übrig ist“, murmelte Green niedergeschlagen und blätterte in seinem Buch. „Eine schreckliche Tat.“
„Tat?“, hakte Miller interessiert nach. „Denken Sie nicht, dass es ein Rudel Wölfe gewesen ist?“
Green schüttelte den Kopf.
„Wölfe halten sich um diese Jahreszeit nicht hier auf. Und die Bissgröße stimmt nicht überein. Es muss ein deutlich größeres Tier gewesen sein.“
„Vielleicht ein Bär?“
„Nein, auch das kann man ausschließen. Unsere Bären hier sind scheu. Sie würden sich niemals in die Nähe eines Menschen wagen, geschweige denn, ihn angreifen. Es muss etwas anderes dahinter stecken.“
„Aber wir können doch etwas Menschliches mit Sicherheit ausschließen.“
„Das denke ich auch“, erwiderte der Arzt und schlug grübelnd etwas in seinem Buch nach. „Meiner Meinung nach muss der Angreifer riesig gewesen sein. Sein Gebiss hatte die dreifache Größe eines normalen Wolfgebisses und doch erkennt man Ähnlichkeiten. Daraus schließe ich, dass es sich um einen Verwandten handelt. Wir haben etwas tiefer im Wald Spuren gefunden. Allerdings keine Abdrücke in der Nähe des armen Mädchens. Ich denke ebenfalls, dass es nicht die Spuren des Angreifers sind. Sie wären zu klein. Alles ist noch ein wenig unklar. Ich werde Ihnen meine Berichte schicken, sobald ich diese beendet habe.“
Miller bedankte sich höflich und schritt zu Barnes hinüber, der die Fotografen positionierte. Er nahm ihn beim Arm und erzählte ihm alles, was Green gesagt hatte.
„Und? Denken Sie immer noch an einen Mord?“, fragte er seinen Kollegen provozierend, doch dieser ließ sich nicht einschüchtern.
„Kennen Sie denn nicht die Geschichten?“
„Was für Geschichten?“, hakte Miller nach und wurde hellhörig.
„Es kursierten Geschichten über ein schreckliches Wesen. Immer, wenn der Vollmond am Himmel aufging, kam es aus seinem Versteck und holte sich die Seelen der Einwohner. Er war weder Tier noch Mensch. Ein furchteinflößendes Monster, das durch die Wälder streifte und seine Opfer tötete, ohne dabei einen Laut von dich zu geben“, erzählte Barnes raunend.
„Vollmond? Tier und Mensch in Einem? Sprechen Sie vom Werwolf?“
Miller lachte laut auf.
„Das ist doch nicht Ihr werter Ernst, Barnes.“
„Aber wer soll es sonst gewesen sein?“
„Der Werwolf ist, falls er überhaupt existierte, längst ausgestorben. Diese Geschichten sind hunderte von Jahren alt.“
„Sie wissen doch, dass der Biss eines Werwolfs das Opfer ebenfalls in einen verwandelt. Warum sollte dieses Wesen also nicht mehr existieren? Irgendwo da draußen lauert er vielleicht schon auf den nächsten Ungläubigen.“
„Wollen Sie mir Angst einjagen?“
Er grinste überheblich.
„Ich glaube daran. Egal, was Sie sagen“, erwiderte sein Gegenüber gekränkt.
Miller ging an ihm vorbei und schaute sich den Tatort noch einmal an. Die Fotografen hatten ihre Arbeit beendet, nahmen die unhandlichen Gerätschaften und verabschiedeten sich. Keinerlei tierische Spuren weit und breit. Dabei war in dieser Nacht kein neuer Schnee gefallen. Aber wäre ein wildes Tier in der Lage, schlau genug zu sein, die eigenen Spuren zu verwischen? Sie verschwinden zu lassen? Miller bezweifelte dies.
Ihm sprang nichts Auffälliges mehr ins Auge und so erklärte er Barnes, dass er sich ein wenig bei der naheliegenden Bevölkerung umhorchen wolle. Vielleicht hatte man den Schrei des Mädchens gehört oder etwas beobachtet. Er bezahlte die Kutsche mit Barnes’ Geld und machte sich auf den Weg in Richtung Dorf. Als die ersten Häuser zu sehen waren, bog er ab und klopfte energisch an die Türen. Niemand öffnete. Erst am letzten Haus stand eine kleine gebrechliche Frau vor ihm. Ihr Gesicht war eingefallen und erinnerte den Polizisten ungewollt an Pergamentpapier. Die tiefen Falten zeugten von schwerer Arbeit und einem Lebensweg voller langer Winter.
„Sie müssen entschuldigen, Sir, aber die Leute sind heute alle beim Angeln.“
„Angeln? Um diese Jahreszeit?“, hakte er verwundert nach.
„Ja, sie schlagen einfach ein Loch in die Eisdecke, haben aber selten Erfolg. Bitte treten Sie doch näher“, bot sie an und machte platz.
„Nur keine Umstände. Ich möchte bloß ein paar Fragen stellen“, erklärte Miller so nett es ging. „Ich bin nämlich von der örtlichen Polizei.“
„Oh!“, schrie sie auf und sah ihm mit großen blassgrauen Augen entgegen. „Es geht sicherlich um das arme Mädchen da draußen. Ich habe sie gefunden. Das war der größte Schock meines Lebens. Ich wollte heute Morgen lediglich Brennholz sammeln. Dann habe ich sie entdeckt. Ein schreckliches Wesen muss das getan haben“, jammerte sie und schlug die Hände vors Gesicht.
„Wissen Sie, ob jemand aus ihrem Dorf vielleicht einen Schrei hörte oder etwas Seltsames beobachtete?“
„Ich selbst lag die gesamte Nacht lang wach. Wenn also jemand etwas gehört haben müsste, dann ich. Meine Ohren sind das Einzige, worauf ich mich noch verlassen kann.“
„Aber hat jemand etwas gesehen? Ein Tier vielleicht oder einen Menschen, der sich drüben am Wald aufhielt?“
„Nein, nicht, dass ich wüsste. Hier wird alles immer sofort weitergetratscht. Ich hätte es sicherlich erfahren.“
„Also nichts Verdächtiges“, stellte Miller fest, wobei er eher zu sich selbst sprach.
„Nein, es tut mir leid, mein Guter. Ich hätte den Schrei gehört. Aber meiner Meinung nach gab es keinen.“
„Waren Sie auch bestimmt die gesamte Nacht lang wach?“
„Ja, es war Vollmond, wissen Sie? Ich kann dann immer nicht so gut einschlafen.“
Miller stutzte.
Vollmond, wiederholte er in Gedanken. Vollmond.

Gefährliche Träume

„Sehen Sie es nun ein?“, rief Barnes und sprang auf.
Hinter ihm rumpelte es laut.
„Das hat noch lange nichts zu bedeuten. Bitte beruhigen Sie sich wieder und heben Sie Ihren verdammten Stuhl auf“, entgegnete Miller brüsk und trank einen Schluck aus seinem Becher.
Er verzog das Gesicht. Der Rum war auch nicht mehr das, was er mal war. Barnes setzte sich und kaute nervös auf seiner Unterlippe herum. Miller stöhnte leise. In seinen Augen war sein Kollege ein Volltrottel.
„Ich sehe die Worte regelrecht aus Ihrem Kopf herauswachsen. Also, warum sagen Sie nicht alles, was Sie zu sagen haben, und lassen mich dann endlich in Ruhe dieses abscheuliche Getränk hinunterwürgen?“
„Aber ist Ihnen denn immer noch nicht klar, was das heißt? Es war Vollmond. Werwölfe werden nur zu Wölfen, wenn der Mond…“
„Ich weiß, Barnes. Ich kenne die Geschichten genauso gut wie Sie, glaube aber trotzdem nicht daran.“
„Wieso denn nicht?“, fragte der Mann aufgebracht.
„Genauso wenig glaube ich an Vampire und Geister. Es gibt einfach Dinge, die ich mir nicht vorstellen kann und deren Existenz man mir erst beweisen muss.“
„Ehren Sie etwa nicht unsere Toten?“
Barnes war sichtlich geschockt. Miller verdrehte bloß die Augen.
„Das meinte ich nicht. Ich ehre sie genauso wie der sture Polizist mir gegenüber.“ Sein Kollege verzog das Gesicht und verschränkte die Arme, wie er es gerne tat, sollte er auf eine Wand aus Worten treffen. „Erst, wenn man mir einen lebendigen oder toten Werwolf präsentiert, sehe ich ein, dass ich einen Fehler begangen habe. Vorher nicht“, schloss Miller und trank den Rest aus seinem Zinnbecher.
„Wie wäre es denn, wenn Sie ab und an ein Glas Wasser oder einen gut bekömmlichen Tee zu sich nehmen würden anstatt des ganzen Alkohols?“
„Woher wissen Sie davon?“
Barnes grinste breit. Etwas Verwegenes blitzte in seinen Augen auf. Dahinter musste sich eine Idee verborgen halten, die Miller gar nicht gefallen würde. Das wusste er nur zu gut.
„Ich kann den Alkohol deutlich aus Ihrem Mund riechen. Zudem verziehen Sie bei jedem neuen Schluck das Gesicht qualvoll. Ich nehme an, dass es sich nicht um den Rum handelt, den Sie bestellt haben, sondern um etwas anderes. Möglicherweise Gin?“
Miller schaute verwundert von Barnes zu seinem Becher und zurück. Entsetzt weitete er die Augen, als er verstand. Dann rief er die Bedienung zu ihrem Tisch und hielt eine anklagende Rede über den Unterschied von alkoholischen Getränken und die Folgen, die es für jemanden haben könne, sollte man sie vertauschen. Barnes wusste zwar, dass dadurch keinerlei Nebenwirkungen auftraten, wagte es jedoch nicht, zu widersprechen.
Jonathan Miller war eine merkwürdige Natur. Ein vereinsamter, schlaksiger Herr, dessen schwarze Haare mittlerweile graue Streifen aufwiesen. Leichte Falten zeichneten sich um seine Mundwinkel und auf der Stirn ab und er wirkte alles in allem sehr traurig. Außerdem lebte er trotz seiner Arbeit völlig verarmt in einer kleinen heruntergekommenen Behausung, die es nicht wert war, als Wohnung bezeichnet zu werden. Barnes schrieb das dem vielen Alkohol zu. Er fragte sich häufig, ob Frauen im Leben seines Vorgesetzten eine Rolle gespielt hatten. Von einer wusste Barnes, aber das war schon lange her. Danach war nicht mehr viel passiert.
Das junge Mädchen entschuldigte sich ein paar Mal und senkte ihr Haupt niedergeschlagen. Dann ging sie trostlos zurück zur Theke und goss Miller einen Krug Rum ein. Sie war sehr hübsch, bemerkte Barnes voller Interesse. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden und kunstvoll nach oben gesteckt. Ihre großen braunen Augen vermittelten den Eindruck von Wärme, bemerkte er, als sie an ihren Tisch zurückkam und das Getränk hart auf diesen stellte. Sie schenkte Miller einen kühlen Blick und verschwand wieder. Die Frau trug eine blaue Schürze, die einen wundervollen Kontrast mit ihrem schlichten weißen Kleid darunter bildete. Ihre Taille wurde perfekt betont und brachte seinen Körper in Wallung. Barnes war sofort angetan. Ganz im Gegenteil zu seinem Gegenüber. Miller schaute bloß in seinen Krug und nahm einen tiefen Schluck, als hätte er vergessen, wie gut Rum doch schmecken konnte. Seine Gesichtszüge entspannten sich zunehmend.
„So nett und ansehnlich. Eine wirkliche Augenweide“, schwärmte Barnes lauthals und konnte seinen Blick nicht von der schlanken Frau lassen, die gerade dabei war, die nicht besetzten Tische zu reinigen.
„Ja, da haben Sie allerdings mal recht.“
Verwundert sah er zu Miller, doch dieser hatte nur Augen für das Getränk vor sich.
„Ich spreche nicht von Ihrem Rum, Sie Banause!“, schimpfte er und sein Vorgesetzter schaute endlich auf. „Ich rede von dieser wunderschönen Frau dort“, sprach er etwas leiser und zu Miller gewandt weiter. Dieser zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „Ist sie nicht eine Göttin in Gestalt eines Menschen?“, himmelte Barnes.
Miller setzte einen gelangweilten Gesichtsausdruck auf und trank das Letzte, was sein Krug zu bieten hatte, in einem Zug aus.
„Ich würde sie eher als kleine ungezogene Göre bezeichnen, die nicht einmal weiß, was der Unterschied zwischen Rum und anderem ist.“
„Das wissen Sie doch genauso wenig. Sonst hätten Sie ja früher bemerkt, dass es kein Rum war. Leider schütten Sie alles Ihren verdammten Rachen hinunter“, zischte Barnes wütend dazwischen und fing sich einen giftigen Blick ein.
„Lassen Sie das meine Sorge sein. Und falls Sie vorhatten, mich mit einer Frau zu verkuppeln, dann muss ich Ihnen leider sagen, dass ich kein Interesse habe.“
Barnes schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Sie sind so eingestaubt wie meine Großmutter. Gott habe sie selig. Besitzen Sie denn gar keine Gefühle?“
„Ich kann es mir nicht leisten, Gefühle zu zeigen. Kommen Sie. Mir wird die Luft hier zu stickig.“
Mit diesen Worten nahm er Mantel und Hut und warf lieblos einige Geldstücke auf den Holztisch neben sich. Barnes seufzte und erhob sich ebenfalls. Dann grüßte er die Dame im Vorbeigehen freundlich. Miller folgte ihm und Barnes bildete sich ein, dass die Augen des Mannes kurze Zeit verträumt auf der Frau ruhten, die ihm mit Absicht abweisend den Rücken zuwandte und weiter die Tische säuberte. Er musste bei diesem Anblick ungewollt lächeln.

 

„Schlagen Sie sich diese Werwolfgeschichte endgültig aus dem Kopf“, entschied Miller und versuchte, Barnes ein weiteres Mal von seiner Vorstellung abzubringen.
„Aber es könnte doch theoretisch sein, dass...“
„Nein, könnte es nicht!“
Die beiden gingen schnellen Schrittes eine windige, schneebedeckte Straße entlang. Gelegentlich fuhr eine Kutsche vorbei, doch Miller hatte kein Geld mehr, um sich mitnehmen zu lassen.
„Aber, wenn ich es Ihnen doch sage.“
„Ich möchte in meiner Gegenwart nichts mehr davon hören, verstanden?“
Barnes nickte niedergeschmettert und verstummte. Schweigend liefen sie weiter. Miller schnürte seinen schwarzen Mantel enger und steckte die Hände wärmend in die Taschen. Seine Arme hielt er, vor Kälte zitternd, eng am Körper. Barnes ging es nicht anders. Ihr Lohn war nicht besser als der eines Bettlers. Wie sollten sie sich da bloß neue Kleidungsstücke, Schuhe oder endlich mal einen Barbierbesuch leisten können? Die Zeiten waren schlimm. Hungersnot und Verbrechen herrschten in der kleinen Stadt vor. Doch weder das eine noch das andere wusste man zu verhindern.
„Können Sie denn nicht einfach so tun, als würden Sie mir Glauben schenken und diese Vermutung in Ihre Ermittlungen einbeziehen?“
„Sie fangen ja schon wieder damit an“, ächzte Miller verausgabt.
„Außerdem habe ich Sie in der Hand.“
„Wie das?“, fragte er schneidend und blieb stehen.
„Sie haben während Ihrer Dienstzeit Alkohol getrunken. Das ist, wie Sie wissen, verboten. Sobald ich das unserem Chef erzähle, sitzen Sie sicherlich auf der Straße und ich werde endlich befördert.“
„Das würden Sie nicht wagen, Barnes“, knurrte Miller gefährlich.
„Sind Sie sich da so sicher?“
Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. Das war also die großartige Idee gewesen. Miller hatte es geahnt.
„Haben Sie nicht selbst getrunken?“
„Ja, allerdings bloß einen harmlosen Tee, so wie ich es Ihnen noch empfahl. Aber Sie wollten ja nicht auf mich hören.“
„Nun gut, ich werde darauf zurückkommen, sobald Sie mir einen weiteren Hinweis überbringen, dass es sich bei dem Mörder des Mädchens tatsächlich um die Gestalt aus einer Legende handelt.“
Das Lächeln verharrte in Barnes’ Gesicht und er wirkte auf einmal fröhlich und deutlich entspannter. Das konnte man von seinem Kollegen nicht behaupten. Griesgrämig ging er weiter und ließ den Mann frech lachend zurück. Dieser wusste, dass die Launen seines Vorgesetzten nicht von langer Dauer waren. Leider überwogen dabei meistens die schlechten.

 

Miller betrachtete sich skeptisch in dem schmutzigen Spiegel an der Zimmerwand. Das tat er nicht häufig. Er strich sein Haar zurück. Kein großer Unterschied. Wütend fuhr er mit seinen Fingern ein paar Mal hindurch. Immer noch kein Unterschied. Er schmiss seinen Mantel aufs Bett und wandte sich von seinem eigenen schrecklichen Anblick ab. Jetzt könnte er noch einen starken Rum vertragen. Seine Kehle war wie ausgetrocknet. Müde rieb er sich seine geröteten Augen und setzte sich auf den klapprigen Stuhl. Dann stützte er die Arme auf die Tischplatte vor sich, legte seine Stirn darauf und schlief wenig später erschöpft ein.

 

Schatten.
Sie umringen mich. Kommen immer näher.
Was wollen sie von mir?
Engen mich ein. Immer näher und näher.
Ich bekomme keine Luft. Näher. Immer näher.
Was wollen sie? Was habe ich ihnen getan?
Umschließen mich. Zerdrücken mich.
Immer noch keine Luft. Atemnot.
Ich bekomme Angst.
Dann sehe ich Blut. So viel Blut. Es fließt überall. Blut.
Der Tod. Er holt mich. Ich spüre ihn. Kann nicht mehr. Will aufgeben. Mich einfach treiben lassen.
Krallen. Böse, scharfe Krallen. Sie verletzen mich. Kratzen mir über die Haut.
Das Blut. So viel Blut.
Panik erfüllt mich.
Grausame leuchtende Augen. Sie durchbohren mich.
Was wollen sie nur?
Spitze Zähne.
Es verfolgt mich.
Schneller. Ich muss schneller sein. Ich kann nicht mehr.
Es will mich verletzen.
Quälen.
Töten...

 

Schweißgebadet erwachte Miller.
Wieder ein Albtraum.
Sein Herz schlug heftig von innen gegen den Brustkorb und er atmete keuchend. Erst nach einer Weile bemerkte er, dass er auf dem harten Holzboden lag. War er vom Stuhl gefallen?
Langsam richtete er sich auf und betastete seine heiße Stirn. Er fühlte etwas Klebriges daran. War es der viele Schweiß? Er stand auf, lief erneut zum Spiegel und betrachtete sich. Seine Stirn war rot verschmiert. Geschockt weitete er seine Augen und trat näher heran. Nein, es war keine Einbildung. Aber er konnte keine Wunden entdecken. Dann wanderte seine Aufmerksamkeit zu seiner Hand. Sie war ebenfalls rot und die Flüssigkeit tropfte auf den Boden unter ihm. Miller schluckte schwer, als er die Ursache für die starke Blutung entdeckte. Seinen gesamten Unterarm und einen Teil der Handfläche schmückte ein langer, tiefer Schnitt.

Neue Liebe, neues Glück

„Die Ermordete heißt Elizabeth Jones, 24 Jahre alt. Sie wohnte gleich in der Nähe des Waldes und war höchstwahrscheinlich auf dem Weg nach Hause, als sie angegriffen wurde“, fasste Barnes zusammen und las von einem fleckigen Papier ab. „Ihre einzigen noch lebenden Verwandten sind ihr Bruder und ihre Mutter, bei denen sie wohnte.“
„Gute Arbeit“, lobte ihn Miller.
Barnes blieb verwundert stehen. Er hatte das Gefühl, dass diese Aussage sogar ernst gemeint war. Miller drehte sich nach ihm um.
„Wo bleiben Sie denn? Ich muss doch noch etwas mit Ihnen erledigen.“
„Um was handelt es sich, Sir?“
„Ich werde Dr. Green zu der Leiche befragen, während Sie schon mal vorausgehen und uns etwas zu trinken besorgen.“
Barnes schüttelte energisch den Kopf.
„Oh nein, das mache ich nicht. Nicht wieder so viel Alkohol. Der bekommt Ihnen auf die Dauer garantiert nicht.“
„Wer sagt denn, dass ich Alkoholisches zu mir nehmen möchte?“, entgegnete Miller, dessen Mundwinkel zuckte, als wolle er lächeln.
Barnes wurde skeptisch. Da stimmte etwas ganz und gar nicht.
„Nun gut. Ich gehe. Erzählen Sie mir aber als Gegenleistung, was der Arzt zu dem Fall sagt.“
Er eilte voraus und verschwand hinter der nächsten Häuserecke. Miller atmete auf. Er hatte damit bloß beabsichtigt, dass er endlich alleine sein und nachdenken konnte. Der Mann fragte sich seit der Nacht, was es mit der großen Wunde in seinem Arm auf sich hatte. Wie war sie dort hingekommen? War er es womöglich selbst gewesen? Hatte er sich im Schlaf mit einem spitzen Gegenstand verletzt? Miller wusste es nicht und führte seinen Weg langsam fort. Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis die Blutung zu stoppen gewesen war und er sich notgedrungen selbst verarzten konnte. Was mögliche Krankheiten betraf, machte er sich keine großen Sorgen. Vielleicht war es ihm mit der Zeit auch einfach egal geworden.
Es schneite. Die weißen Flocken schmolzen auf seinen Schuhen und in Sekundenschnelle waren sie durchnässt. Er bog in eine andere Straße ein und beschleunigte seinen Gang. Der Mann wollte keine Zeit verschwenden.

 

„Sie ist durch einen Schnitt in ihre Kehle getötet worden. Wahrscheinlich hat sie nicht besonders viel gespürt. Danach hat man sie so zugerichtet“, erklärte Dr. Green und zeigte ihm die Stellen, von denen er sprach, jeweils an der Leiche, die vor ihnen auf einem länglichen Tisch lag.
„Schnitt? Sprechen wir hier immer noch von einem Tier?“, hakte der Polizist misstrauisch nach.
„Ich denke doch. Es hat sie wahrscheinlich zunächst mit seinen Krallen attackiert. Dabei entstand ein länglicher Schnitt wie von einem Messer.“
„Ein Zufall also?“
„Ich bezweifle, dass es auf ihren Hals zielte. Reiner Zufall, wenn Sie mich fragen. Danach hat es sich schließlich über den Kadaver hergemacht und nur noch wenig davon übrig gelassen. Leider.“
Miller schluckte heftig, wandte sich jedoch nicht ab. Er hatte sie bereits am Tatort gesehen. Warum sollte er sich plötzlich vor ihrem Anblick ekeln?
„Eine Sache ist mir noch aufgefallen“, sagte Green in diesem Augenblick und Miller spitzte aufmerksam die Ohren. „Sehen Sie das hier?“
Er zeigte auf etwas am hinteren Halsbereich der Toten.
„Sieht wie eine Abschürfung aus“, erkannte Miller und beugte sich etwas hinunter, um die Stelle besser betrachten zu können. „Die Wunde hat ein Muster“, erkannte er überrascht und untersuchte sie weiterhin mit seinen Augen. „Vielleicht von einer Kette?“
„Genau das habe ich auch gedacht, aber es wurde keine gefunden“, antwortete Green und bedeckte sie wieder mit dem weißen Tuch.
Dann wusch er sich seine Hände an einem modrigen Becken und trocknete sie ab.
„Können Sie sich einen Grund denken, warum sie fehlt, Doktor?“
„Vielleicht hat ein Dieb sie entdeckt und ihr die Kette vom Hals gerissen. Es gibt sehr viele Kleinkriminelle hier in dieser Stadt. Möglich wäre es auf alle Fälle. Ich bin mir nach vielen Untersuchungen jedoch vollkommen sicher, dass es sich um eine feste Goldkette handelte. Der Mensch, der sie ihr so brutal abnahm, muss deshalb viel Kraft besessen haben. Mehr kann ich im Moment leider nicht sagen.“
Miller bedankte sich und trat vor die Tür. Kalte Luft schlug ihm entgegen und er atmete tief durch. Noch länger hätte er es sicherlich nicht dort ausgehalten. Dann machte er sich auf den Weg zu ihrem Treffpunkt. Barnes würde bereits warten.
Wieso wurde als Erstes ihre Kehle attackiert? War es doch Mord? Habe ich mich geirrt?, überlegte er immer wieder krampfhaft. Aber Werwölfe? Dass ich nicht lache.

 

„Warum sollten ein oder mehrere Wölfe der Frau fein und säuberlich die Kehle durchschneiden und sie danach zerfetzen? Das ist sinnlos“, meinte Barnes, nachdem Miller ihm alles berichtet hatte.
„Das habe ich mir auch bereits gedacht. Ich glaube nun, dass es doch Mord war. Man hat sie zum Schweigen gebracht und ihr diese Kette abgenommen. Vielleicht war das sogar das Motiv. Danach hat man ihre Leiche zurückgelassen. Durch den Geruch des Blutes wurden die Wölfe angelockt, die den Rest erledigten.“
„Aber es könnte auch sein, dass…“, begann Barnes feierlich.
„Nein, es könnte nicht sein!“, unterbrach Miller ihn. „Es gibt keine Werwölfe und wird sie auch nie geben! Merken Sie sich das gefälligst!“
Er trank einen Schluck von seinem Tee.
„Gar nicht mal so übel. Daran kann man sich gewöhnen.“
Das war eine Lüge, aber er versuchte ein unbekümmertes Gesicht aufzusetzen.
Sie saßen an denselben Plätzen wie das letzte Mal. Es war eine gemütliche Nische aus dunklem Holz. Heute hatte die Dame des Wirtshauses nicht viel zu tun, saß gelangweilt am Fenster und schaute hinaus in den Schneesturm, der inzwischen die Runde machte. Im Kamin knisterte ein Feuer. Barnes bemerkte schnell, dass Miller gelegentlich verstohlen in ihre Richtung schaute, sobald sie an ihnen vorbeilief und den Blickkontakt mit ihm mied. Er musste sich ein Grinsen verkneifen. Miller zuckte merklich zusammen, als Barnes plötzlich nach der Hübschen rief, woraufhin sie zu ihnen geeilt kam.
„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“, fragte sie zuckersüß, doch Ihre Miene zerzog sich augenblicklich, als sie Miller aufs Neue bemerkte.
„Wie wäre es, wenn Sie sich zu uns setzen und ich Ihnen etwas spendiere?“, fragte Barnes freundlich und achtete nicht auf Millers entsetzten Gesichtsausdruck.
„Ich weiß nicht, ob das geht. Ich darf keine Pausen machen“, erwiderte sie ängstlich und schaute mehrere Male über ihre Schulter in Richtung Küche.
„Ich bin Polizist. Wenn es Ärger deswegen geben sollte, können Sie jederzeit zu mir kommen“, sagte er und zwinkerte ihr zu.
Sie überlegte kurz, dann nickte sie lächelnd und verschwand hinter einer Tür.
„Was tun Sie denn da?“, zischte Miller aufgebracht.
„Warum darf ich sie nicht einladen? Sie stellt auf jeden Fall eine bessere Gesellschaft dar als Sie.“
Miller lehnte sich wütend zurück und sagte nichts weiter. Nach einer Weile trat sie wieder durch die Tür und setzte sich neben Barnes, der ihr platz machte.
„Ich habe mit Charles gesprochen. und er hat ausnahmsweise Ja gesagt. Aber Sie dürfen mich bitte nicht lange von der Arbeit abhalten.“
„Was für ein Glück für mich“, erwiderte Barnes lachend und reichte ihr seinen Becher, an welchem sie ab und zu nippte.
Gelegentlich streifte ihr Blick den Millers und sie schauten beide schnell weg. Er wusste, dass sie immer noch sauer auf ihn war.
„Wer ist Charles? Ihr Gatte?“, fuhr Barnes das Gespräch fort und Miller verschluckte sich an seinem Tee.
„Nein, ich arbeite bloß für ihn. Ich bin nicht vermählt“, sagte sie wieder lächelnd.
„Verlobt?“
„Barnes“, murmelte Miller warnend, doch der Mann überhörte ihn gekonnt.
„Nein. Warum fragen Sie mich das alles? Spielt es für Ihre Ermittlungen eine Rolle?“, forschte sie vorsichtig nach.
„Nicht doch. Nur keine Sorge. Ich möchte einfach mehr über Sie erfahren. Und mein Kollege sicherlich auch. Stimmt es nicht, Miller?“, entgegnete Barnes und schaute vielsagend zu seinem Vorgesetzten hinüber.
Millers Hals wurde eng und er nickte angespannt, nicht imstande, etwas zu erwidern. Die Frau sah ihm zweifelnd entgegen. So ein Braun hatte Miller noch nie in seinem Leben gesehen. Ihre Augen flackerten im Schein des Feuers und er konnte seinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. Barnes beobachtete die beiden länger, dann stand er mit einem Ruck auf, entschuldigte sich und ging nach draußen.
„Aber Barnes, Sie können mich doch nicht…!“, rief Miller, aber er war bereits verschwunden.
Langsam setzte er sich wieder zurück auf die hölzerne Bank. Sein Herz raste. Sie lugte verwundert zu ihm hinüber. Er lächelte gequält. Die Frau schaute peinlich berührt zur Seite und fummelte an dem Stoff ihres Kleides herum. Sie hatte die Schürze abgelegt und die blonden Haare geöffnet, welche ihr nun verspielt auf die Schultern fielen. Miller hatte das Bedürfnis, diese zu berühren und mit seinen Fingern hindurch zu fahren. Sie waren bestimmt so weich wie Seide. Schnell verwarf er seine Gedanken wieder.
„Wissen Sie…“, begann er, doch es drang kein Wort mehr aus seinem Mund. Sie sah ihn voller Erwartung an. Mit hochrotem Kopf machte er wieder einen Ansatz: „Ich wollte mich…“
Er spürte, wie seine Hände unter dem Tisch zu zittern begannen. Der Mann konnte nichts über die zusammengepressten Lippen bringen. Barnes hatte rechtgehabt. Er war eingestaubt.
„Wie heißen Sie?“, stellte sie ihm nach einer Weile die Frage.
Er war froh, dass sie das Gespräch in Gang brachte.
„Miller“, antwortete er knapp.
„Ich weiß. Ich meinte Ihren Vornamen.“
„Jonathan. Und Sie?“
„Victoria Wright.“
Wieder eine längere Stille.
„Miss Wright, ich…“
„Sagen Sie Victoria. Das tut jeder.“
Er fasste seinen Mut zusammen.
„Victoria, ich wollte mich bei Ihnen noch für mein Benehmen entschuldigen. Ich war an dem Tag zu jedem etwas schroff.“ Er schaute auf seine Hände, die gefaltet in seinem Schoß lagen. Plötzlich vernahm er ein Kichern. Sie lachte. „Machen Sie sich über mich lustig? Ja, warum nicht? Sie haben allen Grund dazu“, sagte er enttäuscht und senkte sein Haupt erneut.
„Nur ein wenig“, erwiderte sie. Die Frau schenkte ihm das netteste Lächeln, das er je von einer Person erhalten hatte. Dann lachte er erleichtert mit ihr. „Dann müssen Sie aber ziemlich häufig schlechte Laune haben. Schon mehrmals haben Sie sich über mich beschwert. Ich denke, dass der viele Alkohol aus Ihnen sprach. Denn, wenn ich Sie jetzt hier so sitzen sehe, dann kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass ihr Leben nur aus schlimmen Dingen besteht.“
„Schätzten Sie es so ein?“, fragte er ratlos und knetete seine Fingerkuppen wie ein aufgeregter Schuljunge.
Sie nickte und betrachtete ihn. Miller wurde wieder nervös und seine Kehle presste sich wie von selbst zusammen. Sie hatte ein schmales, wohlgeformtes Gesicht und unglaublich sinnliche Lippen, fiel ihm auf. Sein Blut begann regelrecht zu kochen, als er darüber nachdachte, was er mit diesen alles anstellen könnte.
Victoria erschreckte sich mit ihm, als eine polternde Stimme aus den hinteren Räumen zu hören war.
„Die Pause ist längst um! Geh’ gefälligst zurück an deine Arbeit, du schreckliches Weibsbild! Was sollen bloß die Gäste von mir denken, wenn sie keiner bedient?“
Miller sprang erbost auf, doch die Frau bat ihn mit einem deutlichen Blick, sich nicht weiter einzumischen. Sie nahm sich ihre Schürze zur Hand und band sie wieder um die Taille. Er konnte sie nicht mehr aus den Augen lassen.
Es klopfte an der Tür. Miller fuhr herum und erkannte Barnes hinter dem Glas. Genervt drehte er sich zurück und wollte sich gerade von ihr verabschieden, doch sie war nicht mehr da. Traurig nahm er seinen Hut und setzte ihn sich auf den Kopf. Dann schnürte er den Mantel zu und blickte sich ein letztes Mal nach ihr um. Victoria blieb verschwunden. Er trat durch die Tür und musste sofort viele Fragen über sich ergehen lassen. Barnes ließ nicht locker.
„Über was haben Sie beide gesprochen? War es persönlich? Wie hat sie reagiert?“
Miller hielt es nicht mehr aus und presste seine Handfläche auf Barnes’ Mund.
Er verstummte, doch seine Augen zeigten weiterhin ein entzücktes, fast kindisches Blitzen.
„Ich habe sie lediglich zu unserem Fall befragt“, log er und nahm seine Hand zurück.
Er wischte sie mit einer kurzen Bewegung an seinem Mantel ab.
„Wie bitte? Und dafür habe ich Sie mit ihr alleine gelassen?“, rief sein Kollege unwirsch, doch Miller wusste, dass er ihm die Geschichte abnahm.
„Das hätten Sie nicht zu tun brauchen. Niemand hat Sie darum gebeten oder gezwungen.“
Barnes grummelte etwas, was Miller nicht verstand, und ihre Wege trennten sich. Er blieb letztendlich noch einmal stehen und schaute zurück. Barnes war nicht mehr zu sehen. Ein Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus.
„Danke, mein Lieber.“

Familienbekenntnisse

Der Versuch, seine Haare in Ordnung zu bringen, schlug erneut fehl. Miller wandte sich niedergeschlagen vom Spiegel ab, setzte sich aufs Bett und untersuchte seinen Arm genauer. Der Schnitt hatte sich in eine hässliche Narbe verwandelt. Ihm war immer noch unerklärlich, wie er dazu gekommen war. Er strich den Ärmel seines Hemdes wieder nach unten und versteckte ihn somit vor der Öffentlichkeit. Erst recht sollte Barnes nichts davon mitbekommen. Das Ganze würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Miller schaute auf, als er jemanden die Treppe hochgehen hörte. Dann klopfte es an der Tür.
„Herein!“, rief er und richtete sich auf. Dr. Green stand vor ihm. „Hallo, Doktor“, grüßte Miller den Mann freundlich.
„Guten Tag. Ich komme nur, um Ihnen meine letzten Resultate mitzuteilen.“
„Das ist sehr nett. Ich würde Ihnen gerne etwas zu trinken anbieten, aber leider habe ich nichts Angebrachtes im Hause.“
„Nur keinen Aufwand bitte. Ich hatte nicht vor, lange zu verweilen.“
Green schien in Eile zu sein. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Seine Handschuhe trug er stets und zog sie nicht aus. Nun durchsuchte er hektisch seine Tasche und holte schließlich einen Stapel Pergamente hervor, die er vor sich auf dem Tisch ausbreitete. Dann blätterte er in den Bergen aus Papier.
„Hier ist es ja“, stellte er nach einer Weile erleichtert fest und nahm ein bestimmtes Blatt in die Hand. „Nun gut“, begann er. „Ich habe inzwischen etwas herausgefunden, was Sie interessieren dürfte.“
„Dann spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter, sondern sagen Sie es“, forderte Miller unruhig und setzte sich ihm gegenüber.
Der Boden knarrte leicht. Green blickte wieder auf sein Stück Pergament vor sich.
„Im Hals der Leiche habe ich einige Teile einer Kralle gefunden.“
„Was ist daran besonders? Wir wissen inzwischen, dass die Wölfe ihrem Körper den Rest gaben“, unterbrach ihn Miller.
„Das wäre eine logische Denkweise. Das Problem hierbei ist bloß, dass es sich nicht um die Kralle eines Wolfes handelt.“
„Also doch ein anderes Tier?“
„Ja und nein. Sie weist Ähnlichkeiten mit der eines Wolfes auf, ist aber doch anders. Genau dieses Phänomen ist bei den Bissspuren zu sehen. Das sagte ich Ihnen ja bereits.“
Miller nickte aufmerksam.
„Aber was war es dann?“
Green nahm seine Brille von der Nase und rieb sich über seine müden Augen. Dann setzte er sie zurück auf ihren Platz und schaute sehr ernst drein.
„Ich habe die Kralle daraufhin zusammengesetzt. Das Tier muss sie törichterweise während der Tat verloren haben. Sie ist aufgrund der hohen Kraftanwendung auseinandergerissen worden, als es hängenblieb.“
„Und weiter?“
Millers Stimme wurde ungewollt lauter. Er beugte sich vor, um jedes folgende Wort genau verstehen zu können.
„Ich erschrak, als ich mein Werk betrachtete. Die Kralle hat den dreifachen Durchmesser einer normalen Wolfskralle. Das dazugehörige Tier muss also ungefähr drei- oder viermal so groß sein. Ich habe in einigen Büchern nachgeschlagen, kam aber zu dem Ergebnis, dass es dieses Wesen nicht geben kann.“
„Der Meinung war ich auch.“
„Wie bitte?“, fragte Green verständnislos.
Miller lachte leise.
„Mein Kollege wollte mir weis machen, dass es sich um einen Werwolf handelt. Sie wissen schon. Ein Mensch, der sich bei Vollmond in einen Wolf verwandelt und mordet.“
Green wurde kalkweiß.
„Das ist nicht Ihr werter Ernst!“, presste er hervor.
„Ist es auch nicht“, beruhigte Miller ihn schnell. „Aber alles, was Sie mir gerade berichteten, passt haargenau auf die Beschreibung dieses Wesens.“
Nun lachte auch Green.
„Ich hatte schon befürchtet, Sie seien dem Wahnsinn verfallen.“
Er stand auf und steckte alle Papiere zurück in seine Ledertasche. Diese musste sehr teuer gewesen sein, bemerkte der Polizist neidisch. Dann setzte sich Green seinen hellen Zylinder auf den Kopf und öffnete die Tür.
„Wir bleiben in Kontakt, Mr. Miller“, verabschiedete er sich förmlich, deutete eine steife Verbeugung an und wollte ihn verlassen.
Er war gerade dabei, die Treppe wieder hinunterzugehen, als Miller ihm hinterher eilte und den Mann zurückrief.
„Doktor Green! Könnte ich Sie um einen großen Gefallen bitten?“
Der Arzt hielt mitten in der Bewegung inne.
„Aber natürlich. Um was geht es?“

 

„Woher haben Sie das Geld?“, verhörte Barnes ihn zum hundertsten Mal in der Kutsche, doch Miller antwortete immer mit denselben Worten.
„Von einem guten Freund.“
„Sie lügen! Sie haben doch gar keine Freunde!“
„Sind Sie sich da so sicher?“
Barnes sah das schelmische Lächeln in Millers Gesicht, seufzte und gab notgedrungen auf.
„Und was wollten Sie nun von mir?“
„Sie sollen mich beraten.“
„Und wobei?“
„Das merken Sie noch früh genug.“
Sie fuhren weiter und Miller ließ vor dem verzierten Eingang eines zweistöckigen schiefen Hauses halten. Die beiden waren viele Kilometer über das Land gefahren und in einem netten kleinen Städtchen in der Nähe des Flusses gelandet, welches Barnes noch nicht kannte. An der Tür war ein Schild befestigt, worauf stand:
'Catherine Bowler – Schneiderin'
„Ach, so ist das also“, erkannte Barnes trocken. „Und woher haben Sie plötzlich das Geld hierfür?“
„Das sagte ich bereits.“
„Aber ich glaube Ihnen nicht.“
„Dann ist mir das gleichgültig“, erwiderte Miller belustigt und betrat das Gebäude.
Eine Glocke ertönte über ihren Köpfen und sie sahen sich um. An den Wänden standen Regale mit vielen verschiedenen Stoffrollen. Das Zimmer wurde durch ein Fenster am anderen Ende des Raumes beleuchtet, doch an der Decke hing zu diesem Zwecke ebenfalls eine größere gasbetriebene Lampe. Vor dem Auge des Hauses stand ein großer Tisch, worauf Scheren und anderes Material verstreut lagen. Eine ältere Frau eilte aus dem Nebenzimmer zu ihnen und blieb überrascht stehen. Ihre faltenumrandeten Augen weiteten sich überrascht.
„Jonathan? Bist du das?“, fragte sie perplex.
„Ja, Cathy“, antwortete dieser und Barnes’ Verwunderung stieg.
Die Alte kam auf seinen Vorgesetzten zugeeilt und fiel ihm strahlend in die Arme. Tränen rannen ihr über die Wangen, so glücklich schien sie zu sein. Miller erwiderte die Umarmung fest.
„Einen Augenblick bitte“, schritt Barnes dazwischen. „Ich verstehe nicht ganz. Wer sind Sie und woher kennen Sie beide sich?“
Die Frau ließ ihn los und drehte sich zu Barnes. In ihren Augen standen immer noch glitzernde Tränen.
„Er ist mein Sohn“, antwortete sie und lächelte.
„Wie bitte?“, rief Barnes irritiert.
Miller schmunzelte.
„Ich bin nicht ihr leiblicher Sohn. Cathy zog mich auf, nachdem meine Mutter gestorben war. Die beiden waren gute Freundinnen.“
„Beste Freundinnen“, verbesserte sie gespielt empört. „Du hast dich über acht Jahre nicht blicken lassen. Was dachtest du dir nur dabei?“
„Es tut mir leid“, erwiderte er entschuldigend. „Ich weiß es selbst nicht.“
„Ich kenne dich gut genug, Jonathan. Du bist nicht gekommen, um mich zu besuchen, zumindest nicht bloß deswegen. Also, was möchtest du?“
Sie klang skeptisch. Barnes schaute von einem zum anderen. Ihm war nie klar gewesen, dass Miller etwas wie eine Familie besaß.
„Nun gut, Cathy. Du hast mich mal wieder erwischt“, antwortete dieser und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Ich bin auf der Suche nach einem guten Anzug.“
Das haute Barnes sprichwörtlich aus den Schuhen. Miller meinte es wirklich ernst. Das Lächeln der Frau wurde breiter.
„Ein Anzug, ja? Das wundert mich gar nicht.“
„Wieso nicht?“
„Schau’ dich nur an. Wie du läuft heutzutage niemand mehr herum. Ich werde mal sehen, was ich für dich tun kann.“
„Cathy, du bist ein Schatz“, bedankte er sich.
Sie lief zu einem der Regale hinüber und durchsuchte ihre Stoffe nach einer passenden Farbe. Dann kam sie mit verschiedenen kleinen Stücken zurück und hielt sie neben sein Gesicht. Nach ein paar Versuchen begannen ihre blauen Augen zu leuchten.
„Ich habe etwas Passendes für dich.“
„Beige? Meinst du nicht, dass es etwas fade wirkt? Wie wäre es mit Schwarz?“, versuchte er sie zu überreden, doch sie schüttelte den Kopf.
„Schwarz macht dich blass. Beige ist perfekt. Das kannst du auch mit jeder Farbe kombinieren.“
Er sah ein, dass sie recht hatte. Dann nahm sie seine Maße und schrieb sich alles auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Tisch lag.
„Der Anzug müsste in ein paar Wochen angefertigt sein. Schau’ einfach häufiger bei mir vorbei. Das solltest du sowieso tun.“
Sie fielen sich wieder in die Arme und Barnes kam sich mittlerweile überflüssig vor.
„Was meinen Sie?“, wandte sich Miller nun an ihn.
„Ich meine, dass Beige Ihnen steht“, gähnte er gelangweilt.
Miller schenkte ihm einen bösen Blick.
„Achte besser nicht auf ihn“, riet er seiner Ziehmutter.
Sie kicherte herzlich.
„Weißt du, was du noch unbedingt benötigst, Jonathan?“
„Was denn?“
„Einen Barbier. Es gibt gleich einen auf der anderen Straßenseite. Lass’ dich rasieren und schneide dir gründlich die Haare.“
Er nickte dankend und stürmte los.
„Jonathan!“, rief sie und der Mann blieb, wo er war.
Sie schritt zu ihm hinüber. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn.
„Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe.“
Barnes folgte ihm auf die Straße und betrachtete ein Schaufenster voller Hüte, während Miller den Barbier aufsuchte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er wieder hinaustrat, frisch rasiert und nach etwas duftend, das Barnes zunächst in der Nase kitzelte. Er betrachtete seinen Kollegen sprachlos. Die Haare waren nun sauber und kurz, sein Kinn von Stoppeln befreit. Würde er den neuen Anzug tragen, so könnte man ihn für einen reichen Gentleman halten. Barnes sprach ihm seine Bewunderung aus. Er war begeistert und vielleicht ebenso neidisch. Miller wirkte um mehrere Jahre verjüngt.
„Sagen Sie mir jetzt, von wem Sie das nötige Geld bekamen?“, flehte Barnes beinahe.
„Doktor Green.“
„Ach, der liebe Doktor hat Ihnen Geld geliehen. Ich dachte, Sie können ihn nicht ausstehen“, stellte er fest.
„Kann ich auch nicht, aber sein Geld gefällt mir trotzdem“, lachte Miller frech.
Barnes verdrehte die Augen lachend. Von dieser Seite hatte er ihn noch nicht kennengelernt.
„Ich nehme stark an, dass etwas Bestimmtes der Grund für Ihre Entscheidung ist, sich ordentlich zu kleiden und zu rasieren?“
„Allerdings.“
„Und was, wenn ich fragen darf?“
„Das dürfen Sie, aber ich werde Ihnen Ihre Frage nicht beantworten“, entgegnete Miller und schmunzelte wieder.
„Also eine Frau. Das dachte ich mir schon. Vielleicht die geheimnisvolle Schöne von gestern?“, erriet Barnes.
„Wenn Sie meinen.“
„Sie bringen mich noch zum Wahnsinn mit Ihren knappen Antworten!“, schrie er verzweifelt und fuchtelte mit den zu Fäusten geballten Händen gen Himmel.
„Dann fragen Sie nicht und wir sind beide glücklich“, war Millers Aussage dazu und der Streit führte sich fort, bis sie bei der alten Dame saßen und zusammen Tee tranken.
Sie erzählten sich gegenseitig von der Zeit, in der sie sich nicht sahen und lachten oft gemeinsam. Barnes hatte sich daneben niedergelassen und beobachtete die Szene. Er fühlte sich unwohl und fehl am Platz. Draußen dämmerte es bereits.
„Sir, wir müssen aufbrechen. Morgen steht wieder die Arbeit an erster Stelle“, erinnerte er seinen Kollegen und dieser seufzte enttäuscht.
Dann verabschiedete Miller sich von Catherine und sie umarmten sich noch einmal lange. Schließlich musste sie ihn ziehen lassen. Er versprach ihr, bald wiederzukommen und winkte ihr von der Kutsche aus zu.
Es war eine stürmische Heimfahrt.

 

Erleichtert verließ Barnes das Gefährt und schützte seine Augen vor dem Wind, welcher ihm ins Gesicht peitschte. Schneeflocken wirbelten wild um die dunklen Häuser. Der pechschwarze Himmel war wolkenlos und die Zähne des Mannes begannen vor Kälte zu klappern. Miller schien dies alles nicht zu stören. Er öffnete die Tür seiner Wohnung und Barnes folgte ihm schweigend.
Der Polizist bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Fenster war weit geöffnet und geschmolzener Schnee sammelte sich am Boden davor. Er breitete sich fortwährend aus und hinterließ einen hässlichen nassen Fleck. Miller wusste, dass er das Fenster fest verschlossen hatte, bevor er fortgegangen war. Auf dem Tisch vor ihm entdeckte er einen handgroßen Zettel. Als er näher trat, konnte er sehen, dass etwas in einer unordentlichen Schrift darauf geschrieben war. Er nahm ihn zwischen die bebenden Finger, las die Botschaft kurz und sofort verspannte sich sein Körper. Miller reichte sie schließlich wortlos an Barnes weiter. Dieser schnappte erschrocken nach Luft.
„Das…das kann doch nicht wahr sein“, hauchte er fassungslos und stützte sich Halt suchend auf die Lehne des Stuhles vor sich. „Das ist alles bloß ein böser Traum, richtig? Bitte sagen Sie mir, dass es das ist, Sir.“
Aber Miller musste ihn enttäuschen, denn die Worte waren Realität und die darin befindliche Drohung ernst zu nehmen.

 

'Lassen Sie die Finger von den Ermittlungen.
Es könnte sonst tödlich für Sie oder Ihre Freunde enden.'

 

 

Zum Kauf:

 

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Hörbuch

Über den Autor

MagicMarlene
Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren und besuchte bis 2011 das Gymnasium der Katholischen Schule Salvator.
Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten, weshalb sie sich in ihren Büchern vor allem dem Krimi-Genre annimmt.
Nach dem Abitur arbeitete sie als Kauffrau im Einzelhandel und veröffentlichte zunächst mehrere kurze Kriminalgeschichten.
Ab 2012 machte sie eine Ausbildung zur Medientechnologin Druck und arbeitet seitdem in diesem Beruf.
2014 erschien schließlich ihr Debütroman, der Thriller ?Tod der Angst?, beim Jerry Media Verlag, den sie im Zuge der Leipziger Buchmesse 2014 im sogenannten ?Krimikeller? des Leipziger Central Kabaretts vorstellen durfte.
?Seefeldt & Wolf ? Tödlicher Hass? ist der erste Fall für den Berliner Kommissar Alois Seefeldt und die Rechtsmedizinerin Faraya Wolf als Ermittlerteam. Das eBook erschien 2017 als Sommerkrimi-Exklusivausgabe bei Thalia.

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Kommentare
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PoetBote Kommentar vom Buch-Autor gelöscht.
Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: WOW -
Zitat: (Original von Destinationxx am 01.03.2012 - 20:32 Uhr) Ich war sehr angetan und MUSSTE weiter lesen

Mehr davon! :D


Danke! =)
Mehr gibt es leider nur bei Kauf. ;)
Vor langer Zeit - Antworten
Destinationxx WOW - Ich war sehr angetan und MUSSTE weiter lesen

Mehr davon! :D
Vor langer Zeit - Antworten
MagicMarlene Re: Ich bin zwar kein Liebhaber von -
Zitat: (Original von baesta am 29.02.2012 - 13:41 Uhr) Horrorgeschichten, aber habe dennoch mal reingelesen. Du schreibst sehr abwechslungsreich und flüssig, dennoch habe ich so meine Probleme mit Miller und Barnes, weil ich die beiden nicht so recht auseinanderhalten kann.

Liebe Grüße
Bärbel


Ihre Charakter sind aber eigentlich völlig gegensätzlich. xD
Danke für's Lesen. =)
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Ich bin zwar kein Liebhaber von - Horrorgeschichten, aber habe dennoch mal reingelesen. Du schreibst sehr abwechslungsreich und flüssig, dennoch habe ich so meine Probleme mit Miller und Barnes, weil ich die beiden nicht so recht auseinanderhalten kann.

Liebe Grüße
Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Tina Twelkmeyer - Habs zwar noch nicht gelesen, aber das Buch ist echt toll! Sehr spannend geschrieben.
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Kommentar vom Buch-Autor gelöscht.
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Kommentar vom Buch-Autor gelöscht.
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Gast Ich finds gut
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MagicMarlene Re: ...hat mich direkt gefangen -
Zitat: (Original von HupposEngel am 15.04.2011 - 10:01 Uhr) bin genau wie meine Vorschreiberin durch Zufall hier gelandet ! Würde dieses Werk auch direkt kaufen, am PC liest es sich ja immer so ungemütlich ;) ! Toller Schreibstil, reißt mit ! Das Genre gefällt mir sowieso !
Bin auch absolut begeistert!!

LG Heike


Vielen Dank!!!! =D
Überlege, ob ich es nicht mal in etwas ausführlicherer und verbesserter Form einem Verlag schicken sollte. Einfach mal als Test - erwarte mir ja nichts Großartiges davon. =)

Danke für den netten Kommentar!

~ Maggy XXX
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