Romane & Erzählungen
Le secret de l'océan

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"Le secret de l'océan"
Veröffentlicht am 30. August 2009, 32 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Le secret de l'océan

Le secret de l'océan

Prolog

Die ersten Sonnenstrahlen tauchten den Raum in schummriges Licht. Durch die kleinen Fenster konnte man einen Blick auf den blauen Ozean erhaschen. Die Wellen brachen sich rauschend an den steinigen Klippen und der Wind pfiff um die wenigen Bäume, die ächzende Geräusche von sich gaben.
Im Bett, das gegenüber der Fenster stand, lag ein Mädchen. Es hatte langes goldblondes Haar, das sich sanft an ihr zartes, blasses Gesicht schmiegte. Obwohl es vor einigen Tagen siebzehn Jahre alt geworden war, sah ihr engelhaftes Gesicht sehr kindlich aus.
Gähnend streckte das Mädchen sich und öffnete langsam die Augen. Es setzte sich auf und sah sich blinzelnd um. Verwirrung machte sich auf ihrem Gesicht breit, als ihr Blick durch den kargen Raum schweifte. Sachte schwang es die Beine unter der gelb gestreiften Decke hervor und glitt aus dem weichen Bett. Es ging auf den Schreibtisch zu, der in einer Ecke des kleinen Raumes stand. Außer einer kleinen Öllampe war er leer. Auch als sich das Mädchen bückte und die Schubladen öffnete fand es nichts, das Zimmer war vollkommen leer. Plötzlich erstarrte es in ihrer Bewegung. Laut polternde Schritte bewegten sich auf die hölzerne Türe zu. Unaufhaltsam kamen sie näher.

Erstes Kapitel

Jean Dubois schwankte halb schlafend durch die früh morgendlichen Straßen von Paris. Er hatte die ganze Nacht durch getrunken und so versucht, seine Trauer davonzuschwemmen, jedoch war er wie immer erfolglos gewesen. Er konnte den Schmerz einfach nicht vergessen, da half auch kein Alkohol.
Nun wünschte er sich nichts mehr, als in seinem Bett zu liegen.
Die Gassen waren verlassen, die Stadt schlief. Keuchend hielt sich Jean an einer Mauer fest. Er bereute es, so viel Bier zu sich genommen zu haben. Immer wieder hatte er ein neues bestellt, die ganze Nacht hindurch, bis ihn der Wirt des Gasthauses verwiesen hatte.
Nach einer kurzen Verschnaufpause ging er weiter. Die Häuser wirkten, je weiter er ging, immer verwester. Kahle Betonmauern säumten die von Abfall bedeckte Straße, die Fenster waren so schmutzig, dass man nicht mehr durch sie hindurchsehen konnte, manchen fehlten sogar das ganze Glas.
Nur wenige Schritte trennten Jean von seiner kleinen Wohnung, jedoch zu viele für einen betrunkenen Mann mittleren Alters. Stöhnend brach er in sich zusammen und landete unsanft im Dreck, wo er reglos liegen blieb.
Zwei Männer bogen um die Ecke, schwarz gekleidet,ihre bösen Augen suchen nach dem Haus. Eine neue Aufgabe, ein neues Opfer. Schweigend deutet der eine mit seinem dreckigen Finger auf ein Straßenschild, sie sind gleich am Ziel angekommen.
Zitternd lag der Mann auf dem Boden. Sein Kopf dröhnte, als er sich mühsam aufrichtete. Die Straßen waren noch immer verlassen, dies war jedoch nicht ungewöhnlich, jedenfalls nicht in diesem Teil der Stadt. Jean klammerte sich an der Hausmauer fest und zog sich daran hoch. Humpelnd ging er auf die Eingangstüre zu. Sie war notdürftig mit Brettern repariert worden, nachdem vor einigen Wochen ein Einbruch stattgefunden hatte. Er kramte in der Tasche seiner schmutzigen Lederjacke und zog einen Schlüssel hervor. Mit zittriger Hand schob er ihn in das Schloss. Nach einigen Versuchen gelang es ihm endlich. Polternd zog er sie auf, trat ein und schlug sie hinter sich zu. Dann kletterte er mühsam in die zweite Etage, der Lift war schon seit Jahren außer Betrieb.
In seiner Wohnung angekommen holte er eine Zigarette aus der Schublade und setzte sich stöhnend auf den wackeligen Stuhl, der in der kleinen Küche stand. Gierig zog er an seiner Gauloise und lehnte sich dabei seufzend an den Stuhl. Gleich darauf schlurfte er in das Nebenzimmer und legte sich auf das ungemachte Bett, wo er sofort einschlief.
Schweißgebadet wachte Jean auf. Keuchend drehte er sich auf die andere Seite, um nicht vom Licht geblendet zu werden, das trüb durch die schmutzigen Fenster schien.
Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Dumpfe Schritte, die vom Gang kamen, dann die Wohnungstüre, die aufgeschwungen wurde. Panisch suchte er nach seiner Waffe. Er wühlte in der Schublade und versuchte dabei so wenig Lärm wie möglich zu machen. Endlich fand er das Messer das er sich zugelegt hatte, als er in die Banlieue gezogen war. Es lag unter den alten Fotos, die einzigen Erinnerungen, die ihm von seinem alten Leben blieben. Damals war er ein glücklicher Mann. Doch diese Zeiten waren vorbei, er war nur noch eine leere Hülle, dessen Herz gebrochen worden war.
Nach kurzem Zögern kroch er unter das Bett, das Messer hielt er fest umklammert. Einige Sekunden später wurde die Türe unsanft aufgerissen. Jean konnte zwei schmutzige, schwarze Stiefel erkennen, die sich auf das Bett zubewegten. Dann ein zweites Paar, das zum Schrank in der Ecke lief und ihn durchwühlte. Die wenigen Kleidungsstücke wurden rücksichtslos auf den Boden geschmissen. Er hielt die Luft an. Sie würden ihn finden! Der erste Mann entfernte sich aus seinem Blickfeld, man hörte nur seine Schritte, die den Raum durchquerten. Pum, pum, pum. Jean wagte nicht zu Atmen, sein Herz schlug ihm vor Angst bis zum Hals. Lautlos drehte er den Kopf. Er blickte direkt in das narbige Gesicht eines Mannes. Dann ein Schuss, ein Zweiter folgte.

Zweites Kapitel

Amélie war kein sehr abenteuerlustiges Mädchen, sie war eher faul und ließ lieber andere für sie arbeiten. Sie war die typische Tochter einer wohlhabenden Familie: schön, klug und verwöhnt.
Es war ein sonniger Sonntagmorgen des Jahres 1966. Amélie saß gemütlich auf ihrem rosa gepolsterten Sessel, den sie vor vielen Jahren von ihrem Vater bekommen hatte. Auf ihrem Schoß lag ein kleines Buch. Das Geräusch einer sich öffnenden Türe riss sie aus ihrer Lektüre. Aus dem Flur trat ein junges Hausmädchen in das hell beleuchtete Zimmer. „Mademoiselle,“ sagte sie leise mit gesenktem Kopf, „es ist Post für Sie gekommen.“
Amélie nickte kurz und deutete ihr, die Briefe auf den kleinen Tisch zu legen, der neben ihr stand. Dann scheuchte sie das Mädchen aus dem Zimmer, um weiterzulesen. Ihr Blick schweifte über den Stapel Post und blieb an dem obersten Brief hängen. Verwundert griff sie danach. Der Brief war an ihre Mutter adressiert. Dieses dumme Mädchen hatte ihr schon wieder die falschen Briefe hochgebracht, dachte sie verärgert. Sie war gerade im Begriff nach ihr zu rufen und sie zu beschimpfen, als ihr Blick auf den Absender fiel: Police parisienne. Verwirrt starrte sie ihn an. Was wollte die Polizei von ihrer Mutter? Sie war einer der liebsten Menschen, die sie kannte und würde bestimmt nie ein Verbrechen begehen. Nach kurzem Zögern riss sie den Brief auf. Sie zog den Papierbogen heraus und begann zu lesen:
Mordfall; Jean Dubois
Neue Beweismittel beschlagnahmt,
Wir bitten Sie, so schnell wie möglich Kontakt mit uns aufzunehmen...

Keuchend ließ sie den Brief fallen. Das dünne Papier flatterte zu Boden und blieb liegen. Die wenigen Zeilen hatten Amélie vollkommen aufgewühlt; ihr Vater, tot? Davon hatte ihre Mutter ihr nie etwas gesagt. Und dann noch ermordet, hier in Paris.
Ihr wurde immer nur erzählt, dass ihr Vater nach Amerika gezogen war, jetzt kam heraus, dass er hier gewesen war.
Dicke Tränen kullerten über ihr Gesicht. Auch wenn sie keinen Kontakt zu ihrem Vater gehabt hatte, war ihre Hoffnung ihn wiederzusehen stets geblieben. Jetzt war er tot, nie wieder würde sie ihn sehen, das schöne glatte Gesicht, die leuchtenden Augen, die dunkelbraunen Haare, nie wieder würde sie seinen Duft einatmen und sich an ihn drücken.
Ihr Herz pochte. Sie wollte es einfach nicht glauben. Immer wieder bildete sie sich ein, dass alles nur ein Traum sei und sie jeden Moment aufwachen würde. Doch tief im Innern wusste sie, dass es nicht so war.
Als sie sich etwas beruhigt hatte, überlegte sie, wie sie vorgehen sollte. Sie konnte nicht einfach zu ihrer Mutter gehen und ihr den Brief vorlegen, das wäre verrückt. Und auch in ihren Stiefvater hatte sie nicht genug Vertrauen. Man würde ihr vorwerfen, in Angelegenheiten zu schnüffeln, die nichts mit ihr zu tun hatten. Nein, das wäre keine gute Idee, sie musste das Geheimnis für sich behalten, jedenfalls vorläufig.
Plötzlich hörte sie, wie die Eingangstüre aufgeschlossen wurde. Schnell schob sie den Brief unter das bestickte Tischtuch, das den kleinen Tisch umhüllte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann trat sie aus ihrem Zimmer, um ihren Stiefvater zu begrüßen. Dieser war die letzte Woche auf einer Geschäftsreise in Westfrankreich gewesen. Was genau er dort getan hatte, wusste sie nicht. Eigentlich war es ihr auch völlig egal.
Sie stieg die Stufen in die Eingangshalle hinunter und blieb am Treppenende stehen.
„Hallo meine Liebe!“ begrüßte sie der Mann, dem eben von einem Hausmädchen aus dem langen grauen Mantel geholfen wurde.
„Bonjour Francois,“ begrüßte sie ihn höflich, „wie war deine Reise?“
„Gut, sehr gut,“ murmelte er abwesend. Dann schaute er seine Stieftochter wieder an und fügte hinzu: „Ich hab dir was mitgebracht.“ Er öffnete seinen Koffer und holte ein kleines Päckchen hervor, das er ihr gleich darauf reichte.
„Danke!“ sagte sie und riss vorsichtig das feine Papier auf. Darin lag eine wunderschöne Perlenkette, die bestimmt ein Vermögen gekostet hatte.
„Vielen Dank, Francois,“ sie schenkte ihm ein gezwungenes Lächeln, bevor sie wieder die Treppe in ihr Zimmer hochging.

Drittes Kapitel

Fünf Jahre hatte es gedauert seinen Plan zu vollbringen, fünf lange Jahre um Vertrauen zu gewinnen. Nun blieb nur noch etwas zu erledigen, eine Kleinigkeit, um endlich das Ziel zu erreichen.
Sie trottete aus dem Schulgebäude auf die Straße zu. Dort wartete bereits das große schwarze Auto ihres Stiefvaters. Es war ein Luxuswagen, schon fast eine Limousine. Wie so oft seit dem Tag, an dem sie den Brief gefunden hatte, war ihr übel, sie fühlte sich krank. Über eine Woche war es nun her und sie hatte sich noch immer niemandem anvertraut. Das Verlangen, mit jemandem darüber zu sprechen, wurde von Tag zu Tag stärker, doch sie kannte niemanden, dem sie so sehr vertraute, um ihn in ihr größtes Geheimnis einzuweihen.
Als der Fahrer sie kommen sah, stieg er schnell aus, rannte regelrecht um den Wagen und half ihr hinein.
Seufzend ließ sich Amélie in die weichen Polster der Rückbank sinken. Die Schule war sehr anstrengend gewesen. Sie besuchte nicht wie andere Jugendliche eine öffentliche Schule, sondern eine teure Privatschule, die nur von sehr reichen Kindern besucht wurde. Umso höher waren daher die Anforderungen, die Eltern erwarteten gute Noten für das viele Geld, dass in die Schulkassen floss.
Sie war heute früher gegangen und hatte sich für die letzte Stunde krankgeschrieben. Zuhause würde sie sich etwas hinlegen, das half meistens.
Der Wagen hielt vor einem großen Anwesen, das von einem prächtigen Garten gesäumt wurde. Weiße Statuen ragten hinter den perfekt geschnittenen Hecken hervor, große Springbrunnen aus Marmor standen regelmäßig verteilt auf den kleinen Plätzen, die mit Kieswegen verbunden wurden.
Amélie öffnete die Türe. Noch bevor sie aussteigen konnte, kam das Hausmädchen aus dem Haus gerannt, um sie zu begleiten.
Im Innern herrschte fast vollkommene Stille. Ihre Mutter war mit einigen Freundinnen in die Stadt gefahren, um Kleider für den nächsten Ball zu kaufen. Nur ihr Stiefvater war anwesend. Wahrscheinlich saß er auf dem großen Lederstuhl in seinem Arbeitszimmer.
Amélie stieg die breite Treppe empor, um ihn zu begrüßen.
Leise zog sie die schwere Tür auf und warf einen Blick in das Zimmer. Wie erwartet saß er an seinem massiven Holztisch und telefonierte gerade. Vorsichtig schlüpfte sie wieder aus dem Zimmer.
„Ihr bekommt euer Geld, sobald ich es habe!“ schrie Francois aufgebracht. Amélie horchte, so hatte sie ihn noch nie erlebt, er war immer die Ruhe in Person.
Es folgte eine kleine Pause, dann fuhr er fort: „Es kann sich nur noch um Wochen handeln, alles ist schon geplant, die Weiber müssen nur noch aus dem Weg geräumt werden.“
Die Augen des Mädchens weiteten sich. Was ging hier vor? Auf Zehenspitzen schlich sie in ihr Zimmer. Sie wollte nicht von Francois erwischt werden.
Sie legte sich auf ihr Bett und starrte an die weiße Decke. Was hatte das zu bedeuten? Führte ihr Stiefvater etwas im Schilde? Wer waren die „Weiber“, die er aus dem Weg räumen wollte? Waren damit möglicherweise sie und ihre Mutter gemeint? Ihr schauderte bei dem Gedanken.
 
Fortsetzung folgt (Sobald ich mit dem nächsten Kapitel fertig bin)

Sechstes Kapitel

Sie schrie auf. Eine krĂ€ftige Hand hatte sie an der Schulter gepackt und zog sie brĂŒsk nach hinten. Francois nahm sie am Arm und drehte sie zu sich. Der Mann schlug ihr ins Gesicht. AmĂ©lie konnte nicht schreien, sie war vor Entsetzen gelĂ€hmt.

Was fĂ€llt dir ein, MitstĂŒcks, du glaubst wohl, du kannst mir entwischen?“ seine Augen leuchteten spöttisch.

TrĂ€nen kullerten an AmĂ©lies Wange hinuter, sie hatte jegliche Hoffnung auf eine Rettung verloren, sie wĂŒrde sterben, sie und ihre Mutter wĂŒrden von diesem Mann getötet werden und dies wegen einem ihr unbekannten Grund. Sie hatte doch nichts getan!

Lass mich los“, es war mehr ein FlĂŒstern, der in ihren Schluchzen unterging, doch Fransois hörte es. Er lachte hĂ€mmisch.

Was glaubst du, wie blöd ich bin, du bist zu kostbar um dich einfach gehen zu lassen“, sagte er und zog das benommene MĂ€dchen zum Parkplatz

Amélie taumelte kraftlos, hinter ihm her.

 

Als sie wieder bei der RaststÀtte ankamen, stiess Francois sie auf den Hintersitz. Vor ihr hörte sie das leise Wimmern ihrer Mutter. Sie war gefesselt worden, und ein dicker Kleber bedeckte ihren Mund.

Francois zog ein kleines FlĂ€schchen aus seiner Hosentasche und betröpfelte ein TĂŒchlein mit deren Inhalt. Ein beissender Geruch stieg AmĂ©lie in die Nase

Nein“, murmelte sie entsetzt.

So“, er ĂŒberhörte ihren Widerspruch, „damit du mir nicht noch einmal entwischt“. Er verschloss die Flasche.

AmĂ©lie versuchte, sich zu wehren, aber Francois war viel zu stark. Mit einer Hand drĂŒckte er sie in den weichen Sitz, mit der anderen presste er ihr das Tuch mit dem BetĂ€ubungsmittel ĂŒber ihren Mund und die Nase.

Benebelt nahm sie wahr, wie sich ihre Mutter an ihren Fesseln zehrte, dann verschwand alles.

Siebtes Kapitel

Sie öffnete die Augen und hob vorsichtig den Kopf. Ihr Kopf schwirrte leicht. Verwirrt bemerkte sie, dass sie sich nicht wie erwartet in ihrem Zimmer in Paris befand. Langsam stieg sie aus dem Bett und blickte sich im karg eingerichteten Zimmer um. Sie konnte durch das Fenster das Meer erblicken, was sie etwas beĂ€ngstigte. Da viel ihr die ganze Geschichte wieder ein, Francois der mit ihrer Mutter und ihr an den Ozean Fahren wollte, ihr missglĂŒckter Fluchtversuch, das BetĂ€ubungsmittel.?Langsam stieg die Angst in ihr hoch. Sie lebte zwar noch, diese Tatsache könnte sich allerdings schnell Ă€ndern. Sie schritt auf den kleinen Schreibtisch zu, der in einer Ecke das Raumes stand. Die Schubladen waren allesamt leer, nichts was ihr die Flucht ermöglicht hĂ€tte.?Sie richtete sich wieder auf. Mitten in ihrer Bewegung hielt sie jedoch inne. Von ausserhalb des Zimmers drangen  laute GerĂ€usche zu ihr. Sie wurden immer lauter. Waren es Schritte??
Ohne zu zögern sprang sie zurĂŒck in das Bett und legte sich schlafend. Sie brauchte unbedingt mehr Zeit!?GerĂ€uschvoll wurde von aussen ein SchlĂŒssel umgedreht und die TĂŒre geöffnet. AmĂ©lie bemĂŒhte sich so ruhig wie möglich zu atmen. Sie hörte wie sich eine Person auf sie zu kam und sich ĂŒber sie beugte. Sie spĂŒrte den Atem an ihrem Hals. Vor Angst gelĂ€hmt lag sie auf der Matratze und kniff angestrengt die Augen zu.?Die Person entfernte sich wieder und verliess das Zimmer. Erleichtert atmete sie auf. Nach einem kurzen Moment richtete sie sich auf und hielt das Ohr an die TĂŒre. Stimmen drangen zu ihr, es waren mindestens zwei MĂ€nner. Ihr Stiefvater war also nicht alleine.?„Das Fischerboot muss noch vorbereitet werden“, hörte sie eine ihr unbekannte Person sagen.?„Ja“, stimmte Francois ihm zu, „lass uns dies erledigen bevor sie aufwacht.“?Dann entfernten sie sich und es wurde still.?Das war ihre Chance. Ihr blieb keine Zeit fĂŒr langes Überlegen. Suchend blickte sie sich im Zimmer um. Dann riss sie das Laken vom Bett und schob einen Zipfel unter den TĂŒrschlitz.
Ohne grosses Zögern ging sie auf den Schreibtisch zu, und nahm den einzigen Gegenstand, den es in diesem Raum gab, die Öllampe.
Den Griff löste sie nun vorsichtig vom Rest ab. Zufrieden betrachtete sie den dicken Draht. Das wĂŒrde funktionieren.
Sie bog das Werkzeug zurecht und schob das eine Ende in das SchlĂŒsselloch.
Der SchlĂŒssel schien festzustecken, sie vermochte nicht ihn herauszuschieben. Sie wollte schon aufgeben, als er mit einem dumpfen GerĂ€usch auf dem Laken aufprallte.
Sie atmete auf. Nun war sie ihrer Flucht schon etwas nĂ€her. Der SchlĂŒssel durfte nur nicht auf das Parkett rutschen.
Langsam zog sie das Laken zurĂŒck in das Zimmer, StĂŒck fĂŒr StĂŒck, bis sie den SchlĂŒssel endlich zu fassen bekam.
Sie jubelte innerlich auf. Wenn sie GlĂŒck hatte, und ihre EntfĂŒhrer wirklich nicht im Haus waren, könnte es ihr nun gelingen.
Darauf bedacht, keinen LĂ€rm zu machen, öffnete sie langsam die TĂŒre und huschte hinaus. Von aussen verschloss sie sie wider und liess den SchlĂŒssel stecken.
Sie befand sich nun in einem schmalem Gang. Die WĂ€nde waren blau gestrichen und an ihnen hingen Bilder von Fischerbooten die in stĂŒrmischen Wellen fuhren. An beiden Seiten von ihr, befanden sich je eine TĂŒre. Die eine war nur angelehnt. Sie öffnete sie und gelangte so in eine gemĂŒtlich eingerichtete WohnkĂŒche. Also musste sich ihre Mutter hinter der anderen TĂŒre befinden. Sie wollte gerade zurĂŒckgehen, als sie draussen laute Stimmen hörte. Panisch schaute sie sich um.

 

FĂŒnftes Kapitel

Ein krĂ€ftiges rĂŒtteln weckte AmĂ©lie am nĂ€chsten Morgen. Erschrocken richtete sie sich auf und weitete die Augen.

Los, AmĂ©lie! Es geht gleich los, mach dich fertig,“ rief Francois.

Völlig verstört stand die junge Frau auf, was war mit ihm los? Freute er sich so sehr darauf, ihr Leid zuzufĂŒgen? War er deshalb so guter Laune?

ZĂŒgig zog sie die Kleidung an, die sie sich bereits gestern Abend bereitgelegt hatte. Es handelte sich um eine feine, hellrosa Bluse, einem weißen Jackett und einer schlichten blauen Hose. Dann suchte sie sich flache Schuhe aus, mit denen sie gut rennen konnte.

So“, murmelte sie zu sich selbst, „das musst du jetzt durchstehen.“

Ihren Koffer hinter sich her ziehend, lief AmĂ©lie den Gang entlang auf die Treppe zu. Von unten kam ihr bereits ein Angestellter entgegen, um ihr das GepĂ€ck abzunehmen. Als er ihr den Rucksack abnehmen wollte, schĂŒttelte sie nur den Kopf, den wollte sie bei sich behalten, um keine Chance zur Flucht zu verpassen.

Etwas Angst stieg in AmĂ©lie hoch, als sie ihren Plan nochmal durchdachte, es wĂŒrde bestimmt nicht einfach werden, Francois ĂŒberwachte sicher jeden ihrer Schritte.

Sie hatte nur einen Vorteil, er ahnte wahrscheinlich nicht, das sie so viel ĂŒber seinen Plan wusste.

AmĂ©lie stieg hinten in das Auto. Vor ihr am Steuer saß bereits ihr Stiefvater, daneben ihre zierliche Mutter.

Da bist du ja endlich“, lĂ€chelte sie glĂŒcklich.

Scheinbar freute sie sich, sie hatte auch keine Ahnung, was ihr möglicherweise alles widerfahren wĂŒrde.

Francois drehte den ZĂŒndschlĂŒssel und fuhr langsam die Auffahrt hinab. Dann bog er links in Richtung Autobahn ab. Er schaltete das Radio an und summte mit.

Nach etwa einer Stunde brach Amélie ihr Schweigen.

Können wir anhalten? Ich muss auf die Toilette“, fragte sie. Sie wĂŒrde es versuchen, vielleicht ergab sich eine Möglichkeit zur Flucht.

Francois hielt gleich an der nĂ€chsten RaststĂ€tte, die aus ein paar ParkplĂ€tzen, einem StĂŒck Rasen und einem kleinen WC-HĂ€uschen bestand. Auf dem Rasen standen vereinzelte Holztisch, die zu einem Picknick einluden.

AmĂ©lies Blick schweifte suchend ĂŒber den Platz. Hinter der Hecke, die den ganzen Platz umrandete, befand sich ein dichter Wald. Wenn es ihr gelang dorthin zu gelangen, hĂ€tte sie eine Chance zu entkommen.

AmĂ©lie war bereits bei den Toiletten angekommen, sie warf einen Blick zurĂŒck. Francois folgte ihr mit seinen Augen jede ihrer Bewegungen. Es wĂ€re sinnlos, jetzt zu flĂŒchten. Stattdessen ging sie in das HĂ€uschen hinein.

Suchend schaute sie sich im Innern um, jedoch war kein Hinterausgang zu finden, nur ein kleines Fenster bot dem Raum ein wenig Licht. AmĂ©lie spielte mit dem Gedanken, es einzuschlagen, doch sie glaubte kaum, dass sie es schaffen wĂŒrde, da hoch zu klettern und sich dann durch die Öffnung zu quetschen.

Vorsichtig öffnete sie die AusgangstĂŒre um einen Spalt und horchte. Von aussen hörte sie Stimmen. Langsam schaute sie hinaus, Francois unterhielt sich mit ihrer Mutter, keiner der beiden schien auf sie zu achten. Zögernd trat sie ins Freie, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Hinter dem HĂ€uschen begann sie zu rennen, so schnell sie konnte. Mit einem Satz sprang sie ĂŒber den Zaun und die dahinter liegende Hecke, dabei blieb ihre Hose hĂ€ngen und riss der LĂ€nge nach. AmĂ©lie kĂŒmmerte sich nicht darum, sondern rannte gerade aus weiter.

Äste peitschten in ihr Gesicht und hinterliessen blutige Kratzer. AmĂ©lie spĂŒrte keinen Schmerz, sie fĂŒhlte nur die Angst, die in ihr hoch kroch. Dies war ihre einzige Chance, wenn sie scheiterte, war alles verloren.

Plötzlich hörte sie ein leises Knacken hinter sich, waren das etwa Schritte?

Viertes Kapitel

Am 25. April, AmĂ©lies Geburtstag, saß die Familie versammelt um den großen Holztisch. Die nun siebzehnjĂ€hrige AmĂ©lie war dabei, die massenweise Geschenke auszupacken, die grĂ¶ĂŸtenteils von ihrer Mutter kamen. Als sie die vielen Kleider, Schuhe und den ganzen Schmuck aus dem glĂ€nzenden Papier befreit hatte, blieb nur noch ein kleiner, schlichter Umschlag ĂŒbrig. Es war das Geschenk ihres Stiefvaters. Der Brief war mit einem roten Siegel versehen, das ihr Familienwappen trug. Vorsichtig löste sie es von dem dĂŒnnen Papier, ohne es zu verbrechen.

Dann zog sie, das mit einem kurzen Text beschriebene Blatt heraus.

 

Liebe Amélie

Diese Jahr habe ich mir fĂŒr deinen Geburtstag etwas besonderes ausgedacht, eine Reise.

Wo sie hingeht wirst du Morgen erfahren, denn dann geht es bereits los: Wir fahren morgen um 11Uhr. Also packe geschwind deine Sachen.

Dein Francois

 

Verwirrt las das MĂ€dchen den Brief erneut.

Wir fahren Morgen in den Urlaub?“ fragte sie unglĂ€ubig.

Ja, das tun wir, wir drei, ganz alleine, das wird bestimmt grandios!“ AmĂ©lie glaubte fĂŒr ein halbe Sekunde, ein hinterlistiges Blitzen in Francois Augen zu erblicken, doch sie redete sich ein, es sei nur Einbildung.

Was ist mit der Schule, die Ferien beginnen erst in einem Monat?“

Alles geregelt,“ antwortete er kurz, „ich muss los, es gibt noch viel zu tun.“

Noch immer verwirrt blickte sie ihrem Vater nach, der eben aus dem Raum trat.

Danach zog sie sich ebenfalls in ihr Zimmer zurĂŒck, jedoch nicht um ihre Sachen zu packen, dafĂŒr hatte sie spĂ€ter noch genug Zeit. Stattdessen setzte sie sich in ihren Sessel und schloss die Augen. Was konnte sie tun. Was wenn Francois diese Reise nur geplant hatte um sie aus dem Weg zu rĂ€umen, wie er es am Telefon gesagt hatte? Was wenn das alles zu einem bösen, hinterhĂ€ltigen Plan gehört, an dem schon ihr Vater zu Grunde ging?

Oder stellte sie sich das alles nur vor? Hatte ihr Stiefvater gar nichts vor? War dies ein völlig normales Geburtstagsgeschenk?

AmĂ©lie grĂŒbelte weiter und kam nach einer knappen Stunde zum Schluss, das etwas nicht stimmen konnte. Immerhin legte ihr Stiefvater sehr viel Wert auf ihrer Bildung, da konnte es nicht sein, dass er in mitten des Schuljahres einen Urlaub plante.

Nach dem sie dies klargestellt hatte, ĂŒberlegte sie sich einen Plan. Es musste eine Möglichkeit geben, sich und möglicherweise ihre Mutter vor Francois Bösetaten zu bewahren.

Es war bereits nach zehn. AmĂšlie war noch immer planlos, ihr fiel kein Fluchtweg ein, nichts. Da trat ihr Stiefvater in ihr Zimmer.

Hast du deine Koffer gepackt?“ fragte er.

Nein“, murmelte sie und starrte dabei auf den Boden. Sie konnte Francois einfach nicht in die Augen blicken.

An die Arbeit, MĂ€dchen, du musst doch auch noch schlafen!“ lacht er.

Um einen Streit zu vermeiden, machte sich AmĂ©lie schnell an die Arbeit. Als erstes rief sie nach dem HausmĂ€dchen und ordnete ihr an, den Koffer aus dem Keller zu holen. Das schĂŒchterne MĂ€dchen machte sich gleich auf den Weg. Dann trat sie an den Schrank und zog Kleider heraus. Sie wĂ€hlte die bequemsten und schlichtesten Sachen aus. Sie hatte beschlossen, wĂ€hrend der Reise zu flĂŒchten, ihre Mutter musste wohl oder ĂŒbel durchhalten, bis sie die Polizei benachrichtigt hatte.

Sie nahm ebenfalls den weißen Rucksack aus den Gestellen ihres riesigen Schranks und fĂŒllte ihn mit den ausgewĂ€hlten KleidungsstĂŒcken.

Leise schlich das HausmĂ€dchen ins Zimmer. Hinter sich zog sie den gewĂŒnschten braunen Koffer.

AmĂ©lie nickte kurz und bat das junge MĂ€dchen, den Raum zu verlassen. Dann fĂŒllte sie den ĂŒberdimensionalen Koffer wahllos mit dem Inhalt des Schranks. Wenn alles nach Plan verlief, brauchte sie die ganzen Dinge nicht.

Als sie fertig war, atmete sie tief durch schloss die Augen und legte sich auf ihr Himmelbett. Dabei fragte sie sich, ob dies ihre letzte Nacht in diesem Zimmer sein wĂŒrde.

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sayaha

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MagicMarlene WoW - Meine Kommentare kennst du ja langsam schon, aber ich muss es auch hier nochmal betonen: Einfach klasse!!! :D
Diese Geschichte gefÀllt mir sehr gut und ich hoffe, dass du sie auch zuende schreiben wirst. ;)
Bin gespannt auf die Fortsetzung...

~ Malli XXX
Vor langer Zeit - Antworten
Boris geht ganz gut los - du hast Talent.

LG Boris
Vor langer Zeit - Antworten
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