Fantasy & Horror
Der Adept (2) - Das Vermächtnis des toten Magiers (2)

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"Der Adept (2) - Das Vermächtnis des toten Magiers (2)"
Veröffentlicht am 26. Mai 2007, 28 Seiten
Kategorie Fantasy & Horror
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Über den Autor:

Ehemann, Vater, Großvater - alles optimiert: nur eine Frau, nur einen Sohn, nur eine Tochter, nur eine Enkelin, nur einen Enkel.,, nein, seit dem 24.02.08 (kurz nach 6) sind's zwei In Jahreszahlen: 57, 54, 35, 33, 12, 1 (Stand: 2007)
Der Adept (2) - Das Vermächtnis des toten Magiers (2)

Der Adept (2) - Das Vermächtnis des toten Magiers (2)

Das Vermächtnis des toten Magiers (2)

Der Adept
Das Vermächtnis des toten Magiers (2)

Weiter abseits der Beerdigungszeremonie stand eine junge, hübsche Frau vor einer anderen Grabstätte, der sie allerdings nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Doch das wäre sicherlich nur einem sehr aufmerksamen Beobachter nicht entgangen, dass sie trotz des gesenkten Kopfes keine Sekunde lang die Beisetzung aus den Augen verlor...
Die in ihrer Trauer versunkenen Angehörigen, die Freunde der Familie nahmen sie nicht einmal so richtig wahr. Mit einer Ausnahme.
„Kennst du die Frau?“ kam es leise aus dem Mund einer am Begräbnis Teilnehmenden, wobei sie dem Mann an ihrer Seite kaum merklich den Ellbogen in die Seite drücke, um ihn auf die Fremde aufmerksam zu machen. Der sah auch kurz zu ihr hinüber, schüttelte dann aber den Kopf und erwiderte ebenso flüsternd: „Nein, nicht dass ich wüsste. Du etwa?“
„Nein. Ich kenne sie auch nicht. Aber sah sie soeben schon in der Kapelle. Gleich neben dem Eingangsportal hat sie gestanden...“
„Hmm? Ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht ‘ne Bekannte von Markus ... äh, wollte sagen: eine ehemalige ... oder wie muss man jetzt sagen..?“ Der Gedanke an den eben beerdigten Freund schnürte dem Mann die Kehle zu. Auch seine Partnerin schwieg. Jeder hing wieder den eigenen Gedanken nach.
Doch selbst wenn sie dabei irgendwelche gedanklichen Vermutungen und Überlegungen über eine mögliche Verbindung zwischen der Unbekannten und dem beigesetzten Freund angestrengt hätten, sie wären nicht einmal halbwegs dem wahren Zusammenhang nähergekommen. Einem solchen hätten sie nicht näherkommen können ... Auch nicht, als sie allesamt später beim Beerdigungskaffee beisammen saßen und jeder noch einige Worte des Andenkens an den Verstorbenen aussprach.
Einmal wurde tatsächlich auch noch einmal nach jener unbekannten Frau gefragt, doch weil niemand dazu etwas sagen konnte, und diese Frau offenbar auch nur von vier, fünf der hier Anwesenden gesehen worden war, beließ man es bei der Vermutung einer zufälligen Anwesenheit ...
Hätten sie auch nur den Anflug einer Ahnung gehabt, welche Bewandtnis es mit dieser Frau tatsächlich hatte ... wahrscheinlich wären sie sogar in heilloser Panik in alle Himmelsrichtung davongerannt. Hätten sie zum Beispiel noch sehen können, dass diese Frau in ihrem bodenlangen Kleid beim Gehen nicht den Erdboden berührte, sondern Zentimeter darüber hinweg schwebte, als sie sich auf den frischen Grabhügel von Markus’ Grab zubewegte, nachdem die Trauernden die Grabstätte verlassen hatten – es hätte vermutlich nicht nur ihre bisherige Weltanschauung gehörig auf den Kopf gestellt...
Diese Frau mit dem orientalischen Aussehen ließ sich auch weder dem näheren, noch dem entfernteren Bekanntenkreis des Verstorbenen zuordnen. In keine Kategorie der „Hinterbliebenen“. Nicht einmal überhaupt zu irgendwelchen lebenden Menschen!
Ashra, die Totenpriesterin, kam aus einer Dimension, die keinem weltlichen Denken entsprach und nicht mit irdischen Maßstäben zu messen war. Ashra, ein Wesen aus dem Zwischenreich.
Und sie hatte einen jahrtausend alten Auftrag zu erfüllen: Die Rückkehr und Reinkarnation ihres Herrn und Meisters, des Ewigkeiten überdauernden Magiers Salim Shesba auf dieser irdischen Ebene vorzubereiten und zu unterstützen.
Denn ohne ihre Hilfe kamen auch weder die unsterbliche Seele, noch der Geist des Magiers aus dem Körper dieses Menschen frei, der zu Lebzeiten den Namen Markus Topas getragen hatte. Natürlich hatte jener Markus Topas nicht einmal geahnt, welch großen Geist er in sich getragen und geborgen hatte. Ebenso wenig wie dieser, war sich aber auch der jetzt in seinem gegenwärtigen anaeroben Zustand weilende Geist von Salim Shesba bewußt, wieder einmal etliche Menschenleben überdauert zu haben, um seiner Wiederselbst-Existenz erneut entgegen sehen zu können.
Die Totenpriesterin wußte um ihre schwierige Aufgabe.
Schon in den vielen irdischen Leben zuvor, die der Magier in verschiedenen Gastkörpern hatte verbringen müssen, war es ihr nicht gelungen, die wahre Identität, die mächtige Persönlichkeit Salim Shesbas zu neuem „überirdischem“ Leben zu erwecken. Immer wieder hatten die Mächte der Finsternis im letzten Augenbllck dem einen Riegel vorschieben können. Ihre „Siege“ über den mächtigen Feind, der einstmals aus ihren eigenen Reihen gekommen war, sich dann aber auf die Seite des Lichts geschlagen und sich ihnen entgegengestellt hatte, hatten sie auf ihre Weise „gefeiert“: Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes waren über den Erdball gezogen, ohne dass die Menschheit jemals die wahren Ursachen erkannt hatte. Für die Menschen waren es immer wieder „nur“ schlimme, entfesselte Naturgewalten gewesen. Der Wahrheit war man zu keiner Zeit auch nur um einen Deut nahe gekommen ...
Ja, sogar persönliche Schicksale wurden manipuliert, ohne dass die Betroffenen überhaupt merkten, dass die Verursacher aus dem Reich der Finsternis gekommen waren ...
Kriege fanden statt, die von machthungrigen Politikern angezettelt wurden – und die doch nichts weiter waren, als kleine, unwichtige Marionetten der Hölle!
Die „dunkle Gegenseite“ verbuchte im wahrsten Sinne des Wortes einen Sieg nach dem anderen, während die „Weißmagier“, schier aller Hoffnung beraubt, auf den erlösenden Tag, auf die Wiedergeburt des Salim Shesba, warteten.
Ohne ihren geistigen Lenker und Führer sah sich die Handvoll Bruderschaft, die sich über den gesamten Planeten Erde zerstreut hatte, dem Treiben der finsteren Mächte machtlos gegenüber ...

* * * * *

Ashra, die Totenpriesterin richtete ihren Geist auf die frische Grabstätte aus. Für Sekunden schien es, als schwanke ihre Gestalt, so als könne sie nur mühsam ihr Gleichgewicht halten. Dann jedoch stand sie fest wie eine eherne Figur am Rand des Gehweges und starrte aus scheinbar blicklosen Augen auf den frischen Grabhügel.


* * * * *

Der Mann im Sarg spürte die Veränderung innerhalb seines tödlichen Gefängnisses. Und er spürte, dass die wahnsinnige Panik, die durch ihn hindurch flutete, von einem Augenblick auf den anderen gewichen war. Stattdessen breite sich eine eigenartige Gelassenheit in ihm aus, für die es einfach keine Erklärung gab. Und dann hörte er diese Stimme:
„Sei furchtlos, Geliebter. Ich bin gekommen, dich zu erlösen!“
„Ach ja“, hörte Markus sich selbst in Gedanken antworten. „Ich hab’ mir das Wahnsinnigwerden allerdings immer ein bißchen anders vorgestellt ... oh, Mann, Scheiß! Himmel! Hilf! Bitte... bitte mach, dass das bloß ein Alptraum ist. Ich will nicht hier drinnen verrecken..!“
Er spürte die Tränen der Machtlosigkeit, die sich aus seinen Augen lösten, über die Wange laufen.
Warum zum Teufel konnte er sich denn nicht bemerkbar machen ... sich nicht bewegen ... nicht lauthals um Hilfe brüllen ...? Verdammt, ich kann doch denken. Warum klappt alles andere denn nicht? Ich kann mich doch nicht so einfach aufgeben?! Vielleicht läuft gerade jetzt da oben jemand an mir vorbei und ich ... aaaahhh, nnneeeiiinnn ..!
„Du mußt dich wirklich nicht fürchten“, drang es da erneut wispernd in sein bewußtes Denken hinein: „Du erinnerst dich nicht, ich weiß. Du denkst zu fantasieren. Vertraue deinem Herzen, nicht deinem Verstand. Und erinnere dich: Ich war, ich bin und ich werde immer sein ...“
Die Worte wirkten wie ein Schalter, der in seinem Hirn umgelegt wurde. Nachdenklich horchte Markus in sich hinein: Ja, diesen Ausspruch kannte er in der Tat. Aber woher?
Wer hatte diese Worte ausgesprochen? Wie waren sie gemeint? An wen waren sie gerichtet? Wie und in welchem Zusammenhang mußte er sie verstehen?
Markus strapazierte seine grauen Zellen bis zum Zerreißen. Ohne Erfolg. Er wußte einfach keine Antworten. Oder erinnerte er sich nur nicht mehr daran ..?
„Übergib mir deinen Geist!“ forderte da die weiche, angenehme Stimme.
Okay, das war’s, dachte Markus endgültig resignierend. Und tatsächlich leicht amüsiert, tröstete er sich mit dem nächsten Gedanken: vielleicht macht der Wahnsinn das tatsächliche Sterben ja auch irgendwie angenehmer...
„Übergib mir deinen Geist!“ Wie ein flammendes Schwert bohrten sich da die neuerliche Aufforderung in sein Denken. Markus erschrak und war aufgewühlt zugleich. Verdammt, diese Stimme war doch da. Die war echt. Die bildete er sich nicht bloß ein.
„Übergib mir deinen Geist!“ dröhnte es förmlich in seinen Hirnwindungen – begleitet von einem imaginären, aber ungeheuren Schmerz, der Markus unwillkürlich aufstöhnen ließ. Was ihm selbst aber nicht bewußt wurde. Stattdessen formten seine Gedanken:
„Ja, okay, ich höre dich. Ich höre dich ja. Aber ... aber was muß ich machen ... dir meinen Geist geben? Wie geht das? Wie soll ich das machen?
„Versuche, nicht zu denken, nicht bewusst zu denken. Vergiss, wo du bist, vergiss dich selbst. Lass mich zu dir...“
Nur zu, sei mir auf das Herzlichste willkommen, dachte Markus verzweifelt. Eine Verzweiflung, die augenblicklich wieder ganz von ihm Besitz ergriff: Okay, Junge, das sind die Nerven. Ist ja auch irgendwie zu verstehen, altes Haus, oder? Die haben dich knapp zwei Meter unter die Erde gebracht ... das Loch wieder hübsch mit Dreck zugeschüttet und nu’ fantasierste halt ein bißchen vor dich her. So ist nunmal der beginnende Wahnsinn. Und pass auf, irgendwann haste auch deine Stimme wieder – und dann beginnt dieses irre Lachen ... kennste doch, haste doch schon so oft im Fernsehn geseh’n ...
Wieder gewann sein logisches Denken Oberhand: So will ich aber nicht verrecken. So nicht! Verdammt, wenn ich wenigstens meine Stimme hätte ... Und erneut versuchte Markus, aus Leibeskräften loszubrüllen ... Totenstille ... im wahrsten Sinne des Wortes.
Beinahe körperlich spürte er das „Kopfschütteln“, das von der „Stimme“ ausging, und sich auf ihn übertrug:
„Du brauchst diesen menschlichen Körper nicht mehr. Mach dich von ihm frei. Mach dich frei und erinnere dich deines Ichs!“
„Na schön“, antwortete Markus diesem Gedankenimpuls, „ist mir schon klar, dass ich allmählich plemplem werde, aber dann kann ichs auch wenigstens mal versuchen ... eh besser, als bloß so rumzuliegen, um aufs Abkratzen zu warten ...“
„Bist du soweit?“ drängte die Stimme. Und die – verdammt nochmal! – war so echt. So richtig zu hören. Die bilde ich mir doch nicht bloß ein..?!“
„Nein, tust du nicht. Ich bin hier!“ antwortete es ihm.
„Ach ja? Schön dass du da bist, aber ich bin leider ein bißchen geistig weggetreten, weißt du...“
Statt auf seine Frage einzugehen, wiederholte die Stimme eindringlich: „Bist du soweit?“
Die Ungeduld, die im Tonfall mitschwang, war nicht zu „überhören“.
„Wie weit? Um endgültig plemplem zu werden? Klar, bin ich!“
Von einer Sekunde auf die andere hatte Markus ein fremdländisch klingendes Singsang „in den Ohren“, obwohl er nicht mit den Ohren hörte.
Heiterkeit stieg in ihm auf.
„Ist doch eigentlich ganz lustig, verrückt zu werden“, dachte Markus noch, dann senkte sich eine derart intensive Schwärze auf ihn herab, die die ohnehin vorherrschende Dunkelheit noch um etliche Nuancen überwog. Und in diese absolute Schwärze hinein fühlte sich Markus mit einem Mal emporgesogen.
Deutlich, ja, körperlich fühlte er das Näherkommen des Sargdeckel ... spürte den Kontakt, als es ihn dagegen drückte – und durch diesen hindurch!
Mit einem Mal glaubte er den Geruch von frisch aufgeworfener Erde wahrzunehmen, den Geschmack davon im Mund zu haben ... und ... übergangslos blendete grelles Tageslicht seine Augen, ließen sie tränen. Nur verschwommen und schemenhaft nahm er sein Umfeld wahr.
Menschen, überwiegend in dunkler Bekleidung, gingen an ihm vorüber, nahmen aber keine Notiz von ihm...

* * * * *

Ja, aber ... das war doch Jochen ... sein Freund ... alter Schulfreund ... wieso starrte er so verbissen vor sich hin ... nicht mal sein sonst übliches „Tach auch“ hatte er für ihn übrig ..? Ja, ... und vor Jochen... Mutter?! Was macht Mutter hier?
Markus’ Gedanken schlugen Kapriolen. Wieso war seine Mutter plötzlich hier und wieso trug sie Schwarz? Und ... und Vater auch...? Ja, verdammt nochmal, was passierte hier...?
„Sehen ist das Eine, erkennen das Andere“, war da plötzlich diese Stimme wieder da, die gleichsam aber auch den Vorhang des Vergessen-habens niederriß. Urplötzlich und überganglos wußte Markus wieder, wer er war und wer er zu Lebzeiten gewesen war. Und wo er war. Vor allem aber auch, warum er hier war ..
Aber ich lebe doch. Ich stehe hier. „Hier bin ich. Ja, seht ihr mich denn nicht, verdammt noch mal?!“
„Sehen und erkennen sind zweierlei“, war da die Stimme wieder in ihm.
„Ach, halt doch die Schnauze!“ brüllte Markus in Gedanken. Diesen Irrsinn halte ich nicht länger aus. Ist doch Irrsinn, oder? Liege ich nun in der Kiste? Bin tot? Oder jedenfalls auf dem Weg dorthin, oder was?! Bin ich tatsächlich bekloppt geworden? Kann Traum nicht mehr von Wirklichkeit unterscheiden? Ist das der Wahnsinn? Bin ICH wahnsinnig, he? Sag was! Bin ich begraben worden und stehe trotzdem hier ... ich sehe meine Leute ... meine Eltern .. in Schwarz, in Trauer ... um mich ...
„Und das hat mit mir zu tun!“ dachte er dann „laut“.
Die Reaktion kam prompt: „Du erkennst?“ kam die gedankliche Gegenfrage.
„Was heißt erkennen? Klar doch. Da sind meine Eltern, meine Verwandten, meine Freunde, ein paar Leute aus der Nachbarschaft ... aber wieso ... hey Mam, Paps? ... Jochen ...?“
Doch niemand der Angesprochenen reagiert. Wie sollten sie auch? Denn das, was sich vor Markus’ Augen abspielte, waren lediglich von Ashra, der Totenpriesterin, erzeugte Bilder, ein zeitlich versetzter Ablauf von bereits Geschehenem.
Markus jedoch sah seine Leute, wie sie stumm und in sich gekehrt über den schmalen, gepflegten Friedhofsweg Richtung Ausgang gingen ...
„Hey!“ rief er ihnen hinterher, „Hey. Seid ihr blind...?!“
Einem inneren Impuls folgend, wollte er hinterher, doch die Beine versagten ihm den Dienst. Wie angewurzelt stand Markus da und konnte nur noch den davongehenden Menschen hinterher blicken, die sich weiter und weiter vom Grab – von seinem Grab – entfernten ...
„Nicht noch länger diesen Horror!“ bat er flehentlich. „Hat denn dieser schreckliche Traum auch mal ein Ende..?!“
„Es ist kein Traum, Geliebter“, war da diese Stimme wieder in ihm. „Aber sei sicher, du wirst es verstehen lernen ... verstehen lernen müssen ...“
„Ich will aber nicht mehr, verstehst du. Ich hab’ die Schnauze voll. Endgültig. Und bis hierhin!“
Wobei er seine Hand bis unter die Kinnspitze anhob, ohne zunächst zu registrieren, dass er sich wieder bewegen konnte. Dafür registrierte es etwas, das seine Panik noch ein wenig mehr schürte: Markus sah auf seine Hand hinab – auf eine schmale, zierliche Hand, die niemals seine eigene sein konnte, die sich da seinem Kinn näherte. Das war nicht seine Hand. Er, Markus Topas, hatte eine ausgesprochene Männerhand. Nicht, dass er über eine regelrechte „Pranke verfügte, aber Mutter Natur hatte ihn mit körperlichen Vorzügen versehen, auf die so manch einer hätte neidisch werden können: groß gewachsen, breitschultrig, von muskulöser Statur ... wozu diese feingliedrige Hand absolut nicht passen konnte. Sie paßte einfach nicht ins allgemeine Erscheinungsbild.
Markus senkte den Kopf, sah an sich hinab ... blickte an ein langes, bis zum Erdboden reichendes Kleid hinunter ... die neuerliche Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenschlag:
„Ja, aber – ich bin doch keine Frau ... oh Gott, hört denn dieser Wahnsinn überhaupt nicht mehr auf... lass mich doch aufwachen ... bitte, bitte ... auf der Stelle! Sofort! Los!“
Aber Markus Topas befand sich keinesfalls in einem Traum. Vor seinen Augen lief das reale Leben ab. Geringfügig zeitversetzt, aber nichtsdestotrotz – real. Ein Leben, aus dem er geschieden war, ohne dem Tod ausgeliefert worden zu sein.
Von den Zusammenhängen ahnte er nichts und so mußte er auch fassungslos akzeptieren, dass er, statt den Davongegangenen hinterher zu eilen, sich in entgegengesetzter Richtung und mit anmutigen Schritten und ohne noch einen Blick zurück zu werfen, in Bewegung setzte...
Irrwitzige Gedanken rasten durch seinen Kopf, als er das Friedhofsgelände verließ und die Straße überquerte.
Aha, dachte er. Jetzt bin ich also tot. Und auch wieder nicht, weil ich ja lebe. Zwar nicht mehr als Mann, sondern als Frau. Und sehen kann mich anscheinend auch keiner, außer ich mich selbst. Da werd’ ich mich auch erstmal dran gewöhnen müssen...“
Und, nachdem er sich verstohlen trotz alledem in den Handrücken gekniffen und den realen Schmerz dabei verspürt hatte: „Hmm, scheint tatsächlich kein Traum zu sein. Ich bin wirklich da. Denke, wie ich immer gedacht habe, bin dem Anschein nach da und doch wieder nicht, jedenfalls nicht der, der ich mal war, beziehungsweise: der ich mal gewesen bin ... blöde Situatiion...
Hat dir wohl auch die Sprache, wie?“, wandte er sich gedanklich fragend an die „Stimme“, die er schon richtig gehend vermisste. Doch...:
„Nein, Geliebter. Ich höre dir zu. Und es erfreut mein Herz, deine Ängste schwinden zu fühlen.“
„Na, du bist mir vielleicht was besonders Liebes“, höhnte Markus in Gedanken: „Wenn du wüßtest, wie es in mir aussieht ... so richtig tobt, dann würdest du bestimmt nicht sowas sagen ...“
Wie selbstverständlich, so als „unterhielte“ er sich sich mit einem realen Gesprächspartner, nahm Markus diese geistige Stimme als reale Tatsache hin, machte sich keine Gedanken um das Warum und Wieso.
Die Frage, wieso er so reagierte, konnte er sich nicht einmal selbst beantworten. Dass ein fremdes Bewußtsein von seinem Geist, von seinem Ich Besitz ergriffen hatte und ihn steuerte, war ihm noch nicht klar ... noch nicht ...
„Dann hilf mir doch bitte einmal auf die Sprünge, ja?“, sprach Markus diese „innere Stimme“ gedanklich an: „Ich bin also tot. Und auch nicht. Oder andersrum: ich lebe, und auch wieder nicht. Ist das diese sogenannte Reinkarnation? Bin ich wiedergekommen in einem anderen Körper? Im Körper einer Frau? Und – bin ich wenigstens hübsch?“
Kaum aber hatte er diese Fragen zu Ende gedacht, schossen auch schon rein irdische Schlußfolgerungen hinterher. Und die erfüllten ihn mit beinahe gleichem Grauen, wie das bisher über ihn Hereingebrochene: Wenn er jetzt doch eine Frau war, dann würden sich möglicherweise, nein, nicht nur möglicherweise – bestimmt sogar! ... dann würden sich M ä n n e r um ihn bemühen. Und Markus dachte zumindest noch als Mann. Aber „Er“ und Männer ... – ein entsetzlicher Gedanke, einfach unaussprechlich!
Wie glockenhelles Lachen drang es da in sein Bewußtsein. „Magst du etwa keine Männer?“
„Du spinnst wohl! Was soll ich mit Männern?“
„Eine Frau braucht aber auch mal einen Mann ... hin und wieder jedenfalls ...“, ließ die Stimme ihn wissen, was Markus zu einem versonnenen Lächeln verleitete.
Ein ihm entgegen kommender Passant indes sah in das lächelnde Gesicht einer exotisch wirkenden Schönheit – denn unmerklich hatte sich die Transformation vom körperlosen Geist Markus in die körperlich reale Existenz einer Frau vollzogen!
„Du verdrehst ja schon jetzt den Männern den Kopf, Geliebter!“ lachte es da wieder in ihm. „Du solltest nicht gleich jedem Erstbesten, der deinen Weg kreuzt, ein so aufmunterndes Lächeln schenken!“
„Wer tut was? Ich?“
Ohne es eigentlich selbst zu wollen, blickte Markus sich um – und blickte geradewegs in das Gesicht des Mannes, der ihm gerade noch entgegen gekommen und nun stehengeblieben war und einer schönen Frau bewundernde Blicke nachschickte!
„Siehst du, Geliebter, was habe ich gesagt?!“
Unwillkürlich beschleunigte Markus seine Schritte. Doch ohne sein eigenes Dazutun verlangsamten sich diese auch schon wieder. Markus warf noch einmal einen kurzen Blick zurück. Der unbekannte Mann hatte ebenfalls seinen Weg fortgesetzt und sah nicht mehr zurück.
Erleichtert blies Markus leise pfeifend die Luft über die Lippen. Ein weiterer Gedanke kam ihm in den Sinn. Doch noch ehe er in der Lage war, diesen Gedanken sprachlich zu formulieren, reagierte die Stimme auch schon wieder.
„Ich werde dich schon zu einem Haus führen, in dem du aufgenommen werden wirst. Dort bist du bei einem Freund. Dort wirst du auch die Zeit und die Ruhe finden, die du für die endgültige Rückführung brauchst ...“
„Aha“, machte Markus nur. „Aber ich verstehe immer nur Rückführung ...?“
„Oh Geliebter, deine Ungeduld ...“
„Apropo Geliebter – haben wir was miteinander?“
Für Sekundenbruchteile hatte Markus den visionären Eindruck einer paradiesischern Landschaft, in der er sich befand. An seiner Seite eine Frau, wie er eine schönere nie gesehen hatte. Fremdländisch, exotisch, von makeloser Erscheinung. Eine wahre Traumfrau.
Das Bild verblasste wieder ...
Unwillkürlich schluckte Markus: „Das bist ... äh, warst du?“
„Wir, mein Geliebter, wir beide. An diesem Tag verschmolzen unsere unsterblichen Seelen zu einem ewigen Bündnis.“
Markus horchte dem Klang ihrer Stimme nach.
Paradox: Jetzt, während er es dachte, war er doch sie ... oder war sie er?
„Für den Augenblick sind wir eins, Geliebter“, drängte es sich in sein bewußtes Denken. „Das ist notwendig, um dich, um deinen Geist am Eintritt in die jenseitige Welt zu hindern. Verzeih!“
„Wieso verzeih? Menschenskind. Wenn ich dich nicht gehabt hätte“, dachte Markus in seiner typisch burschikosen Art, die er zu Lebzeiten immer an den Tag gelegt hatte, „dann läge ich doch jetzt wohl da unten und könnte mir die Radieschen von unten betrachten ... oder, äh, stimmt doch, oder...?“
„Auch wenn ich dich nicht so ganz verstehe, ich fühle, dass du mein Handeln billigst.“
Noch ehe Markus, oder vielmehr dessen geistige Existenz in einem weiblichen Körper, eine erneute Erwiderung denken konnte, „redete“ das andere Ich in ihm weiter:
„Die Zeit drängt. Öffne mir deinen Geist!“
„Was? Wie soll ich ...?“ Für einen Moment war Markus so verwirrt, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Doch dieser Bruchteil der geistigen Leere genügte Ashra, um die vollständige Kontrolle über dessen Geist und ihren gemeinsamen Körper zu erlangen und zu handeln.
„... das denn machen?“ dachte Markus seine Frage zu Ende – da fand er sich bereits in einer völlig veränderten, fremden Umgebung wieder.
Ashras Wille hatte ausgereicht, ihrer beider Seelengeister sowie den stofflichen Körper über einige hundert Kilometer Entfernung „zu transportieren“.
Hatte in der vergangenen Sekunde noch eine schöne Exotin in der kleinen Seitenstraße neben dem Friedhof gestanden – ein Gedanke hatte ausgereicht: jetzt stand sie im Vorgarten einer Villa, deren Besitzer augenscheinlich nicht am Hungertuch zu nagen hatte.
Doch nicht nur ein höchst verwundertes menschliches Wesen, das bis vor kurzem noch Markus Topas geheißen hatte, reagierte fassungslos: „Was ist denn jetzt wieder passiert...?“
Zur gleichen Zeit und nicht minder aufgeregt, zupfte fernab dieser Villa ein kleines Mädchen am Rock ihrer neben ihr gehenden Mutti:
„Boooaaah ... war die Frau ein Engel, Mami?“
„Welche Frau denn, mein Schatz?“
„Hast du sie denn nicht gesehen? Sie stand doch da vorne ... machte ihre Arme weit auseinander und – schwupp – weg war sie! ... Sie war ganz bestimmt ein Engel, oder, Mami?“
„Haaach, Kind. Was du wieder gesehen hast.“
„Sie war bestimmt ein Engel, Mami ... Engel können sich doch unsichtbar machen, oder, Mami?
„Ja, mein Schatz. Engel können sich unsichtbar machen. Das sind sie meistens ja auch sowieso.“
„Ich habe aber gerade einen gesehen, der war nicht unsichtbar ... hmmm, jetzt ist er’s schon ...Sicher, weil ihn nicht sehen dürfen, oder, Mami?“
„Bestimmt, mein Schatz. Engel haben es gar nicht gern, wenn man sie sieht und ...“
„Ob wir auch einmal Engel werden, Mami?“
Liebevoll glitt Mamis Hand über das Haar ihres kleinen und allzeit wissbegierigen Töchterleins:
„Wenn du mich weiter mit solchen Fragen löcherst, mein Schätzchen, ganz bestimmt nicht!“ lachte die Mutter. Doch die Kleine blieb hartnäckig:
„Aber wenn...“, ließ sie nicht locker, „dann werden wir ganz bestimmt auch so schön aussehen, wie ...hmm? ... Es war doch eine Frau, oder Mami? Ist sie dann eine Engelin ... oeder eine Frau Engel, Mami?“
„Oooaah! Jetzt ist aber wirklich Schluß damit, Commy! Engelin, Frau Engel...“
Aber selbst, als die beiden schon längst durch das schmiedeeiserne Tor den Friedhof betreten und das Grab eines Familienangehörigen erreicht hatten, plapperte Conny wieder von vorne los:
„Ja, aber ... wenn es doch nunmal Männer-Engel gibt ... und Frauen-Engel ... dann gibt es doch bestimmt auch Kinder-Engel ... oder, Mami ...?“
„Hmm, hmm, und Böse-Mutti-Engel auch, die einem Plapper-Engel irgendwann den Mund zukleben...“

* * * * *
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Über den Autor

Jenseitiger
Ehemann, Vater, Großvater - alles optimiert: nur eine Frau, nur einen Sohn, nur eine Tochter, nur eine Enkelin, nur einen Enkel.,, nein, seit dem 24.02.08 (kurz nach 6) sind's zwei
In Jahreszahlen: 57, 54, 35, 33, 12, 1 (Stand: 2007)

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Oona Uiii - Der zweite Teil deiner Geschichte ist äußerst lustig. Gefällt mehr. Ich vergib dir dafür wieder 5 Sterne. Bis sehr einfallsreich!
Vor langer Zeit - Antworten
Apollinaris Re: Re: Ich bin gespannt ... -
Zitat: (Original von Jenseitiger am 28.05.2007 - 18:58 Uhr)
Zitat: (Original von Apollinaris am 28.05.2007 - 18:48 Uhr) ... wie`s weiter geht.

Für diesen Teil / diese Kapitel 5 Sterne :)

Auf zu Teil / Kapitel 3 !! :)


Mit Dank entgegengenommen


... und ohne Umkosten für mich gern abgegeben
Vor langer Zeit - Antworten
Jenseitiger Re: Ich bin gespannt ... -
Zitat: (Original von Apollinaris am 28.05.2007 - 18:48 Uhr) ... wie`s weiter geht.

Für diesen Teil / diese Kapitel 5 Sterne :)

Auf zu Teil / Kapitel 3 !! :)


Mit Dank entgegengenommen
Vor langer Zeit - Antworten
Apollinaris Ich bin gespannt ... - ... wie`s weiter geht.

Für diesen Teil / diese Kapitel 5 Sterne :)

Auf zu Teil / Kapitel 3 !! :)
Vor langer Zeit - Antworten
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