Kurzgeschichte
Der fliegende Koffer

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"Der fliegende Koffer"
Veröffentlicht am 22. April 2009, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich bin eher introvertiert, liebe die Menschen, die Natur - die Literatur seit ich lesen kann (bin eine echte Leseratte) und schreibe auch selbst sehr gerne.
Der fliegende Koffer

Der fliegende Koffer

Beschreibung

... auch dieses mal möchte ich euch auf eine Reise mitnehmen, aber auf eine Reise ganz anderer Art. Lasst euch überrachen! eure Ingrid

Der fliegende Koffer
 
  

Sobald die Dämmerung hereinbrach, bettelten unsere Enkelkinder Petra, Christoph, Wolfgang und Markus: „Oma, erzähl´ uns ein Märchen!“

Ich setzte mich in den Schaukelstuhl. Die Kinder durften Kerzen anzünden und platzierten  sich erwartungsvoll auf ihren Hockern. Ich räusperte mich, klapperte mit den Stricknadeln und begann zu erzählen ....

            Manchmal waren es Geschichten, die sie schon kannten. Um die Aufmerksamkeit der Kinder anzuregen, ließ ich gelegentlich etwas aus oder fügte fremde Passagen hinzu. Meist protestierten sie sofort. Meinen Beteuerungen: „Doch, das stimmt.“, glaubten sie nicht.

           

            „Der fliegende Koffer“, begann ich eines Abends, „gehörte einem Kaufmannssohn, dem sein Vater viel Geld hinterlassen hatte. Der junge Mann aber war ein Schlendrian und Tunichtgut. In ganz kurzer Zeit hatte er mit seinen Freunden das gesamte Erbe durchgebracht. Aus großen Geldscheinen hatte er Schiffchen gefaltet und den Fluss hinunter schwimmen lassen ....“

„Nein!“, riefen die Kinder, „Er faltete Flieger und Vögel.“

Unbeirrt erzählte ich weiter: „Zuletzt besaß er nur noch einen alten Anzug und ein Paar Schuhe.“

„Falsch!“, korrigierten mich Petra und Christoph, „einen Morgenrock und Pantoffeln.“

Schuldbewusst räumte ich ein, mich geirrt zu haben, und fuhr fort:

„Eines Tages schenkte ihm ein alter Mann einen Koffer. Da unser Held aber nichts einzupacken hatte, setzte er sich selbst hinein. Gedankenverloren drehte er an dem Schloss ... und siehe da ... der Koffer hob sich mitsamt seinem Passagier in die Luft.

Zuerst wurde dem Kaufmannssohn angst und bang. Dann allerdings merkte er, dass er sein wunderliches Flugobjekt sogar steuern konnte.“

Ich hielt kurz inne, um meine Strickmaschen zu zählen.

„Weiter!“, drängten die Kinder.

Ich runzelte die Stirn, als ob ich grübelte, wie es nun wohl weiter ginge.

„Erzählt doch ihr ein Stückchen“, bat ich die Kinder, „ich habe jetzt tatsächlich den Faden verloren.“

Petra, die älteste, bemühte sich, fließend und schön zu sprechen.

„Der Kaufmann flog in die Türkei und landete auf dem Dach eines Sultanspalastes. Er kroch durch ein Fenster und lernte die wunderschöne Tochter des Sultans kennen.“

„Die war so schön“, fügte Wolfgang etwas verschämt hinzu, „dass er sich sofort in sie verliebte. Er hielt um ihre Hand an – und bald heirateten sie.“

„Ja.“, bekräftigte Markus. „Und bei den Hochzeitsfeierlichkeiten startete der Kaufmannssohn seinen Koffer und zündete in luftiger Höhe unzählige Feuerwerkskörper. Der Himmel war mit funkelnden Sternen übersät. Sie bildeten schöne Ornamente in allen möglichen Farben und fielen in Kaskaden nieder.“

„Wie bei uns zu Silvester!“, strahlte Christoph.

Petra warf ihm ob der vielen Unterbrechungen einen strengen Blick zu und erzählte weiter.

„Er ging in die Stadt und hörte, wie die Leute begeistert über das Feuerwerk sprachen – so etwas hatten sie nämlich noch nie gesehen.

Als er wieder in den Wald zurück kehrte, fand er den Koffer nicht mehr. Er war durch Funken in Brand geraten und verbrannt.“

Jetzt war es an mir, zu widersprechen.

„Nein“, erklärte ich, „der Koffer ist nicht verbrannt, den gibt es noch.“

„Wo?“, riefen die Kinder.

Ich ließ sie eine Weile raten und zappeln. Dann sagte ich: „Er steht bei uns auf dem Dachboden.“
 

Mehr von den Kindern gezwungen als freiwillig, begab ich mich mit ihnen auf den Dachboden. Im Schein einer Taschenlampe suchten wir nach dem Koffer.

Er stand völlig verstaubt in einer Ecke. Notdürftig wischten wir Staub und Spinnweben ab und betrachteten das märchenhafte Stück von allen Seiten.

„Glaubst du, dass wir alle vier darin Platz haben?“, taxierte Markus den riesigen Koffer..

„Natürlich!“, gab sich Wolfgang zuversichtlich. „Probieren wir es aus.“

Es half keine Ausrede. Diese Frage musste auf der Stelle geklärt werden. Der Schein der Taschenlampe reichte gerade noch, um eine geeignete Sitzposition im Koffer auszuprobieren.

„Jetzt müssen wir aber hinunter.“, mahnte ich. „Es ist spät, ihr müsst ins Bett.“

„Morgen aber holen wir den Koffer! Vielleicht können wir wirklich damit fliegen?“

Sie akzeptierten meinen Widerspruch nicht, als ich von einem gefährlichen Abenteuer sprach und der Angst, die ich dabei hätte.
 

            Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, wurde der kostbare Schatz geborgen.

„Wohin sollen wir fliegen?“, fragten die Kinder, als der Koffer mitten im Wohnzimmer auf dem Teppich stand.

„Kinder, Kinder! Schön langsam. Märchenstunde ist erst abends – und bis dahin haben wir sicher ein lohnendes Ziel gefunden.“

Aber die Kinder waren nicht mehr zu beruhigen.

Ich überlegte ....

Es war Winter ...also ab ins Land der Schneekönigin.

Während ich erzählte, schaukelten sich die Kinder im alten Koffer auf dem Fußboden.

Draußen vor dem Fenster tanzten Schneeflocken und der Wind heulte um das Haus.

Als ich vom kleinen Kai berichtete, den die Schneekönigin mitgenommen hatte, legte ich den Kindern eine Decke um die Schultern.

„Damit ihr nicht friert“, sagte ich, „denn jetzt kommen wir in ein Reich aus Eis und Schnee.“ – und servierte ihnen zum Aufwärmen heißen Früchtetee.
 

Das Märchen von der Schneekönigin zog sich über mehrere Tage hin.

Später besuchten wir Afrika und die vielen Großwildtiere, das Morgenland mit seinen Alabasterpalästen, den Sultans und verschleierten Prinzessinnen. Wir reisten nach Amerika und kämpften an der Seite der Indianer.

Die ganze Welt eroberten wir. Und meine Enkelkinder flogen in dem alten Koffer begeistert zu all diesen Schauplätzen.

Ohne „fliegenden Koffer“ gab es nun lange, lange Zeit kein Märchen mehr. Jeden Tag waren wir mit ihm unterwegs.
 

Und ich muss gestehen: Für mich waren es die schönsten Reisen, die ich in meinem langen Leben unternommen habe.



I.  H.    

           
  

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Ich bin eher introvertiert, liebe die Menschen, die Natur - die Literatur seit ich lesen kann (bin eine echte Leseratte) und schreibe auch selbst sehr gerne.

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mukk Re: Märchenstunde.... -
Zitat: (Original von FSBlaireau am 23.04.2009 - 13:23 Uhr) ist was wundervolles. Als Kind hätte ich glaube gerne von dir Geschichten erzählt bekommen. Großartig und sehr spannend. LG Falk


Hallo, lieber Falk, schön, dass es dir gefallen hat, und lieben Dank für das schöne Kompliment!
Sei herzlich gegrüßt von
Mukk
Vor langer Zeit - Antworten
FSBlaireau Märchenstunde.... - ist was wundervolles. Als Kind hätte ich glaube gerne von dir Geschichten erzählt bekommen. Großartig und sehr spannend. LG Falk
Vor langer Zeit - Antworten
mukk Re: wunderbar -
Zitat: (Original von Boris am 22.04.2009 - 10:41 Uhr) es wiegte mich in den Gedanken an alte Zeiten,
Kind séin ist doch sooooo schön

Danke

Boris


Oh, lieber Boris, das freut mich nun aber ganz besonders, danke dir ganz herzlich für deine lieben Zeilen.
Mit ganz lieben Grüßen
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
mukk Re: Oh welch zauberhafte -
Zitat: (Original von 3balmers am 22.04.2009 - 11:49 Uhr) Geschichte meine Liebe. Und ja, das ist genau wie mein Bild das ich kürzlich schrieb in einem Kommentar. Die Kinder die sich um Dich scharen. Ich war beim Lesen eines der Kinder. Wunderschön. Du tust uns Allen gut hier
LG Karin


Liebe Karin, danke dir ganz herzlich für dein schönes Kompliment! Es freut mich immer sehr, wenn meine Geschichten gefallen -
ganz liebe Grüße aus Wien!
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
mukk Re: Den Schluss dieser überaus lebendigen Geschichte****** -
Zitat: (Original von Phantasus am 22.04.2009 - 17:40 Uhr) glaube ich Dir aufs Wort, liebe Ingrid.
Mir gefällt besonders, dass Du Deine Enkel an dem kreativen Prozess des Erzählens beteiligt hast.
Ganz herzliche Grüße von Ekki


Lieber Ekki, herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar, aus dem der Pädagoge spricht. Habe mich über deine Zeilen sehr gefreut.
Liebe, liebe Grüße
Ingrdid
Vor langer Zeit - Antworten
mukk Re: :) -
Zitat: (Original von WortWichtel am 22.04.2009 - 21:35 Uhr) ...bei dem Anfangsbild mit den klappernden Stricknadeln mußte ich etwas schmunzeln - das klingt so, als ob Du beim Stricken nebenbei gelangweilt eine Geschichte vorträgst, dabei gehören die Stricknadeln doch nur zum Klischee der Märchenoma, oder...? ;-)

...so ein Koffer ist doch ein tolles Spielzeug, oft genügt sogar ein großer Pappkarton, und schon sitzen die Kinder in einem Flugzeug, U-Boot oder Raumschiff, jedenfalls war es in meiner Kindheit so... :)

Liebe Grüße
Uwe


Lieber Uwe, was freu ich mich, dass auch du in Pappkartons auf herrliche Abenteuerreisen gingst. Ich glaube, bin überzeugt, dass derlei Spiele die Fantasie eines Kindes richtig entfalten kann - im Gegensatz zu den heutigen Computerspielen und Fernseh-Glotzen.
Danke dir herzlich, und die liebsten Grüße
Ingrid
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Den Schluss dieser überaus lebendigen Geschichte****** - glaube ich Dir aufs Wort, liebe Ingrid.
Mir gefällt besonders, dass Du Deine Enkel an dem kreativen Prozess des Erzählens beteiligt hast.
Ganz herzliche Grüße von Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
3balmers Oh welch zauberhafte - Geschichte meine Liebe. Und ja, das ist genau wie mein Bild das ich kürzlich schrieb in einem Kommentar. Die Kinder die sich um Dich scharen. Ich war beim Lesen eines der Kinder. Wunderschön. Du tust uns Allen gut hier
LG Karin
Vor langer Zeit - Antworten
Boris wunderbar - es wiegte mich in den Gedanken an alte Zeiten,
Kind séin ist doch sooooo schön

Danke

Boris
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