Kurzgeschichte
Weltneuheit

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"Weltneuheit"
Veröffentlicht am 05. Januar 2007, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Hermann Bauer, Jahrgang 1951, lebt in seiner Geburtsstadt München. Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, Reisereportagen, Märchen und Lyrik in Büchern, Anthologien, Schulbüchern, Zeitschriften, Zeitungen und Kalendern. Sendungen im Rundfunk. Die Kurzgeschichten von Hermann Bauer zeigen großes Detailbewusstsein. Die Themen gehen über die Oberfläche hinaus. Hermann Bauer schreibt sanft und geht dabei liebevoll mit seinen Figuren um. Die ...
Weltneuheit

Weltneuheit

Weltneuheit

Genervt saß Paul in seinem Büro und schaltete gegen 23 Uhr seinen Computer aus. Er war unzufrieden. Als Softwareentwickler einer großen Firma hatte er die Aufgabe, mehrere Programmierfehler zu finden, denn das von ihm entwickelte Computer-Programm lief nicht so wie es eigentlich sollte. Seit langem war geplant, das neue Programm auf der näher rückenden Computer-Messe dem Fachpublikum vorzustellen. Ganzseitige Anzeigen waren bereits in der Presse erschienen. Paul musste also unbedingt die Fehlerquellen finden und diese korrigieren. Im Falle seines Scheiterns wäre er mit Sicherheit seinen Job los. Das konnte er sich nicht erlauben, denn er hatte eine Familie zu versorgen und jede Menge Schulden am Hals. Paul stand enorm unter Druck, er befand sich in einer Situation, die man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschen würde.
Paul zog seinen Mantel an, fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage, schritt deprimiert zu seinem Auto und fuhr in die vornehme Villengegend, in der er wohnte. Während der Fahrt stellte er seinen Lieblingsmusiksender ein und lauschte der beruhigenden klassischen Musik. Vivaldi und Smetana bauten ihn wieder etwas auf.
Paul öffnete die Eingangstüre seiner Villa. In keinem Zimmer brannte mehr Licht. Seine Familie schlief offensichtlich schon. Er schlich sich ins Wohnzimmer und ging zu seiner Hausbar – zu seinen Freunden Johnnie Walker und Jack Daniel’s, die ihm immer in schwierigen Situationen Trost spenden mussten. Mit einem halb gefüllten Whiskyglas stand Paul vor dem Fenster und starrte in den dunklen Garten. Der Vollmond faszinierte ihn. Er verzauberte die Natur mit seinem zarten Schein.
Paul dachte an vieles. Je mehr Whisky er trank, desto kleiner wurden scheinbar seine Sorgen. Er war sich sicher, die für ihn so peinliche Situation bald bereinigen zu können. Er dachte bereits an die nächsten Projekte, die möglicherweise auf ihn zukommen würden und malte sich bereits lebhaft aus, welche Auswirkungen seine neuen Ideen wohl auf dem Weltmarkt hätten. Ob er es wohl schaffen würde, Computer zu entwickeln, die mit ihrer künstlichen Intelligenz weitaus geschickter als Menschen wären? Ob Computer eines Tages die Menschen beherrschen würden und somit die Menschen nur noch Sklaven von genialen Computern wären? Vorbei wäre auch das aufwendige Lernen von Fremdsprachen. Mit einem mit dem menschlichen Gehirn kommunizierenden Chip könnte man in Zukunft spielend zwanzig, dreißig oder mehr Sprachen beherrschen. Nach jedem Schluck Whisky wurden seine Ideen verrückter und abwegiger...
Am nächsten Tag nahm Paul den penetranten Summton seines Weckers wahr. Auf dem Weg ins Bad dachte er über seine Zukunftsentwicklungen und Pläne nach, über die er am gestrigen Abend nachgedacht hatte. Eine Idee fand er besonders genial – oder war das nur ein Traum? Während Paul sich die Zähne putzte, überlegte er, ob es möglich wäre, eine Super-Uhr zu entwickeln, die wie eine normale Uhr am Handgelenk getragen werden könnte. Das Gerät hätte die Aufgabe, den Puls und die Feuchtigkeit der Haut zu messen und müsste feststellen, ob sich der Mensch wohl fühlt und Zufriedenheit ausstrahlt oder nicht. Würde es dem Menschen gut gehen, könnte die Uhr langsam dahinkriechen – der Genuss des Menschen am Schönen und Angenehmen wäre somit größer. Ginge es dem Menschen schlecht, dann sollte die Uhr schneller laufen, um das Tief oder eine Krankheit möglichst schnell zu überwinden. In Zukunft sollte es auf der ganzen Welt möglich sein, mit einem Tastendruck auf die Super-Uhr selbst zu entscheiden, ob die Zeit langsam oder schnell vergeht.
Begeistert spuckte Paul den Zahnpastaschaum ins Waschbecken. Er griff nach seinem Rasierapparat und summend strich der Rasierer über seine Bartstoppeln. Paul dachte bereits an Zielgruppen, Patentanmeldung und eine weltweite Vermarktung. Mit dieser Erfindung des Jahrhunderts sollte es möglich sein, eine eigene Firma zu gründen. Das triste Angestelltentum wäre zu Ende, er wäre oberster Chef einer Aktiengesellschaft, die weltweit Aufsehen erregen würde. Welch ein Gedanke!
Paul legte seinen Rasierapparat weg, strich sich zufrieden mit seiner linken Hand über das glatt rasierte Gesicht, sah in den Spiegel und stellte sich dabei das dumme Gesicht seines derzeitigen Chefs vor und sagte in einem unfreundlichen, barschen Ton: „Herr Kopetschek, ich kündige fristlos. Ich packe mein Radio, meinen Blumentopf und verschwinde in fünf Minuten. Ich habe die Schnauze gestrichen voll von Ihnen und dieser Firma. Machen Sie Ihren Dreck doch alleine!“
Was würde wohl Herr Kopetschek darauf sagen? Paul machte vor dem Spiegel seinen Chef in Gestik, Gesichtsausdruck und Tonfall nach: „Sie müssen aber schon die Kündigungsfrist einhalten, zumindest das laufende Projekt noch zu Ende bringen, ansonsten hätte das unangenehme Folgen für Sie.“
Paul würde darauf in einem unverschämten Ton sagen: „In fünf Minuten bin ich weg, und wenn Ihnen das nicht passt, dann sehen wir uns eben vor dem Arbeitsgericht wieder.“
Paul lachte schallend, stellte sich unter die Dusche und schäumte sich mit Duschgel ein. Ein minutenlanger, harter Wasserstrahl massierte seinen Körper. Mit einem Handtuch trocknete er sich ab und gleichzeitig kam die bittere Ernüchterung. Er sah in den Spiegel und schrie laut: „Nein, nein, nein!“ Er sah ein, dass man so eine verrückte Idee nicht verwirklichen kann – wie sollte denn das möglich sein? Dabei wäre so eine Erfindung einmalig! Alle Menschen auf dieser Welt würden davon profitieren. Das Leben hätte mit einem Schlag einen ganz anderen Stellenwert.
Seine Frau stürmte ins Badezimmer und fragte: „Was ist denn los? Warum schreist du so?“
Paul lächelte gequält und musste eingestehen: „Ich hatte im Traum eine tolle Idee – sozusagen eine Weltneuheit – da wäre voller Erstaunen der ganze Planet verstummt.“
Seine Frau kannte solche Reaktionen von ihrem Mann bereits, schüttelte deshalb nur belustigend den Kopf und meinte: „Ja, wenn das alles so einfach wäre...“

© by Hermann Bauer
Diese Geschichte ist aus dem Buch „Ein hungriger Bär tanzt nicht",
erschienen im Geest-Verlag. ISBN 3-937844-78-3
Illustration: Franziska Kuo.
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Über den Autor

Hermann
Hermann Bauer, Jahrgang 1951, lebt in seiner Geburtsstadt München. Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, Reisereportagen, Märchen und Lyrik in Büchern, Anthologien, Schulbüchern, Zeitschriften, Zeitungen und Kalendern. Sendungen im Rundfunk.

Die Kurzgeschichten von Hermann Bauer zeigen großes Detailbewusstsein. Die Themen gehen über die Oberfläche hinaus. Hermann Bauer schreibt sanft und geht dabei liebevoll mit seinen Figuren um. Die Sinnlichkeit wird oft nur angedeutet, nicht ausgesprochen und liegt zwischen den Zeilen und in Bildern. Die Geschichten regen zum Nachdenken an und zeigen neue Wege. So erreicht der Autor durch seine beobachtende und leise Teilnahme beim Leser eine ruhige Stimmung und eine positive Lebenseinstellung.

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