Humor & Satire
Wenn ein Kind nervt - Szenen in einem Restaurant

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"Wenn ein Kind nervt - Szenen in einem Restaurant"
Veröffentlicht am 09. April 2009, 8 Seiten
Kategorie Humor & Satire
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Über den Autor:

Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!
Wenn ein Kind nervt - Szenen in einem Restaurant

Wenn ein Kind nervt - Szenen in einem Restaurant

Beschreibung

Eine Kleinfamilie geht essen.

Wenn ein Kind nervt





Seine Eltern rufen ihn Nepo. Er ist sechs oder sieben Jahre alt. Es bleibt offen, ob er schon zur Schule geht. Von ihr ist nicht die Rede. Nepo ist ein lebhaftes, doch nicht hyperaktives Kind. Er ist weder ausgesprochen hübsch noch geradezu hässlich – ein recht durchschnittliches Kind, so scheint es, als sie an einem Sonntagabend das Restaurant betreten. Sie wählen einen Tisch in einer ruhigen Ecke. In ihrer Nähe sitzt nur ein einzelner Gast.

     Seine schlanke und ernsthafte Mutter hat dominante Züge, eine Personifizierung des Begriffs treibende Kraft. Im Gespräch mit Nepos Vater gibt sie die Stichworte. Er geht gewöhnlich darauf ein, doch manchmal mit Anzeichen leichter Erschöpfung. Ihr Alter ist kaum zu bestimmen. Er scheint Anfang dreißig zu sein, hat früher Sport getrieben, doch jetzt lassen Beruf und Familie dafür keine Zeit mehr übrig. Da ist schon eine gewisse Schwerfälligkeit.

     Sie schauen kaum in die Karte, bestellen gleich. Darüber, was man essen möchte, wird nicht diskutiert, auch nicht mit Nepo. Sie wissen es alle schon. Als der Wirt sich mit den Menükarten vom Tisch entfernt, steht Nepo auf und beginnt, in der Gaststube herumzuwandern. Er beschränkt sich dabei auf die nähere Umgebung. Da sind zwei Stufen, die zu einer Balustrade führen. Nepo läuft hinauf, läuft hinunter. Er übt Weitsprung.

     „Nepo!“ schallt es aus dem väterlichen Mund. „Du kommst sofort zurück an den Tisch!“ Nepo reagiert wie ein Hund, der, wenn er ausgeführt wird, auf einer Wiese anfängt, ein Loch zu buddeln, tiefer und immer tiefer. Herrchen hinterherlaufen, das kann er immer noch. Nepo läuft jetzt auf der Balustrade um einen Tisch herum und probiert, wie schnell er das tun kann, ohne hinzustürzen.

     „Nepo!“ Es hört sich schon sehr gereizt an. Nepos Mutter sagt: „Ach, lass ihn doch.“ Dann reden sie weiter über das Geschäft. Sie reden hier nur über das Geschäft. Nepos Vater ist ein kleiner Selbständiger in der Baubranche, ein Subunternehmer, er verlegt Fußböden. Er wartet auf kurzfristige Aufträge und wenn er einen bekommt, stellt er schnell einen Arbeiter dafür ein. Seine Frau hat alle Daten im Kopf. Sie sagt ihm, wann er wo anfangen muss und bis wann er fertig zu sein hat. Sie kennt die in der nächsten Woche auszuführenden Arbeiten. Sie sagt ihm, wen er jetzt gleich anrufen muss. Nepos Vater führt ein, zwei, drei Gespräche. Er verabredet sich mit einem Gesellen, sagt ihm, wo er ihn am Dienstag abholen wird. Sein Tonfall ist jetzt viel verbindlicher, freundlicher geworden. Er gibt sich Mühe im Beruf, mehr als im Familienleben. Vielleicht ist er auch davon erschöpft.

     Es ist sozusagen ein Arbeitsessen. Und Nepo springt im Lokal herum, fällt einmal hin und steht sofort wieder auf, ohne zu brüllen – ein richtiger kleiner Mann. Inzwischen ist seiner Mutter etwas eingefallen: „Du musst ihm noch …“ sagt sie. Der Vater ruft den Arbeiter sofort wieder an und seine Stimme nimmt im Gespräch erneut diese freundliche Färbung an, die man sonst an ihm vermisst. Nepo arrangiert jetzt auf der Balustrade den Blumenschmuck neu.

     „Nepo, Nepo!“ – „Ach, lass ihn doch.“

     Nepo hat plötzlich seinen Fußball in der Hand und schmeißt ihn in Richtung des Butzenscheibenfensters. Der Ball springt zurück und Nepo schießt ihn auf die Balustrade, jagt dem Ball hinterher. Da sind sich seine Eltern einmal einig: „Ball spielen läuft hier nicht. Hierher, setz dich hin“, sagt die Mutter. Nepo gehorcht.

     „Bist du müde, Nepo?“ fragt seine Mutter jetzt. Wie kommt sie darauf, das würde ihr so passen. Übrigens bleibt es die einzige Frage, die sie hier an ihn stellt. Und Nepos Vater trinkt Bier und schweigt. Hoffentlich kommt das Essen bald. Nepo dreht sich um und kniet sich auf die Sitzbank und schaut durch die Gitterstäbe der Rückenlehne auf den einzelnen Gast am Nachbartisch. Sie mustern sich. Nepo schneidet keine Grimassen dabei, er ist nur neugierig.

     Die Gerichte werden serviert. Dann essen alle drei. Jetzt ist es ein einträchtig und schweigend verzehrender kleiner Familienverband, so wie man es von den meisten Arten der Säugetiere kennt. 

 

 

 

 

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Hörbuch

Über den Autor

Abendschoen
Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

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Abendschoen Re: -
Zitat: (Original von Carolyn2 am 27.07.2012 - 19:29 Uhr) Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen - du hast die Szene klasse beschrieben, ich konnte mir alles lebhaft vorstellen. Wirkt auf mich fast wie ein Text von Kishon!

LG Dörte

Danke, Dörte, sehr schmeichelhaft für mich. Und nun hab ich ein Problem: noch nie etwas von Kishon gelesen.

Schönen Abendgruß
Arno
Vor langer Zeit - Antworten
Carolyn2 Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen - du hast die Szene klasse beschrieben, ich konnte mir alles lebhaft vorstellen. Wirkt auf mich fast wie ein Text von Kishon!

LG Dörte
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Re: Also da muss ich Gunda recht geben! -
Zitat: (Original von KleinerFalke am 13.01.2012 - 01:57 Uhr) Ich finde es unfair das Kind als nervend zu bezeichnen.
Offensichtlich haben es die Eltern es versäumt ihrem Sprößling einiges mit auf den Weg zu geben. Die lassen sich ja nicht wirklich stören. Und ganz ehrlich?? Ich finde das auch nicht schlimm. Gut, ein Fußball gehört nicht in ein Restaurant. Aber warum sollte ein KInd von Anfang bis Ende still auf dem Stuhl sitzen sollen? Erwachsene tun das auch nicht. Meistens haben sie jemanden um sich zu unterhalten. Ein KInd das sich selbst beschäftigt ist sstörend, aber Erwachsene, die früher in Restaurants geraucht haben, wurden hingenommen????
Von KIndern wird oftmals zu viel verlangt, vor allem wenn die Situation für sie neu ist. Unsere Gesellschaft ist oft, was das Verhalten von Kindern angeht, viel zu selbstbestimmend. Jeder meint seinen Senf dazugeben zu müssen, wenn es die Situiation es zulässt. Viele spielen sich als Ersatzeltern auf, weil die Eltern es andern tun, als sie es selber tun würden.

Lasst Kinder doch einfach Kinder sein!! Und vergesst nicht: Ihr wart alle selber Kind, oder habt womöglich welche!


LG
Kleiner Falke

Kleiner Falke, ich kann nur wiederholen, was ich unten Sophie schon geantwortet habe: Genervt war im Restaurant außer den Eltern keiner, wie man dem Text auch entnehmen kann. Ich finde es eigenartig, dass die Leser sich offenbar vom absichtlich provozierenden Titel aufs falsche Gleis schieben lassen und sich hier gar nicht vorhandene missbilligende Gäste imaginieren.

Arno Abendschön
Vor langer Zeit - Antworten
KleinerFalke Also da muss ich Gunda recht geben! - Ich finde es unfair das Kind als nervend zu bezeichnen.
Offensichtlich haben es die Eltern es versäumt ihrem Sprößling einiges mit auf den Weg zu geben. Die lassen sich ja nicht wirklich stören. Und ganz ehrlich?? Ich finde das auch nicht schlimm. Gut, ein Fußball gehört nicht in ein Restaurant. Aber warum sollte ein KInd von Anfang bis Ende still auf dem Stuhl sitzen sollen? Erwachsene tun das auch nicht. Meistens haben sie jemanden um sich zu unterhalten. Ein KInd das sich selbst beschäftigt ist sstörend, aber Erwachsene, die früher in Restaurants geraucht haben, wurden hingenommen????
Von KIndern wird oftmals zu viel verlangt, vor allem wenn die Situation für sie neu ist. Unsere Gesellschaft ist oft, was das Verhalten von Kindern angeht, viel zu selbstbestimmend. Jeder meint seinen Senf dazugeben zu müssen, wenn es die Situiation es zulässt. Viele spielen sich als Ersatzeltern auf, weil die Eltern es andern tun, als sie es selber tun würden.

Lasst Kinder doch einfach Kinder sein!! Und vergesst nicht: Ihr wart alle selber Kind, oder habt womöglich welche!


LG
Kleiner Falke
Vor langer Zeit - Antworten
SophiePusterhofer Re: Re: - - also das mit Aufmerksamkeit schinden, ist dir gelungen :-)

lg sophie


Zitat: (Original von Abendschoen am 12.04.2009 - 20:32 Uhr)
Zitat: (Original von SophiePusterhofer am 12.04.2009 - 19:05 Uhr) leider gibt es Eltern, die ihren Kindern kaum Zeit und Raum geben um sich zu entfalten. Was dabei an Wissen und Erfahrung während der Kindheit verloren geht, wird unterschätzt; und man vergisst das Kd zur Eigenständigkeit und Selbstständigkeit zu erziehen; und irgendwann wundern sie die Eltern warum ihr Kd nicht fähig ist ein selbstständiges produktives Leben zu führen und gestalten...

Leider sehe ich in meiner Arbeit mit Kindern viel; und frage mich, warum viele Eltern heutzutage nicht mit der Erziehung ihrer Kinder zu recht kommen und warum immer mehr "die Nichterziehung" gefragt ist.
Aber vielleicht ist es bei euch in Deutschland anders..

Trotz allem..
Lieber Arno, ich finde deinen Text sehr gut.
Schön, dass du dich mit diesem Problem auseinandersetzt...
Mir persönlich, passt die Überschrift dazu nicht. Ich müsste hinterfragen: Warum nervt das Kind? Nervt das Kind oder sind nur die Eltern genervt? man könnte darüber diskutieren ;)

Alles Liebe und schöne Ostern, Sophie
Danke, Sophie, für den ausführlichen Kommentar. Deine Frage wegen des "Nervens" beantworte ich so: Der Beobachter war natürlich ich selbst. Mich hat das Kind in keiner Weise genervt, ich habe es nur interessiert beobachtet. In der Nähe saßen keine weiteren Gäste, die sich hätten gestört fühlen können. Nur die Eltern machten auf mich einen leicht genervten Eindruck. Mit dem etwas übertriebenen Titel wollte ich Aufmerksamkeit schinden. - Arno Abendschön -
Vor langer Zeit - Antworten
Abendschoen Re: - -
Zitat: (Original von SophiePusterhofer am 12.04.2009 - 19:05 Uhr) leider gibt es Eltern, die ihren Kindern kaum Zeit und Raum geben um sich zu entfalten. Was dabei an Wissen und Erfahrung während der Kindheit verloren geht, wird unterschätzt; und man vergisst das Kd zur Eigenständigkeit und Selbstständigkeit zu erziehen; und irgendwann wundern sie die Eltern warum ihr Kd nicht fähig ist ein selbstständiges produktives Leben zu führen und gestalten...

Leider sehe ich in meiner Arbeit mit Kindern viel; und frage mich, warum viele Eltern heutzutage nicht mit der Erziehung ihrer Kinder zu recht kommen und warum immer mehr "die Nichterziehung" gefragt ist.
Aber vielleicht ist es bei euch in Deutschland anders..

Trotz allem..
Lieber Arno, ich finde deinen Text sehr gut.
Schön, dass du dich mit diesem Problem auseinandersetzt...
Mir persönlich, passt die Überschrift dazu nicht. Ich müsste hinterfragen: Warum nervt das Kind? Nervt das Kind oder sind nur die Eltern genervt? man könnte darüber diskutieren ;)

Alles Liebe und schöne Ostern, Sophie
Danke, Sophie, für den ausführlichen Kommentar. Deine Frage wegen des "Nervens" beantworte ich so: Der Beobachter war natürlich ich selbst. Mich hat das Kind in keiner Weise genervt, ich habe es nur interessiert beobachtet. In der Nähe saßen keine weiteren Gäste, die sich hätten gestört fühlen können. Nur die Eltern machten auf mich einen leicht genervten Eindruck. Mit dem etwas übertriebenen Titel wollte ich Aufmerksamkeit schinden. - Arno Abendschön -
Vor langer Zeit - Antworten
SophiePusterhofer - - leider gibt es Eltern, die ihren Kindern kaum Zeit und Raum geben um sich zu entfalten. Was dabei an Wissen und Erfahrung während der Kindheit verloren geht, wird unterschätzt; und man vergisst das Kd zur Eigenständigkeit und Selbstständigkeit zu erziehen; und irgendwann wundern sie die Eltern warum ihr Kd nicht fähig ist ein selbstständiges produktives Leben zu führen und gestalten...

Leider sehe ich in meiner Arbeit mit Kindern viel; und frage mich, warum viele Eltern heutzutage nicht mit der Erziehung ihrer Kinder zu recht kommen und warum immer mehr "die Nichterziehung" gefragt ist.
Aber vielleicht ist es bei euch in Deutschland anders..

Trotz allem..
Lieber Arno, ich finde deinen Text sehr gut.
Schön, dass du dich mit diesem Problem auseinandersetzt...
Mir persönlich, passt die Überschrift dazu nicht. Ich müsste hinterfragen: Warum nervt das Kind? Nervt das Kind oder sind nur die Eltern genervt? man könnte darüber diskutieren ;)

Alles Liebe und schöne Ostern, Sophie
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Abendschoen Re: Es ist schon verrückt, -
Zitat: (Original von Seni am 10.04.2009 - 11:20 Uhr) wie sehr wir von anderen Menschen im Leben geprägt werden: von Eltern, Familie, von Freunden, von Geliebten... die Einflüsse sind enorm und etliche Defizite, die sich daraus ergeben können sich fatal auf die Persönlichkeitsbildung auswirken. Natürlich sind wir auch deswegen einmalig, weil jeder unter anderen Menschen und anderem Umfeld aufwächst, aber andererseits sollte man auch vor Augen haben, wie viel man im Umgang mit anderen falsch machen kann!

Die Instanz der Eltern scheint hier zu versagen, doch vermutlich muss man auch deren Hintergründe, die zu einer solchen Entwicklung führten, nicht unbetrachtet lassen.
Ausgesprochen guter, sozialkritischer Text - aus dem Leben gegriffen.
Verstehe lediglich die Einordnung (Textsorte) nicht.

Besten Gruß
Ines
Danke, Ines, für die vielen zusätzlichen Gedanken. Tja, die Einordnung macht mir hier gelegentlich Schwierigkeiten. - Arno Abendschön -
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Abendschoen *deleted* - Kommentar vom Autor gelöscht
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