Biografien & Erinnerungen
Mein Tagebuch - Ein ehrenwertes Haus

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"Renate"
Veröffentlicht am 23. November 2022, 16 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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http://www.mystorys.de

Über den Autor:

...ich bin Ines, geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, nach der Grenzöffnung und seit dem Auszug meiner 3 Kinder viel unterwegs, woraus sich auch mein spitz- und username vagabundinchen (vagabund + inchen) ergibt. Ich bin ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann (wenn ich das von mir selbst behaupten darf), meine Hobbys sind lesen, schreiben, Fahrrad fahren, wandern, angeln, zelten ...und alles, was Spaß macht. Ich mache ein paar Mal ...
Renate

Mein Tagebuch - Ein ehrenwertes Haus

Ein ehrenwertes Haus




Renate



Mit einer Woche Verspätung möchte ich euch heute von Renate erzählen. Renate war die Mutter von meinem Nachbarn Andre und litt unter der gleichen Krankheit wie er. Kein Wunder, ist dieses mysteriöse Nervenleiden ja auch wahrscheinlich vererbbar. Und Renate hatte es an Andre weitergegeben. Bei ihr schritt die Erkrankung jedoch weniger schnell und dramatisch voran. Von meinem Einzug in das Haus bis zu ihrem Tod konnte ich sie ungefähr 3 Jahre kennenlernen. Und eines sage ich

euch: Wenn es an manchen Tagen schon schwierig war, mit Andre klarzukommen, so war das gar kein Vergleich zu Renate ihrem Verhalten. Andre hatte nur manchmal seine depressiven Phasen, an denen er auch verbal aggressiv werden konnte. Aber das habe ich irgendwie auch verstanden. Schließlich hatte er kein leichtes Leben, einerseits mit seiner Krankheit und andererseits auch, weil er durch sie zum Nichtstun verurteilt wurde. Und wenn ich schreibe, zum Nichtstun, dann meine ich das auch genauso. Denn je mehr sich die Symptome verschlimmerten, desto weniger konnte er seine Hände kontrolliert bewegen. Und so blieb ihm

nicht weiter übrig, als wirklich den ganzen Tag im Rollstuhl zu sitzen und auf den Fernseher zu schauen. Spielen am PC oder lesen ging nicht, sogar das Essen wurde fast unmöglich. Bei Renate verlief die Krankheit wie gesagt etwas milder. Sie hatte nicht so den großen Tatterich und konnte ihre Bewegungen die meiste Zeit über noch selbst steuern. Doch auch sie saß den ganzen Tag im Elektro-Rollstuhl. Bei ihr war das Lungensystem extrem von der Krankheit betroffen und so hing sie fast 16 Stunden am Tag an einer Sauerstoffmaschine. Der Kasten war so groß wie ein Nachtisch und brummte echt

laut. Am oberen Ende war ein langer Schlauch angebracht, den sich Renate dann in die beiden Nasenlöcher steckte. Wie man das halt von der Notaufnahme oder Krankenhausserien her kennt. Jedoch hinderte sie das nicht daran, wie ein Schlot zu rauchen. Wirklich eine nach der anderen. Oftmals hab ich sie beobachtet, wie sie sich mit dem Stummel der gerauchten Zigarette eine neue Kippe anzündete. 3 Schachteln am Tag waren ihr normales Pensum... sofern das Geld dafür da war. Auch auf die Gefahr hin, dass die ganze Bude inklusive Renate in die Luft fliegt. Denn Sauerstoffgerät und offene Flamme

vertragen sich mitunter nicht so gut. Und bevor sie ihre Zigaretten reduzierte, sparte sie lieber an Lebensmitteln. Mit Rente, Wohngeld und aufstockender Sozialhilfe reichte ihr Geld meist nur 2-3 Wochen. Spätestens in der letzten Woche im Monat lebte sie täglich von 3-4 Marmeladentoasts, literweise Billig-Cola und 2 Schachteln Zigaretten. Und wenn gar nichts mehr ging, dann versuchte sie die Nachbarschaft anzupumpen. Aber meist ohne großen Erfolg. Denn Renate war nicht gerade ein umgänglicher Mensch. Sie hockte den ganzen Tag in ihrer blau vernebelten

Einraum-Wohnung, schaute grimmig drein und schimpfte lautstark über Gott und die Welt. Und über jeden, den sie kannte. Auch bei ihr weigerten sich die Pflegedienste häufig, aufzuräumen. Was zwar überhaupt nicht ging, aber ich irgendwie auch verstehen konnte. Wer will schon gerne in so eine Räucherhöhle kommen, die nie gelüftet oder aufgeräumt wurde und sich dann noch beleidigen zu lassen. Renate hatte einen kleinen schwarzen Hund, der mich an einen Zwergschnauzer-Mischling erinnerte. Wie der heißt, weiß ich gar nicht mehr. Aber der kleine Kerl tat mir mächtig

leid. Ich will nicht wissen, wie dem seine Lunge ausgesehen hat, so als Passiv-Mitraucher. ER bekam zwar Fressen, genau wie Frauchen nur das Billigste, aber immerhin. Kamm, Bürste oder Krallenknipser hat der arme Kerl aber nie gesehen. Sein Geschirr hatte er Tag und Nacht um, weil Renate wohl nicht in der Lage war, das Geschirr an- und abzulegen (oder es nicht wollte). Mir tat der Kleine nur leid. Und so erklärte ich mich eines Tages bereit, mit dem Hund 3x am Tag ums Haus zu laufen. Denn Renate war irgendwie gestürzt und hatte sich den Fuß gebrochen. Angeblich schaffte sie es

danach nicht, regelmäßig die Hunderunde zu absolvieren. Was ich komisch fand, weil sie ja im E-Rollstuhl saß und ihren schmerzenden Fuß ja gar nicht benutzen musste. Ihre Hände waren ja in Ordnung und die Bedienung des Rollis daher zu schaffen. Aber als Andre mir erzählte, dass der Zwerg jetzt gar nicht mehr ausgeführt wurde und auf dem Balkon seine kleinen und großen Geschäfte erledigen wurde, da übernahm ich natürlich die Spaziergänge. Ich dachte, das sei keine große Sache. War der alte Hund ja sowieso nur die Runde um das Haus gewohnt. Und da ich selbst einen Hund

hatte, dachte ich so in meinem „jugendlichen“ Leichtsinn, dass es also gar keine zusätzliche Arbeit für mich sei. Weit gefehlt. Schnell stellte sich heraus, dass der Kleine nicht machen konnte, wenn ein anderer Hund in der Nähe war. Also musste ich erst mit meinem Fox laufen und anschließend mit dem Renates Vierbeiner. 3 bis 4 Mal am Tag. Und da der nur so kleine Trippelschritte machte, einerseits weil er ja klein war und andererseits, weil er alt war und Gelenk-krank, dauerte auch die kleine Runde ewig. Bei jedem Wetter.

Aber ich dachte, so zwei, drei Wochen kann ich das schon machen, bis es Renate wieder besser geht. Doch irgendwie wurde das nie besser. Die nächsten 3 Monate war es für sie eine Selbstverständlichkeit, dass ich vorbei kam und mich um den Hund kümmerte. Natürlich unentgeltlich. Bis es mir dann reichte, weil ich mich nur ausgenutzt fühlte und meinte, dass ich ab nächste Woche keine Zeit mehr hätte. So konnte sie sich seelisch darauf vorbereiten, dass sie sich wieder alleine um ihren Hund kümmern musste.

Ich bin ja wirklich hilfsbereit und willig, überall mal einzuspringen. Aber wenn man dann nicht mal ein Dankeschön bekommt und immer vorausgesetzt wird, dass man da ist, dann kann auch ich anders. Noch dazu, wenn man dann auch noch undankbar angebrubbelt wird. Es dauert, bis ich was sage, aber dann bin ich auch konsequent. Wenige Monate später verstarb Renate und auch ihr Hund wurde eingeschläfert, da er mehrere Krebsgeschwüre am Bauch und in der Lunge hatte, die bestimmt schmerzhaft und nicht mehr behandelbar

waren. Tja, das starke (Mit-)Rauchen kann auch für die Vierbeiner tödlich sein. Armer Kerl, aber ich glaube, das war vielleicht auch besser so für ihn.

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Über den Autor

vagabundinchen
...ich bin Ines, geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, nach der Grenzöffnung und seit dem Auszug meiner 3 Kinder viel unterwegs, woraus sich auch mein spitz- und username vagabundinchen (vagabund + inchen) ergibt. Ich bin ein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann (wenn ich das von mir selbst behaupten darf), meine Hobbys sind lesen, schreiben, Fahrrad fahren, wandern, angeln, zelten ...und alles, was Spaß macht. Ich mache ein paar Mal in der Woche Linedance und probiere gerne mal was Neues aus. Freundschaften sind mir sehr wichtig. Wenn ihr mir schreiben wollt, dann traut euch ruhig. Ich beiße nicht.
Ansonsten viel Spaß beim Lesen...

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Bleistift 
"Renate..."
In der Tat, das ist echt hastig. Auch ich kenne eine 'Renate' im Rollstuhl,
mit MS im fortgeschrittenen Stadium, aber die ist zum Glück trotz ihrer schweren Erkrankung die Liebenswürdigkeit in Person... ...smile*
LG
Bleistift :-)
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vagabundinchen ja, diese Menschen haben es nicht leicht. Dennoch machen sie es sich noch schwerer, wenn sie nur brubbelnd und auf alles und jeden schimpfend durchs Leben "gehen". Das ist schade, wenn sie allen so vor den Kopf stoßen und keiner mehr was mit ihnen zu tun haben wollen. Denn im Grunde genommen gibt es doch viele, die helfen würden. Aber jeder entscheidet selbst, wie er leben möchte.
Lieben Gruß
Ines
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