Krimis & Thriller
Angstwahn - Leseprobe

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"Er kennt deine größte Angst..."
Veröffentlicht am 31. Oktober 2022, 60 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren. Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten. 2014 durfte sie ihren Debütroman "Angstwahn" im Zuge der Leipziger Buchmesse vorstellen. Ende 2019 machte sie sich nebenberuflich selbstständig. Daraufhin erschien ihre spannende Psychothrillertrilogie ("Angstwahn", "Mondsucht" und "Hetzjagd"). Ab 2021 arbeitete sie als selbstständige Vollzeit-Autorin ...
Er kennt deine größte Angst...

Angstwahn - Leseprobe

Angstwahn (LeseprobE)


Erster Part Einem Kind, das sich im Dunkeln fürchtet, verzeiht man gerne. Tragisch wird es erst, wenn Männer das Licht fürchten. (Platon)


Prolog Hier finden sie mich mit Sicherheit nicht, dachte Tom vor freudiger Aufregung zitternd und kauerte sich hinter den alten, seitlich liegenden Stamm einer

Buche. Der Baum war vorige Woche während eines Unwetters aus dem Boden gerissen worden und diente dem Jungen nun als perfektes Versteck. Marla und die anderen würden ihn dieses Mal besonders lange suchen müssen, da er tiefer in den dichten Wald gelaufen war. Zwar wusste er insgeheim, dass seine Schwester ihn überall aufspürte, egal wo er sich befand, doch der Gedanke daran, dass sie es eines Tages nicht mehr schaffte und schließlich aufgeben musste, reizte ihn immerzu. Die Hoffnung starb bekanntermaßen zuletzt. Marla war drei Jahre älter als er, und

auch die weiteren Mitglieder des Clubs überragten ihn nicht bloß körperlich. Tom fühlte sich häufig ausgeschlossen. Mit seinen lächerlichen acht Lebensjahren war er nach Meinung der anderen ein Niemand. Und doch hing er an seiner Schwester und ihren Freunden. Sie waren die Einzigen, mit denen er näher bekannt war. Er verstand sich nicht gut darauf, neue Freundschaften zu schließen. Armselig hatte das Mädchen sein Verhalten beschrieben. Er verzog sich nach der Schule meistens in ihr gemeinsames Zimmer und träumte vor sich hin oder malte. Tom war einsam, und das wusste er. Ablenkung fand er in lustigen Büchern und Bildergeschichten.

Manchmal schaffte er es sogar, über mehrere Stunden darin zu versinken und die Welt um sich herum wie mit einem Lichtdimmer langsam auszublenden. Die kalte, grausame Welt da draußen. Er hasste sich dafür, dass er so dachte, doch er konnte nicht anders. Bisher waren seine Eltern fünfmal mit den beiden Geschwistern umgezogen. Immer in eine neue Stadt, da sein Vater des Öfteren den Beruf wechselte. Sie waren hoch verschuldet, was Tom nur am Rande mitbekam und nicht vollständig verstand. Erwachsenenthemen langweilten ihn außerdem. Es begann zu nieseln. Mistwetter, fluchte er stumm und grub

seine Finger tief in die weiche Erde neben sich. Wildschweine hatten diesen Teil des Waldes vor Kurzem passiert, erkannte er. Es würde bald dämmern, was den Jungen beunruhigte. Tom fürchtete sich in der Dunkelheit. Marla hatte das vor zwei Jahren während einer Nachtwanderung der Familie herausgefunden. Für ihren Bruder hatte sich dieser Ausflug als nicht besonders witzig herausgestellt und war stattdessen zum Anfang eines Martyriums geworden. Er schüttelte den Kopf, um jegliche Erinnerung daran zu verscheuchen. Der Regen verstärkte sich, und immer noch war nichts zu hören außer den

Geräuschen des Waldes. Das rauschende Blätterdach, die unheimlichen Tierstimmen und Toms eigenes Herz, welches heftig gegen den Brustkorb des Jungen trommelte. Er schluckte schwer und spürte Schweißperlen auf seiner Stirn. Es war bereits finsterer als vor einer Viertelstunde, und die Äste warfen düstere Schatten auf den Boden zu seinen Füßen. Er würde aus seinem Versteck kommen und aufgeben müssen, was er zutiefst bedauerte. Marla hätte in diesem Fall erneut einen Grund, sich über ihn lustig zu machen. Genauso wie Niklas, der Stärkste und gleichzeitig Schlimmste unter ihnen. Der Teenager hatte den lieben Tag lang nichts

Besseres zu tun, als Jüngere wie Tom zu schikanieren. Er passte perfekt zu Marla. Selbst mit nur acht Jahren erkannte Tom, dass sie etwas für Niklas übrig hatte. Igitt. Er schüttelte sich bei diesem Gedanken angewidert und schaute in den Abendhimmel, den er kaum zwischen den eng stehenden Baumkronen ausmachen konnte. Es war ein wunderschöner Tag gewesen. Das Klima war angenehm, und die Blätter strotzten vor Grün. Und doch schlich sich ein ungutes Gefühl in seine Eingeweide. Er spürte wieder Panik in sich aufkeimen. Was, wenn sie nicht kämen? Würde er

sich dann die Blöße geben und zum Haus zurückkehren? Niemals, entschied er energisch. Er war kein Angsthase, und das wollte er den anderen heute beweisen. Erst recht Klara. Sie war das netteste Mitglied im Freundeskreis seiner Schwester. Vielleicht lag es daran, dass sie, sollte man ihn nicht dazuzählen, auch das jüngste war. Er konnte sie gut leiden, was selten bei ihm passierte. Meistens mied er engeren Kontakt zu Fremden. Und sie war eine Fremde. Genau wie all die anderen. Aber Klara hatte die Angewohnheit, sich im Hintergrund zu halten und den Rest der Clique seine

Späße machen zu lassen, ohne selbst dabei die treibende Kraft zu sein. Sie war lediglich eine Zuschauerin. Tom glaubte sogar, etwas wie eine Seelenverwandte in ihr gefunden zu haben. Er war genauso feige und still wie sie, und das Mädchen musste ebenfalls Gemeinheiten gegen sich ertragen. Sie wurde bereits mehrmals als Mauerblümchen bezeichnet. Tom begriff nicht recht, was dieses Wort bedeutete, doch es trieb Klara jedes Mal Tränen in die Augen. Und trotzdem gehörte sie, ganz im Gegensatz zu ihm, dazu. Die Gruppe bestand neben Tom aus insgesamt acht Personen: Phil, der Vierte im Bunde, war der beste Freund von

Niklas und steckte mit ihm unter einer Decke, wenn es um Sticheleien gegen Schwächere ging. Die beiden waren wie Pech und Schwefel, obwohl man sie unter normalen Umständen niemals miteinander in Verbindung gebracht hätte. Stephie würde sich nach Meinung von Tom wahrscheinlich zu dem entwickeln, was die Erwachsenen eine Hure nannten. Der Junge hatte seinen Vater vor längerer Zeit über die kaum erwachsenen Frauen in den hohen glänzenden Stiefeln schimpfen gehört und sich dieses Bild bis auf Weiteres eingeprägt. Jedenfalls hielt sie sich bereits jetzt in Kreisen der Gesellschaft auf, die man sonst eher

mied, rauchte heimlich und nahm auch andere, härtere Drogen. Tom war ihr mehrmals gefolgt, als sie sich neuen Stoff in dunklen, schlecht riechenden Gassen in der Innenstadt beschafft hatte. Nina war in seinen Augen eine brutale, fettleibige Kuh, die sich einbildete, in näherer Zukunft weniger als Klara zu wiegen. Auf alle Fälle musterte sie das Mädchen immer häufiger abwertend und mit einem neidischen Blick von oben bis unten. Zu guter Letzt gab es noch Janine und Franzi, mit denen Tom kaum in Berührung kam. Er wusste nur, dass Franzi eine Klasse wiederholen musste, da sie regelmäßig schlimme Gerüchte in

Umlauf gebracht hatte, was manche Eltern noch heute beunruhigte. Janine hingegen war unscheinbar, doch ihre Blicke hätten töten können. Tom bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn sie ihn nur ansah. Er verabscheute diese Menschen zutiefst, und dennoch waren sie es, mit denen er die meiste Zeit verbrachte. Nur Klara machte einen anderen Eindruck auf ihn, und er fühlte sich sofort besser, wenn sie in seiner Nähe war. Vielleicht war sie der Grund dafür, dass er noch nicht das Weite gesucht hatte. Die Finsternis brach über ihn herein wie ein schnell wirkendes Gift, das seinen Körper erfasste. Dieser versteifte sich

schlagartig. Der Junge ließ den Blick ängstlich umherwandern. Niemand war zu sehen oder zu hören. Weit entfernt vernahm er eine Eule, ansonsten war alles still. »Hallo?«, krächzte er mit ausgetrockneter Kehle. Toms Lippen begannen zu beben. Die gewohnte Panik breitete sich in ihm aus und ließ ihn nicht mehr los. Er klammerte die Arme fest um seine zitternden Beine. Ihm war auf einmal furchtbar kalt. »Marla? Klara? Phil?« Keine Antwort. Salzige Tränen kitzelten in seinen Augenwinkeln. Letztendlich konnte er

sich das Weinen nicht mehr verkneifen. Er war allein im Wald und nicht imstande, sich fortzubewegen. Seine Glieder waren wie erstarrt und folgten keinem seiner Befehle. »Marla …«, drang ein Heulen aus den Tiefen seines Mundes. Er schniefte laut und verbarg das Gesicht zwischen den Händen. Plötzlich hörte er ein Knacken und schreckte hoch. Vor Angst stockte ihm der Atem. Da war etwas direkt hinter ihm. Aufgrund der Dunkelheit konnte er allerdings nichts erkennen, was sich weiter als zwei Meter von ihm entfernt befand. Seine tränennassen Augäpfel rollten wild in ihren Höhlen und suchten

die Umgebung nach der Quelle des unheimlichen Geräuschs ab. Wieder ein Knacken, dieses Mal lauter. Es kam näher. Starr vor Schreck setzte Toms Atmung aus. Seine Blase entleerte sich wie von selbst, und er schluchzte bitterlich. »Buuuuuuuuuuh!«, rief eine geisterhafte Stimme direkt an seinem Ohr. Tom schrie so laut wie nie zuvor. Dann machte er einen Satz zur Seite und blickte seiner Schwester Marla mitten ins Gesicht. Die anderen standen um sie herum und grinsten breit. Tom verdaute die Situation nur langsam. Er hatte immer noch schreckliche Angst. »Denkst du wirklich, dass wir nicht

wussten, wo du steckst?«, lachte Niklas hämisch. »Verdammt, bist du dumm.« »Wir haben dich hier einfach lange genug warten lassen. Ich weiß ja, wie viel Schiss du vor dem Keller bei uns zu Hause hast. Hat dir unsere kleine Show gefallen?«, fragte Marla überheblich. »Glaub bloß nicht, dass du schlauer bist als wir, klar?« Phil und Nina lachten laut auf, als sie seine durchnässte Hose entdeckten. Sie beleuchteten die Stelle mit der Taschenlampe, sodass alle den hässlichen Fleck sehen konnten. Tom drehte sich beschämt zur Seite, was seine Situation jedoch nicht verbesserte. Immer noch steckte ihm die Furcht in jedem seiner

Knochen. »Seht ihn euch an, Leute!«, grölten Niklas und Phil im Chor. »Heult wie ein Baby und pinkelt sich in die Hose!« Lautes Gelächter ertönte, manche klatschten sogar in die Hände. Tom spürte weitere Tränen über seine Wangen rinnen und machte sich nicht die Mühe, sie fortzuwischen. Als er wieder aufsah, blieb sein Herz beinahe stehen. Klara stand in der zweiten Reihe und hielt etwas in den Händen, was sie die gesamte Zeit über auf ihn richtete. Ihre Miene war angespannt, aber dennoch griff sie nicht ein, um ihm zu helfen. Seine Augen weiteten sich entsetzt, als er eine

Nachtsichtkamera wie die seines Onkels erkannte. Tom wusste für sein Alter erstaunlich viel über Fotografien und Videotechniken. Umso schrecklicher war es, zu begreifen, dass man ihn fortlaufend filmte. Was soll das? Lasst mich gefälligst in Ruhe!, wollte er rufen, aber kein Laut kam aus seiner Kehle, die wie zugeschnürt war. »Hat das Riesenbaby endlich unser neues Spielzeug entdeckt?«, johlte Stephie und zeigte mit ihrem spitzen Finger auf ihn. »Du wirst morgen der Star der gesamten Schule sein.« »Nein!«, bettelte Tom. »Bitte nicht!« Wieder traf ihn überhebliches

Lachen. »Und ob. Die anderen sollen auch so viel Spaß haben wie wir«, meinte Janine mit einem fiesen Grinsen. »Sei froh darüber, wenn Dich von nun an überhaupt irgendjemand beachtet.« »Stimmt«, pflichtete Franzi ihrer Busenfreundin bei. »Du bist eine Niete. Aber jetzt kommst du endlich groß raus.« Anschließend brachen sie erneut in Gelächter aus und verschwanden in der Finsternis. Die Knie des Jungen knickten ein, und er sackte wieder zu Boden. Schniefend und traurig weinte er weiter, bis er die gewohnte Angst verspürte. Er war allein gelassen worden und schutzlos dem Wald

und dessen Gefahren ausgeliefert. Und der ewigen Dunkelheit, die ihn erneut zu erdrücken drohte. Er wäre in diesem Augenblick am liebsten gestorben. Angst, war sein einziger verbliebener Gedanke. So viel Angst. 1. Kapitel 25 Jahre später Sarah Thelsen schulterte ihre schwere Tasche und schloss die Tür zu ihrer Wohnung, nachdem sie hinausgetreten war. Es war keine kostspielige Bleibe, doch ließ es sich gut darin leben und arbeiten, zumal sie ohnehin selten zu Hause

war. Die Riemen des Gepäcks schnitten ihr in diesem Moment tief in die Schulter, und sie verzog das Gesicht schmerzerfüllt. Schon längst hatte sie sich eine neue Tasche für ihre Unterlagen kaufen wollen, aber sie fand einfach keine Zeit für eine ausgiebige Shoppingtour – nicht einmal online. Ihre Arbeit nahm Sarah so sehr in Anspruch, dass sie es auch nicht schaffte, sich auf die Männerwelt zu konzentrieren. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter. Abends lauerte Sarah Prominenten vor deren Hotels auf, um ein pikantes Foto von ihnen zu schießen und noch in derselben Nacht einen

Bericht für die Titelseite des Blattes, für das sie arbeitete, zu verfassen. Dass sie damit mindestens ein Leben zerstörte, kümmerte die erfolgreiche Journalistin nicht. Am darauffolgenden Morgen würde die neue, frisch gedruckte Ausgabe des W-endReport auf den Frühstückstischen der Betroffenen und Tausender anderer liegen. Der Name leitete sich vom auseinandergenommenen Wort Weekend ab. Ein Schmierenblatt der Extraklasse, wie Sarah selbst fand. Doch für eine höherklassige Zeitung hatten ihre Noten nicht ausgereicht. Zudem suchte man derzeit wieder weniger nach Journalisten. Die Stellen waren entweder

bereits besetzt, oder ihre Sparte wurde nicht angeboten. Sarah liebte ihren Job trotzdem mehr denn je. Viele auf der Universität hatten bereits das Studium abgebrochen, aber sie war keine von denen, die so schnell aufgaben. Ihre Kollegen nannten sie nicht umsonst den langbeinigen Haifisch, da sie die Angewohnheit besaß, sich überall durchzubeißen und jede noch so kleine Verschwörung aufzudecken. Kein Geheimnis war vor der Reporterin sicher. Sie konnte eiskalt sein, wenn es um ihre Arbeit ging, und wollte, dass man sie als Frau in einer Männerdomäne ernst nahm. Sie musste stets abliefern und baldmöglichst aufsteigen, um diesem

Blatt zu entkommen und endlich Berichte über wirklich interessante Themen zu schreiben. Natürlich hatte sie mit dem Gedanken gespielt, einen Blog zu erstellen, bisher aber nie die Zeit dafür gefunden. Man hatte sie wahrscheinlich längst als hochnäsig abgestempelt, weil sie kaum privaten Kontakt zu ihren Kollegen pflegte und wenig von sich preisgab, sich lieber in die Arbeit stürzte und bis tief in die Nacht schuftete. Aber das war ihr alles egal. Es gab Tage, an denen lebte sie beinahe ausschließlich von Kaffee und erkannte ihr eigenes Abbild im Spiegel nicht mehr. Es zählte im Moment einzig und allein, was sie leistete und für

die Zeitung tat. Ihre Beförderung stand kurz bevor, weswegen sie noch einmal richtig Gas geben wollte. Sie band sich ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz und begann zu rennen. Das stellte sich unter der Last ihrer Tasche und der Kamera, welche über ihrer Schulter hing, als nicht besonders einfach heraus. Sie zwang sich, ihre Beine, die in einer engen blauen Jeans steckten, noch schneller fortzubewegen, was ihr viel Kraft abverlangte. Dennoch musste sie sich beeilen, um nicht zu spät zu kommen. Sarahs Wagen stand leider immer noch in der Werkstatt. Motorschaden. Magnus, ihr Chef, hatte einen Tipp

erhalten und an sie weitergeleitet. Vor einem Hotel in der Innenstadt gäbe es einen Aufruhr, und Sarah solle bitte prüfen, ob sich nicht eine Story daraus machen ließe. Natürlich hatte sie zugesagt. Magnus sollte sich weiterhin auf sie verlassen können. Sie war seine beste Mitarbeiterin und ließ Privates aus dem Spiel. Vor einigen Jahren hatte ein Kollege den unverzeihlichen Fehler begangen, mehrere Tage auszufallen, da seine Frau schwer erkrankt war. Zwar gesundete sie bald darauf, doch er durfte sich anschließend nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen. Der Journalistenjob war hart und

unerbittlich, aber Sarah hatte sich daran gewöhnt. Ihr Privatleben bestand aus ihrer immerzu zänkischen Mutter Caroline und ihrem Kater Fagin. Ansonsten gab es niemanden, der ihr wichtig genug war, um ihn überhaupt zu erwähnen. Sie hetzte weiter durch die Straßen der Stadt, da sie sich das Geld für ein Taxi sparen wollte. Die Dreißigjährige war gut zu Fuß und trieb regelmäßig Sport, wenn sie nicht gerade bei der Arbeit war. Obwohl man den Einsatz, welchen sie momentan leistete, getrost als Training bezeichnen konnte. Ihr Puls raste, und sie versuchte, nicht auf ihren keuchenden Atem zu

achten. Noch ein Häuserblock, dann wäre sie am Ziel. Als Sarah um die Ecke bog, entdeckte sie bereits eine kleine Menschentraube, die sich vor dem Eingang des Hotels gebildet hatte. Sarah blieb stehen und schaute sich nach Luft schnappend um. Ihre Ohren schmerzten vom frischen Frühlingswind, ihr Brustkorb schien zu zerspringen. Die Leute achteten nicht auf sie. Dann erkannte die Journalistin, dass alle Umstehenden nach oben schauten. Sie folgte ihren Blicken neugierig und biss sich schockiert auf die Unterlippe. Auf dem Dach des Hauses konnte sie eine für ihre Augen winzige Gestalt

ausmachen. Es waren mindestens neun Stockwerke, und die Fremde – eine Frau, wie Sarah mit zusammengekniffenen Augen erkannte – streckte in diesem Augenblick die Arme weit von sich, als wollte sie davonfliegen. »Sie wird doch nicht …«, flüsterte die Journalistin entsetzt. Routiniert zog sie die Kamera aus der Halterung um ihren Hals und knipste ein paar Bilder. Es war für sie lediglich ein Ritual. Etwas, das sie immer und immer wieder tat, egal, um was es ging. Erschrocken war sie trotzdem. »Hat jemand die Feuerwehr benachrichtigt?«, fragte sie daraufhin einen älteren Herrn neben

sich. Wie gebannt hielt er den Blick auf die Frau an der Kante des Flachdaches gerichtet, während er antwortete: »Ja, sofort, als wir sie sahen. Aber sie können frühestens in ein, zwei Minuten hier sein.« Das reicht, um einen Schritt nach vorne zu machen, dachte sie bittersarkastisch und suchte sich einen anderen Platz, um vier weitere Bilder zu schießen. Gleich darauf wurden die Schaulustigen angewiesen, beiseitezutreten. Fünf Polizisten sperrten den Teil des Weges ab, und Sarah machte auch davon Fotos. In der Ferne hörte man mehrere Sirenen, die stetig näher kamen. Zwei der

Beamten stürmten durch den Eingang und über die Treppe nach oben. Alles geschah in nur wenigen Sekunden. Sarah beobachtete die Selbstmordgefährdete sehr intensiv. Die Frau hatte immer noch ihre Arme ausgestreckt und schien auf etwas zu warten. Mit ein bisschen Glück würde sie es sich anders überlegen und zurücktreten. Stattdessen tat sie das Gegenteil. Die Menschen schrien auf oder schlugen sich voller Entsetzen die Hände vors Gesicht, als sie sahen, wie sie Halt suchend mit den Armen im Nichts ruderte und ihren letzten Schritt tat. Sie gab keinen Laut von sich. Das einzige Geräusch von ihr war der

Aufprall vor den Füßen der Menschenmenge. Sarah bildete sich sogar ein, die Knochen zersplittern zu hören. Niemand sagte etwas. Selbst die Polizisten waren sprachlos und taten im ersten Moment nichts. Die Aufmerksamkeit aller war auf den verrenkten Körper der Toten gerichtet. Ihre Augen starrten gen Himmel, der Hinterkopf war ein einziges Schlachtfeld aus Blut und Dingen, die Sarah nicht näher identifizieren wollte. Übelkeit stieg in ihr hoch, die sie wegzuatmen versuchte. Ein anderer übergab sich bereits am Straßenrand. Die Journalistin missachtete den bitteren Geschmack, der sich auf ihrer Zunge

ausbreitete, und zückte erneut die Kamera. Sie machte ein Bild nach dem anderen. Sarah funktionierte in diesem Moment einfach. Für Mitgefühl und Zweifel blieb kein Platz, wenn sie an die Konkurrenz dachte, die wahrscheinlich schon auf dem Weg war. Diese Geschichte würde es garantiert auf die Titelseite schaffen. ◆◆◆ Kriminalkommissar Jonas Bender fuhr sich durch das dichte schwarze Haar und rieb sich seine Stirn. Er hatte die ganze Nacht hindurch gearbeitet und war mittlerweile hundemüde. Während sich

sein Partner Sören mit seiner neuen Freundin einen schönen Abend bei Wein und Kerzenschein gemacht hatte, hatte Jonas die Aktenberge nach Gemeinsamkeiten mehrerer Mordfälle innerhalb der letzten zwanzig Jahre durchforstet. Seiner Meinung nach hatten sie nicht das Geringste miteinander zu tun, doch sein Vorgesetzter verlangte, dass sich seine Leute insbesondere auf die ungeklärten Verbrechen der Vergangenheit konzentrierten. Steffen Zoran wollte keinen Cold Case in seinen Akten. Jonas goss sich den Rest des inzwischen kalt gewordenen Kaffees in seine Tasse und würgte ihn in einem Zug herunter.

Angewidert schüttelte er sich. Danach widmete sich der Ermittler wieder den Papieren auf seinem vom Morgenlicht angestrahlten Schreibtisch. Er streckte sich ausgiebig, da seine Muskeln durch das viele Sitzen zu erschlaffen drohten. In den letzten Wochen war er kaum dazu gekommen, ins Fitnessstudio zu gehen. Zum Glück würde Sören ihn bald ablösen. Jonas erwartete ihn jedoch nicht vor der Mittagszeit, denn sicherlich musste sich sein Partner wieder einmal von einer wilden Nacht mit seiner Liebsten erholen. Jonas verdrehte bei diesem Gedanken die Augen, lächelte aber. Er selbst hatte sich vor zwei Jahren von

seiner langjährigen Verlobten getrennt und seither kein weibliches Wesen mehr in seine Nähe gelassen. Jonas wusste, dass er äußerst anziehend auf Frauen wirkte, was nicht ausschließlich an seinem Aussehen lag. Sie mochten insbesondere seine geheimnisvolle Ausstrahlung. Er war kein Haudrauftyp, sondern der zurückhaltende Beobachter. Aber für One-Night-Stands war er nicht zu haben. Jonas wollte eine feste Beziehung. Ein paarmal hatte er geglaubt, die Richtige gefunden zu haben, wurde jedoch jedes Mal enttäuscht. Zuletzt war er derjenige gewesen, der es beendet hatte, da sie ihn mehrmals hintergangen und mit einem

anderen betrogen hatte. Er wollte nicht der Spielball einer Frau sein, hatte er von nun an entschieden. Jonas war sein eigener Herr. Das Telefon riss ihn mit einem schrillen Klingeln aus seinen Gedanken. »Bender«, meldete er sich verschlafen. »Was ist passiert?« Der Anruf wurde intern angezeigt, was bedeutete, dass es sich höchstwahrscheinlich um Steffen Zoran, seinen Vorgesetzten, handelte, der die geleistete Arbeit überprüfen wollte. Ein misstrauischer Mann mit polierter Glatze und dunklem Bärtchen. Er erinnerte Jonas zumeist an den Teufel höchstpersönlich, und manchmal führte

er sich wie eben jener auf. »Suchen Sie sich augenblicklich ein paar Leute.« Er nannte Jonas eine Adresse, die er sich einprägte. »Jemand muss Ordnung in das Chaos dort bringen«, drang die dunkle Stimme seines Chefs durch den Hörer. »Was ist denn los?« »Eine Frau ist vom Dach gesprungen.« Für Zoran waren es lediglich Fakten, für Jonas eine Tragödie. Er musste sich darauf einstellen, nichtsahnende Familienmitglieder vom Tod ihrer Verwandten zu unterrichten. Diese Dinge hasste er am meisten an seinem Job. Manchmal wünschte er sich, seine Entscheidung rückgängig zu machen und

nicht zur Mordkommission, sondern zum Betrugsdezernat oder zur Sitte zu gehören. Ein Wechsel würde sicherlich nicht nur seinem Privatleben guttun. Seine Seele würde sich möglicherweise endlich von all den schlimmen Erinnerungen lösen. Er hatte Schreckliches mitansehen müssen und bezweifelte, dass er es jemals vergessen könnte. Seufzend legte er auf und ließ sich an die kühle Lehne seines Bürostuhles zurückfallen. Dann erhob er sich und griff nach seiner Lederjacke, die er sich lässig über die Schulter warf. Sören zog ihn regelmäßig damit auf, dass er wie eine schlechte James-Dean-Kopie

aussah. Jonas überprüfte seine Haare im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand, machte sich kurz am Waschbecken im angrenzenden Zimmer frisch und steckte Dienstwaffe und Marke ein. Das war ein kleines Ritual, um sich zu sammeln, bevor er ausschwärmte. »Quinn, Lukas, ich brauche euch! Sofort!«, rief er über den Flur. Sofort waren die beiden Männer bei ihm. »Was gibt’s denn?«, wollte Lukas Oljanski wissen, dessen dunkelblond gefärbte Haare zu einem modischen Zopf nach hinten gebunden waren. Was für ein Getue, dachte Jonas stets, wenn er seine Aufmerksamkeit auf den

kleinen Ring in Lukas‘ Ohrläppchen richtete. Dennoch hatte sich der Kollege als fähig erwiesen. Sein einziges Problem war seine zu lang andauernde Jugend. Es kam vor, dass er sich wie ein Teenager aufführte. »Was Schlimmes?«, hakte Quinn Remilow nach und musterte Jonas‘ Gesicht genauer. Quinn kannte ihn manchmal besser als er sich selbst. Sie waren bereits als Kinder miteinander befreundet gewesen und hatten sich eine Zeit lang aus den Augen verloren, bevor sie sich auf der Polizeistation wieder in die Arme gelaufen

waren. Jonas nickte mit strenger Miene. »Selbstmord. Wir müssen die Leute beruhigen und dafür sorgen, dass der Tatort … aufgeräumt wird.« »Warum dürfen immer wir die Drecksarbeit leisten? Wir ackern doch nicht für die Müllabfuhr! Wir sind hier beim …«, beschwerte sich Lukas lauthals und verstummte abrupt, als er die eisigen Blicke seiner Kollegen sah. »In Ordnung, ich hole nur noch meine Waffe, obwohl ich vermute, dass sie überflüssig sein wird«, murmelte er schmollend und verschwand in einem Zimmer am anderen Ende des Korridors. Quinn wandte sich achselzuckend Jonas

zu. »Du kennst ihn ja.« »Leider gut genug«, erwiderte der Angesprochene traurig lächelnd. »Sorg bitte dafür, dass Eliana Sören über alles in Kenntnis setzt. Er soll unbedingt nachkommen. Ich brauche ihn. Falls er nörgeln sollte, hat sie die offizielle Erlaubnis, ihm eine Ohrfeige mit meinen Grüßen zu übermitteln.« »Charmant wie immer, Jonas«, lachte Quinn. »Nicht halb so charmant wie unser Haifisch«, erwiderte er verärgert, als er eine soeben empfangene SMS überflog. »Sarah Thelsen«, erriet sein Kollege. »War sie wieder direkt vor

Ort?« »Allerdings«, antwortete Jonas ernst. »Wir müssen verhindern, dass die Bilder an die Presse weitergeleitet werden. Diese Journalisten sind wie Schmeißfliegen. Die Fotos dürfen auf keinen Fall in den Druck gehen.« »Soll ich mich darum kümmern? Ich erkläre jemandem die Situation und komme anschließend nach«, bot Quinn an. »Das ist in Ordnung. Danke.« »Bis gleich. Und vergiss unseren Schützling nicht«, meinte Jonas‘ Freund augenzwinkernd und machte sich auf den Weg nach unten, wo sich das Zimmer von Eliana Adiri

befand. Jonas ahnte, dass das Gespräch zwischen den beiden länger dauern würde, und stellte sich schmunzelnd darauf ein. Sein Kollege hatte offenbar eine Schwäche für die drei Jahre jüngere, ausgesprochen hübsche Polizeipsychologin. Bisher zeigte sie ihm allerdings die kalte Schulter und missachtete den Verehrer voller Absicht. Quinns Humor und seine Schlagfertigkeit hatten unter dieser Tatsache allerdings nicht gelitten. Lukas trat wieder zu ihm, und ohne ein weiteres Wort verließen sie das Gebäude und schritten über den großen Parkplatz hinüber zu ihrem

Wagen. ◆◆◆ Sarah hatte das letzte Foto geschossen und verstaute ihre Kamera zufrieden in der Tasche. Sofort machte sie sich ein paar Notizen, die sie später noch für ihren Artikel gebrauchen konnte. Sie hatte sich mittlerweile erfolgreich aus ihrem Schockzustand befreit und wandte sich vom Anblick der Selbstmörderin ab. Sarah sog ein letztes Mal so viel Luft wie möglich ein. Auch die restliche Übelkeit verflüchtigte sich daraufhin, obwohl das Bild der Toten noch immer in ihren Gedanken

umherspukte. Plötzlich vernahm sie weitere, stetig lauter werdende Sirenen, die nicht denen der Rettungswagen entsprachen. Das war das Zeichen für sie, so schnell wie möglich zu verschwinden. Sie musste sich unbemerkt davonschleichen und zur Redaktion eilen oder in ihre Wohnung zurückkehren. Von da aus konnte sie ihre Story per E-Mail an Magnus senden. Auf keinen Fall durfte sie in die Hände von Jonas Bender fallen. Er fuhr ihr bereits seit einigen Jahren immer wieder in die Parade. Obwohl Sarah ein weiteres Treffen mit ihm nicht abgelehnt hätte, ärgerte sie es, ihm andauernd über den Weg zu laufen.

Er war nett anzusehen, gut gebaut und allein seine Gangart gefiel ihr. Ein echter Augenmagnet, der bestimmt zahlreiche Frauen glücklich machte. Trotzdem wollte sie ihm jetzt nicht begegnen. Die kurze prägnante Liebelei zwischen den beiden war viele Jahre her. Lange, bevor er sich verlobt hatte. Immerhin war Jonas der einzige Mann in dieser Zeitspanne gewesen, der Sarah bis heute im Gedächtnis blieb. Irgendetwas faszinierte sie nach wie vor an ihm. Sie hatte tatsächlich einen Stich gespürt, als sie damals von ihm und seiner Beinahe-Angetrauten Melissa erfahren hatte. Und dennoch schickte sie ihn immer wieder fort, denn Sarah wusste, dass sie keinem

Partner je gerecht werden konnte. Für eine ernsthafte Beziehung blieb in ihrem Leben leider zu wenig Zeit. Aktuell achtete sie nicht im Entferntesten auf Verehrer. Sie schulterte ihre Tasche und ließ sich möglichst unauffällig in die zweite Reihe der Schaulustigen drängen. Danach tauchte sie mit einem Gewinnerlächeln auf den Lippen unter. ◆◆◆ Als Jonas aus dem Wagen stieg, umringten ihn bereits mehrere Reporter, überschütteten ihn mit Fragen und blendeten ihn mit den Blitzlichtern ihrer

Kameras. Sarah Thelsen war nicht unter ihnen. Und doch war Jonas sich sicher, ihre Anwesenheit zu fühlen. Von dieser Frau ging als Vertreterin der Klatschpresse eine immerwährende Bedrohung aus, die er zu unterdrücken erhoffte. Auf keinen Fall durften Bilder der Toten veröffentlicht werden. Erst recht nicht, bevor man überhaupt wusste, was genau passiert war und um wen es sich dabei handelte. Er kämpfte sich durch die Menge und hielt schlagartig inne, als er den zertrümmerten Körper der jungen Frau zu seinen Füßen sah. Sie war durch den Sturz furchtbar zugerichtet worden. Ihre stahlblauen Augen waren weit

aufgerissen, der Mund zu einem Schrei geöffnet. Sie musste einmal sehr schön gewesen sein, vermutete Jonas. Unter ihr hatte sich eine breiige Lache aus Blut, Knochen und Innereien gebildet. Die schlanken Arme und Beine waren verdreht oder standen in einem ungesunden Winkel vom Körper ab. »Seid ihr hier fertig?«, erfragte der Ermittler einen Kollegen von der Spurensicherung, der daraufhin nickte und ihm somit grünes Licht gab. Sofort besorgte er sich Einweghandschuhe und kniete sich neben den leblosen Körper der Unbekannten. Sie mochte Anfang bis Mitte dreißig sein. Ihre Haut war bleich und bildete

einen unheimlichen Kontrast zu ihren blonden, blutverkrusteten Haaren. »Sorg bitte dafür, dass die Leute verschwinden«, befahl er Lukas in ruhigem Ton, bevor er sich an die Arbeit machte. Der gesamte Bereich war mittlerweile abgesperrt worden. Das Dach würde er sich später vornehmen, aber zunächst wollte er sich das Opfer genauer ansehen. Diese Arbeit hatte Vorrang, da der Leichenwagen bereits eingetroffen war, um die Tote mitzunehmen. Er musste sich beeilen. Außerdem wollte Jonas das alles früh genug hinter sich bringen, um Sarah Thelsen einen Besuch abzustatten. Die

Journalistin ahnte sicher, was sie erwartete, und agierte dementsprechend vorsichtig. Doch der Kommissar kannte sie gut genug. Er würde ihr ins Gewissen reden und die Geschichte aus der Welt schaffen. Jedenfalls hoffte er, dass sie sich damit einverstanden erklärte. Andernfalls konnte sie zu einem riesigen Problem werden, und er wollte nicht unbedingt eine weitere endlose Diskussion mit ihr führen, während sie ihn mit ihren großen grünen Augen weichkochte. Nach wie vor saß der Schmerz tief, dass sie ihn niemals in ihre Welt geführt hatte. Er war damals ernsthaft an der kleinen, süßen, vorwitzigen Reporterin

interessiert gewesen. Dann wäre ihm der Entscheidungsfehler mit Melissa eventuell nie passiert. Aber hätte eine Beziehung mit Sarah Thelsen besser gehalten? Fraglich. Der Kommissar überprüfte Hände und Hals der Selbstmörderin. Sie hatte neben zahlreichen Knochenbrüchen eine Fraktur des Genicks erlitten. Ihre Fingernägel waren sauber und gepflegt, was darauf hindeutete, dass es vorher keinen Kampf gegeben hatte. Die letzte Maniküre schien nicht lange her gewesen zu sein. Bei diesem Gedanken runzelte er die Stirn. Wieso sollte sich eine suizidgefährdete Frau ihre Nägel machen lassen, kurz

bevor sie von einem Hoteldach in den Tod springt? Er notierte sich seine Überlegung auf einem Stück Papier, welches er grob aus einem Block riss, den er stets in seiner Jackentasche mit sich führte. Manchmal taten Menschen Dinge, die niemand außer ihnen selbst verstand, erst recht Selbstmörder. Jonas durchsuchte ihre Taschen und stieß auf nichts Ungewöhnliches. Ein zerbrochener Lippenstift, ein paar Taschentücher und eine aufgesprungene Dose für Kontaktlinsen. Auf der anderen Seite wurde er allerdings fündig: Ein zweimal in der Mitte gefalteter Zettel lag darin. Neugierig klappte er ihn in Erwartung eines Briefes auseinander und

stutzte. Es handelte sich um eine Kinderzeichnung. Mehrere Bäume und Personen waren deutlich darauf zu erkennen. In der oberen rechten Ecke des Bildes war mit dem Bleistift eine Uhrzeit in digitaler Schriftart eingesetzt worden. 10:47 Uhr Automatisch schob Jonas den linken Ärmel zurück und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. 11:02 Uhr Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit. Jemand hatte den Todeszeitpunkt der Frau vorausgesagt und auf einem Bild verewigt. Möglich, dass sie es selbst gewesen war. Allerdings hätte es genauso gut jemand anderes tun

können. Die Zeichnung war nicht unterschrieben. Er studierte sie eine Weile. Ein unordentlich gezeichnetes Mädchen mit zwei blonden Zöpfen und hellen blauen Augen war mit einem roten X übermalt worden. Die weiteren acht Personen waren unversehrt und lächelten von einem Ohr zum anderen. Er drehte das Blatt um und schluckte schwer, als er den aufgedruckten Satz in der unteren Hälfte der Rückseite las: Keinem ist das Leben so süß wie dem, der jede Todesfurcht verloren hat. Jonas war sich nun völlig sicher, dass jemand bei diesem angeblichen Selbstmord seine Finger im Spiel hatte.

Und dieser Jemand schien vor nichts zurückzuschrecken.


~ Ende der Leseprobe ~

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Über den Autor

MagicMarlene
Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren.
Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten.
2014 durfte sie ihren Debütroman "Angstwahn" im Zuge der Leipziger Buchmesse vorstellen.
Ende 2019 machte sie sich nebenberuflich selbstständig. Daraufhin erschien ihre spannende Psychothrillertrilogie ("Angstwahn", "Mondsucht" und "Hetzjagd").
Ab 2021 arbeitete sie als selbstständige Vollzeit-Autorin und veröffentlicht inzwischen als Marlene von Mainau, Mel Maroon sowie unter Klarnamen regelmäßig romantische und spannende Heftromane für Bastei Lübbe.
Seit 2022 schreibt sie zudem Romane in den Bereichen Romance, Thriller, Krimi, Fantasy und Erotik für Amazon.

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derdilettant Deine Geschichte fängt super gut an - aber 60 Seiten --- das ist einfach zu viel für mich --- auf jeden Fall bei diesem Format.
LG
Alan
Vor ein paar Monaten - Antworten
MagicMarlene Es sind die ersten beiden Kapitel. Jeder liest einfach so weit, wie er möchte. Danke für deinen Kommentar! :-)
Man kann sich das Buch auch als fortlaufenden Text anzeigen lassen. So lese ich hier sowieso lieber als auf den kleinen Seiten.

LG
Marlene :-)
Vor ein paar Monaten - Antworten
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