Krimis & Thriller
Der Anhalter - Ein Fall für Olivia Brooks - Leseprobe

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"Jeder hat ein dunkles Geheimnis..."
Veröffentlicht am 17. September 2022, 24 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
© Umschlag Bildmaterial: Panumas_k., Billion Photos, Zeferli von Getty Images, Stephane Hurbe von Pexels
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Über den Autor:

Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren. Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten. 2014 durfte sie ihren Debütroman "Angstwahn" im Zuge der Leipziger Buchmesse vorstellen. Ende 2019 machte sie sich nebenberuflich selbstständig. Daraufhin erschien ihre spannende Psychothrillertrilogie ("Angstwahn", "Mondsucht" und "Hetzjagd"). Ab 2021 arbeitete sie als selbstständige Vollzeit-Autorin ...
Jeder hat ein dunkles Geheimnis...

Der Anhalter - Ein Fall für Olivia Brooks - Leseprobe

Der Anhalter - Ein Fall für Olivia Brooks (Leseprobe)

Prolog Es war ein verregneter Sonntagmorgen. Nur selten ließ sich die Sonne blicken, um der Stadt einen Teil ihrer Wärme zu schenken. Olivia Brooks schnallte ihren Mantel enger um die Hüfte und stellte den Kragen auf. Es war windig in London. Von weit her ertönte die Glocke Big Ben. Gleich darauf herrschte gespenstische Stille. Die Kriminalkommissarin schaute auf, als sie Stimmen vernahm. Es wurde gesungen. Daraufhin setzte sie sich

zurück in ihren Dienstwagen, einen alten Ford Fiesta, mit dem sie sich vor der Kirche positioniert hatte. Olivia wartete geduldig auf ein Lebenszeichen. Immer wieder wanderte ihr Blick hinüber zu dem hohen Gebäude, dessen Spitze wie ein riesiger Pfahl bedrohlich in den Himmel ragte. Die weiße Außenmauer war mit der Zeit ergraut und hier und da von Moos und Efeu überwachsen. Hohe Rundbögen an den Seiten des Gebäudes zeigten kirchliche Motive, die in bunten Farben schillerten. Olivia öffnete das Fenster ihres Fahrzeugs einen Spaltbreit und steckte sich eine Zigarette an. Sie hatte sich vor ein paar Wochen erfolglos geschworen,

mit dem Rauchen aufzuhören. Endlich wurde die große Pforte aufgestoßen. Familien mit quengelnden Kindern sowie gut gekleidete Damen und Herren strömten ins Freie und verteilten sich in der Umgebung. Die meisten waren zu Fuß gekommen, da sie in der Nähe wohnten. Olivia wartete, bis sich der Trubel gelegt hatte, verließ im Anschluss das Auto und drückte ihre Zigarette mit der Schuhspitze aus. Das Kiesbett knirschte, als sie langsam darüber hinwegschritt. Vor der großen Tür hielt die Kommissarin kurze Zeit inne und überdachte ihr Vorhaben nochmals. Schließlich erkannte sie, dass es das

einzig Richtige war, und trat guten Gewissens ein. Die Luft war geschwängert von Weihrauch und alter Geschichte. Sie versteckte ihre kalten Hände tief in den Taschen. Olivia wusste, dass die Stunde der Sündenbekenntnisse angebrochen war. Zwei alte Herren warteten bereits vor dem Beichtstuhl, und Olivia gesellte sich wie selbstverständlich zu ihnen. Sie hätte sicherlich viel zu sagen, war aber nicht aus diesem Grund gekommen. Nichtsdestotrotz dachte sie ganz automatisch über ihre Verfehlungen der letzten Jahre nach. Jene würden wohl die aufbringbare Zeit des Pfarrers sprengen. Bei diesem Gedanken schlich sich ein

unwillkürliches Lächeln auf Olivias Lippen. Als die Kommissarin an der Reihe war, hängte sie sich ihren Mantel über den Arm und trat ein. Mit einem Ruck zog sie den Vorhang zu und fühlte sich sogleich eingeengt. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme, und es kitzelte unwohl in ihrem Nacken. Spärliches Licht fiel durch die Ritzen des muffigen Beichtstuhls, in welchem sich die Staubkörner gegenseitig zum Tanz aufforderten. Olivia war nie besonders religiös gewesen und kannte sich nicht aus. Sollte sie zuerst ein Gebet sprechen oder besser schweigen, bis der Geistliche etwas sagte? Auch dieser gab die ersten

paar langgezogenen Sekunden keinen Ton von sich. Olivia wusste, dass er da war, denn sie sah seine gekrümmte, dunkle Gestalt auf der anderen Seite sitzen. Ihr kleiner Raum wurde mit der Zeit so stickig, dass sie kaum noch atmen konnte und das Husten schmerzhaft unterdrückte. »Ich wusste, dass Sie eines Tages kommen, Inspector«, flüsterte auf einmal eine knarzige Stimme und erlöste sie von der unangenehmen Stille. »Früher oder später musste es so weit sein.« »Wissen Sie tatsächlich, warum ich hier bin?« »Ja, aber ich würde es vorziehen, diese Angelegenheit nicht an einem heiligen

Ort wie diesem zu bereden.« »Man kann sich das heutzutage nicht aussuchen, Reverend«, erklärte sie leise, aber mit Nachdruck. »Es ist so, wie es ist, und an dem, was Sie getan haben, kann auch Gott nichts mehr ändern. Sich vor ihm zu verstecken, ist zwecklos. Das müssten Sie besser wissen als ich.« »Warten Sie in meinen Räumen auf mich. Ich werde Ihnen nach der Beichte zur Verfügung stehen. Die Menschen brauchen mich jetzt. Ich habe trotz allem immer noch einen Auftrag zu erfüllen.« »Reverend, ich glaube kaum, dass das möglich ist. Meine Vorgesetzten reißen mir den Kopf ab.« »Genauso, wie ich vor Gott nicht

davonlaufen kann, kann ich es auch nicht vor dem Gesetz. Sie haben mein Wort, wenn das nach allem noch einen Wert für Sie hat.« Olivia sah ein, dass er recht hatte. Ein alter Mann wie er würde es nicht wagen, vor ihr und ihren Kollegen davonzulaufen. Sie kannten seinen Namen und wussten, wo er wohnte, arbeitete und zu Mittag aß. Reverend Clearwater war ein Mann, für den das Wort Trott nicht mit etwas Negativem verbunden war. Er liebte einen geregelten Alltag und seinen immer gleichen Ablauf – bis auf ein einziges Mal, das ihm nun einen Besuch von Kommissarin Olivia Brooks einbrachte.

Zudem fehlte ihm die Energie für eine kräftezehrende Flucht über die Grenze, und seine Verantwortung vor Gott würde es nicht zulassen. Doch woran hatte er gedacht, als er das schreckliche Verbrechen beging? War er in diesem Moment mit den Gedanken bei Gott und seinen Mitmenschen gewesen? Olivia zweifelte von Neuem an der Kirche und ihren Untergebenen. Sie betrachtete eine Zeit lang die Gemälde im Kirchenschiff. Danach ließ sie ihren Blick in den hinteren Teil des riesigen steinernen Baus wandern und fand, wonach sie suchte. Eine Tür zu ihrer Linken erwies sich als Zugang zu einem Arbeitszimmer. Vor dem Fenster

stand eine Vase weißer Lilien, und auf einem kleinen runden Tisch lag eine aufgeschlagene Bibel. Der Mann hatte etwas darin markiert. Es handelte sich um eine Textzeile im Alten Testament, die ihm offenbar viel bedeutete. Olivia nahm das Buch zur Hand und rollte sogleich mit den Augen. »Du sollst nicht töten«, las sie laut vor und schnaufte. Wie treffend! »Und damit hat das Wort Gottes wieder einmal recht«, bestätigte der Pfarrer, der soeben die Tür hinter sich schloss. »Ich hätte mich viel mehr mit dem fünften Gebot beschäftigen müssen, als es zu vernachlässigen. Gott stellt jeden von uns im Laufe seines Lebens auf die

Probe.« Olivia legte das verzierte Buch beiseite und setzte sich auf die Lehne eines Stuhls, um den alten, ergrauten Mann mit den aufgeweckten grünen Iriden besser im Auge zu haben. Ohne Umschweife streckte er ihr seine Arme entgegen und erwartete die klickenden Handschellen. »Ich möchte Ihnen zunächst die Beweislage vortragen, bevor wir damit fortfahren«, meinte Olivia und hätte geschmunzelt, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. »Außerdem liegt derzeit keine Fluchtgefahr vor. Sie können also ganz entspannt sein, Reverend. Lassen Sie uns zunächst über die Fakten

sprechen.« Er hob die Hand, als wolle er ihren letzten Satz von sich wehren. »Das ist nicht notwendig, ich gestehe alles. Ich bin nicht mehr der Jüngste und könnte Torturen wie diese ohnehin nicht ertragen.« »Ich muss Ihr Geständnis leider dennoch erfassen«, erklärte sie und zückte ein kleines Aufnahmegerät. »Bitte nennen Sie einmal Ihren Namen, den Tag und die Uhrzeit fürs Protokoll.« Während der Geistliche sprach, dachte Olivia an ihre Kindheit in der englischen Hauptstadt und ihre Eltern zurück, mit denen die beiden Mädchen häufig in die Kirche gegangen waren. Damals, als das

Leben noch normal gewesen war. Das lachende Gesicht ihrer großen Schwester kam ihr in den Sinn und drückte Olivias Herz schmerzhaft zusammen. »Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen, und ich bin nicht besser als er«, endete der Pfarrer niedergeschlagen und ließ den Kopf hängen. Er riss Olivia damit aus ihren schönen Erinnerungen und holte sie zurück in die harte Realität. Mit dem zweiten Ohr hatte sie seinem Geständnis gelauscht. Dennoch wollte sich die Ermittlerin noch ein wenig mit ihm unterhalten, statt ihn sofort abzuführen und seiner Kirche zu entreißen. Sie schritt auf das vergitterte Fenster zu.

Bereits jetzt kam man sich wie in einer Gefängniszelle vor. Olivia versuchte, diese Einbildung abzuschütteln und sich ganz auf ihren Fall zu konzentrieren. »Sie können nun ganz offen und ehrlich sprechen, Reverend. Es ist sowieso aus und vorbei. Warum haben Sie ihn getötet? Gab es Differenzen zwischen Ihnen und Ihrem Bruder? Waren Sie etwa neidisch wie der von Ihnen erwähnte Kain? Ich möchte es auch aus persönlichen Gründen gern wissen. Wir kennen uns schon sehr lange, und ich hätte mir niemals vorgestellt, dass ausgerechnet Sie zu einem Mord fähig sind«, erzählte sie und rang mit sich. »Das sind doch nicht Sie, Pater

Clearwater.« »Es war nicht meine Absicht, aber ich erwischte ihn dabei, wie er den Kirchenfond plünderte. Das ist die Wahrheit. Ich habe mich nicht unter Kontrolle gehabt und bereue es zutiefst. Alles, was ich gesagt habe, ist wahr.« »Und deshalb haben Sie ihn mit einem Schürhaken erstochen.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Olivia musste auf Nummer sicher gehen. Der Pfarrer ließ sich mit einem Stöhnen auf den Stuhl fallen, an welchem sie eben noch gelehnt hatte. Dann vergrub er sein Gesicht in den von Adern durchzogenen Händen. Seine Nerven

lagen blank. Olivia stellte das Gerät etwas näher, um keines seiner folgenden Worte zu versäumen. »Es war wirklich nicht meine Absicht«, wiederholte er entmutigt. »Er sollte dadurch nur einen Schrecken bekommen und es in Zukunft sein lassen. Er war nicht viel jünger als ich, wollte sich aber trotzdem gegen mich zur Wehr setzen. Dabei ist es dann passiert.« »Es war also ein schrecklicher Unfall«, erkannte sie ruhig. »Warum sind Sie dann nicht direkt zur Polizei gegangen, sondern haben sich hier versteckt und den trauernden Bruder gemimt? Lügen werden in Ihrer Religion ebenfalls nicht

gern gesehen, wie ich weiß.« »Ich war zuerst völlig durcheinander. Wahrscheinlich wusste ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich tat. Drum ist es besser, dass Sie mich nun gefunden haben und ich der Gerechtigkeit überführt werde.« »Ihre Aussage könnte strafmildernd wirken. Sie werden womöglich schon bald wieder ein freier Mann sein. Ob Sie allerdings Ihrem Beruf weiter nachgehen dürfen, wage ich zu bezweifeln.« Er schüttelte den Kopf, und ein trauriges Lächeln kräuselte seine dünnen, trockenen Lippen. Der Blick des Mannes schweifte in die Ferne und zu einem Punkt, den Olivia bloß als die karge

weiße Wand ausmachte. »Dafür bin ich zu alt. Und mit Gott habe ich bereits meinen Seelenfrieden geschlossen. Ich hoffe nur, dass mein Bruder mir eines Tages verzeiht.« Olivias Stirn legte sich in irritierte Falten. »Was wollen Sie damit sagen?« Ein erneutes Kopfschütteln, danach wandte er sich zur anderen Seite um. Seine Augen blieben dort an einem großen Kreuz hängen. »Darf ich ein letztes Mal ganz für mich mein Gebet sprechen?« Die Kommissarin wusste nicht, was sie als Einwand hätte vorbringen können. Eine Flucht seitens des Pfarrers erschien

ihr unmöglich, wenn sie an die vergitterten Fenster dachte. Daraufhin zog sie die einzige Tür des Zimmers hinter sich zu und positionierte sich direkt davor. Eine Flucht war unmöglich. Sollte der alte Herr ruhig noch einmal in Freiheit mit seinem Arbeitgeber sprechen. Die Kommissarin setzte sich auf die nächstgelegene Kirchenbank und schlug ihre schlanken, jeansumhüllten Beine übereinander. Sie behielt die Tür dabei strikt im Blick. Die Messdiener hatten das Gebäude längst verlassen, und auch der Organist war nach Hause gegangen. Irgendwo erklang das Echo von schnellen kleinen Schritten. Vielleicht eine der Nonnen des

angrenzenden Klosters. Ansonsten herrschte gespenstische Stille, die Olivia wiederum aufs Gemüt schlug. Auf einmal hörte sie ein dumpfes Geräusch. Es war deutlich aus dem Zimmer des Reverends gekommen. Sie hatte bereits lange genug gewartet und entschied sich, seine Gebete nun doch zu stören. Zudem erwartete man sie beide seit einer halben Stunde auf dem Revier. Olivia wusste, dass es verboten war, einen Verdächtigen unbeaufsichtigt zu lassen, doch bei einem Pfarrer hatte sie ein Auge zugedrückt. Olivia klopfte, aber niemand gab Antwort. »Pater Clearwater? Ist alles in Ordnung

bei Ihnen?« Noch immer herrschte Ruhe. Olivia drückte die Klinke. Zu ihrem Entsetzen war das Zimmer verriegelt. »Ich bin es, Inspector Brooks! Bitte öffnen Sie freiwillig die Tür, sonst muss ich sie eintreten!« Immer noch drang kein Laut zu ihr durch. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihren Eingeweiden aus. Olivia zog ihre Dienstwaffe und überlegte zunächst, die Barriere aufzuschießen, aber dann hätte sie womöglich den Reverend getroffen. Sie steckte ihre Smith & Wesson weg und nahm, ohne weiter Zeit zu vergeuden, Anlauf. Energisch schmiss sich gegen die Barriere. Das veraltete

Schloss zerfiel durch den plötzlichen Druck in mehrere Teile und brach aus Tür und Rahmen. Auf dem Teppichboden unter ihr blieben die Reste davon liegen. Olivia strauchelte, konnte aber ihr Gleichgewicht wiedergewinnen. Entsetzt sah sie, dass sie zu spät kam. Der Pfarrer hatte sich bereits an der Lampe erhängt. Der Stuhl lag umgeworfen zu seinen Füßen, und sein lebloser Körper schwankte noch immer leicht. Olivia blickte entsetzt in die starren grünen Augen, welche ihr Leuchten für alle Zeit verloren hatten. Er war also doch entkommen, aber auf seine eigene, tödliche

Weise. ~ Ende der Leseprobe ~


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Über den Autor

MagicMarlene
Marlene Menzel wurde 1992 in Berlin geboren.
Bereits in ihrer Kindheit entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und zu spannenden Geschichten.
2014 durfte sie ihren Debütroman "Angstwahn" im Zuge der Leipziger Buchmesse vorstellen.
Ende 2019 machte sie sich nebenberuflich selbstständig. Daraufhin erschien ihre spannende Psychothrillertrilogie ("Angstwahn", "Mondsucht" und "Hetzjagd").
Ab 2021 arbeitete sie als selbstständige Vollzeit-Autorin und veröffentlicht inzwischen als Marlene von Mainau, Mel Maroon sowie unter Klarnamen regelmäßig romantische und spannende Heftromane für Bastei Lübbe.
Seit 2022 schreibt sie zudem Romane in den Bereichen Romance, Thriller, Krimi, Fantasy und Erotik für Amazon.

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