Kurzgeschichte
Jahresblumenstrauß - Beitrag Schreibparty 99

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"Jahresblumenstrauß - Beitrag Schreibparty 99"
Veröffentlicht am 03. Juli 2022, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, mein Mann, meine beiden Töchter, meine Schwiegersöhne und meine fünf Enkelkinder. Meine große Leidenschaft sind die Literatur und das Schreiben. Schon im Alter von sechs Jahren schrieb ich kleine Geschichten. Die ersten Gedichte folgten dann, als ich etwa zwölf war. An die Öffentlichkeit ging ich jedoch erst vor einigen Jahren. Nach zahlreichen Gedichten und Geschichten, die in Anthologien und ...
Jahresblumenstrauß - Beitrag Schreibparty 99

Jahresblumenstrauß - Beitrag Schreibparty 99

Jahresblumenstrauß Seine Schritte sind schwer. Wie immer am dritten August, wenn er Tildas Grab besucht. Antoine weiß, was ihn an diesem Tag erwartet. Es knirscht unter seinen Sohlen, als er langsam den Kiesweg entlanggeht. Das Geräusch stört ihn. Zu laut für diesen Ort, denkt er. Der bunte Blumenstrauß, der wie jedes Jahr an diesem Datum vor Tildas Grabstein in einer der Friedhofsvasen steht, leuchtet ihm entgegen. Feldblumen mit gereiftem Korn, ein Mix aus fast vergangenem Sommer. Ein Strauß wie Tilda ihn liebte. Antoine schluckt. Seit vier Jahren, seit seine geliebte Frau an ihrer schweren

Krankheit verstarb, gibt es so einen Blumenstrauß. Immer am dritten August ist Tilda mit ihren Freundinnen auf Tour gegangen, drei Tage blieb sie weg, kam beschwingt zurück. War wie ausgewechselt, die leichte Melancholie, die ihr zu eigen war, schien verschwunden. Ihre gute Laune ist ansteckend gewesen, hat Antoine mitgerissen. Tildas Lächeln war tiefer, herzlicher, ihre Gesten voller Leichtigkeit, fast wirkte sie wie ein junges Mädchen. Antoine liebte seine Frau von ganzem Herzen, immer. Er liebte ihre Traurigkeit genauso wie ihr Schweigen, ihre zarten Hände, die ihn

streichelten, ihre sanften Rehaugen, die so oft voller Wehmut in die Welt blickten. Aber an jenen Tagen nach ihren Freundinnen-Ausflügen spürte er in ihr wieder das verliebte junge Mädchen, das er vor vierzig Jahren kennengelernt hatte. Und wenn der Sommer seinen Höhepunkt erreichte, sehnte Antoine zuweilen sogar den dritten August herbei, genoss die Wochen danach, bis Tildas in den Herbstblues hineinfiel. Zehn lange Jahre hat seine Frau das Ritual dieser Treffen aufrechterhalten, bis sie so krank war, dass sie das Haus nicht verlassen konnte. Heute glaubt Antoine nicht mehr an den Freundinnen-Ausflug. Seine Gedanken

machen ihn traurig, er spürt den Groll. Tildas Freundinnen haben auf seine Fragen ratlos reagiert, den Kopf geschüttelt, geschwiegen. Immer wieder fragt er sich, ob das Beileidschreiben der unbekannten Person, das ihn auf die Todesanzeige in der Zeitung erreichte, damit zu tun hatte. Diesmal ist ein Brief mit seinem Namen an den Strauß geheftet. Antoine setzt sich auf die Bank neben Tildas Grab, hält den Umschlag in der Hand. Will er wirklich wissen, was das Schreiben ihm eröffnet? Eine Wolke zieht vor die Sonne und er fröstelt. Fühlt einen leichten Schwindel. Die Sommerhitze der letzten Wochen hat

das Grün der Büsche und Baumblätter in ein Grau verwandelt, ein Grau, das die Natur mit Trostlosigkeit überstaubt. Es müsste regnen, denkt er, merkt im selben Moment, wie ein Tropfen auf den Briefumschlag fällt. Eine Träne, die er nicht gespürt hat. Sein mit Tinte geschriebener Namenszug verwischt ein wenig. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Die Frau, die das Nachbargrab ihres kleinen Jungen pflegt, der mit drei Jahren gestorben ist, schaut ihn freundlich an. Sie ist Antoine über die Jahre vertraut geworden, auch ohne dass sie viele Worte gewechselt haben. Er schüttelt den Kopf. Lange nachdem die Frau gegangen ist,

sitzt er immer noch da. Schließlich gibt er sich einen Ruck und öffnet den Brief. Nur wenige Zeilen stehen auf dem weißen Blatt: Antoine, Sie dürfen nicht traurig sein. Tilda hat zwar jedes Jahr einige Stunden mit mir verbracht. Leben wollte Sie jedoch nur mit Ihnen. „Ich liebe ihn“, hat sie immer gesagt, "mehr als alles auf der Welt". Mich nie im Unklaren gelassen, dass sie die drei Tage mit mir brauchte, um aufzutanken. Betont, dass ihre Schwermut nichts, aber auch gar nichts mit Ihnen zu tun habe und dass sie froh war, Ihnen wenigsten eine kurze Zeit der Unbeschwertheit hatte schenken können. Bitte gestatten Sie mir weiter, einmal im

Jahr einen Blumenstrauß hierzulassen. Herzlichst Jürgen. Antoine lässt das Blatt sinken. Er realisiert, dass er zittert. Hier ist sie, die verborgene Wahrheit, die er nicht hat sehen wollte. Konnte er seiner Frau die Leichtigkeit nicht geben, die dieser Jürgen scheinbar mühelos vermitteln konnte? Musste sie sich erholen vom Alltag mit ihrem Ehemann?
Doch dann hebt Antoine energisch den Kopf, spürt den Worten nach, die der Fremde hinterlassen hat. "Ich liebe ihn". Die Umgebung nimmt Antoine verschwommen wahr, doch etwas scheint sich in ihm aufzulösen. Etwas Schweres, das sein Atmen behindert hat. Ihm ist

leichter ums Herz. „Ich liebe dich auch, Tilda.“ Und zum ersten Mal seit langer Zeit lächelt er.















Text und Covergestaltung: Enya Kummer
Bildnachweis Cover: Pixabay

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Hörbuch

Über den Autor

Enya2853
Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, mein Mann, meine beiden Töchter, meine Schwiegersöhne und meine fünf Enkelkinder.
Meine große Leidenschaft sind die Literatur und das Schreiben. Schon im Alter von sechs Jahren schrieb ich kleine Geschichten. Die ersten Gedichte folgten dann, als ich etwa zwölf war. An die Öffentlichkeit ging ich jedoch erst vor einigen Jahren.
Nach zahlreichen Gedichten und Geschichten, die in Anthologien und Gemeinschaftsbüchern ihren Platz fanden, habe ich 2013 meinen Debütroman »Das Murmelglas« gemeinsam mit Victoria Suffrage veröffentlicht. Im März 2015 erschien das Kinderbuch »Die Abenteuer von Stups und Moni. Wenn freche Wölfe Nebel pupsen«, das ich ebenfalls mit Victoria Suffrage geschrieben habe.
Im Dezember 2017 erschien mein Roman »Julie. Am Ende ist Erinnern«, gefolgt von »Septemberblues«. Die Fortsetzung von »Julie« erschien im März 2020.
Wenn ich noch ein Ziel habe, was das Schreiben angeht, so ist es ein Psychothriller. Mal schauen.
Zur Zeit schreibe ich an einem (fast) autobiografischen Familienroman.
Meine Geschichten erzählen von menschlichen Grenzsituationen, die immer von einem Funken Hoffnung begleitet werden.
Ich habe Mathematik, Psychologie und Pädagogik studiert und war im Bildungsbereich tätig. Inzwischen genießen mein Mann und ich unser Rentendasein und die Beschäftigung mit unseren lebhaften Enkelkindern.


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Brubeckfan Liebe Enya,
das hast Du wieder sehr zart und einfühlsam dargestellt.
Ach, gutbezahlte Eheberater empfehlen, sich woanders zu holen, was man in der Partnerschaft nicht hat. Treue Ehefrauen vernaschen mal ne Frau, usf. Idealerweise ohne Eifersucht und Gekränktsein ... tja.
Viele Grüße,
Gerd
Vor ein paar Wochen - Antworten
Enya2853 Ganz herzlichen Dank, lieber Gerd.
Wenn's ohne Leid und Schmerz geschieht, dann mag's ja angehen.
Besser wäre, Rat zu geben, wie in der Beziehung was verbessert werden könnte.

Liebe Grüße in den heißen Sommertag.
Enya
Vor ein paar Wochen - Antworten
derrainer Liebe enya
Dies ist ganz nach meinem Geschmack, damit meine ich
Die Seitenzahl.
Das mit der Liebe ist immer noch schwierig,
Man gibt sich regelmäßig einen anderen hin und liebt einen anderen
Vielleicht, hätten klärende Worte dazu beigetragen,
Dass das was man suchte , auch bei eigenen Mann hätte finden können.
Schönen abend zu dir Gruß rainer
Vor einem Monat - Antworten
Enya2853 Ja, lieber Rainer, ich bin auch eher für klärende Worte. Dann wird das Päckchen, das man mitschleppt, nicht allzu schwer. Aber gerade in der Liebe handeln Menschen ja oft nicht vernünftig.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei dir und freue mich, dass du hier warst.
Liebe Grüße
Enya
Vor einem Monat - Antworten
Bleistift meint:
"Jahresblumenstrauß..."
Was für eine phantastisch geschriebene Geschichte, so voller Zärtlichkeit und dennoch so unaufrichtig gelebt, was mich an der wahren Liebe Tildas zu Antoine in gewisser Weise zweifeln lässt, auch wenn ich durchaus verstehen kann, dass sie zu Lebzeiten diese drei Tage im August für ihr Seelenheil benötigte...
Chapeau, liebe Enya... ...smile*
LG
Louis :-)

Vor einem Monat - Antworten
Enya2853 Ganz herzlichen Dank, lieber Louis, für alles.
Wahre Liebe - das ist so ein Begriff, über den man lange nachdenken kann.
Tilda wollte beide Seiten. Und ist es nicht möglich, dass sie an diesen drei tagen einfach mal tollen Sex haben wollte und dass weder sie noch Jürgen das aus Rücksicht auf Antoine kommuniziert haben?
Fest steht, leben wollte sie nur mit ihrem Mann und das 362 Tage im Jahr. ;-)

Nochmals danke und ganz liebe Grüße
Enya
Vor einem Monat - Antworten
Bleistift 
Liebe Enya,
das mag vielleicht alles sein, aber ich halte viel von Sprichwörtern,
die sich als Volksweisheiten in vielen Jahrhunderten aus dem Wissen und den Erfahrungen von Generationen herausgebildet haben.
Und eines davon lautet: »Man kann nicht alles haben...«
Denn wer alles will, der wird am Ende wohl mit leeren Händen dastehen.
So wird es zu guter letzt auch diesem größenwahnsinnigen russischen Kriegsverbrecher aus Moskau ergehen, dessen Name mir nicht mehr über die Lippen kommt...
GGLG zu Dir nach Darmstadt aus dem sommerlichen Berlin...
Louis :-)
Vor einem Monat - Antworten
Enya2853 Da gebe ichdir völlig recht, lieber Louis.
Spekulieren hilft nicht, ich kenne Tildas Motive nicht. Auch mir als Autorin entschlüsselt sich halt nicht alles.

Ich weiß nur: Das Leben ist nicht immer eine glatte Straße, über die wir schweben oder fliegen. Vielmehr kraxeln wir über zahlreiche Hürden. Bittersweet halt.
Und ja, vielleicht ist es moralisch besser, sich des Öfteren mal zu bescheiden, Demut und Zufriedenheit zu zeigen.
Aber leider findet man das eher selten.

Ganz liebe Grüße zu dir und einen schönen Abend.
Hier ist es angenehm, nicht zu heiß, Sonne, Wolken und morgen sogar wohl ein wenig Regen.
Enya
Vor einem Monat - Antworten
Kornblume eine wehmütige Liebesgeschichte.Tilda wußte schon warum sie Antoine die Liason mit Jürgen verschwieg.Sie wollte ihm nicht weh tun und doch einen Zipfel vom Leben draußen mit all seinen Abenteuern genießen. Ob gut oder schlecht, ich als Außenstehende enthalte mich einer Wertung denn nur Tilda selbst muß mit dem Verrat und Vertrauensbruch leben und damit fertig werden, dass ihr lieber Mann etwas ahnt.Nicht einfach.,meint die Kornblume

PS Soll ich den Beitrag unter Schreibpaty listen oder niocht nicht?
Vor einem Monat - Antworten
Enya2853 Liebe Kornblume,
hab herzlichen Dank. Ich denke auch, Tilda hat sich das Türchen nach beiden Seiten offengehalten. Werten möchte ich das auch nicht. ;-)
Beide Texte von mir können dann in die Schreibparty aufgenommen werden, wenn außer Manuela und Feedre noch andere mitmachen. Mit nur drei Teilnehmern sehe ich ehrlich keinen Sinn darin. Aber es ist ja noch bis Freitag Zeit.

Falls es euch als Jury (wer ist das überhaupt?) sehr wichtig ist, diese Party wie gewohnt auszurichten, werde ich mich aber nicht widersetzen. Ich habe es deshalb im Teaser stehenlassen, nur beim Cover den Hinweis SP99 rausgenommen.

Hab einen schönen Tag.
Lieben Gruß
Enya
Vor einem Monat - Antworten
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