Kurzgeschichte
Frau Wirbelwind

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"Was einem durch den Kopf geht, wenn ihm seine ehemalige Jugendliebe irgendwie abhanden kommt."
Veröffentlicht am 16. Mai 2022, 42 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Über den Autor Jurek P Über seine eigene Person macht der Autor wenig Gewese. Hat er den Lesern in seinen beiden Sieben-Windstärken-Geschichtensammlungen eher alltäglich Nichtalltägliches zugemutet und die meisten seiner Erzählungen im Hier und Heute verortet, sind die in diesem Band veröffentlichten Stücke mehr der Phantasie zuzuordnen, und deswegen, so befand er, eine gesonderte Publikation wert. Das abgebildete Autorenfoto der ersten ...
Was einem durch den Kopf geht, wenn ihm seine ehemalige Jugendliebe irgendwie abhanden kommt.

Frau Wirbelwind

Frau Wirbelwind

Verloren Ich habe sie verloren, glaube ich, die Liebe meines Lebens. Die ist weg. Und das bedrückt mich nun doch, verstehst du? Nein, nicht, was du denkst, meiner Frau geht’s gut, zu Hause ist alles in Ordnung und wenn es so bleibt, dann feiern wir in zwei, nein, in drei Jahren unseren vierzigsten Hochzeitstag. Die Liebe meines Lebens, die ich da verloren glaube, das ist eine Frau aus einem früheren Leben. Ich erzähl’s dir, wenn du willst. Stell dir mich vor, ein junger Mann, ein

Knabe fast noch, Schüler. Die Hormonumstellung hat er manierlich hingekriegt, der junge Mann, aber er hat so seine Anlaufprobleme mit der Annäherung an das weibliche Geschlecht, das hat ihm keiner erklärt, wie das funktionieren soll. Er ist kein Draufgänger, beileibe nicht, eher der schüchterne Typ. Da gibt es ein Mädchen in seiner Umgebung, das betet er an. Ihr schreibt er Gedichte und komponiert Liebeslieder, sie versucht er zu zeichnen, was ihm misslingt, denn er vermag die Göttlichkeit seines Schwarms nicht im Entferntesten darzustellen. Nach ihr verzehrt er sich leidenschaftlich, und sie

– sie erfährt vermutlich nie etwas davon, denn seine Gefühle nach außen zu kehren, scheut er sich. Einzig in den Tanzstunden, die er eigens ihretwegen besucht, kann er sich durchringen, sie artig aufzufordern, sich im Walzertakt mit ihm zu drehen und beim Foxtrott und beim Cha-Cha. Sie ist elfengleich und von so graziler Eleganz, dass ihm zuweilen schwindlig wird vor Sehnen und doch, er packt’s nicht, seiner Liebe Ausdruck zu geben. Nun, so was ist vermutlich nicht so selten und seit Ewigkeiten der Dichter sicherste Nahrungsquelle und überhaupt werden auch solche unerfüllten Romanzen im Leben alsbald durch den

»Markt reguliert«, wie wir heute wissen. Den jungen Mann allein vermag diese Weisheit einstweilen nicht zu trösten, er leidet tapfer vor sich hin. Ein Jahr? Zwei? Horst Krügers Lied »Liebt sie mich, liebt mich nicht, zähl’s mir an den Knöpfen ab …« ist Credo für ihn. Und wenn er nicht für die Prüfungen der zehnten Klasse sein Tun hätte, um einen leidlich akzeptablen Schulabschluss hinzulegen, würde er sich vermutlich mit Stumpf und Stiel in seiner Liebessehnsucht verzehren. Soweit klar, ja? Und jetzt kommt’s! Nach den Prüfungen wird Sommer und in diesem schicksalsreichen Sommer läuft ihm, springt ihm geradezu, ein Mädchen,

eine Frau, die Frau »Wirbelwind« über den Lebensweg. Sie ist gut ein, zwei Jahr älter als er, sie ist klein, blond, ein bisschen struppig immer, sie ist schlank und sportlich, wenn nicht sogar drahtig, sie ist sehr lebenslustig und lebhaft und sie heißt natürlich nicht Frau »Wirbelwind«, aber sie könnte wohl gut so heißen. Und obwohl der Göttlichen an Schönheit nicht im Entferntesten ebenbürtig, im Gedächtnis des jungen Mannes jedenfalls wird sie einen entsprechend wichtigen Speicherplatz belegen. Sie selbst nennt sich Ramona Günterowna, der in der russischen Tradition verhaftete Vatersname, Günter

soll der Vater geheißen haben, aber den hat sie gar nicht gekannt, der Vatersname also schien ihr wichtiger als der Familienname Schmidt. Der junge Mann nun kannte Ramona Günterowna bis dahin kaum, zwar lebten sie in derselben Stadt, immer schon, aber sie ging in eine andere Schule und sowieso in eine höhere Klasse und also waren der gemeinsamen Anknüpfungspunkte nur wenige vorhanden. Nun aber hatte sich Ramona eine eigene Bude gesucht, ein kleines Zimmerchen genommen, und das just in der unmittelbaren Umgebung unseres Jugendfreundes und seiner Clique, mit der er so zusammen war und das tat, was man heute »abhängen«

nennen würde, gegeben hat es das früher genauso wie heute. Frau Wirbelwind hat, anders als der junge Mann, keinerlei Kontaktscheu und gibt ihm bald und zielsicher ihre Sympathie bekannt und ihr Begehren ebenso und unumwunden, denn sie weiß alles und kann alles, was Männer und Frauen in der Liebe miteinander anzustellen vermögen und zeigt sich lehrbegierig. Der junge Mann, zwischen Überraschung und Neugier, folgt ihr mit Lerneifer und Lust. Sie nimmt ihn in Schlepp auf einem Stück intensiven Lebens durch den Ort und bis hin an den Strand hinten an der Steilküste, wo Männer und Frauen, aller Badesachen ledig, Spaß haben, tollt mit

ihm nackt und natürlich in ihm ungekannter Weise herum, durchspielt mit ihm die sommerlichen Tage und so manche laue Nacht auch und er gibt seinem Tagebuch die Worte ein: »Keine Ahnung, wie sich das nennt, was wir hier tun, aber es ist von nun an der Sinn meines Daseins …« Na, mal abgesehen davon, dass er gar kein Tagebuch führt, war das wohl ungefähr so. Er brennt schier vor Liebe und liegt seiner neuen Freundin schmachtend zu Füßen und die – die will das gar nicht. Frau Wirbelwind will sein Freund sein, ihretwegen auch gelegentlich ohne Hose, ohne Hemd, aber die große Liebe, weder sucht sie die,

noch scheint sie ihr sinnvoll, sie will Freiheit und Leben und Spaß und wer mag und wen sie mag, der kann dies mit ihr teilen, eine Zeit lang. Eine Zeit lang, deren Dauer Frau Wirbelwind allein bestimmt. »Lass uns Freunde sein und Freude haben. Magst du?« Den jungen Mann erschüttert’s, er wird wieder anfangen, an der Liebe zu leiden, und auf diese Weise recht unspaßig für eine wirbelwindige Ramona Günterowna, die sich indessen Freund Raini zuwendet, für eine Weile, und unseren jungen Mann stehen lässt. Soll der junge Mann sich, sagt sie, mit all den erworbenen Kenntnissen wieder seiner Göttlichen zuwenden, die womöglich nur darauf

wartet, mit ihm die große Liebe auszuprobieren. Sie, Ramona, sagt es ohne jeden Groll, mit all der Offenheit und all der unverhüllten Lebensfreude, die ihm später nie mehr bei einer Frauensperson begegnen sollten. Ja, das war diese Sommerbegegnung, die so bedeutsame und prägende. Ich sehe schon, ich soll weiter erzählen, aber ich sage dir gleich, ab jetzt wird es eher normalbürgerlich, wenn nicht sogar spießig. Nicht mehr Nektar und Ambrosia für des Dichters Göttergeist. Der junge Mann, seiner verschüchterten Unschuld nun bar, wendet sich nach kurzem, stillem Aufheulen wieder seinem einstigen Schwarm zu, aber ach, die

Göttliche scheint plötzlich so göttlich nicht mehr. Nichts von ihrer langhaarigen Schönheit, ihrer grazilen Anmut hat sie in den paar Wochen eingebüßt, indes, der große Zauber scheint vergangen. Und bei genauer Betrachtung ist ihre Nase schon arg stupsig und dann das Gekicher immer. Er nimmt sich vor, seine Liebe zu vertiefen, zumal sich die Göttliche tatsächlich nicht abgeneigt zeigt, ganz und gar nicht, er gibt sich Mühe, aber das Herze, das elendige, das will nicht mit. Und so geht jeder seiner Wege, die sich viele Jahre nicht mehr kreuzen sollen. Zumal der junge Mann eine Ausbildung an anderem Orte anstrebt und das heimatliche Revier

verlässt. Ende des ersten Aktes, Applaus, Vorhang. Die Zeit, das sage ich dir, ist ein Monstrum. Du kannst sie nicht beherrschen, sie flieht mit dir durch den Raum und wenn du nicht aufpasst, kriegst du keinen Fuß auf die Erde. Hast du dir schon mal gewünscht, sie zurückzudrehen, die Zeit, um irgendeine Entscheidung anders treffen zu können? Ja? Den jungen Mann wird dieser unerfüllbare Wunsch lange begleiten. Eine seiner Entscheidungen ist zweifellos richtig gewesen: Er wird

Takler auf einer großen Werft. Ein Takler lernt und weiß und kann alles, was mit Leinen, Persenningen, Segeln, Netzen und all dem seemännischen Zubehör eines Schiffes im Zusammenhang steht. Das ist eine Arbeit, die Spaß macht und die auch gelegentliche Sonderaufgaben beinhaltet, wie zum Beispiel als Hilfsmatrose im Erprobungskommando der Werft die Tauglichkeit der neu erbauten Schiffe zu beweisen, Einsätze, die Freude und Abwechslung versprechen. Und dann gibt es auch noch im Umfelde einer Werft- und Hafenstadt diverse private Bootsbesitzer, denen er zuweilen, in späteren Jahren auch noch, mit seinem Können und dem Material der

Werft Gefälligkeiten erweisen kann, was nicht zum Schaden seines Ansehens und auch seiner Geldbörse ausfallen sollte. Was es auch noch gibt in dieser Zeit, sind Barbara, Kerstin und Bettina, die sind lieb, aber die große Liebe ist nicht dabei. Er lernt, er arbeitet, er wird Soldat, wie alle jungen Männer in diesem Land. Er entscheidet sich für eine seemännische Laufbahn, die damit verbundene längere Dienstzeit nimmt er hin. Sein Vorteil dabei: Der Stationierungsort seiner Truppe ist nur einen Steinwurf weit von seinem Arbeitsort entfernt, der ja nun wohl auch seine neue Heimat geworden ist. Innerhalb dieser dreijährigen Dienstzeit

ereignet sich Britt. Die ist aufregende Siebzehn, als er sie kennenlernt, und wie irre verliebt in den jungen Matrosen in seiner feschen, blauweißen Uniform mit den flatternden Mützenbändern. Sie umschwärmt und umhalst ihn zu ihrer und auch zu seiner Freude. Seine Liebe, sein Gefühl für sie hat nun nicht jene erlebten leidenschaftlichen Dimensionen spätpubertärer Jugendzeit, aber Britt, die eigentlich Brigitte heißt, ist lieb und die beiden wollen beieinander bleiben, beschließen sie. Mit seiner Dienstzeit bei der NVA endet planmäßig auch die Verlobungszeit beider, es wird mit wohlwollendem schwiegerelterlichen Segen geheiratet und sein Status auf der

Werft verbessert sich deutlich von »zugezogen« in »eingeheiratet«, das ist nicht unwesentlich in der Provinz. Der Werdegang einer jungen Ehe in einer nicht mehr ganz so jungen ostdeutschen Republik ist ziemlich einheitlich. Mit der Geburt des ersten Töchterchens erwächst der Anspruch auf eine Neubauwohnung, die sich mit Hilfe des günstigen staatlichen Ehekredites trefflich einrichten lässt, das freundliche Kinderzimmer wird mit einer weiteren kleinen Bewohnerin gefüllt und so lebt die junge Familie einen erfüllten sozialistischen Alltag, zu dem alsbald auch ein klitzekleines Auto gehört, ein Kombi. Denn wes (Feierabend-)Arbeit

begehrt ist, der hat auch reichlich der zum Wohlstand in diesem Lande unentbehrlichen guten Beziehungen. Der junge, jetzt schon heranreifende Mann lebt sein Leben nun, wie so viele andere junge Menschen auch, zielstrebig und planvoll, er liebt seine Frau und seine Kinder, und das Herz, das begehrliche, gibt sich im Allgemeinen wohlversorgt. Manchmal nennt er seine Angetraute spaßeshalber »Brigitta Kurtowna«, das findet sie süß und putzig auch, erfährt aber nie den Grund dieses so originellen Einfalls. Manchmal schmachtet der junge Mann heimlich anderen Frauen hinterher, die eigenartigerweise weniger durch

Schönheit, sondern eher durch Burschikosität auffallen und durch eine bestimmte wirbelwindige Frechheit. Da wird nie eine Affäre draus, ein einziges Mal ein Fehltrittchen, aber da ist er schwer besoffen und wenig schuldfähig, ihm wird verziehen. Den Alkohol, den liebt der junge Mann auch, zum Problem wird der aber nicht. Und die Liebe der jungen Leute köchelt so auf kleiner Flamme, wird nicht ganz erkalten, aber auch nicht respektabel aufwallen, und ab und an ein kleiner Cognac verbessert das Aroma. Ende Zweiter Akt, Vorhang, verhaltener Beifall, verhaltenes Gähnen auch vereinzelt, einige Zuschauer sehen

unauffällig zur Uhr. Na, soll ich noch weiter erzählen? Du lauerst noch auf die große Liebe in meiner Geschichte, oder? Wobei, was das sein soll, die große Liebe, die ganz große, das wissen du und ich vielleicht auch gar nicht. Sie ist, möglicherweise, ja doch ein Mythos? Der junge Mann in meiner Geschichte ist im tiefsten Inneren ein Romantiker. Ja, lach nicht, es ist so. Der weiche Kern in der stacheligen Schale, das Schaf im Wolfspelz, das bin ich. Unser junger Mann, Herr Schaf, kriegt

mit Anfang dreißig so etwas wie eine Sinnkrise. »Meine erste Midlife-Crisis«, wird er, älter geworden, gern zum Besten geben, »hatte ich mit 30. Die zweite, die fange ich an, wenn ich mit der ersten endlich fertig bin.« Auslöser für diese Sinnkrise ist ein Traum, der ihn manchmal nächtens aufsucht, ein Traum, der sich um Frau Wirbelwind rankt, die er sucht im Traum, die er auch findet und die ihm, immer auf’s neue, im Linienbus davonfährt, unerreichbar für die Zukunft. Das Herz, fühlt er, meldet offenbar emotionale Unterversorgung an, der er nichts als Familienroutinen entgegen zu halten hat. Nein, eine Affäre strebt er wirklich nicht

an, auch ist nicht die Zeit gelegentlicher Verliebtheiten mehr, wie noch einige Jahre zuvor, er fühlt sich äußerlich großartig ausgelastet und innerlich mumienhaft hohl. Da der Mann ganz gern schreibt, versucht er, Träume und Sehnsüchte in einen selbstgemachten Roman zu pressen, der aber nie fertig werden wird, so weit reichen sein schriftstellerisches Talent und auch die Geduld noch nicht. In diese Zeit fällt dann auch der mit dem Wort »Wende« betitelte Umbruch des Landes, das es nun auch offiziell zu verachten gilt, samt dem eigenen Leben, das man darin führte. Es geht an die Existenz zunächst, die Werft baut Stellen

und Gewerke ab, der nun hochheilige Markt aber, der brüllt in dieser Werft- und Hafenstadt nach einem Unternehmen, das Segel und Netze und Persenninge und Leinen anbietet und sich also prompt gründet und für den ausgebildeten Takler eine Heimstatt bieten kann. Existenz gesichert. Britta, als Angestellte der Stadt, behält auch vorläufig ihre Arbeit als Bibliothekarin, da müssen erst die älteren Kolleginnen gehen, nicht die noch junge Mutter. Und das Geld wird neu und die Ansprüche auch und das Auto wird ein westliches Fabrikat, das diese Bezeichnung auch verdient. Der Familie geht es gut, die Kinder sind gut in der Schule und heulen dem

schicken Pioniertuch keine Träne nach. Und auch das Herz, das des immer noch mitteljungen Mannes, fühlt sich vorläufig durch konsumglitzernde Erfüllung ständig nachwachsender Wünsche leidlich freudig an. Es entsteht sogar eine neue Leidenschaft, man schafft sich, jawohl, ein eigenes Familienboot an, der junge Mann wird Freizeitkapitän, so fühlt er sich bestens. Und dann das. Das Telefon (haben wir auch jetzt, na klar) klingelt und dran ist – falsch verbunden zunächst, und doch wiedererkannt – Frau Wirbelwind, Donnerwetter. Sie habe jemand ganz anderen am Telefon haben wollen und sei

mit dem Fingerchen im Telefonbuch verrutscht und nun das! Ja, die Überraschung sei ganz auf ihrer Seite und der vertraute Name des jungen Mannes, des ganz jungen damals noch, unvergessen all die Jahre, nein, so was Tolles, nein, diese Überraschung. Sie versprechen sich, den gegenseitigen Kontakt nicht wieder aufgeben zu wollen. Wenige Monate später sogar ein Treffen in der ehemaligen Heimatstadt des jungen Mannes, in deren Peripherie sie noch immer zu Hause ist, seit einigen Jahren auch mit anderem Nachnamen, na klar, verheiratet, na klar, glücklich und kleiner Sohn, vier Jahre erst, schön. Sie treffen sich, wie sich das für alte

Freunde gehört, in aller Freundschaft und Unverfänglichkeit, und siehe da, die kleine Flamme war nicht erloschen, die Energie genügte und als sie im Grunde voneinander Abschied nehmen wollten, fielen sie doch in eruptiver Leidenschaft übereinander her. Das war jetzt nicht so geplant und nicht so gewollt, von ihm wenigstens nicht und muss unbedingt und sowieso geheim und unter uns bleiben, ja? Den Mann plagen alsdann sofort Schuldgefühle, die Frau Wirbelwind so gar nicht nachvollziehen kann, die vor Jahren gesagt hatte: »Wenn ich mal heiraten sollte, kann ich meinem Mann immerhin so viel Treue versprechen, dass seine Kinder von ihm

sein werden.« Nein, nein, nein, nein! Britt darf niemals davon etwas erfahren und wird es auch nicht. Also, Pschschscht! Die Britt erfreut sich neuer, liebevoller Zuwendung seitens ihres Gatten, an dem das schlechte Gewissen ebenso nagt wie das neuerliche Entflammen der Sehnsucht nach Frau Wirbelwind. Das mit ihr abgemachte Nicht-abreißen-lassen-wollen des Kontaktes kann so nicht eingehalten werden. Ein nochmaliger Anlauf des Mannes, die Frau Wirbelwind vielleicht mal anzurufen, so ungefähr zwei Jahre später, scheitert kläglich, das neue Telefonbuch kennt keine Ramona Günterowna Schmidt

mehr, auch als nun verehelichte Ramona Günterowna Schulz nicht, so war ja der neue Familienname und er hatte noch gelächelt – Schulz statt Schmidt, was für ein Gewinn. Frau Wirbelwind war wieder weg. Unangenehm unerreichbar. Schmerzhaft. Das Herze wieder. Na schön, nächster Akt, dasselbe Stück. Warum, fragst du dich vielleicht, erinnert er sich nach zwei Jahren wieder und lässt Sehnsucht zu, wo er doch im Grunde froh sein konnte, eigentlich, seinen halbwegs ungewollten Seitensprung zugedeckt zu halten? Und ja keine Luft ranzulassen.

Warum das neuerliche Sehnen nach Frau Wirbelwind? Ich sag’s dir, die Göttliche war schuld, so war das. Jemand aus seiner alten Klasse, ein Mitschüler von damals, war auf die Idee verfallen, 22 Jahre nach Schulende ein Klassentreffen zu veranstalten, ach ja. Viele, viele der alten Freunde und Freundinnen würden kommen und der junge Mann, bald Ende 30 nun, erfuhr eher zufällig und eines glücklichen Umstandes wegen von der Planung, denn er war durch seine Ausbildung ein wenig weit abseits geraten, sie hätten ihn fast nicht gefunden. Klassentreffen. Die Göttliche ist auch da, eine gute Portion göttlich noch immer,

verheiratet, natürlich, Kinder, wie alle eigentlich. Man feiert, man erinnert sich und speziell unser Freund genießt ein paar Augenblicke lang den doch noch warm sich anfühlenden seelischen Aufguss des einstigen Liebesleidens. Ach ja, die Göttliche. Und er, er spricht mit ihr, da ist nichts mehr wirklich Hinreißendes, na gut, er richtet es so ein, dass ihm ein Foto bleibt, mit ihr, auf dieser Feier. Das Foto wird später Grund für ein paar Reibereien mit Britt geben, die argwöhnt da etwas, aber da ist nichts, er schwört es. Dass die Göttliche es vermocht hatte, sein Sehnen nach Frau Wirbelwind wieder anzufachen, erfährt Britt

nicht. Für die Familie kommt ein neuer Abschnitt, einer, der Familien noch fester zusammenschweißen kann, man will und bekommt ein Haus, ein Reihenhaus, von der Bank finanziert. Ist ja auch wegen der Kinder. Die sind dem idyllischen Reihenhaussandkastenalter freilich längst entwachsen und sehen den Umzug eher kritisch. Neue Wohngegend, neue Schule, alte Bindungen ausdünnen, eigentlich wollen sie das nicht, aber naja, man fügt sich. Die Reihenhausidylle wird, der Rückblick zeigt es, in einigen Jahren den Enkelkindern zugute kommen. Die Töchter werden beizeiten eigene

Familien gründen. Das ist noch nicht so weit, die Mädchen gehen behutsam ins Erwachsenenalter, niemand wird überfordert werden. Unser Freizeitkapitän und seine Britt richten sich fest in der Mitte des Lebens ein, alle Überraschungen des Daseins klingeln artig an der Tür, wie sich das gehört. Er kümmert sich ums Boot, sie um den kleinen Garten am Haus, man hat Nachbarn, Freunde, mit denen man verkehrt. Einmal, auf einer Bootsausstellung in der Gegend seines alten Heimatortes, sieht er die Göttliche noch mal wieder, ein Kleinkind an der Hand. Göttliche Großmutter? Sie sieht ihn nicht. Er läuft noch hinterher,

verliert sie im Gedränge, na egal. Einer Großmutter nachzulaufen war seinem Leben noch nicht vorgesehen, beschließt er. An den Abenden schreibt er inzwischen gern, er hat sich einen Computer angeschafft, ein äußerst vielseitiges Werkzeug für eigene schöpferische Ambitionen. Er versucht sich an frohen, an lustigen Geschichten, die sich um Meer und Seefahrt ranken, freilich ohne damit den heimlich erhofften konventionellen Erfolg zu erreichen. Auch Kindergeschichten schweben ihm vor, denn nun haben ihn doch die ersten eigenen Enkelkinder erreicht, ja, das Leben geht so seinen Gang. Wir kommen

in die Jahre und bleiben doch noch jung. Vorletzter Vorhang. Du kennst mich, mein Computer ist mein zweitbester Freund inzwischen. Nach dir, versteht sich. Und du weißt ja, es ist nicht nur die Schreiberei allein, die mich reizt, es ist die eigenwillige Verkürzung der großen, weiten Welt auf Bildschirmbreite, das allgegenwärtige Kommunikationsnetz, das mich anregt. Ich schreibe, ich schwelge in alten Erinnerungen und ich habe dank Facebook und Youtube und Co. auch die Möglichkeiten,

in den tiefen Bodensatz meines Gedächtnisses vorzudringen, uralte Bilder und fast vergessene Filme lassen sich im Internet finden und alte Schulfreunde auch, dafür gibt es StayFriends. Der Familienkapitän und stolze Großvater sucht und findet vieles im Netz, es ist ein Hobby. Manches Suchen dauert Jahre. Die Liebe muss er nicht mehr suchen, die hat er ja in seiner Britt längst und in den Kindern und in den Enkeln. Und in der Liebe zu seinen Nächsten und in der zu Gott und den Menschen, der Mann gibt sich geläutert und manchmal fast ein wenig weise und sieht sich sowieso als einer von den

Guten. Die Einrichtung mit dem Namen StayFriends.de beschert ihm, dem geduldigen Sucher, allerlei alte Bekannte und mit ihnen alte Erinnerungen, das schätzt er sehr. Er telefoniert mal mit seinem besten Schulfreund von damals, einfach so. Man hat sich aber in der so zusammengerückten Welt auch nicht mehr so viel zu sagen, wie man könnte. Dieselbe Internetseite gibt ihm eines Tages auch Frau Wirbelwind zurück, die sich da angemeldet hat. Siehe da. Ramona Günterowna Wegner, geborene Schmidt, nun offenbar ein weiteres Mal verheiratet, Ende 50 auch schon, gibt sich die Ehre und man versichert sich

gegenseitigen Erkennens und schreibt sich klitzekleine, unverfängliche Mitteilungen. Sie telefonieren sogar miteinander, zwei- oder dreimal, in größeren Abständen. Der Kapitän lauert heimlich auf das Flämmchen heimlichen Gefühls, das er doch mit dieser außergewöhnlichen Frau verbindet. Aber Fehlanzeige, da ist nichts oder scheint nichts zu sein, als freundschaftliche Sympathie. Schade eigentlich, denkt er noch. Dann ein Einbruch in Form einer fiesen Krankheit, die ihn umwirft, seelisch wenigstens. Das Leben hat mal eben von seiner Endlichkeit einen Eindruck zurückgelassen. Dem Großvater geht es

nicht so gut, wird wieder, sicherlich. Ein bisschen schrullig wird er aber schon, scheint es. Jetzt findet er Gefallen daran, Leuten Urlaubs- und Weihnachtskarten zuzuschicken, knüpft uralte Kontakte, findet eine längst verschollen geglaubte Cousine wieder, na so eine Freude. Erinnert sich an den Geburtstag von Frau Wirbelwind, würde gern mal wieder mit ihr telefonieren, sie vielleicht sogar mal wiedertreffen nach all den Jahren, 20 Jahre ist ihr letztes Treffen auch schon wieder her und 40 Jahre ihre erste Begegnung. Aber ach, die Telefonnummer stimmt nicht mehr. Telefonbucheintrag: Fehlanzeige. Die Supersuchmaschine Google bringt einzig

die Stayfriends-Adresse und auf die von ihm geschriebenen Nachrichten dorthin erfolgt keine Reaktion. Die werden nicht mal geöffnet, das verrät ihm sein Computer. Er kann ja nun nicht eine Vermisstenanzeige oder so ... er ist ja doch noch normal. Hofft er wenigstens. Aber da ist so ein Gefühl, so ein unbestimmtes. Die Flamme alter Liebe war nicht mehr spürbar, nein, aber jetzt ist da ein Schmerz. Unangemessen, aber quälend. Die große Liebe. Ist weg. Die einstige Liebe meines Lebens, verloren, glaube ich. Verstehst du jetzt?

Bezugsquelle

Die Geschichte ist Bestandteil des Kurzgeschichtenbandes "Sieben Windstärken" von Jurek P, erschienen im Haffnitzverlag (www.haffnitz-verlag.net)



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Hörbuch

Über den Autor

JurekP
Über den Autor Jurek P

Über seine eigene Person macht der Autor wenig Gewese. Hat er den Lesern in seinen beiden Sieben-Windstärken-Geschichtensammlungen eher alltäglich Nichtalltägliches zugemutet und die meisten seiner Erzählungen im Hier und Heute verortet, sind die in diesem Band veröffentlichten Stücke mehr der Phantasie zuzuordnen, und deswegen, so befand er, eine gesonderte Publikation wert.
Das abgebildete Autorenfoto der ersten Bücher stimmte wenig mit der Wirklichkeit überein (es besteht die Annahme, es handelt sich um einem Ausschnitt eines Gemäldes des Herrn Ilja Repin), hier stellt er sich in Anlehnung an die im Buch verwendeten Illustrationen als simple Holzfigur dar. Die Ähnlichkeit allerdings, das muss jeder Vertraute des Autors zugeben, stimmt ziemlich mit der Wirklichkeit überein.
Nach Abschluss der Arbeiten an diesem Band, so verrät Jurek P, ist wieder ein Kurzgeschichtenband für die Windstärken-Reihe geplant. Mit wieviel Wind die Leser dabei zu rechnen haben, kann noch nicht gemessen werden. Auch ist der Autor seit Jahr und Tag mit diversen Romanideen geschlagen.
Die machen freilich viel Arbeit und davor scheut sich der Autor mitunter. Nee, nicht mitunter. Eigentlich immer. Ist ja auch nicht mehr der Jüngste, sagt er selber.

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AngiePfeiffer Ach Jurek,
diese Geschichte hat mich auf die Reise mitgenommen.
Ein ganzes Leben in 42 Seiten ... spannend, unterhaltsam und humorvoll geschildert - das muss Dir erst mal jemand nachmachen ...
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
JurekP Es freut mich, wenns gefällt., Jurek
Vor ein paar Monaten - Antworten
Kornblume ich kann mich gut in deinen Protagonisten hineinversetzen und seine Sehnsucht regelrecht spüren.
Vor ein paar Monaten - Antworten
JurekP So ungefähr hatte ich das beim Schreiben beabsichtigt. Aber die Geschichte ist zehn Jahre alt, das mildert und klärt. Mein Protagonist hat längst neue Abenteuer zu bestehen. Gruß, Jurek
Vor ein paar Monaten - Antworten
FLEURdelaCOEUR Sehr gern gelesen, wenngleich ich mich auch hier nicht restlos in deine Sichtweise einfühlen konnte.

LG fleur
Vor ein paar Monaten - Antworten
JurekP "auch hier" soll heißen: wie bei der Grenz-Erfahrung? Aber unterschiedliche Sichtweisen sind ja per se etwas Gutes. Jurek
Vor ein paar Monaten - Antworten
FLEURdelaCOEUR Sichtweise ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich kann auch, wie Konblume, die Sehnsucht nachfühlen. Aber irgendwie fehlt mir ein Stückchen der innerliche Draht zu deinen Figuren.
Vor ein paar Monaten - Antworten
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