Kurzgeschichte
Der Besuch - Eine Gruselgeschichte

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"Der Besuch - Eine Gruselgeschichte"
Veröffentlicht am 05. Mai 2022, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich erzähle gerne Geschichten. Meine Inspiration hole ich mir aus dem Leben. "Experiri", "Der Corvinusbecher", "kalt blütig", rachsüchtig und Experiri, Der Schattentöter sind fünf meiner Geschichten, die zu Büchern geworden sind. Mein Motto: Forever Young
Der Besuch - Eine Gruselgeschichte

Der Besuch - Eine Gruselgeschichte

Der Besuch

„Noch ein Stück Kuchen, Kathi?“, fragt mich meine Schulfreundin freundlich. Ich nicke. Wir kennen uns schon seit ungefähr 40 Jahren, sind miteinander in die Unterstufe eines Gymnasiums gegangen. Gabi und ich haben uns jedoch aus den Augen verloren, erst vor Kurzem wieder gefunden.

Es ist nett bei ihr. Sie wohnt alleine im Haus ihrer bereits verstorbenen Eltern. Eigentlich handelt es sich um eine Ansammlung von Wirtschaftsgebäuden, Wohngebäuden und einer Bäckerei inklusive Geschäft und Backstube. Die Geschichte des Hauses geht in das 17.

Jahrhundert zurück. Oh Gabi weiß viel zu erzählen und führt mich durch die Räumlichkeiten. Das kleine ehemalige Geschäft wurde zu einem Atelier und Lagerraum einer ansässigen Künstlerin umgestaltet. Die Backstube bekomme ich nicht zu Gesicht, da sie erst renoviert werden muss. Die Bäckerei hat ihren Betrieb 1996 eingestellt, seitdem steht sie leer. Ich betrachte bei meinem Rundgang die ehemaligen Zimmer der Bediensteten, die Stallungen für Schwein, Kuh und Pferd, den Weinkeller, die Scheune für das Getreide. Aber es ist nichts mehr von dem Leben da, das einmal in diesen Gemäuern gewesen sein muss. Keine Tiere außer eine Hühnerschar. Kein Hund, keine Katze. Wie

kann Gabi so alleine leben? Ja, sie liebt ihr Federvieh, aber mir wäre es zu unheimlich. So viele Zimmer. Sie selbst bewohnt den Trakt gegenüber der Backstube. Getrennt durch einen verglasten Innenhof. Eine alte Wohnküche, ein Wohnzimmer mit Flügel und vermutlich ein Schlafzimmer. Das hat sie mir nicht gezeigt.

„Wie gefällt es dir?“, fragt Gabi unvermittelt.

„Super“, erwidere ich. „So viele Zimmer. So viel Arbeit. Wie machst du das nur neben deinem Beruf.“

„Stück für  Stück. Das geht schon“, lächelt Gabi. „Aber eines muss ich dir jetzt sagen, Kathi.“Gabis Blick ist plötzlich durchdringend und ihre Stimme todernst.

Mir läuft unvermittelt ein Schauder über den Rücken. „Seit ein paar Tagen geht es hier nicht mit rechten Dingen zu.“Sie sieht auf ihre Armbanduhr. „Es ist schon 20 Uhr, es wird bald finster sein.“Ein Hahn kräht ganz in der Nähe. Dann noch einer.

„Es geht schon los“, wispert Gabi panisch mir zu. „Es tut mir so leid. Es ist mein Fehler. Ich hätte dich heimschicken sollen. Jetzt ist es zu spät.“

„Was? Wovon redest du?“Ich spüre Panik in mir aufkeimen. Fast wäre ich schreiend hinaus auf die Straße gelaufen.

„Sie mögen keine Fremden.“In Gabis Worten ist die Angst spürbar. Wieso ist mir plötzlich eiskalt?

„Wer?“, stottere ich. „Von wem redest du?“

„Komm mit.“Gabi nimmt mich an der Hand und zieht mich hoch. Wir gehen eine Stufe hinauf ins Wohnzimmer. Es ist gemütlich. Gabi schließt hinter uns die Türe, verriegelt die Fenster, zieht die Vorhänge zu. Dann ohne ein weiteres Wort fängt sie an, Klavier zu spielen. Eigentlich wunderschön. Aber wehmütig.

„Gabi?“, frage ich sie. Aber sie wirkt wie in Trance. Abermals kräht ein Hahn. Aber wieso steht er scheinbar vor der Wohnzimmertüre. Was möchte er. Ein grausiges Geräusch zwischen den Noten, dann kann ich den Hahn nicht mehr hören.

„Blutdurst!“, kreischt plötzlich meine Schulfreundin. Als ich mich zu ihr

umwände, spielt sie weiter. Die Musik qualvoll.

Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Gabi wirkt unheimlich auf mich und auch die Tatsache, dass die Wohnzimmerlampe anscheinend an Leuchtkraft verliert. Langsam aber stetig. Bald wird es im Wohnzimmer finster sein. Ich muss hier raus. Ich versuche, die Fenster zu erreichen, zerre an den Vorhängen.

„Nein!“, schreit Gabi, springt vom Klavierhocker auf und stürmt zu mir. „Lass das. Du machst sie nur noch wütender!“

„Wen?“, krächze ich.

„Die Geister der Verstorbenen“, haucht Gabi mit weitaufgerissenen Augen. „Sie kommen seit wenigen Tagen, wenn es

dunkel wird und töten einige meiner Hühner.“

„Geister töten keine Hühner“, flüstere ich etwas ruhiger. Was für ein Unsinn. Gabi spinnt doch.

„Sie schon. Ich habe sie gesehen. Vorgestern.“

„Unsinn“, wispere ich bebend. „Es gibt keine Geister.“

„Sag so etwas nicht. Sie werden auch zu dir kommen.“

Sie setzt sich wieder ans Klavier und spielt weiter. Leiser als zuvor. Traurig und getragen.

„Sie kommen von meinem Grundstück, Kathi“, flüstert Gabi unter Tränen. Wieso weint sie?

„Wer? Die Geister?“

„Ja, ich habe vor kurzem Knochen ganz hinten in meinem Garten gefunden. Ich habe das hohe Gras gemäht und dort waren sie.“

„Wie jetzt?“

„Es gibt ein Eck auf meinem Grundstück, da bin ich noch nicht gewesen und –.“Gabi stockt, sieht mich kurz mit tränenverschleiertem Blick an.

„Dort sind Knochen gelegen? Einfach so?“

„Ich bin mit der Sense an einem hängengeblieben. Ein Oberarmknochen hat aus der Erde geragt und ja, dann habe ich einige menschliche Knochen gefunden. Ich habe gegraben. Verstehst du. Ich war neugierig und dann –.“

Sie stockt abermals, hält scheinbar die Luft an.

„Kathi, seitdem spukt es hier.“

„Hast du mit irgendjemandem darüber gesprochen?“

„Nein, die glauben ja alle, ich spinne. Du bist die Erste.“

Erst jetzt bemerke ich, dass das Wohnzimmer nur noch schwach beleuchtet ist.

„Hast du Kerzen?“, frage ich unsicher.

„Ja, aber die helfen nichts. Man kann sie nicht entzünden.“

„Wieso ist es hier plötzlich so kalt?“

„Sie sind hier.“Gabi schüttelt verzweifelt den Kopf und klappt den Deckel vom Flügel zu. „Ich habe versucht, sie mit

meinem Klavierspiel zu besänftigen, aber heute hat es nicht funktioniert.“

„Und jetzt? Was machen wir?“

„Es gibt keinen Ausweg. Wir werden sterben.“

„Was!“, schreie ich sie an.

„Ich habe ihre Totenruhe gestört. Heute ist der dritte Tag und das haben sie mir gesagt, wenn ich es nicht schaffe, sie wieder zu beerdigen, werde ich sterben.“

„Du hast mit ihnen gesprochen?“Ich greife mit auf die Stirn. Mittlerweile ist das Wohnzimmer komplett dunkel.

„Ja, gedanklich.“

Das war`s! Gabi ist wahnsinnig. Ich habe genug von dem Unsinn. „Ich glaube dir kein Wort!“, rufe ich laut, hechte zu einem

der Fenster und reiße den Vorhang weg. Die alte Dorfstraße liegt ruhig vor mir. Das Katzenkopfpflaster glänzt im Regen, ein Auto fährt vorüber. Kein Geist, keine unheimliche Gestalt.

Als ich mich zu Gabi umdrehe, ist das Wohnzimmer wieder hell erleuchtet. Gabi sitzt auf dem Sofa und grinst mich an. „Super Kathi“, meint sie und applaudiert.

„Was ist jetzt los?“

„Nichts, wieso?“

„Was ist mit deinen Gespenstern.“

„Ach, die gibt es doch gar nicht.“Gabi grinst noch breiter. „Alles erfunden.“

„Was? Die ganze Geschichte?“

„Ja.“

„Und der Hahn? Deine Hühner? Das Licht?“

„Das Licht war einfach ein Dimmschalter an der Wand. Das Krähen des Hahnes eine Tonaufnahme, mein Federvieh schläft schon.“Gabi zwinkert mir zu.

„Und die Knochen?“

„Gibt es nicht, außer die, die du draußen auf der Wiese bei den Hühnern im Gras gesehen hast. Aber die sind nicht menschlicher Natur. Die Nachbarn bringen mir manchmal auch Fleisch oder Ripperl mit. Meine Hühner sind Allesfresser.“Gabi lächelt mich an.

„Wieso hast du das getan?“, frage ich verärgert.

„Ach, einfach so. Du warst früher so ein Angsthase und du hast mir stets alles

geglaubt. Ich wollte nur wissen, ob du noch immer so bist.“

„Und?“

„Nein, du hast dich geändert. Aber ich war gut, gell?“

Ich nicke und verlasse wortlos das Zimmer, danach das Haus. Ich gehe zu meinem Auto. Gabi folgt mir. „Sei bitte nicht böse, Kathi“, meint sie rasch.

Ich winke ihr kurz, danach steige ich in mein Auto und fahre heim. Ich Rückspiegel sehe ich Gabi. Sie ist nicht alleine. Um sie herum stehen seltsame Gestalten und glotzen mir nach. Ich schüttle den Kopf, konzentriere mich auf die Straße und steige aufs Gas. Nein, Gabi wird mich nie wieder sehen.

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Coffeequeen
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Kornblume Gabi würde ich auch nie wieder besuchen und mich auch nicht wundern wenn man Merkwürdiges über sie hört oder im Fernsehen über sie berichtet wird.
Grusellustige Grüße schickt die Kornblume ,die Deine Geschichte mega findet.
Vor ein paar Wochen - Antworten
Coffeequeen Dankeschön :-)
Vergangene Woche - Antworten
Bleistift 
"Der Besuch - Eine Gruselgeschichte..."
Nun, vielleicht hat sie ja sonst niemanden und so ganz allein auf weiter Flur...?
Das ist genau dein Ding, liebe Kathi... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor ein paar Wochen - Antworten
Coffeequeen Ja da hast du Recht. Ich liebe gruselig zu schreiben :-) danke.
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