Romane & Erzählungen
Schreiben, um zu sterben - Letztes Kapitel

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"Schreiben, um zu sterben - Letztes Kapitel"
Veröffentlicht am 18. Februar 2022, 12 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: Iakov Kalinin - Fotolia.com
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Schreiben, um zu sterben - Letztes Kapitel

Schreiben, um zu sterben - Letztes Kapitel

Das Ende

Es ist sowieso das letzte Mal, also schalte ich das Autoradio ein. Froh bin ich trotzdem, dass sie gerade keine Herz-Schmerz-Songs spielen.

Nachdenklich fahre ich nach Lübeck. Jetzt ist es also soweit. Ich habe es geschafft. Aber ich bin merkwürdig ruhig. Habe gar kein Hochgefühl, wie ich es sonst bei Erfolgen habe. Ein Hinweisschild zeigt noch 49 km bis Lübeck.

Da kommt die Stimme des Sprechers: „Letzte Woche hat sich eine 54jährige Frau das Leben genommen; ihr Mann war kurz zuvor an einem Hirnschlag gestorben. Es geschah mit Hilfe von Commutatio, einem Suizidhilfe-Verein. Uns zugeschaltet ist jetzt Herr Bernhard Bremer, der Leiter von Commutatio. Guten Tag, Herr Bremer.“

„Guten Tag, Herr Meurer.“

„Herr Bremer, eine gesunde Frau in mittleren Jahren hat sich mit Hilfe von Commutatio das Leben genommen. Können Sie uns helfen, dass zu verstehen?

„Es berührt mich sehr, wenn ein Mensch nicht mehr leben will; oder nicht mehr leben kann. In Deutschland nehmen sich jedes Jahr etwa 10.000 Menschen das Leben. Jedes Jahr! Die Zahl der misslungenen Selbstmord-Versucheliegt weit über 100.000! Und doch gilt: Sterbenwollen bleibt die freie Entscheidung eines jeden Einzelnen.“

„Ihr Verein verfolgt bei der Suizidhilfe einen ungewöhnlichen Ansatz. Können Sie uns davon erzählen?“

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass als erstes der Druck von dem Sterbewilligen muss! Um das zu

erreichen erhält er von uns, wenn er über 45 ist, die garantierte Zusage ein tödlich wirkendes Medikament zu erhalten. Eines, das ihn nicht leiden lässt: Das Natrium Pentobarbital. Diese feste Zusage erleichtert ihn oft enorm.“

„Weshalb muss man über 45 sein?“

„Das hat einen einfachen Grund: Wir benötigen für unsere Arbeit das Gewicht eines langen Lebens. Denn damit wir dem Sterbewilligen das Gift geben, muss er uns bestimmte `Stationen seines Lebens` aufschreiben. Diese Stationen sind jeweils abhängig davon, weshalb er sich das Leben nehmen will.“

„Was heißt das: `Stationen seines Lebens`?“

„(Lacht) Ja, wir sind eine Suizidhilfe-Organisation, die paradoxer Weise auch den Willen zum Leben vermitteln will. Ich nenn ihnen zwei Beispiele aus unserer Praxis: Ein schwerkranker Mensch muss seinen bisherigen Umgang mit `Krankheit` aufschreiben; und zwar seinen gesamten. Angefangen davon, wie er als Kind mit Masern im Bett lag und dabei Winnetou-Kassetten gehört hat, bis heute. Wer dagegen aufgrund des Todes eines geliebten Menschen nicht mehr weiter leben will, muss alle seine bisherigen Beziehungen aufschreiben.“

„Der Sterbewillige muss also auf sein Leben schreibend zurückblicken?“

„Genau! Und dafür benötigt er Zeit. Zeit, die wiederum seine Seele benötigt, um zu heilen. Und das ist unsere Chance. Zeit ist sehr wichtig für das `Weiterleben-Wollen`. Denn die dunkle Phase der vehementesten Suizidgedanken umfasst oftmals nur ein relativ kurzes Zeitfenster. … Es ist aber ebenso von Bedeutung, was während dieser heilenden Schreib-Zeit geschieht.“

„Ja?“

„Durch das Schreiben wird der oder die

Betroffene erstmals von seinen kreisenden Gedanken um das Sterbenwollen abgelenkt. Er oder sie schreibt sich regelrecht `den Druck von der Seele`, konzentriert sich auf sein gesamtes Leben und nicht nur auf die schmerzreichen Monate. In diesem Ansatz liegt unsere ganze Hoffnung. Mit Erfolg, wie die Zahlen zeigen: Fast alle der ursprünglich Selbstmord-Willigen melden sich nach dem ersten Kontakt nicht mehr bei uns. Doch das ist nicht immer der Fall, wie der von Ihnen beschriebene Suizid zeigt.“

„Herr Bremer, das Bundesverfassungsgericht hatte im

Februar 2020 festgestellt, dass das im Grundgesetz verankerte allgemeine Persönlichkeitsrecht auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst, welches letztlich auch die Freiheit einschließt, hierfür die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. In Deutschland gibt es derzeit drei Sterbehilfevereine. Sie sind der vierte. Nähern wir uns damit dem Selbstmord-to-go, was viele befürchten?“

„Wir von Commutatio bejahen das Leben. Zum Leben gehört für uns aber auch das Sterben dazu! Und wie das aussieht, sollte jeder für sich selbst bestimmen dürfen. Wir bemühen uns darum, dass ein Sterbewilliger wieder

erkennen kann, wie bunt sein Leben ist, damit er die Kraft hat weiterzuleben. Wir machen mit unserer Arbeit, anders als andere Vereine, auch ein Lebensangebot, nicht nur ein Sterbeangebot.“

„Eine letzte Frage Herr Bremer: Commutatio, was heißt das eigentlich?“

„`Commutatio` ist ein lateinisches Wort und bedeutet: Veränderung, Wechsel!“

„Vielen Dank!“

„Gerne!“

„Das war Bernhard Bremer von

Commutatio zum Selbstmord einer 54jährigen. … Und jetzt „I follows river“ von Trigger Finger.“

Ich halte das Lenkrad umklammert und starre durch die Frontscheibe auf die Autobahn. Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich drehe den Kopf. Durch den Tränenschleier sehe ich auf den Papierstapel, der auf dem Beifahrersitz liegt. Den Papierstapel, den ich geschrieben habe; der mir Freude gemacht hat, ihn zu schreiben. Wieso habe ich das nicht bemerkt? Das Schreiben hat mir wieder Kraft gegeben. Sie ist wieder da. Ich kann die Kraft spüren. Sie ist noch klein. Aber sie ist

da. Bäume könnte ich noch nicht ausreißen, wohl aber Bäumchen.

Ich setze den Blinker und verlasse die Autobahn.

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PuckPucks

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Gast Die Mutter einer Freundin beging Selbstmord. Ihre Tochter wurde Alkoholikerin. Nicht alle werden damit fertig. Wenn ihre Mutter diesen Schritt ausführlich erklärt hätte, wäre es besser gewesen. War ein langer Weg aus der Alkoholfalle heraus. Ich habe deinen Text berührt gelesen und sehe jedem Fortschritt der Medizin positiv gestimmt entgegen. Lieben Gruß an dich
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Darf ich dich fragen, wie alt deine Freundin zum Zeitpunkt des Selbstmordes ihrer Mutter war?
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Annabel Selbstmord - gut, dass es nicht geschehen ist. Lieben Gruß, eine berührte Annabel
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, liebe Annabel, in diesem Fall würde ich auch sagen: Gut! Sehr gut! Aber es gibt auch Situationen, z.B. schwere Krankheiten, in der diese Entscheidung eine Erleichterung sein kann, oder?
Lieben Gruß
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Sehr schön, liebe Judith, nun konnte ich das letzte Kapitel auch noch richtig lesen und verstehen. Dass Fredie ihren Vorsatz aufgeben würde, war natürlich auch mir schon klar. Und das ist sehr gut so!
Dein Schreibstil gefällt mir sehr, aber es war natürlich auch ein toller Plot!
Liebe Grüße,
fleur
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe fleur, für deine Komplimente. Ja, in der Tat: Das ist ein toller Plot. Mal sehen, ob ich daraus noch mehr mache. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch mal zu einem Papier-Buch?
Lachende Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Memory 
Nun bin ich hier auch fertig geworden, liebe Judith.
Auch ich habe nicht wirklich an diesen Ausgang deiner Geschichte gezweifelt. Trotzdem war es sehr interessant, die Abwägungen und Rückblicke mitzuverfolgen.
Zum Schluss ging es mir ein bisschen wie Merle und Enya. Das Ende kam auch für mich etwas "zügig", aber ich habe deine Antworten darauf gelesen und kann dich verstehen.
Lieben Gruß
Sabine
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, liebe Sabine, das ist der Riesenvorteil, den ich hier mit so aufmerksamen Lesenden habe :o) Wenn wieder genug Kraft da ist, wird das letzte Kapitel noch mal von mir angepackt. Aber jetzt bin ich wirklich erstmal stolz wie Bolle, es so weit geschafft zu haben.
Dir ganz liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Liebe Judith -

ein starkes letztes Kapitel und ein so wichtiges aktuelles Thema,
welches Du auf so einfühlsame - klare - sinnige - lebensnahe
Weise uns Lesern nähergebracht.
Die Organisation - die "heilsame" Methode des Schreibens die doch irgendwie wieder Kraft gibt!
Einen neuen besseren Blick vielleicht aufs lebenswerte Dasein!
DANKESCHÖN
LG Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe Loraine, das war auch wirklich ein herausforderndes Schreiben; anderthalb Monate. Und ich hab es geschafft, dieses Buch aus meiner uralt-Schublade zu holen. Ich freu mich, wenn es dir gefällt.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
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