Romane & Erzählungen
Schreiben, um zu sterben - 5. Kapitel

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"Schreiben, um zu sterben - 5. Kapitel"
Veröffentlicht am 29. Januar 2022, 22 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Schreiben, um zu sterben - 5. Kapitel

Schreiben, um zu sterben - 5. Kapitel

Kapitel 5: Kai und `Diverse`

Nach `M` kommt jetzt Kai. Ich krame in der Tagebuch-Kiste nach den passenden Tageb√ľchern, setze mich an den K√ľchentisch und will beginnen. Da klingelt das Telefon. Ich erschrecke, bin keine Ger√§usche mehr gew√∂hnt. √Ąngstlich hebe ich ab, frage vorsichtig: ‚ÄěJaaa?‚Äú Doch es ist nur meine Chefin, Frau Miebach: ‚ÄěBleiben Sie blo√ü zuhause, Fredi. Im Moment ist hier wirklich nicht viel zu tun. Das schaff ich gut allein. Pflegen Sie sich und dann seh ich Sie mit vollen Kr√§ften wieder.‚Äú Ich bin erleichtert: Jetzt kann ich schneller mit dem Schreiben fertig werden. Zum

Gl√ľck hat Frau Miebach keine Ahnung, was ich hier tue und dass ich vielleicht gar nicht mehr wiederkomme‚Ķ..

Ich nehme ein Blatt und schreibe los

***

Kai

‚ÄěBlo√ü keine Freundin an der Schule!‚Äú Wie stolz war ich, dass Kai sein Prinzip mit mir ¬†gebrochen hat. Kai war zwei Jahre √§lter, hatte bereits den F√ľhrerschein, trank Bier und Whiskey,

rauchte Benson & Hedges (das sind die in der stylischen, goldenen Packung), trug Sonnenbrille. Kai war wieder so`n Cooler, wie J√ľrgen.

Was mich besonders an Kai verzauberte, waren seine zwei Gesichter: Der Gangster und der nette Jungen. Das war eine suchterzeugende Spannung, die mich einerseits liebevoll umarmte, aber auch ständig herausforderte, mitunter aber auch kränkte.

Der Gangster brachte mir in schmuddeligen Kneipen das Billardspielen bei, auf den Autobahnen jagte er im Mercedes seines Vaters

Golf-GTI`s und hatte dabei einenMotorradhelm auf!

Die Seite des netten Jungen war die des gut erzogenen Sohnes eines Prokuristen; Kai hatte exzellente Manieren, ging mit mir in edle Restaurants, bestellte f√ľr uns ‚Äěhausgebeizten Lachs an Kr√§uter-Sauerrahmdip auf Kartoffelr√∂sti‚Äú oder ‚Äělauwarmen Spargelsalat auf Rucola mit gebratenen Austernpilzen und Cherrytomaten‚Äú, wir tranken Cocktails, er spielte Klavier f√ľr mich, lieh sich das Auto seines Vaters und fuhr mit mir bei Madonna`s ‚ÄěPapa don`t preach‚Äú nach Milano Marittima, wo ich zwei Wochen lang die ‚Äěbella ragazza‚Äú war.

Ich f√ľhlte mich herrlich erwachsen. Endlich war ich kein Kind mehr. Kai war √ľbrigens auch derjenige, mit dem ich das Erste Mal schlief und dass mit der `toten Maus¬ī und dem `Tam-Tam¬ī endlich verstand.

Ich gew√∂hnte mir das Rauchen an, nahm die Pille und machte mir eine Dauerwelle. Alles f√ľr ihn. In seinen H√§nden war ich Wachs. Damals war ich unentwegt mit meinem √Ąu√üeren besch√§ftigt: Mit meiner Kleidung, meinen Haaren, meiner Haut, meinem Gewicht, meiner Haltung, meinem .... Ach, was wei√ü ich. St√§ndig bef√ľrchtete ich, nicht attraktiv genug f√ľr ihn zu sein.

Diese Angst hielt Kai geschickt am K√∂cheln, indem er so reizende Dinge sagte, wie: ‚ÄěDu hast zwar dicke Beine, aber zum Gl√ľck, bist du sonst was zum Vorzeigen!‚Äú Mein Selbstbewusstsein konnte damals m√ľhelos unter`m Teppich Polka tanzen.

Zu Beginn unserer Freundschaft, hatte Kai ein biederes Jungenzimmer: Dunkelbraune Einbauschr√§nke, karierte Bettw√§sche und die standardm√§√üigen Alibi-B√ľcher `Winnetou I-III` sowie ¬īOnkel Tom¬īs H√ľtte`. Nach seinem Abitur zog er mit seinen Eltern in die N√§he von Frankfurt und begann dort sein BWL-Studium. Im Haus seiner Eltern

bekam er im Keller des Hauses seine eigene Wohnung. Die stylte er ganz in schwarz und weiß. Die Bettwäsche war schwarz! Sah klasse aus; bis auf die Flecken.

In K√ľrze kannte Kai die √ľbelsten Kneipen und die edelsten Restaurants. An beiden Orten bewegte er sich v√∂llig m√ľhelos. Und ich hatte ein zweites Mal eine Fernbeziehung, besuchte ihn in `seiner Wohnung` und himmelte seine Coolheit an.

Die Beziehung mit Kai hat mich viele, viele Tageb√ľcher gekostet. Er entlockte mir die wildesten Beschimpfungen, die

ich jedoch still leidend nur dem Papier anvertraute.

Durch die Entfernung zu ihm bekam mein Frontalhirn wieder seine Chance und ich versuchte, mich von Kai zu trennen; was mir allerdings lange Zeit nicht gelangt. Doch dann schaffte ich es: Per Telegramm! Dass ich nur auf diese Weise eine Trennung hingekriegt hatte, geh√∂rt in die Reihe meiner Peinlichkeiten. Tief verletzt antwortete Kai mir mit den leidenschaftlichen Worten eines gebrochenen Herzens. Meine Freundin kommentierte nur trocken: ‚ÄěDa muss man erst Schluss machen, um endlich gesagt zu

bekommen, dass man geliebt wird.“

Der Trennungsschmerz dauerte unendlich. Ich litt, leckte meine Wunden. An einem Tag wollte ich wieder zu ihm; am anderen Tag hasste ich ihn aus tiefstem Herzen. Ich schrieb ein Tagebuch nach dem anderen voll, hatte fiese Pickel, knabberte meine Fingern√§gel ab, bekam pausenlos eine Blasenentz√ľndung und konnte mich nicht ausstehen. Es war f√ľrchterliche sechs Monate.

Nur langsam kehrte ich wieder zu den Lebenden zur√ľck. Ich machte mein Abitur und begann Psychologie zu

studieren, alles still und undramatisch. Doch es war nicht mehr zu leugnen: Das Leben hatte mich endlich wieder.

***

Die Jahre mit Kai waren eine aufregende, aber auch eine traurige Zeit! Ich lege den Stift hin, sch√ľttele mich, dehne meine verkrampften Schultern. Ich bin traurig. Und w√ľtend. Und froh √ľber diese Erfahrung. Alles durcheinander. Dass Schreiben so anstrengend sein kann. Ach, Martin, ich wollte, du w√§rst hier. Dieses W√ľhlen in meiner

Vergangenheit f√ľhlt sich f√ľrchterlich an. Ich wei√ü √ľberhaupt nicht, was das bringen soll‚Ķ

Aber ich muss weitermachen. Wer kommt jetzt? Ach ja: `Diverse`!

Ich nehme ein neues Blatt und beginne.

***

`Diverse`

‚ÄěDiverse‚Äú, das waren: Ein Franzose, ein

Fleischer, ein Polizist, eine Karatekämpferin und ein Stenograph. Ich habe diese Beziehungen zusammen gepackt; weil sie jeweils nur wenige Wochen dauerten. In dieser Zeit war ich auf der verzweifelten und romantischen Suche nach DEM Menschen, mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Es musste ihn doch geben, diesen Mr. X, diese Ms. X.

Das Ergebnis meiner verzweifelten und romantischen Suche lässt sich in kurzen Worten so beschreiben:

Der Franzose war ein grässlicher Macho,

der Fleischer ein Koks-Junkie,

der Polizist eher wie ein kleiner Bruder,

die Karatekämpferin hinreißend, jedoch mit dem falschen Geschlecht,

der Stenograph wundervoll, aber leider zu alt.

Jules, der Franzose, war wieder so ein bizarrer Karnevalsflirt. Wir lernten uns kennen, weil wir beide bei ‚ÄěJump‚Äú von Van Halen eine Zehntelsekunde nach der wogenden Tanzmasse in die H√∂he sprangen und uns f√ľr Sekundenbruchteile anstrahlten. Hach, war das romantisch. Als das asynchrone Gehopse nach vier Minuten zu Ende ging, k√§mpfte er sich zu mir und sprach mich an: ‚ÄěSalut, je suis Jules!‚Äú Ich war von den Socken: Das war ja `nen Franzose! Da franz√∂sisch in

meiner Familie `zweite Amtssprache` war und Jules gut Deutsch konnte, gab es wenig Verständigungsprobleme.

Im Anschluss an seine √ľberschaubare `Werbungsphase`, w√§hrend der er mir franz√∂sische Liebkosungen ins Ohr fl√ľsterte und meiner Mutter (!) Blumen mitbrachte, stellte er jedoch mit seinem wunderbaren Akzent sein Lebensmotto klar: `Wei√üt Du, Cherie, Frauen m√ľssen einfach lange Haare und M√§nner Haare auf der Brust haben!`. Nun ja, damit war die Sache wohl klar: Dieses Modell kannte ich schon von Kai und wollte es nicht wieder haben.

Bernhard, der Fleischer, hatte eine unglaubliche Energie (√ľbrigens auch im Bett), von der ich v√∂llig begeistert war. Mit der Zeit wurde ich allerdings misstrauisch: Anscheinend brannte der Mann pausenlos. Endlich kapierte ich den Grund: Bernhard kokste! Und zwar nicht wenig. Nach einer dramatischen Nacht, in der er meine Stra√üe zusammen schrie, nahm ich Rei√üaus.

Guido, der Polizist, war voller Muskeln, hatte ein hinrei√üendes (!) L√§cheln und einen umwerfenden Geruch!!! Doch dass wir mit seinen Dienst-Handschellen spielten, √§nderte nichts daran, dass der Mann eindeutig nichts f√ľr mich war.

Guido h√§tte was Zarteres gebraucht, als mich. Ich dagegen brauchte etwas mit mehr Widerstand, Reibungsfl√§che, als er mir das bot. Also beendeten wir diese Liaison. Wenn ich ihn in der Stadt traf, hielt ich dufttechnisch einen Sicherheitsabstand, um nicht r√ľckf√§llig zu werden.

Tanja, die Karatek√§mpferin lernte ich in meinem Karate-Dojo kennen. Wir trainierten ¬†gemeinsam und verliebten uns. Tanja f√ľhrte mich in die Lesben-Szene ein und ging mit mir auf ein Marla-Glenn-Konzert; Marla Glenn: Die Lesben-Ikone der Musik. Ich glaube, es war wirklich kein einziger Mann

anwesend. Diese weibliche Liebe zu Tanja war einfach g√∂ttlich. Alles erschien einfach und unkompliziert mit ihr. Wir waren ja aus dem gleichen Material. Doch mir wurde bald klar: Bei aller Liebe f√ľr diese Frau, ein Frauenk√∂rper l√∂ste bei mir nicht die gleiche Erregung und Neugier aus, wie es ein M√§nnerk√∂rper tat. Also verabschiedete ich mich von ihr, traurig, liebevoll und zog weiter.

Als Letztes kam der Stenograph, Rainer, den ich während meines Studentenjobs als Schreibkraft beim Abgeordnetenhaus kennen lernte. Rainer war zwanzig Jahre älter als ich. Er war so richtig, richtig,

richtig erwachsen, hatte einen Beruf, verdiente Geld, hatte eine (geschiedene) Frau, zwei Kinder, ein Haus mit Vorgarten und Rutsche. Ich konnte mir √ľberhaupt nicht vorstellen, dass ich ihn in seinem schicken Anzug zu meinen vergammelten Studenten-Freunden in eine verrauchte Kneipe mitnehmen k√∂nnte.

Stattdessen ging ich mit ihm in romantische Weinlokale, wo wir lange, vertraute Gespräche hatten. Ich weiß bis heute nicht, was er an mir anziehend fand; wahrscheinlich waren es unsere intensiven Gespräche. Unser `Body-Kontakt` war es jedenfalls nicht; denn

der bestand lediglich aus einem wilden Geknutsche auf der R√ľckbank eines Taxis, mit dem er mich sp√§t abends vom Landtag nach Hause brachte.

Einige Wochen lebte ich diesen Spagat. Als Rainer mir jedoch sein Herz zu F√ľssen legte, beendete ich √§ngstlich die Beziehung. Ich f√ľhlte mich noch l√§ngst nicht erwachsen, wollte noch so viel ausprobieren, kennen lernen und nicht ein Haus, einen Vorgarten und eine Rutsche leben. Also verabschiedete ich mich liebevoll (!) und war wieder solo. Was er wohl heute macht?

Vier M√§nner, eine Frau. F√ľnf

Beziehungsversuche. Alle ohne Erfolg.

In Berlin schloss ich mein Grundstudium ab, zog zum Hauptstudium in den Norden und verließ erschöpft die Beziehungs-Autobahn. In einer Parkbucht wartete ich auf den Prinzen meines Lebens. Aber der kam nicht.

Wer kam, war Bernd!

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PuckPucks

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MerleSchreiber Also, ohne die Tagebücher würde sie das wahrscheinlich nicht mehr auf die Reihe bringen. Da hast du jetzt ganz schön viele in einem Aufwasch präsentiert. Und keiner, wo man sagen würde, stopp - das war er jetzt. Na ja, der der Nächste muss es richten?!
Liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ich fürchte, liebe Merle, beim Nächsten hat Frederike auch noch mal daneben gegriffen. Bis dann endlich ihr Ritter kommt. Und zu dem will sie immer noch :o(
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Nereus Liebe Judith, durch Deine Erzählungen wird mir erst einmal bewusst, was mir so alles erspart blieb und das Verrückte, ich bin nicht traurig darüber, weil es mir einfach nicht entsprochen hat. Ich bin eher der Typ, der Stundenlang auf einer Seebrücke stehen kann und der Zweisamkeit von Wasser und Sturm sich dazugesellt.
Ja das Leben ist schon manches mal ein Bilderbogen
dankend lieben Gruß
Markus
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, lieber markus, Frederike hat`s nicht immer leicht gehabt in Liebesdingen. Ich glaub, auf einer Seebrücke stehen und die Kraft der Natur beobachten, findet man mit Ende 20 wirklich nicht so spannend. Da sucht man noch - rein biologisch - nach Jemandem, mit dem man das Leben teilen kann. Frederike schafft es ja. Aber der Weg dahin ist in der Tat steinig.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Schreiben, um zu sterben - 5. Kapitel..."
Mit schier unbarmherziger Konstanz wickelt hier das bella ragazza
ihre Beziehungsrolle zu den jeweiligen Partnern ab, mit dem Ergebnis,
das keiner/keine sich als passend erwiesen hätte...
Das ist an entsprechenden Stellen echt witzig und originell geschrieben, wie ebenso vielsagend, liebe Judith, und nun zu guter letzt, wie passend, der Cliffhanger: "Bernd"...
Das macht natürlich Lust auf mehr... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Das war für meine Protagonistin echt ne erschöpfende Zeit, ständig auf Suche, eine Niete nach der anderen. Trotzdem: Es war eine unterhaltsame Suche. Sieht sie hoffentlich bald auch so und hört mit ihren finsteren Gedanken auf.
Mal sehen, wie`s weitergeht....
Ich freu mich, dass du uns begleitest.
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Wow, liebe Judith, du greifst hier aber in prallgefüllte Herz- oder besser gesagt, Beziehungs-Kammern deiner Frederike. Ich habe mich wieder vortrefflich amüsiert und warte nun, was Bernd so drauf hat. ;-)))

Liebe Grüße in den Sonntag,
fleur
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Liebe fleur, du hast mir mit deinem "Wow" einen großen Wunsch erfüllt. Ich steh selbst nämlcih immer wieder so staunend vor diesem Buch, was ich da alles reingepackt habe, wieviele Fäden da zusammenkommen. Das ist eine wunderschöne Arbeit. Und ich freue mich, dass du dabei bist.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Liebe Judith,
zwischen Lachen, Schmunzeln, Grinsen und Staunen sitze ich hier und lasse dein Geschriebenes noch einmal Revue passieren.
Was für Erfahrungen deine Protagonistin gemacht hat, unglaublich, vielfältig und spannend.

Wieder locker und amüsant dargestellt. Ach ja, seufz, Wundenlecken kann ja so schöööön sein, wenn man im passenden Alter ist.
Nun bin ich auf Bernd gespannt.

Schönes Wochenende und liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Frederike ist ganz eindeutig `ne Berliner Pflanze. Das ist schon ´nen anderes Kaliber, als die hiesigen Dortschönheiten ;o)

Ich hoffe, dass sie im Laufe der Geschichte auch noch selbst erkennt, was für ein reiches Leben sie hat; "unglaublich, vielfältig und spannend", wie du richtig sagst, liebe Enya

Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
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