Romane & Erzählungen
Schreiben, um zu sterben - 4. Kapitel

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"Schreiben, um zu sterben - 4. Kapitel"
Veröffentlicht am 24. Januar 2022, 16 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Schreiben, um zu sterben - 4. Kapitel

Schreiben, um zu sterben - 4. Kapitel

Kapitel 4: Namenslose Karnevalsbekanntschaft

Wo sind eigentlich meine alten TagebĂŒcher? Bestimmt auf dem Dachboden. Ich gehe nach oben, ziehe mit lauten Knarren die Dachbodenklappe hinunter. Ein muffiger Geruch schlĂ€gt mir entgegen. Ich klettere die Leiter hinauf, schiebe staubige Bretter, Spielzeug der Kinder, Schallplatten und einen kaputten Heizstrahler beiseite.

Da sind sie ja! Ich hocke mich vor eine Lebkuchenkiste in XXL, wische ĂŒber den staubigen Deckel und öffne die Kiste:

Sie ist bis zum Rand gefĂŒllt mit TagebĂŒchern. Was fĂŒr eine Fundgrube! Ich schleppe die Kiste nach unten, wische sie mit einem Lappen ab, trage sie ins Wohnzimmer und 
 erstarre: Auf dem Tisch liegt das Fotoalbum meiner Hochzeit mit Martin. Martin! An ihn habe ich gar nicht mehr gedacht. In meinem Kopf wirbelt es. In meinem Herzen auch. Ein schlechtes Gewissen ist gar kein Ausdruck.Zum ersten Mal seit Martins Tod habe ich nicht pausenlos an ihn gedacht! Und noch dazu hatte ich Spaß gehabt!!! Ich schĂ€me mich; so abgrundtief! Wie konnte ich nur? Nein, nein, das wird nicht wieder vorkommen! Ich verspreche es dir, mein Liebling. Es

tut mir so leid.

Da klingelt es an der TĂŒr. Oh nein! Jetzt nicht. Und wenn ich einfach nicht öffne? Aber womöglich ist es Marianne. Die schlĂ€gt glatt ein Fenster ein, wenn sie sich Sorgen um mich macht. Ich seufze und öffne. Es ist nicht Marianne. Es ist Frau Kohlberg, die liebe Omi von GegenĂŒber: „Ach MĂ€dchen, Sie sehen so mager aus. Und Augenringe haben Sie auch. Sie essen bestimmt zu wenig. Gucken Sie mal: Ich hab den hier grad aus dem Ofen geholt; ist Kirschkuchen.“

Ich bin sprachlos, lĂ€chele sie an und erschrecke: Mein Gesicht fĂŒhlt sich starr

und steif an. Ich kann gar nicht mehr richtig lĂ€cheln. Frau Kohlberg bemerkt nichts von meiner Verwirrung „Sie können den Teller spĂ€ter vorbeibringen, mein Kind!“, sagt sie und dreht sich winkend um. „Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen! Und Danke!“

Ich sehe auf den Kuchen: Lecker sieht der aus. Und wie der duftet! Hmmm! Mein Magen findet das auch. Ich hole mir eine Gabel und esse noch im Stehen. Gierig schlinge ich den Kuchen hinunter.

Mit vollem Magen betrachte ich die Kiste mit den TagebĂŒchern, das Hochzeitsalbum und meine Situation. Es

gibt nur eins, was ich will und das ist mit Martin zusammen zu sein. Ich will zu ihm. Also muss ich weiter schreiben. Auch dann, wenn diese Arbeit leider ab und zu Spaß macht. Ich schĂŒttele verwirrt den Kopf: Was ist das eigentlich fĂŒr eine merkwĂŒrdige Arbeit, um an ein Gift zu kommen, damit man sich das Leben nehmen kann?

Ich koche mir einen Tee. WĂ€hrend das Wasser kocht, sehe ich an mir herunter: Ich brauche dringend einen frischen Schlafanzug. Aber spĂ€ter! Jetzt will ich schreiben. Jetzt beginnt meine wilde Zeit. Ich nehme ein neues Blatt und schreibe oben drĂŒber:

****

Namenlose Karnevalsbekanntschaft

Ich war 17. Uralt, wie ich fand! Und noch immer Jungfrau! Meine Freundinnen hatten alle schon mit einem Jungen geschlafen; sagten sie jedenfalls. Sicher, das Erste Mal sollte etwas Besonderes sein, aber deshalb noch lĂ€nger warten, wollte ich trotzdem nicht. Zu meinem GlĂŒck war heute diese FaschingsfĂȘte in der Schule. Vielleicht Ă€nderte sich heute Abend ja mein langweiliges Leben.

Es gab tatsÀchlich eine VerÀnderung: Nur einen Tag spÀter hatte ich das erste Mal einen Penis in der Hand.

Die FaschingsfĂȘte fand in der Turnhalle meiner Schule statt. Nicht nur SchĂŒler der Schule waren eingeladen; wir durften auch Freunde mitbringen. Also hoffte ich instĂ€ndig, dass ein Junge dabei war, in den ich mich verlieben könnte.

Zuhause stellte ich die Musik laut, zog mich fĂŒnfmal an und viermal wieder aus. Endlich hatte ich das Passende gefunden. Vermutlich war es eines dieser schrecklichen Netzhemden, die man damals trug. Meine Freundin holte mich

ab und wir gingen aufgekratzt auf die FĂȘte.

Als wir ankamen, dröhnten die BĂ€sse. Na, dann mal los!, feuerten wir uns an. Zuerst: Mut antrinken! Mit `GrĂŒner Witwe`: Orangensaft und Bols Blau. Mit dem Plastikbecher in der Hand zogen wir die Runde. Meine Laune war schnell im Keller: Die meisten Gesichter kannte ich. Und wen ich nicht kannte, den fand ich nicht interessant.

Doch da! Da war Einer! Richtig sĂŒĂŸ sah der aus: Ein bisschen Ă€lter als ich, groß, schlank, mit dunklen Haaren. Er stand mit einigen meiner Klassenkameraden

zusammen. Locker flockig stellte mich mit meiner Freundin dazu und kicherte kokett. Der Junge hieß Mirko, Martin, Michael, oder so. Es war irgendwas mit `M`. Und so nenne ich ihn jetzt auch: `M`.

Vermutlich hatte ich zuviel Bols-Blau getrunken, denn ich hatte tatsÀchlich einen Filmriss! Auch das mein Erstes Mal. Das nÀchste, woran ich mich erinnerte, war, dass ich mit diesem

hĂŒbschen,

mir völlig unbekannten Jungen

in grellem Turnhallenlicht

zwischen Barren und KĂ€sten

auf einer Weichstrom-Matte lag und

hemmungslos

herumknutschte.

Am Ende der FĂȘte hatte ich ein wund gescheuertes Kinn und eine Verabredung: Schon am nĂ€chsten Tag wollte `M` mich besuchen kommen. Ich jubelte: Endlich! Endlich! Ab morgen werde ich keine langweilige Jungfrau mehr sein! Ich war zu allem bereit. Und entschlossen!

Als `M` kam, ging alles sehr schnell. Wir wechselten zwei SĂ€tze und dann den Platz: Knutschend und fummelnd landeten wir auf meinem Bett. `M` schien ebenfalls ziemlich entschlossen zu sein, so zielstrebig, wie er vorging. Bis

zur GĂŒrtellinie kannte ich mich ja schon aus; das hatte ich bereits mit JĂŒrgen gemacht. Doch was jetzt kam, war mir völlig unbekannt: `M` nahm MEINE Hand und schob sie in SEINE Hose. Ooooh, jetzt bloß nicht anmerken lassen, dass ich noch total unerfahren bin. Allerdings war ich verwirrt: Das, was ich da in der Hand hielt, sollte wirklich das `Ding aller Dinge` sein`? Es fĂŒhlte sich so merkwĂŒrdig an! Eher wie
.eine tote Maus! Tapfer hielt ich die tote Maus umklammert, bewegte meine Hand rauf und runter. Dass ich meine Hand rauf und runter bewegen musste, wusste ich schon. Aber mehr auch nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie fest ich diese Maus

anfassen musste. Vorsichtig wie ein Ei? Oder doch eher fest wie eine Gurke?

Bald tat mir der Arm weh. Heldenhaft rubbelte ich weiter. Doch ich war enttÀuscht: Das sollte nun toll sein? Dass es das nicht war, fand `M` wohl auch. Jedenfalls nahm er meine Hand aus seiner Hose, murmelte irgendwas von Hausaufgaben und ging.

Mist! Da war sie wieder: Die Peinlichkeit! Ich hatte es versaut! Dabei hatte ich mir wirklich MĂŒhe gegeben. So was Doofes aber auch! Und nach der Aktion wĂŒrde ich ihn bestimmt nicht anrufen. Er tat es auch nicht. Dabei blieb

es. Wir sahen uns nie wieder. Und ich hatte ein peinliches Erlebnis mehr. Dass um eine tote Maus aber auch soviel ®Tamtam® gemacht wurde
.! Undeutlich hatte ich allerdings den Verdacht, dass ich gar nicht so genau wusste, wie man aus einer toten Maus ein `Tamtam` machte!

****

Fertig! Ich lege den Stift hin und grinse. Es lĂ€sst sich nicht leugnen: Das Schreiben hat mir diesmal richtig viel Spaß gemacht!

Und ich will weitermachen!

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PuckPucks

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FLEURdelaCOEUR 
Ach, wie herrlich, liebe Judith! Du schreibst wirklich klasse - so humorvoll und einfallsreich! Vom Vergleich mit einer toten Maus habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört ;-)))))
Freue mich auf den nächsten Teil!
LG fleur
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, das scheinen Viele noch nicht gehört zu haben :o)
Ich freu mich, wenn dir meine `Schreibe` gefällt. Das macht aber auch einen Spaß; ist mein Energie-Booster.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Schreiben, um zu sterben - 4..."
Nun ja, das eine, das ist schon mal sonnenklar,
auf diese unorthodoxe Art wird man eine 'tote Maus'
wohl gewiss nicht wieder zu Leben erwecken können... ...grinst*
Und das andere... ich will mit Vergnügen weiterlesen... ...smile*
LG
Louis :-)
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ha, jetzt kommen die Experten zu Wort :o))))
Tja, lieber Louis aller Anfang ist schwer für die Jugend.
Lachende Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Das mit der Maus kommt in einem franz. frivolem Liedchen auch vor. Mädchen schreibt ihrer Mutter, wie schön es im Ferienlager ist, sie hat einen Freund gefunden, der auf sie Obacht gibt und ihr beibringt, das Mäuschen müsse ab und an ins Häuschen.
Deine Erzählungen Liebe Judith, gefallen mir sehr
dankend lieben Gruß
markus
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Herrlich, markus, diese tierfreundliche Anekdote :o)))

Ich freue mich sehr, dass du mir zuhörst, lieber markus, und meinen Erzählstil magst.
Liebe Grüße zu Dir
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Also, von der toten Maus will ich jetzt gar nicht reden, aber ein wundgescheuertes Kinn - boah ey!
Ja, es macht Spaß, freue mich wie immer auf die nächste Folge!
Liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Und das ist ja noch harmlos zudem, was Mädchen und Jungen alles so berichten von ihrem sexuellen Erwachen. War lange in der Mädchenarbeit tätig und das sind nur einige Früchte daraus.

Und wieder macht es dir und mir solchen Spaß, Frederike zu begleiten. Das ist so schön :o)))
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Köstlich - bin gespannt aufs nächste Kapitel!!
Liebe Grüße
Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe Loraine. Ja, das nächste Kapitel....das ist vielleicht nicht so saftig, wie die Chronologie der Ereignisse es vermuten lässt. Aber wir werden sehen :o)
Danke, das du dabei warst.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
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