Kurzgeschichte
Theater - eine Anthologie

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"Kleine bunte Kurzgeschichten. Für jeden ist etwas dabei! "
Veröffentlicht am 29. November 2021, 90 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Die Autorin Luna Hawke lebt zusammen mit ihrem Mann in der deutschen Hauptstadt. Hawke schreibt Geschichten und Kurzgeschichten. Sie schreibt im Bereich Homoerotik, Gay Romance und Gay Fantasy. Sie schreibt seit sie 12 Jahre alt ist. Angefangen hat sie mit Kurzgeschichten über Jungs die sich lieben. Viel hat sich bis heute also nicht verändert. Die Jungs wurden zu Männern und zur Liebe kam Leidenschaft hinzu. Und die ist es auch, die heute eine ...
Kleine bunte Kurzgeschichten. Für jeden ist etwas dabei!

Theater - eine Anthologie

Vorwort

Die Kurzgeschichten haben alle eine Korrektur erhalten und wurden betagelesen. Es erfolgte kein Lektorat und es gab keine Testleser. Ihr dürft mich aber gerne auf Fehler hinweisen.

1. Chaos am Theatertag

1. Chaos am Theatertag - Familie Berg verliert Oma Gretchen im Theater. „Mama! Ich will Popcorn!“, rief der kleine Tobi und zupfte seiner Mutter am Mantel. Diese zog den Zipfel zurück, drehte sich zu ihrem Sohn um und suchte mit den Augen die Vorhalle nach ihrer Tochter ab. „Das hier ist kein Kino, Schätzchen“, erklärte sie, während sie Kleingeld aus ihrem Portemonnaie fummelte. „Aber ich will Popcorn!“, krähte der Kleine lauthals. „Mum! Darf ich mir ein Bier holen? Nur ausnahmsweise?“ „Jetzt lass doch mal die Mutti in Ruhe!“, brummte Kunibert und wies seine Tochter zurecht. „Und ein Bier gibt’s schonmal überhaupt nicht!“ „Boa, Papa!Du gönnst mir aber auch gar nichts! Du hast gesagt an besonderen Tagen darf ich ein Bier.

Und heute ist ein besonderer Tag!“ Sie kaute genervt auf ihrem Kaugummi, machte eine Dicke Blase und beugte sich zu ihrem 5-jährigen Bruder hinunter, der erneut am Zipfel des Mantels seiner Mutter zog. Dann lies sie die Blase direkt vor seinem Gesicht platzen. „Mama!“, kreischte der Kleine. „Fiona ärgert mich!“ „Fiona Liselotte Berg!“, schimpfte jetzt die Mutter auf den Teenager ein. „Hörst du auf deinen Bruder zu ärgern!“ Nur der mittlere Spross stand entspannt neben dem Aufgang zur oberen Tribüne. Ein Buch in der Hand bemerkte sie nicht, dass sich ihr ein Junge ihres Alters mit interessiertem Blick näherte. In seiner Hand hatte er eine Ausgabe desselben Buches, dass auch sie las. „Wo ist eigentlich Oma?“, fragte Fiona. Paula sah ihre Tochter entgeistert an. „Nicht schon wieder!“, klagte sie. Dann waren sie an der Kasse dran. „Habt ihr Oma schon wieder

verloren?“ Aus dem Hintergrund näherte sich Max, der älteste Spross der Familie und der Einzige, der bereits von zuhause ausgezogen war. Aus Gründen. Der 19-Jährige sah sich in der Vorhalle um, konnte seine Großmutter aber nirgends entdecken. Die alte Dame hatte sich längst auf den Weg gemacht. Nur wusste keiner wohin. „Das ist jetzt nicht euer Ernst!“, hörte Max die keifende Stimme seiner Mutter, die gerade mit den Karten neben ihm auftauchte. „Wer war für sie verantwortlich? Hmm?“ Ihr Gesicht war knallig rot. Sie war gestresst, wie immer. Sie fasste sich jedoch schnell wieder, indem sie tief durchatmete und sich dem Problem stellte. „Ich dachte, ich hätte sie im Blick“, gab Kunibert geknickt zu. Er hatte sie vor wenigen Minuten noch im Auge gehabt. „Weit kann sie nicht sein“, meinte er dann und suchte mit den Augen die Vorhalle ab, konnte sie aber nirgends sehen.

Dabei konnte das eigentlich gar nicht so schwer sein. Immerhin war seine Mutter eine beleibte Frau mit feuerrotem Haar und ebenso rotem Lippenstift. Sie trug hohe Stiefel in derselben Farbe und ein schwarzes Kleid, welches ihr bis zu den Knien reichte. Darunter eine weiße Strumpfhose, die schon bessere Tage gesehen hatte. Ihre Handtasche war ingleichen auffällig, denn sie war ebenfalls weiß und mit roten Blumen verziert. Ja, Oma Gretchen hatte einen sehr eigenen Stil, was Kunibert in seiner Jugend durchaus peinlich gewesen war. Heutzutage hatte er sich damit abgefunden, dass seine Mutter keine Ahnung von Mode hatte und wenn er ehrlich war, hatte er die ebenfalls nicht. Immerhin legte ihm seine Frau jeden Abend die Kleidung für den nächsten Tag raus. Weil sie wusste, dass er sonst am Morgen länger brauchen würde, als ohnehin schon. „Vielleicht ist sie da drüben?“ Fiona wies auf die Toiletten. „Omas Blase ist doch nicht mehr so zuverlässig.“ Es war eine Idee, der man nachgehen musste, also

drückte Paula ihrem Mann die Theaterkarten in die Hand und eilte zu den Toiletten, vor denen sich eine riesige Schlange gebildet hatte. Warum konnten Menschen nicht zuhause aufs Klo gehen, wenn sie wussten, dass sie gleich losmussten? „Entschuldigung!“, rief sie, als sie sich einfach an den anstehenden Frauen vorbei drängte. „Ich muss mein Schwiegermonster finden. Es ist dement.“ Na ja. Schwiegermonster war ein wenig zu viel. Aber Gretchen war anstrengend und ließ selten ein gutes Wort an ihrer Schwiegertochter. Und es schien ja zu funktionieren, denn die Leute ließen sie vorbei. Die junge Mutter musste allerdings feststellen, dass Gretchen sich nicht auf dem Klo verkrochen hatte. Wo konnte sie nur sein? Hatte sie das Theater verlassen und war auf dem Weg in den Park? Oh, bitte bloß nicht! Als Paula die Toiletten unverrichteter Dinge wieder verließ, stieß sie fast mit Lotta zusammen. Die 10-Jährige hatte selbst dann noch die Nase im Buch, wenn sie pinkeln ging. Nun. Immerhin war es keines dieser neumodischen Videospielgeräte, welche man überall mithinnehmen

konnte oder ein Smartphone. Beides hatte sie mit ihrem ältesten Sohn schon zu Genüge durch. „Lotta!“, rief sie etwas lauter, um das Nesthäkchen aus ihrer Fantasiewelt zu holen. „Lotta Viktoria, deine Oma ist weg und du hast nichts besseres zu tun, als zu lesen? Schäm dich, junge Dame!“ Lotta sah von ihrem Buch auf und blinzelte. Omi war ausgebüchst? Das konnte nicht sein. Eben noch war sie da gewesen. Zumindest glaubte das Mädchen, sie vor wenigen Minuten gesehen zu haben. Sie strich sich ihr braunes Haar aus dem Gesicht und hinter die Ohren und sah ihre Mutter verständnislos an. Dann wies sie mit dem Finger in Richtung der Garderobe. „Eben war sie noch da hinten.“ Kunibert wedelte mit den Karten in der Luft herum. „Eben waren sie noch unversehrt, Söhnchen!“, sagte er streng. „Wenn also kein gefräßiges Ungeheuer an den Karten geknabbert hat, dann musst du es gewesen sein.“ Er blickte finster auf den 5-Jährigen hinab, welcher ihn nur schelmisch anfunkelte und wild zu hopsen

begann. Auf und Ab, Auf und Ab. Hops, Hops, Hops. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass da ein Ungeheuer um die Ecke gekommen war und an den Theaterkarten geknabbert hatte. Immerhin schmeckten sie so lecker nach diesem tollen hellblauen Papier, welches seine Oma ihm immer zum Naschen mitbrachte. Nur, dass sie Blau waren und etwas drauf stand. Was genau das war, wusste der Junge nicht. Und es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Was ihn aber sehr wohl interessierte war, dass sein Papa sauer auf ihn war. Und das verstand er nicht. Er hatte doch gar nichts gemacht. Kunibert seufzte und kniete sich hin, um mit seinem Jüngsten auf Augenhöhe zu sein. „Hör mal“, begann er zu erklären, „wenn die Oma dir Esspapier schenkt und dir sagt, dass du das essen darfst, heißt das nicht, dass du auch anderes Papier essen kannst.“ Er sah dem Kleinen in die Augen und hoffte, in seinem Blick so etwas wie Verständnis zu erkennen. Leider sah er nur den Anflug von Tränen. Bevor der kleine Mann anfangen konnte zu weinen, zog er ihn in seine Arme und streichelte seinen Kopf.

Ein Schluchzen entkam der Kehle des Jungen. „Ist ja schon gut“, beruhigte er ihn. „Wenn wir deine Oma gefunden haben, dann bekommst du von ihr dein Esspapier. Aber die Karten werden nicht gegessen. Okay?“ Kunibert löste sich gerade von dem Kleinkind, da rauschte seine Frau an ihm vorbei und in Richtung Garderobe. „Und du bist dir sicher, dass du sie hier gesehen hast?“, fragte Paula gerade Lotta, die hinter ihr her trottete. Warum war ihre Mutter eigentlich immer so aus dem Häuschen, wenn es um Oma ging? Ja, sicher, sie vergas ab und an was, oder legte ihre Brille in den Kühlschrank, aber das war doch keine große Sache. Und ab und an ging sie halt mal, ohne etwas zu sagen, woanders hin. Sie war doch erwachsen. Was war da das Problem? Sie war keine der alten Frauen in diesen Heimen, die den ganzen Tag nur nach draußen starrten und die man füttern musste. Sie war doch noch fit! Und man konnte sich prima mit ihr unterhalten. Auch wenn sie einem immer dasselbe

erzählte. Aber das war okay. „Vielleicht ist sie ja mit dem netten Mann weg“, stellte Lotta ihre Vermutung in den Raum. Ihrer Mutter entgleisten die Gesichtszüge. Was war denn nun schon wieder? Durfte Oma sich jetzt nicht mal mehr eine Begleitung suchen? Außerdem hatte der Mann nett gewirkt. Zumindest hatte Oma über seine Witze gelacht. „Welcher Mann?“, fragte Paula entsetzt. Sie mochte ja nicht das beste Verhältnis zu Gretchen haben, aber wenn ihr etwas zustoßen würde, dann würde sie sich das dennoch nie verzeihen. „Wie sah dieser Mann aus? War er jung? Alt? So alt wie Opa?“ Lotta verstand nicht, was das Problem war. „Bestimmt älter“, antwortete sie. „Oma ist bestimmt mit ihm vorgegangen.“ Max hatte mittlerweile den Saal betreten. Er suchte mit den Augen die Reihen ab. Sitze aus dunklem Holz mit rotem Stoff bezogen. Man saß hier dicht auf dicht, in kleinen Gruppen von maximal fünf Personen. War Gretchen vielleicht hier? Immerhin

hatte sie sich sehr auf das Stück gefreut. Er drängte sich an Menschen verschiedenen Alters vorbei, die ständig im Weg standen und nicht bemerkten, dass jemand an ihnen vorbei musste. Einmal bekam er einen Ellenbogen ab, ein anderes Mal stieß er mit dem Hintern eines alten Mannes zusammen, der sich gerade über seine Enkeltochter gebeugt hatte. Im ganzen Saal schnatterte es und man hörte Kinderlachen. Und dann sah Max ihn. Den roten Haarschopf, der im Dämmerlicht der gedämpften Beleuchtung hell aufblitzte. Das musste sie sein! Dort drüben am Rand der Bühne. Was mache sie nur da? „Gretchen!“, rief er über die Köpfe der Menschen hinweg. „Gretchen, hier bin ich!“ Er verzog unzufrieden das Gesicht, weil er nicht zu ihr durchkam. Überall standen Leute im Gang. „Kann ich mal durch?“, verschaffte er sich Gehör und endlich gingen die Leute zur Seite. Er lief nach vorn, beeilte sich, die alte Dame zu erreichen, nur um dann festzustellen, dass es gar keinen Grund zur Eile gab. Es war nämlich gar nicht

Oma Gretchen. Es war ein Mann mit roter Perücke. Frustriert seufzend ließ sich der 19-Jährige auf einen der Sitze in der vordersten Reihe fallen. Neben ihm erklang ein hämisches Lachen. Es kam ihm dunkel bekannt vor. „Oh, Max! Ist es denn schon soweit? Gehen wir jetzt nachhause?“ Die rauchige Stimme seiner Großmutter erklang etwa eine Sitzlänge entfernt neben ihm. Verdattert sah er sich um und entdeckte die ältere Dame am Rande der Sitzreihen stehend, lachend neben einem Mann ihres Alters. „Da bist du ja, Gretchen!“, ertönte nun auch die Stimme von Paula neben Max. „Max!“, rief sie erbost aus. „Wieso sagst du denn nicht, dass du Oma gefunden hast!“ Max sank in seinem Stuhl zusammen und sagte einfach gar nichts mehr. „Habt ihr denn unsere Plätze schon gefunden?“, fragte Kunibert, der zu ihnen aufschoss. „Oh, da ist ja

Mutter!“ Er kam zu ihr rüber und blieb erst direkt vor ihr stehen. Verwundert sah er den Herren neben ihr an. Er war gut gekleidet, in einem feinen Anzug aus grauem Cord, mit einem grünen Hemd und passend dazu Schuhen aus ... war das Krokodilleder? Kunibert verzog pikiert die Lippen. Seinem Vater hätte diese Aufmachung sicher gefallen. Die streng zurückgekämmten, noch beinahe vollen Haare, grau und mit dem Glanz eines Haarwachses, und seine Erscheinung abrundend einen Gehstock mit einem Knauf, welcher die Form eines Schnabels hatte und aus Messing war. „Das ist Heinrich, ein Bekannter“, stellte Gretschen den Unbekannten vor. „Wir haben uns prächtig amüsiert, bis ihr kamt.“ Der letzte Satz klang leicht vorwurfsvoll. „Nun, da nun ihre Familie da ist, lasse ich sie dann mal allein und suche meine“, mischte sich da der alte Mann ein. „Wir sehen uns beim Bingo nächste Woche.“ Er tätschelte kurz die Hände von Gretchen, dann ging

er im Schneckentempo den Gang entlang. Oma Gretchen sah ihm verliebt nach. Das war ein Mann nach ihrem Geschmack. Ganz Gentleman! „Mutter was machst du denn nur?“ Kunibert war außer sich. Jetzt, da die Oma wieder da war, fiel ihm erst auf, wie sehr er sich gesorgt hatte. „Du sollst doch nicht einfach weglaufen“, tadelte er. „Und schon gar nicht mit Fremden.“ Oma Gretchen winkte ab und machte sich auf den Weg den Gang lang. „Ach, das war doch kein Fremder!“, rief sie aus. „Das war Heinrich. Der Mann vom Mittwochsbingo!“ Sie sagte das so, als müssten alle wissen, wer das war, doch in Wahrheit wusste es niemand. Die Familie sah sich verwirrt an. „Geht es jetzt endlich looos?“, quengelte der kleine Tobi und zupfte wieder am Mantel seiner Mutter. Diese seufzte nur. „Sicher“, sagte sie dann. Lass uns die Garderobe abgeben und unsere Plätze suchen. Max, du folgst Oma. Nicht, dass sie wieder wegläuft. Steif machte sie sich auf den Weg zu den

Garderoben. Ihr Mann hielt sie jedoch auf und zog sie in eine sanfte Umarmung. Sie schmiegte sich an ihn und lächelte glücklich. Und so begann für die Familie ein wunderbarer und aufregender Abend. Einen, den sie wohl nie wieder vergessen würden.

2. Das Verbrechen

2. Das Verbrechen - Elena und Ben entdecken Spuren eines Verbrechens. Elena wusste, wie Blut aussah. Sie war eine Frau. Natürlich tat sie das. Und das vor ihr war definitiv welches. Es war noch recht frisch. Nicht mal angetrocknet. Sie seufzte, als sie sich aufrichtete und in ihrem Putzwagen nach dem passenden Fleckenmittel suchte. Sie stutzte, als sie es nicht an ihrem Platz vorfand. Eine Flasche nach der anderen wurde angehoben, die Putzlappen zur Seite geschoben, die Mülltüten umgehängt. Nichts. Wo war dieses verdammte Mittel? Wie sollte sie den Fleck wegbekommen, wenn sie den Fleckenentferner nicht fand? Sie stemmte die Arme in die Hüften und pustete sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn. Wer auch immer ihr das Fläschchen aus dem Wagen gestohlen hatte, aus welchem Grund auch immer, würde ordentlich was zu hören bekommen. Es

konnte ja wohl nicht sein, dass ihr Putzwagen als Allgemeingut galt. Sie hatte sich hier all die Mittel zusammengestellt, die sie brauchte und sie duldete es nicht, wenn man Chaos in ihre Ordnung brachte. Dann würde sie es wohl mit etwas anderem versuchen müssen. Sie nahm sich das Mittel, von dem sie meinte, es hätte genug Power um das Blut eventuell Rückstandslos vom Betonboden zu entfernen. Im Notfall würde es wohl doch die Bleiche werden. Auch wenn dadurch der Boden helle Flecken bekommen würde. Immer noch besser als braune Stellen. Elena stutzte, als sie bemerkte, dass es nicht nur ein Fleck war, den sie zu entfernen hatte. Ein Größerer, ja. Aber da waren noch Kleinere, die wie eine Spur durch den Kellerraum in Richtung Treppe führten. Was war hier geschehen? Hatte es einen Unfall gegeben? Bis auf den Hausmeister und noch eine weitere Putzkraft kam hier nie einer runter. Sie verfolgte mit ihrem Lappen und dem Putzmittel der Spur, wischte das Gröbste dabei bereits auf. Bis zur Treppe, dann hinauf in den Gang, der im Proberaum

endete. Doch am oberen Treppenabsatz führte sie die Spur weiter. Lauter kleine Tropfen und ein paar Große musste sie wegwischen. Langsam war es ihr unheimlich. Was war hier geschehen? „Wo kommt denn das Blut her?“ Elena richtete sich auf. Vor ihr stand einer der Schauspieler und beäugte kritisch das Reinigungsmittel in ihrer Hand. „Ich weiß es leider nicht. Ich schätze, jemand hat sich verletzt.“ „Hmm ... Muss eine heftige Verletzung gewesen sein, wenn hier so viel Blut ist.“ Irritiert runzelte Elena die Stirn. „Viel?“, fragte sie. „Ist denn noch woanders Blut?“ Der dunkelhaarige Mann zeigte in Richtung Proberaum. „Da drinnen. Ich bin der Spur gefolgt. Hab mich gefragt, wo sie hinführt.“ „Nach unten“, antwortete Elena. „Neben meinem Spint war ein großer Fleck. Die Spur führte nach oben.“ Dann legte sie den Kopf schief. „Moment.

Wie groß ist der Fleck, dessen Spur du gefolgt bist?“ Irgendetwas stimmte hier nicht. „Recht groß. Warum fragst du?“ „Na weil das ungewöhnlich ist. Wenn man sich eine Wunde zuzieht, dann blutete sie anfangs recht stark. Aber das wird ja weniger und man legt sich eine Hand drauf oder so.“ Der Schauspieler sah sie verständnislos an. „Na dort, wo die Spur endet, müsste es doch eher weniger Blut sein, oder nicht?“ „Du meinst, etwas stimmt nicht.“ Elena nickte. „Wir sollten nach vorn gehen und im Foyer nachfragen, ob hier innerhalb der letzten Stunden jemand verletzt wurde.“ „Das ist eine gute Idee. Ich bin übrigens Ben. Ich bin neu hier.“ „Freut mich. Ich bin Elena.“ Sie schüttelten sich die Hände und machten sich auf den Weg nach vorn. Allerdings nicht ohne zuvor einen Abstecher in den Proberaum zu machen, den sie eh durchqueren mussten. Dort besah sich Elena den Blutfleck, der in etwa so groß war, wie der vor

ihrem Spint. Vielleicht sollte sie aufhören, zu wischen, und sich lieber der Lösung dieses Geheimnisses widmen. Irgendetwas war hier passiert und sie wollte herausfinden was. Wie aufregend das war! Wie früher in den Detektivgeschichten die ihr ihr Vater immer abends vorgelesen hatte. Das Ermittlerduo stolpert durch puren Zufall in ein neues Abenteuer, welches sie mehr kostet, als sie sich vorzustellen gewagt hatten. „Schau mal, ein Brief.“ Ben hielt ihr ein Schriftstück entgegen. Gewöhnliches Briefpapier, beschrieben mit einem dunkelblauen Kugelschreiber. Die Ränder waren durchweicht vom Blut. „‚Ich weiß, was du getan hast‘“, las Elena leise vor. „‚Ich werde es ihnen erzählen und du wirst damit nicht davonkommen‘“ Schockiert sah sie auf die handgeschriebenen Zeilen. Das hier musste ein böser Traum sein. Das konnte einfach nicht die Realität sein! „Das klingt übel, Elena. Vielleicht sollten wir die Polizei rufen, das ist zu groß für uns, das ... Hast du

das gehört?“ Ben sah in Richtung des Flures, der in den Keller führte. „Nein, was denn?“ „Das klang, als würde jemand aus dem Keller kommen. War da noch jemand deiner Kollegen?“ Elena runzelte die Stirn. „Kann ich nicht sagen, ich war nicht in den hinteren Räumen. Aber das ist unwahrscheinlich, da ich zu dieser Zeit die einzige Person bin, die dort etwas zu suchen hat.“ Ben sah aus, als würde er wegrennen wollen. Seine Hände zitterten sichtbar und er war blass geworden. „Was ist, wenn das Blut von einem Angriff stammt?“ Elena legte eine Hand auf seine Schulter und drückte sie kurz. Auch sie hatte langsam ein ungutes Gefühl. Ben könnte Recht haben. Es könnte sein, dass sie hier einem Verbrechen auf der Spur waren. Ihr wurde mulmig. Sie schluckte trocken. „Du denkst, es könnte gefährlich werden für uns?“, riet sie. Ben

nickte. „Bevor wir die Polizei einschalten sollten wir vielleicht konkrete Hinweise auf den Täter haben. Wenn wir sie jetzt rufen und sie ihn nicht gleich festnehmen können ... Wenn er vielleicht noch im Gebäude ist ... uns gesehen hat ...“ Kalte Schauer liefen Elena über den Rücken. Sie war eindeutig zu jung, um zu sterben, weil irgendein kranker Typ hier freidrehte. „Okay“, meinte sie daher. „Du hast Recht. Wir werden erst herausfinden, was hier geschehen ist und dann die Polizei rufen. Und vielleicht irren wir uns ja auch und es ist gar nichts Schlimmes passiert?“ Ben verzog verärgert das Gesicht. „Ist das dein Ernst? Nach dem vielen Blut und dem Brief? Hier ist etwas passiert. Ganz sicher.“ „Okay, gut. Und wo fangen wir an?“ Ben zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin kein Detektiv.“ Kein Detektiv? Nun, das war sie auch nicht, aber eines hatte sie in ihrer Kindheit von all den Geschichten gelernt. Nämlich wie man ein

Verbrechen aufklärt. „Wir fangen genau hier an“, erklärte sie. „Also. Es gibt keine Leiche, was schonmal gut ist. Vermutlich ist es also kein Mord.“ „Mord?“ Bens Augen weiteten sich. „Nein. Es kann nur einen Verletzten geben.“ „Wer sagt, dass es nur einen gab?“ Ben setzte sich auf einen der Stühle, die im Raum standen. „Du hast Recht. Zwei große Blutflecken und die Spur aus Tropfen war liederlich. Vielleicht waren es zwei Verletzte.“ „Aber wie soll das abgelaufen sein? Sind sie verletzt worden und dann aneinander vorbei gelaufen?“ Elena schüttelte den Kopf. „Nein, dann hätten sie zusammen Hilfe gesucht ... Moment. Sie hätten sich Hilfe gesucht! Jemand muss etwas wissen. Sie können ja nicht einfach so verschwunden sein.“ „Dann müssen wir vorn im Foyer fragen. Irgendjemand muss etwas wissen.“ „Und was ist, wenn wir beobachtet werden?“, fragte

Elena leise. Sie hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Seit Ben etwas gehört hatte, fühlte sie sich beobachtet. Aber vermutlich war das nur Einbildung. Ihre Fantasie spielte ihr einen Streich. Ja, so musste es sein. Und wahrscheinlich gab es auch für alles eine logische Erklärung. Eine die nichts mit einem Verbrechen zutun hatte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach vorn an eine der Kassenbereiche. Die große Halle erstreckte sich vor ihnen und sie liefen zu einer der jungen Frauen, die gerade die Kasse für die nächste Vorstellung vorbereitete. Ansonsten war niemand da. Als sie sie sah, lächelte sie. Elena kam an den Tresen und beugte sich nach vorn, damit sie nicht gleich jeder hören konnte. Sie musste behutsam vorgehen, wenn sie die junge Frau nicht verschrecken wollte. „Hey, Marie! Du bist doch schon eine Weile hier oder? Und gestern hast du auch gearbeitet? Richtig?“ „Elena, hey! Schön dich zu sehen! Was gibts

denn?“ Elena sah sich kurz um, dann senke sie die Stimme, bevor sie weitersprach. „Gab es hier innerhalb der letzten Stunden vielleicht einen Unfall oder Ähnliches“, fragte sie. „Wurde eventuell jemand verletzt?“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Nicht, dass ich wüsste. Nur eine kleine Auseinandersetzung, sonst nichts.“ Elena wurde hellhörig. Eine Auseinandersetzung? Könnte es vielleicht sein, dass diese dazu geführt hat, dass jemand verletzt wurde? Ihre Gedanken drehten sich. „Es hat sich jemand gestritten? Wer?“ „Kann ich dir nicht sagen. Es waren aber zwei Männer. Ich hab sie streiten hören. Aus Richtung des Proberaums.“ „Hmm ... Okay. Danke, Marie. Dann überlasse ich dich wieder deiner Arbeit.“ Mit diesen Worten ging sie hinüber zu Ben, der sich mit dem Mann an der Garderobe unterhalten hatte und ihr jetzt

entgegenkam. „Was hast du rausbekommen?“, fragte er aufgeregt. „Marie sagt, es hätte keinen Vorfall gegeben. Aber sie hat zwei Männer im Proberaum streiten gehört. Und was hast du so herausgefunden?“ Ben zuckte mit den Schultern. „Der Neue hat nichts gesehen oder gehört. Aber er hat mich ausgefragt.“ Elena hob fragend eine Augenbraue. „Du hast ihm doch nichts verraten, oder?“ „Ich bin doch nicht blöd. Natürlich hab ich nichts gesagt. Aber erzähl mir mehr. Wer hat sich gestritten?“ „Das wusste Marie nicht. Aber wenn es zwei Männer waren, könnte es so ziemlich jeder gewesen sein.“ Frustriert setzte sie sich auf einen Stuhl, der neben den Eingangstüren stand. Er gehörte dem Wachmann, der allerdings zurzeit nicht hier war. Elena stützte ihren Kopf in ihre Hände und seufzte. Irgendetwas irritierte sie an diesem Fall. Sie wusste nur nicht, was es

war. „Wir sollten noch einmal alle Fakten durchgehen“, riet Ben. „Also, was haben wir? Da wäre das Blut, der Brief und der Streit, den Marie gehört hat. Was schließen wir daraus?“ Motiviert durch Bens Optimismus stand Elena auf und begann im Eingangsbereich auf und ab zu gehen. Sie legte einen Finger ans Kinn und grübelte. „Zwei Männer stritten sich im Proberaum. Eventuell ging es um den Brief. Der Streit eskalierte. Einer schlug vielleicht zu oder schubste den Anderen.“ „Vielleicht war der eine verletzt und hat geblutet. Er hat sich abgewendet und ist in den Keller runter zu seinem Spint, um dort etwas zu holen, vielleicht nur ein neues Hemd, weil auf seinem Blut war.“ Elena war ganz aufgeregt. Es schien glatt, als würden sie den Fall doch noch lösen können. „Der Andere folgte ihm sofort, ließ sich nicht abwimmeln. Sie kämpften? Eventuell ist der Streit im Keller ausgeartet und auch der zweite Mann wurde verletzt.“ „Moment. Wenn der eine sein Hemd in seinem Spint

im Keller hatte, dann müsste sein schmutziges Kleidungsstück doch jetzt dort im Wäschekorb liegen, richtig?“, warf Ben ein. „Nicht unbedingt. Manche Angestellte aus dem Hauswirtschaftsbereich nehmen ihre Wäsche mit nachhause und waschen sie dort.“ „Gut, okay. Aber wir sind uns einig, dass es nach unserer Theorie jemand aus deinem Bereich war, richtig?“ „Richtig.“ „Vielleicht ist er seit dem Vorfall nicht mehr zur Arbeit erschienen?“ Elena fiel nur eine Person ein, die zurzeit krank war, oder sich krank gemeldet hatte. „Patrick ist heute nicht bei der Arbeit erschienen.“ „Dann müssen wir nachsehen, ob dort unten im Keller vielleicht wirklich ein Hemd mit Blut in der Wäsche liegt. Und wenn ja, dann müssen wir mit Patrick sprechen, sobald er wieder da ist.“ Elena schüttelte den Kopf. „So lange können wir nicht warten. Was ist, wenn er seinem Angreifer nicht umsonst aus dem Weg geht?

Wenn dieser gefährlich ist?“ „Sag doch sowas nicht. Du machst mir ja Angst.“ Ben sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. War er so ein Angsthase? Andererseits hatte er ja Recht. Die Vorstellung jemand mit bösen Absichten wäre hier in diesem Theater und würde sie vielleicht sogar beobachten war verdammt unheimlich. „Wir werden jetzt zu ihm fahren und dann wissen wir mehr“, beschloss sie. „Moment, was?“ „Ich weiß, wo er wohnt, weil ich mit deiner Mutter befreundet bin“, erklärte Elena. Und momentan ist hier ja eh nichts los. Meine Arbeit schaffe ich auch nachher noch, also los.“ Sie holte nicht mal ihre Tasche. Wollte sofort losstürmen. Patricks Haus war drei Straßen weiter und eine Jacke würden sie nicht brauchen, da es schon sehr warm draußen war. Typisch Mai eben. Als sie die schweren Türen jedoch öffneten, wurden sie aufgehalten. „Hey, wartet mal, ihr

beiden!“ Eine der Autorinnen kam Armwedelnd auf sie zu. Sie sah aus, als wäre sie gut drauf. Ein breites Lächeln zierte ihr Gesicht. „Heidi“, begrüßte Elena sie. Wie sollte sie die ältere Frau nur abwimmeln? „Wir müssten noch schnell etwas erledigen und das kann wirklich nicht warten. Tut mir leid.“ „Das müsst ihr nicht. Glaubt mir. Ich kann das alles erklären.“ Moment, was? Erklären? Was meinte sie? Elena hielt mitten in der Bewegung inne. „Ich verstehe das nicht“, mischte sich Ben ein. „Was willst du uns erklären?“ Heidi kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Na ja ...“, druckste sie herum. „Der vermeintliche Vorfall. Das Blut, der Streit, der Brief. Das war alles nur fingiert. Ich habs mir ausgedacht und mit Hilfe von ein paar Kollegen auf die Beine gestellt“, erklärte sie. „Ich musste testen, wie die Story ankommt und ob das Publikum eventuell mitfiebern und die Lösung selbst finden

könnte.“ Elena wusste nicht, ob sie erleichtert sein, oder sich ärgern sollte, entschied sich aber für Ersteres. „Das war ganz schön fies“, sagte sie, lächelte jedoch. „Fies?“, fragte Ben. „Das war echt daneben! Ich hab mir ernsthaft Sorgen gemacht!“ Wütend dampfte er ab und ließ die Frauen allein. „Also ich muss sagen, ich fand es gut“, meinte Elena. „Ich hatte irgendwie Spaß und ich verstehe, dass es ein guter Test war.“ „Dann bist du mir nicht böse?“ Heidi sah ehrlich erleichtert aus. „Nein. Keineswegs“, lachte Elena. „Aber du bist mir einen Kaffee schuldig und eine genau Aufklärung.“ „Na das kannst du gern haben. Ob das Café schon geöffnet hat?“ „Lass es uns herausfinden!“

3. Plötzlich du

3. Plötzlich du - Mark stellt fest, dass er sich in seinem Kollegen getäuscht hat. Idiot! Er war ein Idiot und jeder der mir etwas anderes erzählt log. Einschließlich er selbst. Glaubte er allen Ernstes, ich wüsste nichts von seinem schlechten Ruf? Von seinen ständigen Eskapaden in fremden Betten? Warum sollte ich mich auf jemanden einlassen, der doch so eindeutig nur Sex wollte? Ich war nicht der Typ für kurze nummern. Für einmal Sex und dann tschüß. Ich wollte Liebe, wollte Romantik, wollte auf Wolke sieben schweben. Selbst wenn der Fall manchmal tief war. Das war halt das Leben. Aber ihm glauben schenken, dass er mich wirklich mochte und dieses Date nicht nur auf Sex hinauslaufen würde und auf ein böses Erwachen am nächsten Morgen, das würde ich nicht. „Vergiss es, Darius! Du bist ein Playboy. Du meinst es nie ernst, also gehe ich auch auf kein Date mit

dir!“ „Bei dir ist es anders!“ Der blonde Mann Mitte dreißig setzte sein schönstes Lächeln auf und ja, verdammt, er sah verführerisch damit aus, aber nein, auf keinen Fall. „Du bist besonders. Du hast mich schon am ersten Tag durchschaut, erinnerst du dich?“ Genervt packte ich das Script in meine Umhängetasche und schloss diese. „Eben deshalb weiß ich, warum ich kein Date mit dir will.“ „Komm schon! Gib mir nur eine Chance! Nur eine!“ Ich wandte mich zur Tür des Proberaumes und sah ihn ein letztes Mal abschätzig an. „Träum weiter“, sagte ich und ließ ihn zurück. Das hatte er wohl noch nicht so oft erlebt. Dass er so abgewiesen wurde. Müde machte ich mich auf den Weg nach Hause. Leider ging mir Darius nicht aus dem Kopf. Nicht als ich mich im Flur aus meiner Jacke und den Schuhen schälte, nicht als ich mir etwas kochte, und auch nicht, als ich am Abend ins Bett ging. Was war,

wenn er nicht gelogen hatte? Wenn er keine Lust mehr auf die ständigen kurzen Nummern hatte und jetzt eine echte Beziehung suchte? Immerhin sagte er das schon seit ein paar Wochen und er wirkte ehrlich dabei. Zumindest ehrlicher, als wenn er Männer aufriss und das konnte ich sehr gut beurteilen, denn ich hatte ihm oft genug dabei zugesehen, wenn wir zusammen mit den anderen Schauspielern abends noch etwas trinken waren. Er nutzte dumme Anmachsprüche, erzählte Lügen, um potenzielle Opfer, und ja ich nenne sie absichtlich so, von sich zu überzeugen, und machte einen auf Macho. Er konnte auch anders. Das wusste ich, denn ich erlebte ihn jeden Tag im Theater und vielleicht war es genau das, was mich jetzt dazu brachte mein Buch beiseitezulegen und darüber nachzudenken doch auf ein Date mit ihm zu gehen. Er konnte ein total netter und zuvorkommender Mann sein, der einfach nur ein überzogenes Ego hatte. Und daran ließ sich ja arbeiten. Ja, ich hatte meine Prinzipien. Kein Sex vor dem dritten Date war so eine Prinzipie, aber von der musste ich ja nicht ablassen. Und das sollte ich auch

auf keinen Fall, wenn es um Darius ging. Aber das bedeutete nicht, dass ich ihm keine Chance geben sollte zu beweisen, dass er anders war. Dass er sich ändern konnte und was noch viel wichtiger war, dass es ihm ernst mit mir war. Am nächsten Tag hatte ich einen Plan gefasst und war gerade dabei diesen in die Tat umzusetzen. Ich hatte mir meine schludrigste Hose angezogen, meinen ollsten Pulli und hatte auch auf meine Frisur wenig Wert gelegt. So sprach ich Darius in dem kleinen Proberaum an, als er sich gerade in seine Rolle einstimmte. „Mark, du siehst ...“ Tja. Was denn nun? Wollte er ‚gut aus‘ sagen? Das, was er immer und zu jedem sagte? Oberflächlich. Er war oberflächlich und das war eines der Dinge, die mich an ihm störten. „Was wolltest du sagen?“, lockte ich ihn immer weiter in meine vermeintliche Falle. „Du siehst ungewohnt anders aus“, rette er sich gerade

so. Haarscharf, wirklich. Aber gut. Punkt für ihn. „Ich hatte heute keine Lust mir Gedanken, um mein Aussehen zu machen“, meinte ich beiläufig, als ich meine Tasche auf einem der Stühle abstellte und demonstrativ uninteressiert das Script daraus hervorholte. „Weißt du ...“, begann ich schließlich. „Ich hab über das nachgedacht, was du gesagt hast.“ Oh, nein, das war es nicht, was ich hätte sagen sollen. Das war kein ‚Lunte legen‘. Das war eher ein ‚Ich geb zu, dass du mir nicht aus dem Kopf gegangen bist‘ und das war sicher das Letzte, was ich hatte sagen wollen. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht ganz okay wäre, mit dir auszugehen. Vielleicht etwas trinken gehen. Nach der Probe.“ Vielleicht würde mein Plan ja doch noch aufgehen, wenn ich einfach so tat, als hätte ich nichts ultra Dummes gesagt. Darius sah mich leicht irritiert an, dann lächelte er selbstsicher. „Oh, du denkst, ich habs so bitternötig, ja?“, fragte

er, die Arme vor der Brust verschränkt. Fuck. Ich hatte vergessen, wie eingebildet er war. „Du hast gesagt, es wäre dieses Mal anders. Ich wäre etwas Besonderes. Aber wenn du gelogen hast und mich eigentlich nur in dein Bett kriegen willst, dann verzichte ich lieber.“ Irgendwie war ich richtig enttäuscht darüber, dass er nicht sofort darauf eingegangen war. Doch er spielte sicher nur ein Spiel. Es war seine Masche, um das zu bekommen, was er wollte. Aber ich beherrschte dieses Spiel auch. „Ich hab nicht gelogen.“ Er trat näher an mich ran, sah mich direkt an. „Ich habe gesagt, dass ich mich ändern möchte, und das will ich wirklich. Ich will dich kennenlernen, also bitte, gib mir diese Chance.“ Tja, war das jetzt ein Punkt für ihn oder für mich? Und irgendwie kannten wir uns ja auch schon. Wir hatten uns oft genug unterhalten, um zu wissen, dass wir nicht zusammenpassten. Er war laut, draufgängerisch, ein Playboy. Und ich? Ich war der nette Typ von nebenan. Eher zurückhaltend, fast schon schüchtern. Ich blieb immer ruhig, sah das

Gute in meinen Mitmenschen. Zählte das Argument sich kennenlernen zu wollen überhaupt, wenn man eigentlich wusste, wer der andere war? Andererseits wusste man nie wirklich, wer sein Gegenüber war, bis man nicht das ein oder andere Geheimnis ausgetauscht hatte. Und oberflächliches Beschnuppern reichte oft nicht aus, um wirklich sagen zu können, wer ein Mensch war. „Okay“, sagte ich also. „Gehen wir nach der Probe etwas trinken. Ein Glas Wein beim Italiener um die Ecke vielleicht?“ Ich wandt mich ihm offen zu und lächelte. Ja, er hatte gewonnen. Aber das ging schon in Ordnung. „Machen wir ein Mittagessen daraus und ich bin einverstanden.“ Er lächelte verschmitzt 8und mit einem Glanz in den Augen, den ich nicht deuten konnte. Spielte er? Oder war es ihm nur ernst und er freute sich auf unser Date? „Okay“, stimmte ich zu und lachte kurz auf. Der Mann würde mich noch fertig machen. Hoffentlich war es das

wert. Überraschenderweise gab sich Darius richtig Mühe. Er nahm mich mit seinem schicken Wagen mit, ließ uns an einen Tisch am Fenster setzen und war ein absoluter Gentleman. Gehörte dieses zuvorkommende Verhalten zu seiner Masche? War es seine Verführungskunst? Oder war er so, weil er mir zeigen wollte, dass er nicht mehr der Aufreißer war, von dem ich immer gehört und den ich oft genug in Aktion gesehen hatte? Konnte ich mir wirklich sicher sein, dass er nicht nur so war, um mich ins Bett zu bekommen? Meine Gedanken wurden unterbrochen, als er nach seinem Weinglas griff und mir zuprostete. Ich lächelte leicht amüsiert, weil er dabei so selbstsicher und zeitgleich unbeholfen wirkte. „Hattest du jemals ein echtes Date?“, fragte ich ihn. „Ein einziges. Sie hatte darauf bestanden und es war sehr schön.“ „Sie?“ Meine Augenbrauen hoben sich. „Dann bist du

bisexuell?“ Ich hatte ihn nie mit Frauen gesehen. Er schüttelte den Kopf und trank einen Schluck. „Quatsch. Ich bin nur an Männern interessiert.“ „Und warum hattest du dann ein Date mit einer Frau?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, weil sie hartnäckig war und ich das irgendwie mochte.“ Jetzt war ich doch ein wenig neugierig. Der große Playboy, der sich seine Sexpartner nach Attraktivität aussuchte, ließ sich von einer Frau zu einem Date überreden? „Und wie war es?“ „Wie gesagt: Es war schön. Wir haben uns toll unterhalten und ich mochte ihre Direktheit. Sie wollte nur so unbedingt Sex.“ Widerwillig verzog er das Gesicht. „Wusste sie nicht, dass du schwul bist?“, fragte ich irritiert. Diese Geschichte war wirklich absurd. „Weißt du“, begann er, während er seinen Wein

locker aus dem Handgelenk schwenkte, „manche Frauen finden das sehr anziehend. Und manche schwule Männer gehen dann darauf ein.“ Er sah etwas peinlich berührt zur Seite. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Meine Augen wurden groß und ich beugte mich über den Tisch näher zu ihm. „Heißt das, du hast mit ihr geschlafen?“ Darius grunzte amüsiert über meine Reaktion. „Man, bist du süß. Miteinander schlafen. Das ist so zart und schüchtern. Ich ich habs ihr besorgt, ja. Und ihr hats gefallen.“ „Und dir? Hat es dir auch gefallen?“ Er sah mich direkt an. „Nicht so sehr, wie du mir gefällst“, hauchte er. Ich sage nicht, dass ich dumm war, als ich mit ihm nach diesem wirklich gelungenen Date mit ihm in meinem Bett lag, und ich sage auch nicht, dass es eine gute Idee war, aber schlussendlich war es genau das gewesen, was ich wollte und allein deshalb war es das Richtige. Und dennoch, als ich unter ihm lag

und seine Küsse auf meinem Körper spürte, da ging mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf. Er hatte gewonnen. Wenn das hier doch nur ein Spiel für ihn war, dann hatte er gewonnen. Er hatte mich mit Worten und Taten umgarnt und mich schließlich tatsächlich ins Bett bekommen. Wie war das nochmal mit meinen Prinzipien? Kein Sex beim ersten Date? Tja, das war wohl nichts. „Hey, Süßer, was lenkt dich denn so ab?“ Darius, der eben noch Küsse auf meine Oberschenkel gesetzt hatte, kam zu mir hoch und legte sich neben mich. Sanft streichelte er meinen Bauch und meine Brust. Ich beschloss, ehrlich zu ihm zu sein. „Versteh mich nicht falsch, aber ...“, begann ich. „Obwohl du mich nicht wie deine anderen Eroberungen aufgerissen hast, hast du mich doch ins Bett bekommen. Ist dein Interesse an mir damit gestillt?“ Seine Gesichtszüge änderten sich von fröhlich zu verärgert und plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas kaputt gemacht zu haben. Vielleicht hatte ich das

sogar. Auf jeden Fall schien ich ihn ehrlich verletzt zu haben und das tat mir leid. Sanft fuhr ihm mit meinen Fingerspitzen durch seinen Vollbart. Das Haar fühlte sich weich an. Gut gepflegt. Ich mochte diesen Bart. Er stand ihm ausgesprochen gut. „Du glaubst mir noch immer nicht, dass ich es ernst meine.“ Es war keine Frage. Nur eine Feststellung. „Tut mir leid. Es ist nur schwer zu glauben, dass der Mann den alle als Playboy kennen, plötzlich zahm geworden ist und sich dann auch noch für den langweiligsten Typen auf der Erde interessiert.“ Puh, da hatte ich ja ziemlich viel über das preisgegeben, was ich über uns dachte. Über mich dachte. Er sah mich an, während er mit der Hand zu meinem Hintern fuhr und ihn sanft knetete. „Für mich bist du keinesfalls langweilig“, sagte er schließlich. „Du bist faszinierend. Aufmerksam, hilfsbereit, trottelig. Du bist süß, wenn du unsicher nachfragst, weil du etwas nicht verstehst. Du kaust

dann immer für eine Millisekunde an deiner Unterlippe. Und du siehst selbst im Schlabberlook noch sexy aus. Wer kann das schon von sich behaupten.“ Er grinste versaut. „Ich hingegen bin nichts Besonderes. Ich brauche morgens Stunden im Bad, um so auszusehen, wie immer und mache mir immer ewig Gedanken, bevor ich jemanden anspreche. Ich lege mir Anmachsprüche zurecht, weil mir nichts Besseres einfällt, und muss dann doch nur lächeln.“ Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. So einen Eindruck hatte ich nie von ihm. Aber es stimmte schon. Die Kerle kamen auf ihn zu und dann kam Darius Zug. Ein Drink, ein paar plumpe Komplimente. Vielleicht war der Mann hier neben mir, mit seinem perfekten Körper, den tollen Lippen und dem frechen Grinsen doch nicht so ein großer Playboy. „Weißt du, was ich glaube? Ich habe mich in dir getäuscht. Du bist mehr als das, was du nach außen trägst“, meinte ich schließlich und lächelte ihn offen an. „Vielleicht geb ich dir noch eine

Chance.“ „Meinst du ein zweites Date?“ „Vielleicht.“ Da war wieder dieser Glanz in seinen Augen und dieses Mal war ich mir sicher, dass er ehrliche Freude bedeutete. „Wie kommt es, dass du das willst?“ „Sagen wir einfach, du hast mich überzeugt.“ Er beugte sich mit einem schelmischen Lächeln zu mir runter und legte seine Lippen auf die meinen.

4. Leo

4. Leo - Leo wird sich bei einem Date im Theater bewusst, was er will. Leo war nervös. Er knetete seine Hände vor seinem Schoß, ließ seine Jacke, die er gerade ausgezogen hatte, fallen und hob sie unsicher lächelnd wieder auf. Ian vor ihm, drehte sich zu ihm um. Die Theaterkarten in der einen, seine eigene Jacke in der anderen Hand. Gemeinsam entfernten sie sich aus der Schlange der Kasse und gingen hinüber zum Durchgang mit der Aufschrift ‚Garderobe‘. „Ich freu mich schon richtig aufs Stück“, sagte Ian gerade zu ihm. „Ich bin gespannt, wie sie die Geschichte neu interpretieren.“ „Ich auch“, meinte Leo. Dann verstummte er wieder. Er war schon immer ein Fan von klassischer Literatur und neuen Adaptionen davon konnte er zumeist ebenfalls etwas abgewinnen. Dieses Mal war er leicht skeptisch, aber freute sich

auf ‚Das Bildnis der Dorian Grey‘. In erster Linie allerdings freute er sich auf die Zeit mit Ian. Der Ältere nahm ihm seine Jacke ab und reihte sich in die Schlange vor der Annahme. Leo folgte ihm, während er sich interessiert umsah. Das Theater war etwas runtergekommen. Dunkle Dielenböden, Wandtäfelungen und Brokattapete in mattem rot. Ein goldener Kronleuchter mit unechten Kerzen an jeder Decke, kerzenartige Leuchter an den Wänden und der Tresen der Garderobe wirkte mit dem Eichenholz auch eher altbacken. Doch all das hatte seinen Charme und machte das alte Gebäude recht wohnlich. Wann es wohl gebaut worden war? „Na dann“, riss Ian den Blondschopf aus seinen Gedanken. „Lass uns mal unsere Plätze suchen gehen.“ Sie machten sich auf den Weg in den Saal und Leo kam nicht umhin sein Date dafür zu bewundern, wie aufgeschlossen und fröhlich dieser war. Ian strahlte vor Fröhlichkeit. Er war einfach immer gut drauf. Es war nun schon ihr viertes Date und nie war er auch

nur annäherend schlecht gelaunt gewesen. Zudem war er so gar nicht schüchtern oder zurückhaltend. Er war ein Wirbelwind, der mit jedem gut auskam und immer einen coolen Spruch auf Lager hatte. Manchmal fragte sich Leo, ob dieser Frohsinn nur gespielt war, aber so schätzte er Ian nicht ein. Der junge Mann schien einfach von Grunde auf ein offener und freundlicher Mensch zu sein, dem jeder positiv gesinnt war. Leo hingegen war ein Grübler und Pessimist. Und er war schüchtern. Zu schüchtern. Das wusste er. Von sich aus, hätte er Ian auch nie angesprochen. Dazu war er gedrängt worden. Er war aus gewesen. Mit seinen Freunden. Ein Abend in einer Kneipe. Na ja, Kneipe war nicht ganz das richtige Wort, aber eine moderne Bar war es halt auch nicht gewesen. Das ‚Rohes Fleisch‘ war in erster Linie für ‚die echten Männer‘ gedacht. Pah! Wie er solche Vorurteile hasste! Was waren denn echte Männer? Musste man da jeden Abend Frauen flachlegen und Bier trinken? Jedenfalls hatte er Ian an diesem Abend an der Bar gesehen und wohl so

sehr angeschmachtet, dass seine Freunde unbedingt wollten, dass er ihn ansprach. Vermutlich hatten sie nur sehen wollen, wie er einen Korb bekam. Aber das war nicht passiert. Am nächsten Abend hatten sie ihr erstes Date gehabt und es war so gut gelaufen, dass es ein zweites und drittes gab. Und jetzt eben auch noch ein viertes. Sie gingen durch die Reihen und schnell hatte Leo ihre Plätze gefunden. Mittig, aber genau am Gang und leider war die Sitzreihe ansonsten noch leer. „Hier“, rief Leo Ian zu, der noch suchte. „Hier sitzen wir.“ Er rutschte zu seinem Platz und setzte sich auf den dunkelrot gepolsterten Sessel. Neben ihm setzte sich Ian. „Erzähl doch mal“, sprach dieser ihn jetzt an. „Wie war deine Woche?“ Smalltalk. Na toll. Gingen ihnen denn wirklich schon nach drei Dates die Themen aus? „Ganz gut“, antwortete er und schwieg. „Schön. Das ist schön.“ Ian wurde still. Er sah sich im Saal um und zupfte

sich seine Kleidung zurecht. Verdammt! Das hatte Leo versaut. Er mochte kein Smalltalk. Aber das bedeutete nicht, dass er es nicht konnte. „Wie war denn deine Woche?“, fragte er, um das Gespräch wieder zum Laufen zu bringen. Ian drehte sich zu ihm und lächelte. „Erfolgreich“, antwortete er. „So wie es aussieht, werde ich befördert.“ Er strahlte richtig. Eine Beförderung war natürlich toll. Und wahrscheinlich diente der Smalltalk auch nur dazu, Leo diese Neuigkeit zu berichten. Und da war er so doof, es nicht zu bemerken und abzublocken. Wie dämlich! „Das ist ja fantastisch!“, rief Leo also mit aller Begeisterung aus, die er aufbringen konnte. Er wandt sich seinem Date zu und umarmte ihn schließlich. „Dann bekommst du endlich mehr Geld und kannst dir eine neue Wohnung leisten!“ Leo löste sich von dem anderen Mann, blieb aber nahe bei ihm sitzen. Es war schön gewesen, ihm so nahe zu sein. Und Ian rückte nicht weg. Das war doch mal ein gutes Zeichen. Er hatte sich schon

Gedanken gemacht, weil Ian nie von sich aus auf Tuchfühlung ging. Aber vielleicht war das auch einfach nicht seine Art. Er musste sich niemanden aufdrängen, um Interesse zu zeigen. Nicht so wie all die anderen Dates die Leo in der Vergangenheit schon gehabt hatte. Ian ließ sich Zeit und das war gut so. Bisher war zwischen ihnen nichts passiert. Kein Händchenhalten, kein Kuscheln, kein Küssen. Und selbstverständlich auch keinen Sex. Sie gingen es ruhig an und das war es, was Leo am allermeisten an Ian gefiel. Es war nicht so, dass er ihm nicht näherkommen wollte. Es war nur viel mehr so, dass er die Erfahrung gemacht hatte, dass wenn etwas zu schnell zu heiß wurde, auch rasch wieder abkühlte und daher nicht lange hielt. Bei Ian wollte er nicht, dass das passierte. Er war bereits jetzt völlig in den anderen Mann verschossen. So richtig mit Herzrasen und schwitzigen Fingern. Auch jetzt waren seine Hände am Schwitzen. Hektisch wischte er sie sich an seiner dunklen Jeans ab. Sah Ian ihm an, dass er aufgeregt war? War er es vielleicht selbst? War es für ihn auch so eine große Sache? Oh, Gott, seine

Gedanken fuhren schon wieder Achterbahn. Die Lichter im Saal wurden gedimmt und die Menschen um sie herum leiser. Nur noch gedämpftes Rascheln und Geflüster war zu vernehmen. Leo sah schwärmerisch zu seinem Date und dieser zu ihm. Er lächelte und traute sich dann endlich. Seine Hand tastete nach der des anderen Mannes, fand sie und verschränkte ihre Finger miteinander. Ian griff fest zu und gab Leo damit die Sicherheit, die er brauchte, um sein aufgewühltes Herz zu beruhigen. Der Mann, in den er verliebt war, hatte zumindest ähnliche Gefühle. Dessen war er überzeugt. Was sonst sollte es bedeuten, dass er seine Hand drückte und näher an ihn heranrückte. Für einen Moment bereute Leo die Entscheidung gegen das Kino und für das Theater. Im Kino hätten sie einen der Sitze für Pärchen nehmen können. Die ohne Zwischenlehne, auf denen man super kuscheln konnte. Allerdings hätte das vielleicht nicht das erhoffte Ergebnis gehabt, sondern eventuell sogar das Gegenteil bewirkt. Ian hätte ihn als aufdringlich abstempeln können und das war Leo nicht. Absolut nicht! Es war also ganz gut, so wie es

war. Ihre Knie berührten sich, ihre Hände waren miteinander verschlungen. Es lief gut. Es war zwar nur fast, wie kuscheln, aber vielleicht war es genau so am besten. Als das Stück zu Ende war und sie tatsächlich Hand in Hand zu Ians Wagen liefen, war Leo in Hochstimmung. Es war nichts gelaufen bis auf Händchenhalten und liebevolle Blicke, aber das war egal. Um ehrlich zu sein, hatte er auch gar nichts anderes gewollt. Es wäre nicht Ian gewesen, hätte dieser ihn geküsst und befummelt, nur weil sich die Gelegenheit dazu ergab. Jetzt im Auto waren sie allerdings sehr still und Leo war sich nicht sicher, ob es eine positive Art von Stille war. In seinem Magen bildete sich ein Knoten. Der Abend war so wunderbar verlaufen und er glaubte, dass Ian für ihn etwas empfand, Aber würde das reichen? War das Bauchkribbeln der ersten Verliebtheitsphase genug oder würde das hier ihr letztes Date gewesen sein? Ian starrte auf die Straße, während er fuhr. Kein Seitenblick, kein Streicheln seines Knies oder Ähnliches. Es machte Leo nervös und brachte ihn

dazu, schweigend aus dem Fenster zu blicken. Zwischen ihnen war etwas. Ganz sicher. Er spürte deutlich dieser Kribbeln zwischen ihnen. Es fühlte sich alles schon so vertraut an und wenn es nach ihm ginge, dann würden sie den nächsten Schritt gehen, aber war es auch das, was Ian wollte? Und was war überhaupt der nächste Schritt? Leo wusste es nicht. Sie bogen direkt vor Leos Wohnblock in eine Parklücke ein. Ian stellte den Motor aus, schnallte sich ab und stieg aus. Während er sich streckte, befreite sich auch Leo von dem Gurt und stieg aus dem Wagen. „Na dann“, sagte er, plötzlich ganz still. „Es war schön mit dir. Das Stück war gut.“ Ian trat ums Auto herum an den Bürgersteig. Ein paar Sekunden verstrichen, ohne, dass jemand etwas sagte oder tat. Dann trat Ian vor und umarmte Leo leicht. Plötzlich schien eine Distanz zwischen ihnen zu herrschen. Eine, die vorher nicht dagewesen war. Als sie sich voneinander lösten, lächelte Ian ihn an. Es war nicht das übliche fröhliche Lachen, welches Leo von ihm kannte. Nein, dieses hier zeigte deutlich

Unsicherheit. Sollte Leo diese zerschlagen? Ihm sagen, dass ... ja, was denn eigentlich? Er war plötzlich selbst so verunsichert. Er wusste doch, was er wollte. Wusste doch, wie sehr er sich nach dem anderen sehnte. Warum war er dann so nervös? Tief atmete er durch. Er musste sich beruhigen. Er wollte etwas sagen, doch dann übernahm auch schon Ian das Wort. „Okay, dann, hören wir wohl voneinander“, sagte dieser und löste sich von ihm. „Es war wirklich toll.“ Er lächelte, aber es sah gestellt aus. „Ja, gut, dann bis bald“, verabschiedete sich nun auch Leo. Fuck, warum sagte er nichts Besseres? Einen Moment sah Leo seinem Date dabei zu, wie er zur Fahrerseite ging, dann drehte er sich um und lief bis zum Eingang des Mehrfamilienhauses, in welchem er wohnte. Er kramte in der Hosentasche nach seinem Schlüsselbund, fand ihn und suchte den richtigen Schlüssel heraus. Dann hielt er inne. Was sollte der Scheiß eigentlich? Er wusste doch genau, was er wollte. Warum machte er sich selbst etwas

vor? Warum musste es so dämlich ablaufen? Auf dem Ansatz machte Leo kehrt, rannte die kleine Stufe vor der Haustür hinunter und stürzte beinahe über seine eigenen Füße. Ian war schon fast eingestiegen. „Ich will eine Beziehung!“, rief Leo. „Ich will eine echte Beziehung. Mit Treue und schönen Abenden auf der Couch und mit weiteren Dates.“ Ian drehte sich zu ihm um. „Wie viele Dates?“, rief er ihm zu. Leo machte ein paar Schritte in seine Richtung. „Jeden Monat eins. Und immer machen wir etwas anderes. Wir gehen ins Kino und essen, und Schwimmen oder Klettern. Vielleicht auch mal ins Museum.“ „Ist das eine Seite von dir, die ich noch nicht kenne?“, fragte Ian, als er näher kam. „Bist du ein Museumsgänger?“ Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. War das eine Sache, die er mochte, oder war er nicht so der Typ für Museumsbesuche? In der Dunkelheit und mit der kaputten Straßenlaterne konnte er Ians Gesicht

nicht gut erkennen. Aber, dass dieser näher kam, machte ihm Mut. „Ich mag Kultur. Ab und an mal Museen besuchen wäre schön. Vorausgesetzt, du hast Lust dazu.“ Schließlich standen sie direkt unter der Straßenlaterne voreinander. Leo war nervös und Ian schien es ebenfalls zu sein. Seine Hände, die den Autoschlüssel hielten, zitterten ganz leicht. „Ich hab auf alles Lust, was mit dir zu tun hat.“ Ian überwand den letzten verbliebenen Anstand zwischen ihnen und schon lagen seine Lippen auf Leos. Warm und weich schmiegten sie sich an ihn und Leo wusste sofort: Das hier war etwas ganz Besonderes. Etwas Echtes. Etwas, was hart und weich zugleich war. Etwas, was ihn fliegen ließ. Und als sie sich voneinander lösten und sich in die Augen sahen, da flog er.

5. Wer ist da?

5. Wer ist da? - Eine junge Frau erzählt von ihrem Ende. Es war unerwartet gekommen. Schnell und mit einem Schock. Ich habe nie an Geister geglaubt. Bis zu dem Tag, an dem ich gestorben bin. Ich war wieder einmal zu spät zu den Proben und wollte es dieses Mal wiedergutmachen. Also hatte ich mich dazu entschlossen, ein wenig Ordnung zu machen, die Teller zurück in die Küche zu räumen und durchzufegen. Stühle zusammenstellen, Tische an den Rand schieben und Requisiten zurück räumen. Was halt so getan werden muss, wenn man geprobt hatte. Der ein oder andere Schauspieler hatte mal wieder etwas liegengelassen. Eine Jacke, einen Schal. Das Übliche. Dieses Mal war es sogar besonders chaotisch und es kam mir glatt so vor, als würde ich Dinge drei- oder viermal wegräumen.

Ständig lag noch etwas rum. Doch das war nicht das, was mich dazu brachte, das Theater abzugehen. Nein, das war das seltsame Geräusch, das von nirgendwoher wirklich zu kommen schien. ‚Du wirst noch verrückt, Caro‘, sagte ich mir. ‚Du bildest dir Sachen ein‘. Aber insgeheim wusste ich, dass ich wirklich etwas gehört hatte. Nur konnte ich nicht zuordnen, woher dieses Geräusch kam. Mal schien es, um mich herum aus den Wänden zu stammen, mal aus den Fußböden oder Decken. Einmal hatte ich sogar das Gefühl, es käme direkt aus mir selbst. Zudem war ich mir zuerst sicher, es wäre ein Kratzen, so als ob jemand oder etwas mit Fingernägeln über Tapete schaben würde, dann klang es für mich eher wie ein Knurren, das dann wiederum zu einem Grollen überging und sich schließlich beinahe so anhörte wie Donner, nur eben ganz leise. Ich schüttelte den Kopf, um die wirren Empfindungen darüber loszuwerden, packte meine eigene Tasche, ließ noch ein letztes Mal den Blick durch den Raum und über die ordentlich an die Wand geschobenen Tische gleiten und stutzte. Dort unter

dem Tisch lag ein Stoffstück oder etwas Ähnliches. Eventuell war es auch ein Kleidungsstück oder eine Mütze. Draußen war es kalt geworden und so langsam war der Winter da. Die letzten Bäume verloren gerade ihre Blätter. Es war also nur logisch, wenn jemand seine Mütze vergessen hätte. Nur war ich mir sicher, ich hätte alles weggeräumt. Und dennoch lag da dieses dunkelgraue Stoffding. Ich lief zu dem Tisch, unter dem es lag, bückte mich und griff danach. Als ich es hervorgezogen hatte, zuckte ich zurück. Es war voller Spinnenweben und Maden krochen darauf herum. Vor Schreck plumpste ich auf den Hosenboden. Was zum Teufel ging hier vor sich? Mit spitzen Fingern nahm ich das Teil und warf es auf den Tisch. Dann beäugte ich es aus sicherer Entfernung. Es sah aus, wie ein ausgeblichener, dunkelgrauer Handschuh. Einer von der Sorte, die man früher oft zu Abendkleidern getragen hatte. Er sah alt aus und wirkte so, als hätte er in irgendeiner gammeligen Ecke gelegen. Möglicherweise jahrelang. Doch wo kam dieses Ding plötzlich her? Es wäre mir doch aufgefallen, wäre es schon die

ganze Zeit über hier gewesen. Ich richtete mich auf und dann bemerkte ich noch etwas anderes. Dieses seltsame Geräusch war verstummt. Egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte es nicht mehr hören. Wahrscheinlich wurde ich wirklich verrückt. Zu verdenken wäre es mir nicht. In letzter Zeit war einfach viel los gewesen. Der Stress stand mir ins Gesicht geschrieben. Nur deshalb kam ich doch in letzter Zeit so oft zu spät zu den Proben. Ich hoffte inständig, dass mich alles, was so anstand, nicht auch noch davon abhielt pünktlich zur Premiere zu kommen. Das konnte ich mich nun wirklich nicht leisten. Konnte sich keiner von uns. Wir hatten schon jetzt so viel Arbeit und Mühen in dieses Stück gesteckt. Es durfte einfach nichts schief ... Da war es wieder. Das Geräusch, welches sich am ehesten als ein Kratzen beschreiben ließ. Und dieses Mal, konnte ich es sogar zuordnen. Es kam aus den Wänden. Ganz sicher. Nur woher genau, das konnte ich unmöglich sagen. Ich versuchte, dem Geräusch zu folgen. Aus dem Raum heraus, in den Flur, dann in die Kaffeeküche, wo es schließlich wieder verstummte.

Verdammt, wo kam dieser Scheiß her? Ich wurde noch wahnsinnig. Da! Da war es wieder! Raus aus der Küche, wieder ab in den Flur, dann Stille. Verarschte mich da jemand? „Das ist nicht witzig!“, rief ich in die Stille. Stille. Beängstigende Stille. Oder war ich einfach nur mit den Nerven am Ende? Nein, diese Stille war nicht normal. Sie war besonders. Es war die Art, die nicht zu erklären war. Normalerweise hörte man ein Knarzen von Dielen, die sich durch die Heizungsluft verbogen, ein Gluckern aus den Rohren der uralten Heizkörper. Einfach irgendetwas. Doch dieses mal, hörte ich wirklich rein gar nichts. Absolute Stille. Sie machte mir Angst, brachte mir Gänsehaut am ganzen Körper und brachte mich dazu steif auf dem Flur zu stehen und den Atem anzuhalten. Zu lauschen. Irgendetwas musste ich doch hören. Und dann war da tatsächlich etwas. Hell und klar und doch unendlich leise vernahm ich sie. Die Stimme eines Kindes. Es weinte. Oder lachte es? Ich konnte es nicht genau sagen. Für einen Moment dachte ich, es wäre eines der Kinder, die heute zur Aufführung vom

Improvisationstheater für Kinder da gewesen war. Mit der Schulklasse. Vielleicht hatte man es einfach vergessen? Aber dann erschien mir diese Überlegung reichlich dumm. Hätte man nicht spätestens in der Kita bemerkt, dass eines der Kinder fehlte? Außerdem - und das beunruhigte mich zutiefst, klang es, als würde das vermeintliche Weinen, direkt aus einer der Zwischenwände aus Spanplatten stammen, die man Jahre nach dem Bau eingesetzt hatte, als das Theater als Lager für Flüchtlinge gedient hatte. Das hier wurde so langsam wirklich unheimlich. Ich war niemand, der sich schnell verängstigen ließ, aber das hier ging langsam zu weit. Wollte mir einer meiner Kollegen einen Streich spielen? War es das? „Das reicht jetzt, Leute!“, rief ich laut, als ich durch den Flur und den nächsten Gang entlang bis ins Foyer ging. „Ihr habt mir einen Schrecken eingejagt, okay. Gewonnen. Aber das reicht jetzt, ihr ...“ Die Sprache versagte mir, als ich aus den Augenwinkeln einen Schatten sah. Ich sah mich in die Richtung dessen um, blickte in Richtung des zweiten Proberaums. War ich jetzt völlig bekloppt?

Gut. Sagte ich mir. Wenn tatsächlich nur ein dämlicher Streich unter Kollegen dahinter stand, dann hatten sie von jetzt an keine Möglichkeiten mehr sich zu verstecken. Der Flur führte nur zu einem einzigen Raum und dahinter war ein weiterer Flur, der zum Keller führte. Hier konnte sich niemand mehr verstecken. Also lief ich los. Umso näher ich dem zweiten Proberaum kam, umso lauter erschien mir das Weinen. Wollten die mich verarschen? Dachten die wirklich, ich wäre so leicht zu verjagen? Na denen würde ich es zeigen! Niemand verarschte Carolin Berger! Niemand! Ich stapfte also bis zum Proberaum, das Weinen verstummte und ich stand wie bestellt und nicht abgeholt dumm mitten im Raum. Alles war wie immer. Tische an den Wänden, lose Blätter Papier lagen darauf verteilt. Zusammengesteckte Stühle lagen unter den Tischen. Ansonsten war der Raum bis auf eine Kiste mit Fundsachen, aus gelbem Plastik, leer. Die altmodischen Lampen in Form von Leuchtern an den Wänden und der Decke flackerten im gelblichen Licht. Eine von ihnen funktionierte

nicht mehr. An einer der hinteren Wände des Raumes, eine Nische in der die Fundkiste stand, blätterte die altmodische Tapete ab. Ich sagte ja bereits. Alles wie immer. Doch irgendwie auch nicht. Der Raum kam mir seltsam anders vor. So als wäre er nicht wirklich real, sondern nur ein Gebilde meiner Fantasie. Ich schüttelte den Kopf und ließ mich nicht länger verunsichern. Was für ein Blödsinn! Gebilde meiner Fantasie? Ich hatte echt zu viel Zeit mit dem Lesen von Theaterstücken verbracht. Vermutlich zu viel. Und dennoch stand ich jetzt mitten im Raum und war der festen Überzeugung, etwas würde nicht stimmen. Etwas wäre falsch. Ich musste nur herausfinden, was es war. Es kam mir vor, wie bei einem dieser Vergleichsbilder, bei dem man im rechten oder linken Bild den oder die Fehler finden musste. Nur, dass es in diesem Fall keinen Vergleich gab. Oder zumindest keinen, der neben mir auf einem Tisch lag. Ich drehte mich also einmal um die eigene Achse und ließ alles auf mich wirken. Etwas war anders und ich würde herausfinden was. Die Tische waren dieselben, genau wie die Stühle. Der Fußboden mit dunklen Dielen,

die Decke mit dem Stuck und den goldenen Verzierungen, die Wände mit den dunkelroten Tapeten mit goldenen Verzierungen, ... Moment. Verwirrt blieb ich mitten im Raum stehen. Dunkelrot? In meinen Erinnerungen war dieser Raum nie dunkelrot gewesen. Dunkles Blau mit goldenen Ornamenten. Das war es. Ich war mir sicher. Oder irrte ich mich doch so sehr? War ich einfach schon zu müde und bildete mir Dinge ein? Ich atmete tief durch. Dann fummelte ich mein Handy aus der Hosentasche und suchte nach den Bildern, die ich in meiner ersten Zeit am Theater gemacht hatte. Schnell waren sie gefunden. Meiner eigenen ordentlichen Art sei Dank. Ich sortierte immer nach Jahr, Monat, Gelegenheit und was sonst noch wichtig war. So fand ich immer schnell alles wieder. Ich wusste ja immer schon, dass mir das irgendwann zugutekommen würde. Und da war es auch schon. Das Bild auf dem ich und meine damals noch neuen Kollegen zusammen auf einem der Tische saßen und Grimassen schnitten. Der erste gemeinsame Tag, die erste gemeinsame Probe, das erste gemeinsame Foto. In

genau dem Raum, in dem ich mich gerade befand. Es war sogar derselbe Tisch. Obwohl ja vor kurzem erst einige der alten Möbel ausgetauscht wurden. Dieses gute Stück hatte es wohl noch nicht so nötig gehabt wie die anderen. Ich zoomte ran, direkt in den Hintergrund. Umgekippte Stühle, Taschen, Requisiten und dann ... eine dunkelblaue Tapete, die an einer Stelle, der Nische, sich bereits von den Wänden löste. Dunkelblau. Ich schaltete den Bildschirm aus und starrte auf die Wände. Diese hier waren Dunkelrot. Es war derselbe Raum, kein Zweifel. Aber die Wände waren rot. Nachdem ich mein Handy wieder in die Tasche meiner Jeans geschoben hatte, atmete ich tief durch und ging zur Wand, hinter der kein Raum mehr sein konnte. Die Einzige, meinen Überlegungen nach. Es war die Nische. Ich streckte meine Hand aus und berührte zaghaft mit den Fingern die Tapete. Erschrocken fuhr ich zurück. Sie war nass! Und meine Finger bedeckte eine rote Substanz, die ich sofort als Blut identifizierte. Mein Herz schlug wild, als ich all meinen Mut zusammenkratzte und die

Tapete von dem Teil an abzog, an dem sie sich bereits von selbst zu lösen begann. Sie ließ sich ohne Schwierigkeiten ablösen, fiel schließlich in einer langen Bahn zu Boden und gab den Blick auf die kahle Wand frei. Doch da war plötzlich keine Wand mehr. Ich starrte in nichts als schwarze Leere. Vor mir erstreckte sich Dunkelheit in ihrer reinsten Form und so sehr ich auch versuchte, etwas in ihr zu erkennen, ich war nicht dazu in der Lage mehr zu sehen. Gerade wollte ich zurückweichen, da erkannte ich etwas in den Tiefen der Dunkelheit. Ein Kind in altmodischer Kleidung. Es sah mich an und streckte den Arm nach vorn aus. Zeigte es auf etwas? Wenn ja, dann hinter mir. Moment. Hinter mir? Ich drehte mich um und sah in schwarze Augen. Ich habe nie an Geister geglaubt. Niemals. Bis zu jenem Tag. Bis heute kann ich nicht sagen, was ich eigentlich gesehen habe. Was mir einen solchen Schock versetzt hat, dass mein Herz aufgab. Alles, woran ich mich erinnere, sind diese schwarzen

Augen. Ich streife umher, suche danach. Und immer wenn jemand allein im Theaterkomplex unterwegs ist, dann nutze ich meine Chance. Ich zeige ihm die Stelle in der Wand, an der Lebende die Toten sehen können. Ich zeige ihm, wer ich war, und ich zeige ihm, was ich sah. Es ist ein Fluch. Ich kann nicht sehen, was sie sehen, kann nicht sagen, was ich sagen will. Aber ich kann es versuchen. Jedes Mal von neuem.

6. Scheiß drauf!

6. Scheiß drauf! - Ein kurzes sexuelles Abenteuer endet ganz anders, als erwartet. „Tschuldigung!“ Oh, Gott, war das peinlich! Emanuel war direkt in den Fremden hineingelaufen. Als er zu ihm aufblickte, war ihm sein kleines Missgeschick sogar noch peinlicher. Er kannte den Typen. Er war einer der Darsteller. Spielte den Romeo dieser queeren Version von Romeo und Julia. In diesem Falle Romeo und Julian. Nichts Neues, klar. Aber das Stück war gut. Romeo war gut. Na ja. Er hieß sicher nicht Romeo. Aber er war mindestens genauso sexy, wie man sich einen Romeo vorstellte. „Kein Ding. Bleib locker. Passiert halt mal.“ Emanuel sah ihn mit großen Augen an. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Was machte der Kerl hier eigentlich? Hatten die Schauspieler nicht ihre eigenen

Klos? „Was stimmt mit den Toiletten nicht?“, sprach Emanuel seine Gedanken aus. Einen Moment sah Romeo verwirrt aus. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Mund öffnete sich leicht. Man, diese Lippen. Zu gerne würde Emanuel sie jetzt küssen. Wie sie sich wohl anfühlten? „Ich verstehe nicht ganz ...?“ Oh, er sollte nicht immer sagen, was er dachte. Und schon gar nicht, ohne den vorangegangenen Gedankengang. So verstand ihn ja keiner. „Tschuldigung“, bat er erneut um Verzeihung. „Ich habe mich gefragt, warum sie nicht auf die Toiletten gehen, die sie sicher nur für euch Darsteller haben.“ Romeo blieb entspannt im Türrahmen stehen. Sie versperrten hier den Eingang zu den Toiletten, aber mal ehrlich: Emanuel war viel zu spät dran. Die meisten Gäste waren wohl schon längst gegangen. „Die sind verstopft“, erklärte er. „Aber was machen sie eigentlich noch hier? Sie gehören nicht zum

Personal.“ Fuck. Auch das noch. Jetzt kam er sich richtig blöde vor. Er sollte nicht hier sein. Und er sollte den Romeo-Darsteller auch nicht so anstarren, als würde er ihn aufessen wollen. Und dennoch tat er es. Wieder etwas wofür er sich entschuldigen sollte. Und zwar schnell. „Tut mir leid, nein. Ich bin nur ein Gast. Ich musste nur so dringend mal ...“ Nein, das würde er ihm nicht sagen. Das war nicht sexy. Nicht sexy? Warum wollte er für den Kerl sexy sein? Er war nicht der Verführer. War es nie gewesen. Dazu war er ein viel zu großer Tollpatsch. Irgendwie fanden ihn alle Männer nur niedlich. Pah! Niedlich. Er war 21. Er war nicht mehr niedlich. „Hat länger gedauert, darum bin ich noch hier“, erklärte er, machte aber keine Anstalten sich zu bewegen. Es war, als würde allein der Blick aus den hübschen grünen Augen dafür sorgen, dass er am Boden festwuchs. Sein Gegenüber lächelte ihn an und lehnte sich lässig an den

Türrahmen. „Was hältst du davon, wenn du und ich noch vorne an der Bar etwas trinken?“, fragte er dann. „Hab mich gerade von meinem Freund getrennt und könnte was vertragen.“ Einen Drink? Mit so einem Traummann? Wer konnte da schon nein sagen? Andererseits wollte er kein Trostpflaster sein. „Du bist nicht schwul oder?“, erkundigte sich der Darsteller mit Enttäuschung in der Stimme. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht bedrängen. Ich hab mich wohl geirrt.“ Mit diesen Worten ging er in den Toilettenraum und trat zum Waschbecken. Perplex stand Emanuel im Türrahmen. Er hatte wohl zu lange gezögert. „Ich bin schwul“, stellte er klar. „Und ich würde gerne mit dir etwas trinken.“ Der Darsteller wusch sich die Hände und lächelte ihn vom Waschtisch aus an. „Na da bin ich ja froh. Es passiert mir nämlich leider öfter, dass ich bei sowas falschliege. Und bei dir wäre das besonders schade gewesen.“ Er zwinkert ihm zu, strich sich mit beiden Händen sein dunkel Haar nach hinten und trat neben Emanuel

aus dem Toilettenbereich. „Freut mich, dass du das so siehst“, meinte dieser nur und lief hinter dem Schauspieler her. Es ging direkt zu der kleinen Bar für Gäste. Hier gab es nichts als Sekt und Orangensaft. Natürlich orderte der Romeo-Darsteller direkt eine ganze Flasche des prickelnden Getränks und ließ sich zwei Gläser geben. Anstatt sich mit Emanuel allerdings an die Bar zu begeben, führte er diesen ein paar Gänge entlang und eine Leiter hinauf. Schließlich standen sie oben auf dem Flachdach des Gebäudes. Laue Sommerluft traf auf Emanuels Gesicht und er lächelte verzückt. Der Ausblick über die umstehenden Häuser war absolut großartig! Sie gingen zur Mitte des Daches und setzten sich auf eine alte Matratze, die dort zusammen mit ein paare ollen Stühlen lag. Irgendjemand hatte wohl auch den Kasten mit den leeren Bierflaschen hier abgestellt. Es wirkte alles wie ein geheimer Platz zum Entspannen oder ein Abstellort für unbrauchbar gewordene Dinge. Neben einem der Stühle lag ein Haufen alter

Kleider, augenscheinlich Kostüme. „Was ist das hier?“, fragte Emanuel, als er sein volles Glas Sekt entgegennahm und aufpasste, dass es nicht überschwappte. Der Schauspieler schien es gern zu übertreiben. Wer bitte goss ein Glas Sekt so voll? „Es ist unsere ‚Chillecke‘, wie wohl ein paar von uns sagen würden. Keine Sorge, die Matratze ist okay.“ Konnte der Mann Gedanken lesen? „Schon gut. Sieht noch halbwegs sauber aus.“ Na gut, das war gelogen. „Wie heißt du eigentlich, Hübscher?“, fragte der Schauspieler und strich seinem Gegenüber eine Strähne blonden Haares aus der Stirn. Bei jedem anderen hätte Emanuel dass wohl als übergriffig empfunden. Bei diesem Traummann fand er es sexy. So wie alles an dem Mann. „Ich bin Emanuel. Für meine Freunde Manu“, antwortete der Theaterfan. „Und du?“ „Du darfst mich Romeo nennen.“ Der Darsteller lächelte verschmitzt, nahm einen Schluck Sekt und stellte dann sein Glas vor der

Matratze ab. Emanuel schüttelte kaum sichtbar den Kopf. Gut, dachte er. Wenn er spielen wollte, war das okay für ihn. Er ließ sich gern auf die Illusion des Romeo ein. Nur für einen Abend. „Okay, Romeo. Und was hast du hier oben mit mir vor?“ „Oh, ich dachte“, er kam mit seinem Gesicht näher, strich Emanuel leicht über die Wange, das Kinn und schließlich den Hals hinab, „wir könnten den Abend zusammen etwas genießen“, sagte er schließlich. „Was hältst du davon?“ Emanuel schluckte trocken. Wenn das hier auf Sex hinauslief und das tat es ganz offensichtlich, dann hielt er sehr viel davon. Sein Körper geriet schon jetzt in Wallungen. Und das, obwohl sie sich nicht mal geküsst hatten. Aber das schien sich in diesem Moment zu ändern, denn Romeo überbrückte die letzten Zentimeter und legte seine Lippen auf Emanuels, welcher verzückt quiekte. Eine Hand legte sich in seinen Nacken, die andere fuhr seinen Hals entlang und über die Brust weiter

runter. Romeo öffnete Emanuels Hose mit nur einer Hand und schob diese dann hinein. Ein leises Keuchen in den Kuss konnte Emanuel nicht verhindern. Er krallte sich mit beiden Händen im Stoff des dunkelroten Hemdes fest, welches sein Gegenüber trug und hoffte insgeheim, dass das hier nicht bereits endete, weil er es so lange nicht mehr getan hatte und zu schnell zum Schuss kam. Allein diese heißen Küsse und die Hand, welche sich jetzt in seine Boxershorts schob und seine sich langsam erhärtende Erregung umschloss, könnten ihn dazu bringen sich hier und jetzt zu ergießen. Hektisch knöpfte er Romeos Hemd auf und schob es ihm von den Schultern. Als seine zittrigen Finger den Hosenstall erreichten, löste Romeo den Kuss und hielt ihn auf. „Genieß es einfach“, sagte er. „Lass dich verwöhnen.“ „Warum?“ „Weil ich es gerne so tue.“ Na das war natürlich etwas, was sich Emanuel nicht zweimal sagen ließ. Er ließ von ihm ab und ließ sich

nach unten auf die Matratze drücken. Romeo zog ihm nun die Hose samt Boxershorts hinunter und beugte sich über seine Erregung. Er würde doch nicht? Oh, doch, das tat er. Ein heißer Mund umfing seine Spitze, umspielte sie geschickt mit der Zunge und tauchte mit ihr immer wieder in den winzigen Schlitz. Eine Hand knetete sanft Emanuels Hoden und die andere fummelte in der Tasche von Romeos Jeans. Suchte er Gleitgel und Kondome? Emanuel hoffte, dass sein Liebhaber so vorausschauend war und beides dabei hatte. Und er hatte Glück. Das Reißen einer Verpackung sagte ihm, dass Romeo Gleitmittel dabeihatte. Oh, Gott, sei Dank! Nur wenige Sekunden später schob sich ein nasser Finger in ihn. Okay, gut, das war weniger sanft als erhofft, aber er konnte damit umgehen. Schließlich war er kein Anfänger mehr, was den passiven Verkehr anging. Ein wenig mehr Vorspiel hätte er sich aber schon gewünscht, denn jetzt löste sich Romeo von seinem harten Penis und schob sich selbst mit nur einer Hand Hose und Boxer vom Arsch, schmierte mit dem Rest Gleitgel aus dem

kleinen Tütchen sein Glied ein und entzog Emanuel seinen Finger. Sekunden später drang er bereits in ihn ein. Emanuel zischte vor leichtem Schmerz auf. Ein wenig mehr Rücksicht wäre schon schön gewesen. Aber was solls. Das hier würde gut werden! Und als sich der Romeo-Darsteller dann auch schon begann sich in ihm zu bewegen und Emanuel seine Arme um seinen Nacken schlang, wurde es das auch. Eines musste er dem anderen Mann lassen: Er wusste genau, was einem Mann gefiel. Seine Stöße waren hart und recht tief, aber präzise. Er streifte mit jedem Rein- und Raus genau den Punkt in Emanuel, der ihn dem Höhepunkt Stück für Stück näher brachte. Lange würde das hier nicht dauern, aber das war okay. Romeo stöhnte und keuchte über ihm, vergrub sein Gesicht immer wieder in Emanuels Halsbeuge und knabberte an dessen Haut dort. Er umfasste mit einer Hand den harten Penis und begann ihn im Rhythmus seiner Stöße zu reiben. Nur noch ein bisschen, dachte sich Emanuel. Nur ein klein wenig ... Da holte ihn der Orgasmus auch schon ein. Er stöhnte und keuchte, als er sich um seinen

Liebhaber zusammenzog, ihn sicher beinahe zerquetschte und schließlich heiß über dessen Hand ergoss. Er spürte, wie Romeo in ihm anschwoll und hörte ihn ein letztes Mal stöhnen. Dann zog der andere sich aus ihm zurück, streifte das Kondom ab und warf es achtlos zur Seite. „Man, was das gut“, brummte er, schnappte sich seine Jeans und zog eine eingedrückte Schachtel Zigaretten daraus hervor. „Auch eine?“, fragte er, als er sich eine anzündete und zu Emanuel rüber sah. Dieser schüttelte den Kopf. „Ich rauche nicht“, sagte er und setzte sich auf. Wo war eigentlich seine Unterhose abgeblieben? Ach ja, hier. Er fischte sie von dem Haufen getragener Kleidung, zog sich auch den Rest an und betrachtete den Mann vor ihm. „Machst du sowas öfter?“, fragte er dann. Der Andere dreht sich zu ihm um. „Was meinst du? Süße Typen abschleppen? Ja, wenn mir jemand gefällt.“ Das genügte Emanuel als Antwort. Das hier war nichts Bedeutsames und er konnte sich

verabschieden. Sein Arsch fühlte sich so an, als wäre der Schauspieler noch in ihm, so gut war es gewesen. Daran würde er sich noch lange erinnern. Aber ein Wiedersehen hatte er nicht einberechnet und das Romeo das offenbar genauso sah, machte die Sache einfach. Fertig angezogen stand er schließlich auf und verabschiedete sich von dem Schauspieler. „Man sieht sich!“, rief er und verließ das Dach. Er verließ das Theater nicht sofort. Stattdessen ging er ins Herrenklo und stellte sich vor den Spiegel. Müde Augen sahen ihn an. Sein Haar war zerzaust und er sah fertig aus. Emanuel rückte seine Kleidung zurecht, kontrollierte ob sein Hosenstall richtig zu war und drehte den Hahn mit dem kalten Wasser auf. Irgendwie ließ ihn dieser Kerl nicht mehr los. Der Sex war genau nach seinem Geschmack gewesen und er teilte scheinbar seine Vorliebe für einmalige nummern. Es schien glatt, als hätte er da einen Jackpot gelandet und trotzdem hatte er das Gefühl von Leere. „Du spinnst doch!“, sagte er laut zu sich selbst. „Du

hattest, was du wolltest, also reiß dich am Riemen! Du wirst ihn nie wieder sehen und das ist gut so.“ Er wusch sich Hände und Gesicht und machte sich auf den Weg Richtung Ausgang. Gerade hatte er sich seine Jacke übergezogen, da hörte Emanuel Schritte hinter ihm. Er drehte sich um und sah den Romeo-Darsteller auf sich zulaufen. „Warte, Manu!“, rief dieser und blieb vor ihm stehen. Emanuel runzelte die Stirn. Sein Herz schlug plötzlich schneller. „Ich weiß, es war für dich eine einmalige Sache und glaub mir, ich dachte, das wäre es für mich auch.“ Der Schauspieler kratzte sich am Kopf. „Fuck, also ... ich bin kein Typ für feste Beziehung und ich sage auch nicht, dass es etwas werden könnte, aber ich würde dich gerne kennenlernen. Also ... gibst du mir ne Chance?“ Regungslos und vor allem sprachlos stand Emanuel da. Das hatte er nun wirklich nicht erwartet. Er wollte ihn kennenlernen? Wow, das war ihm seit Jahren nicht passiert. „Ich kenne ja nicht mal deinen Namen“, gab er zu

bedenken. „Ich weiß, ich weiß, ähm ... Ich heiße Tom.“ Emanuel fühlte sich plötzlich wie jemand ganz Besonderes. Er nannte ihm seinen Namen. Hieß das nicht etwas? Niemand der seinen Namen lieber für sich behielt, gab ihn schließlich doch preis, wenn er nicht wirklich ernsthafte Absichten hegte. Und wer wusste schon, wie sich die Sache entwickeln würde? Eine Chance auf etwas Echtes, etwas Reales sollte man sich nicht entgehen lassen. „Okay, Tom“, sagte er also. „Wie wäre es, wenn wir noch etwas Richtiges trinken gehen?“

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Über den Autor

AutorinLHawke
Die Autorin Luna Hawke lebt zusammen mit ihrem Mann in der deutschen Hauptstadt. Hawke schreibt Geschichten und Kurzgeschichten. Sie schreibt im Bereich Homoerotik, Gay Romance und Gay Fantasy. Sie schreibt seit sie 12 Jahre alt ist. Angefangen hat sie mit Kurzgeschichten über Jungs die sich lieben. Viel hat sich bis heute also nicht verändert. Die Jungs wurden zu Männern und zur Liebe kam Leidenschaft hinzu. Und die ist es auch, die heute eine entscheidende Rolle in Lunas Geschichten spielt, denn sie schreibt fast ausschließlich homoerotische Kurzgeschichten mit Männlichen Protagonisten. Ein Fantasyroman ist in Arbeit. Hawkes Hauptaugenmerk wird aber immer auf der Homoerotik liegen. Mit viel Leidenschaft bringt sie Männer jeden Alters zusammen und lässt sie wilde Stunden erleben. Mit viel Liebe zum Detail werden alle ihre Geschichten heiß und prickelnd. Die Autorin schreibt aus reiner Lust und Laune heraus. Dies ist wohl einer der Gründe, warum ihre Geschichten so gerne gelesen werden. Lesen tut die Geschichten zu aller erst Hawkes Ehemann, der ihr immer zur Seite steht. Leseproben zu allen Büchern der Autorin gibt es auf Bookrix.

L. Hawke widmet ihre Geschichten ihrem großartigem Mann, den sie mehr als alles andere liebt und der sie so unendlich glücklich macht. Ohne ihn hätte sie wohl niemals den Mut gefunden ihre Bücher zu veröffentlichen.

"Mein Ziel ist es beim Leser ein besonderes Gefühl auszulösen. Eines, dass ihn dazu bringt eine Geschichte immer und immer wieder lesen zu wollen." -L. Hawke-

*Die Rechte an den Werken liegen ausschließlich bei mir und dürfen nicht ohne meine Erlaubnis kopiert werden. Meine Bücher verkaufe ich über alle üblichen Seiten, wie zb. Amazon, Kobo oder Thalia, als E-Books.*

Leseproben zu allen meinen Bücher folgen in den nächsten Wochen.

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