Krimis & Thriller
Herbert Tamban - Blutige Weihnachten Teil 2 - Gänsebraten mit Rotkohl

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"Herbert Tamban - Blutige Weihnachten Teil 2 - Gänsebraten mit Rotkohl"
Veröffentlicht am 28. November 2021, 162 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Herbert Tamban - Blutige Weihnachten Teil 2 - Gänsebraten mit Rotkohl

Herbert Tamban - Blutige Weihnachten Teil 2 - Gänsebraten mit Rotkohl

Vorspiel

Ich war erledigt, fertig, schlaff, da stellte sie mir diese dämliche Frage. Was Frauen denken? Liegen herum und lassen uns Männer schuften, verlangen Höchstleistungen. Kaum haben wir ihre Bedürfnisse erfüllt, wollen sie mehr, oder stellen diese blöden Fragen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht: Ich tanze auf dem Berggrat. Auf der einen Seite lauert das Erschlaffen, auf der anderen der verfrühte Samenerguss. Wir Männer sind nicht zu beneiden. Dabei kann es uns egal sein, ob wir eine Minute oder eine halbe Stunde den besten Freund ihn sie versenken. Das Ergebnis

ist für uns dasselbe – kurzzeitiger, erleichternder Genuss. Was hältst du davon, wenn ich mit einem anderen Mann schliefe, kicherte sie mir ins Ohr. Die Frage für sich überfordert uns Männer, ohne mit müden Gliedern auf ihnen zu liegen und den letzten Tropfen zwischen ihren Schamlippen zu entsorgen - was, nebenbei bemerkt, zumindest vorteilhafter ist, als auf ein Taschentuch. Ich glaube manchmal, dies ist der einzige Grund, warum wir ihnen beischlafen. Es erspart uns das Entfernen des Ejakulates. Geschlossene Fragen bringen uns an den

Rand des Wahns. Bin ich dick? Vom Niveau ein Ausspruch, der nahe an: ‚Schlagen Sie Ihre Frau immer noch‘ reicht. Ich weiß nicht, ob Sie verheiratet sind oder eine Liebste haben – ist mir egal. Wenn Sie die beste Freundin ihrer Frau wären, dann haucht sie Ihnen bei ihrer Antwort einen Kuss auf die Wangen. Ja! Ich kenne eine tolle Diät. Aussichtslos für uns Männer sind offene Fragen. Wir müssen nicht nur die passenden Kommentare präsentieren, sondern diese in ihrem Sinn formulieren. Schwanken zwischen falsch und sehr falsch oder dumm und saudumm, demzufolge bleiben uns nicht viele Auswege aus dem

Schlamassel. Erste Variante: Wie bitte? Wie kommst du denn auf diese Idee? Die Nacht ist gelaufen. Eine stundenlange Diskussion über die Rolle der emanzipierten Frau und der Gedankenfreiheit rauben Ihnen den Schlaf. Aussitzen: Schatz, lass uns das morgen besprechen. Verloren! Erst das Gespräch mit der Thematik, wir nehmen sie nicht ernst, gefolgt von Variante eins. Das sind die falschen oder dummen Antworten. Ich hatte mich für die Saudumme entschieden. Ich rollte von meiner Frau und hauchte ihr ins Ohr, dass ich, als moderner Mann, keine Einwände hätte, schloss die Augen und

schnarchte in mein Kopfkissen. Am nächsten Morgen kam mir kein Gedanke mehr an irgendwas. Wir fuhren zur Arbeit. Sie zu ihrer. Ich zu meiner. Ein normaler Arbeitstag langweilte mich. Eine gesegnete Langeweile, die ich mit nach Hause nahm. Meine Frau in ihrem altrosafarbenen Hausanzug, die Füße in ihren beigen Wohlfüllsocken, hockte im Schneidersitz auf unserem sandfarbenen Samtsofa und schaute auf ihr Tablett. Sie wollte die Sitzlandschaft nie haben, stand auf blutrotes Leder. Ich schlich mich an, lugte von oben herab auf ihr Spielzeug. Der Atem stockte mir. Männer! Wildfremde Kerle

glotzte sie an. Stierten mir mit ihrem schmachtenden Blick ins Gesicht. Um keine Szene herauszufordern, schritt ich in die Küche, brühte Kaffee auf. Na ja! Für sie Kaffee, für mich Tee – Früchtetee. Ich mag keinen Kaffee - ist mir zu bitter. Aus Anstand trink ich eine Tasse, dann mit ausreichend Milch und Zucker. Den restlichen Abend verbrachten wir mit dem Studium von Kontakt- und Fremdgehportalen. Hätte nie gedacht, inwiefern es dergleichen in derartiger Form und Ausprägung gab. Frauen haben Visionen! Ich kam mir vor wie ein Kellner eines griechischen Restaurants, den ein Gast bei der

Bestellung mit Lobeshymnen über den Chinamann vollquatscht. Die nächsten Tage verbrachten wir, bis es mir zu bunt wurde, am Computer. Die Stärke von uns Männern ist die Logik, das strukturierte Denken. Sie ging auf meinen Vorschlag detailliert ein, brachte ihre, sowie meine Wünsche - immerhin war ich ein Teil des Spiels - aufs Papier. Auf jede Eigenschaft ihres zu erobernden Sexpartners konterte ich mit meiner Vorstellung. Sportlich – Philatelist Rockig – Opernliebhaber Leidenschaftlich –

Mathematiker Das Blatt füllte sich mit Begriffspaaren, die mein Herz erleichterten. Wie sagt eine Alltagsweisheit: ‚Ein blindes Huhn, findet auch ein Korn‘, toppte ich die Liste mit drei zusätzlichen Eigenschaften. Er musste verheiratet sein, mindestens zwei schulpflichtige Kinder und sein Wohnort mehr als dreihundert Kilometer von uns entfernt habe. Die ersten beiden Nachträge schluckte sie. Den Dritten reduzierte sie auf einhundert Kilometer. Ihr Argument war stichhaltig. Wenn sie zu ihm fahren müsste, wäre es für sie nicht zumutbar. Dafür erweiterte sie ihr Bedürfnis um

einen Punkt: Alter - Ende zwanzig! Die Herren wären erfahren, zugleich sportlich zwischen den Lenden. Woher und wann sie derartig Erfahrungen gesammelt hatte, gab sie nicht preis. Wir waren nahezu zwanzig Jahre ein Paar, sie meine erste Frau und ich - davon gehe ich aus – ihr erster Mann. Nach der Liste arbeiteten wir die Bewerber ab – verständlicherweise ohne Erfolg. Mein Glücksgefühl stieg, ihres sank dem Boden nah. Eine Art Depression ergriff sie. An einem Nachmittag ertappte ich sie.

Sie lag nackt auf dem Bett und stierte in eine Frauenzeitschrift. Nicht derart, wie sie annehmen, die mit Kochrezepten. Sie glotzte, stöhnte und vergnügte sich mit einem Dildo. Nicht, dass Sie mutmaßen, ich hätte Einwände dagegen, wenn sie masturbierte, eher im Gegenteil. Entrüstet war ich darüber, dass sie derartiges Spielzeug besaß und mir es verheimlicht hatte. Es musste was passieren. Auf der Arbeit kam mir die Lösung. Ein Kunde gab mir den entscheidenden Hinweis. Einerseits erfreut, anderseits verwundert über den Erfolg, frisierte und schminkte sie sich. Ich legte ihr die passende Kleidung aufs Bett: Ihren knappen, engen

rubinroten Lederrock, das tiefschwarze Top aus feinster Spitze, das ohne Büstenhalter ihren Busen formte. Ihre kniehohen weinroten Stiefel stellte ich neben dem Schminktisch ab. Die mit den extrem hohen Absätzen, welche sie sich für den Karneval gekauft hatte, dann sich nicht getraut hatte, sie anzuziehen. Wie ich es begründete, kann ich nicht mehr sagen. Sie war glücklich. Wie alle Frauen hat meine bessere Hälfte eine Schwäche: keinen Orientierungssinn. Ich kreuzte durch die Stadt, verließ diese, fuhr durch Dörfer, die mit spärlichen Straßenlaternen beleuchtete waren. Das Ziel trieb mich in

ein einschlägig bekanntes Gewerbegebiet - eins ohne Einzelhandel, daher für meine Frau unbekannt. Ich stoppte, bewunderte den schwingenden Gang einer blutjungen Schönheit, welche in ihrer freizügigen Eleganz, ähnlich gekleidet meiner Frau, an einen vor uns abgestellten BMW trat und ihre prallen Brüste durch das geöffnete Beifahrerfenster schob. Ob ihre Reaktion durch den Anblick der Professionellen, durch das Kondom, das ich ihr überreichte, oder durch meine Bemerkung, sie könne sich ein Taschengeld dazuverdienen, ausgelöst wurde, entbehrte sich meiner Sinne. Sie

liebkoste mit der flachen Hand meine rechte Wange – schmerzend. Eine Lehre blieb, Frauen und Männer verstehen sich nicht. Diese Erkenntnis unterstrich meine Frau ein paar Minuten später. Sie zwang mich, an einem Rastplatz zu halten. Wir trieben es miteinander – in meinem Peugeot 102. Na ja! Sie hatte Sex und ich einen Erguss. Kurz darauf wackelte sie mit ihren Hintern übers Pflaster, schob ihre prallen Brüste durch ein geöffnetes Beifahrerfenster, worauf sie Sekunden später in einem Wagen sitzend in der Nacht verschwand. Seit dieser Nacht war sie wie

ausgewechselt – lebensfroh! Sie war die Alte. Gedanken oder gar Gespräche bezüglich ihres Verlangens, mit einem Kerl Körpersäfte auszutauschen, versiegten. Wohltuender Alltag breitete sich aus. Es war ein Donnerstag – nein, ein Mittwoch, am Abend flimmerte Aktenzeichen XY über die Mattscheibe. Eine von den Sendungen, die ich vermeide. Die Jagd von auserwählten deutschen Volksgenossen auf kriminelle Ausländer treibt mir die Zornesröte ins Gesicht. Sie als Fachmann bestätigen mir mit Sicherheit, dass die meisten Straftaten eher von sogenannten

unbescholtenen Musterbürgern im Hinterhof der Familie stattfinden, als von grimmigen Osteuropäern - egal. Ich kam später heim - Überstunden, Sie verstehen. Meine Frau im Schlafzimmer saß auf dem Hocker vor ihrem Schminkreich und tuschte sich die Wimper. Der Puls stieg mir. Sie in einem Outfit, welches mir den Hormonspiegel emporschnellte. Ein zierlicher tiefschwarzer Strapsgürtel hielt seidige, hauchfeine Nylons; ein Spitzenbüstenhalter formte ihre prallen Brüste in ein knackiges Dekolleté. Nie hatte ich sie zuvor derart erblickt. Ich befürchtete eine anstrengende

Nacht. Sie erhob sich, warf ihr langes, gewelltes kastanienbraunes Haar zurück und strich über ihre Taille. Wie es mir gefiele, schmachtete sie mir mit einem Blinzeln zu. Ich konnte nicht antworten. Ihr Anblick, ihre Eleganz raubte mir die Stimme. Sie schritt auf mich zu, legte ihre Hand auf meine Schulter. Der erste Eindruck sei der Wichtigste, flüsterte sie mir ins Ohr. Sie trippelte zum Bett, ergriff ein seidig glänzendes marineblaues Partykleid, presste es sogleich an ihren Oberkörper. Ohne sich zu mir umzudrehen, raunte sie, dass die Nacht am Straßenstrich ihr alles

erklärt hatte. Sie war zu der Ansicht gekommen, dass ich sie nicht zum Fremdgehen zwingen solle, sondern die Initiative in ihre Hände gehörte. Ich hatte sie, nach der Ohrfeige nicht aus dem Peugeot gezerrt, gezwungen ihren Körper anzubieten. Es war ihr freier Entschluss gewesen, ihre Hüften zu schwingen, einem Fremden durch das geöffnete Beifahrerfenster ihre Dienste anzupreisen. Sie warf mir entgegen, dass es nicht bei dem ersten Mal geblieben war. Immerhin war sie zu der Erkenntnis gekommen, dass der Hausfrauenstrich nichts für sie war. Meine Kinnlade sauste herab. Ich starrte sie an. Sie strich über meine Wange. Ich

solle nicht traurig sein, es mache ich schon Spaß, aber im Winter sich die Beine abzufrieren für sie alles andere als erquickend. Und ein Bordell käme für sie nicht infrage. Ihre Seele verlangte nach mehr. Ihr Herz sehnte sich nach der wahren Liebe. Dass ihre Worte gelogen waren, war mir klar, denn es schimmerte mir, wonach sie verlangte. Ihren Beruf an den Nagel zu hängen und unsere Haushaltskasse vollständig mit einer selbstständigen Tätigkeit aufzufüllen. Meine Frau stieg in das trägerlose Kleid, überkreuzte die Arme auf ihren Brüsten, schritt auf mich zu und präsentierte mir

ihren verlockenden Rücken. Kein Begriff brachte ich heraus. Waren meine Eindrücke andere gewesen, hatte ich durch das Verhalten ihr Zeichen vermittelt, die nicht in meinem Interesse lagen. Ich schloss den Reißverschluss, dabei hatte ich erklärende Worte auf meinen Lippen. Unberührt meines Luftholens schritt sie zum Kleiderschrank, schlüpfe in ein paar marineblaue Pumps. Die Anlässe waren rar, wenn sie derart Schuhwerk trug. Besondere, feierliche Anlässe animierten sie im Allgemeinen, ihre Füße zu schunden. Sie hob den Rock, dessen Saum knapp die Strümpfe bedeckte, drehte ihren Fuß und erklärte

mir, sie hätte eine Anzeige aufgegeben. Welcher Art Anzeige dies war, war mir sofort klar, jedoch nicht, an welchen Ort sie ihre Dienste anpreisen wollte. Ob dieser Ort eine von ihr angemietete Wohnung, das Zuhause ihres Freiers, ein Hotelzimmer oder unser Heim, überlegte ich. Ich schluckte meine Gedanken herunter. Ihr Lächeln, ihr Frohsinn verbat mir, sie zu enttäuschen. Kennen Sie das! Ein Ihnen nahestehender Mensch berichtet Ihnen monatelang, das passende Weihnachtsgeschenk gesucht zu haben. Ein Präsent, das nach seiner Aussage Sie in Ekstase brächte. Den Mund weit zu einem Lächeln gebogen,

welches ihm tief aus dem Herzen strömte, überreicht er ihnen in der Heiligen Nacht das Geschenk. Sie packen es aus. Erblicken einen Norwegerpullover mit Rentiermotiv! Wie reagieren Sie? Genau! Sie frohlocken, durchdenken, in welche Schublade sie das Ding zu versenken betrachten und verschweigen ihre wahre Emotion. Ich sehe an Ihrem Gesichtsausdruck, inwieweit Sie meiner Meinung sind. An der Haustür schelte es. Meine Frau ergriff eine zur Farbe des Kleides passende Clutch, eine von diesen Handtaschen ohne Riemen, die Frauen den ganzen Abend in ihren Händen

halten. Sie berührte meine Taille, sagte mir, ihr Taxi wartete und entschwand feenhaft aus unserem Schlafzimmer. Ich stieg die Treppe zum Erdgeschoss herab, wunderte mich kurzzeitig darüber, wie sie in diesem für sie ungewohnten Schuhwerk in einem Tempo das Haus verließ, dem ich ohne High Heels - in Socken - nicht gewachsen war. In der Küche goss ich mir einen Früchtetee auf. Sorgen machte ich mir schon, denn bei Aktenzeichen XY sah ich einen schaurigen Bericht. Ein grimmig dreinschauender Mann mit kantigem Gesicht und osteuropäischem Akzent speiste, nach Zeugenaussagen,

mit einer zierlichen, norddeutsche blonden Schönheit in einem Lokal, welches das Ambiente einer Berghütte vorgaukelte. Tage später fand ein Rentnerehepaar beim täglichen Waldspaziergang mit einem Kurzhaardackel die Frau erdverschmiert, den Slip an ihren Knöcheln, auf einem mit Kiefernnadel bedecktem Boden, im tiefsten Unterholz einer Fichtenschonung. Ihre nassen Haare berührten meine Schulter. Ich strich über ihren Oberarm - über ihr Nachthemd. Nachtgewand! Sie trug nie Nachtwäsche, meist schlief sie nackt, wenn sie ihre Tage hatte, dann in

Slip. Ich fragte sie, wie es war. Bitte! Ich weiß es selbst. Es ist nicht nötig, dass Sie mich hämisch angrinsen. Frauen serviert man Instruktionen, fällt vor ihnen auf die Knie oder singt eine Minne. Nur Fragen stellt ein Mann ihnen nie, wenn er Fakten sammeln möchte. Der richtige Satz, den passende Fingerzeig, und sie berichten. In den meisten Fällen nicht das, was man erfahren will. Aber sie erzählen, fühlen sich nicht ausgefragt. Nett! Dieses eine Wort schnaufte sie mir entgegen, drehte mir den Rücken zu, schlief. Die Tonlage, wie sie es mir beibrachte, ließ mich vermuten, dass der Erfolg, den von ihr interpretierten Wunsch meinerseits, nicht

eingetreten war. Die Tage vergingen wie im Fluge in ihrer bekannten Tristes. Kein Wort, keine Geste umspülte unsere Zweisamkeit. Das Thema verstarb. An einem Freitag kam ich vom Aerobic heim. Können Sie nicht Ihr dämliches Grinsen abstellen? Warum soll ein Mann sich nicht schwungvoll zu Musik bewegen? Na ja! Bin eher, wie sagt man, die Jungfrau zum Kind, zu dem Sport gekommen. An Maschinen die Muskeln zu stärken hatte ich die Absicht. Ich sah öfters den jungen Dingern zu. Sie brauchen Ihre Augen nicht aufzureißen. Ich bin kein Spanner. Zum Mitmachen

forderte die Trainerin mich auf. Sie glauben nicht, wie erbaulich es ist als Hahn in Korb ... Ich sehe Sie verstehen mich. In unserem Reihenhaus war es finster. Ich ging davon aus, dass meine Frau früh zu Bett war. Auf Zehenspitzen schlich ich in die Küche. Genau! Herr Kommissar, Sie kennen meine Leidenschaft. Einen Früchtetee zu genießen. Einen Zettel fand ich auf dem Tisch. ‚Bin mit Sascha tanzen. Bringe Brötchen mit. Ich liebe Dich.‘ Unterzeichnet war die Nachricht mit einem blutroten

Kussmund. Zwei Bilder wechselten sich in meinem Gehirn ab. Das Gesicht von Sascha Hehn, stehend auf der Brücke des Traumschiffes, alternierte mit den kantigen Zügen eines Osteuropäers. Ich verstärkte den Tee mit einem Schuss Wodka. Früher als sonst an einem Samstag wachte ich auf, deckte den Frühstückstisch mit allen Leckereien, die meine Frau liebte und studierte die Tageszeitung. Die von mir entzündeten Kerzen waren abgebrannt, da fiel die Haustür ins Schloss. Ihre rosa Reisetasche, rutschte,

zurrte an der geöffneten Küchentür vorbei. In verschlissener Jeans und mausgrauem T-Shirt schlich sie an meinen Rücken, schmetterte eine Brötchentüte auf den Tisch, schlang ihre Arme um meinen Hals. Wir frühstückten nicht gemeinsam. Sie hatte im Hotel gegessen, um an meiner Seite zu sitzen, war sie zu müde. Kriminaloberrat Tamban drückte auf die Pause Taste, presste die Luft aus seinen Lungenflügeln und verdeckte mit seinen faltigen Händen sein Gesicht. Dann rieb er mit der Rechten über seine bauchigen, stahlgrauen Augenbrauen, fuhr sodann über seine Stirn. Die Linke wanderte zu

seinem Bauch, wobei er dem Bild, dem Geschmack, dem Geruch von Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen schwelgte.

Leck mich


„Verstopfung!“ Tamban schielte über die halbmondförmigen Gläser seiner Brille. „Kenn ich!“ Eine Gestalt in einem Weihnachtsmannkostüm presste ihre Hände an ihr Gesäß und storchte wie eine Ente ohne Kniegelenke durch den Raum. „Tagelang, wochenlang nichts. Drücken, quetschen ohne Erfolg, dann ...“ Die Rechte ertastete sich ihren Weg. „Dreimal spülen.“ „Leinsamen“, brummelte Tamban, die Augen geschlossen, und spielte mit

seinem Kugelschreiber. „Wasser!“, konterte die rot gekleidete Person. „Die Klospülung benötigt Wasser.“ „Jeden morgen nach dem Aufstehen ein Löffel Leinsamen in Quark“, murmelte Herbert, kreiste mit dem Schreiber eine Handbreit über der Schreibtischunterlage. „Ein strammer Espresso.“ Der Kostümierte erstarrte und blickte über seine Schulter. „Habe ich erwähnt, dass ich keinen Kaffee trinke.“ Tamban leckte den Stift ab, legte ihn beiseite. „Mit viel Milch sowie Zucker“, bewies er sein Wissen und pustete in seine zu einem Ring geschlossenen Hand.

„Von mir aus Mate-Tee. Wichtig. Wenn es flutscht, dann ein Stück Schokolade.“ Den Mund verdeckt, zog der Rote die Augenbrauen zusammen. „Klebt das nicht?“ Mit einem Stoß die Lungenflügel entlastend, stützte Tamban seine Stirn auf seinen Handballen ab. „Essen! Trainieren Sie ihr Organ. Wie eine Katze dressieren!“ „Vertragen Muschis Schokolade?“ „Von mir aus Wurst, Banane oder Gurke“, schnauzte er, wies danach auf den Stuhl an der Schmalseite des Schreibtisches. „Setzten sie sich! Ihr gehumpel macht mich ...“ Die Person im bodenlangen Gewand

storchte zu dem Drahtgestell, drückte die Hände auf seine Knie und senkte das Hinterteil auf die Sitzauflage, dabei keuchte, stöhnte er, wie kurz vorm Orgasmus. Tambans Rechte schnellte vor, stockte auf der Höhe des Kragens des Kostüms und schrie: „Nehmen sie dieses Ding ab“, dabei riss er den schneeweißen künstlichen Bart vom Gesicht des Verkleideten. Ein Lächeln flog über dessen Mund des Verdächtigen. „Mohrrüben?“ „Wie Bitte.“ Die Weihnachtsmannkopie legte seinen Kopf schief. „Ich mag

Karotten.“ Seinen Stuhl drehend, wandte sich der Herbert ab. Mit einem Stoß schwang er zurück, schlug mit der Faust direkt unterhalb der Nase des Gewandträgers auf den Tisch. „Geben Sie es zu.“ „Was?“ „Dass Sie ihre Frau sowie deren Geliebten ...“ Die Hände vor der Brust, zog der Zeuge, und mutmaßliche Täter sein Kopf zurück. „Nein!“ Tambans Nase näherte sich seinem Gesprächspartner, stoppte eine handbreit vorm Zusammenstoß. „Die Indizien sind eindeutig!“ Er lehnte sich wieder zurück und hob seine Rechte. „Ich verstehe

Sie.“ Der feuerrot gekleidete Zeuge verschränkte die Arme. „Nein!“ Herbert Tamban liebte seinen Beruf, ging in seinem Schaffen auf, zumindest, wenn es nicht in Arbeit ausartete. Aus diesem Grund war es für ihn konsequent, dem Täter Brücken zu bauen, einfühlsam ihm zu helfen, die Tat zuzugeben. Die Erfolgsquote sprach für sich. In den meisten Fällen verstand er daher seine Aufgabe darin, unnötige Arbeit abzuwenden. Ein Geständnis kürzte die Sache ab. Die Tür des Büros schlug gegen den

Christbaum, der geschmückt mit goldenen nebst rotem Baumschmuck dem Zimmer eine weihnachtliche Atmosphäre verlieh. „Chef“, rief eine Frau, welche vom Alter Herberts Tochter sein konnte, dabei wedelte sie mit einem Umschlag. Derweil ihre metallenen Armreifen gegeneinander schlugen, als wollten diese, die Heilige Nacht einläuteten. Einem Rehkitz gleich hüpfte sie auf ihn zu. Ein knapper, dem Posten nicht angebrachter, luftiger stahlblauer Faltenrock flatterte ihr um die Hüften, spielte mit ihren glitzernden, weißen, rosa schimmernden feinen Beinkleid. Sie trippelte, stöckelte auf ihren

waffenscheinpflichtigen moosgrünen Pumps am Weihnachtsmann vorbei, drängte ihren Leib an den Schreibtisch. Der Zeuge lehnte sich zurück, dabei neigte er seinen Oberkörper auf die Seite. Ihr wallendes sandblondes Haar auf den Rücken werfend, beugte sie ihren Brustkorb hinab, präsentierte, die Finger ihrer Rechten über Herberts Schulter gleitend, ihre weiblichen Kurven und hauchte ihm ins Ohr. Die armreifgroßen Creolen, die in ihrer Armbeuge hängende olivgrüne Henkeltasche sowie ihre Brüste, schwangen angestimmt mit der wippenden Hüfte im Gleichtakt. Den Blick von ihrem tiefausgeschnittenen

rosa Top abgewandt, übernahm Tamban den Umschlag, legte ihn sogleich mit zitternden Fingern auf den Schreibtisch. Der Kostümierte wandte den Kopf, schielte über seine Schulter und beobachtete, wie die Blonde ein Fuß vor den anderen das Büro verließ, dabei schwang sie mit ihrem Becken. Die Lippen gepresst, winkte er Herbert heran und zwinkerte ihm zu. „Sie sollten ein ernstes Wort mit ihrer Mitarbeiterin führen.“ Herbert senkte sein Haupt. „Weihnachtsfeier! Die Kollegen hatten eine Weihnachtsfeier.“ „Gedämpftes Blau, zartes Rosa oder

Weiß mit Spitze, aber ...“, er kam Tamban näher, „feuerrote Dessous mit weihnachtlichen Intarsien. Das beißt. Sieht nuttig aus.“ Das Gesicht von Herbert bekam eine gesunde Röte. „Sie kennen sich aus?“ Die Person in der Robe hob die linke Hand und begutachtete seine Finger. „Beraten Sie ihre Frau nicht?“ Ein Brummen drang aus seinem Mund, als Tamban den Umschlag ergriff, diesen sogleich aufriss, drei Fotos herausrupfte, um diese, dabei grinsend, sie nebeneinander vor dem Gesicht des Zeugen auszubreiten. Er tippte auf das Mittlere und brüllte. „Geben Sie zu. Sie haben den Geliebten Ihrer Frau

erstochen.“ Die schlechte Kopie eines Weihnachtsmannes ergriff das Foto, hielt es vor seinem Gesicht und pullte mit der freien Hand an einem mahagonibraunen Fleck. „Meinen Sie, man bekommt das raus?“ „Was?“ Er wendete das Bild und hielt es Tamban vor die Nase. „Den Blutflecken vom Sofa?“. Er drehte das Foto zurück. „Der Samt ist empfindlich.“ Der Kommissar entriss ihm das Foto, knallte es auf den Schreibtisch und zeterte: „Ihre Frau wurde ermordet und Sie

…“ Die Augen aufgerissen, schlug der vermeintliche Täter die rechte Hand auf seinen Mund. „Ermordet! Haben Sie die Täter?“ Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. War er verrückt? Oder stand sein Gegenüber unter Schock. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Täter aus Eigenschutz die Tat verdrängte. Jedenfalls waren diese Psychos der Ansicht. Diese Neunmalklugen, die in jedem Verbrecher ein Opfer sahen. Er ging auf das Spiel ein. „Nein! Wollen Sie mir

helfen?“ „Gerne.“ Tamban drückte auf die Starttaste seines Diktiergerätes. „Zeugenvernehmung Christ Baum Bindestrich Ständer 24.12“. Er pochte auf seine goldene Armbanduhr. „20:56“, murmelte er und schlug auf den Tisch. „Dann gestehen Sie!“ Seine Mundwinkel stiegen empor. „Oder erzählen mir, was geschehen ist. Ihre Frau kam, nachdem sie fremdgegangen war, ins Bett.“ Der Befragte zupfte an seiner Unterlippe. „Meine Frau geht nicht fremd.“ Er strich über das rechte Foto. „Pardon. Ging nie fremd. Sie traf sich ein paar Mal …“, er schwankte den Kopf,

„na ja, zwei …“ Herbert runzelte die Stirn. „Dreimal im Monat am Wochenende mit Sascha. Sie war glücklich, entspannt.“ Herbert schielte über seine Sehhilfe. „Ich verstehe Sie. Irgendwann haben Sie es nicht mehr ausgehalten.“ Er tippte auf die männliche Leiche auf dem Foto, hob die Hand wie zum Stich bereit. „Haben ihn beseitigt.“ „Wie kommen Sie darauf? Erstens ist der Kerl nicht Sascha“. Er leckte über seine Lippen. „Außerdem, es klingt für Sie komisch, mochte ich ihn. Ich habe … Sie verstehen … gewisse Gelüste.“ Tamban klatsche. „Weil ihre Gattin Sie

nicht mehr rangelassen hat … haben Sie ...“ Die Augenbrauen emporgezogen, unterbrach Christ ihn, fuchtelte mit seinem Zeigefinger in der Luft. „Im Gegenteil. Unser Sexualleben war schöner. Der Druck war weg.“ Herbert zwirbelte erneut seinen Schnauzer. Der Typ war ein Weichei, ein Warmduscher, ein Frauenversteher. Er, Herbert, konnte sich teilweise, in die Gefühlswelt einer Frau hineinversetzten. Sein Beruf verlangte dieses von ihm. Jedoch, dass eine Frau auf solche Typen stand, ging ihm total ab. Gut! Nicht jeder Mann hatte, er streckte sich unwillkürlich, einen Astralkörper, aber,

er musterte sein Gegenüber, auch kleine, mickrige waren sicher in der Lage, zumindest verbal ihren Mann zu stehen. Klar, dass sich seine Frau nach einem richtigen Mann umgesehen hatte, der es ihr mal richtig zeigte. Ihr vermittelte, eine Frau zu sein. „Der Druck“, wiederholte Herbert. „Befriedigt war sie“. Er pullte an seinen Fingernägeln. „Glaube ich. Nein! Sie verlangte, dass ich ein Ding überziehe. Dabei habe ich eine Latexallergie.“ Herbert kniff ein Auge zu und zupfte an seinen Schnauzbart. „Eine richtige Allergie ist es nicht.“ Er beugte sich vor, öffnete den Mund und

presste einen Daumen in seine Mundhöhle. „Eher ein Ausschlag! Ich empfinde es als widerlich, wenn ein Kerl …“ Er schüttelte sich und zupfte an seiner Unterlippe. „Eine Frau sich dafür bereit erklärt. Unterwürfig! Finden Sie das erregend?“ Herbert griff sich an seinen Nacken, lehnte seinen Kopf zurück und spitze die Lippen. „Weil Sie eine Latexallergie haben, nötigt Ihnen Ihre Frau ein Kondom auf.“ Er tippte an seine Schläfe. Christ sah auf seinen Schoß. „Da nicht. Es war eher eine Reaktion - vielleicht mit dem Speichel oder mit dem Amalgam. Man hört davon.“ Er faltete die Hände. „Sie war konsequent, nicht

einmal so, sodann beim anderen Mal …“ Die Lippen gepresste, legte er die Unterarme auf den Schreibtisch und faltetet die Hände ineinander. „Es war eher diese Intimität. Habe ich in der Maria - oder war es die Sabine – gelesen, dass, wenn das Sperma des Mannes mit der Schleimhaut der Frau sich vereint, es zu einer Reaktion kommt. Hormone werden ausgesandt, die das Glücksgefühl, die Lust, der Frau steigern.“ Herbert vermochte sich nicht mehr zurückzuhalten, dieses weibische Rechtfertigen trieb ihm die Zornesröte ins

Gesicht. Er schlug mit der flachen Hand auf die Unterlage. „Was reden Sie für einen Schwachsinn? Ich habe nie gehört, inwieweit eine Frau in Ekstase gerät, wenn ...“ Herbert räusperte. „Abgemeldet waren Sie; spielten die zweite Geige. Reinstecken erlaubt! Wie ein greiser Pavian fühlten Sie sich, der vom neuen Alphatier die Erlaubnis hat aufzusitzen, aber seine Gene nicht mehr verteilen darf. Ihren Erguss in eine Tüte zu pressen.“ Baum-Ständer legte die Arme überkreuzt auf seinen Schoß. „Ich habe in meinen ganzen Leben …“ Er blickte zur Seite. „Ging nicht! Ich habe das Kondom nicht

…“, er stockte und zuckte mit den Achseln. Er schmunzelte, erhob sodann seinen rechten Arm und drehte die Hand, berührte mit dem Ringfinger der Linken das Foto. „Frauen sind mitfühlend.“ Er legte die flache Rechte, wie beim Empfang des Leibes unter die andere. Er blinzelte Herbert zu, dann schloss er seine Augen und leckte über die Handfläche. Tamban schluckte, ergriff seinen Kaffee und spülte seine Gedanken herunter. „Sie haben recht“, hauchte Christ, derweil er lächelte. „Ich war schockiert, nicht des Schutzes wegen, sondern darüber, dass Sascha sich frei in ihr

ergoss. Nein! Es war eine Marotte – nennen Sie es pervers, die meine Frau hatte.“ Er legte die Arme auf den Tisch, walkte die Hände. „Die, wie Sie beteuerte, unsere Verbindung stärkte.“ Herbert spürte, dass er dem Geständnis nahe war und strich ihm über seine bebenden Hände. „Erzählen Sie, befreien Sie ihr Herz.“ Christ verbarg sein Gesicht. „Es ist mir peinlich.“ „Geben Sie ihrer Seele ein Stoß. Befreit!“ Die langweiligen Seminare, die Tamban über sich ergehen ließ, schienen sich

auszuzahlen. „Nein!“ Herbert stütze sich auf den Armlehnen ab, schob sein Gesäß tiefer in den Sitz. „Sie trafen sich weiterhin in Hotels?“ „Ja.“ Er kniff die Augenbrauen zusammen, starrte wie nach einem Biss in eine Zitrone. „In anonymen schmuddeligen Absteigen. Das geht nicht. Dabei haben wir ein gepflegtes Reihenhaus.“ Er nickte. „Sie haben es gesehen. Sauber und gepflegt.“ „Ja“, brummte Herbert. „Daraufhin trafen Sie sich bei ihnen?“ „Woher wissen Sie das?“ „Gespür!“ „Der Sascha war nett, gepflegtes

Äußeres, gute Manieren.“ Sein Mund verformte sich zu einem Lächeln. „Brachte mir sogar Blumen mit“, schmachtete er, hob und senkte seinen Brustkorb. „Dafür kochte ich ihm sein Leibgericht.“ Sein Zeigefinger malte Kringel auf dem Schreibtisch. „Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpüree - selbst gestampft, nicht aus der Tüte, mit viel guter Butter.“ Tambans Gedärm zog sich zusammen, woraufhin Speichel sich in seiner Mundhöhle sammelte. Das Bild, der Duft von dampfenden Gänsebraten schwebte ihm durch die Sinne. „Süß waren die beiden, haben wie Teenager beim Essen Händchen gehalten,

ein schüchterner Kuss auf die Wange, verträumtes Blinzeln.“ Herbert zuckte. „Wie bitte?“ Er rieb sich den Bauch. „Beim Essen haben sie getrieben?“ Baum-Ständer zog seinen linken Mundwinkel empor und schüttelte den Kopf. „Sie denken wie alle Männer nur an das eine. Romantik ist für Sie ein Fremdwort.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und spähte zur Bürotür. „Selbstredend hatten sie Sex. Das Quieken meiner Frau beim Orgasmus drang durchs ganze Haus.“ Er rieb über seine linke Wange. „Die Nachbarn!“ Das Gehirn des Täters schmolz in

Herberts Händen wie Wachs, welches dem Feuer zu nah kam. Dem Lodern seiner Argumente, seinem Einfühlungsvermögen, seines Verstandes konnte sein Gegenüber, keinen Widerstand mehr leistete. Wenige Fragen trennten ihm vom Geständnis. Er legte ein verständnisvolles Gesicht auf, rollte unterdessen mit dem Bürostuhl näher an Täter heran. Die Finger auf den Unterarm des Mörders gelegt, blickte er ihm tief in seine taubenblauen Augen, auf die müden Lider. Erblickte den stecknadelkopfgroßen, verkrusteten rotbraunen Fleck an seinem rechten Mundwinkel. Er ertaste mit seiner

Schnurbartspitze die herb buschigen weißen falschen Augenbrauen, welche mit den marzipanfarbenen, makellosen Wangen kämpften. Herberts flatternden Nüstern zogen den Duft von Rosenwasser, gepaart mit einer Note Nelken ein. Ein Duft, der in ihm das Bild seiner Mutter zauberte, wie sie, ihr Körper gehüllt in der gestärkten Rüschenschürze, mit einem Lächeln, ihm ihrem gepriesenen Stollen unter die Nase hielt. Das Backwerk, an dessen Zartheit keine Kreation von Magda herankam. In gleichen Maßen seine Holde an den lukullischen Künsten der Mutter verblasste.

„Ja! Die Pein! Die Nachbarn erfahren, dass die eigene Frau sich mit einem fremden Mann vergnügt ...“ Das Klackern von Damenschuhen unterbrach ihn. Die Augenbrauen zusammengekniffen, die Stirn in Falten, schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Frau Ferigart!“ Ihr gewelltes, erdbeerblondes Haar über die rechte Schulter, stöckelte sie, das Haupt erhoben, auf ihn zu. Die prallen Brüste vorstreckend, blickte sie auf ihn herab und presste Baum-Ständer ein blütenweißes Bündel an den Hals.

„Umziehen!“ Der Faden war zerrissen. Kriminaloberrat Tamban drückte auf die Pause Taste. Die Luft aus den Lungenflügeln quetschend, verdeckte er sein Gesicht. Er schüttelte den Kopf, leckte im Gedanken an Gänsebraten mit Rotkohl sowie Klößen.

Handarbeit

Tambans Nerven lagen blank. Die Arme vor der Brust verschränkt, zeterte der nachgemachte Weihnachtsmann wie der Suppenkasper, stampfte mit den Beinen wie Rumpelstilzchen, welchem die Königin ihr Kind verweigert. Wobei der Nachwuchs Badelatschen, die Windel ein schneeweißer Schutzanzug war, den Lackierer trugen, und der Waldwicht die Gabe ablehnte. „Ich zieh das nicht an!“ Herbert verdrehte die Augen. „Warum?“ „Diese Anzüge sind mit Silikon beschichtet“, bescheinigte der rot gekleidete

Wicht. „Das wissen Sie?“ Tamban wandte das Gesicht seiner Mitarbeiterin zu. Die zur Antwort mit den Achseln zuckte. „Ich habe eine Silikon-Allergie“, unterrichtete der zu kurz geratene, dabei zitterte seine Nase, wie die Nüstern eines witternden Hundes. Die Augenbrauen emporgezogen, die Stirn in Falten, starrte Herbert ihn an. „Ich dachte Latex-Allergie“, grub er aus seiner Erinnerung aus. „Latex-Unverträglichkeit!“ Baum-Ständer versenkte den rechten Zeigefinger in seinem Rachen. „Nur am Mund“, nuschelte er, bevor er seine

Mundhöhle befreite. „Nicht ich, sondern …“ Herbert winkte ab. Kriminalkommissarin Ferigart warf das falsche Kind auf den Boden, beugte, die Hüfte schwenkend, ihren Oberkörper vor, bis der Anhänger ihrer goldenen Halskette in Form eines Herzens, der Schwerkraft folgte, sodann auf der Tischplatte aufschlug. Vom Griff des Tops befreit, baumelten, pendelten, angetrieben durch das Schaukeln ihres Beckens, ihre Brustwarzen wie Kirchenglocken. Ihre Nippel läuteten tonlos zur Andacht, luden, wie die Wölfin ihre Findelkinder Remus und Romulus, zum Mahl ein. Tambans Magen knurrte, woraufhin seine

Synapsen das Geräusch mit dem Anblick zu Vanillepudding mit Sahne verbanden. Er senkte seinen Kopf bis zur Schreibtischplatte und linste unterhalb des Tops hindurch. „Nackt?“ „Ja!“ „Vollkommen?“ Herbert kreiste mit seinem rechten Zeigefinger. „Ich mein unter dem Kostüm.“ „Splitterfaser nackt.“ Tief einatmend, hob Tamban sein Haupt bis auf Höhe des Dekolletés. „Genug!“ Monika Ferigart zerrte an ihrem Ausschnitt, betrachtete ihre Weiblichkeit. „Danke!“ Herbert schlug auf den Schreibtisch. „Es reicht.“ Er stieß mit dem Zeigefinger gen

Stirn seiner Mitarbeiterin, verfehlte diese, da sie sich erhob, und bohrte den Finger zwischen ihre Brüste. „Dann suchen Sie irgendetwas anderes“, grummelte er und befreite die Hand aus den Fängen des Stoffes. „Wenn es das Nachthemd der Großmutter ist.“ Monika richtete ihren Busen, warf ihren Kopf zurück, stampfte zur Bürotür, um diese nach dem Durchqueren zuzuschlagen. Tamban quetschte die Starttaste des Diktiergerätes. „Weiter 21:26“, grummelte er ins Mikrofon und drehte es Baum-Ständer entgegen. „Ihnen war es eine Schmach, inwieweit ihre Nachbarn

mitbekamen, dass ihre Frau einen Lover hatte.“ Der Kostümträger grinste. „Mätresse.“ „Einen Sex-Partner hatte sie“, konterte Herbert. „Blamabel!“ „Genervt hat Petra mich.“ Baum-Ständer streckte die Zunge heraus. „Ich sollte ihr erzählen. Ihr Tipps geben, wie sie es schaffen könnte. Na ja! Mit ihrem Frank läuft es nicht mehr. Kriegt keinen hoch. Sie verstehen mich. Männer!“ Herbert rieb sich die Hände. Schritt für Schritt kam er der Wahrheit näher. Es war ein kleiner Schritt. Zumindest hatte er den Namen der Toten. Sie hatten nichts. Nichts außer zwei Leichen und den mutmaßlichen Mörder. Weder die

Namen der Leichen, noch, ob sie überhaupt in dem Haus wohnten, waren ihnen bekannt. Er tippte auf das Foto. „Haben Sie nicht gesagt, dass der Freund ihrer Frau Sascha hieß.“ „Wir sind nicht verheiratet.“ „Dann ihrer ...“ „Frank ist der Lebenspartner meiner Nachbarin.“ Herbert zwirbelte seinen Schnauzer. Er stöhnte, ergriff den Kugelschreiber und malte Wellenlinie auf ein Briefpapier. „Erzählen Sie einfach weiter“, forderte er sein Gegenüber auf, wobei er die Zimmerdecke betrachtete. „Wenn sie sich zumindest ein

Frotteehandtuch untergelegt hätten.“ „Ein Handtuch im Bett?“, hakte Herbert nach. Christ hob die weißen aufgeklebten Augenbrauen. „Ach was! Das Bettlaken habe ich immer am nächsten Morgen abgezogen, wie die Bettwäsche gewaschen. Ist selbstverständlich“, brummelte er und zog den linken Mundwinkel empor. „Selbstverständlich“, hüstelte Tamban. Der zu einem Weihnachtsmann verkleidete Wichtel klopfte mit dem Zeigefinger an seine Wange. „Gemein war es von ihr, als hätte sie es darauf angelegt, mich zu

quälen.“ Herbert war darüber erleichtert, dass sie letzten Endes wieder auf dem Weg zum Motive waren. Die scheinheilige Art, wie sein Gegenüber die amourösen Abenteuer seiner Frau abtat, den Mord verschleierte, obwohl nur er ihn begangen haben konnte. Christ presste die Lippen. „Immer bei der Sportschau kamen sie sich auf dem Sofa näher.“ Den Schnurrbart zwirbelnd, schmunzelte Tamban. „Auf dem sandfarbenen Samtsofa.“ „Wir haben nur eins“, wetterte die rot gekleidete zwergenhafte Gestalt. „Dabei

war er reinlich. Wenn wir zusammen gekocht haben, dann war die Küche wie geleckt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Na ja, kochen konnte er nicht. Aber hilfsbereit war er.“ Er verdrehte die Augen. „Wie er Hähnchenbrüste marinierte. Mit seinen männlichen Händen über sie hinweg strich, Gurken schälte. Erotisch!“ Herbert verfluchte seinen Spaß mit dem Sofa. Er hatte ihm wieder einen Pass zugespielt. Er beugte seinen Oberkörper vor, überkreuzte seine Unterarme und sah ihn wie ein Vater an. „Das hat Sie extrem belastet, dass ihre Frau vor ihren Augen mit ihm“, er tippte auf das Tatortfoto,

„hat.“ „Wie kommen Sie darauf?“ Christ lehnte sich zurück. „Egal war es mir, ob er an ihren Brustwarzen saugte, seine Zunge in ihrem Mund versenkte oder sein“, er nickte, „Sie wissen, an ihren Schamlippen rieb. Die Eichel in ihre Vagina flutschte, sie dabei lustvoll stöhnte, sein Glied massierte. Ich machte mir eher Sorgen um sie. Hatte Angst, er könne ihr, mit seiner enormen Männlichkeit Schmerzen bereiten. Mehr als ein Prachtexemplar.“ Ein Verdacht keimte in Tamban auf. Galt der Mord, dieses Verbrechen, welches ihm Abscheu, Ekel entgegenschleuderte,

nicht dem Nebenbuhler, sondern ihr. Der Mann auf dem Foto definitiv tot, zwei Einstiche in seiner Brust, dagegen sie wie hingerichtet. Das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten, die Genitalien tranchiert. Eine Ehetragödie ohne Zweifel, obschon eher das einer Furie, welche ihren Ehemann mit der Geliebten ertappt. Diese verstümmelte. Die Tatwaffen der Unzucht vernichtete. Was für ein Drama? Herbert sortierte seine Gedanken, beleuchte das Erfahrende mit einem anderen Licht. Nicht sie war das Opfer, hatte für sich einen Geliebten gesucht, sondern für ihn, ihrem Mann. Sie hatte seine Erektionsprobleme gedeutet und

ihm ein Geschenk präsentiert, dann mit dem Prinzen … Er musste die Fragestellungen anpassen, umdrehen. „Es war schrecklich, entwürdigend für Sie, zu sehen, wie ihre Frau mit Sascha Sex hatte.“ „Fangen Sie wieder damit an. Nein. Nein! NEIN!“ Er leugnete seine Homosexualität, das spürte Herbert mit jedem Wort, das über die Lippen dieses Wichtes flog. Baum-Ständer verschränkte die Arme. „Es war ein Kraftakt“, er klopfte auf den Schreibtisch. „Wuchten Sie eine Frau hoch, in der ein Mann

steckt.“ Herbert runzelte seine Stirn, dabei zupfte er an seinem Bart. „Meinen Sie, es ist einfach, ein Badetuch unter das Becken zu legen, während er auf sie einhämmert.“ Er blickte zur Seite. „Abermals besser, als stundenlangen Sperma sowie Scheidenflüssigkeit vom Sofa zu entfernen.“ – „Samt ist sensibel. Danebenzusitzen, sich darüber das Gehirn zu martern, welches Mittelchen am besten geeignet ist.“ Eine Qual musste es für ihn gewesen sein, seinem Sascha beim Liebesakt mit der eigenen Frau zuzusehen. Deswegen

das Handtuch. Auseinander die beiden zu treiben war seine Absicht. Hin- und hergerissen zwischen dem Geliebten und der Ehefrau. „Der Sascha, der kannte sich aus. Das Letzte holte er heraus. In die tiefste Ecke stach er hinein. Er verstand es Glück, Freude zu bringen; beherrschte alle Mittel.“ Christ schüttelte den Kopf. „Ihn konnte ich nicht fragen, das hätte ich ihm nie angetan.“ Er lächelte. „Nein. Das hätte ich nicht über mein Herz gebracht – zu unromantisch. Sein erleichtertes Lächeln abzuwürgen. Ihm, das entspannte Kuscheln mit ihr zu versagen. Wegen Putzmittel. Vorbeugen ist Besser.“ Herbert hielt sich die Ohren

zu. „Er war ein richtiger Kuschelbär, soweit wir das sagen können. Haben als ...“, er blinzelte, „nicht viel Erfahrung. Sie verstehen mich Herr Kommissar.“ – „Trotzdem, seine flinken Hände waren beeindruckend, obwohl sie eher Pranken glichen. Wie er die Nadeln aneinanderschlug, das Garn verknüpfte. Ich halte mehr vom Sticken, beruhigt die Nerven.“ Er hob den Kopf. „Tät ihnen gut. Schön ist er geworden, richtig süß. Der Pullover. Ein wenig lang.“ Er sah zu Boden. „Bin nun mal nicht groß.“ Herberts Gehirnmasse verknäulte sich. Ein paar weitere Sätze dieses Kerls und

er konnte sich eigenhändig in die Psychiatrie einweisen. „Warum sind Sie nicht gegangen?“ „Wo?“ „Vom Sofa!“ „Wir haben nur einen Fernseher.“ Herbert blähte seine Wangen. „Wie bitte!“ Der rote Zwerg verdrehte die Augen, öffnete den Mund. „Ich habe ihnen längst gesagt, inwiefern ich es pflege“, sprach er gedehnt, „die Sportschau zu sehen.“ Er klimperte mit den Wimpern. „Das Feld wollte ich ihnen nicht überlassen. Die Ottomane ist meine!“ Er strich über sein Kinn. „Obwohl belegen wollten sie die Liege. Mehr

Platz!“ Herbert platze langsam der Kragen. Er kam mit diesem weinerlichen, in Selbstmitleid ertrinkenden Typen nicht weiter – typisch Homo. „Einmal habe ich sie erwischt. Da lag sie rücklings auf meinem Revier, ihre Beine gespreizt, wie auf einem Gynäkologenstuhl, seine Hände an ihren Fußsohlen. Diese Athletik von ihm.“ Er biss auf seine Unterlippe, leckte über die Oberlippe. „Sein Haupt zwischen ihren Schenkeln.“ Er zuckte mit dem Kopf. „Schauten sich ein Schmuddelporno an.“ Er drohte erneut. „Gezeigt habe ich es ihnen, verjagt auf ihren Dreisitzer. Aufgehört haben sie nicht, nur die

Stellung gewechselt. Er setzte sich hin, zerrte sie auf seinen Schoß, und sie hopste wie ein Hüpfball. Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, sah sie mich über ihre Schultern an, nahm ihre Haare zur Seite und schob ihre Pobacken auseinander. Es wäre ein weiterer Platz frei, stöhnte sie.“ Tamban riss die Augen auf, erwachte aus der Lethargie. „Und?“ „Ich bitte Sie. Ich bin ins Schlafzimmer.“ Herbert hob die Schultern. „Ach so“, raunte er und entschwand im Geist. „Habe mir den Dildo geschnappt und ihn in ihren Allerwertesten versengt.“ Der gemeine Wicht schlug auf seine Schenkel und lachte. „Dann den Staubsauger

geholt und …“ Die rechte Augenbraue emporgezogen starrte ihn Herbert an. „Das Wohnzimmer gesaugt! Was denken Sie?“ Herbert benötigte eine Pause. Ausatmend stoppte er das Band, ergriff seine Kaffeetasse und hielt sie unter die Augen. Leere! Ein letzter zäher Rest bildete eine Form wie eine Banane. Tamban knetete seinen Bauch, schloss die Lider und sein Gehirn gaukelte ihm das Bild von Bratwurst, Sauerkraut sowie Kartoffelbrei vor. Selbst gestampft mit viel guter Butter.

Zungenkuss

„Chef!“, hallte eine Herbert Tamban bekannte Stimme durch den Empfangsbereich des Polizeireviers. Er schlug an seine Stirn, schleppte seine müden Knochen, sowie seinen knurrenden Magen am Tresen vorbei, an dem Monika Ferigart mit ihrem Hintern wackelte. Sie spielte mit ihrer Kette, derweil sie ihre Brüste einem Uniformierten präsentierte. Nicht unterscheidbar von der Frau, welche ohne Zweifel dem waagerechten Gewerbe angehörte, einen weiteren Beamten bearbeitete. „Chef!“, grölte die Gestalt, die in ihrem

Kostüm dem Täter ähnelte, nur mit dem Unterschied, dass sie keinen weißen Bart, stattdessen einen ungepflegten, mit Essensresten bekleckerten Vollbart trug. Sie duftete nicht nach Rosenwasser mit einer Note Nelke, sondern sie dünstete eine Wolke billigen Fusels aus. Herbert baute sich, die Arme verschränkt, in einem Sicherheitsabstand auf. „Na Kalle, wen hast du erschossen?“ Dabei erinnerte er sich an das letzte Weihnachtsfest. Diese armselige Kreatur hatte versucht, ihm einzureden, er hätte einen alten Mann mit einem Buschmesser erlegt. Indessen baumelte der Körper des Einsamen an der Wohnzimmerdecke. Ein

frühzeitiges Ende hatte er seiner Seele zur Weihnacht geschenkt. „Erstochen, beide, Mann nebst Frau“, lallte Kalle und bewegte dabei die Rechte oberhalb seines Schoßes in einer Weise auf sowie ab, die, wäre Herbert eine Dame, ihn zwänge, sich mit Scham abzuwenden. Da er unwiderlegbar maskulin war, verdrehte er einzig die Augen. „Kalle, zieh Leine und hör nicht immer den Polizeifunk ab“, harschte er ihn an, während er zum Empfangstresen zurückkehrte. „Frau Ferigart Sie sollen hier nicht herumschäkern“, schnauzte Herbert sie

an. „Besorgen Sie diesem Christbaumständer Klamotten!“ „Ja. Ja! Man darf sich wohl mal unterhalten“, beschwerte sie sich und schob ihren Oberkörper näher an den Beamten in Uniform. Herbert stellte sich vor den Kaffeeautomaten, holte Münzen aus seiner Hosentasche, steckte die Erste zur Hälfte in den Schlitz. Ein Druck der Blase überkam ihn, woraufhin er das Geldstück wieder einsteckte und zur Örtlichkeit marschierte. Mit einer Hand seinen Kaffeepott umschlungen, drückte Herbert mit der anderen die Klinge der Tür herunter, auf

der jeweils die Hälfte eines Jungen sowie eines Mädchens in trauter Zweisamkeit klebten. Das Bouquet einer Bahnhofstoilette aus den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts empfing ihn. Er klemmte sich den Kaffeepott unter die linke Achsel, ziepte den Reißverschluss der Hose auf, stellte sich, die Beine gespreizt, vor das Urinal und fischte nach seinem besten Stück. Seine Stirn gerunzelt, schwang er seinen Kopf über die Schulter, nahm die Kaffeetasse in die linke Hand und schritt zur Tür. An dem mit einer Unzahl vulgären Sprüchen verzierten Türblatt,

tastete er das Türschloss ab. Kopfschüttelnd wandte er sich ab, durchquerte die Toilette, steuerte die Rechte der beiden Kabinen an. Nachdem er die Reste des letzten Gastes von der Brille entfernt hatte, glitt seine Hose herab, woraufhin er es sich bequem machte. Dabei achtete er darauf, dass der Stoff die urinschwangeren Fliesen nicht berührte. Ein Feuerzeug auf dem halb abgerissenen Papierhalter animierte ihn, die letzte Zigarette aus seiner Hemdentasche zu angeln. Nach einem Blick zum Feuermelder, welcher keinen Brand zu melden in der Lage war, jene zu

entzünden. Das Nikotin brachte Herbert runter, ließ seinen Verstand entspannen. Er zwirbelte seinen Schnauzer. Dieser Baum-Ständer war nicht zu fassen. Dass dieser der Täter war, stand für Herbert fest. „Weichei“, murmelte Herbert. Er zweifelte nicht daran, inwieweit, oder ob ein Warmduscher jemanden erstechen konnte. Dazu in der Lage war jeder Mensch, zumindest von der Psyche. Aber war dieser Wicht, den Herbert knapp auf einen Zentner Lebendgewicht schätzte, von seiner Kraft her in der Lage war, zwei Menschen abzustechen? Die Frau sicher, jedoch den Mann, welcher nach

Herberts Schätzung, dem Zwerg gut und gerne um mehr als einen Kopf überragte. „Ein zweiter Täter“, flüstere Herbert, drückte seine Zigarette aus, spülte und verließ, nachdem er ausgiebige seine Hände gewaschen hatte, die Toilette. „Die Hexe hat meinen Sack“, schrie Kalle über den Flur, bevor Herbert die Tür zur Toilette schloss. „Nicht in dem Ton“, zischelte eine Frau und klemmte eine Strähne ihres schulterlangen, gewellten kastanienbraunen Haars hinter ihr rechtes Ohr. Tamban stampfte zu ihr. „Frau Seibot! Was machen Sie

hier?“ „Meiner Arbeit nachgehen.“ Herbert beugte sich vor, bis seine Nase beinahe die ihrige berührte. „Welcher Arbeit? Sind hier irgendwelche durchgeknallten Psychos.“ Er fuchtelte mit den Armen. „Nein! Ein klarer Mordfall und damit basta.“ Er konnte diese Frau nicht ausstehen. Nicht sie in Person, sondern ihren Berufsstand verabscheute er. In jeder Tat sahen sie die miese Jugend des Verbrechers, standen dem Täter näher als dem Opfer. Gut. Sie war nur für ein paar Wochen zur Probe in seiner Abteilung. Aus Kiel hatte die Chefin sie eingeführt.

Die Kollegen vor Ort ohne Frage froh darüber, dass sie weg war. „Sie haben Urlaub“, schrie er, „genießen Sie die freie Zeit mit ihrer Familie. Geben Sie Kalle seinen Sack zurück.“ Sie straffte ihren Rücken. „Ich habe ihn nur nach Beweismitteln untersucht.“ „Und?“ „Er ist leer.“ „Toll!“ Herbert entriss ihr den Sack, stampfte zum Tresen, an dem weiterhin Monika Ferigart mit ihrem Kollegen flirtete. „Könnten Sie eventuell endlich ihrer Arbeit nachgehen und…“ Er erhob den Arm, wies auf die Tür des Revierleiters,

in dem das Verhör stattfand. Sie kickte mit ihrem spitzen Absatz gegen eine Plastiktüte. „Erledigt! Chef.“ Tamban schüttelte sich. „Wie haben Sie …“ Monika drehte sich zu ihm herum, blies dabei eine Strähne von ihrer Stirn. „Charme!“, konterte sie, hob ihre Brüste und wandte sich erneut dem Kollegen zu. Herbert wies mit dem Daumen zur Ausgangstür. „Dann bewegen Sie ihren weiblichen Hintern zum Dezernat!“ Sie blickte auf ihre Armbanduhr. „Sie wollen zum Kriminaldauerdienst“, donnerte Herbert ihr entgegen. „Dauer heißt, bis wir fertig sind. Wir treffen uns dann am

Tatort.“ Monika wandte ihm ihren Rücken zu, schnappte die Tasche, schwang ihr Gesäß, schritt zum Ausgang und winkte dem Herrn in Uniform, ein Auge zwinkernd, zu. „Außerdem für Sie immer weiterhin Kriminaloberrat Tamban, Frau Kriminalkommissarin Ferigart“, schrie er ihr hinterher. Er stampfte zu Kalle. Jener lächelte und kreuzte seine Unterarme. „Bin ich jetzt verhaftet?“ Frau Seibot trat an Herberts Seite. „Was machen wir als Nächstes?“ „Wir?“, brüllte er. „Sie fahren nach

Hause.“ „Aber“, stotterte sie und zeigte zur Reviertür. „Ich bin mit Monika hier.“ „Dann nehmen Sie sich ein Taxi!“ „Chef?“, trällerte Kalle und erhob die gekreuzten Arme. „Sind hier alle verrückt“, donnerte Herberts Stimme durch den Gang. Er winkte dem Beamten zu, mit dem Monika geflirtet hatte. „Herr Polizeimeister, nehmen Sie dieses Individuum fest.“ Herbert zerrte Kalle vom Stuhl, schleifte ihn zum Tresen. „Mit welcher Begründung?“, fragte der verdutzte Staatsdiener. „Blödheit oder Behinderung von Ermittlungen.“ Er schlug auf den Tresen.

„Denken Sie sich irgendetwas aus. Waren Sie nie auf der Polizeischule?“, schnauzte ihn Herbert an und begab sich zum Kaffeeautomaten. Der Polizist ergriff ein Formular, nahm einen Kugelschreiber und presste diesen auf das Blatt. „Name?“ „Sascha Svinemotski.“ „Geboren?“ „Ja!“ Das Plätschern des Kaffees besänftigte Herberts Nerven. Der Nebel des Dampfes, der Schaum, welcher sich in der Tasse bildete, der letzte Tropfen, der

in die Crema versank, Wellen schlug, um anschließend als Schaumball wieder neu geboren zu werden, verzückte ihn. Den Kaffeepott unter der Nase, den Duft des frisch gebrühten Getränkes inhalierend, drückte er mit der anderen Hand die Klinke der Tür des Büros des Revierleiters herunter, stieß das Türblatt auf, erstarrte. Er sah sich um, streckte den Kopf um die Kante und musterte den Weihnachtsbaum. Die Ferigart musste komplett verrückt geworden sein. Hatte er vor geraumer Zeit den Täter, verkleidet in einem Weihnachtsmannkostüm, zurückgelassen, erblickte er ihn nun in einem knielangen roten Kleid mit einem in weißen Plüsch

besetzten Rocksaum. Die Beine gehüllt in schneeweißen Strümpfen. Den Rumpf gebeugt über den Schreibtisch, die plüschumrahmte Kapuze des Kostüms über den Kopf gezogen, kramte dieser in einer Schublade. „Was machen Sie da?“ „Ich suche eine Nagelfeile.“ Baum-Ständer erhob sich. Die Kapuze glitt über seine Augen. Er richtete, die Hüfte schwingend, das Kleid, strich über den Rock, hielt die Rechte unter sein Kinn, zupfte an einem Fingernagel und streckte demonstrativ Herbert die gespreizte Hand entgegen. „Ich habe mir den Nagel eingerissen.“ „Setzten Sie sich!“, befahl Tamban,

schritt zum Schreibtisch, packte an seine Kapuze, „Und nehmen Sie dieses Ding ab“, brüllte er und riss ihm das Verdeck vom Schopf. Herbert plusterte seine Wangen, zog die Hände an seinen Oberkörper, ferner den Kopf zurück. Die Gestalt vor ihm griff in ihr schulterblattlanges, gewelltes platinblondes Haar. „Herr Kriminaloberrat, meine Haare“, sie strich über ihre Mähne, „seien Sie nicht so grob!“ Herbert schritt rückwärts um den Schreibtisch, stellte die Kaffeetasse ab und fiel in den

Bürostuhl. Selten hatte er sich derart blamiert. Die Tat, das Kostüm, der Name, alles ließ ihn darauf schließen, der Täter wäre ein Mann, obwohl seine Gestalt, die Grazilität, die Stimmlage zum Körper einer Frau passte. Nicht Christ von Christian, sondern eine Christiane saß ihm gegenüber. Seine Mitarbeiterin hatte dieses von Anfang an geahnt. Monika Ferigarts Frivolität, ihr Hinweis auf den Charme des Weibes, hätten ihn warnen müssen. Sie lehnte ihren Kopf zur Seite und lächelte Herbert an. „Hätten Sie vielleicht ein Haargummi“. Sie drehte

sich eine Locke. „Nein!“ Sie umfasste ihr Haar am Nacken, wandte es um ihre Finger, verdrehte das Bündel und presste es in einem Kringel an ihr Haupt. Mit der einen Hand hielt sie ihr Werk, beugte sich über den Schreibtisch, schnappte sich zwei Bleistifte, mit denen sie, gleich einer Geisha, den Dutt fixierte. Sie blinzelte ihm zu, überschlug ihre Beine, wandte jene zur Seite, schob den Saum ihres Kleides bis an ihre Kniescheibe und legte die Hände gefaltet an ihr Schienbein. Die Grazie sowie Anmut, welche sie darbot, unterstrich seine Erkenntnis, dass sie in jeder Hinsicht weiblicher Natur

war. Ihre Geschichte auf einmal plausibel. Der Kommentar auf das Verhalten von Männern war ohne Skepsis im Rahmen ihrer Logik. Denn sie war die Betrogene. Der Tote ihr Ehemann, die Frau, die sie entstellt hatte, die Geliebte. Nein! Ihr Fingerzeig auf den Straßenstrich, den Oralverkehr, ließ ihn vermuten, dass die verstümmelte Frau eher eine Professionelle und ihr Mann mehr in ihr gesehen hatte. Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. Entweder war sie vollkommen abgebrüht oder stand unter Schock, was nicht auszuschließen war. Denn welch eine Frau war zu einer derartigen Tat fähig? In seinem Berufsleben hatte er vielen

weiblichen Mördern in die Augen gesehen. Gesichter zerkratzen, Säureattentat, vergiften, zustechen lag den Frauen nicht fern, die Liste war ohne Ende, aber Teile des Antlitzes, die Brustwarzen sowie die Vagina des Opfers mit einem Tranchiermesser filetieren, dies stand einzig einer Furie zu. Herbert rollte mit seinem Schreibtischstuhl an sie heran, nahm, wie ein Vater ihre Beine zwischen die seinen, lächelte sie an und musterte erneut ihr Gesicht. Die leichten Schatten an ihren Lidern entpuppten sich als blaugrauen Lidschatten, ferner der Fleck an ihrem Mund zu Überresten von dunkelrotem

Lippenstift. „Herr Baum-Ständer…“ Er blieb bei jenem Terminus, denn er schloss nicht aus, dass sie in die Rolle ihres Mannes geschlüpft war. Ein vergleichbarer Fall trieb Herbert vor mehreren Jahren in den Wahnsinn. Die Folgen hinterließen einen Eintrag in seiner Personalakte. Die Frau fand er am nächsten Tag erhängt in ihrer Arrestzelle. Er drehte das Mikrofon in ihre Richtung. „Was war Ihnen so peinlich?“ Sie senkte den Kopf. „Darüber kann ich nicht sprechen. Nicht mit ihnen.“ Sie unter Druck zu setzen, war nicht mehr seine Absicht. „Dann erzählen Sie, wie es am Abend weitergegangen ist? Sie

haben gegessen!“ „Hatte ich bereits erwähnt. Sie hatte ihren Chef geladen. Ich führte ihn zum Sofa, schenkte ihm einen Cognac ein. Männer stehen darauf, meins ist es nicht.“ Sie schüttelte sich. „Ich bin dann, wie es sich gehört, den Tisch abräumen, und sie ist in Bad“, sie griente, „ihr Näschen pudern. Sie wissen ja, wie Frauen so sind. Eitel, das Make-up muss tadellos sein – wie lange das immer dauert?“ „Ja, Ja!“, stöhnte Herbert. Wie oft er auf Magda wartete? „Dann erschien sie. Sie schritt an mir vorbei. Direkt zum Sofa. Ich wollte ihr ein Geschenk machen. Wie sie ihn beim

Essen angelächelt hatte. Es ist Weihnachten. Ich trat an sie heran, öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und der Stoff glitt an ihrem Körper herab.“ Sie nahm Herberts rechte Hand zwischen ihre Finger. „Was für eine zarte Haut Sie haben“, hauchte sie und legte sie auf ihr bestrumpftes Bein. Es war nicht Herberts Art Tatverdächtige zu berühren, aber, wenn es der Wahrheitsfindung dient, wie er es in einem Seminar gelernt hatte, dann gab es Ausnahmen. „Ich führte sie ums Sofa herum, platzierte sie neben ihn. Wie ein

schüchternes Schulmädchen nippte er am Cognac. Süß sahen beide aus – unschuldig. Ich öffnete ihren Büstenhalter, nahm das Getränk aus seiner Hand“, sie ergriff Herberts Rechte, „und legte diese auf ihren Busen.“ Ihr oberes Bein glitt neben das vorher untere. „Er streichelte sie“, fuhr sie fort und Herberts Finger navigierten über ihre Nylons. „Ich ergriff ihren Tanga, zerrte ihn über ihre Lenden.“ Herbert zog den weißen, mit Spitzen besetzten Slip über ihre mit Strümpfen bekleideten Beine. „Die feine Spitze über sein Gesicht

streichend.“ Herbert inhalierte ihren Duft, „ergriff ich seinen Zeigefinger, leckte ihn ab und presste ihn an ihre Scham, bis ihre Lippen ihn empfingen. Sie küssten sich. Ihre Zunge verschwand in seinem Mund. Ich kniete nieder, streichelte seine Hose, löste den Gürtel, knöpfte sie auf und befreite seine Männlichkeit. Mit jedem Stoß seines Fingers wuchs sie in meiner Hand.“ Ihre mit Erotik befüllte Stimme benebelten Herbert. „Meine Zunge küsste ihn. Dann umschlangen meine Lippen seine Eichel.“ Herbert schloss seine Augen. Das Aroma

des Stollens der Mutter verzückte seine Zunge, beglückte seine Riechzellen. Er saß am Esszimmertisch Magda vis-à-vis. Vor ihr ein Teller beladen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei, frisch gestampft mit viel guter Butter. Auf einer Gabel aufgespießt eine kross gebratene Käse-Krakauer, glänzend vom Butterschmalz in Magdas Mund. Ihre Zunge leckte, spielte mit der Leckerei. Ihre Lippen bändigten die Wurst, die geführt durch ihre Hand in ihren Rachen ein-, ausfuhr. Sie riss ihre Augen auf, sogleich der Zipfel zerbarst und der cremig, geschmolzener Käse im Takt seines Herzens an ihr Gesicht spritzte.

Kriminalkommissarin nicht nur oben ohne

„Ein Cognac!“ Der Kioskbetreiber tippte mit seinem Zeigefinger über die Deckel der Flaschen. „Den“, grummelte Herbert. Den ausgewählten Flachmann am Verschluss gepackt, drehte der südländisch aussehende Geschäftsmann die Pulle und hob seine Brille an. „Drei neunundfünfzig!“ „Geben Sie zwei“, verlangte Tamban und zielte auf das Regal mit den Rauchwaren. „Eine M7.“ „Mit oder

ohne?“ „Mit!“ Der Verschluss knackte unter der Kraft von Herberts Fingern. Er setzte an, leerte die Flasche in einem Zug, schüttelte sich und warf das leere Gefäß in einen Abfalleimer. Mit zitternder Hand riss er die Zigarettenschachtel auf, steckte sich einen Stängel zwischen die Lippen, zündete ihn an und blies den Qualm gegen die Tür des Kiosks. „Hey! Ist hier rauchen verboten“, schnarrte der Mann ihm nach, bevor Herbert den Kiosk verließ. Tamban zog in kurzen, raschen Zügen an

der Zigarette und eilte zu seinem betagten mitternachtsblauen Passat, öffnete die Fahrertür, fiel in den Sitz. Erst umklammerte er das Lenkrad, dann schlug er mit seiner Stirn auf das Steuer ein. Wie mit Dreck beworfen, fühlte er sich, erniedrigt. In seiner gesamten Dienstzeit war ihm nie dergleichen geschehen. Am liebsten wäre er nach Hause gefahren, um sich die Scham vom Leib zu duschen. Warum hatte er sie nicht weggestoßen, um Hilfe geschrien? Wer hätte ihm geglaubt? Sie hätte den Sachverhalt umgedreht. Es in einer Weise hingestellt, sodass er sie verführt hätte. Flucht war für ihn der einzige Ausweg

gewesen. Ihre Tat durch Vergessen vernichten. Bevor er aus dem Büro floh, hatte er das Band dem Diktiergerät entrissen und es in seine lederne Aktentasche verstaut. Auf dem Klo hatte er sich übergeben, den Beweis ihres Verbrechens, ihren Slip mit seinem Sperma heruntergespült. Den Kollegen beim Verlassen des Reviers entgegengeschrien, dass diese sie einsperren sollten. Er würde es nie vergessen. Sein Leben war nicht mehr, wie es zuvor war. Herbert quetsche die Glut der Zigarette im Aschenbecher aus, steckte die zweite Flasche in die rehbraune Aktentasche,

ferner den Wagenschlüssel ins Zündschloss. Der Alkohol besänftigte seinen Brechreiz. Warum ihm? Hatte er sie herausgefordert? Hatte sein Charme sie gelenkt? Er genierte sich. Niemanden vermochte er davon zu erzählen. Er war ein Mann. Ein Herr, den eine Frau, eine Mörderin vergewaltigt hatte. Tamban startete den Motor, fuhr aus der Parklücke und drückte das Gaspedal an dessen Anschlag. Wie oft hatte er insgeheim den Frauen eine Mitschuld zugeschrieben, dass sie mit ihrem Verhalten seine Geschlechtsgenossen animiert

hätten. Mit seinen Fragen hatte er sie gequält. Dabei ging die Erniedrigung für Damen nicht allein mit seelischen Schmerzen einher. Zwischen Selbstaufgabe und Rache lebten sie. Er entschied sich fürs Zweite. Mit seinem Mitteln sie überführen, hinter Schloss und Riegel zu bringen. „Was stehen Sie hier herum?“, schrie Herbert. „Chef! Ich warte auf Sie.“ Tamban deutete auf einen Polizisten, der sich an die rechte Flanke von Monika presste. „Warum tragen Sie die Uniformjacke des

Kollegen?“ Die Kriminalkommissarin zog ihre linke Oberlippe herauf. „Weil es kalt ist?“ „Dann laufen Sie nicht halb nackt herum. Hätten sich einen Schutzanzug überziehen können. Der wärmt!“ Monika zuckte mit den Achseln. „Ich habe keinen mit.“ „Anfängerin“, wetterte er und wies über seine Schulter. „In meinen Kofferraum liegen welche!“ Sie warf ihr sandblondes Haar auf ihren Rücken, zugleich die Jacke dem Polizisten zu, hob die Nase gen Nachthimmel und stöckelte die drei Stufen des Einganges herab. Herbert wandte sich an den

Uniformierten und bohrte seinen Zeigefinger in dessen Hemd. „Anstatt junge Damen anzumachen, sollten Sie lieber“, er wies mit dem Daumen auf den in der Einfahrt parkenden Streifenwagen, „mit ihrem Kollegen Parksünder suchen.“ Stotternd erklärte der Wachmann: „Herr Kriminaloberrat, Sie haben befohlen, wir sollten den Tatort bewachen, bis Sie zurück sind“. Herbert drückte erneut den Zeigefinger gegen die Brust. „Schlüssel!“ Er hielt dem Polizeibeamten die rechte Hand hin. „Ab!“ Die Linke am Türknauf durchtrennte er mit dem Schlüssel das Siegel, um dann denselben ins Schloss zu

stecken. Herbert zog die Kapuze des himmelblauen Einweganzuges fest zu. „Frau Ferigart“, grunzte er durch den Mundschutz und wies auf die Treppe zum Obergeschoss, „Sie suchen oben nach Verwertbarem“, befahl er, beugte sich vor und streifte den Plastiküberzieher über seine Schuhe. „Ausweise, persönliche Sachen.“ Sie grinste. „Jawohl, Chef.“ Tamban pumpte die violetten Latexhandschuhe auf, als wären es Luftballons. „Ich schau mich im Wohnzimmer um.“ Seine Aktentasche unter der linken

Achsel geklemmt, steckte er die Hände in die Handschuhe und schritt über den mit mausgrauen Fliesen bedeckten Flur. Herbert fasste um die Türzarge und betätigte den Lichtschalter. Dann öffnete er mit der Fingerspitze seines Zeigefingers die getönte Vollglastür, bis diese gegen einen Stuhl stieß. Er setzte seinen Weg auf den gleichen Fliesen wie in der Diele fort, schritt sodann um die Kante der Tür. Seine Hände glitten über die mit Rentieren verzierte cremeweiße Wachstischdecke des Esstisches. Er wandte sich nach rechts, lehnte den Kopf zur Seite und ging zurück zur Türzarge. Nachdem er einen weiteren Lichtschalter

gedrückt hatte, erhellte eine über einem Sofatisch befestigte Hängelampe den abgewandten Teil des Wohnzimmers. Die Aktentasche gefasst, schritt er auf das Sofa zu, jenes ihm seine Rückseite präsentierte. Er stoppte am Übergang der Fliesen zu einem sandgelben Veloursteppich. Herbert warf die Tasche auf die Fliesen, hockte sich nieder, öffnete diese, holte eine Lupe, einen Gliedermaßstab sowie einen Fotoapparat aus ihr hervor. Den einmal ausgeklappten Zollstock setzte er neben einen Abdruck eines und murmelte: „Damenschuhes.“ Er schoss ein Foto. Darauffolgend klappte Herbert den

Maßstab auf seine volle Länge aus, legte das eine Ende an einen weiteren Fußabdruck an, welcher sich eine Sitzweite von der linken Ecke des Sofas befand. Das Holz an den Ersten gelegt, fotografierte er die gesamte Spurenfolge. Den Zollstock in der einen, das Smartphone in der anderen Hand, robbte er auf allen vieren nach rechts. Zwei weitere Spurenfolgen hatten sich im Velours verewigt. „Herrenschuhe vorn spitz hinten mit leichtem Absatz“, murmelte er. Daneben erblickte er weitere, flüsterte: „Barfüßiger, kleinfüßiger Mannes oder Frau.“ Die Spur des Herren ging um die

Ottomane herum. Die der weiblichen Person führte zuerst zu einer Vitrine, bevor sie sich mit der anderen erneut vereinigte. Ein Poltern gefolgt von einem Aufschrei hallte durch das Reihenhaus. „Was ist denn nun wieder“, fluchte Herbert, stemmte sich hoch, rannte durch das Wohnzimmer, durch die Diele, schaltete das Licht zum Obergeschoss an und stürzte die Treppe hinauf. Monika Ferigart saß auf ihrem Hintern und umklammerte ihr rechtes Knie. „Was ist passiert?“ Sie zeigte mit dem Daumen über ihre

Schultern. „Der Koffer“, sie stöhnte. „Ich bin über den Koffer gestolpert.“ Herbert stellte das Gepäckstück an die Seite. „Warum haben Sie kein Licht angemacht?“ „Ich dachte, der Schalter ist oben.“ Monika studierte den Riss im Schutzanzug. „Die ist hin!“ „Wer?“ Sie pullte in dem Spalt herum. „Meine Strumpfhose!“ Herbert schlug an seine Stirn und schüttelte den Kopf. „Weiber!“ Er gab ihr die Hand und zog sie herauf, dabei blickte er auf ihre Füße. „Es zeugt nicht von Intelligenz, die Überzieher über

diese Stöckeldinger zu ziehen.“ Tief einatmend, wandte sich Tamban der nächstgelegenen Tür zu, drückte die Türklinke herab und öffnete das Blatt einen Spalt. „Badezimmer! Schauen wir uns später an.“ Herbert betrat den Raum neben dem Bad. „Wie läuft es sich?“ Monika blickte zu Boden. „Besser!“ „Nicht geräumig für ein Eheschlafzimmer?“, stellte Monika fest. „Wie kommen Sie auf diese Annahme?“ „Ein Ehepaar nackt auf ihrem Sofa wird von einem als Weihnachtsmann verkleideten Einbrecher erstochen. Fazit, dieses Zimmer ist ihr

Schlafzimmer.“ Tamban schritt um das den Raum dominierende, mit einer steingrauen Tagesdecke bedeckte Boxspringbett herum. „Wie viele Tatorte haben Sie bereits begutachtet?“ Sie sah zu Boden. „Das ist mein Erster? In der Ausbildung da …“ „Vergessen Sie den Scheiß“, fuhr er ihr ins Wort. „Tun Sie, was ich sage und lernen. Klar!“ Monika salutierte. „Jawohl Chef!“ Sie lachte. Ihr Lachen ging ihm langsam auf den Keks. Weshalb Maxima gerade sie ausgewählt hatte, war ihm schleierhaft. Es schwante ihm nichts Gutes bei dem

Gedanken, jeden Tag mit ihr zu verbringen. „Lassen Sie diesen Chef! Schauen Sie sich lieber den Inhalt des Kleiderschrankes an“, bölkte er, kniete nieder und untersuchte einen links am Bett stehenden Nachtschrank. Monika Ferigart öffnete alle vier Schranktüren. „Ch … Herr Tamban im Schrank sind nur Frauenklamotten. Besser?“ „Wie besser?“ Sie antwortete mit einem Glucksen. „Habe ich mir längst gedacht“, murmelte er in den

Nachtschrank. „Wieso?“ Er klopfte auf die Schlafstätte. „Das Bett! Zu schmal für zwei.“ „Für mich und meinen“, sie stockte und grinste Herbert an, „Freund ausreichend.“ „Seien Sie erst einmal verheiratet.“ Sie tupfte sich eine Träne vom Auge. „Dann schlafen sie getrennt?“ „Ihr Resultat ist richtig und falsch. Erstens kennen wir nur dieses Zimmer. Zweitens ist uns nicht bekannt, wer die Toten sind. Drittens nicht einmal, ob sie hier wohnen oder wer hier wohnt, geschweige wie

viele.“ „Wieso?“ „Haben Sie an der Eingangstür ein Namensschild entdeckt?“ Monika fasste in den Schrank, entnahm ein fliederfarbenes Cocktailkleid, hielt dieses vor ihren Oberkörper. „Zumindest hatte die Tote ein Faible für Eleganz.“ Er schüttelte den Kopf. „Die Person, welche hier nächtigt oder genächtigt hat“, korrigierte er sie barsch. „Wie kommen Sie darauf?“ „Das sind keine Kleider von der Stange“, sie kniete nieder, ergriff ein paar weiße Pumps. „Für solche Treter müsste ich einen ganzen Monatslohn

hinblättern.“ Herbert grinste. „So wenig verdienen Sie“, entgegnete er, wobei er das ‚Sie‘ über Gebühr betonte. Er zupfte an seinem Schnurrbart. „Sie bringen mich auf eine Idee.“ Er stand auf und eilte zur Schlafzimmertür. „Nehmen Sie eins von den Kleidern, steigen in die Hacksenbrecher und folgen mir ins Wohnzimmer.“ „Wie bitte?“ „Tun Sie, was ich sage!“ „Bitte!“ Ihre rechte Hand glitt über die Kleider. „Welches?“ „Ist mir wurst!“ Herbert umklammerte seine Haare mit

beiden Händen und schielte zur Wohnzimmertür. „Herr Gott, Ferigart, sind Sie total durchgeknallt!“ „Entschuldigen Sie, Herr Tamban.“ Diesmal betonte sie das ‚Sie‘ mehr, als es vonnöten war. Monika raffte den erdbeerfarbenen Rock des knielangen Bandeaukleides. „Die Dame hat nicht meine Konfektionsgröße.“ Sie hob ihren rechten Fuß. „Die Pumps musste ich mit Kosmetiktüchern ausstopfen.“ „Bitte?“ Sie drehte sich. „Oder steht mir die Farbe nicht.“ „Mitbringen sollten Sie ein Kleid sowie Ihre …“ Er winkte

ab. Das linke Auge geschlossen, hob sie ihre Nase gen Zimmerdecke. „Dann sollten Sie sich präziser ausdrücken.“ Er gab ihr ein Zeichen. „Kommen Sie, eingemuckelt steht Ihnen nicht.“ Nachdem sie an ihn herangetreten war, wies er auf die Spuren der Damenschuhe. „Gehen Sie neben den Eindrücken zum Sofa und bleiben dort stehen.“ Sie folgte seinem Befehl. Er kniete nieder, begutachtete die frische Fährte, machte Fotos, maß, die Lupe vor den Augen, die Tiefe, notierte die Werte in sein Notizbuch. „Wie schwer sind Sie?“ Mit einer gekünstelt, erbosten Stimmlage

antwortet sie: „Das fragt man eine Dame nicht!“ „Sie sind keine Dame, Sie sind Polizist. Also?“ „Ich habe ein etwas zugenommen.“ „Wie schwer?“ „Zweiundfünfzig“, flüsterte sie. „Ohne Kleidung!“ Er notierte dieses, bevor er ihr seinen Block entgegenhielt. Woraufhin sie knurrte. Er kratzte sich am Genick, stand auf, stellte sich mit den Schuhspitzen an die Kante und streckte seinen Arm hervor. „Was wuseln Sie hinter meinem Rücken?“ „Ich versuche, den Reißverschluss ihres

Kleides zu schnappen.“ „Weshalb?“ „Um es auszuziehen“, donnerte er. „Geht nicht! Ich komme nicht heran. Ziehen Sie es aus.“ „Herr Tamban!“ „Ausziehen! Das ist ein Befehl.“ „Ich bin nackt.“ Sie kniff ein Auge zu. „Obenherum.“ Ein ihm bekannter Tatbestand, denn sie hatte ihm an diesem Tag bereits im Revier ihre Brüste gezeigt. „Frau Kriminalkommissarin, jedem, der sie nicht sehen will, zeigen Sie ihre Titten. Stellen Sie sich nicht an.“ Ohne ein Wort des Murrens öffnete sie mit der Rechten den Reißverschluss,

während sie mit der Linken das Kleid an ihren Oberkörper presste. „Fallen lassen!“ „Chef?“ Das Bandeaukleid glitt ihr um die Füße. „Zurückkommen. Ohne umdrehen!“ „Dann muss ich auf das Kleid treten.“ „Tun Sie es!“ Sie machte einen Schritt rückwärts. „Zurück!“ Herbert ging auf die Knie, lüftete den Stoff und betastete eine Delle im Teppich. Er zwirbelte seinen Schnauzer. „Wie kämen Sie zu mir, ohne einen Fußabdruck zu

hinterlassen?“ „Barfuß?“ „Dann machen Sie schon.“ Monika schritt zurück zum Sofa. Beim Zurücktreten schlüpfe sie aus den rechten weißen Pumps und stellte den befreiten Fuß hinter den anderen. „Zurück!“ „Was soll das?“ „Abwarten.“ „Wieder ein Abdruck“, flüsterte er. „Wie kommen Sie aus der Situation?“ „Über das Sofa klettern.“ „Ausführen!“ Erneut am Sofa angelangt, hob Monika ihr rechtes Bein. „Mit Schuh!“, befahl

Herbert. „Bin ich beim Ballett?“, zürnte sie, stieg in den Pumps, hob umgehend erneut das Bein. Monika berührte, streifte mit dem Absatz die Rückenlehne des Sofas, da pfiff er sie zurück und reichte ihr die Lupe. „Sind Kratzer auf dem Samt?“ Sie beäugte den Stoff. „Nein!“ Herbert winkte sie heran. „Sehen Sie da vorn bei der Ottomane die Fußspuren.“ Sie nickte. „Stellen Sie sich daneben auf den Teppich!“ „Die Tiefe passt“, zischte er. „Strumpfhose aus! Keine Widerrede.“ Sie streifte ihre weiße Strumpfhose über ihre Beine. „Hat sowieso eine

Laufmasche“, konterte sie und schleuderte das Beinkleid auf die Rückenlehne der Couch. Herbert kroch zwischen ihren Füßen. „Bingo!“ Monika umschlang ihren Bauch und rubbelte mit den Händen über ihre Taille. „Mir wird kalt.“ „Wir sind gleich am Ende. Setzten sie sich auf das Sofa, an der Stelle, an welcher die Schuhabdrücke enden.“ Monika zuckte mit den Achseln und tappte einen Schritt vor. „Nicht da lang!“ Er deutete auf die der Vitrine gegenüberliegende Wand, an der ein Fernseher hing. „Dort, wo die Hammelherde lang gestampft

ist.“ „Das Sofa ist der Tatort“, gab Monika zu bedenken. Herbert schritt zum Esstisch, zog die Wachstischdecke ab. „Legen Sie die Decke darauf.“ Tamban fiel vor Monika auf die Knie. „Geben Sie mir ihre Strumpfhose.“ Sie streckte sich, erfasste die Hose und reichte diese ihrem Boss. Er knüllte sie, presste die Strumpfhose an ihre Brust. „Herr Kriminaloberrat?“ Ohne auf ihren Einwand einzugehen, warf er das Knäuel zu seiner Rechten, begutachtete die Fundstelle, führte das

Gleiche zur Linken aus. Dann schwang er seinen Kopf von einer Schulter zur anderen. „Strecken Sie ihre Beine nach vorn.“ Ohne ein Murren kam sie seinem Verlangen nach. Herbert beugte sich über sie, packte an ihren Slip. „Es reicht!“ Sie rümpfte die Nase. „Haben Sie getrunken? Sie riechen nach Alkohol. Sie sind im Dienst.“ „Wenn? Geht Sie das nichts an.“ Herbert atmete tief ein, sah sie mit einem Dackelblick an. „Ich schließe die Augen.“ „Wozu machen Sie das?“, fragte Monika, dabei verdrehte sie die Augen. „Ich versuche, den Tathergang

nachzustellen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich schau nicht hin.“ „Wirklich?“ Er hob den rechten Arm und bildete mit Zeige- und Mittelfinger ein V. „Ich schwöre.“ Herbert zwirbelte seinen Schnurrbart. Sie zickte, dabei hatte er für diesen Mordfall gelitten. Finstere Mächte saugten ihn in tiefste Abgründe und sie stellte sich wegen eines Stückes Stoff an. Er erfasste erneut ihren Slip, zerrte ihn über ihre Beine, dann warf er diesen über seine Schulter. Ohne Monika eines Blickes zu würdigen, sprang er auf, schritt um den Wohnzimmertisch und betrachtete die Stelle, an der die

Unterwäsche gelandet war. „Sie können sich anziehen.“ „Mein Slip?“ „Bekommen Sie später.“ Die Hände an ihre Taille gepresst, die Füße schulterbreit getrennt, positionierte sie sich vor Herbert. „Sie sind pervers!“, kommentierte Monika. Sie senkte ihren Kopf, dann wandte sie ihr Gesicht der gardinenlosen Terrassentür zu. „Ups!“ Die eine Hand vor ihre Scham, die anderen zum Schutz auf ihre Brüste, eilte Monika aus dem Wohnzimmer. Herbert stieß mit dem Fuß an den sandfarbenen, samtbespannten, tageszeitungsbreiten Hocker, auf dem der

Slip ruhte. Dann spähte er unter den schuhkartonhohen, mausgrauen Tisch. Seine Hand glitt unter dessen Platte. Er holte ein Paar orangerote Pumps hervor. Nicht das, was er erwartet hatte. Er sah sich um, ging zur Terrassentür, beugte sich zuerst vor, betastete anschließend vier in einem Quadrat angeordnete Abdrücke. Das Gesicht zu den Spuren gewandt, ergriff er den Hocker und platzierte dessen Füße auf die Marken. „Passt!“, flüsterte er. „Was haben wir denn da?“ Keine Unterwäsche hatte sich unter dem Möbel versteckt. Ein altrosa Rock sowie eine weiße ärmellose Rüschenbluse kamen zum Vorschein. Beide

Kleidungsstücke waren mit Blut verziert. „Merkwürdig?“ Tamban öffnete die Terrassentür, zumindest versuchte er es. Der Hocker versperrte den Weg. „Diese dämlichen Leichenträger!“ Die Stirn gerunzelt, die Augenbrauen zusammengezogen schritt er zum Sofa, faltete die Tischdecke zusammen, durchstöberte penibel alle Spalten der Sitzlandschaft. „Frau Ferigart“, rief Herbert durch das Reihenhaus. „Wo sind Sie?“ „Oben!“, erklang es gedämpft im Erdgeschoss. Tamban stieg jeweils zwei Stufen

nehmend die Treppe herauf. „Wo genau?“ „In dem Raum, in dem Sie bisher nie waren. Ich muss Ihnen etwas zeigen.“ Herbert trat ein, war bereits beim ersten Blick verwundert. Ein purpurrotes mit Samt überzogenes, sowie mit Kissen übersätes französisches Bett dominierte den Raum. Ein cremeweißer Flokati lang wie ein Mann hoch lag vor der Spielwiese. Tamban wandte den Kopf nach rechts, erblickte sein Spiegelbild. Eine Schuhspitze, welche sich zu einem blutroten Lackstiefel verformte, kroch hinter der Schranktür hervor. Ein Busen, prall verpackt in einem tiefschwarzen Lackbody, linste ihm entgegen. Der

zweite Overknee-Stiefel landete im Grätschsprung neben dem Ersten. Die Riemen einer Peitsche klatschten auf ihre behandschuhten Finger. „Bestrafung?“, knurrte Monika, sodass ihre Augenmaske vibrierte.

Coitus interruptus

Herbert erhob sich, zog dabei den Bund seiner Hose herauf. Wie ein Mann, welcher an den Qualen des Alltages zerbrach, wandte er sich um. Er ergriff mit der Rechten die Klobürste, betätigte mit der Linken die Spülung, rührte den Wasser-Kot-Brei, bis das Becken sich klärte, der Edelstahl frei von Rückständen glänzte. Er hing die Bürste zurück in ihren Halter. Mit einem Ruck drehte er sich um seine Körperachse, krallte die Zehen in seine senkellosen Schuhe und schlich über den mausgrauen Beton. Die eine Hand am Bund der Hose, streifte er das

Metallgestell der Liege, stützte sich kurz auf den tageszeitungsgroßen Klapptisch ab und wandte seinen Kopf dem Fenster zu. Die linke Hand am Hosenbund, die Rechte am Fenstergitter reckte er sich an der Gitterstange herauf. Ein Sonnenstrahl streifte sein Gesicht. Das Scheppern des Türschlosses, das Knallen zweier Riegel echote an den Wänden der Zelle. „Herbert! Besuch.“ Die Lippen aufeinandergepresst, zischte er: „Dieter, ich habe keinen Gast gebeten, zu

erscheinen“. Er glitt an der mausgrau gestrichenen Wand herab und wandte den Kopf. Dieter hob mit einer Hand seinen gepflegten Bierbauch, mit der anderen deutete er über seine Schulter, dabei klimperten die Schlüssel des Bundes, wie die Glocke vor der Bescherung. „Der Spargel meint, er müsse dich sprechen.“ Der Gast im schwarzen Nadelstreifenanzug drängelte sich an Dieter vorbei. „Ich habe einen Auftrag.“ Mit ausladendem Schritt marschierte er auf Herbert zu, quetschte seine nussbraune Aktentasche unter die linke

Achsel und hielt Tamban die rechte Hand hin. „Maximillian Tim Mundlos. Rechtsanwalt!“ „Ich hatte einen Hund, der hieß Tim. Wackelte nur mit dem Schwanz. Mehr bekam er nicht hin. Dieter, was halten wir von Reeechtsanwäählten?“ „Nichts!“ „Die stören nur“, vervollständigte Herbert. „Wer ohne Schuld“, er wandte sich um, „braucht keinen Rechtsverdreher.“ Die Augenbrauen zusammengezogen, zwirbelte Herbert seinen Schnurrbart und baute sich vor dem ungebetenen Gast auf. „Alle Vorwürfe gegen mich sind ohne Halt. Unschuldig euer

Ehren!“ Die Worte klangen in ihm nach. Wie oft hatte er diese Bekundung gehört, bevor er den Verbrecher überführte. Maximilian Mundlos zog die Hand zurück. „Frau Ferigart sieht das genauso.“ Tamban klopfte sich auf die Oberschenkel und lachte. „Die Schlampe hat mich doch in die Bredouille gebracht.“ „Bitte!“, konterte Mundlos. Herbert winkte ab. „Was zeichnet Sie überhaupt aus?“ Er musterte ihn. „Eine Strafverteidigung mit Erfolg abgeschlossen?“ Herbert zwinkerte. „Zum Vorteil des

Angeklagten.“ Der Rechtsanwalt rieb sein Genick. „Ja!“. Er senkte seinen Kopf. „Als Junior.“ Die Mundwinkel emporgezogen, hob Herbert die Arme. „Einen Laufburschen, Dieter, hat die Ferigart mir geschickt.“ Er tippte den Juristen an die Brust. „Sie kennen meine Mitarbeiterin gut?“ Mundlos nickte. „In Persona?“ Er nickte erneut. „Wie ist sie im Bett?“ Der Rechtsanwalt lief rot an. „Äh!“ Der Milchbubi war ein Grünschnabel, sinnierte Herbert. Auf die erste

Fangfrage reagierte er wie ein ertapptes Schulmädchen. Ihm war sofort klar, dass es keine Milde von Ferigart war, ihn zu schicken. Ihn weiter reinzureißen hatte sie vor. Aber nicht mit ihm. Mundlos streckte den Hals, zupfte an seinem tiefschwarzen Krawattenknoten. „Ist aber bereits lange her“, murmelte er. Herbert starrte auf das marzipanfarbene makellose Gesicht des Anwalts. Er schmunzelte. Im Kindergarten, dachte er.


„Haben Sie was zum Schreiben?“ Mit zitternden Fingern öffnete Mundlos seine Aktentasche. „Alles bereits vorbereitet.“ Er fischte ein Dokument

aus der Tasche, legte es auf den Tisch, sodann zückte er einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Anzugjacke. In einer Tonlage, als hätte er ein Preisausschreiben gewonnen, eröffnete er: „Mandat und Einwilligung zur Akteneinsicht“. Tamban schlug sich an die Stirn. „Sind Sie komplett übergeschnappt!“ Der junge Mann senkte seinen Kopf. „Einsicht in die Ermittlungsakte“, erboste sich Herbert. „Ich bin Bulle. Was glauben Sie, wird der schmierige Arsch von Oberstaatsanwalt daraus machen?“ „Keine Ahnung“, flüsterte Mundlos und wandte sich zu Herbert um. Tamban legte ihm die Hand auf die

Schulter. „Junge, hör mal zu! Ich bin Bulle, habe meine Seilschaften. Der Staatsanwalt ist dämlich, aber nicht doof.“ Er blinzelte „Verstehst!“ „Ja“, murmelte Mundlos. „So! Jetzt schreib!“ Herbert tippte an seine Unterlippe und der Rechtsanwalt, den Kugelschreiber im Griff, beugte sich über den Tisch. „Rinderroulade.“ Mundlos sah über seine Schulter und hob den linken Mundwinkel. Die Augenbrauen zusammengekniffen, zielte Tamban mit dem rechten Zeigefinger auf ihn. „Schreiben! Rosenkohl, Bratkartoffeln“, er leckte über seine Oberlippe, „einen guten

Roten. Bringen Sie diese Bestellung meiner Gemahlin, aber mit Zack. Ich verabscheue kaltes Essen.“ Das linke Auge zugekniffen, knetete Mundlos sein Kinn. „Soll ich mich für Sie einsetzten? Gibt es hier“, er schwang seinen Kopf, „nichts zu essen.“ Die Luft aus den Lungenflügeln quetschend, schlug sich Herbert auf die Schenkel. „Dieter, hast du das gehört. Der Jüngling meint, man foltere mich.“ Er drehte die Spitze seines Zeigefingers an seiner Schläfe. „Höllenqual wäre es, das Zeug zu sich zu nehmen.“ Dieter fasste sich an den Bauch, beugte den Oberkörper und blähte seine Wangen.

„Ich will mich nicht vergiften.“ Herbert beäugte sein Gegenüber. „Was von Resozialisierung gehört?“ Der Anwalt nickte. Tamban wies mit dem Daumen auf die Zellentür. „Alles Knackis hier in der Kantine.“ Dieter nickte. „Der Chefpanscher Giftmörder.“ Herbert atmete tief ein. „Habe ihn vor Jahren überführt.“ Mundlos fasste sich an den Bauch und erblasste. Herbert klopfte dem Anwalt auf die Schulter. „Von einem Todesfall habe ich noch nichts gehört, aber

…“ „Diese Magenkrämpfe“, fiel ihm Dieter ins Wort. Der Advokat schnappte sich seine Aktentasche, bedeckte seinen Mund und rannte aus der Zelle. Dieter schritt auf Tamban zu und wies mit dem Daumen über seine rechte Schulter. „War das mit dem Kleinen nicht übertrieben?“ Herbert griente. „Warum?“ Er buffte dem Freund in den Bierbauch, zwirbelte seinem Schnauzer. „Habe ich Günter überführt, ja oder nein?“ „Ja!“ „Kam das halbe Dezernat nicht vom Klo

runter?“ „Na ja, das mit dem Abführmittel fand ich ebenfalls nicht berauschend“, bestätigte Dieter und strich sich über sein Gesäß. „Hat er gesessen?“ „Jugendstrafe! Vor hundert Jahren. Hat Katzen vergiftet.“ „Die Küchenhelfer sind?“ „Freigänger“, beantwortete Dieter. „Bloß die Sache mit der Kantine meinte ich nicht. Eher, inwieweit du ihn in seiner Berufsehre ... du weißt schon.“ „Er ist ein Grünschnabel“, Herbert leckte über seine Oberlippen, „aber mit Potenzial.“ „Okay. Aber woher wusstest du, dass er

in der Kantine gegessen hat?“ „Der Fleck an seiner Krawatte, die roten Schmierstreifen auf seinem Hemd verrieten es mir. Gab es heute nicht Spaghetti Napoli?“ „Herbert, Herbert, deinen Spürsinn möchte ich haben!“ Dieter schwang seinen beleibten Oberkörper. „Meinst du nicht, ein Rechtsanwalt könnte dir in deiner Lage helfen?“ Herbert zog die Augenbrauen zusammen. „Bist du der Ansicht, ich bin schuldig?“ „Nein!“ Tamban blinzelte ihm zu. „Du heckst was aus?“ Den rechten Zeigefinger gekrümmt, klopfte Herbert an sein Kinn. „Ich weiß,

wer der Mörder ist. Nein! Die Täter, es sind mindestens zwei.“ „Sag!“ Herbert strich über seinen Mund, als schlösse er einen Reißverschluss. „Mir fehlen die Beweise.“ Er schlug dem Freund auf die Schulter. „Komm, hol ein Blatt und deinen Praktikanten. Dann dröschen wir einen gepflegten Skat, bevor der Rechtsverdreher uns das Mittagsessen

bringt.“

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ahorn

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PuckPucks Hey Ahorn, da du deinen Text nicht unter "Humor und Satire" geschrieben hast, nehm ich dich jetzt mal ernst und geb dir einen Tipp: Wenn's gut läuft, entbindet dich eine Prostata-OP von weiterem, lästigen Samenerguß. Das freut bestimmt auch die Damenwelt.
Grüße
Judith
Vor ein paar Monaten - Antworten
ahorn Hey Puckpucks, habe gestern an dich gedacht - deinen Text gelesen. Da ich davon ausgehe, dass du, du bist ;)
Dachte mir, schau mal rüber. Mehr als Voyeurist als Aktivist, dennoch konnte ich es mir nicht verkneifen, eins, obwohl es bereits betagt, meiner stümperhaften Werke hochzuladen. Es ist eben bald Weihnacht ;)
Zur OP:
Na ja, ich weiß nicht, ob es 'Chris' weiterhilft. Wo nichts ist, kann ja nichts kommen.

Liebe Grüße
Ahorn
Vor ein paar Monaten - Antworten
PuckPucks Ich konnte nicht glauben, dass du das wirklich bist, Ahorn! Mein Krimi-Helfer. Wirst du der Leselupe abtrünnig? Also, dein Start war wirklich nicht geglückt ;o) Weshalb? Du hast es doch drauf. Versuchs doch noch mal; diesmal ohne Chris ;o)
Liebe Grüße
Judith
Vor ein paar Monaten - Antworten
ahorn PuckPuck, untreu nie und nimmer. Ich als Erbsenzähler ;).
Jedoch bin ich niemand, der in irgendeiner Blase lebt oder glaubst du, dass ich mich einseitig ernähre. Ich lese eben gern - der Hinweis bekam ich von dir - und dann juckt es mir halt in den Fingern, egal welche Wellen mir entgegenschlagen. Vielleicht weißt du, was ich meine :) .
Schreiben hat mit Leidenschaft zu tun. Leiden, schafft ;).

Liebe Grüße
Ahorn
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Uli gebührt mein Respekt! Er hat Dein Werk tatsächlich bis Seite 5 gelesen? Also ich habe es nur bis zur Seite 2 geschafft. Das hat mir völlig gereicht ...
Vor ein paar Monaten - Antworten
ahorn Auch ich zolle dir Respekt, dass du zwei Seiten geschafft hast. Schande auf mein Haupt. Ich habe ganz vergessen, den Vortext-Klappentext vor den ersten Teil zu stellen. Denn ohne diesen macht der Anfang des zweiten Teils keinen Sinn.
Allerdings eins gelingt mir nicht, das erste Kapitel - ausgenommen vom letzten Absatz - in Kursiv zu stellen (Monolog).
Muss sich eben der Leser denken.

Gruß
Ahorn
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Sorry, aber in diesem Fall geht es nicht um einen Vortext/Klappentext/Text kursiv geschrieben.
Bist Du so dickfellig oder verarscht Du mich?
Was ich gelesen habe ist einfach schlimm, muss ich nicht haben. Prostata Operation ... gute Idee ... überleg's Dir noch mal ...
Vor ein paar Monaten - Antworten
Lagadere 

Danke für den Tipp, dass Teil 2 draußen ist (s. Teil 1).
Wäre aber nicht nötig gewesen; man kann das in den Einstellungen so einrichten, dass man mit einem Klick die Neuerscheinungen sehen kann.
Man klickt auf: "Bücher" und schon liegen sie vor einem. Bücher von Drehpunkt, aber auch richtige Texte.

Ich bin jetzt nur bis Seite 5 gekommen - mal schauen, wie es zeitlich passt. Denn bald ist Dezember! Dann kommen die Roh-Fassungen von Lunas Homo -Porno-Romanen!
Man kann also die Leseproben UND die Romane ignorieren!
Das lasse ich mir auf keinen Fall entgehen!

Werd wohl zwischendurch mal hier stöbern, denn Erkenntnisse wie die, dass es schon deswegen vorteilhaft ist, mit Frauen zu schlafen, damit man sein Ejakulat nicht selber beseitigen muss, erweitern ja auch MEIN Bewusstsein und zeugen zudem von einer tiefen sittlichen Reife, die genauso bemerkenswert ist wie deine sensible Einstellung dem anderen Geschlecht gegenüber!

Vielleicht schaffe ich jeden Tag eine Seite - dann müsste ich im Sommer durch sein.

LG Uli

Vor ein paar Monaten - Antworten
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