Kurzgeschichte
Auf der Bank ...

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"Auf der Bank ..."
Veröffentlicht am 25. November 2021, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Auf der Bank ...

Auf der Bank ...

Auf der Bank




Aus zufälliger Begegnung

wurde eine wunderbare

Freundschaft.





Kurzgeschichte

von Valerina




Wenn ich Feierabend habe, nehme ich

meistens den Weg durch den Park. Dann schiebe ich mein Rad und manchmal setz ich mich dort noch auf eine Bank, um ein wenig abzuschalten und einem entspannten Abend entgegen zu schlendern. So auch heut. „Darf ich mich zu ihnen setzen?“ fragte ich einen älteren Mann, der in einem Rollstuhl saß und diesen so geparkt hatte, als wäre es eine Verlängerung der Bank. Er war wohl in Gedanken versunken, antwortete nicht, aber nickte kurz. Um nicht so stumm dazusitzen sagte ich:

„Schönes Wetter heut“.


Es kam wieder nur ein Nicken. Nachdem wir wohl so ungefähr zwanzig Minuten schweigend nebeneinander saßen, stand ich auf, wünschte ihm noch einen schönen Tag und ging meines Weges. Ein paar Tage später sah ich ihn wieder neben der gleichen Bank sitzen. Irgendwie zeigte sich mir ein sehr trauriges Bild, er wirkte so verlassen und das berührte mich sehr. So begrüßte ich ihn freundlich, aber es kam wieder nur ein Nicken. „Ich kann mich auch woanders

hinsetzen, wenn sie lieber allein sein wollen." Da schaute er mich an und


sagte: „Ach, bitte setzen sie sich doch.“

Ich lächelte ihm zu und er nickte wieder. Schweigend saßen wir da. Dabei unterhalte ich mich wirklich gern, aber irgendwie fanden die Worte mich nicht. So wünschte ich ihm einen schönen Abend und machte mich auf den Heimweg. „Auf Wiedersehen“, sagte er. Ich freute mich sehr, schaute ihn an und sagte: „Ich bin Valeri, auf Wiedersehen“ Tage später, sah ich ihn schon von

weitem wieder neben der Bank sitzen. Eigentlich wollte ich mich heut beeilen, nach Haus zu kommen, da dort viel


Arbeit auf mich wartete.

So wollte ich grüßend an ihm vorbei gehen. „Hallo“ sagte er, "Schönes Wetter heute, wollen sie sich nicht ein wenig setzen?"

Da konnte ich natürlich nicht widerstehen, so viele Worte hatte er ja noch nie gesagt. „Wie geht’s denn?“, fragte ich. „Ach, heut ist ein guter Tag“ sagte er. „ Meistens bin ich ja sehr traurig, aber heut geht’s mir gut.“ „Warum sind sie denn traurig?“ Da fing er zu erzählen an: „Ich bin Gustav und wohne drüben im Seniorenheim. Als

meine Frau noch da war, hatten wir ein



schönes Leben in unserem kleinen Haus

mit Garten und unserem Hund Lausbub. Nun aber bin ich allein. Anfangs kamen die Kinder noch öfter mal vorbei. Aber das ist immer seltener geworden. Abgeschoben haben sie mich, als ich ihnen unser Haus überschrieb. Nirgendwo fand ich ein Heim, in das ich auch meinen treuen Hund mitnehmen konnte. Ich bettelte meinen Sohn, dass der Hund bei ihnen leben dürfte, doch seine Frau war dagegen und so musste mein guter alter Lausbub auch ins Heim.“ Er tat mir unendlich Leid und weil es schon spät geworden war,

begleitete ich ihn noch bis an die


Eingangstür vom Haus Carolinenhof. „Bis bald“ sagte ich, „wir sehen uns wieder.“ Es waren ungefähr drei Monate, in denen wir uns oft sahen. Einmal lud er mich ein, mit ins Heim zum Kaffee trinken zu kommen. Seine Augen strahlten, als ich ihm sagte, dass ich gern mit komme. Im Sommer hatte ich ein paar Tage frei, ein kleiner Kurzurlaub nur. Da gingen wir jeden Tag spazieren und erzählten uns viel. Aus unserer Bekanntschaft wurde Freundschaft. Wenn schlechtes Wetter war, gingen wir



ins Kaffee vom Heim, auch manchmal zu mir.

Der Sommer verging, es wurde Herbst.

Schon drei Tage hielt ich vergeblich

nach ihm Ausschau. Da ich anfing mir

Sorgen zu machen, ging ich in den Carolinenhof um nach ihm zu schauen. Gustav ist vor zwei Tagen friedlich eingeschlafen. Am Donnerstag ist die Beisetzung auf dem Altstadtfriedhof. Als ich mich auf den Weg machte, um an der Beerdigung teil zu nehmen, liefen mir die Tränen. Ich stellte mich ein


wenig abseits und als alle gegangen waren, legte ich ihm einen Strauß

Margeriten aufs Grab, die Lieblingsblumen seiner Frau.


Immer, wenn ich Sehnsucht nach meinem väterlichem Freund habe, besuche ich ihn. Dann setze ich mich auf eine Bank, von der aus ich direkt auf das Grab von Gustav schauen kann und fühle mich ihm so nahe, als säße er neben mir.

Manchmal, wenn ich die Augen schließe, höre ich seine Stimme und sein Flüstern. Die schönsten Worte, die mir jemals gesagt wurden. "Valeri, dein Herz ist voller Margariten"



Und letztens, als ich wieder bei ihm auf der Bank saß, riss er mich aus meinen Träumen.


„Gib Kette Mädel, es gibt gleich ein Gewitter“ Ja, ja, ich geh ja schon ...

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Valerina

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Enya2853 Eine Geschichte, die das Herz berührt, liebe Valeri, traurig und hoffnungsvoll zugleich. Danke dafür.
Wenn man offen ist für andere Menschen, wenn man sehenden Auges durch die Welt geht, dann können solche (scheinbar zufälligen) Begegnungen das Leben reicher machen.

Es ist eine traurige Wahrheit, dass Menschen abgeschoben werden, wenn sie alt sind - viel zu oft.
Wie gut, dass Gustav dir gegenüber seine Sprachlosigkeit aufgegeben hat.

Liebe Grüße
Enya
Diese Woche - Antworten
Valerina 
Vielen Dank, liebe Enya, für deinen schönen Kommentar
und deine Geschenke. Ich feue mich sehr.

Liebe Grüße
Valeri
Diese Woche - Antworten
Nereus Eine traurige Wahrheit, liebe Valerina,
wenn den Kinder ein Dollarzeichen in den Augen wächst zerbricht jede Familie.
Deine Erzählung ist wie aus dem Leben geschrieben
So ist es oftmals.
dankend lieben Gruß
markus
Diese Woche - Antworten
Valerina 
Ja, lieber Markus,
zuerst war Gustav glücklich, als die Kinder zu ihm zogen
und er begnügte sich mit einem kleinen Zimmer.
Bis sie anfingen ihm ein Prospekt nach dem anderen von Seniorenheimen auf den Tisch zu legen.
Vielen Dank für alles, ich freue mich.
Lieber Gruß
Valeri
Diese Woche - Antworten
Brubeckfan Liebe Valerina,
das war eine schöne Geschichte für "sie" und "ihn", mit Kichern ganz am Ende. Und Du hast sie schön gestaltet, z. B. dieses stückweise Annähern.
Viele Grüße!
Gerd
P.S.
Gerade beim Lesen Deiner Geschichte kam hier die Sonne kurz hervor.
Diese Woche - Antworten
Valerina 
Lieber Gerd,
schön, dass du über diesen Spruch kichern konntest :-)
Ja, so war er, mein väterlicher Freund.
Und die Sonne musste ja raus kommen, weil sie sah, wie sehr ich mich über die schönen Kommentare hier freue.

Lieber Gruß
Valeri
Diese Woche - Antworten
AngiePfeiffer Auch ich bin ganz ergriffen von dieser Geschichte. Wunderschön und gut erzählt!
Liebe Grüße
Angie
Diese Woche - Antworten
Valerina 
Danke, meine liebe Angie,
dein Lob freut mich sehr.
Ich wünsch dir einen schönen 1. Advent.

Lieber Gruß
Valeri
Diese Woche - Antworten
FLEURdelaCOEUR Liebe Valeri, auch ich habe deine Geschichte sehr gern gelesen. Sie hat mich nachdenklich gemacht.

Liebe Grüße
fleur
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Valerina 
Ja, so etwas kann wirklich nachdenklich stimmen, liebe fleur.
Lieben Dank für alles.

Lieber Gruß
Valeri
Diese Woche - Antworten
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