Journalismus & Glosse
Wetten Dass...? - Oder: Die Imitation des Gestern

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"Meine Gedanken zur (eventuell) einmaligen Rückkehr dieser Sendung am 6.11.2021"
Veröffentlicht am 07. November 2021, 16 Seiten
Kategorie Journalismus & Glosse
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Die Pflicht des Menschen ist seine stetige Vervollkommnung. Ich versuche dies jeden Tag ein klein bisschen, zumindest wenn es durch Bücher geschieht.
Meine Gedanken zur (eventuell) einmaligen Rückkehr dieser Sendung am 6.11.2021

Wetten Dass...? - Oder: Die Imitation des Gestern


Am 6.11.2021 war es soweit: der ehemalige Panzerkreuzer Potjemkin der Samstagabendunterhaltung feuerte wieder aus allen Rohren. Wetten Dass…? mit Thomas Gottschalk war wieder zurück. Das hatte das ZDF Gottschalk zu seinem 70. Geburtstag versprochen. Es versammelt sich eine Fernsehnation vor dem wärmenden Feuer des Fernsehers zur besten Sendezeit. Die mittlerweile bekannten Quoten zeigen, dass fast 50% erreicht worden sind und mehr als 14 Millionen Zuschauer. Kann man sich noch daran erinnern, wann das in der neueren Zeit jemals so war, als nicht nur

ein Angebot von diversen anderen Fernsehsendern existierte, sondern auch die Angebote der vielen Streaming-Anbieter? Der Herbstblonde macht das, was er am besten kann. Er moderiert konzeptlos und allein auf sein Timing und das Gespür für den Moment vertrauend. Gottschalk kann in den besten Momenten dieses Abends tatsächlich zeigen, dass seine Schlagfertigkeit immer noch tragen kann. Beispielsweise, als ihm Michelle Huntziker, die an diesem Abend eigentlich „nur“ Gast ist, aber sich kurzerhand wieder zur Co-Moderatorin aufschwingt, in spontaner Manöverkritik vorhält, dass er zur Sängerin Zoe Wees

auf Englisch gesagt hatte, dass sie Hamburgerin ist und dabei breit „Hamburger“ gesagt hatte. Das klang verdächtig, als hätte er da Fast Food angesprochen. Seine spontane Reaktion: „Es ist ja auch unhöflich eine Frau als Cheesburger anzusprechen!“ Es ist den ganzen Abend, als würde man eine alte DVD ansehen mit Aufnahmen von vor 10 Jahren. Es wird zu Anfang der Herr Bürgermeister begrüßt. Das Korsett der Show sitzt so eng, wie immer. Wette, prominente Gäste, die meist neue Produktionen bewerben, Sänger, ein Disney-Musical, diesmal „Die Eiskönigin“, müssen sein. Auch die Wetten lesen sich wie ein Best-Off der

Show selbst. Da ist die Tierwette mit dem deutschesten Hund aller Zeiten, denn der kann Müll recyceln. Leider kommt er nicht aus dem Schwabenland, denn dann hätte er auch noch „Kehrwoch“ gemacht. Ein sportlich aufgewecktes Kind, welches sich durch die Halteschlaufen einer U-Bahn bewegen kann. Ein weiterer Kandidat, der Dartpfeile auf eine Weltkarte wirft und damit Länder trifft, die er nicht sieht. Die Außenwette ist wie immer spektakulär, bei der Feuerwehrleute ein Kart mit ihren Wasserstrahlern antreiben und es damit schneller über eine Tartanbahn bugsieren, als eine Bestenauslese der Mixed-Staffel aus

Österreich. Skurril wird es, wenn zwei junge Frauen sichtlich überdreht Lieder anhand der Schrubbgeräusche der Klobürste erkennen. Am Ende kommt dann auch noch das, worauf die Fernsehnation gewartet hat: die obligatorische Baggerwette! Und bei den Gästen bleibt man ebenfalls beim Altbewehrten. Helene Fischer, die immer große Show machen kann und auch auf der Couch immer sympathisch wirkt und brav ihrem Publikum dankt. Benny und Björn von ABBA sind auch da, weil auch ABBA mit einem neuen Album nach 40 Jahren zurück sind. Show-Dinos geben sich die Klinke in die Hand. Auch sind wieder

Schauspielerinnen und Schauspieler mit von der Partie. Heino Ferch, der von Gottschalk auch schon als Urgestein präsentiert wird und seine junge Kollegin Svenja Jung. Es geht um den neuen Mehrteiler „Friedrichstadtpalast“, in dem beide mitspielen. Und auch der „Panikrocker“ Udo Lindenberg ist Es kommt aber zwischenzeitlich zu Momenten der Brechung. Momente, in denen man plötzlich in die Realität zurückgeholt wird und sich gewahr wird, dass seitdem das Show-Schlachtschiff an der eigenen Überholtheit gescheitert ist, einige Zeit ins Land gegangen ist. Joachim Winterscheid und Klaas Heufer-Umlauf werden von Gottschalk zwar

immer noch ein wenig so anmoderiert, als wären sie die frische neue Hoffnung des Fernsehens. Beide weisen aber auch direkt darauf hin, dass sie bereits eine beachtliche Zeit allein und zusammen das Fernsehen durchaus mitgeprägt haben. Es wird auf die 15-Minuten verwiesen, in denen sie die Möglichkeit haben ernste Themen zu behandeln. „Männerwelten“ aus dieser Reihe, maßgeblich von Autorinnen wie Sophie Passmann gestaltet, errang einen Grimme-Preis. Da war „Gosling-Gate“, in dem die beiden mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern Preis-Großveranstaltungen und deren stupide Regeln gnadenlos aufdeckten und somit

maßgeblich an deren Dekonstruktion mitwirkten. Da spürt man, dass man hier bei etwas dabei ist, was nicht mehr in diese Zeit passt. Und dann bricht sich die Realität noch einmal Bahn in Gestalt von Svenja Jung. Jung ist Jahrgang 1993 und gehört damit wie ich zu der Generation, die miterlebte, wie die EU gegründet wurde, als in der Nachwendezeit alles möglich schien, dass Internet flächendeckend wurde, irgendwann jeder ein Smartphone hatte und wie das war, als man am Samstag ausnahmsweise lange aufbleiben durfte, weil Wetten Dass…? lief. Aber natürlich auch, dass die Zeit der Streaming-Dienste und nichtlinearen

Fernsehangebote in vollem Gange ist. Sie verweist darauf, dass Klaas Heufer-Umlauf ja auch eine eigene Serie hat („Check, check“) und outet sich als Fan. Der Angesprochene verweist süffisant darauf, dass man die Serie auf der Streaming-Plattform „Joyn“ sehen kann. Ja, da ist diese bereits zu Grabe getragene Riesenshow, aber die Welt hat sich weitergedreht. Und trotzdem ist es diese verdammte Nostalgie, die einem das alles gebannt verfolgen lässt. Die Freude, Frank Elstner noch einmal zu sehen, der mit seiner Ruhe und kindlichen Wissbegieride die Baggerwette moderiert. Elstner ist erkennbar von

seiner Parkinson-Erkrankung gezeichnet. Mittlerweile hat er mit der Sendung „Wetten, dass war’s“ einen großherzigen Abgesang auf sich selbst geschaffen, in dem er u.a. Lena-Meyer Landruth mit der ihm eigenen herzerwärmenden Art nicht interviewt, sondern ein Gespräch mit seinen Gästen führt. Es ist auch diese Nostalgie, die Gottschalk in seinem natürlichen Habitat anerkennt. Da sieht man für mehr als drei Stunden plötzlich darüber hinweg, dass Gottschalk sich teilweise desaströs zu PoC und Diskriminierung von Minderheiten öffentlich geäußert hatte (in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“). Auch die zwischenzeitliche

komplette Verpeiltheit von Gottschalk wird zur Nebensache. Er weiß nicht den Namen der Kandidatinnen, wirkt bei der Übergabe der Blumensträuße am Ende erschreckend orientierungslos und in den Schlussworten irgendwie verloren. Aber es war die seichte Unterhaltung, die wir manchmal auch brauchen, die man uns an diesem Abend passend lieferte. Und ich mag nicht glauben, dass Helene Fischer da nicht wirklich ergriffen war, angesichts eines Publikums, wie man es in der aktuellen Pandemie lange nicht gesehen hatte. Geradezu absurd und auch aus der Zeit gefallen ist auch der Moment, als Michelle Huntziker bei der Kinderwette im Vorfeld die Eltern im

Publikum interviewt. Da sitzen sie dicht an dicht, ohne Maske, ohne Abstand, als gäbe es gar keine Corona-Pandemie. Dieses mitreißende Gefühl erfasst auch das Publikum, was komplett mitgerissen ist, vom ersten bis zum letzten Moment. Im Publikum sitzen auch Katharina Karg, Bookerin bei der Florida Entertainment, Jacob Lundt, Produzent u.a. der von Klaas moderierten Late Night Berlin und auch Thomas Schmitt, einer der Geschäftsführer der Florida Entertainment. Bei den dreien handelt es sich also um ausgewiesene Experten des Fernseh-Genres. Schmitt und Lundt haben mit den diversen Produktionen der letzten Jahre das Fernsehen selbst

tüchtig auf links gedreht. Und doch sitzen sie beseelt vom Geist dieses Abends im Publikum und klatschen begeistert. Keine ironische Brechung, keine Doppelbödigkeit. Wahrscheinlich spüren sie die Welle der Nostalgie, die kollektiv das Publikum in der Halle und an den Fernsehgeräten erfasst. Und dann ist die Show vorbei, man spürte nicht, wie die Zeit verging. Und trotzdem ist klar: Wetten Dass…? darf wie der Fliegende Holländer, immer mal wieder aus den Tiefen auftauchen, wenn man das will, aber nicht regelmäßig, denn diese Art der Samstagabend-Unterhaltung ist tot und allein die Nostalgie trägt auf Dauer nicht, auch

wenn es eine schöne Reise in eine Zeit war, die viele als „besser“ verklären, die es aber nie war.

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RogerWright
Die Pflicht des Menschen ist seine stetige Vervollkommnung. Ich versuche dies jeden Tag ein klein bisschen, zumindest wenn es durch Bücher geschieht.

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Bleistift 
"Wetten Dass...? - Oder: Die Imitation des Gestern..."
Ich habe an einen Aufguß mit alten, gamligen Teebeuteln zum Glück
keine Zeit verschwendet... ...smile*
Nebenbei, wer immer nur im Gestern stehen bleibt,
der wird das Morgen niemals sehen...
LG
Bleistift :-)
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MerleSchreiber Wir haben heute Nachmittag am Kaffeetisch mit Kindern und Enkelkindern fast exakt dasselbe besprochen, was ich jetzt bei dir lesen konnte. Deine und unsere Sichtweise ist ganz ähnlich. Wobei die nostalgische Sendung bei der jungen Familie noch besser angekommen ist, als bei meinem Mann und mir.
Apropos Nostalgie: Gerne erinnere ich mich an meine erste Storybattle Teilnahme (15. Storybattle) vor fast 10 Jahren und die darauf folgende Juryarbeit mit MysticRose und Dir. Und was für "Wetten dass" gilt, gilt auch für das Battle: Es war zwar früher nicht per se alles besser, aber doch irgendwie saugut!
Und Deine Schreibe gefällt mir!
Herzliche Grüße von Merle
Vergangenes Jahr - Antworten
RogerWright 1. Danke für den Kommentar. Ja, die Gefühle hatten wohl einige Menschen, zumindest wenn man den verschiedenen Kommentaren in den Zeitungen Glauben schenken will.

2. Ist das echt schon so lange her? ;-) Wie die Zeit verfliegt.
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