Romane & Erzählungen
Afghanistan

0
"Afghanistan"
Veröffentlicht am 11. Oktober 2021, 6 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: aleshin - Fotolia.com
http://www.mystorys.de
Afghanistan

Afghanistan

Titel

Afghanistan ‚Äď und kein Ende

Seit einigen Monaten beherrschen Berichte aus dem fernen Afghanistan die Schlagzeilen. Nach einem jahrelangen Krieg hat dort ein Terrorregime die Macht √ľbernommen. Es herrscht bitterste Not, die Menschen haben nicht genug zu essen und auch die gesundheitliche Versorgung sowie die Infrastruktur liegen im Argen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele junge Menschen an Flucht denken. Seit der Flughafen geschlossen wurde w√§lzen sich lange Schlangen zu den wenigen Grenz√ľberg√§ngen ins benachbarte Ausland. Auch dort lebt man nicht im √úberfluss und ist daher √ľber die Besucher aus dem Umland nicht gerade erfreut. Fl√ľchtlinge ‚Äď den bitteren Beigeschmack dieses Wortes habe ich in meiner Kindheit am eigenen

Leib versp√ľrt. Auch in unserem Land gab es Krieg. Als er sich seinem Ende n√§herte und die Front immer n√§her r√ľckte, fl√ľchtete meine Mutter mit uns zwei Kindern weiter weg in vermeintlich sicheres Gebiet. Die Firma, bei der mein Vater bis zu seiner Einberufung besch√§ftigt war, hatte einige Lastwagen zur Verf√ľgung gestellt und so ging es eines Morgens los. Nach vielen Stunden Fahrt auf einem kalten zugigen Lastwagen waren wir in einem fremden Land. Wir fanden freundliche Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden und die auch kaum genug zu essen hatten. Notd√ľrftig wurden wir in Stadeln und Viehst√§llen untergebracht, doch wir waren in Sicherheit. Ich war gerade vier Jahre alt, meine kleine Schwester eineinhalb. F√ľr meine Mutter war es sehr schwierig f√ľr uns Essen aufzutreiben, Hunger war unser st√§ndiger Begleiter. Wenn es irgendwo Brot oder Milch gab, musste man stundenlang anstellen. W√§hrend dieser Zeit

musste ich auf meine Schwester achten, die st√§ndig heulte. Ich kannte auch Name und Adresse s√§mtlicher Familienmitglieder, das w√§re sehr wichtig erkl√§rte mir meine Mutter und √ľberpr√ľfte dieses Wissen t√§glich, denn es k√∂nnte sein, dass wir eines Tages getrennt w√ľrden. Dann w√§re ich f√ľr meine Schwester verantwortlich und d√ľrfe nicht weinen. So vergingen einige Wochen und eines Tages erfuhren wir, dass der Krieg zu Ende sei. Jubelnd fielen sich die Menschen um den Hals und feierten die neu gewonnene Freiheit. Nat√ľrlich wollten jetzt alle wieder zur√ľck in ihre urspr√ľngliche Heimat und auch wir schlossen uns einer kleinen Gruppe Frauen an, die mit einigen Pferdewagen in unsere Gegend fuhren. Eine m√ľhsame Reise begann, bei Regen und Wind, K√§lte und Hunger. Nachts oft unter dem Sternenhimmel oder in schmutzigen Elendsquartieren, die es in manchen St√§dten gab. Dicht gedr√§ngt K√∂rper an K√∂rper, lagen

fremde Menschen in engen Holzverschl√§gen, Frauen mit Kindern und M√§nner getrennt in verschiedenen R√§umen. Es schien die ganze Welt unterwegs zu sein. Eines Tages kamen wir an einer Gruppe Soldaten vorbei, die auf einer Wiese lagerten. Es war gerade Essenszeit und auf einem Anh√§nger konnte man unz√§hlige sorgsam aufgestellte Brotwecken erkennen, die soeben verteilt wurden. Essen.. ich glaube jeder beneidete die M√§nner in diesem Augenblick. Eine der Frauen erkannte die Soldaten an den Uniformen, es waren Russen, also unsere Feinde. Pl√∂tzlich sprang einer der M√§nner abrupt auf und lief schnell in unsere Richtung. Erschrocken blickten sich alle an. Was hatte das zu bedeuten, der Krieg war doch aus? Waren wir in Lebensgefahr? Wir Kinder sp√ľrten die Angst der Erwachsenen und begannen leise zu weinen. Kein Zweifel, er verfolgte uns und kam immer n√§her. Eine Hand war unter seiner Uniformjacke

verborgen. War er verletzt oder versteckte er etwas? Vielleicht eine Waffe, eine Handgranate oder sonstiges Teufelszeug. Meine Mutter nahm mich zitternd in den Arm und ich traute meinen Augen nicht. Ein junger Soldat mit strahlend wei√üen Z√§hnen hielt mir - einem kleinen M√§dchen im Feindesland - lachend einen halben Wecken Brot vor die Nase und freute sich sichtlich als ich sch√ľchtern danach griff. Der Krieg hat viele Gesichter, manchmal auch ein menschliches. Ich habe dieses Gesicht bis heute nicht vergessen.

0

Hörbuch

Über den Autor

ulla

Leser-Statistik
15

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
AngiePfeiffer Hi Ulla, schön wieder mal von dir zu lesen,.
Und gleich mit einer so wichtigen Geschichte.
Wie recht du hast.
Niemand flüchtet 'nur so' aus seinem Heimatland.
Auch ist der Vergleich damals-heute einfach nur super.
Auch wir Deutschen war (vor gar nicht so langer Zeit) auf der Flucht.
Liebe Grüße und danke für diesen Text.
Angie
Vor einem Monat - Antworten
ulla Danke Angie, für alles.
Ja, ab und zu kommen so Erinnerungssplitter ans Tageslicht und man lernt die Gegenwart wieder mehr zu schätzen, trotz corona und dergleichen. Ich wünsche allen Flüchtlingen einen sicheren Hafen und
verständnisvolle Mitmenschen.
Dir noch einen netten Nachmittag und viele Grüße
ulla
Vor einem Monat - Antworten
baesta Liebe Ulla, Dein Text hat mich auch an ein Buch von Werner Kutscha erinnert: "In der Heimat gefangen". ich bin erst in der Nachkriegszeit geboren und habe zum Glück so eine Flucht nicht kennengelernt. Was ich allerdings noch erlebt habe, war dass es Nahrungsmittel nur auf Marken gab und das bin in die 50er Jahre. Ein russischer Offizier schenkte mir mal Schokolade, aber damit wusste ich als Kind nichts anzufangen.
Leider haben die Menschen bis heute wohl nichts dazu gelernt, lassen sich spalten und gehen aufeinander los, weil sie Fanatikern Gleuben schenken, die im Hintergrund die Fäden ziehen.
Freue mich, mal wieder von Dir zu lesen.
Liebe Grüße
Bärbel
Vor einem Monat - Antworten
ulla Danke liebe Bärbel für den ausführlichen Kommi. Hab mich sehr gefreut auch über die Geschenke. Wir, die ältere Generation könnten schon so allerhand erzählen, wenn sich auch nicht alles um den neuesten Song oder die letzte Party dreht, Doch denken wir positiv und hoffen auf die Klugheit unserer Politiker, genießen wir das Heute.
Liebe Grüße
ulla
Vor einem Monat - Antworten
Buhuuuh Guter Text - was ich las! Krieg ist und bleibt und wird sein DIE HÖLLE, Heute, Gestern und Morgen. Gleich wo! Sogar für die die ihn betreiben meist.; wenn nicht jetzt und hier - Morgen und später. :( ;(
Vor ein paar Monaten - Antworten
ulla Danke fürs Vorbeischauen. Ja ,es ist und bleibt die Hölle auf Erden. Ein geflügeltes Wort bei uns: Herr, lass es Hirn regnen! Doch auch das würde nicht helfen, wenn man es nicht gebrauchen kann.
Liebe Grüße
ulla
Vor einem Monat - Antworten
FLEURdelaCOEUR Liebe Ulla,
einen weiten Bogen schlägst du von den Zuständen in Afghanistan, die die Menschen in die Flucht treiben, bis zurück in deine Kindheit ...
Ich bin nur wenige Jahre jünger als du. Wir mussten nicht flüchten, hatten aber das Haus voller Flüchtlinge, die ihre Heimat östlich der Oder an Polen verloren hatten. Wie wichtig es doch in jeder Zeit ist, gerade in schwierigsten Situationen menschlich zu bleiben ...
Danke für deine Erinnerung!

LG fleur
Vor ein paar Monaten - Antworten
ulla Danke, liebe Fleur für die vielen Geschenke.
Wir müssen wirklich dankbar sein, in so einem schönen, sicheren Land heute leben zu dürfen (wir feiern heute unseren Nationalfeiertag). Wenn ich an die Menschen in Afghanistan denke, bekomme ich Gänsehaut. Keine Aussicht auf normale Zustände, leider, doch wir können nicht helfen.
Krieg ist wirklich die Hölle.
Liebe Grüße
ulla
Vor einem Monat - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
8
0
Senden

167866
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung