Journalismus & Glosse
Germanien friert

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"Germanien friert"
Veröffentlicht am 04. Mai 2021, 8 Seiten
Kategorie Journalismus & Glosse
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Über den Autor:

Hum... Ich habe Troja brennen sehen...soll ich noch mehr sagen? Aber nachdem der Rauch sich verzogen hatte, musste ich die langen Jahrhunderte standesgemäß hinter mich bringen und so gewöhnte ich mir an, viele gute und auch mal weniger gute Bücher zu lesen, Musik zu hören und zu machen, im Garten zu pütschern, zu schreiben...Jau, das wär's dann mal.
Germanien friert

Germanien friert

Meine Lieben, vor drei Tagen hatte ich Besuch von Dilldoppus, einem Schippschwager meines Bruders Hektor, der so heldenhaft bei Troja gefallen ist. Dilldoppus stammt aus diesem furchtbar kalten und fernen Land namens Germanien und hat eine Klatsche in Colonia Aggripinensis, Autokennzeichen CA, im beschaulichen Silva galli, für die Einheimischen Hahnwald, wo die Opulenti, will sagen, die Reichen wohnen und auf ihrem triclinium Retsina und Stiersperma saufen, um jung und fit zu bleiben. Besagter Dilldoppus hat scientia sociologica (Soziologie) studiert, mit heißem Bemühn,

heißet doctor, magister gar und ziehet schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm seine discipuli (Schüler) an der Nase herum. Doch sieht er, dass die nichts wissen KÖNNEN, das will ihm schier das Herz verbrennen. Der gute Dilldoppus hat sich nun vom Unterrichtsbetrieb abgewandt und untersucht hinfort die Gesellschaft Germaniens. In seinem Geburtsort CA, den meisten unter euch vermutlich besser bekannt unter der teutschen Verballhornung „Köln“, und besonders die Mittelschicht, also die Scheibe Wurst im Brötchen, ist zu seinem bevorzugten studium (Steckenpferd) geworden. Er hat in Colonia chorus (Chorweiler) in den Wohnburgen der Chorweiler tausende Fragen gestellt und ist zu

der Erkenntnis gekommen, dass es ein weit höheres Corona-Risiko in ärmeren und migrantisch geprägten Stadtteilen Kölns gibt als etwa im oben erwähnten Silva galli: In Hahnwald gab es tagelang keine Neuninfektionen, die Inzidenz lag bei 0 – während im Norden der Rheinmetropole, im Stadtteil Chorweiler, die 7-Tage-Inzidenz auf bis zu 543 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner kletterte.  Diese Erkenntnis verwundert nicht, gibt es doch auch gerade in diesem Stadtteil unter der migrantisch geprägten Einwohnerschaft massive Vorbehalte gegen das Impfen. Das Problem muss also mit viel Überzeugungsarbeit in Griff genommen

werden. Dilldoppus hat aber etwas ebenso Problematisches und Gefährliches herausgefunden und fürchtet durch Corona noch tiefere Gräben. Er stellt warnend fest: „Städtebaulich ist das ja eine Katastrophe. Da sind Leute, die haben große Villengrundstücke. Und auf der anderen Seite ballen sich die Leute immer mehr in abgehängten Hochhaus-Stadtteilen. Dass sie jetzt mit mobilen Impfteams den Brand löschen wollen, sei ja zur Rettung von Leben richtig. Aber der Fehler ist doch: Man hätte nicht jahrzehntelang zündeln dürfen.“

Die Pest im Mittelalter hat eher für mehr Gleichheit gesorgt, die Pandemie schafft mehr

Ungleichheit. Erinnert euch nur an die Massenausbrüche in der Fleischindustrie. Das Schlimme ist aber für Dilldoppus, dass es mehrere gesellschaftliche Schieflagen gibt: Die gesundheitliche, zumal viele hier keinen Hausarzt haben, der sie impfen kann. Die ökonomische durch schlecht bezahlte Jobs, die sich zudem nicht in das Homeoffice verlagern lassen. Die soziale, dass durch die Folgen der Krise am Ende wieder bei den Ärmsten gespart werden könnte. Da seid ihr sicher genau so betroffen wie die principessa, oder? Und es ist einfach ein Skandalon, dass ein großes Land wie dieses

kalte Germanien offenbar auch eine kalte Gesellschaft hat. Claude Lévi-Strauss hat diese einmal so formuliert:

Kalte Gesellschaften strebten danach, „mithilfe der Institutionen, die sie sich geben, auf quasi automatische Weise die Auswirkungen zunichtezumachen, die historische Faktoren auf ihr Gleichgewicht und ihre Kontinuität haben könnten“. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen bedauert eure principessa PS:„Heiße“ Gesellschaften dagegen sind „durch ein gieriges Bedürfnis nach Veränderung gekennzeichnet und haben ihre

Geschichte verinnerlicht, um sie zum Motor ihrer Entwicklung zu machen“. Kälte und Hitze bezeichnen für Lévi-Strauss somit die idealtypischen Pole des Zivilisationsprozesses, der notwendig von Kälte zu Hitze führt.


Germanien lebt schon zu lange im Kühlhaus... und es könnte auf Dauer noch schlimmer werden, denn die Mittelschicht ist bereits in Nöten. Stichwort Altersarmut...

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Über den Autor

cassandra2010

Hum... Ich habe Troja brennen sehen...soll ich noch mehr sagen? Aber nachdem der Rauch sich verzogen hatte, musste ich die langen Jahrhunderte standesgemäß hinter mich bringen und so gewöhnte ich mir an, viele gute und auch mal weniger gute Bücher zu lesen, Musik zu hören und zu machen, im Garten zu pütschern, zu schreiben...Jau, das wär's dann mal.

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Gast 
"Germanien friert..."
Nun, dass wir wir allesamt in einem germanischen Ice-House leben,
ist angesichts fehlender Herzenswärme in dem seit gefühlten Ewigkeiten von der Union beherrschten Land wohl eher nichts Neues...
Nun ja, christlich ist wohl eigentlich nur das, was ICH
(A.M. Anmerkung der Red.) natürlich unter christlich verstehe!
Allerdings macht es sehr wohl einen Unterschied, ob ich in warmen Decken gehüllt und mit einer Individualheizung in diesem Kühlhaus ausgestattet bin, oder ob ich dieser grimmigen Kälte z.B. hartzmäßig zu trotzen habe...
Warum nur fällt mir gerade das Statement von 1944 dazu ein:
»Keiner soll hungern, ohne zu frieren...«

LG
Louis :-)



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cassandra2010 
Danke, lieber Louis, für diesen fundierten Kommi! Levi-Strauss wäre von Deinem Beitrag mehr als angetan...

LG aus dem kühl-warmen Troja
Cassy
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HarryAltona Jaaaa, da hat der gute Dottore mir quasi die Worte aus dem Munde gerissen. Mein Lob verdoppelt sich dermaßen.
lg... harryaltona
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cassandra2010 

Danke, Harry! Für alles. Aber es ist doch nur eine kleine Analyse großer Schweinereien?

Liebe Grüße
Cassy

....und aus den Sterntalerchen lasse ich mir ein Armband machen ;)
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cassandra2010 
Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, stellte die Versäumnisse der Bundesregierung bei der Neuorganisation der privaten Altersvorsorge fest:
"Von der Riester-Rente profitiert die Versicherungswirtschaft mehr als die Menschen."


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HarryAltona War das nicht vom SPD - Riester und seinen Kohorten von Anfang an geplant? Kann mir schlecht vorstellen das solch gebildete Menschen sich einfach nur verrechnet haben.
lg... harryaltona
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DoktorSeltsam Liebste Cassandra,
da hast du wirklich ein ganz großes Fass aufgemacht. Zum einen intellektuell betrachtet, denn, ohne kritisieren zu wollen, die Zahl derer in unseren Reihen, die der Erkenntnisse des Herrn Claude Lévi-Strauss teilhaftig werden durften, ist vermutlich übersichtlich. Zum anderen aber in Sachen Armut und Chancengleichheit.
Als ich vor einigen Jahren geschäftlich durch die landschaftlich berückende Schweiz gefahren bin, war die erste Meldung der ersten Radionachrichten, die ich dort hörte, jene, die besagte, dass die Zahl der Millionäre im Lande der Eidgenossen um sage und schreibe 3, 5 % gegenüber dem Vorjahresvergleichszeitraum gestiegen sei. Bravo, möcht' man da ausrufen. Und nochmal: Bravo!
Fakt ist (und war schon immer), dass die Armen sterben müssen, damit die Reichen leben dürfen. Und, wenn du mir gestattest, ein wenig zynisch zu werden, so herum ist es ja auch richtig; gibt es doch viel mehr Arme als Reiche, demnach das Sterben der Armen einen viel größeren Effekt haben MUSS als das großartige Leben der Reichen!
Die Abschaffung der Mittelschicht zugunsten der Privilegien einer sehr dünnen Oberschicht führt - da muss man nicht mal Lévi-Strauss heißen, um das zu erkennen - zwangsläufig in Diktatur und Faschismus. Woran aber erkennt man das in einem so reichen und insgesamt ja nicht vollständig ungerechten Land in der Mitte Europas? Nun, wenn ich lese, dass ein privilegierter Fernsehschauspieler von internationalem Rang wie der Herr Volker Bruch ("Berlin Babylon"), der vor Privilegien gegenüber dem Normalbürger vermutlich kaum aus den Augen blicken kann, es für richtig erachtet, einer den Querdenkern nahe stehenden Splitterpartei beizutreten, und gleichzeitig den völlig unzulässigen Vergleich zwischen Holocaust und Corona-Maßnahmen zu ziehen, dann weiß ich unmissverständlich: "Something is rotten in the state of Denmark"!
Uff.
Stelle gerade fest, dass ich die Kommentarfunktion sprenge. Bringen wir es daher abschließend auf den Punkt: Du hast mir aus dem Herzen gesprochen.
Liebe Grüße,
Dok
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cassandra2010 

Woooow...grazie, carissimo dottore...
Was für eine tolle Kritik!

La tua sorella in spirito
Cassy
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cassandra2010 
Jau, Harry... ein Schelm, wer Böses dabei denkt~~~
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