Biografien & Erinnerungen
Schulweg

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"Schulweg"
Veröffentlicht am 30. April 2021, 10 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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Alles bleibt anders!
Schulweg

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Lichtenrade!....Der Name weckt Erinnerungen!.…Lichtenrade, Teil von Berlin, ganz im Süden der Stadt. In den 70er Jahren ein verschlafener Ort mit einem Dorfteich, einem Wäldchen, „einer City“, die aus etwa zehn Geschäften bestand und einem Woolworth; außerdem gab es die End-Haltestelle der S-Bahn-Linie 2.

Mein Schulweg führte an Einfamilien-Häusern und Linden vorbei. Auf der linken Seite standen die Linden, auf der rechten Seite die Einfamilien-Häuser.

Zuerst ging ich am „Brötchen-Bäcker“ vorbei, daneben war die Reinigung.

Dann gab es rechts wieder Ein-Familien-Häuser und links wieder Linden. Eine ganze Weile.

Dann der „Dorfkrug“, die Dorf-Kneipe. Ich erinnere eine schwere Tür aus dunklem Holz. Dort habe ich immer Nachschub für meine Mutter geholt.

Hinter dem „Dorfkrug“ überquerte ich eine Kreuzung und ging die Bahnhof-Straße hinunter. Links waren dann wieder die Linden, rechts diesmal vierstöckige Mehrfamilien-Häuser.

Vorbei ging`s an St. Salvator, der Kirche mit der Kugel. Es gab noch eine andere Kirche; die hatte eine Spitze. So klein wie Lichtenrade auch war: Es hattezwei Kirchen.

Zu St. Salvator gehörte ein Krankenhaus. Dorthin hatte mich meine Mutter gebracht, nachdem ich mir an einer Katzenfutter-Dose den Daumen aufgeschlitzt hatte. Als der Schnitt nicht aufhören wollte zu bluten, musste ich meine Mutter vom „Tatort“ losreißen. Im Krankenhaus kleckerte ich eine Spur dunkelroter Blutstropfen auf das Linoleum. Mit vier Stichen wurde mein Daumen genäht.

Zurück zu meinem Schulweg. Nach Kirche und Krankenhaus kam die Polizeistation und dann die Arkaden mit den kleinen Geschäften.

Als erstes hatte der Polsterer sein Geschäft; das war ein sehr langweiliges Schaufenster: Nur ein riesiger Sessel, in dem niemand saß. Nicht einmal eine Katze. Nur langweilige Stoffmuster lagen auf der Sitzfläche.

Dann kam der Obst- und Gemüsehändler; der war schon besser. Leute kamen lächelnd und mit voll gepackten und knisternden Tüten aus dem Laden.

Endlich kam der Fischhändler. Und der war spannend! Er hatte ein Aquarium im Schaufenster! Nicht so ein Aquarium, wie im Zoo mit blauem und klarem Wasser. Nein, dieses Wasser war trüb und grünlich; auf der Rückseite eine vergilbte Postertapete. Wasserpflanzen gab es keine. Es gab nur dicke, graugrüne Fische, die schwerfällig im trüben Wasser umher schwammen.

Gespannt beobachtete ich die Fische. Ob es wieder passieren würde? ……Ja! Da! Eine kräftige Hand tauchte ins Wasser, schnappte sich einen Fisch und verschwand mit seiner zappelnden Beute.

„Oooh, der arme Fisch!“, seufzte ich mitleidig.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, diesen Vorgang zu hinterfragen oder gar zu verhindern; wie Robin Hood in den Laden zu stürmen und die Herausgabe des Fisches zu verlangen. „Oooh, der arme Fisch!“ war alles, was ich sagte. Mehr nicht. Der Widerstand schlief noch in meinem Grundschul-Hirn.

Der nächste Laden war dann endlich der „Kuchen-Bäcker“. Ich griff in meine Hosentasche, kramte den gesparten Groschen hervor und öffnete die Ladentür. Die Glöckchen über der Tür

bimmelten mir vertraut entgegen und eine Wolke warmen Brötchendufts umhüllte mich: Hhmmm!

In der Auslage lagen sie alle, so lecker aussehend: Streuselkuchen, Butterkuchen, Mohnstriezel, Schokoladen-Torten, Zitronenrollen und Plunderstücke; und direkt vor mir ein saftiger Pflaumenkuchen, auf dem Unmengen von Wespen krabbelten.

„Eine Krümeltüte, bitte!“ sagte ich zu der Verkäuferin und reichte ihr meinen Groschen. Sie lächelte, griff hinter sich in ein Regal und reichte mir eine prall gefüllte Tüte.

Ob diesmal wieder ein ganzes Kuchenstück dabei war? Vorsichtig öffnete ich die Tüte. Tatsächlich: Obenauf lag ein Stück Pflaumenkuchen. Und nur eine ganz klitzekleine Ecke war abgebrochen; fast nicht zu sehen. Strahlend biss ich in den Pflaumenkuchen und verließ den Laden.

Mit wippendem Ranzen und Krümeltüte in der Hand bog ich um die Ecke und war angekommen; an dem zitronengelben Bau mit seiner halbrunden Treppe und der bogenförmigen Eingangstür: Meiner Grundschule in Berlin-Lichtenrade.

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PuckPuck
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Feedre was für ein schöner Schulweg, mit leckeren Umwegen...:-))))
Super geschrieben, als ob ich dabei gewesen wäre
liebe Judith wünsche dir einen schönen Restsonntag
lieben Gruß
Feedre
Vergangene Woche - Antworten
PuckPuck Hallo, liebe Feedre. Sind denn bei dir auch Erinnerungen hoch gekommen? Ist doch schon irre, wie viele "Leben" wir seit damals gelebt haben, oder? Ich leb gerade, glaub ich, mein fünftes "update" :o)))
Liebe Grüße in deine Woche
Judith
Vergangene Woche - Antworten
erato 
Bin mit Dir durch Lichtenrade getigert....und es kamen eigene
Erinnerungen vom Schulweg in Siememsstadt hoch - auch Gesichter,
Ereignisse, sowie Höhen und Tiefen von Empfindungen aus dieser
Zeit. Habs gern gelesen.
HERZlichst Thomas
Vergangene Woche - Antworten
PuckPuck Hallo Thomas, ich freu mich, dass du mit mir durch das damalige Berlin gelaufen bist. Ich würde mich da heute wahrscheinlich nicht mehr zurechtfinden; aber meine Familie lebt noch da. Und so habe ich immer einen City-Guide ;o)
Viele Grüße
Judith
Vergangene Woche - Antworten
baesta Ja, so war es auch bei mir. Muss auch mal wieder in meinen Erinnerungen "kramen". Mein Schulweg war ja ähnlich abenteuerlich. Damals hatten wir keine Eltern, die uns mit dem Auto vor die Schultür chauffierten. Wir mussten alle noch selber laufen, auch die besser begüterten. Will ja hoffen, es geht auch weiter mit Deinen Erinnerungen.

Liebe Grüße
Bärbel
Vergangene Woche - Antworten
PuckPuck Wenn das kein schöner Schulweg ist, liebe Bärbel: Ich danke dir sehr für deine Coins, die mich zusammen mit deinem Kommentar zur "Silbernen Feder" hochgehoben haben. :o)
Ihr Lieben, es macht sehr, sehr viel Freude für euch zu schreiben. Und....meine Schublade ist noch lange nicht leer ;o)
Viele Grüße und einen schönen Sonntag wünsch ich dir
Judith
Vergangene Woche - Antworten
Newcomer Das hat mir gut gefallen, ganz besonders, weil meine Eltern beide in Berlin geboren sind. Zu meinen Schulzeiten geisterte immer ein Begriff wie eine Morddrohung über den Schulhof: MITTAGSSCHULE !!!! Oh mein Gott, das war das Schlimmste!!! Gefühlt gingen ALLE nach Hause und man saß ganz allein - na ja, das stimmt so auch nicht, eine halbe Schulklasse war's schon - in der Schule und musste unnütze Dinge tun: Werken, Handarbeiten und ähnliche Tätigkeiten, die bloß nervtötend sind ... Ach, ist das lange her, und trotzdem war's schön ...
Danke dafür, liebe Grüße
Marko
Vergangene Woche - Antworten
PuckPuck Hey Marko, kannst du stricken? Oder häkeln? Ein Bekannter von mir hat jetzt (mit 56) nach vielen, vielen Jahren seiner Freundin einen Pulli getrickt. Toll, so was Feines würde ich nicht hinkriegen. Und es ist mal was anderes als so`n Maibaum :o)))
Liebe Grüße
Judith
Vergangene Woche - Antworten
rolandreaders Sehr anschaulich geschrieben. Als ob man mitgehen würde. Ob Kinder von heute auch mal so einen Schulweg beschreiben? Mit Dingen, die sie aus dem SUV Fenster sehen? Fest steht, für die meisten bleibt keine Zeit, sich einfach mal ne Krümeltüte zu holen. Im besten Fall vielleicht nen Döner.
L.G.Roland.
Vergangene Woche - Antworten
PuckPuck Guten Morgen, Roland.
Weißt Du, meine Krümeltütenerfahrung ist genau der Grund, weshalb ich meinen Söhnen einen (eigenen) Schulweg von einer Dreiviertelstunde fröhlichen Herzens zumuten kann und möchte. Was sie da alles erleben und machen können...:o)
Im Moment ist ihr Schulweg allerdings nur 2 Meter lang :o((
Grinsende Grüße
Judith
Vergangene Woche - Antworten
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