Krimis & Thriller
Das verschwundene Dorf (Teil 1) - Ein Fall für Orpheus Wilde

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"Das verschwundene Dorf (Teil 1) - Ein Fall für Orpheus Wilde"
Veröffentlicht am 10. April 2021, 18 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
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Über den Autor:

"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore
Das verschwundene Dorf (Teil 1) - Ein Fall für Orpheus Wilde

Das verschwundene Dorf (Teil 1) - Ein Fall für Orpheus Wilde

Das verschwundene Dorf

„Verschwunden?“, rief Orpheus Wilde und starrte den Innenminister an, als habe ihm dieses Urgestein der Konservativen Partei ein Angebot unterbreitet, dessen Inhalt zumindest fragwürdig erschien. „Sagen wir, vorübergehend nicht auffindbar, das klingt gefälliger“, schwallte Tennyson, dabei dünkelhaft in seinem Ledersessel thronend. „Ein 3500 Seelen-Dorf, das über 1200 Jahre an der Küste Cornwalls gelegen hat, ist über Nacht verschwunden. Das nennen Sie: nicht auffindbar?“ „Ich besaß mal ein Fuchsschwanz-Cape, das

ich anlässlich einer Cocktailparty bei Dame Judi Dench in der Mikrowelle deponiert hatte. Nur zur Sicherheit, verstehen Sie. Und am nächsten Morgen, glauben Sie das oder glauben sie das nicht, war es verschwunden. Sowas passiert. Selbst in den besten Kreisen.“ Der hagere Kriminalist wandte sich an die neben ihm vor dem Schreibtisch auf einem Regency-Stuhl sitzende Penelope Brown, bedachte sie mit einem Blick, der dem Wort „toxisch“ eine neue Tiefe verlieh, und knurrte: „Darf ich bitten, mich nicht durch unqualifizierte Einwürfe in meiner Fokussierung zu stören! Im Übrigen, was haben Sie hier zu suchen? Das ist eine Unterredung, die der Geheimhaltung unterliegt! FOR MY EARS ONLY, Mrs

Brown!“ „Wir sind uns vor dem Ministerium auf der Straße begegnet. Erinnern Sie sich nicht mehr? Und ich habe Ihnen angeboten, Sie zu begleiten, weil ja bekanntlich drei Ohren mehr hören als lumpige zwei.“ „Drei?“, fragte Tennyson. „Sie ist linksseitig taub“, grummelte Wilde. „Nicht taub, nur indisponiert. Isle of Wight-Festival 1970. Ich habe zu dicht neben den Lautsprecherboxen getanzt, als Jimi Hendrix All along the Watchtower spielte.“ Der Meister schüttelte sich wie ein Hund, der ins Wasser gefallen ist. „Übergehen wir ihre Anwesenheit. Das ist immer das Beste. Zurück zum Thema.“ „St Notker-in-the-Fields“, sagte der

Innenminister. „Ganz recht, St Notker-in-the-Fields, seit gestern Morgen 05.17 Uhr nicht mehr an der Stelle auffindbar, an der es vor Urzeiten durch die Normannen gegründet wurde.“ „Und wo genau ist das gewesen?“, fragte die Ehrenwerte. „Drei Meilen östlich von Chicken-with-Tie.“ „Nie gehört.“ „Die haben da einen sehr schönen Parkplatz. Und sogar eine Telefonzelle. - Ich bin mal durchgekommen, als ich unterwegs zu einer Delegiertenversammlung der Tories war“, erklärte der Minister. „In St Notker-in-the-Fields?“ „Nein, in Chicken-with-Tie! „Ich meine den

Parkplatz.“ „Ach so. Der ist allerdings in St Notker.“ „Verdammt! Mrs Brown!“ Die Ehrenwerte zog an den Lippen einen imaginären Reißverschluss zu. Wilde glättete sein gesträubtes Antlitz und wandte sich erneut an Tennyson: „Wer hat als Erster das Fehlen bemerkt?“ Der Innenminister öffnete einen vor ihm liegenden Schnellhefter aus grüner Pappe und konsultierte den Bericht des MI5. „Ein gewisser Willoughby, John Willoughby, der Postbote aus dem benachbarten Horse-with-no-Name. Er wollte wie jeden Morgen die Eier der Witwe Thatcher holen.“ „Es handelte sich, so dürfen wir annehmen, um die Eier der Hühner der Witwe Thatcher“,

bemerkte Wilde rabulistisch. Lord Tennyson, ein Bürokrat reinsten Wassers, blätterte vor und zurück, vor und zurück, um dann mit Stentorstimme zu erklären: „Darüber steht hier nichts, lieber Freund. Non est in actis, non est in mundo.“ Der Kriminalist verdrehte die Augen und schluckte seine Replik hinunter. „Welche Mutmaßungen hegen wir hinsichtlich des Verschwindens einer 3500 Seelen-Gemeinde vom Antlitz des Planeten?“ „Mutmaßungen? Ich bin der Innenminister, Sir, ich werde nicht für Mutmaßungen bezahlt.“ „Und diejenigen Ihrer Leute, die für Mutmaßungen bezahlt werden, was denken die?“ „Denjenigen meiner Leute, die für

Mutmaßungen bezahlt werden, ist das Denken verboten. Wäre ja noch schöner! - Sie erkennen vermutlich, worin die Schwierigkeit besteht, und warum wir es für notwendig hielten, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, oder?“ „Weil Sie keine Ahnung haben, was Sie tun sollen?“ „Ganz genau.“ „Ja, schön“, warf Mrs Brown dazwischen, „aber ist denn das nicht immer so, wenn die Welt der Schwerkraft mit den Luftschlössern der Politik kollidiert?“ „Eine scharfsinnige Bemerkung, Madam“, lobte der Innenminister maliziös, „insbesondere für eine Frau, deren Lieblingsfarbe augenscheinlich Pink

ist.“ „Wen haben Sie über diesen Vorfall in Kenntnis gesetzt?“ „Sie, Ihre Begleiterin, die Abteilung Dangerous Minds beim MI5, den Premierminister, Ihre Majestät die Königin, den Duke of Edinburgh, den Thronfolger, die Bulldogge …“ „Lassen wir das! Wie steht es um die Verwandten und Freunde der Verschwundenen?“ „Prophylaktisch verhaftet.“ „Verhaftet?“ „In Gewahrsam genommen. Damit sie keine Fake News verbreiten.“ Wilde zog ein druckfrisches Exemplar der „Sun“ aus der Manteltasche und präsentierte dem Minister deren Titelseite: „Außerirdische

Invasoren entführen komplettes Dorf! Premierminister verhängt Alarmstufe ROT!“ Darunter, etwas kleiner gedruckt: „Manchester United verliert gegen Wolverhampton Wanderers“. Tennyson beugte sich nach vorn, während sein Gesicht puterrot anlief und Schweißtropfen üppig von der hohen, sehr hohen Stirn perlten. „Das ist ein Skandal!“, brüllte er. „Solche Dinge passieren.“ Wilde zuckte fatalistisch mit den Schultern. „Solche Dinge dürfen nicht passieren!“, schnaubte der Minister, riss einen Wettschein aus der Uhrtasche seiner Weste und pfefferte ihn dramatisch in den Papierkorb. „Manchester verliert gegen die Wanderers!

Unglaublich! 5 Pfund im Eimer! Ich befürchte, da werden Köpfe rollen!“ Wilde und die Ehrenwerte warfen sich einen Blick zu. „Verschwunden?“, rief Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Frobisher und starrte Orpheus Wilde an, als habe ihm dieses Urgestein der Kriminalistik ein Angebot unterbreitet, dessen Inhalt zumindest fragwürdig erschien. „Nicht so laut“, zischte der Detektiv und blickte sich im Erster-Klasse-Zugabteil um, das allerdings außer ihm und seinem Begleiter nahezu leer war. Nahezu, wie gesagt, denn im selben Moment erklärte Mrs Brown: „Sagen wir lieber, nicht auffindbar, das klingt doch viel

netter!“, dabei unerschütterlich ein Corned-Beef-Sandwich dick mit Colman‘s Mustard bestreichend. „Was hat die hier zu suchen?“, wisperte Frobisher und deutete mit dem Kopf. „Sie wurde durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in diese Affäre involviert“, erklärte der Meister. „Ich halte es für besser, sie bis zur Aufklärung an meiner Seite zu wissen.“ Er zwinkerte mit dem Auge. „Damit sie nicht leckt!“ „Leckt?“, erstaunte sich Frobisher. „Loch im Rumpf!“, präzisierte Wilde. „Das meine ich, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ „Ich verstehe genau, was Sie meinen. Ist immer besser, auf Nummer Sicher zu gehen,

wenn man Amateure im Boot hat.“ „Amateure?“ Mrs Brown verteilte einen Schwall Krümel über die Sitzpolster. „Ich muss doch wohl nur an den Fall des beidhändigen Sodomiten erinnern, um dieses freche Verdikt zu entkräften!“ „Es war der linkshändige Transvestit, Mrs Brown.“ „Sodomit, Transvestit, Hauptsache abartig, pflegte mein Onkel Ichabod zu sagen. Er war Schildkrötenbändiger im Zirkus von P. T. Barnum.“ Frobisher schnaubte verächtlich und ließ sich in die Polster sinken. Nur wenige Stunden zuvor hatte es an der Haustür geklingelt, und seine Gattin sah sich einer sehr aufgeräumten Penelope Brown gegenüber, die mit

Verschwörer-Miene erklärte, der Chief-Inspector werde auf einer Mission benötigt, in die bislang nur sie selbst sowie Ihre Majestät die Königin, der Duke of Edinburgh und Orpheus Wilde eingeweiht seien. In dieser Reihenfolge. Sie möge doch bitte einen Koffer mit Unterwäsche zum Wechseln packen. Es würde wohl ein paar Tage dauern. „Ganz gewiss nicht“, hatte Mrs Frobisher entgegnet. Sie stammte aus Bearded Witch in Schottland, wo der zivile Ungehorsam seit Macbeth als Nationalsport gilt. Nun fuhren sie an einem herrlichen sonnendurchfluteten Morgen durch Cornwall, verzehrten Sandwiches mit Cheddar, Corned Beef und Gürkchen, tranken Tee und zerbrachen sich die Köpfe darüber, wie es

dem Dorf St Notker-in-the-Fields gelungen war, mitsamt allen Einwohnern, Häusern, Hunden, Katzen, Kühen, Schweinen und Hühnern sowie einer hochmodernen Anlage zur Erzeugung von Bio-Gas spurlos zu verschwinden, was zwar insgesamt zu verkraften war, wie der Premierminister erklärt hatte, aber doch nicht zur Gewohnheit werden sollte. Immerhin hatten 67,4 % aller Wahlberechtigten „in diesem Drecksloch“ für den Brexit gestimmt. „Ich denke, es waren die Russen“, erklärte der Chief-Inspector. „Oder die Chinesen“, mutmaßte Mrs Brown. „Oder die Außerirdischen“, knurrte Wilde. „Im Ernst?“ „Natürlich nicht. Wissen Sie wie hoch die

Chance ist, dass Leben exterrestrischen Ursprungs auf diesem Planeten landet?“ „Keine Ahnung“, bekannte die Ehrenwerte. „Nun, ungefähr so hoch wie die Chance, dass intelligentes Leben Dowing Street No. 10 okkupiert!“ „Das ist niedrig“, bekannte Frobisher kopfschüttelnd und sog an seiner Pfeife. „Haben die Jungs vom MI5 irgendeine Idee, was geschehen ist?“ „Kommt darauf an, ob Sie es für wahrscheinlich halten, dass ein spontan aufgetretener Erdrutsch das gesamte Dorf über Nacht verschlungen hat.“ „Klingt nicht eben plausibel. Existieren dort stillgelegte Bergwerke? Nein, auch dann müsste es Spuren geben. - Ich meine, selbst

wenn die Häuser und all das weg sind, durch einen Tsunami vielleicht, müssten doch zumindest noch die Grundmauern vorhanden sein, oder?“ „Das ist der Punkt. Keine Grundmauern, keine Kellerräume, keine Gemüsebeete, nichts. Dort, wo das Dorf eigentlich sein sollte, befindet sich jetzt eine blühende Wiese, die auf den unbedarften Wanderer den Eindruck macht, als habe sie schon zuzeiten der Normannen allergische Rhinitis befördert.“ „Vermutlich ein Fehler bei Doodle Maps“, äußerte Mrs Brown. „Oder eine Links-Rechts-Schwäche. – Hat man das geprüft?“ „Links-Rechts-Schwäche?“, fragte Frobisher. „Ja, das bedeutet, man weiß nicht, ob man an einer Kreuzung links oder rechts abbiegen

soll. Das heißt, man weiß das im Prinzip schon, hat aber vergessen, ob links links ist und rechts rechts, oder möglicherweise umgekehrt. Verstanden?“ „Nein“, sagte der Chief-Inspector im Ruhestand. „Das hatte ich auch nicht erwartet“, säuselte die Ehrenwerte und goss sich einen Schluck Tee in den Whiskey.


To be continued

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Apollinaris MIndestens sehr gut. Ein sehr passendes Coverbild dazu gewählt. Nun hätte es eigentlich einen unterhalten können bis Seite 18 - hat es nicht - leider. Es hat mich interessiert aber nicht mehr bis zur gelesenen Seite.

Write on! Nicht so wichtig was ich finde.
Vor einem Monat - Antworten
DoktorSeltsam Lieber Apollinaris,
besten Dank erstmal für dein Feedback. Allerdings hast du entweder zu viel oder zu wenig gesagt, um den Autor zu erleuchten.
Du sagst, es ist mindestens sehr gut ("Sehr gut", aber "mindestens"? Wie geht das? Wie lautet die Steigerung von "sehr gut"?), es hätte einen eigentlich bis Seite 18 unterhalten können. Hätte ist Konjunktiv II und bezeichnet demnach etwas, das z. B. sehr gut hätte sein können, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt gewesen wären. Daher die Frage: Hat es das nicht, und, wenn ja, warum: Zu lang, zu viele Nebensächlichkeiten, die Gags zünden nicht, die Personen sind zu flach geraten etc. pp? Dann sagst du, es hat dich interessiert, aber nicht mehr bis zur gelesenen Seite. Das ist ziemlich verklausuliert, aber dennoch, wie ich das verstehe, ein klassischer Widerspruch. Entweder du hast es gelesen, und es hat dich bis dahin interessiert, und danach nicht mehr, oder du hast es nicht gelesen, und es hat dich grundsätzlich nicht interessiert, sodass du auch nicht abbrechen musstest. Verstehst du meine Schwierigkeiten?
Bitte mal um kurze Erleuchtung.
Danke und Gruß,
Dok
Vor einem Monat - Antworten
Apollinaris *bling*

Ich habs gelesen bis Seite 14 etwa - dann wurde es mir trotz allem zu langatmig irgendwie. Es ist wie geschrieben sehr gut. Aber es hat mich nicht unterhalten ( bei der stange halten ) können bis zum Ende Es lag wohl hauptsächlich am Interessanten Titelthema das ich es begann. KURZ: >>NICHT SEHR GUT und INTERESSANT - das wollte ich eigentlich sagen und ausdrücken ohne bös zu kritisieren .

Bitte.
Vor einem Monat - Antworten
DoktorSeltsam Also jetzt ist es, wenn ich recht verstehe, nicht sehr gut und interessant. Oder vielleicht: nicht sehr gut, aber interessant? Oder doch eher: nicht sehr gut und nicht sehr interessant? Aber geschrieben ist es gut, allerdings zu langatmig, demnach also nicht gut. Bis Seite 14 etwa, oder doch eher bis Seite 18? Das ist ein Unterschied. ;-)
Lassen wir das. Es hat mich kein bisschen erleuchtet, aber trotzdem vielen Dank.
Liebe Grüße,
Dok
Vor einem Monat - Antworten
Gast Why so complex thinking. ;) ;(

Vielleicht versuchst es mit der Osram 60 Watt.
Vor einem Monat - Antworten
DoktorSeltsam Vielleicht lässt du mal die Hosen runter und zeigst dein wahres Gesicht. ;)
Vor einem Monat - Antworten
cassandra2010 
Dottore, ick hab mir jekringelt wie Bolle nache Schlägerei... ein Schmankerl wie von Monty Pythons lockerer Truppe, etwa der Sketch mit der Spanish Inquisition... not the cushions!
Always look on the bright side of life...
Cassy

Noch ein passendes Schmankerl:
https://www.youtube.com/watch?v=C1B85UQT4AY
Vor einem Monat - Antworten
DoktorSeltsam Besten Dank. Ich muss sagen, meine Sympathien für dich steigern sich unaufhaltsam. Jemand, der über meine Witze lachen kann und noch dazu Monty Python's liebt, was kann man vom Leben mehr verlangen? Im Übrigen hat Monty für nahezu alle Situationen den richtigen Spruch parat. Etwa: "Your mother was a hamster and your father smelt of elderberries!" (Wenn man in eine Verkehrskontrolle gerät.) Oder: "All right, we'll call it a draw." (Wenn eine Diskussion mit dem Chef zur fristlosen Kündigung führt.)
Liebe Grüße,
Dok
Vor einem Monat - Antworten
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