Romane & Erzählungen
Rette mich! - Mein Leben war leer bis ich sie traf

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"Rette mich! - Mein Leben war leer bis ich sie traf"
Veröffentlicht am 08. April 2021, 2296 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: Canva
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Über den Autor:

Ich bin Geschäftsführerin eines kleinen aber feinen, chaotischen 6 köpfigen Familienunternehmens in Berlin. Weil das Leben ja sonst zu langweilig wäre, studiere ich nebenbei Journalismus an der ILS und besuche Vorlesungen in der HU. Meine große Leidenschaft ist das Schreiben. Am liebsten verfasse ich Fanfiktion Geschichten. Mir gefällt was ich zusammen schreibe und euch hoffentlich auch! Wenn ja, lasst mir doch ein Like oder Kommentar da! Danke ...
Rette mich! - Mein Leben war leer bis ich sie traf

Rette mich! - Mein Leben war leer bis ich sie traf

1.

London- 24. Dezember 1986 Eine gefühlte Ewigkeit sitzt er jetzt schon hier auf den steinernen Stufen vor dem Haus dem nass kalten Wetter trotzend. Cathy kam nicht nur einmal heraus um ihn zu ermahnen und bitten mit ihr ins Haus zu kommen. Er würde sich noch den Tod holen. Doch er blieb sitzen. Seine Eltern waren so lange weg - eine Ewigkeit. Er wollte, nein musste sogar der erste sein der sie begrüßte. Er, ihr kleiner

Liebling. Es begann bereits dunkel zu werden als endlich ein schwarzes Taxi vor dem Haus am Straßenrand anhielt. Gespannt sah er auf. Seine Augen schmerzten vor Kälte, die Füße waren zu Eisblöcken gefroren und er zitterte am ganzen Körper. Der Fahrer stieg aus, ging um seinen Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Daddy schwang seine langen Beine heraus. Seine Füße berührten parallel zueinander den Gehweg und er zog sich wie durch Magie auf die Beine. Gebannt beobachte er wie sein Daddy dem Taxifahrer huldvoll zunickt, sich umdreht und auf ihn zu kommt. Wann würde sich die

andere Tür öffnen? Wann würde Mummy endlich aussteigen? Riesig wie immer trohnt Daddy vor ihm und sieht auf den kleinen Jungen zu seinen Füßen hinunter. "Guten Abend, Michael." brummt sein Bariton. "Mein Gott, wie lange sitzt du schon da? Cathy sollte doch dafür sorgen das du bereits im Bett bist." Letzteres murmelte er nur, war kaum verständlich. Er drückt sich ohne dem Kind aufzuhelfen an ihm vorbei, öffnet die Tür und tritt ein. Sofort spürt Michael die Wärme des Hauses und die dunkle Stimme Thomas hinter sich der seinen Vater freundlich aber distanziert begrüßt. Wo blieb seine Mutter? Der Taxifahrer bahnte sich ebenfalls beladen mit zwei

ledernen Koffern an ihm vorbei einen Weg ins Haus. Michael dreht etwas den Oberkörper um sehen zu können was geschieht. Die Koffer werden im Foyer auf die blanken schwarz weißen Fliesen gestellt, der Taxifahrer verlässt das Haus wirft dem Kleinen zu seinen Füßen noch ein gemurmeltes "Frohe Weihnachten, Kleiner!" zu, steigt wieder in sein Wagen und verlässt sein Blickfeld. Mummy saß wohl nicht mit im Auto. "Michael komm her!" hallt die Stimme seines Vaters durch das Haus. Michael wurde, nachdem er stundenlang in der Kälte gesessen hatte von Cathy in der Küche zunächst einmal mit heißer Suppe

und einer Wärmflasche wieder aufgewärmt. "Sonst haben wir morgen gleich zwei Leichen zu beklagen." murmelte sie und rubbelte mit ihren großen Händen an seinem Rücken. Was genau war eine Leiche? "Michael komm sofort hier her!" rief sein Vater erneut. Diesmal dringlicher. Der Junge erhob sich und schlurfte seinem Schicksal entgegen. Er ahnte das sein Vater ihm keine guten Neuigkeiten unterbreiten würde. Kraftlos lenkt er seine Schritte der Bibliothek seines Vaters zu wo er ihn vermutet. Tatsächlich ist die Tür der Bibliothek einen Spalt breit geöffnet. Verstohlen wirft er zunächst nur einen

Blick hinein. Die einzige Lichtquelle im Raum ist ein Feuer das in dem riesigen Kamin prasselt. Vater steht mit einem Glas in der einen sich mit der anderen Hand sich am Kaminsims abstützend davor. Sein Brustkorb hebt und senkt sich stetig, er wirkt angespannt so als ob er wütend wäre. Ist er wütend auf ihn? Aber was hat er getan. In den letzten Wochen war er sehr darum bemüht brav zu sein damit seine Eltern stolz auf ihren lieben Jungen sein konnten. Jetzt steht sein Vater aber in seinem goldenen Morgenrock gekleidet vor dem Kamin, stiert in die Flammen und trinkt hastig die braune Flüssigkeit aus dem Glas in seiner Hand. Auf dem Tisch nahe

dem Kamin steht eine halb leere Flasche. Zaghaft klopft er an. Der Kopf seines Vaters ruckt herum und Michael erschrickt als er die Augen sieht. Hass und Trauer schienen sich in ihrem Blick ein Duell zu liefern. Was hatte Daddy nur? Und wo war Mummy? "Da bist du ja endlich." wird er angeschnauzt. "Steh nicht so dumm herum. Komm herein!" Er bedeutet dem Kind einzutreten. Vorsichtig folgt dieser und kommt sich wie ein Zebra in direkter Nähe zu einem hungrigen Löwen vor, als er durch den Raum schleicht und schließlich hinter der Rückenlehne eines Sessels zum stehen

kommt. "Was soll das? Was tust du da?" will sein Vater verwirrt wissen. "Ich hab Angst." flüstert Michael. "Was? Sprich gefälligst lauter!" raunt sein Vater ihn an. Vor Schreck zuckt Michael zusammen, verlässt dann jedoch sein Versteck und stellt sich direkt vor seinen Vater an den Kamin. Das Feuer ist groß und heiß. Sein Blick fährt über den Körper seines Vaters hinauf in dessen Gesicht. Das Licht flackert und lässt seinen Mund so erscheinen als ob Daddy Lächeln würde. Doch es ist nur eine optische Täuschung, denn als er jetzt beginnt zu sprechen ist es nichts lustiges was er zu sagen hat.

"Michael, ich muss dir leider berichten das deine Mutter uns verlassen hat." Erschrocken fokussiert sich sein Gehör auf das gesprochene. Verlassen? Konzentriert sieht er seinem Vater ins Gesicht. Noch immer keine Regung. "Was meinst du? Wo ist Mummy?" flüstert das Kind. "Hast du mir gerade nicht zugehört?" wird er angebrüllt. "Sie ist weg. Weg, Michael." "Wo ist Mummy?" Seine Augen beginnen zu brennen, Tränen rinnen ihm in die Wangen herab und fallen vor seine Füße auf den Parkettboden. "Sie hat sich dazu entschlossen uns zu

verlassen. Ist durchgebrannt, so nennt man das wohl." Verbittert dreht sein Vater sich ab und starrt wieder in die Flammen. Mum kann doch nicht einfach so weg gehen. Ohne ihren Jungen. Wo ist sie nur? "Kommt sie wieder?" flüstert er. Sein Vater schüttelt stumm den Kopf. Weil er damit meint das sie nie wieder kommt oder weil er es nicht weiß, der Junge kann es nicht erörtern. Schweigend dreht er sich um und läuft so schnell er kann zur Tür. Nur weg hier. Zu Cathy in die Küche. Cathy sollte ihn trösten. "Es wird nicht gerannt! Und schließe die

Tür!" schreit sein Vater ihm nach. Sofort stoppt er und geht vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend weiter zur Tür. Leise zieht er diese hinter sich zu. Im Raum dahinter hört er Glas zerspringen. Der Wecker zeigt bereits 23:30 als die Tür zu seinem Kinderzimmer leise geöffnet wird. Michael liegt mit dem Rücken zu ihr unter seiner Decke und gibt vor zu schlafen. Wirklich schlafen kann er heute nicht. Zu groß ist die Ungewissheit was mit seiner Mutter geschehen ist. Sicherlich ist es Cathy die sich bevor sie selbst schlafen geht vergewissern will ob es ihm gut ginge. Doch als die Person

sich jetzt zu ihm auf die Bettkante setzt bemerkt der Junge das es sich bei dem nächtlichen Besucher nicht um die Haushälterin sondern um seinen Vater handelt. Dessen schwere Hand sich nun auf seine Schulter legt. Michael kann nicht verhindern das er bei der Berührung etwas zusammenzuckt. "Du bist wach." Das war keine Frage sondern eine Feststellung. "Ich kann auch nicht schlafen." murmelt die dunkle Stimme seines Vaters. Michael antwortet nicht, zeigt auch sonst keine Reaktion. Starrt einfach nur weiter in Richtung Fenster. "Möchtest du heute Nacht in meinem Schlafzimmer schlafen?" fragt sein

Vater. Michael hält den Atem an. Seine Eltern haben schon seit er denken kann getrennte Schlafräume in unterschiedlichen Etagen in diesem Haus. Sein Vater seines liegt unter dem Dach. "Was sagst du? Ich weiß, dass du wach bist, Michael." Seine Stimme ist so sanft, so freundlich. Ganz anders als sonst. Zuversichtlich das er diese Nacht trösten gespendet bekommt dreht er sich zu seinem Vater um und nickt. Ein echtes Lächeln breitet sich auf dessen Gesicht aus. Er erhebt sich und reicht seinem Sohn die Hand. "Dann komm!" raunt

er. Michael klettert aus dem Bett, schlüpft in Pantoffeln und Morgenmantel und ergreift die warme Hand seines Vaters. Gemeinsam gehen sie in das Dachgeschoss. London - 14. Juni 2019 "Das wird so genial! Ich bin ja so aufgeregt." freut sich Rose. "London. Mein ganzes Leben schon träume ich davon hierher zu kommen." Sie kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Gemeinsam stehen wir mit unserem Gepäck vor dem Hauptgebäude des Heathrow Airports und schauen uns

unschlüssig um. "Ein Königreich für ein Taxi." denke ich und beschließe einfach das schwarze dort drüben zu nehmen. Energisch deute ich aus Mangel an Handfreiheit mit dem Kinn darauf. "Da drüben. Ein Taxi." rufe ich. Rose blickt in die Richtung und setzt sich schon in Bewegung. Nachdem wir uns mit unseren Koffern einen Weg durch die Menschenmassen gebahnt und erfolgreich dieses Taxi für uns in Anspruch genommen haben, lassen wir uns erschöpft in die Sitze plumpsen. Der Fahrer ist noch mit unserem Gepäck beschäftigt und legt es in den Kofferraum. Rose und ich strahlen uns

an. London - eine Woche nur wir zwei. Einen letzten Mädelsurlaub ehe der Ernst des Lebens beginnt. Bereits in drei Wochen wird Rose Frau von Ribbeck sein. Dann ist es vorbei mit trauter Zweisamkeit zwischen uns. Seit frühester Jugend sind wir nun schon befreundet. Haben etliche Höhen und Tiefen miteinander durchgestanden. "Thea, ich bin so froh das es noch geklappt hat!" flüstert Rose mit einem mal und ihre Stimme klingt als sei sie tief bewegt. Ich greife nach ihren Händen und drücke sie sanft. "Ich auch. Mensch, London. Unsere Traumstadt. Warum sind wir nicht schon viel früher gemeinsam hierher

gekommen?" grübel ich laut. Sie zuckt die Achseln. "Keine Ahnung. Du warst ja schon mal hier. Du glückliche." "Jup. Sechs Monate Schüleraustausch. Das war eine tolle Zeit!" Und während ich in Erinnerungen schwelge steigt der Fahrer ein und bittet um die Adresse. Rose nennt sie ihm und die Fahrt geht los. Glücklich sehen wir uns an und müssen plötzlich lachen. London - wir kommen! Unsere knapp einstündige Fahrt endet in Whitechepal. Vor dem Clayton Hotel hält der Fahrer an und steigt als erster aus um

unser Gepäck aus dem Kofferraum zu wuchten. "Los geht's. Komm!" sage ich und öffne die Wagentür. Leider vergesse ich auf den Verkehr zu achten und entgehe, kaum das ich die Tür hinter mir zugeworfen habe nur knapp einem wütend hupenden schwarzen Auto. Um ein Haar wäre ich überfahren worden. "Süße, träumst du?" lacht Rose und stöckelt schon dem Eingang entgegen. Der Schreck ist mir in die Glieder gefahren. Steif und nass geschwitzt umrunde ich den Wagen bezahle den Fahrer und lächle dem Page dankbar zu der bereits damit begonnen hat unsere Koffer auf einen Rollwagen zu stellen. Dann folge ich meiner Freundin durch

die riesige Glastür ins Innere des Gebäudes. Das Hotel ist recht neu und modern ausgestattet. Dunkles Holz und freundliche helle Farbakzente bilden ein stimmiges Gesamtbild. Ich stelle mich neben Rose an den Empfangstresen. Ein freundlich lächelnder dunkelhäutiger junger Mann im schwarzen Anzug begrüßt uns und heißt uns herzlich willkommen. Nachdem wir den bürokratischen Teil hinter uns gebracht haben befinden wir uns gemeinsam mit dem Page und unserem Gepäck in einem Aufzug in den 7. Stock. Hier soll sich unser Doppelzimmer

befinden. "Wow! Das Zimmer ist ja voll der Hammer!" jubelt Rose während sie mit ausgebreiteten Armen durch das Zimmer läuft. "Ja, wirklich schön." stimme ich ihr gemäßigter zu. Ich halte dem jungen Mann einen Geldschein hin und verabschiede ihn mit einem strahlenden Lächeln. Kaum ist die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, da lässt sich Rose mit Schmackes rückwärts auf das riesige Bett fallen. "Das wird der beste Urlaub unseres Lebens!" schreit sie glücklich und strampelt mit den Beinen in der Luft herum.

Lächelnd sehe ich ihr zu. "Komm her, Süße! Geh mal richtig aus dir raus." befiehlt sie mir. Zögerlich gehe ich auf sie zu. Rose ergreift meine Hände und zieht mich zu sich auf das Bett. Kaum stehen wir uns auf der Liegefläche gegenüber beginnen wir synchron hysterisch zu lachen und dabei auf und ab zu hüpfen. Wir tun das bis wir das Gefühl haben, dass das Bett diese Prozedur keine Minute mehr länger aushält. Atemlos lassen wir uns rücklings fallen und bleiben heftig atmend liegen. "Das wird toll! Es wird unser Leben verändern." seufzt Rose dreht den Kopf

zu mir und sieht mir tief in die Augen. "Ich spür's einfach." "Na mal sehen." grübel ich. "Ach komm schon." Sie zwickt mich in die Seite. "Wir sind in einer der aufregendsten Städte der Welt. Lass uns rausgehen und Abenteuer erleben." "Ich habe keine Ahnung was für Drogen du genommen hast Süße, aber ich will auch was davon haben." ziehe ich sie auf. "Meine Droge heißt Daniel." lacht sie und fügt hinzu "Vielleicht findest du ja deinen Daniel hier in London?" Ich winke ab. "Ja klar." und beginne damit meinen Koffer auszupacken. "Musst du das jetzt machen?" mault

Rose. "Das hat doch Zeit. Ich habe Hunger." fügt sie in einem herzerwärmenden Jammerton hinzu. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen und stimme nickend zu, dass wir das Auspacken vorerst sein lassen und uns stattdessen ein hübsches kleines Café suchen. In der Nähe des Hotels werden wir fündig. Das Cafè ist niedlich. Klein aber fein. Eine freundliche Bedienung fragt uns nach unseren Wünschen kaum das wir in der Außenbestuhlung platz genommen haben. Mein Hunger hält sich, obwohl ich seit unserem Abflug heute Morgen in Berlin

nichts mehr gegessen habe in Grenzen. Rose dagegen scheint extremen Hunger zu haben, demnach zu urteilen was sie sich alles bestellt. Ich lehne mich zurück und schaue in den strahlend blauen Juni Himmel. "Ist es nicht seltsam?" beginne ich träumerisch. "Was?" "Man nimmt doch gemeinhin an das es in England immer regnet." Rose nickt. "Aber in all den Monaten in denen ich in dieser Stadt gelebt habe hat es kaum geregnet." vollende ich meine Gedankengänge. "Weißt du, ich habe mal gelesen, dass

das ein Trugschluss ist. In Rom zum Beispiel soll es im Schnitt mehr regnen als in London. Erst recht in Zeiten des Klimawandels." Sie zwinkert mir zu. Jetzt nicke ich. Die Bedienung kehrt zurück und bringt unsere Getränke. Eilig greife ich, sobald sie wieder weg ist nach meinem Wasser. "Ich habe einen solchen Durst. Das muss an der Hitze liegen." stöhne ich. "Sicher. Dann lass uns anstoßen!" schlägt meine Freundin vor und erhebt ihr Wasserglas. "Mit Mineralwasser?" frage ich halb skeptisch halb erfreut. "Klar doch. Wenn wir uns jetzt bei dieser Hitze Sekt hinterknallen schaffen wir

unser heutiges Programm nicht mehr." erwidert sie lachend. "Auf unseren letzten Urlaub in Freiheit!" "Auf die Freiheit." stimme ich mit erhobenem Glas zu. Beide trinken wir einen Schluck. Da fällt mir auf. "Was hast du eigentlich für heute noch geplant?" Mit flauem Gefühl im Bauch ahne ich bereits das sie mich in irgendeinen Club oder so schleppen will. Jetlag habe ich zwar keinen, kein Wunder bei der kurzen Distanz aber um die Nacht durch zu machen fühle ich mich heute dennoch zu schlapp. "Ich will in den Tower." Begeistert wie ein kleines Kind klatscht sie in die

Hände. "Echt jetzt? Heute noch? Da sind immer so ewig lange Schlangen." stöhne ich. "Ach komm schon!" grinst sie. Wie oft habe ich das heute schon von ihr gehört. "Na gut. Dann lass uns jetzt schnell was essen und dann los. Ist ja nicht weit von hier aus. Nur die Straße runter." stimme ich zu. "Eben." Nachdem wir unsere Salate und die Pizzas gegessen haben machen wir uns gleich auf den Weg. Nur die Straße runter ist dann doch nicht. Was auf der Karte so kurz aussieht

ist in einer Stadt wie London doch ein gutes Stück zu Fuß. Auf dem Hinweg verzichten wir aus gutem Glauben bald am Ziel zu sein auf die Tube, für den Rückweg jedoch nehmen wir uns fest vor damit zu fahren. Schon von weitem sieht man die dunklen Mauern des Towers of London. Kaum stehen wir wieder auf der Straße sehen wir uns nach einer U-Bahnstation um. "Dort drin war es so spannend das ich gar nicht bemerkt habe wie viel wir heute gelaufen sind. Mir tun die Füße weh!" heult Rose theatralisch und gestikuliert wild in der Luft herum.

"Reg dich ab, Dramaqueen! Da drüben ist die Tube." grinse ich, hake mich bei ihr unter und ziehe sie in die angegebene Richtung. Später im Hotel schafft es Rose gerade noch sich zu unserem Bett zu schleppen. Sofort lässt sie sich müde darauf fallen. Kaum ist sie in der Waagerechten schläft sie auch schon ein. "Und du willst die Nächte durchfeiern?" grinse ich in mich hinein. "Wohl kaum." Im Gegensatz zu meiner Freundin möchte ich morgen früh nicht aufwachen und wie ein Pandabär aussehen. Also gehe ich in das luxuriöse Badezimmer unseres

Zimmers Dusche und schminke mich ab. Mein Haar lasse ich heute so. Das kann ich auch morgen noch waschen. Bis ich meine langen roten Locken wieder trocken habe vergehen Stunden. Nachdem ich mich eingecremt habe und gerade dabei bin mich für die Nacht anzuziehen poltert es laut im Flur vor unserem Zimmer. Ich horche auf. Ein weiteres Poltern. Neugierig geworden wer da um diese Zeit einen solchen Lärm veranstaltet gehe ich zur Tür, öffne die einen Spalt breit und linze vorsichtig hinaus. Der bordeaux rote Läufer glänzt im Schein der Wandleuchten die in regelmäßigen Abständen zu beiden Seiten an den

Wänden angebracht sind. Der Flur ist leer. Nur links neben mir klappt gerade die Tür. Ob da gerade der Randalierer verschwunden ist? "Guten Morgen Sonnenschein." flüstert eine freundliche Stimme in meinem Traum. Verwirrt reibe ich mir die Augen und schlage sie auf. Neben mir liegt Rose bäuchlings auf dem Bett, das Kinn auf die Hände gestützt und grinst mich über beide Ohren an. "Gut geschlafen?" fragt sie noch. Ich gähnte hinter vorgehaltener Hand und nicke. "Wie ein Stein." "Sehr schön! Dann mal auf auf! Wir haben viel vor." Sie hievt sich hoch und

krabbelt zum Fußende des Bettes. Jetzt erst fällt mir auf das sie bereits vollständig angezogen ist. "Sag mal, wie lange bist du denn schon auf?" murmle ich und greife nach meinem Handy auf dem Nachttisch neben mir. 7:45. Echt jetzt? Genervt lasse ich mich zurück auf den Rücken fallen. "Meine liebe Rose. Bist du nicht auch der Ansicht das man es sich in seinem Urlaub mal gut gehen lassen sollte? Dazu gehört, meiner Meinung nach auch mal ausschlafen zu können." stöhne ich und fahre mir mit der Hand durch die Locken. "Ich hatte vor um 8 zum Frühstück runter zu gehen. Wir schaffen doch sonst

nichts." Theatralisch seufzt sie laut auf. "Okay okay. Bevor du mir hier noch einen Nervenzusammenbruch bekommst." gebe ich nach und stehe auf. "Aber morgen wird ausgeschlafen. Mindestens bis 9." stelle ich klar. "Ist gebongt. Und jetzt beeil dich! Ich hab Hunger." "Sklaventreiberin." stöhne ich und schlurfe ins Badezimmer. Dort fällt mir der Lärm von gestern Nacht wieder ein. "Ein Wunder das du durch geschlafen hast." rufe ich laut durch die geschlossene Tür. "Wieso?" kommt es dumpf zurück. Ich öffne die Tür einen Spalt breit und rufe mit der Zahnbürste im Mund hinaus

"Irgendjemand hat gestern im Flur vor unserem Zimmer randaliert. Es hat super laut gepoltert. Und du hast nix gehört?" "Nö." 30 Minuten später sitzen wir im Speisesaal beim Frühstück. Während Rose pikiert einen Chefsalat auf die Gabel nimmt und ununterbrochen redet und redet, nippe ich an meinem Cappuccino und beobachte sie. Meine beste Freundin seit Kindertagen trägt seit neuestem ihr blondes Haar als mittellangen Bob. Mit ihrem makellosen Gesicht und ihrer Traumfigur hat sie seit jeher den Männern den Kopf verdreht. Dazu kommt ihr freundliches offenes

Naturell mit dem sie es schafft jeden um den kleinen Finger zu wickeln. Ob Frau oder Mann - egal. Rose kann einfach gut reden. Ich würde mich zwar nicht unbedingt als schüchtern bezeichnen, aber wir sind dennoch grundverschieden. Ruhiger Bücherwurm der seine kreative Seite bei der Arbeit als Autorin auslebt umschreibt mich wohl am besten. Rose dagegen steht als Model und Moderatorin beim Radio stets im Mittelpunkt und sonnt sich in der Aufmerksamkeit die ihr die Öffentlichkeit zukommen lässt. Ich halte mich gern zurück. Bleibe im Hintergrund. Verstecke mich hinter meinem Schreibtisch.

Gedankenverloren greife ich mir ein Buttercroissant aus dem Brotkorb und beginne es der Länge nach aufzuschneiden. "Na endlich. Ich dachte schon du hättest keinen Hunger." freut Rose sich. "Du musst dich stärken. Wir haben heute viel vor." Sie zwinkert mir zu. "Komisch, dass hast du gestern schon gesagt." grinse ich und bestreichen beide Croissantshälften mit Kirschmarmelade. Ich liebe Marmelade! "Jedenfalls bin ich so froh das es doch noch geklappt hat mit unserem Urlaub!" plappert sie weiter. "Ja. Ich musste mich echt anstrengen

mein Kapitel noch fertig zu kriegen." stöhne ich, "War nicht einfach." Ich sehe sie an und zucke die Achseln. "Schreibblockade." "Du brauchst einfach nur wieder Input. Anreize eben." lacht sie. "Hey, vielleicht kommt dir ja beim Anblick eines uralten Gebäudes hier die Idee? Wir sind schließlich in Whitechepal. Wenn einem hier keine gruseligen Einfälle kommen wo denn dann?" Sie spült ihren Salat mit einem großen Schluck Orangensaft herunter. "Ja, wenn man ..." Sie unterbricht mich in dem sie plötzlich laut jubelt "Oh oh, das ist ja die Idee überhaupt. Für deine kreative

Schaffensphase. Wir gehen heute zu so einer Jack the Ripper Stadtführung." Rose klatscht begeistert in die Hände. Mich gruselt es jetzt schon. "Du, ich weiß nicht recht." erwidere ich zögerlich. "Ach sei doch nicht immer so ein Hasenfuß." zieht sie mich lachend auf. "Ich überleg's mir okay?" wehre ich sie mit erhobenen Händen ab. "Du hast mir versprochen noch ein letztes Mal mit mir einen drauf zu machen. Die Sau raus zu lassen bevor ich in den ewigen Jagdgründen verschwinde." jammert sie theatralisch. "Rose, du stirbst nicht. Du heiratest." lächle ich. "Ich dachte du liebst Daniel?"

Zweifelnd ziehe ich die Augenbraue hoch. "Selbstverständlich tue ich das. Aber noch, meine Liebe ..." Sie greift nach meinen Händen und sieht mir in die Augen. "... bin ich Single und dies hier ist mein Junggesellinnenabschied. Also wird gefeiert. Lass uns Spaß haben! Komm mal aus dir raus, Süße!" Lächelnd schüttel ich den Kopf. "Ich denke nicht das ich über meinen Schatten springen kann." murmle ich und führe das Croissant an meinen Mund. "Ich glaube du musst nur mal richtig gefickt werden." Erschrocken verschlucke ich mich und mir fällt das Croissant aus der Hand.

Natürlich mit der beschmierten Seite direkt auf meine weiße Bluse. "Verdammt!" presse ich zwischen dem Hustkrampf hervor, greife nach dem Gebäck und werfe es auf den Teller vor mir. Rose fällt fast vom Stuhl vor Lachen. "Oh mein Gott bist du prüde." schnaubt sie. Ohne das zu kommentieren stoße ich mich vom Tisch ab und stehe auf. "Ich geh mich mal - umziehen. Bin gleich wieder da." Sie nickt lachend und piekt mit ihrer Gabel ein weiteres Salatblatt auf. Eilig verlasse ich den Speisesaal,

durchquere das Foyer und laufe zu den Aufzügen. Stets darauf bedacht meine Arme so zu halten das der riesige feuchte Fleck nicht großartig auffällt. "Wie peinlich. Ist ja mal wieder typisch das mir sowas passieren musste und nicht Fräulein Supertoll." grummel ich während ich mit dem Aufzug in den 7. Stock fahre. Warum auch immer, aber kaum bin ich aus dem Fahrstuhl getreten beginne ich, während ich den Gang entlang laufe die Knöpfe meiner Bluse zu öffnen. Hier ist um diese Uhrzeit eh kein Schwein. Der letzte Knopf will nicht so wie ich es will. Mit gesenktem Kopf renne ich weiter und pralle mit einem mal mit

jemanden zusammen. Das erste was ich von diesem Jemand sehe sind glänzend schwarze Schuhe und eine dunkelblaue Anzughose. Ich pralle direkt mit ihm zusammen. Meine Brust presst sich gegen die seine, meine Hände ruhen ebenfalls auf seiner Brust. Ich spüre harte Muskeln. Es sind nur Sekundenbruchteile doch es kommt mir wie in Zeitlupe vor als er jetzt, vielleicht aus Reflex seine Hände um meine Taille legt und mich festhält. Dann ist der Moment vorüber. Erschrocken fahren wir auseinander. Mit Entsetzen bemerke ich als erstes den dunkelroten Fleck Kirschmarmelade auf seinem weißen Button down Hemd. Mein

Fleck muss sich bei dem Aufprall direkt auf sein Hemd gestempelt haben. "Heilige Scheiße!" rufe ich auf deutsch. Was auch immer mich geritten hat, aber ich trete wieder näher und versuche hastig mit meinem Ärmel den Fleck weg zu wischen. "Das muss doch ... Scheiße!" fluche ich leise. "Stopp!" herrscht er mich an und hält mein Handgelenk mit eisernen Griff fest. Erschrocken sehe ich ihm ins Gesicht. Seine blauen Augen stechen aus seinem hübschen Gesicht hervor. Allerdings sind sie gerötet. Hat er geweint? Ohje diese Wangenknochen. Und das braune Haar. Nicht zu kurz und nicht zu lang, jedoch perfekt frisiert. Ein sexy Bartschatten.

Oh man. Wenn man einen Mann als sexy bezeichnen kann dann diesen hier. "Das bringt nichts. Sie machen es nur noch schlimmer, sie dumme Gans." presst er auf englisch zwischen den Zähnen hervor. Er ist Brite. Theoretisch sollte ich aufgrund seiner Wortwahl sauer sein, aber er hat ja recht. Ich wechsle zum englischen. "Es tut mir sehr leid, Sir. Entschuldigen Sie bitte!" flehe ich. Sein Blick mit der erhobenen Augenbraue macht mir bewusst das ich hier mit geöffneter Bluse barbusig vor ihm stehe. Hastig raffte ich die Bluse am Hals zusammen und versperrte ihm so die

Sicht auf mein Dekolltè. Für einen kurzen Augenblick zieht er amüsiert die Mundwinkel nach oben, doch gleich darauf verdunkelt sich sein Blick wieder. Plötzlich reißt er sich sein dunkelblaues Jacket von den Schultern und drückt es mir in die Hand. Verwirrt halte ich es am Kragen fest. Dann öffnet er, hier mitten im Gang Knopf für Knopf sein weißes Hemd. Ich schnappe nach Luft, stehe da und kann ihn nur anstarren. Das scheint ihn wieder zu belustigen. Er grinst mich frech an. Stück für Stück kann ich mehr von seinem gestählten Oberkörper sehen. Er scheint intensives Training zu

betreiben. Fast schon lasziv lässt er das Hemd schließlich über seine Schultern gleiten. Ich befeuchte meine Lippen, ziehe die Unterlippe leicht ein und kaue darauf herum während ich seinen Striptease hier genieße. Ein dunkles Knurren verlässt seine Kehle und mit einem mal knüllt er sein Hemd achtlos zusammen und wirft es mir entgegen. Ein Ärmel streift im Flug meine Wange. Erschrocken, durch diese rüde art mich aus meinem Tagtraum heraus zu holen fange ich es auf und presse es an meine Brust. "Was?" frage ich. "Säubern. Wo ich wohne wissen Sie ja."

raunt er mich an, reißt mir sein Jacket aus der Hand und verschwindet so schnell wie er gekommen ist in seinem Hotelzimmer. Die Tür knallt laut ins Schloss. Unschlüssig stehe ich einige Augenblicke nur da. Dann erinnere ich mich meines Aufzugs und wo ich mich befinde und eile zu unserer Zimmertür. 712. Er wohnt 711. Kaum ist die Tür hinter mir ins Schloss gefallen da presse ich mich rücklings gegen das harte Holz. Heftig atmend brauche ich einige Augenblicke um wieder runter zu kommen. Was ist hier gerade passiert? Nüchtern betrachtet habe ich mich vor dem sexiesten Mann

der Welt zum deppen gemacht und ihm sein Versace Hemd ruiniert. Versace? Oh scheiße! Kirschflecken gehen doch nicht mehr raus. Mist, mist, mist! Andersherum hat er allerdings auch vor mir einen Striptease hingelegt. Na ja, zumindest einen kleinen. Ob er immer so spontan ist oder war das nur für mich? Keine Ahnung. Vorsichtig hebe ich sein Hemd und schnuppere daran. Es ist frisch gewaschen aber es duftet auch nach seinem After Shave. Hm lecker. Seufzend presste ich mir den Stoff vor das Gesicht und schließe träumerisch die Augen. "Wie du wohl heißt?" überlege ich. "Wenn ich es tatsächlich gebacken kriege

den Fleck zu entfernen wie soll ich dir dein Eigentum zurück geben? Über den Empfang. Dann würde ich deinem Namen erfahren. Oder war es deine Absicht das ich es dir persönlich nach nebenan bringe?" Momentan mal, nebenan. Dann war er es gestern Nacht der so laut war. Einige Zeit stehe ich noch so da und atme seinen Duft ein, bin mir plötzlich Rose wieder einfällt. Wie lange war ich jetzt schon weg? Mist! Ich gehe hinüber zur Sitzgruppe und breite das Hemd von Mister Unbekannt auf der Rückenlehne des Sessels aus. Vorsichtig lasse ich meine Fingerspitzen über den weichen Stoff gleiten. Dann

reiße ich mir meine eigene Bluse vom Leib und werfe ich achtlos auf das Bett. Eilig laufe ich zum Schrank. Dieser steht an der Wand die an sein Zimmer grenzt. Seltsamerweise komme ich mir gar nicht lächerlich vor als ich jetzt mein Ohr an die geblümte Tapete presse und lausche. Doch entweder sind die Wände sehr dick oder er ist sehr leise, jedenfalls höre ich nichts. Langsam fröstelt es mich auch, sodass ich mir schleunigst ein Shirt aus dem Schrank hole und überziehe. Ein kurzer Blick auf mein Spiegelbild sagt mir, dass das kurze Intermezzo mit Mister sexy meiner Ausstrahlung gut getan hat. Ich grinse über beide Ohren. Rasch bürste ich mein Haar und verlasse

anschließend das Hotelzimmer. Als ich an Tür 711 vorbei gehe werfe ich einen schnellen Blick zu der Tür. Verschlossen. Kurz darauf bin ich zurück im Speisesaal. "Na du warst ja lange weg. Hast du das Shirt erst noch nähen müssen oder was?" empfängt meine Freundin mich am Tisch. "Du glaubst nicht was mir gerade passiert ist." beginne ich nachdem ich mich gesetzt habe. Rose wittert eine gute Story und fordert mich auf weiter zu sprechen. Als ich geendet habe lehnt sie sich auf ihrem Stuhl zurück und lächelt

geheimnisvoll. "Was ist?" lache ich. "Der Typ scheint dich ja tief beeindruckt zu haben." Ich winke ab und greife zu meiner Tasse. Kalt. Natürlich. Mist! Ich sehe mich nach einer Bedienung um um mir einen neuen Cappuccino zu bestellen. Insgeheim hoffe ich Rose so von diesem Thema abzulenken. Vergeblich. "Süße, ich sage dir, das ist Schicksal." Ich schnaube verächtlich und sehe sie an. "Doch doch. Dieser Kerl ist vielleicht der der dich ..." "Schon gut." unterbreche ich sie schnell ehe sie die f Wort sagen kann. Wie

peinlich! Rose fällt schon wieder fast vom Stuhl vor lachen. Sie muss sich sogar an der Tischkante festhalten. Warum muss sie immer so übertreiben?

3.

"Na wo kommen wir denn jetzt her?" Mit diesen Worten begrüßt Rose mich in unserem Zimmer. Erschrocken zucke ich zusammen. "Was?" Mein Anblick scheint sie zu amüsieren. Sie lacht lauthals auf. "Mensch Thea, mach dich locker! Du warst drüben oder?" Sie deutet mit dem Kinn Richtung linke Wand. Ich nicke und merke das sich meine Mundwinkel nach oben ziehen. "Was es schön?" fragt sie kryptisch. Verwirrt stelle ich die Gegenfrage "Was meinst du?"

"Na war es schön - bei ihm. Setz dich und erzähl! Ich will alles wissen." Sie ist so erpicht darauf auch mal aus meinem Mund eine romantische Geschichte zu hören das sie ganz hibbelig ist. Sonst ist es, sie die mit ihren Männergeschichten unsere Mädelstruppe unterhalten hat. Leider muss ich sie heute enttäuschen. "Schade. Aber er war doch schon halb nackt sagst du. Warum wollte er dich nicht küssen?" grübelt sie und läuft die Handflächen unter dem Kinn aneinander gepresst im Zimmer auf und ab. In dieser Pose erinnert sie mich an jemanden, ich komme nur nicht drauf an

wen. Ich zucke die Achseln. "Keine Ahnung. Ich war jedenfalls bereit. Wer sagt bei diesem Kerl schon nein?" Letzteres habe ich mehr zu mir selbst gesagt als es laut auszusprechen. "Seine Worte waren, 'nicht so' und 'so will er das nicht'. Vielleicht hat er ja Prinzipien und eine davon besagt: treib es nie mit einer Frau in Hotelzimmern." scherze ich mit verstellter Stimme. Rose lacht laut auf. "Ja vielleicht." japst sie. "Eine Chance habe ich vielleicht ja noch." beginne ich geheimnisvoll nachdem sie sich etwas beruhigt hat. "Er hat mich zum Essen eingeladen.

Morgen." Ihr lautes Jubelgeschrei weckt sicherlich gerade die ganze Etage. Hastig springe ich auf um ihr die Hand auf den Mund zu pressen. "Scht. Nicht so laut! Er könnte dich hören und dich für mich halten. Was denkt er sich dann?" zische ich. Sie umarmt mich und lässt sich mit mir auf das Bett fallen. "Na das du außer dir bist vor Freude wegen eurer Verabredung morgen." kichert Rose als ich ihren Mund wieder frei gebe. Ich drehe mich auf den Rücken und starre zur Decke. "Du denkst an seine Verlobte. Das er nur eine Ablenkung braucht." Ich nicke stumm. Meine beste Freundin

hat wieder einmal meine Gedanken erraten. "Ach Süße. Und selbst wenn es so wäre. Dann genieße es! Lieber eine gefickte Ablenkung für ihn als eine ungebumste Autorin die allein hinter ihrem Schreibtisch hockt." Ich bekomme bei ihren Worten Schnappatmung. Was sie wiederum zum Lachen bringt. Wie sind so grundverschieden und doch seit ewigen Zeiten so eng verbunden. "Genieße einfach die Zeit! Wer weiß schon was sich daraus ergibt." Ich sehe ihr in die Augen. "Du hast recht. Ich hatte ewig keinen Sex mehr. Es wird mal wieder Zeit." Damit stemme ich

mich hoch und stehe auf um mich im Badezimmer für die Nacht fertig zu machen. "Das ist meine Anthea!" begleitet mich ihr Jubel ins Bad. "Heute haben wir viel vor." Mal wieder. Rose's Lieblingsworte der letzten Zeit. "Wieso? Wo geht's heute hin?" stöhne ich. Meine Füße schmerzen noch immer vom vielen herum gelaufe der letzten Tage. "Na London Eye. Die Karten haben wir doch schon. Erinnerst du dich?" ruft sie mir in Erinnerung. Stimmt ja. Es wurde empfohlen, um die langen Warteschlangen zu umgehen vorab

online Eintrittskarten zu kaufen. Für das Riesenrad haben wir das getan. Bei allen anderen Ausflugsvorhaben wollen wir spontan sein können. Aber das London Eye muss unbedingt sein! "Stimmt. Hatte ich vergessen." murmle ich. "Ja ja. Dir spukt wohl jemand anderes im Kopf herum." grinst sie. Da Rose mit dem Rücken zur Eingangstür gewandt sitzt sieht sie nicht was mir jetzt das Blut in den Adern kochen lässt. Aber meine errötung bemerkt sie doch. "Was ... was ist los?" fragt sie halb verwundert, halb verwirrt. "Sieh nicht hin, aber soeben hat Michael den Saal betreten." zische ich senke den

Blick und beobachte verstohlen jede seiner Bewegungen. Rose dreht sich natürlich doch um. War ja kaum anders zu erwarten. Sagt man jemanden 'sieh nicht hin' tut der es ganz gewiss. "Oh wow!" zischt sie. Gut das sie sich in diesem Rahmen wenigstens zusammen reißen kann. "Der ist ja heiß! Ich verstehe dein Verhalten. In seiner Nähe kann man schonmal den Kopf verlieren." Ungeniert starrt sie ihn an. Zaghaft wage ich es den Kopf zu heben und ihn ebenfalls zu beobachten. Michael hat mich noch nicht bemerkt und er ist weit genug weg um unser Gespräch nicht belauschen zu

können. Zielstrebig ist er zum Buffet herüber geschlendert, hat sich einen Teller geschnappt und häuft sich nun frisches Obst darauf. Sein dunkelviolettes Hemd schmiegt sich eng an seinem muskulösen Oberkörper. Die anthrazitfarbene Hose ist an genau den richtigen Stellen eng und beflügelt meine Fantasie. Und das leicht gewellte braune Haar glänzt im Licht der Lampen. Sicher ist es noch feucht vom duschen. Alles an diesem Mann sprüht förmlich vor Sexappeal. "Hm. Scheint sich gesund zu ernähren. Genau wie - du." Mit diesen Worten dreht sie ihren Kopf zurück zu mir und

grinst mich an. "Geh zum Buffet und hol dir auch noch was!" War das ein Befehl? "Was wieso? Ich habe doch schon ..." "Du gehst jetzt da rüber und holst dir eine Banane oder so. Oder nein. Hole Erdbeeren die sind sexy. Na los!" zischt sie und sieht mich unmissverständlich drängend an. Zögernd erhebe ich mich und gehe so locker wie es mir nur möglich ist zum Buffet hinüber. "Ich werde einfach so tun als hätte ich ihn nicht gesehen und dann ganz überrascht tun." beschließe ich. Ich greife nach einem der schweren weißen Porzellanteller und trete von hinten neben ihn. Gerade als ich nach

den Erdbeeren greifen möchte zuckt auch seine Hand vor und ergreift mich. Statt einer Erdbeere. Wieder ist es als würden Blitze zwischen uns ausgetauscht werden. Erschrocken zucke ich zurück. Jetzt erst scheint er zu bemerken wer da neben ihm steht. "Anthea." murmelt er und wirkt nicht gerade unerfreut mich zu sehen. Und plötzlich tut er was womit ich hier und jetzt niemals gerechnet hätte. Er beugt sich zu mir kleinen 1 Meter 67 kleinen Frau herunter und küsst mich auf die Wange. "Guten Morgen." raunt er an meinem Ohr. Ich erstarre, halte den Atem an und würde sicherlich gleich umkippen das

mein Herz derart ins Stolpern gerät das es aus dem Takt kommt. Irgendwo im Saal klirrt ein Besteck auf den harten Parkettboden. Er richtet sich wieder auf und sieht mir freundlich ins Gesicht. "Gut ... guten Morgen auch ... auch Ihnen, Michael." stammle ich unbeholfen. Mit seiner Aktion hat er mich völlig überrumpelt. Ein anzüglich verschmitztes Grinsen umspielt seine Mundwinkel. "Haben ... haben Sie einen sch ... schönen T-tag." stammle ich, drehe mich um und eile mit leerem Teller zu meinem Tisch zurück. "Bis heute Abend dann." ruft er mir laut

hinterher. "Was tut er?" frage ich am Tisch angekommen meine gespannt wartende Freundin. Rose wendet sich um und lässt den Blick schweifen. Ich selbst wage es nicht den Blick noch einmal zu erheben so lange er im Raum ist. "Er steht an dem Tresen da hinten und unterhält sich mit einem Kellner." berichtet sie. Stöhnend verstecke ich mein Gesicht in den Händen. "Ich habe mich vor ihm total zum Idioten gebracht." Rose geht nicht darauf ein. Sie berichtet weiter. "Oh man. Wie er sein Obst isst. Wenn jemand selbst bei essen sexy aussehen kann, dann dieser Mann dort."

"Geht's noch etwas lauter? Ich bin sicher die Herrschaften am Tisch nebenan haben noch nichts mitbekommen." zische ich und funkel sie böse an. Sie lacht nur. "Oh oh. Wir wurden entdeckt." Was? Von wem? Scheiße! Verzweifelt hebe ich den Kopf und atme tief ein und aus. Contenance, Anthea! Contenance. "Hier bitte." Michael steht vor unserem Tisch und reicht mir einen Teller mit Erdbeeren. "Du hattest sie eben

vergessen. Ich möchte keine mehr. Nimm! " erklärt seine dunkle Stimme. Rose klatscht verzückt in die Hände und strahlt über das ganze Gesicht. Aber wenigstens hält sie die klappe. Mit angehaltenem Atem nehme ich ihm den Teller ab. Dabei berühren sich unsere Fingerspitzen. Ich will schon weg zucken als ich unter dem Teller Papier spüren. Ich sehe ihm in die Augen. Er zwinkert mir geheimnisvoll zu und grinst. Fasziniert platziere ich den Teller auf meinem Schoß. Er steht da und grinst auf mich hinunter. Sag was, Thea! Los komm schon! "Danke." hauche ich und strahle ihn an. "Sehr

nett." Rose keucht! "Ich freue mich auf ... auf heute ... Abend." "Ich mich auch, Anthea! Genießen Sie beide den Tag!" Er beugt sich hinunter und küsst mich erneut auf die Wange. Diesmal jedoch die andere. Ich ziehe scharf die Luft ein. Dieser Duft. Er macht mich unfähig zu denken. Mit einem kurzen Nicken zu Rose wendet er sich schließlich ab und verlässt den Saal. "Was. War. Das.?" presst Rose hervor und lehnt sich grinsend zurück. "Der versteht es zu flirten. Krass!" nimmt sie mir meine Worte aus dem Mund.

"Warum tut er sowas?" frage ich leise und muss erst einmal einen großen Schluck Kaffee nehmen. "Du lebst echt hinter dem Mond, Süße." Theatralisch wirft sie die arme in die Luft. "Der steht auf dich. Aber sowas von." Ich winke ab. "Quatsch. Angesehen hast du ihn, ja? Und wie ich aussehe weißt du ja." Traurig blicke ich auf den Teller in meinem Schoß. Während sie weiter plappert taste ich unter den Teller nach dem Papier. Als ich es finde ziehe ich es hervor. Es ist ein kleiner Zettel, einmal gefaltet. Ängstlich was mich wohl darauf erwartet

falte ich ihn verborgen in meinem Schoß auseinander. Eine Telefonnummer und * M. "Der steht auf dich. Das sieht doch nen Blinder mit Gehstock." schließt sie. "Hallo? Bist du noch da? Hörst du mir überhaupt zu?" Fragen über Fragen. Ich brauche einige Sekunden um zu begreifen das Michael mir hier seine private Nummer gegeben hat. "Vielleicht hast du ja doch recht?" flüstere ich und halte grinsend den Zettel hoch. Rose erstarrt. "Du hast seine Nummer? Der steht auf dich! Wenn er nur ne' schneller Nummer gewollt hätte, dann hätte er dich gestern als sich ihm die Gelegenheit bot vernascht und sich dann aus dem Staub

gemacht." Schlussfolgert sie und ich muss ihr recht geben. "Jetzt bin ich ja echt versucht dir meine Karte für das Riesenrad zu überlassen." meint Rose. Verwundert frage ich "Warum?" "Weil es nicht romantisches gibt als eine Fahrt mit einem Riesenrad bei Nacht." grinst sie. Stimmt ja wir hatten vor am Abend im dunkeln damit zu fahren. Sofort versinke ich mit meiner nie enden wollenden Fantasie in einem Tagtraum mit Michael und mir in den Hauptrollen. Rose schnippt mit dem Fingern vor meinem Gesicht herum. "Jetzt ist keine Zeit zum träumen. Planänderung." verkündet sie und klatscht schon wieder

in die Hände. Verwirrt sehe ich ihr ins Gesicht. "Wir müssen dich vorbereiten. Für dein Date. Heute mal kein Sightseeing sondern Spa." Damit bin ich einverstanden. "Wo gehen wir hin? Gleich hier im Hotel?" "Na klar. Das bietet sich doch an. Ich geh gleich mal zum Empfang. Du isst hier noch schön deine Erdbeeren auf!" "Jawohl, Chefin." grinse ich und stelle den Teller endlich auf meinem benutzten Teller vor mir ab. "Erdbeeren sind übrigens ein natürliches Aphrodisiakum." Sie zwinkert mir noch frech zu bevor sie sich in Richtung Foyer entfernt.

Das ist ein Tagesprogramm was mir gefällt. Bitte nicht falsch verstehen, ich liebe London. Es ist meine absolute Traumstadt! Aber meine Füße tun weh als wäre ich über glühende Kohlen gelaufen. Ein Tag Ruhe wird mir gut tun. Ich sollte mich irren. Nachdem ich brav meine Erdbeeren aufgegessen und den Kaffee und O-Saft ausgetrunken hatte folge ich Rose ins Foyer. Sie steht noch immer am Empfangstresen und redet auf eine junge Frau im dunkelblauen Kostüm ein. Diese nickt soeben freundlich. "Herrlich. Ich freue mich so! Vielen Dank für Ihre Mühe! Es war ja doch

recht kurzfristig." Damit verabschiedet sich meine Freundin von ihr und zieht mich mit sich in Richtung Aufzüge. "Und, hat alles geklappt?" will ich neugierig wissen. "Natürlich." strahlt sie. "Das volle Programm. Zuerst einmal werden wir im Fitnessraum eine persönliche Stunde mit dem hauseigenen Trainer genießen dürfen. Anschließend Sauna. Später, nach dem Mittagessen haben wir einen Termin im Beautybereich. Wir lassen uns durch kneten, enthalten und kümmern uns um deine Frisur und das MakeUp für heute Abend. Wie klingt das für dich?" "Traumhaft!" Glücklich falle ich meiner Freundin um den Hals.

Im Zimmer angekommen ziehen wir die Sachen an die wir im Gepäck haben, die am ehesten zum Sport treiben geeignet sind. Darauf waren wir schließlich ja nicht vorbereitet. Mark erwartet uns schon. Er, ein Muskelberg von einem Mann lässt uns in den kommenden 60 Minuten an unsere Grenzen gehen. Ich bemerke Muskeln von denen ich bisher nicht einmal wusste das sie existieren. Rose steckt die Tortur deutlich leichter weg als ich. Allerdings ist sie es gewohnt sich mit Sport an ihre Grenzen zu bringen. In ihrem Job braucht sie einen gestählten Körper.

Ich würde mich nicht gerade als moppelig beschreiben, aber eine so genannte Traumfigur habe ich wirklich nicht. Nachdem wir geduscht haben geht es im flauschigen Hotelbademantel nun hinunter in den Keller des Hotels wo sich der Spa Bereich mit den Saunen und Schwimmbad befindet. Um diese Uhrzeit scheint außer uns niemand hier zu sein. Klar, alle sind auf Sightseeingtour oder müssen arbeiten oder so. "Lass uns mit der normalen Skandinavischen Sauna beginnen. Dann ins kalte Wasser und beim zweiten Durchgang in die Dampfsauna." schlägt

Rose vor. Ich stimme zu. Die Stunden bis zur Mittagszeit verbringen wir abwechselnd mit schwitzen, schwimmen und ausruhen. Es ist herrlich! Ich merke wie gut es meinem Körper tut. Nachdem wir uns in unserem Zimmer frisch geduscht, angezogen und unser Haar ein wenig in Form gebracht haben spazieren wir hinunter in den Speisesaal. Zur Abwechslung nehmen wir die Treppe. Des Karmas wegen. Schließlich ist das heute ein Beautytag. Da sollte man die ganze Zeit auf seinen Körper achten. Demzufolge bestellen wir zum Mittagessen auch nur Salat und eine

leichte Suppe. "Ich bekomme vor Aufregung eh kaum etwas herunter." gebe ich am Tisch zu als ich in meinem Salat herum stochere. "Wo geht ihr eigentlich hin?" will Rose wissen. Ich sehe zu ihr auf. "Du das weiß ich gar nicht." "Okay und hast du ihm schon etwas geschrieben?" hakt sie nach. Natürlich weiß ich was sie meint. Ich schüttle den Kopf. "Keine Zeit gehabt. Es gibt da so eine Frau die hat mich vom Frühstückstisch weg und direkt in ein tagfüllendes Beautyprogramm gezerrt." grinse ich. "Ich hatte angenommen das erledigst du

gleich nachdem ich dich allein gelassen hatte." "Nö. Mein Handy lag im Zimmer." Sie stöhnt. "Dann solltest du das schleunigst nachholen!" "Jetzt sofort oder darf ich noch aufessen?" grinse ich. Sie scheint genau wie ich aufgeregt zu sein. "Iss ruhig erst auf. Du braucht die Energie." Anzüglich wackelt sie mit ihren Augenbrauen. "Du nur wieder. Vielleicht braucht er nach dem Verlust seiner Verlobten ja nur jemanden zum reden." winke ich halbherzig ab. "Ja ja, na klar." lacht

Rose. Als ich ins Zimmer zurückkehre hängt in einem Kleidersack auf einem Bügel das Hemd. Sein Hemd. Eilig öffne ich den Reißverschluss und begutachte das Kleidungsstück. Sauber. Der Fleck ist völlig weg. Ich weiß nicht recht ob ich enttäuscht oder glücklich sein soll. Ich lasse das Hemd erst einmal beiseite und greife nach meinem Smartphone auf dem Nachttisch. Den Zettel mit seiner Telefonnummer hatte ich sorgfältig in meine Brieftasche getan bevor wir zum Fitnessraum aufgebrochen sind. Für mehr war keine Zeit.

Jetzt nahm ich beides, Handy und Zettel und mache es mir auf dem Bett bequem. Aufgeregt speichere ich Michael's Nummer in mein Telefonbuch. Ob ich ihm gleich mal schreiben sollte? Rose zumindest hatte das vorgeschlagen. Ich tue es. Schließlich will ich wissen wohin er mich heute Abend ausführen will. Man muss sich ja vorbereiten. Kleidertechnisch. Ich öffne das SMS Programm und tippe 'Hallo Michael. Thea hier. Ich wollte fragen wann und wo wir uns heute treffen? Und vielleicht können Sie mir noch verraten wo wir hingehen? Damit ich passend angezogen bin.' Dann wähle

ich noch ein schüchtern lächelndes Smiley und tippe weiter 'Ich freue mich! Liebe Grüße.' Und abschicken. Jetzt heißt es warten. Was er wohl gerade macht? Er ist ja nicht zum Spaß im Hotel. Sicherlich muss er arbeiten. Was er wohl arbeitet? So wie er aussieht als Model oder Schauspieler. Während ich noch über ihn nachdenke kommt eine SMS rein. Ein leises Pling lässt mich zusammen zucken. Er? Tatsächlich. Michael. Er hat also Zeit um zwischendurch zu schreiben. Oder hat er Mittagspause?

Aufgeregt entsperren ich das Display und warte bis mir die SMS angezeigt wird. 'Schön, dass Sie sich melden. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.' Ein frech grinsender Smiley. 'Ich hatte vor Sie ins 'Bob Bob Ricard' zu entführen. Ich treffe Sie um 19 Uhr in der Hotelbar wenn es Ihnen recht ist.' Seufzend lasse ich mich das Handy an die Brust gedrückt rückwärts auf's Bett fallen. Ich habe ein Date. Ein Date mit einem heißen britischen Typen. Dem vielleicht heißesten Typen hier. Was für ein Restaurant ist das? Ich muss das googeln. Gerade will ich den Namen in die Suchmaschine eingeben als eine

weitere Nachricht von Michael kommt. 'Ich freue mich ebenfalls! Fühlen Sie sich geküsst. Bis später. Michael.' Oh ja und wie ich mich geküsst fühle. Seufzend vollende ich mein Vorhaben und erfahre, dass das 'Bob Bob Ricard' ein nobeles Restaurant in Soho mit typisch britisch-russischen Gerichten und geschmackvoller ArtDeko Einrichtung, sowie intimen Tischnischen ist. Ein aufregendes Prickeln überzieht meinen ganzen Körper. Es lässt sich sein Date ja ganz schön was kosten, meint auch Rose als ich ihr wenig später davon berichte. Ich nicke glücklich. "Ach der braucht gar keine großartigen

Anstrengungen mehr zu unternehmen. Spätestens beim Dessert vernascht er dich, Thea." lacht Rose. "Ach Quatsch. Gleich da auf dem Klo oder was?" lache ich und zwicken sie in die Seite. "Auf dem Klo?" echauffiert sie sich. "Ich bitte dich. Gleich auf dem Tisch natürlich." Lachend rennt sie davon um einer weiteren Kitzelattacke von mir zu entkommen. Rose hatte zwei Ganzkörpermassagen für uns gebucht. Diese genossen wir nun getrennt voneinander in zwei unterschiedlichen Räumen. Laut der ausgehangenen Zertifikate sind

die hier im Hotel angestellten Masseure die besten ihrer Zunft. Meine Masseurin zumindest war wirklich gut. Eine ganze Stunde knetete sie von leiser Entspannungsmusik begleitet meine verhärteten Muskeln weich. "Ich fühle mich wie neugeboren." lobe ich während ich mich wieder in den Bademantel wickle. "Vielen Dank, Tatjiana!" Sie lächelt mich freundlich an und meint "Sehr gern. Viel Spaß dann heute Abend und - viel Erfolg!" Augenzwinkernd verabschiedet sie mich. In hatte die Zeit genutzt und ihr während unserer Zeit von Michael und unserem Date heute Abend erzählt.

Im Gang vor den Massageräumen wartete ich kurz auf Rose. Gedankenverloren blättere ich in einer der ausliegenden Zeitschriften. Plötzlich stutze ich. Ein Bild von Michael und einer blonden Schönheit springt mir ins Auge. Beide lächeln Arm in Arm in die Kamera. 'Michael Thompson und Claire Dubois' steht unter dem Foto. Ein zweites Bild prangt etwas weiter unten. Ich sehe mir dieses Bild genauer an. Beide machen nicht gerade ein glückliches Gesicht. Wirken ertappt, irgendwie angespannt. Er trägt eine Reisetasche in der einen, die andere Hand steckt locker in der

Hosentasche. Sein dunkles Haar unter einem blauen Bogart Hut verborgen. Sie klammert sich an eine riesige Handtasche und versteckt sich hinter ihrem offenen Haar und einer Pilotensonnenbrille. Ein kurzer Text ist angefügt: "Michael Thompson, hier beim verlassen seiner Villa im Norden Londons scheint wohl wieder auf dem Markt zu sein. Seine Verlobte Claire Dubois gab bekannt, dass ihre Beziehung beendet sei. Unüberbrückbare Differenzen haben wohl zu dem Entschluss geführt. Die Damenwelt wird's freuen und auch Claire ist, wie wir wissen kein Kind von Traurigkeit. Sie wurde kürzlich an der Seite eines Unbekannten beim

Sonnenbaden auf einer Jacht in Cannes gesehen.' Atemlos starre ich auf die Zeitschrift. Mit einem mal wird sie mir entrissen. Rose hatte sich eingeschlichen und will wissen was mich hier so in den Bann zieht. "Das ist ja ..." beginnt sie. "Er ist in der Zeitung." "Ja genau. Und er ist offiziell Single. Da steht's." meine ich und deute mit der Hand auf die Zeitschrift in ihrer Hand. "Sie ist hübsch. Aber Geschichte." grinst sie und wirft die Zeitung nachdem sie den Text überflogen hat zurück auf den Tisch. "Jetzt steht er auf Rothaarige." Gemeinsam gehen wir hinüber zum Friseur wo man uns bereits

erwartet. "Warum sie ihn wohl verlassen hat?" nehme ich das Gesprächsthema wieder auf als wir nebeneinander vor den Frisierspiegeln sitzen. "Ist doch egal. Interessanter ist doch warum in der Zeitung über ihn berichtet wird." erwidert meine Freundin. Sie hat recht. "Entweder ist sie eine Berühmtheit oder er ist prominent." spricht sie meine Gedanken laut aus. "Vielleicht ist er ja irgendein Lord oder sie eines dieser Filmsternchen?" "Eventuell weiß ich heute Abend mehr." meine ich nüchtern. "Du musst mir dann alles berichten!"

fordert sie. Mit meinem Versprechen das zu tun ist das Thema erst einmal beendet. Um 17 Uhr begann sich langsam ein Kribbeln in meinem Bauch auszubreiten. Um 18 Uhr erfasste mich eine prickelnde Gänsehaut. Rose bemerkte völlig zu Recht das es Zeit wäre mich mal langsam umzuziehen. Sie lieh mir für den Abend ein smaragdgrünes eng anliegendes Minikleid, dass das blau meiner Augen und mein rotes Haar gut zur Geltung brachte. Ich hatte mir heute nur die Spitzen schneiden lassen, denn ich liebte mein rotes langes Haar das mir in weichen

natürlichen Wellen über die Schultern fiel. Um 18:30 steigerte sich das Kribbeln in meinem Bauch zu einem Orkan aus Schmetterlingen. Ich hielt es kaum noch aus und widerstand dem Drang mich übergeben zu müssen. "Beruhig dich! Wenn du jetzt kotzen musst ruinierst du nur das Gesamtbild." ermahnt Rose mich. "Atme tief durch und denk daran, du wirst gleich die schönsten Stunden deines Lebens mit dem heißesten Mann deines Lebens verbringen. In Deutschland wirst du lange nach so einem Mann suchen müssen." Das beruhigte mich kein bisschen. Um 18:55 hatte ich das Gefühl jeden

Augenblick in Ohnmacht zu fallen. Es wurde Zeit hinunter in die Bar zu gehen. Aus dem Zimmer nebenan hatte man in der ganzen Zeit nicht einen muchs gehört. Musste er sich nicht fertig machen? Mit zitternden Knien gehe ich zur Tür und drehe mich zu Rose um die auf dem Bett sitzen geblieben war. "Bist du dir sicher das ich es tun sollte?" frage ich leise. "Wie bitte? Ich glaube ich habe mich verhört." Sie steht auf, kommt zu mir und greift nach meinen Händen. Mit einem tiefen Blick in meine Augen sagt sie "Er hat deutlich gemacht, dass er Interesse an dir hat. Und du hast

offensichtlich auch welches an ihm. Du bist total verschossen. Aber selbst wenn das nichts weiter wird zwischen euch als eine schöne Nacht, so sag ich dir genieße es einfach!" Ich nicke stumm und greife nach der türkisfarbenen kleinen Handtasche mit der goldenen Kette. "Jetzt geh! Eine Dame soll sich zwar rar machen aber auch nicht all zu spät kommen zum ersten Date. Und wehe ich sehe dich heute Nacht hier wieder. Ich erwarte dich im Nachbarzimmer zu hören." Augenzwinkernd öffnet sie die Tür und schiebt mich auf den Gang hinaus. Ehe mich versehe stehe ich vor der verschlossenen Tür.

Tief durchatmen, Thea! Ich straffe die Schultern und schreite so würdevoll wie möglich den Gang Richtung Aufzug hinunter. Innerlich kämpfe ich immer noch mit dem Drang mich übergeben zu müssen. Im Aufzug nach unten bekomme ich Schnappatmung und habe das Gefühl mein Hirn wird zu wenig mit Sauerstoff versorgt. Warum reagiert mein Körper so? Er ist nur ein Kerl. Ein ziemlich hübscher Kerl natürlich, aber doch auch nur ein Mensch. Ich kenne ihn ja nicht einmal. Als ich den Aufzug verlasse und durch

das Foyer schreite habe ich das Gefühl, dass hunderte Augenpaare auf mich gerichtet sind. Nervös konzentriere ich mich auf meinen Gang. Auf keinen Fall jetzt umknicken. Nur ab und an trage ich derart hohe Schuhe. Doch für mein Vorhaben Michael für mich einzunehmen musste es heute sein. In der Bar angekommen sehe ich mich nach Michael um. Am Tresen sitzt mit dem Rücken zu mir ein Mann der ihm ähnlich sieht. Ich gehe auf ihn zu. "Michael." frage ich vorsichtig als ich schräg hinter ihm stehe. "Ja. Hier." höre ich seine tiefe Stimme

hinter mir. Zeitgleich dreht sich der Mann vor mir um und sieht mich lächelnd an. Hastig drehe ich mich um und gerate ins straucheln. Michael steht hinter mir eine Hand locker in die Hosentasche vergraben und ein freches Grinsen auf den Lippen. Ich knicke mit dem linken Fuß um und halte mich halt suchend an ihm fest. Hilfsbereit greift er mir unter den Arm. "Hoppla." lacht er. Ich merke wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Da fällt mir der Typ an der Bar ein. Ich wende den Kopf und murmle "Entschuldigung. Eine

Verwechslung." "Schade, Schätzchen." lacht dieser und dreht sich wieder um. "Wenn Sie lieber mit jemand anderen gehen möchten." meldet sich nun Michael zu Wort. Erschrocken sehe ich zu ihm auf. Noch immer hält er meinen Oberarm fest. "Was? Nein ... auf keinen Fall. Entschuldigung. Ich habe Sie verwechselt." plappere ich. "Hab ich gemerkt." lacht er, lässt mich los und hält mir seinen Arm hin. "Wollen wir?" Erleichtert hake ich mich bei ihm unter und verlasse neben ihm herschreitend die Hotelbar. Verstohlen betrachte ich ihn

von der Seite. Er sieht unverschämt gut aus. Der schwarze Dreiteiler und das weiße Hemd kleidet ihn ausgesprochen gut. Sein dunkles Haar hat er sich leicht zurück gegelt. Er scheint meinen Blick zu bemerken und sieht auf mich hinunter. Sein Lächeln lässt meine Knie erneut weich werden. Zum Glück hält er mich fest. "Du siehst heute Abend wunderschön aus!" gesteht er mir. Schnell fügt er leiser hinzu "So wie immer eigentlich." Glücklich strahle ich ihn an. Vor dem Hotel steht eine abfahrbereite glänzend schwarz polierte Limousine nebst einem Chauffeur im dunklen

Anzug. Sogar eine für diesen Berufszweig traditionelle Mütze trägt dieser. Erstaunt klappt mir die Kinnlade herunter. "Nach dir." raunt Michael und deutet mit der Hand auf den Wagen wo der Fahrer bereits eine Tür für mich aufhält. Zögerlich setze ich mich und schwinge anschließend damenhaft die Beine geschlossen hinein. Michael geht gefolgt von dem Chauffeur um den Wagen herum und steigt von der anderen Seite ein. Vor Aufregung schließe ich die Augen und zwinge mich durch tiefes ein- und ausatmen zu beruhigen.

Michael setzt sich neben mich, lächelt mich an und fragt "Bereit?" "Bereit wenn du es bist." gebe ich zur Antwort.

2.

Bevor wir aufbrechen greife ich mir noch schnell das Hemd des Fremden und überlege. Soll ich es tatsächlich in die Reinigung geben oder ob ich es einfach behalten und ihm das Geld erstatten sollte? So hätte ich etwas was mich an ihn erinnert. Ich schüttel den Kopf. "Das ist total bescheuert, Thea!" rufe ich mich selbst zur Räson. Schlussendlich gebe ich das Hemd zusammen mit zu unserer Schmutzwäsche zur Reinigung in die Wäscherei des Hotels.

Gemeinsam verlassen wir kurz darauf Arm in Arm das Hotel. "So, wohin als erstes?" frage ich. "Dennis Severs'House." erklärt sie ernsthaft. "Das soll toll sein und danach in die Whitechepal Gallery. Tower hatten wir ja nun schon gestern." Ich stimme ihr zu. Obwohl mich der Gedanke an stundenlanges Gemälde anstarren eher gruselt. Wir spazieren in die Folgate Street zum Haus Nummer 18. Das rote Backsteinhaus mit der schwarz polierten Eingangstür sieht von außen Viktorianisch und eher unscheinbar aus.

Leider öffnet es erst 12 Uhr, so das wir zunächst ein bisschen spazieren gehen und später wieder kommen wollten. "Wir hätten wirklich erstmal im Internet nach den Öffnungszeiten schauen sollen." meine ich. "Guck mal nach wann diese Galerie öffnet!" Rose tut es und erfährt das diese heute auch erst um 11 Uhr auf macht. "Also doch erst einmal herum laufen. Oder ..." Ich bleibe stehen und sehe sie an. "Shoppen gehen." jubeln wir beide gleichzeitig. Gesagt getan. Wir entdecken einige hübsche Boutiquen und erstehen einige süße Teile. Unter anderem eine neue hellblaue Bluse für mich und eine

cremefarbene Skinny Jeans. Glücklich drehe ich mich in den Sachen vor einem Spiegel. "Du siehst klasse aus! Das musst du unbedingt kaufen! Wenn du damit keinen rum kriegst weiß ich auch nicht." stimmt Rose mir zu. "Themenwechsel." rufe ich über die Schulter und sehe sie warnend durch den Spiegel hindurch an. Die junge Verkäuferin kann uns zwar nicht verstehen nickt aber freundlich und deutet mit dem erhobenen Daumen das mir die Klamotten gut stehen. Das Geld investiere ich gern. Nach dem bezahlen gönnen wir uns in einem kleinen Straßencafè erst einmal einen Kaffee zur Entspannung.

"Und wie willst du es machen? Schon Gedanken gemacht?" fragt sie mich, lehnt sich mit ihrer Tasse in den Händen zurück und grinst mich frech an. "Worüber?" Ich bin verwirrt. Sie lacht. "Na wegen dem Hemd des Typen." "Ach ich denke das hat sich eh erledigt." winke ich achselzuckend ab. "Kirschflecken gehen nicht raus." "Und nun?" "Ich werde heute Abend zu ihm rüber gehen und ihm anbieten es ihm zu ersetzen. Entweder kaufe ich ihm ein neues oder ich gebe ihm das Geld." erkläre

ich. Bei der ersten Variante würde ich nicht nur seinen Namen, sondern zudem noch seine Adresse erfahren. Das wäre doch prima. Denn irgendwie will mir dieser Mann seit heute morgen nicht mehr aus dem Kopf gehen. "Wie du meinst." murmelt sie lächelnd. "Wohin als nächstes? Zum Dennis Severs'House?" wage ich einen neuen Versuch des Themenwechsels. Sie nickt. "Gut. Dann los!" Rose erhebt sich. Ich tue es ihr nach und bald darauf stehen wir erneut vor der glänzend schwarzen Tür in der Folgate Street 18. Nachdem wir die 10 £ Eintritt pro Person gezahlt haben stehen wir staunend in der

guten Stube der Hugenottenfamilie Jervis. Wir erfahren das es diese Familie nie gegeben hat. Ein amerikanischer Einsiedler namens Servers verliebte sich in das georgianische Zeitalter. Er sammelte alles was er aus dieser Zeit finden konnte und trug es in diesem Haus zusammen. Mit einem Mal ist aus dem oberen Stockwerk Gelächter zu hören. Erschrocken zucke ich zusammen. "Was ist das?" "Eine akustische Spielerei." klärt uns ein Mitarbeiter auf. Plötzlich fährt eine Kutsche am Haus vorbei, kurz darauf noch ein Pferdekarren. Hastig eile ich an eines der großen Fenster und spähe hinaus. Nichts

dergleichen ist zu sehen. Hinter mir lacht der Mitarbeiter. "Keine Sorge, es spukt hier nicht. Wie gesagt, es ist alles bloß eine akustische Täuschung." Lächelnd trete ich zurück. "Wow!" entfährt es mir. Normalerweise drücke ich mich präziser aus aber hier und jetzt umschreibt 'Wow' alles was ich fühle. Rose war schon weiter gelaufen und inspiziert die restlichen Räume. "Oh man. Komm her und sieh dir diesen Kamin an, Thea!" schreit sie. Rücksichtnahme auf ihre Mitmenschen gehört nicht gerade zu Rose's Fähigkeiten. Eigentlich sollte jemand in ihrem Alter wissen das man in einem

Museum nicht laut herum schreit. Hastig laufe ich ihrer Stimme entgegen und stehe mit einem mal in einem großen dunkelgrün getäfelten Raum dessen Fenster von weinroten Samtvorhängen eingerahmt werden. Ein riesiger reich verzierter Marmor Kamin stellt das Prunkstück des Raumes dar. Der Raum wird von einigen kleinen Gaslampen diffus erhellt. "Wunderschön oder?" flüstert sie und starrt auf das runde Portrait einer jungen Frau das über dem Kamin hängt. Ich weiß nicht genau ob sie das Bild oder den Raum meint und antworte mit einem einfachen "Ja. Du hast

recht." Nachdem wir das Haus ausgiebig begutachtet haben beschließen wir Mittagessen zu gehen und anschließend mit der Tube zur St. Paul's Cathedral zu fahren. Der Besuch dieser Kirche mit seiner Flüstergalerie in der Kuppel steht auf meiner Sightseeingliste ganz oben. Vor dem Gotteshaus erwartet uns wie bereits gestern vor dem Tower eine lange Warteschlange. Irgendwann betreten wir aber doch das Gebäude und sehen uns um. "Hier kann man förmlich den Atem der Geschichte spüren." meine ich ergriffen, greife nach Rose's Hand und drücke sie.

Meine Freundin lächelt mich glücklich an. Sicher denkt sie gerade an ihre nahe Zukunft. Schon in wenigen Wochen wird sie gemeinsam mit Daniel in eben einem solchen Gotteshaus stehen und ihre Ehegelübde ablegen. Liebevoll lege ich ihr einen Arm um die Schulter. "Lass uns weitergehen sonst fange ich vor Rührung noch an zu heulen." raunt sie an mein Ohr. Grinsend schlendern wir den Massen nach zur Treppe die hinauf in die sogenannte Flüstergalerie führt. Oben probieren wir es gleich einmal aus. Es klappt tatsächlich. "Hier muss ich unbedingt mal mit Daniel

herkommen. Dann kann er mir seine Liebe zu mir zu flüstern." Das wäre auch mein Traum. Irgendwann einmal mit einem Mann hierher zu kommen. Nachdem wir nach dem Kirchenbesuch noch die Themse mit der berühmten Millenniumbridge überquert und uns den Wind um die Nasen wehen lassen haben kehren wir müde und geschafft ins Hotel zurück. Theoretisch könnte ich jetzt gleich ins Bett fallen und sofort einschlafen, aber ich hatte ja noch etwas vor. Rose war fitter als ich und machte noch einen Abstecher in die Hotelbar.

Das kam mir ganz gelegen, so konnte ich in Ruhe duschen und anschließend meine neuen Sachen anziehen ohne mir dumme Sprüche von meiner Freundin anhören zu müssen. Normalerweise würde ich am Abend, erst recht nach dem Duschen kein neues MakeUp auflegen, aber wie gesagt - ich hatte ja noch etwas vor. Gespannt drehe ich mich vor dem Spiegel und begutachte meine Kehrseite. Rose hat recht, in dieser Jeans kommt mein Po wunderbar zur Geltung. Und das blau der Bluse verstärkt das blau meiner Augen ganz wunderbar. Aufgeregt verlasse ich mein Zimmer um nebenan anzuklopfen. Noch einmal tief

durchatmen bevor ich meine Hand zur Faust ballte und damit gegen das Holz klopfe. Nichts. Ein weiteres mal probiere ich es. Nichts. Es ist doch bereits nach 20 Uhr. Ist er noch unterwegs? Natürlich ist er das. Warum sollte ein so heißer Typ wie er auch an einem Montag Abend allein im Hotel rumsitzen. Mein Hirn veranlasst das ich es noch ein letztes mal versuche. Ich lausche. Plötzlich höre ich ein leises Stöhnen aus dem Zimmer und Schritte nähern sich. Er ist

da. Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Die Tür wird aufgerissen. Da steht er, mit nacktem Oberkörper und einer grauen Flanell Hose die ihm gefährlich tief auf der Hüfte sitzt. Als er sieht wer ihn da stört runzelt er die Stirn was bei ihm ebenfalls sexy aussieht. "Sie?" fragt er ungläubig. Seine Augen wirken glasig, die Pupillen sind erweitert. "J-a." beginne ich gedehnt. "Es tut mir leid, Sir das ich Sie störe." Er lehnt sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen und sieht mich an. Ein belustigtes Lächeln umspielt seine

Mundwinkel und erreicht seine Augen. "Schon gut. Was gibt's? Ist mein Hemd wieder sauber?" "Ähm ... ja ... ich meine nein." stottere ich. Seine selbstsichere Ausstrahlung schüchtern mich ein. Sein Grinsen wird breiter. "Wollen Sie herein kommen und es mir erzählen? Auf dem Gang unterhält es sich so schlecht." schlägt er vor und hält die Tür am ausgestreckten Arm offen. Ich werfe kurz einen Blick den Gang entlang als würde ich nach Zeugen Ausschau halten und trete schließlich ein. Sein Zimmer ist identisch dem unsrigen nur das in seinem Zimmer rot die vorherrschende Farbe ist. In unserem ist

es orange. Mister unbekannt schlendert zu der Sitzgruppe die ebenso wie bei uns aus einem Zweisitzer Sofa und zwei Sesseln besteht. Das Mobiliar in diesem Hotel kann man getrost als modern betiteln. Eigentlich nicht so sehr meins, ich mag es romantisch. Doch Rose hatte die Buchung vorgenommen und einem geschenkten Gaul ... "Setzen Sie sich!" Er deutet mit der Hand auf das Sofa. Ich nicke und nehme auf einem der Sessel Platz. Mit einem belustigen Lächeln auf den Lippen setzt er sich mir gegenüber in den zweiten Sessel. Plötzlich erhellt Erkenntnis seinen Blick und er fragt "Möchten Sie

etwas trinken?" Hier? "Ähm ... Wasser?" frage ich eher anstatt darum zu bitten. Er zieht die Augenbraue hoch. "Wasser? In Ordnung. Obwohl ich glaube, dass Sie eher der Typ Rotwein sind." Damit steht er auf und geht zur Minibar die in einem Sideboard untergebracht ist. Ich verfolge ihn mit meinem Blick. Als er sich hinunterbeugt um eine kleine Flasche Wasser und ein Glas aus dem Schrank zu holen betrachte ich fasziniert das Spiel seiner Rückenmuskeln. Viel zu schnell ist der Moment verstrichen und er kommt zurück. Mit einem Zischen öffnet sich die Flasche und er gießt mir

ein Glas halbvoll. Als er es mir reicht und ich danach greife berühren sich kurz unsere Hände. Wie ein Blitz durchfährt es mich und ich halte den Atem an. Mein Herz schlägt so sehr das ich Sorge habe er könnte es hören. "Bitte sehr." raunt er und schenkt mir erneut ein Lächeln. Dieser Mann ist andauernd am Lächeln. Warum nur? "Dankeschön." murmle ich und nehme gleich einen Schluck. Vielleicht bekomme ich so den Kloß in meinem Hals weg der sich gerade dort bildet. "Und erzählen Sie mal, was führt Sie zu mir?" fordert er mich auf nachdem er sich wieder hingesetzt hat. Erwartungsvoll sieht er mich

an. "Ähm ... ja. Ich sehe das so, Ihr Hemd ist nicht mehr zu retten. Kirschflecken." Ich sehe ihn an und hoffe, dass das als Erklärung ausreicht. Doch er lehnt sich nur mit einem amüsierten Grinsen zurück und sieht mich abwartend an. "Es tut mir leid." entschuldige ich mich ein weiteres Mal. Langsam reichts doch mal, Thea. "Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, Mister ... " "Michael." wirft er an der passenden Stelle ein. "Mein Name. Michael Thompson." Verwirrt wegen der Unterbrechung

schüttle ich den Kopf. Erwidere aber leise "Anthea van der Woodsen." Er zieht erstaunt die Augenbraue hoch. "Van der Woodsen? Das klingt Niederländisch. Kommen Sie von da?" Erst jetzt bemerke ich an mir selbst, dass ich, ganz automatisch, mich die ganze Zeit auf Englisch mit ihm unterhalte. "Nein. Aus Deutschland. Meine Vorfahren jedoch kommen aus den Niederlanden." erkläre ich. "Interessant. Und was führt Sie nach London?" fragt er locker weiter. Er möchte mich in ein Gespräch verwickeln. Aber warum tut er das? Hat er echtes Interesse oder ist ihm einfach nur langweilig?

Ich gehe darauf ein. "Urlaub. Meine beste Freundin wird demnächst heiraten und dies ist ihr Junggesellenabschied. Eine Woche London. Nur wir zwei." plaudere ich. "Ich verstehe." "Und Sie. Woher kommen Sie?" Ich drehe den Spieß um und stelle nun die Fragen. Er nickt. "Ja. Ich lebe in London." "Aber ... das verstehe ich nicht. Warum ... leben Sie dann im ... Hotel?" Ich bin ernsthaft verwirrt. Sicherlich lebt er in Scheidung oder er wurde gerade erst von seiner Frau rausgeworfen. Oder lebt er etwa noch bei seinen Eltern und brauchte nur mal einen Tapetenwechsel?

"Ich ... meine Freundin hat mich ..." Rausgeschmissen, wusste ich es doch. "... praktisch vor dem Altar stehen lassen." schließt er. Oh scheiße! Ein sitzengelassener Bräutigam. Der Ärmste! Was für ein dummes Huhn lässt einen Mann wie ihn sitzen? "Das ... das tut mir sehr leid!" bedauere ich ihn. "Schon gut." Er winkt ab und trinkt den Rest seines Whiskys in einem Schluck aus. "Gestern war's noch schlimm. Heute geht's schon wieder. Bin ja selber schuld." Den letzten Satz murmelte er so leise das ich ihn kaum verstehen

konnte. Ich widerstehen dem Drang ihm meine Hand auf den Arm zu legen und ihn tröstend zu streicheln. Unschlüssig was ich darauf sagen soll schweige ich und trinke noch einen Schluck Wasser. Michael hebt den Kopf und sieht mir fest in die Augen. "Es war hart. Gestern. Aber wie gesagt, alles gut. Sie müssen sich keine Gedanken machen." Warum sollte ich auch? Wir kennen uns schließlich gar nicht. Ich empfinde nur allgemeines Mitgefühl wie für jeden anderen auch. Er lenkt von seinem Schicksal ab indem er sagt "Sie wollten mir zwei Möglichkeiten erörtern die wir jetzt

bezüglich meines Hemdes haben." Da ist es wieder, sein Lächeln. "Ja richtig. Ich schlage vor, wenn es die Reinigung hier im Haus nicht schafft den Fleck raus zu bekommen ersetze ich ihnen Ihr Hemd. Es ist von Versace." Er nickt abwartend. "Ich habe nur eine ungefähre Ahnung von seinem Preis ..." "395 £." wirft er ein. Ich verschlucke mich an meinem Speichel. Ach du Schreck! Das sprengt meine Urlaubskasse. Aufgrund meines sicherlich sehr erschrockenen Gesichtsausdrucks kann er sich ein Lachen nicht verkneifen. "Oh je, Anthea keine Sorge. Sie müssen

es mir nicht bezahlen." Das will ich aber! Ich will mit ihm in Kontakt bleiben. Und wenn ich dafür sein ruiniertes Hemd in Raten bei ihm abstottern muss. "Das möchte ich aber. Es hat schließlich Geld gekostet. Und ich bin Schuld das es ruiniert ist. Sicherlich werde ich es Ihnen ersetzen. Entweder durch Geld oder das ich Ihnen ein neues besorge." Ich hoffe ihm meinen Standpunkt klar gemacht zu haben. Michael hat aufgehört zu lachen und sieht mich an. In seinem Blick wechseln sich Belustigung und Respekt ab. "Das war deutlich. In Ordnung. Sie dürfen sich darum kümmern. Aber nur

wenn es Ihren Urlaub nicht verkürzt oder anderweitig einschränkt." Er beugt sich zu mir vor. Ich kann schon fast seinen heißen Alkohlschwangeren Atem auf meiner Haut spüren. "Entscheiden Sie wie es Ihnen am liebsten ist! Ich kann Ihnen gern den Namen des Geschäftes nennen und stehe Ihnen bereitwillig zur Verfügung um ... Maß zu nehmen." Sein Gesicht kommt immer näher. Ich schlucke. Ob er mich gleich küsst? "Ich ... ich ..." stottere ich. "Ja?" Sein Mund nähert sich meinem. Unwillkürlich befeuchte ich meine Lippen und kaue auf der Unterlippe

herum. Wieder kommt als Reaktion darauf ein dunkles Knurren aus seiner Kehle. Michael stützt sich mit beiden Händen neben mir auf den Lehnen ab. Sein Gesicht ist nun direkt vor meinem. Seine blauen Augen huschen zwischen meinen hin und her. Ich halte dem Blick stand. Sein Duft nach Pfefferminz und Zitrus umfängt mich und lässt meine Gedanken wirbeln. Einladend öffne ich einen spaltbreit meinen Mund. Er sieht darauf. Seine nackte Brust hebt und senkt sich unter seinen kräftigen Atemzügen. Er legt den Kopf leicht schief und nähert sich noch weiter meinem Mund. Ich schließe die Augen. Plötzlich hält er

inne. "Nein nein nein." stöhnt er und entfernt sich wieder etwas. Er fährt sich mit der Hand durch das kurze Haar. "Nicht so. Ich kann das nicht. Ich will nicht ..." Er will mich nicht. Okay. Schade! Enttäuscht rücke ich etwas im Sessel zurück und setze mich kerzengerade hin. Michael läuft im Zimmer auf und ab wie ein wildes Tier im Käfig. "Bitte verstehen Sie ... ich ... ich würde Sie gern kü ... ähm ... ich kann nur nicht." "Ich verstehe schon. Ihre Verlobte." murmle ich traurig. "Es ist wohl auch besser wenn ich jetzt gehe." Ich stelle das leere Glas auf den Glastisch neben mir und erhebe mich.

Er nickt nur stumm. Als ich an der Tür ankomme ruft er plötzlich. "Essen Sie?" "Ähm ... was?" stottere ich und drehe mich zu ihm um. "Ich meine essen Sie gern, Anthea?" berichtigt er sich. Wieso? Findet er mich zu dick? Ratlos sehe ich an mir herunter. Michael bemerkt meinen Blick und fährt sich verzweifelt über seine schlechte Wortwahl mit der Hand durch's Haar. "Entschuldigung. Ich meinte nicht, dass Sie ... das Sie ... Sie sind ... perfekt. " Jetzt stottert er. "Ach so." hauche ich und weiß nicht wo

ich nun hinsehen soll. "Was ich eigentlich sagen oder vielmehr fragen wollte ..." beginnt er gefasster. "... ist ob Sie mal mit mir essen gehen würden?" Wirklich? Liebend gern, jubelt es in mir. Gefasster antworte ich "Sehr gern, Michael. Aber Ihre Verlobte?" "Die zählt nicht mehr. Morgen dann?" fragt er weiter. Ich nicke. "Ist gut." Er strahlt und scheint sich wie ein Kind über meine Zusage zu freuen. Und das freut wiederum mich. Ich wende mich ab und greife nach der Türklinke. "Über das Hemd sprechen wir

noch." sage ich noch gefolgt von "Gute Nacht, Michael! Bis morgen dann." "Gute Nacht, Anthea! Schlafen Sie gut!" wünscht er mir mit seiner dunklen sexy Stimme die mir direkt unter die Haut geht.

4.

Ich habe Claire verloren. Sie hatte mich gewarnt und das nicht nur einmal. Schlussendlich hatte sie genug. Praktisch vor dem Altar ließ sie mich stehen. Als erzieherische Maßnahme wie sie sagt. Ich muss erst so richtig auf die Fresse fallen um zu bemerken was ich verloren habe. Ich bin selbst schuld. Habe es ganz allein versaut. "Du musst endlich dein Leben in den Griff bekommen, Michael!" schnauzte Claire mich bei unserem letzten Treffen an. "Aber ohne mich. Ich bin es leid deine Psychiaterin zu spielen." Sie ließ einen Worthagel auf mich

niederprasseln der sich gewaschen hatte. Und was tat ich? Geheult habe ich, bin vor ihr auf die Knie gefallen und habe sie angebettelt mir noch eine allerletzte Chance zu geben. Diese verweigerte sie mir. Schlussendlich schmiss ich ein paar Klamotten in eine Reisetasche und verließ unser gemeinsames Haus in Mayfair. Sollte Claire sich hier eben allein vergnügen. Oder auch nicht. Ich habe sehr wohl mitbekommen das sie vorletzte Woche in Channes auf der Jacht dieses dämlichen Franzosen war. Draußen vor dem Haus warteten schon die Paparazzi. Diese Schmeißfliegen.

Ein Blitzlichtgewitter blendete uns als wir getrennt voneinander in die geparkten Taxis stiegen. Wie ich Claire kenne weiß spätestens morgen die halbe Welt von unserer Trennung. Theoretisch wusste ich es schon lange. Wir passen nicht zusammen. Wir haben uns bemüht, haben es versucht. 3 ganze Jahre lang. Am Ende war es doch vergeblich. Sie, das verwöhnte Bankierstöchterchen und erfolgsverwöhnte Filmsternchen. Eine Schönheit mit der ich mich gern geschmückt habe. Doch geistreiche Gespräche konnte man mit ihr nicht

führen. Und ich, der letzte Spross einer Traditionsreichen britischen Verlegerfamilie. Vom Leben gezeichnet, auch wenn die tiefgreifenden Verletzungen nur innerlich sind und nicht öffentlich zur Schau treten. Playboy, Philantroph, Lebemann - nennt man mich gelegentlich in der Presse. Ja die Presse. Seit ich denken kann umgibt sie mich. Zum Glück hatte man noch nichts von meinem wahren Leben heraus bekommen. Meine dunkle Seite. Der Abgrund, an dem ich mich, seit ich zehn Jahre alt bin bewege. Von Jack mit frischem weißen Gold

versorgt kehre ich in mein angestammtes Hotel ein. Immer wenn Claire die Schnauze voll von mir hatte oder ich ihr sonst irgendwie im Weg war schmiss sie mich zu Hause raus und ich kam hier unter. Hier in mein zweites Zuhause. Die Nacht war ganz gut. Koks und Gras sei dank konnte ich runter kommen, ein bisschen schlafen. Mit einer kalten Dusche zwinge ich meinen geschundenen Körper wach zu werden. Jetzt wäre Frühstück toll, eine weitere Line aber auch. Nackt lasse ich mich auf dem Boden neben dem Glastisch nieder und ordne mit Hilfe meiner goldenen Kreditkarte das weiße Pulver in einer

Reihe. Klassisch, mit einer zusammengerollten Geldnote ziehe ich es mir durch die Nase. Zufrieden lasse ich mich rücklings auf den Boden fallen und geben mich für einige Minuten dem Genuss hin. Kurz darauf verlasse ich gut gelaunt mein Hotelzimmer und pralle direkt vor der Tür mit einer Frau zusammen. Zwei weiche volle Brüste pressen sich für Sekundenbruchteile gegen meinen Oberkörper. Ihre kleinen Hände liegen daneben. Reflexartig umfange ich sie, halte sie fest. Dann ist der Moment vorüber und sie macht einen Schritt zurück. Erschrocken starrt sie mich an. Nach meinem altbewährten Schema

checke ich sie mit einem Blick ab. Sie ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Rotes langes Haar, strahlend blaue Augen. Die Pupillen vor Schreck geweitet. Ihr Mund sinnlich und voll. Und sie ist halb nackt. Und das mitten auf dem Hotelflur. "Ich möchte wissen wie sie schmeckt. Wie es sich anfühlt sie zu küssen." denke ich. Schnell wische ich diese Gedanken beiseite. Ich merke wie sich meine Mundwinkel nach oben ziehen. Plötzlich scheint sie sich ihres Aufzuges klar zu werden. Sie läuft dunkelrot an und rafft hastig ihre offene Bluse am Hals zusammen. Mit einem mal schnappt sie nach Luft. Wenn nur irgend möglich weiten sich ihre Pupillen noch mehr.

"Heilige Scheiße!" flucht sie leise. Sie tritt wieder vor und beginnt eifrig mit dem Ärmel ihrer eigenen weißen Bluse an meiner Brust herum zu wischen. Dabei murmelt sie auf deutsch "Das muss doch ... Scheiße!" Was verdammt tut sie da? Das nervt. Mit einem Ruck halte ich ihr Handgelenk fest und zische "Stopp! Das bringt nichts. Sie machen es nur noch schlimmer, Sie dumme Gans." Kaum ausgesprochen tut mir das mit der dummen Gans schon leid. Erkenntnis flackert in ihrem Blick auf. Die Beleidigung scheint sie mir nicht übel zu nehmen. Sie beginnt sich

ausführlich zu entschuldigen. Meine gute Laune beginnt so langsam zu verschwinden. Ich muss das unterbrechen. Um sie etwas zu ärgern reiße ich mir mein Jacket runter und drücke es ihr in die Hand. Dann beginne ich langsam Knopf für Knopf mein ruiniertes Hemd zu öffnen. Sie bekommt Schnappatmung und starrt auf meinen Oberkörper. Ich bin mir meiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst und genieße es mit ihnen zu spielen. Lasziv langsam ziehe ich mich vor ihr aus. Ihre Schüchternheit macht mich an. Ihre Zungenspitze lugt hervor, befeuchtet ihre sinnlichen Lippen. Als sie auch noch beginnt auf ihrer Unterlippe zu kauen

drängt sich ein kehliger Laut aus meiner Kehle. Genug für den Moment. Ich knülle das Hemd zusammen und werfe es ihr entgegen. Geistesgegenwärtig fängt sie es auf und drückt es impulsiv an ihre Brust. Ob sie mich ebenfalls so an ihre Brust drücken würde? "Was?" fragt sie leise. "Säubern. Wo ich wohne wissen Sie ja." Ich reiße ihr meine Jacke aus der Hand und lasse sie einfach im Gang stehen. Das war gestern und jetzt einen Tag später schon hatte ich sie. Viel Engagement bedurfte es nicht damit sie

mir zu Füßen liegt. Sie ist eben nur wie alle anderen auch. Sie wollen Sex, wollen meinen Körper. Nur mich will keine wirklich. Michael Thompson so wie ich nun mal bin. Als ich nun neben ihr in meiner Limousine sitze. So nah das ich ihre Wärme spüren kann und ihren Duft einsauge als wäre er mein Lebenselixier überlege ich, ob Anthea nicht vielleicht doch anders ist als all die anderen. Vielleicht war sie es wert das ich mich bei ihr anstrenge, mich von meiner besten Seite zeige. Anthea spürt meinen Blick, lächelt mich an.

Einem inneren Impuls folgend greife ich mit der rechten Hand nach ihrer linken und umfasse sie vorsichtig. Ihre Hand ist klein und kalt. Unauffällig taste ich mit den Fingerspitzen des Zeige-und Mittelfingers ihren Puls. Der rast. Sie ist aufgeregt. Ihre Brust hebt und senkt sich schnell. Hoffentlich kollabiert sie mir nicht. Ob ich es wagen sollte? Um sie zu beruhigen und auch meine Aufregung etwas zu mildern sollte ich es versuchen. Unauffällig rücke ich etwas näher an sie heran, beuge mich zu ihr. Ihre großen Augen weiten sich.

Sie ahnt was jetzt kommt. Aber ist sie auch bereit? Erwartungsvoll öffnet sie leicht ihren hübschen Mund. Öffnet sie für mich. Sie ist bereit. Mein Gesicht ist ganz nah vor ihrem. Mit der linken Hand greife ich in ihr Haar. Claire hätte spätestens jetzt los gezickt ich würde ihre Frisur ruinieren. Anthea blieb stumm. Warum denke ich jetzt an Claire? Vorsichtig lege ich meine Lippen auf ihre. Spüre ihre Zungenspitze. Meine Zunge umkreist sie, spielt mit ihr. Und als sie ihre Arme um meinen Nacken legt und sich in meinem Haar festkrallt,

öffnet sie sich auch ganz und gar für mich. Sofort ergreife ich die Chance und stoße mit meiner Zunge in ihren Mund. Ein süßes Seufzen entfährt ihrer Kehle. Ganz nah drücke ich sie an mich. Spüre ihre vollen Brüste an mir. Sauge ihren wunderbaren Duft ein. Lasse mich von ihr berauschen. Atemlos lösen wir uns schließlich wieder von einander. Fast schon keusch wendet sie den Blick ab, sieht heftig atmend zum Fenster hinaus. Daumen und Zeigefinger kneten nachdenklich ihre Unterlippe. Ist das so ein Tick von ihr? Sie spürt meinen Blick, wendet den Kopf und als sich unsere Blicke treffen müssen beide synchron lachen.

"Komm her!" raune ich und lege einen Arm um ihre Schultern um sie an mich zu ziehen. So aneinander gekuschelt verbringen wir die Fahrt nach Soho. ******************************* Kaum sitzt er neben mir im Wagen ist die Luft von seinem Duft erfüllt. Unauffällig schnuppere ich. Pfefferminz und Zitrus. Sein Duft. Ich schenke ihm ein Lächeln was von ihm sogleich erwidert wird. Mit einem mal greift er sich meine linke Hand und drückt sie sanft. Wie klein meine Hand gegenüber der seinen ist.

Sprachlos starre ich auf unsere ineinander verschränkten Finger. Michael rückt noch etwas näher an mich. Er ist mir nun so nah das ich seine Wärme spüren kann und mit Sicherheit hört er mein Herz klopfen. Wieder habe ich das Gefühl gleich zusammen zu brechen. Er kommt noch näher und als seine Hand in mein Haar greift weiß ich das es gleich soweit ist. In freudiger Erwartung schließe ich die Augen, konzentriere mich auf seine Berührungen, spüre seinen warmen Atem auf meinen Lippen. Sein Kuss liegt federleicht auf meinen Lippen. Ich wage es, lege meinen Arm um seinen Nacken ziehe ihn näher an

mich heran. Ich will ihn spüren, näher, intensiver. Michael reagiert sofort. Seine Zunge drängt in meinen Mund liefert sich mit meiner Zunge einen wilden Tanz. Atemlos lösen wir uns kurz darauf von einander. Peinlich berührt sehe ich aus dem Fenster. Die Gedanken wirbeln wild in meinem Kopf umher. Ist das wirklich gerade passiert? Was will er von mir? Nur ein Abenteuer um sich zu trösten oder ist er auf der Suche nach einer neuen Beziehung? Ich spüre seinen Blick, drehe den Kopf und sehe ihn an. Plötzlich muss ich lachen. Keine Ahnung warum. Aber er

stimmt mit ein. "Komm her!" raunt er plötzlich und breitet seinen rechten Arm aus damit ich mich an ihn kuscheln kann. Um die peinliche Stille nach unserem Kuss zu überbrücken scherze ich "Die Strecke hätten wir auch gut laufen können." Er grinst "In diesen Schuhen?" Sein Blick deutet auf meine Füße. "Stimmt. Das wäre die Hölle gewesen." lache ich. "Du läufst nicht oft auf hohen Schuhen?" will er wissen. Ich schüttle den Kopf. "Nur ab und zu. Es gefällt mir. Aber bequem ist was

anderes." "Kann ich mir vorstellen." lacht er wieder. Als ich die Neugier kaum noch aushalte frage ich "Ist das eigentlich dein Wagen?" "Nein. Gehören tut er mir nicht. Aber er und der Chauffeur stehen zu meiner freien Verfügung. Und das zu jeder Zeit." raunt er und küsst mich auf's Haar. "O-k-a-y." sage ich gedehnt. "Wer verdammt bist du?" Ich sehe zu ihm auf. "Du fluchst wirklich viel, Anthea." bemerkt er statt einer Antwort. Erschrocken sehe ich zu Boden. "Das stimmt. Tut mir leid!" flüstere ich. "So bist du eben." sagt er leichthin.

"Wo wir jetzt schon beim Du sind kannst du mich wirklich Thea nennen." "Magst du deinen Namen nicht? Ich finde ihn faszinierend." brummt sein Bariton. "Doch schon. Aber er ist so ungewöhnlich." murmle ich. "Genau wie du. Ich find's gut!" grinst er, beugt sich etwas herunter und küsst mich erneut. Ich fasziniere ihn? Ich bekomme langsam wirklich den Eindruck das er mich mag. Doch leider weiß ich noch immer nichts von ihm. Er weicht meinen Fragen aus. Die Fahrt nach Soho dauert nur wenige Minuten. Gleich nachdem wir angehalten

haben steigt der Fahrer aus um mir die Tür zu öffnen. Die Tür befindet sich parallel gegenüber dem Eingang des Restaurants. Ebenso grazil wie beim Einsteigen entsteige ich der Limousine. Michael hat es ohne die Hilfe des Chauffeurs geschafft auszusteigen. Eilig umrundet er das Fahrzeug und reicht nur seinen Arm. "Zwei Stunden." meldet er kurz und knapp und lässt die Mitteilung wie ein Befehl klingen. Der angesprochene nickt verständig und steigt wieder ein um den Platz vor dem Restaurant frei zu machen. "Komm!" raunt Michael und geht mit mir am Arm Richtung Eingang. "Mister Thompson, herzlich

willkommen." begrüßt und ein Oberkellner im dunklen Frack. Mir fällt sofort auf das Michael gleich erkannt wird. Er scheint hier öfters zu verkehren. "Guten Abend." grüßt Michael freundlich aber distanziert. "Wenn wir Sie zu Ihrem Tisch geleiten dürften." Ein zweiter Kellner tritt von der Seite auf uns zu und bittet uns ihm zu folgen. Er geht voran und manövriert uns durch das gut gefüllte Lokal. Mir bleibt der Mund offen stehen von all der Eleganz und Pracht die uns umgibt. Noch nie war ich in solch einem eleganten Restaurant. Aus den Augenwinkeln sehe ich das Michael mich amüsiert angrinst. "Beeindruckt?"

flüstert er mir ins Ohr. "Und wie." hauche ich. "Voila." meldet sich der Kellner und deutet mit der Hand auf einen freien Tisch in einer intimen kleinen Nische. Höflich zieht er einen Stuhl zurück und wartet bis ich mich gesetzt habe. Dann reicht er mir von rechts eine goldene in Leder gebundene Speisekarte. Michael nimmt mir gegenüber Platz und bekommt ebenfalls eine Karte gereicht. Abwartend was unsere Getränkebestellung betrifft bleibt der Kellner neben unserem Tisch stehen. Michael braucht keinen Blick in die Karte zu werfen um den perfekten Wein für diesen Abend zu ordern.

"Eine Flasche 2018 Sancerre Rosè bitte." befiehlt er. Der Kellner nickt und verschwindet. "Rosè ist doch okay oder? Du bist der Weißweintyp, ich eher der rote. Also treffen wir uns in der Mitte." grinst er. Der habe ich nichts entgegenzusetzen und grinse zurück. Die Aufregung hat sich mittlerweile in ein angenehmes Prickeln herabgestuft. Das war erträglich. Ab jetzt konnte ich den Abend genießen. Michael schweigt, sieht mich an statt in die Karte zu schauen. Nervös schlage ich die Karte auf. Die Gerichte lesen sich sehr lecker. Britisch

und russisch, so wie es im Internet beschrieben wurde. Doch als mein Blick auf die Preise fällt werde ich blass. Ich muss ihn unbedingt fragen wie es kommt das er sich dieses Restaurant leisten kann und hier scheinbar auch noch Stammgast war. Ich sehe von der Karte auf. "Schon gewählt?" fragt er verwundert. "Oder brauchst du Hilfe?" "Michael, das ist ... das ist wirklich ... teuer." stammle ich peinlich berührt. "Anthea, ich habe dich eingeladen. Und glaube mir bitte, ich kann es mir leisten." lacht er und greift nach meiner Hand die auf dem weißen Tischtuch liegt. "Michael, erzähl mir was von dir!" starte

ich einen neuen Versuch. "Wähl zuerst." Er deutet auf die Karte vor mir. "Und du? Weißt du schon was du nimmst?" Er nickt. "Dasselbe wie immer. Champagner Trüffel Humble Pie." erklärt er. "Champagner und Trüffel hab ich verstanden." gebe ich zu. Er scheint sich gut zu amüsieren. Auf meine Kosten. "Ich bin Vegetarier." erklärt er ernst. "Das soll dich aber nicht davon abhalten Fleisch oder Fisch zu bestellen. Ich bin keiner von den militanten Vegetariern die anderen ihren Lebensstil aufzwingen

möchten." Das beruhigt mich. Erneut schlage ich die Karte mit der festen Absicht mir ein Fischgericht auszusuchen auf. "Ich liebe Fisch." gebe ich preis. "Ich werd's mir merken." meint er kryptisch. Schlussendlich entscheide ich mich für Salmon Tartare Imperial. Lachstartar mit Gurke und Fenchel, garniert mit Kaviar. Als hätte er geahnt das wir gewählt haben steht plötzlich der Kellner mit der Flasche Wein an unserem Tisch. Zuerst schenkt er Michael einen Schluck zum Kosten ein. Er tut es und senkt huldvoll den Kopf. Freundlich lächelnd gießt der Kellner

zuerst mein und dann Michael's Glas halbvoll. "Sie haben gewählt?" fragt er anschließend. "Haben wir. Ich hätte gern zunächst die Enteneier St. Petersburg zwei mal, das Imperial Tartare, den Humble Pie und zum Abschluss zweimal die Crème Brûleè." bestellt Michael selbstsicher. Der Kellner notiert sich rasch die Bestellung und verlässt uns wieder. "So das hätten wir." Ich stütze das Kinn auf die Hände und sehe ihm auffordernd entgegen. "Raus mit der Sprache! Erzähl mir was von dir!" Er stöhnt theatralisch und rollt mit den Augen. "Ich hab' wohl keine Wahl."

Ich schüttle den Kopf. "Nö. Ich hab mich von dir küssen lassen. Ich muss doch wissen wem ich mich da so hingegeben habe." "Na gut, wie du willst." Er fährt sich mit der Hand durch's Haar. Er ist nervös. Warum nur? "Mein Name ist Michael Thompson. Ich komme aus London. Hier geboren und aufgewachsen. Ich bin Einzelkind. Meine Eltern leben mittlerweile mehr auf ihrem Landsitz in York." Er macht eine Pause als müsste er überlegen was es noch über ihn zu berichten gäbe. "Nur weiter!" fordere ich ihn freundlich aber bestimmt auf. Greife zum Glas um

endlich mal den teuren Wein zu kosten. Er hat einen guten Geschmack. Der Wein ist köstlich. Er beobachtet mich. "Was machst du beruflich?" gebe ich ihm einen Aufhänger. "Tja also, ich bin Verleger. Meinen Eltern gehört ein traditioneller Englischer Verlag. Hauptsächlich verlegen wir Romane. Ab und zu jedoch auch mal ein gutes Kinderbuch." erklärt er. "Das ist ja witzig. Ich bin Autorin." werfe ich lächelnd ein. "Du schreibst? Habe ich von dir schon was gelesen?" fragt er begeistert. "Keine Ahnung." Ich nenne ihm meine

Werke, doch er kennt sie nicht. Was auch kein Wunder ist. Ich schreibe hauptsächlich für Frauen. "Egal." er winkt ab. "Sicherlich schreibst du toll! Du bist die erste Autorin wo ich das Privileg habe sie näher kennen zu lernen." freut er sich. Ich scheine ihn mit meiner Arbeit echt beeindruckt zu haben. Ich nicke begeistert. "Und was ist deine Aufgabe im Verlag deiner Eltern?" "Ich bin Lektor. Studiert habe ich Literaturgeschichte. In Cambridge. " "Cambridge. Wirklich? Ich bin beeindruckt!" Er nickt. "Ja. Es war ne' schöne Zeit. Ich habe dort eine Menge

gelernt." "Das möchte auch so sein wenn man schon in Cambridge lernt." werfe ich frech ein. Für ein Studium dort muss man entweder durch Beziehungen privilegiert oder wirklich gute Leistungen vorweisen können. Zu welcher Gruppe er wohl gehört? "Nachdem mein Vater sich aus dem aktiven Berufsleben größtenteils zurückgezogen hat habe ich seinen platz in der Firma übernommen." "Du bist der Chef?" "Ja. Aber am liebsten lese ich noch immer die Manuskripte." gibt er zu. "Ich verstehe. Und was tust du so in deiner Freizeit?" frage ich vorsichtig

weiter. Ob ich ihn auf den Artikel in der Zeitschrift ansprechen sollte? "Ich gehe gern wandern. England bietet sich mit seiner wunderschönen Landschaft geradezu dafür an. Ich segel gern und spiele Tennis. Das sind meine sportlichen Aktivitäten. Mein Interessengebiet ist allerdings breit gefächert." Er zieht anzüglich die Augenbraue hoch. Ich verstehe worauf er anspielt. Auch ich habe gern Sex. Nur rede ich nicht gern darüber. "Jetzt du! Was gibt es über Anthea van der Woodsen zu berichten? Die Frau mit dem außergewöhnlichen Namen." Erwartungsvoll sieht er mich über den

Rand seines Weinglases an. Bevor ich jedoch antworten kann besucht uns der Kellner und stellt zwei Teller mit riesigen gekochten Eierhälften auf einem Salatbett vor die Nase. "Guten Appetit!" wünscht er und ist schon wieder weg. "Ja also zu mir gibt es nicht viel zu sagen." beginne ich zögerlich. "Das glaube ich nicht." unterbricht er mich lächelnd. "Mache dir selbst ein Bild! Wie schon gesagt, ich komme aus Berlin, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Zunächst habe ich Pädagogik studiert. Eigentlich war es mein Traum Erzieherin zu werden. Doch bereits während des Studiums

merkte ich, dass mir das Schreiben eher liegt. Ich wechselte nach 3 Semestern das Studienfach und studierte von da an Journalismus im Alex Springer Verlag. Geschrieben habe ich schon immer gern. Am Ende meines Studiums gewann ich bei einem Wettbewerb einer Zeitung den ersten Platz und von da an schreibe ich hauptsächlich. Glücklicherweise muss ich mich um Geld nicht sorgen. Meinem Vater gehört in dritter Generation ein Herrenmodengeschäft. Gehobene Herrenmode. Sogar die Kaiserliche Familie gehörte einst zu unserem Kundenstamm." füge ich nachdrücklich hinzu. Er nimmt den Faden auf und erwidert "Daher das Fachwissen über das

Hemd." Ich schlucke und nicke. "In den Semesterferien helfe ich manchmal im Laden aus. Ach, eigentlich bin ich im Laden aufgewachsen." Die Erinnerung an das versteckspielen zwischen Herrensakkos und Stoffballen lässt mich selig lächeln. Er drückt sanft meine Hand und holt mich so in das hier und jetzt zurück. "Jedenfalls kann ich mich gemütlich zurücklehnen und mich ganz dem Schreiben widmen. Meine Eltern finanzieren größtenteils mein Leben. Glücklich bin ich über diesem Umstand nicht gerade aber so ist es nun mal jetzt. Ich habe einen jüngeren Bruder. Er

besucht das Elite Internat Louisenlund in Norddeutschland." "Wie alt ist dein Bruder?" fragt er interessiert. "Aiden ist 17." "Aiden und Anthea. Interessant." murmelt er. "Ich weiß, so etwas fragt man eine Dame nicht aber wie als bist du Anthea?" "Alt genug um eine Beziehung mit einem Mann zu führen und jung genug um nicht für eine Frau in ihren besten Jahren gehalten zu werden." Ich schenke ihm ein freches Grinsen. Er ist nicht mir nicht böse und meint freundlich "Äußerst aufschlussreich. Also muss ich raten." Sein Blick taxiert,

vermisst, mustert mich. "Ich schätze mal 25." Knapp daneben. Ich hatte kürzlich meinen dreißigsten Geburtstag. "Fast." meine ich. "O-k-a-y. Dann eben 22." Ich pruste los. Er will mir schmeicheln. "Was?" lacht er und strahlt mich an. "Ich verrate es dir. Zuerst einmal vielen Dank für das Kompliment, mein Lieber! Aber um der Wahrheit zur Ehre zu reichen, ich bin 30 Jahre jung." "Ach Quatsch." Verblüfft sieht er mich an. "Doch es ist wahr." "Faszinierend!" meint er wieder. "Jetzt will ich aber auch wissen wie alt

du bist!" "Natürlich. Ich werde in den nächsten Tagen meinen 43. Geburtstag feiern." Er sieht deutlich jünger aus. Aber wie sagt man doch, Männer werden im Alter attraktiver. "Okay. Cool!" meine ich lapidar. 13 Jahre sind doch heutzutage kein Altersunterschied mehr. "Und was machst du so wenn du nicht gerade deiner Kreativität auf dem Papier Ausdruck verleihst oder dich mit fremden Männern triffst?" fragt er leise und sieht mir tief in die Augen. "Also auf Papier mache ich mir höchstens Notizen." lache ich. "Und sonst schwimme ich gern. Gehe ab und

zu reiten und für mein Leben gern shoppen." "Typisch Frau." grinst er. "Gehst du auch gern tanzen?" "Ab und zu schon. Wenn der richtige Partner dabei ist. Meine Freundin Rose ist keine gute Abendbegleitung. Aufgrund ihres Äußeren wuselt stets eine Meute Männer um uns herum so das ich kaum etwas von ihr habe. Und wenn es mal nicht so ist sind die Männer gehemmt oder von ihr derart abgelenkt das sie mich nicht beachten und mich demzufolge auch nicht ansprechen." erkläre ich betrübt. "Das verstehe ich nicht. Du bist wunderschön, Anthea!" macht er mir das

erste Kompliment. "Danke." hauche ich und merke wie ich wieder rot werde. "Du bist es wohl nicht gewohnt Komplimente zu erhalten?" mutmaßt er. Damit hat er recht. Allzu viele Komplimente habe ich noch nicht bekommen. Schon gar nicht von den Herren der Schöpfung. Und erst recht nicht von einem Verehrer. Warum sollte ausgerechnet ein Mann wie er sich ernsthaft für mich interessieren? Meine Stimmung sinkt in den Keller. Michael scheint es zu bemerken. Er greift wieder nach meinen Händen und drückt sie sanft. "Nimm das Kompliment ruhig an! Du bist die schönste Frau die

mir seit langem begegnet ist." Ich muss an seine Ex-Verlobte Claire denken. "Wenn du meine Partnerin wärst würde ich dich damit überhäufen." Die Hitze in meinen Wangen steigert sich noch etwas mehr. Verschämt sehe ich hinunter auf unsere Hände. Das Thema ist mir unsäglich peinlich. Umso erfreuter bin ich jetzt für seinen Themenwechsel. "Lass mich mal ein paar weitere Fakts über dich deduzieren." "Deduzieren? Wie Sherlock Holmes?" lache ich. "Ja genau." stimmt er zu. "Ich vermute du schreibst nicht nur gern, du liest auch viel. Hm ..." Abschätzend mustert er

mich erneut. "Brontë, Austen." "Mann, Irwing, Tolkin, Rowling, Gier, Meyer. Das könnte ich endlos weiter ausführen. Es müssen nicht unbedingt englische Romantikautoren sein. Ich lese durchaus auch anderes." grinse ich und vollende seinen Satz. "Okay. Du bist belesen und sportlich. Magst du Filme?" Ich nicke. "Und wie. Ich geh' für mein Leben gern ins Kino. Und du?" So entspinnt sich ein anregendes abendfüllendes Gespräch in dessen Verlauf wir uns immer besser kennenlernen. Nebenher genieße ich das beste Essen

was ich je essen durfte. Das Dessert ist schon fast aufgegessen da wage ich es endlich die Frage nach seiner vergangenen Beziehung zu stellen. "Ich ... ich habe heute zufällig einen Artikel in einer Zeitschrift gelesen." beginne ich vorsichtig. Er atmet tief ein ehe er fragt "Ich nehme an es war eine so genannte Klatschzeitschrift?" Ich nicke stumm und sehe betreten auf meinen Schoß. "Es ging in dem Artikel um deine vergangene Beziehung zu Claire ... Dings ... ähm ..." "Claire Dubois." hilft er mir aus. "Ja, dass ist der Name meiner Verflossenen.

Wir führten drei Jahre lang eine on-off-Beziehung. Ich will nicht behaupten das sie Schuld an unserer Trennung war, aber ihr Techtelmechtel mit einem französischen Millionärssöhnchen hat seinen Beitrag dazu beigetragen." "Aber ihr wolltet demnächst heiraten?" hake ich nach. Er zuckt die Schultern. "Na ja. Im Winter vielleicht. Das hat die Presse aufgebauscht. Einen Termin gab es noch nicht." "Aber verlobt wart ihr?" frage ich verwundert. Er zuckt wieder die Schultern. "Ich habe ihr irgendwann mal einen Antrag

gemacht." "Warum hat die Presse so ein Interesse an eurer Beziehung?" "Die stürzen sich doch auf alles was eine interessante Story verspricht." Wieder das Achselzucken. "Ja schon. Aber warum haben sie ein Interesse an euch? Seit ihr berühmt?" Seine Augen funkeln belustigt. "Sag mal, bist du ein Groopy?" lacht er. "Ähm." mache ich peinlich berührt. "Nein natürlich nicht. Aber wenn ich mit jemanden eine Beziehung eingehe, möchte ich gern wissen ob mein Konterfei am nächsten Tag in allen Klatschblättern der Welt auftaucht." "Du hast vor mit mir eine Beziehung

einzugehen?" grinst er wölfisch und seine Augen verdunkeln sich. Peinlich! Die Hitze steigt mir in die Wangen. "Ähm ... entschuldige." "Ich bin mit ganz ähnlichen Absichten heute mit dir hierher gekommen." gibt er leise zu. Bitte was? Erschrocken ungläubig hebe ich den Blick und sehe ihm direkt in die Augen. "D-du m-möchtest ... d-du k-kannst dir v-vorstellen e-eine Beziehung mit ... mit m-mir einzugehen?" krächzte ich. Michael nickt huldvoll. In meinem Bauch explodiert ein Feuerwerk. Ich rutsche nervös auf

meinem Stuhl herum. Er grinst belustigt. "Komm her! Ich glaube ich weiß was dir jetzt gut tut." raunt er und beugt sich über den Tisch in meine Richtung. Ich erhebe mich etwas von der Sitzfläche und komme ihm entgegen. Seine weichen vollen Lippen pressen sich vorsichtig auf meine. Seine Hand greift in meine Locken und zieht mich etwas näher an sich heran, er intensiviert den Kuss etwas. Er schmeckt fantastisch. Am liebsten würde ich mich hier und jetzt auf seinen Schoß setzen und auf ewig mit ihm rumknutschen. Doch dann erinnern wir uns wo wir uns

hier befinden und fahren auseinander. "Du möchtest also mit mir gehen?" kichere ich wie ein Schulmädchen. "Mit dir gehen?" fragt er verwundert. "Was heißt das?" Ich erkläre es ihm und er bricht in schallendes Gelächter aus. Schließlich sagt er "Ja Anthea van der Woodsen, wenn du es so ausdrücken möchtest, dann will ich mit dir gehen! Würdest du mir die Ehre erweisen?" Ich nicke glücklich und schenke ihm mein strahlendstes Lächeln.

5.

"Hast du jetzt noch etwas Zeit?" frage ich nachdem Michael dem Kellner seine goldene Kreditkarte in einem schwarzen Lederbuch zusammen mit der Rechnung mitgegeben hat. Er zuckt die Schultern. "Ich gehöre dir. Die ganze Nacht lang." raunt er und zwinkert mir zu. "Schön!" grinse ich. "Es ist nämlich so, dass ich zwei Karten für das London Eye habe. Das Zeitfenster passt perfekt. Hättest du Lust?" füge ich zögerlich hinzu. Da fällt mir ein das er als Londoner sicherlich bereits damit gefahren ist und keine Lust hat es noch

einmal zu tun. Doch seine Antwort überrascht mich. "Gern. Ich war noch nie drin." "Wirklich?" frage ich verwundert. "Ja. Allerdings könnte es sein das ich erkannt werde und du dein Bild spätestens morgen auf Twitter oder Facebook wieder findest." warnt er mich. So schlimm wird es schon nicht werden. "Dieses Risiko bin ich bereit einzugehen." lächle ich. Gesagt getan. Als wir wieder in der schwarzen Limousine sitzen gibt er dem Fahrer die Anweisung zum Fluss zu fahren. Endstation

Riesenrad. Ich habe es geschafft Anthea für mich zu gewinnen. Sie will mich. Ist bereit sich mit mir einzulassen. Aber ich will es diesmal richtig machen. Keinen schnellen Sex und sie dann abschießen. So wie es mit vielen vor ihr getan habe. Ich will sie halten. Dafür ist es aber nötig, dass sie nichts von meinem Geheimnis erfährt. Das dürfte schwierig werden wenn man sich in einer festen Beziehung befindet. Ich will es aber dennoch versuchen. Zuerst einmal ist es nötig sie mit den

Tatsachen zu konfrontieren. Es ist nur fair wenn sie weiß worauf sie sich bei mir einlässt. Zumindest was ich bereit bin preis zu geben. "Du wolltest doch wissen warum die Presse so ein Interesse an mir hat." beginne ich und ziehe sie an mich. Als ihr Kopf an meiner Schulter lehnt erkläre ich, "Ich bin mit der Präsenz der Presse aufgewachsen. Wo meine Familie hin kam, die Fotografen waren schon da. Homestorys, Interviews. Alles normal für mich. Als ich noch ein Kind war lag die Aufmerksamkeit natürlich nicht auf mir selbst. Das änderte sich erst als ich nach Cambridge ging. Man begutachtete und kommentierte alles was ich tat. Mit wem

ich mich abgab. Es war anstrengend, aber ich war es ja bereits gewohnt. Meine Mutter, musst du wissen ist eine Schauspielerin die ihren Karrierehöhepunkt in ihrer Jugend hatte. Mit ihr kam auch das mediale Interesse. Mein Vater genoss es. Gratis publicity. Vielleicht war es aber auch ein gekonnter Schachzug von ihm." "Du meinst, dass er deine Mutter nur der publicity wegen geheiratet hat?" fragt sie dazwischen. Ich nicke und berichte weiter "Jedenfalls weißt du jetzt warum die Meute mich umkreist wie die Fliege das Fleisch." Anthea nickt verständig. Das meine Eltern eine alles andere als

harmonische Beziehung führten verschweige ich. Auch das Mutter irgendwann genug von dem cholerischen Anfällen meines Vaters hatte und einfach aus unserem Leben verschwand. Und das ich allein es ausbaden durfte. Mit gerade einmal zehn Jahren. Das brauchte sie nicht zu interessieren. Vielleicht irgendwann einmal erzähle ich ihr davon. Wenn wir verheiratet sind und zwei Kinder haben. Verwegen grinse ich in mich hinein. Der Fahrer lässt uns auf meinen Wunsch hin nahe dem Riesenrad in einer Seitenstraße aussteigen. Ich sage ihm ich

würde ihn anrufen wenn er uns abholen soll. Dann schlendern wir Hand in Hand zu der neuesten Attraktion Londons. Fast wie ein normales Paar. Trotz der relativ späten Uhrzeit und der Tatsache das es ein normaler Wochentag war tummelten sich noch immer viele Menschen auf der Straße und eine lange Warteschlange stand vor dem Riesenrad. Zum Glück hatte Anthea bereits Karten besorgt. Lässig schlendern wir an den Wartenden vorbei und besteigen die nächste Gondel die sich uns bietet. Es ist ausgerechnet eine mit Glasboden. Ihr scheint es zu gefallen, sie klatscht begeistert in die Hände. Mir jedoch der seit frühester

Kindheit unter Höhenangst leidet missfällt es eher. Doch für sie mache ich gute Miene zu dem Spiel. Sie soll mich nicht für einen Waschlappen halten. Leider sind wir nicht allein hier drin. Mir würde, um mich von der Angst abzulenken einiges einfallen was ich mit ihr anstellen könnte. Vielleicht später einmal wenn ich eine dieser Gondeln privat miete. Kaum begibt sie die Gondel auf Höhenflug beginnt mein Herz zu rasen. Der Atem beschleunigt sich und ausgerechnet jetzt lädt die beruhigende Wirkung des Koks nach. Scheiße! Verkrampft stütze ich mich so lässig wie

es mir in der momentanen Situation möglich ist an der gläsernen Wand ab. Sie bemerkt es natürlich, wendet sich von der Schönheit des nächtlichen London ab und fragt, "Alles in Ordnung, Michael?" Ich schnaufe und nicke. Besorgnis flackert in ihrem Blick. "Wirklich? Du siehst aber nicht so aus." Liebevoll greift sie nach meiner Hand und führt sie an ihren süßen Mund. Zärtlich haucht sie mir einige Küsse auf den Handrücken. "Sie ist ganz kalt.", stellt sie murmelnd fest, "Kann es sein das du Höhenangst hast?" Das wars mit dem schönen Schein. Ich bin

aufgeflogen. Zögernd nicke und presse die Lippen zusammen. "Und dennoch steigst du mit mir in diese Gondel?" Pure Liebe schwingt in ihrer Stimme mit. Ich habe mit meinem lächerlichen Verhalten bei ihr nicht als Looser dazustehen scheinbar einen Pluspunkt gemacht. Ich zwinge mich zu einem Grinsen und zucke die Achseln. Da wirft sie plötzlich ihre Arme um meinen Hals, zwingt mich so mich zu ihr herunter zu beugen und küsst mich leidenschaftlich auf den Mund. Die Blicke der übrigen Fahrgäste brennen sich in mich. Ich befürchte mit unserem Kuss zu viel Aufmerksamkeit

auf uns zu lenken. Sollte nur einer ein Smartphone zücken und etwas anderes als die Aussicht fotografieren werde ich demjenigen eine rein hauen müssen. Doch nichts dergleichen passiert. Es scheint überhaupt niemand von uns Notiz zu nehmen. "Du bist süß!" raune ich ihr ans Ohr kaum das wir uns etwas voneinander gelöst haben. Zufrieden und vor allem beruhigt schlinge ich meinen Arm um sie und drücke sie rücklings an meine Brust. Ihr Haar verströmt einen betörenden Duft. Hat sie es sie parfümiert? Ich drücke ihr einen Kuss auf das Haar. Anthea seufzt zufrieden und deutet auf Big Ben. Der

große freistehende Glockenturm ist auch bei Nacht und aus dieser Höhe gut zu erkennen. "Sieh mal.", meint sie, "Wunderschön deine Heimatstadt!" "Du bist wunderschön!" raune ich und bemerke als ich mich ein wenig nach vorn beuge das sie wieder rot wird. Ihre Schüchternheit ist ja so süß! Sie reagiert auf Komplimente völlig anders als Claire die es gewohnt war das jeder den Boden unter ihren Füßen anbetet. Was Vater wohl zu Anthea sagen würde? Aber es ist auch egal was der Arsch denkt! Wen interessiert schon die Meinung eines egoistischen heroischen

Arschlochs? Die Fahrt dauert knapp eine Stunde. Normalerweise würde mir diese Zeitspanne unendlich vorkommen doch mit ihr ist die Zeit wie im Flug vergangen. Noch in der Gondel rufe ich Tayler an und bestelle den Wagen direkt vor das Riesenrad. Mir egal wenn ich damit unnötig viel Aufmerksamkeit provoziere. Ich will mit Anthea so schnell wie möglich wieder in einen intimen Rahmen kommen. "Das du so einfach über den Wagen verfügen kannst." wundert sie sich. "Der Fahrer musste heute Abend andauernd auf Abruf bereit stehen. Hat er denn kein

Privatleben?" "Es ist sein Job." tue ich es ab. "Und er wird gut dafür entlohnt, falls es das ist worum du dich sorgst." "Okay." meint sie lapidar. Ich möchte ihr zu gern zeigen zu was ich, einfach nur der Tatsache geschuldet das ich ich bin, fähig bin zu tun, aber das muss warten. Ich möchte sie auf keinen Fall beim ersten Date damit überfordern. Im Wagen frage ich sie was für Musik sie gern hört. Sie antwortet Bruce Springsteen, Elton John aber auch Klassische Werke. Bach ist ihr Lieblingskomponist. Normalerweise haben die Mädchen heutzutage irgendwelche Popsänger als Idol. Anthea

beweist mir wieder einmal das sie völlig anders ist als die Frauen mit denen ich mich bisher abgegeben habe. Wir passen perfekt zueinander. Nur weiß sie noch nichts davon. Ich bitte Tayler Bruce Springsteen abzuspielen und die Trennwand hoch zu fahren. Anthea's verblüffter Gesichtsausdruck lässt mich grinsen. Mit weiteren Küssen wische ich ihr die Verblüffung aus dem Gesicht. Die Fahrzeit bis zum Hotel vertreiben

wir uns mit knutschen. Michael küsst fantastisch! So wie er mich küsst wurde ich noch nie zuvor geküsst. "Danke Taylor. Heute brauche ich Sie nicht mehr." meint Michael gebieterisch. Das wäre ja auch noch schöner! Schließlich ist es mittlerweile weit nach 23 Uhr. Trotzdem bedankt sich der Chauffeur freundlich und verabschiedet sich. "Morgen um 9." ruft Michael über die Schulter als er den Arm um mich legt und so mit mir ins Hotel spaziert. Vor meiner Zimmertür drehe ich mich um und sehe zu ihm auf. Ich steh auf große Männer.

Besonders auf große sexy Männer. "Das war ein wirklich schöner Abend. Vielen Dank das ich deine Gesellschaft genießen durfte!" raunt er und küsst mich erneut. "Ich hätte nichts gegen eine Wiederholung." seufze ich an seinem Mund. "Sehr gern." grinst er stolz. "Wann?" "Morgen?" schlage ich vor. Er hält mich am ausgestreckten Arm und betrachtet mich aufmerksam. "Ich dachte du begleitest deine Freundin auf diesem Urlaub? Ist sie nicht verärgert wenn du sie morgen Abend schon wieder allein

lässt?" Oh je. Da hat er recht. Was bin ich denn für eine Freundin? Mist! "Du hast recht." traurig sehe ich auf meine Fußspitzen. Michael legt seinen Daumen und Zeigefinger unter mein Kinn und hebt es an. Ich sehe ihm tief in die Augen. "Rede mit ihr! Wir finden schon einen Weg. Bis 16 Uhr bin ich im Verlag beschäftigt. Danach stehe ich dir zur freien Verfügung." grinst er sein typisches Michael Lächeln und wackelt anzüglich mit den Augenbrauen. Ich nicke glücklich und lasse mir von ihm einen Gutenachtkuss geben. "Gute Nacht, meine Schöne!"

"Gute Nacht, Michael." flüstere ich, drehe mich um und öffne die Zimmertür mit der Schlüsselkarte. Er sieht mich an bis ich die Tür hinter mir zuziehe. Sein Lächeln wird mich bis in meine Träume begleiten, da bin ich mir sicher. "Wie wars?" höre ich Rose's Stimme aus der Dunkelheit hinter mir. Sie ist tatsächlich wach geblieben um meinen Bericht noch in der Nacht zu hören. Glücklich seufzend schalte ich die kleine Lampe auf dem Nachttisch an meiner Bettseite ein und setze mich zu ihr auf

die Bettkante. Rose rappelt sich auf und starrt mich in der Sitzposition aus an. "Ich höre." "Es war herrlich! Michael ist aufmerksam, zuvorkommend und so romantisch." beginne ich schwärmerisch. "Du hättest dieses Restaurant sehen sollen, Rose! In was für Unkosten er sich meinetwegen gestürzt hat." "So wie ich ihn einschätze zahlt er solche Restaurantbesuche aus der Portokasse." mutmaßt meine Freundin. Da könnte sie recht haben. "Aber vergiss das Restaurant! Erzähl mir lieber was mich wirklich interessiert. Die heißen Fakten." Aufgeregt klatscht sie in die

Hände. Ich grinse dümmlich. "Da gibt's nicht viel zu berichten. Wir haben uns geküsst." "Nur geküsst? Na ja, besser als nichts." Sie zuckt mit den Schultern. "Das reicht vollkommen für das erste Date. Apropos Date. Er hat mich gefragt ob wir uns morgen wieder treffen können. Aber du bist ja auch ..." "Kein Problem. Du triffst dich natürlich mit ihm." jubelt sie mir dazwischen. "Aber du sollst nicht allein hier im Hotelzimmer sitzen." werfe ich ein. "Wer sagt das ich allein hier herum sitzen werde?" Ich ahne schlimmes und erwidere "Rose,

darf ich dich daran erinnern das du in drei Wochen heiraten wirst." "Das weiß ich." lacht sie. "Reg dich ab! Ich will nur tanzen gehen." Beruhigt lasse ich mich rücklings neben sie auf das Bett fallen. "Du siehst glücklich aus." meint sie nachdem sie mich ausgiebig gemustert hat. "Oh Rose, dass bin ich auch! Und wie." "Und was ist das jetzt zwischen euch?" holt meine pragmatisch veranlagte Freundin mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. "Könnte da eine Beziehung draußen werden oder ist er nur ein Urlaubsflirt?" Na toll. Darüber wollte ich noch gar

nicht nachdenken. Aber irgendwann muss man es doch tun. In vier Tagen geht es zurück nach Deutschland. Michael lebt in London, und ich in Berlin. Für eine Fernbeziehung bin ich nicht der Typ. Wie Michael dazu steht muss ich noch herausfinden. Ich kann mir nichts schöneres als eine Beziehung mit Michael vorstellen. Aber wie empfindet er das? Und will man überhaupt eine Beziehung mit einem Mann der derart präsent in der Öffentlichkeit steht? Da muss man erstmal lernen mit umzugehen. Rose bemerkt das ich ins Grübeln gerate und legt liebevoll eine Hand auf meine Schulter. "Süße, das wird schon! Wenn

ihr euch wirklich mögt bekommt ihr das hin. Selbst wenn euch ein paar Kilometer trennen." "Ein paar Kilometer." stöhne ich theatralisch. "Aber du hast recht. Immer positiv denken!" Ich zwinge mich zu einem Lächeln obwohl mir der Bauch gerade ganz schön weh tut. "Außerdem war das heute unser erstes Date. Von einer Beziehung kann man noch gar nicht sprechen " "Da hast du recht. Aber es lief gut, ja? Wie war's im Riesenrad? Habt ihr es vor lauter knutschen überhaupt dorthin geschafft?" fragt sie lachend. Ich zwicke sie in die Seite für diesen frechen Spruch und erzähle dann aber

doch ausführlich von unserem nächtlichen Flug über London in der gläsernen Gondel.

6.

Ich spielte mit Cathy Monopoly und hatte soeben ordentlich Geld von ihr abkassiert. Wieder einmal werde ich sie abzuzocken. Wie im echten Leben war Cathy einfach nicht dafür gemacht Geld zu scheffeln. Das stand mir zu. Das ist zumindest so vorgesehen wenn es nach meinem Vater geht. "Michael, du machst mich fertig." jammert sie gespielt mit ihrem irischen Dialekt. "Es ist so wie immer, Cathy." lache ich. Mein glockenhelles Kinderlachen schallt durch den Raum. Mit einem mal wird es von der dunklen Stimme meines Vaters

unterbrochen "Michael, komm sofort her!" Was hatte ich nun wieder angestellt? Hatte ich wie letztens beim Frühstück wieder einmal meine Milch verschüttet oder hatte ich vom herumtollen im Park Grasflecken in der Hose? "Michael." hallt es erneut durch's Haus. "Ich glaube es ist besser du gehst zu ihm." meint Cathy leise und drückt meine kleine Hand. Hilfesuchend sehe ich ihr in die Augen. Sie hatte ja keine Ahnung von den 'Erziehungsmaßnahmen' meines Vaters. "Ich weiß du hast Angst." flüstert sie tonlos. Sie hat ja keine

Ahnung. "Ich will nicht!" Tränen steigen mir in die Augen. "Ich will nicht! Ich habe Angst." Hilflos schüttle ich den Kopf. "Michael, Gott ist bei dir. Er ist immer da." war der fromme Rat den sie mir geben konnte. Weiter konnte sie nichts tun, dass wusste ich. "Michael, wenn du nicht sofort herkommst wird es dir leid tun." Mittlerweile hatte sich die Stimme meines Vaters zu einem wütenden Brüllen gesteigert. Langsam erhebe ich mich. Wenn ich es nicht noch schlimmer machen wollte musste ich ihm folge leisten. Cathy's aufmunterndes Lächeln

verrutscht ihr. Langsam verlasse ich ihr Reich, die Küche und laufe durch das Foyer die Treppe in die oberen Stockwerke hinauf. Ich wusste genau wo sich mein Vater befand. In seinem Schlafzimmer. Durch die angelehnte Zimmertür sehe ich ihn abwartend auf der Bettkante sitzen. Seine Pantoffeln sorgfältig parallel zueinander unter dem Bett, die Tagesdecke zurück geschlagen. Gerade nahm er seine kostbare goldene Armbanduhr vom Handgelenk und legte sie neben das Glas mit seinem geliebten Whiskey auf den Nachttisch. "Komm rein und schließe die Tür!" behielt er.

Mit Bauchschmerzen leiste ich dem folge. Kaum fällt die Tür ins Schloss reiße ich die Augen auf. Vollkommen nass geschwitzt fahre ich aus dem Bett hoch. Wieder einmal dieser Alptraum. Wieder einmal holt mich meine Vergangenheit ein. Und wieder einmal werde ich die kommenden Stunden nur mit Jacks Hilfe überstehen können. Fahrig greife ich nach meinem Smartphone auf dem Nachttisch. Zitternd tippe ich darauf herum bis endlich seine Nummer gewählt wird. Ich drücke mir

das Gerät an das verschwitzte Ohr und warte ab. Nach dem dritten Klingelton nimmt er endlich ab. "Kannst du mir helfen?" stöhne ich und fahre mir mit der Hand durch das feuchte Haar. Ein paar Sekunden verstreichen in dem Jack vielleicht überlegt wer hier dran ist dann kommt "20 Minuten." zurück und das Gespräch wird unterbrochen. Glücklich atme ich auf. Den Donnerstag Vormittag verbringen Rose und ich mit Sightseeing. Endlich schafften wir es zum Buckingham Palace.

Wie manch anderer Tourist auch machten wir ein paar Erinnerungsfotos mit den Leibgardisten mit ihren lustigen Bärenfellmützen. Um 16 Uhr kehren wir ins Hotel zurück. Michael hatte mir im Laufe des vormittags auf meine SMS vom Morgen geantwortet. Er freut sich auf einen weiteren gemeinsamen Abend mit mir, schrieb er. Rose hatte wohl noch nicht genug Bewegung für heute und wollte sich im Fitnessraum noch eine Stunde quälen lassen. Ich dagegen zog die Ruhe der Sauna und des hauseigenen Schwimmbades vor. Mit

gemischten Gefühlen zog ich meine Bahnen. Ob eine Beziehung zu Michael überhaupt eine Chance hätte? Oder ob ich einfach nur den Moment genießen und, ja warum nicht auch ausnutzen und Gefühle und Gedanken ausschließen sollte? Nach knapp zwei Stunden Nachdenkerei komme ich auch zu keinem Ergebnis. Schließlich fahre ich in einen Bademantel gewickelt mit dem Lift hinauf in unsere Etage. Rose war noch immer beim Sport so das sie mir das Badezimmer nicht streitig machen konnte. Nach einer heißen Dusche föhnte ich

mein langes Haar und steckte es hoch. Zu einer solchen Frisur passt ein züchtiges Outfit. Als ich im dunkelblauen Kostüm vor dem Spiegel stehe stelle ich entsetzt fest "Was soll das denn? Ich will doch nicht zum Vorstellungsgespräch. Warum habe ich das überhaupt eingepackt?" schelte ich mein Spiegelbild. Rasch öffne ich mein Haar und ziehe diese steife 'Verkleidung' aus. Nun stehe ich wieder ganz am Anfang. Halb nackt vor dem Spiegel. Nach einem Blick auf die Uhr stelle ich erschrocken fest das mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Da Michael mir nicht verraten hat was wir heute unternehmen

entscheide ich mich für den casual look. Ich kombiniere meine graue Skinnyjeans mit einem grünen kurzärmligen enganliegenden Oberteil mit Stehkragen. Das bringt meine Brüste gut zur Geltung. Auch heute entscheide ich mich für hochhakige Schuhe. Die smaragdgrünen Stiletto Peeptoes von Rose passen perfekt dazu. Zufrieden mit meiner Kleiderwahl drehe ich mich gerade vor dem Spiegel als meine Freundin erscheint. "Wow!" ruft sie begeistert. "Das wird ihn umhauen." "Zu viel?" frage ich. Grübelnd besehe ich mich noch einmal genauer. Betrachte wie mein Po in dieser Hose aussieht. "Ich dachte eher das der casual look

nicht so aufdringlich nach 'schlaf mit mir schreit'." grübel ich leise. "Nö, das tut es auch nicht." lacht sie und beginnt sich ihrer verschwitzten Sachen zu entledigen. "Es schreit, fick mich!" Entsetzt fasse ich mir an die Brust und tue schockiert. "Rose von Ribbeck, achten Sie auf ihre Ausdrucksweise!" "Erstens bin ich noch nicht Frau von Ribbeck. Und zweitens werde ich meiner besten Freundin doch meine ehrliche Meinung sagen dürfen." lacht sie und geht nackt ins Badezimmer. Bevor sie die Tür hinter sich schließt sagt sie noch "Du siehst wirklich zum anbeißen aus, Thea! Das Outfit sieht nach nicht zu viel drüber nachgedacht

und doch dem Anlass sexy gekleidet aus. Genau richtig eben. Wenn er sich heute nicht für dich entscheidet hat er es nicht besser verdient. Und ach ja, die Schuhe leihe ich dir gerne!" Die Tür schließt sich hinter meiner lachenden Freundin. "Ich danke dir!" rufe ich laut durch die geschlossene Tür. Als letzter Akt bis zum losgehen pflücke ich ihre achtlos auf den Boden fallen gelassenen Kleidungsstücke auf und gebe sie in den Wäschesack für die Reinigung. Leise klopfe ich an die Badezimmertür und rufe "Ich werde jetzt los gehen." "Viel Spaß wünsche ich dir! Bis später." kommt es dumpf zurück. "Dir auch, Süße!" wünsche ich ihr

ebenfalls. Ich greife mir meine braune Lieblings-Alltagshandtasche und verlasse das Hotelzimmer. Hibbelig wie vor unserem ersten Treffen gestern gehe ich hinunter in die Hotelbar. Das scheint unser Standard Treffpunkt zu werden. Für heute hatte ich mir vorgenommen nicht noch einmal in solch ein Fettnäpfchen zu treten. Und ich bin meinem gestrigen Ich gegenüber im Vorteil, denn ich wusste nun ganz genau wie er aussieht. Sofort mache ich Michael an der Bar aus. Er sitzt dort, hält ein Glas in der Hand

und unterhält sich mit einer Frau. Ich dachte er ist mit mir verabredet? Er sagt etwas und ihr gekünsteltes Lachen hallt durch den Raum. Dabei beugt sie sich beabsichtigt oder nicht weit nach vorn so das er freie Sicht auf ihr Dekolletè hat. Er scheint sich gut zu amüsieren, ob ich mich einfach umdrehen und gehen sollte? Ach Quatsch, das ist mein Abend mit ihm! Dennoch, mit gemischten Gefühlen gehe ich auf die beiden zu. Als ich fast direkt hinter ihm stehe scheint er mich aus dem Augenwinkel zu bemerken. "Anthea!" ruft er erfreut und steht vom Barhocker auf. Die Blondine, die gerade etwas über

irgendein Haus in der Carmague berichtete, lässt er mitten im Satz einfach grußlos sitzen. Ich bin so glücklich darüber das ich ihm ein strahlendes Lächeln schenke. "Anthea, du siehst fantastisch aus!" lobt er, was mir ein Schmetterlingsorkan in der Magengrube und böse Blicke von der Blondine einbringt. "Dankeschön! Du siehst aber auch gut aus!" gebe ich ihm das Kompliment zurück. Heute trägt er eine hellgraue Anzughose, dazu ein zartrosa Seidenhemd und braune Lederschuhe. Dieser Mann duftet immer wie frisch geduscht, dazu sein After Shave oder Parfüm. Dieser Duft macht

etwas mit mir, lässt mich Gedanken denken von denen ich bisher nicht geahnt hätte das ich so etwas überhaupt denken vermag. Michael hält mir seinen Arm hin. Ich hake mich unter und verlasse stolz erhobenen Hauptes mit ihm das Hotel. "Danke das du mich vor der Frau gerettet hast!" raunt er mir zu. Ich ziehe die Augenbraue hoch "Gerettet? Es sah so aus als hättet ihr Spaß." "Wirklich? Das war nur jahrelanges Training im Umgang mit solchen Weibern." tut er es mit einer abfallenden Geste ab. "Gute Mine zu bösen Spiel." "So schlimm?" hake ich nach. "Du hast ja gar keine Ahnung.", meint er,

"Mein Leben kann verdammt anstrengend sein." Das glaube ich ihm. Wenn man bereits seit frühester Kindheit derart im Zentrum des öffentlichen Lebens steht. Und möchte ich wirklich ein Teil davon werden? "Lass uns heute Abend aber nicht von unangenehmen sprechen! Was hältst du davon wenn wir ein bisschen spazieren gehen? Ich möchte dir mein London zeigen!" schlägt er freudestrahlend vor. Ich kann gar nicht anders, erfreut stimme ich zu. Doch zunächst ... .... kaum sitzen wir in der Limousine, die wie gestern abfahrbereit direkt vor dem

Hoteleingang stand fallen wir übereinander her. "Du bist so wunderschön!" flüstert er in meinen Mund. "So schön!" Ich vergrabe meine Hände in sein Haar ziehe leicht daran und entlocken seiner Kehle ein dunkles Knurren. Nur noch wilder fahren seine Hände nun über meinen Körper, rutschen unter das Oberteil und kneten meine Brüste durch den zarten Spitzenstoff meines BHs. Ich wollte ihn, meinetwegen auch gleich hier in seinem Wagen. Allerdings wäre dann das stundenlange aufbrezeln umsonst gewesen. Und der Fahrer ist ja auch noch da. "Michael." versuche ich ihn zu stoppen.

"Michael, der Fahrer und ... und wollten wir nicht ..." Er zieht sich etwas zurück und sieht mich an. "Du hast recht. Später." Ob er jetzt mit 'später' den späteren Abend oder in ein paar Wochen meint konnte ich nicht ausmachen. Dann gab er dem Chauffeur ein Zeichen und dieser ließ die Trennwand hoch fahren. So konnten wir zumindest ungestört weiter knutschen. Um mich von den körperlichen Schmerzen und den unschönen Bildern in meinem Kopf abzulenken schmiss ich mir

bevor ich mich auf den Weg zu Jake machte eine Valium ein. Direkt in Jake's Wohnzimmer zog ich die Line die mich für den Tag der vor mir lag aufpäppelte. Zumindest für die erste Tageshälfte. Ich deckte mich gleich noch mit Koks und LSD ein und verabschiedete mich. Das Valium würde ich mir wieder bei Julia besorgen. Nur das sie diesmal keine Naturalien als Gegenleistung von mir bekommt. In meinem Kopf spukt seit vorgestern nur noch Anthea rum. Ich bekomme diese Frau einfach nicht mehr aus meinem Kopf raus. In ihrer Nähe fühle ich mich sicher, irgendwie beruhigt. Wie sollte es nur werden wenn sie wieder

in Deutschland wäre? Ich musste mir dringend darüber Gedanken machen, vielleicht sie auch einfach darauf ansprechen. Oder ist es dafür noch zu früh? Später, im Büro meldete mir Jane das auf Leitung 2 Claire Detrois wartet. Stöhnend bedanke ich mich für die Information. Was wollte sie? Das hat mir gerade noch gefehlt an einem Tag wie diesem. Nur das wissen das ich den Tag mit einem Treffen mit Anthea abschließen würde lässt ihn mich überhaupt durchstehen. Ich fahre mir mit der Hand durch das Haar und atme noch einmal tief ein ehe

ich den Knopf drücke und das Telefongespräch zu meiner Ex herstelle. "Claire, was willst du?" Ich lege so viel Ablehnung wie nur irgend möglich in meine Stimme. "Michael, du kannst mit dem Getue aufhören!" zickt sie gleich los. "Ich war nicht diejenige die unsere Beziehung in den Sand gefahren hat." Da hat sie ausnahmsweise recht. "Entschuldige!" lenke ich freundlicher ein. "Also, warum rufst du an?" "Um dir bescheid zu geben, dass ich das Haus in Mayfair geräumt habe. Ich habe das Segel gestrichen. Dir den Weg frei gemacht." Theatralisch wie immer, typisch

Claire. "O-k-a-y." sage ich gedehnt. Wir hatten uns nach unserer plötzlichen Trennung noch gar nicht wieder unterhalten um zu klären wer in dem gemeinsamen Townhouse wohnen bleiben darf. Das hatte sie wohl nun eigenständig in die Hand genommen. "Antoine hat mich gefragt ob ich nicht zu ihm ziehen möchte." säuselt sie. Genervt verdrehe ich die Augen. "Da sein Haus in Cannes deutlich komfortabler ist als das in Mayfair dachte ich du freust dich, wenn ich es dir überlasse. Es wäre doch schade eine solche Immobilie zu veräußern. Gerade wo guter Wohnraum in London so schwer

zu bekommen ist." Sie stellt es so dar als sei sie es gewesen die dieses sau teure Haus gekauft hätte. Und jetzt stellt sie es auch noch als selbstlose Geste dar wenn sie es mir überlässt. Ich könnte kotzen. Doch ich reiße mich zusammen und antworte gespielt freundlich "Da hast du recht. Dankesehr! Das ist sehr freundlich von dir." "Gern, Michael. Ich bin ja bekannt für mein aufopferndes Wesen." Ach ist sie das? Dieses Miststück! Wie konnte ich mir nur mal einbilden sie zu lieben? Gut, der Sex war ganz okay. Aber sonst ... "Jedenfalls habe ich meinen Kram

ausräumen lassen und jetzt wollte ich dich fragen wie ich dir den Schlüssel zukommen lassen soll?" fährt sie fort. Sie will tatsächlich einen Schlussstrich ziehen. "Ähm ..." Das kommt etwas plötzlich. "Ich habe keine große Lust dir noch einmal persönlich zu begegnen ..." Autsch, das tat weh! "... daher würde ich vorschlagen, dass ich ihn dir über meinen Anwalt zukommen lasse. Der muss eh mit dir noch etwas klären bezüglich der Urkunde." "Urkunde?" "Na wegen der Besitzurkunde für das

Haus. Das Grundbuch oder so. Du weißt schon." plappert sie. "Ach wegen DER Urkunde." erwidere ich genervt. "Ist gut. Mach wie du willst, Claire. Ich hab zu tun. Wenn also weiter nichts ist ..." "Das wars, Michael? Echt jetzt? Keine reumütigen Abschiedsworte kein Flehen das ich es mir noch einmal überlegen soll?" Was will sie denn jetzt? "Das haben wir doch bereits hinter uns." stöhne ich und raufe mir das Haar. "Ich werde jetzt auflegen. Machs gut, Claire. Ein schönes Leben noch." Ehe sie ansetzen kann etwas zu erwidern habe ich bereits aufgelegt.

Wütend fege ich mit einer Hand den gesamten Inhalt meines Schreibtisches zu Boden. Das ist ja super gelaufen. Doch dann besinne ich mich was dieses Gespräch gerade bedeutet hat - ich bin Claire los. Ein für alle mal. Ich bin wieder frei. Frei für Neues. Frei für eine neue Frau. Denn ohne kann ich doch nicht sein. Ich brauche die Nähe zu anderen Menschen wie die Luft zum Atmen. Nur hatte ich bisher niemanden gefunden bei dem ich mich auch sicher fühlen konnte. Bei dem ich keine Angst hatte ich selbst zu sein. Anthea wird mein Leben verändern, dass

spüre ich. Aber das wird nur geschehen, wenn ich sie durch mein Verhalten vorher nicht vergraule.

7.

Taylor, Michael's Chauffeur ließ uns im West End am Strand aussteigen. Das Wetter war herrlich so das wir gemütlich Hand in Hand zum Trafalgar Square schlendern konnten. "Hier sind wir im Herzen des britischen Empires. Man kann förmlich den Atem der Geschichte riechen." verkündet Michael und macht eine den gesamten Platz umfassende Geste. Ich strahle ihn an. "Man merkt, du liebst deine Heimatstadt." "Ich liebe mein Land, Süße! England ist so viel mehr als nur einfach London." schwärmt er und lächelt

selig. Er deutet mit der Hand zu dem klassizistischen Gebäude der National Gallerie. "Zu Ihrer linken, meine Dame sehen Sie die weltberühmte National Galley. Die rund 50 Meter hohe Säule im Zentrum den Platzes ist die so genannte Nelsonsäule. Diese Säule wurde hier im Gedenken an den großartigen Lord Nelson aufgestellt der in der Schlacht bei Trafalgar sein kostbares Leben verlor." rezitiert Michael mit der Tonlage eines Fremdenführers und wirft sich an die Brust. Sein tiefernster Gesichtsausdruck lässt mich wie ein kleines Mädchen kichern. Er zieht mich in seine Arme und hält

mich ganz fest. "Schön, dass es heute geklappt hat!" raunt er in mein Haar. "Ich habe hart darum kämpfen müssen. Also versau es ja nicht indem du mir nur langweilige Dinge zeigst." scherze ich. "Keine Sorge, meine Hübsche es wird noch interessanter." meint er kryptisch. Ich bin gespannt. Wir spazieren die Whitehall Street bis zum unteren Ende hinunter wo sich gleich gegenüber dem Houses of Parliament die Westminster Abbey befindet. "Möchtest du Fotos machen oder können wir weiter?" zieht er mich auf. "Stell dir vor, ich kenne das alles schon.

Du vergisst das ich bereits sechs Monate in dieser Stadt gelebt habe." kontere ich. "Dann sollte ich dir vielleicht Orte zeigen die dem normalen Touristen verborgen bleiben." überlegt er laut. Für einen kurzen Moment blickt Michael nachdenklich in die Ferne bevor er weiter spricht. "Warst du schon in Mayfair?" Mayfair das Nobelviertel. Georgianische Gebäude, die Bond Street, Edelschneider. Mayfair wo er laut Zeitschrift ein Haus zusammen mit dieser Claire hat. "Na ja. Klar durchgefahren bin ich schon mal." meine ich lapidar. "Komm mit!" Er greift nach meiner

Hand. "Wohin?" lache ich. "Zur Untergrundbahn." Untergrundbahn? Ich grinse in mich hinein. Mit der Jubilee Line fahren wir bis zur Bond Street. Von da aus spazieren wir die Oxford Street in Richtung Marble Arch hinunter. "Anthea, ich ... ich möchte ..." beginnt Michael zögerlich. "Ja." glücklich sehe ich zu ihm auf. "Ich möchte dir gern ... etwas zeigen." stößt er gepresst hervor. "Aber das tust du doch schon die ganze Zeit." lache ich. "Nein, keine Touristenattraktion."

"Nicht?" Jetzt bin ich verwundert. "Was denn dann?" "Ich würde dir gern mein Haus zeigen. Und ... und ich möchte mit dir ... reden." Oh oh. "Na gut." gebe ich zögerlich nach. "Gut. Dann komm!" Zielstrebig biegt er mit einem Mal nach links ab und führt mich die Park Street weiter bis zur Kreuzung mit der Upper Brook Street. "Nur ein paar Schritte noch." verspricht er ruhig. Seine gute Laune scheint verflogen zu sein. Er wirkt angespannt und nachdenklich. Mit wild pochendem Herzen folge ich ihm obwohl, meine Beine eher Reißaus

nehmen würden. Noch im laufen zieht er einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und steigt die Stufen zu einem weißen Town House hinauf. "Hier ist es." erklärt er unnötigerweise. Eingeschüchtert von dieser Pracht nicke ich nur stumm. Michael schließt die Tür auf und tritt beiseite um mir den Vortritt zu lassen. Zögernd gehe ich an ihm vorbei ins Innere des Hauses. Michael schließt die Tür und wirft den Schlüssel zu einigen anderen Krimskrams in eine goldene Schale die auf einer dunkelbraunen Kommode neben der Tür steht. "Tja das ist es also." Verlegen

vergräbt er seine Hände in den Hosentaschen. Ebenso verlegen stehe ich da. Erwartet er das ich mich von allein umsehe? "Hier wohnst du also wenn du nicht gerade in deinem zweiten Zuhause dem Clayton bist." stelle ich fest. Er nickt und presst die Lippen aufeinander. Hoffentlich kommt nicht gleich noch seine Ex um die Ecke! Ich beschließe ihn einfach nach deren derzeitigen Aufenthaltsort zu fragen. "Laut Klatschpresse lebst du hier nicht allein." gebe ich ihm einen Aufhänger. "Seit heute offiziell nicht mehr." gibt er

zu. Jetzt wird mir einiges klar. Deswegen also dieser Ausflug heute hier her. Er hat wieder Sturmfreie Bude. "Ach wirklich." mache ich nur. "Ja, Claire ist heute offiziell ausgezogen. Per Telefon wurde ich von ihr davon in Kenntnis gesetzt." erklärt er. "Hm." mache ich und lasse den Blick schweifen. "Möchtest du ... dich vielleicht ... umsehen?" Ich nicke zögerlich. Michael greift nach meiner Hand, zieht mich mit sich weiter ins Innere der Wohnung. Ich erschrecke etwas weil seine große

Hand plötzlich so kalt ist. Verwundert sehe ich zu ihm auf. Ein leichter Schweißfilm glänzt auf seiner Oberlippe und der Stirn. Er ist nervös. Ihm scheint dieser Vorgang hier ebenfalls nicht leicht zu fallen. "Ja also das hier ist das Wohnzimmer." Mit der linken Hand deutet er in ein halb leeres riesiges Zimmer deren beide Fenster in Erkern eingelassen sind. Leere Gardinenstangen zeugen davon das hier bis vor kurzem noch Vorhänge gehangen haben. Der prächtige Kamin bildet den schmuckvollen Mittelpunkt des Raumes. Die großen Bücherregale an der Wand links und rechts der Tür sind gut

bestückt. Ansonsten ist der Raum leer. Abdrücke in dem mit orientalischen Mustern niederfloorigen Teppich sagen mir, dass das nicht immer so war. Bis vor kurzem standen hier weitere Möbel. Sicherlich eine Polstermöbelgarnitur. Michael bemerkt es ebenfalls und meint "Die Bücher hat sie da gelassen. Tja, sie hat noch nie gern gelesen." Ich drehe mich um um ihm zu bedeuten das ich bereit bin mir den nächsten Raum anzusehen. Michael zeigt mir noch die geräumige äußerst gut ausgestattete Wohnküche, das Badezimmer ein Spielzimmer. Als wir schließlich im Gästezimmer stehen meint er leise "Wenn du mich

besuchen kommst könntest du hier übernachten." Unwillkürlich muss ich schlucken. Er umfängt mich von hinten mit den Armen und presst mich an sich. Leise raunt er abwechselnd zwischen zarten Küssen an mein Ohr "Ich ... würde ... mich ... aber ... viel ... mehr ... freuen, wenn ... du ... bei ... mir ... im ... Schlafzimmer ... schlafen ... würdest!" Wie bitte? Er möchte das ich ihn besuchen komme. Und dann ganz nah bei ihm bin. Langsam drehe ich mich in seiner Umarmung zu ihm um und sehe zu ihm auf. Ich will ihm in die Augen sehen wenn er mir das noch einmal sagt. Ich

will wissen ob er es ernst meint. "Sag das nochmal!" fordere ich ihn leise auf. "Anthea van der Woodsen, ich möchte das du mich hier besuchen kommst! Ich möchte, dass wenn du das tust mit mir in meinem Bett schläfst. Als ... als m-mein-ne Freu-freundin." stammelt er. Ich kann nicht sagen ob ich vor Freude oder aus Erleichterung seufze, aber ich tue es, und zwar aus tiefstem Herzen. Dieser wahnsinns Typ, der heißeste Mann der Welt, hat mir soeben gestanden das er mich als seine Freundin möchte. Hätte er mich nicht festgehalten wäre ich wahrscheinlich zusammengesackt wie ein

Soufleè. "Was sagst du dazu?" fragt er leise. Stimmt. Ich habe noch gar nichts dazu gesagt. Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf, doch laut ausgesprochen habe ich noch kein Wort. "Ich würde sehr gern als d-deine Fr-reundin hier sein." stammle ich. Ein freudiges Strahlen breitet sich über sein Gesicht aus und wischt die sorgenvolle Miene die da bis eben geklebt hat weg. "Wirklich?" fragt er als würde er seinem Gehör nicht trauen. Ich lege meine Arme um seinen Nacken und sage zu ihm hinauf "Michael Thompson, ich wäre sehr gern deine

Freundin! Und ich komme dich sehr gern in London besuchen!" Der Kuss den er mir jetzt gibt transportiert so viel Gefühl das es kaum auszuhalten ist. Eng umschlungen lassen wir uns auf das Bett fallen. "Aber wir müssen noch einiges klären." hole ich ihn nach einiger Zeit in die Wirklichkeit zurück und drücke ihm sanft mit der Handfläche gegen die Brust um Distanz aufzubauen. "Ich möchte das klären." "Ja du hast recht. Das müssen wir." lenkt er ein. "Du lebst hier und ich in Berlin. Du bist ... prominent oder so und ich ... nicht."

"Du müsstest dich umgewöhnen, das ist wahr. Du müsstest mit der Aufmerksamkeit die dir auf jeden Fall zuteil werden wird klar kommen. Die Paparazzi ertragen. Damit klar kommen das du dein Bild öfters in der Presse siehst." zählt er alle Negativpunkte auf. Im Geist vervollständige ich die Liste um die Pluspunkte. Ich hätte ihn an meiner Seite. Hätte ständigen Zugriff auf Romantik und Sex. Nicht nur um es endlich mal wieder zu haben, sondern auch noch mit ihm. Ich hätte einen Vertrauten mit dem ich über alles reden kann. Denn das ist mir

nach diesen wenigen Tagen bereits klar geworden, Michael und ich schwimmen auf einer Wellenlänge. Ich hätte immer einen Grund in die aufregendste Stadt der Welt zu kommen. Und ein Leben ohne Geldsorgen ist ebenfalls nicht zu verachten - das würde zumindest Rose sagen. Nicht umsonst heiratet sie jetzt einen Von-und-Zu. Die Pro-Spalte ist jetzt schon länger und sicherlich kann sie noch im laufe der Zeit um weitere Punkte ergänzt werden. "Ist mir alles egal." sprudeln die Worte ohne mein Zutun aus meinem Mund. Was hier spricht das ist mein Herz. "Ich will dich! Ich kann mir nichts schöneres vorstellen als die Frau an

deiner Seite zu sein, Michael!" wispere ich. "Wirklich?" fragt er erstaunt. "Hörst du schlecht?" ziehe ich ihn auf. "Ich kann bisweilen aber echt anstrengend sein." wirft er ein. Will er mich umstimmen oder was? "Ist mir egal." wiederhole ich mich. "Du solltest vielleicht eine Nacht darüber schlafen!" Er sieht mir tief in die Augen. Seine Augenfarbe hat sich verändert. Sie erinnern mich nun an einen vom Sturm aufgewühlten Ozean. "Meinst du ich ändere dann meine Meinung?" lache ich. "Aber na gut. Ich muss ja auch unsere verschiedenen Wohnorte bedenken."

"Ja das musst du wohl." traurig sieht er über meine Schulter ins Nichts. Sicher sieht er seine Chancen schon schwinden. "Ich denke drüber nach und gebe dir morgen bescheid. Okay?" stelle ich klar und küsse ihn. "In Ordnung." Er sieht mich an. "Weißt du, ich habe in meinem Leben viel Mist gebaut. Das hier mit uns, dass will ich richtig machen!" Er meint es ernst, das kann ich sehen. Liebevoll lege ich meine Hand an seine Wange und sehe ihm tief in die schönen Augen. "Michael, ich könnte dir jetzt schon eine Antwort geben. Aber ich

werde, wie du es möchtest darüber schlafen." "Ist gut." murmelt er. "Da wäre noch etwas." beginnt er nach kurzem Schweigen. Verwundert darüber was jetzt kommt frage ich "Ja?" "Ich hoffe du verstehst mich nicht falsch, aber wäre es für dich in Ordnung, wenn ich erst mit dir schlafe wenn du dich entschieden hast?" Meine erhobene Augenbraue lässt ihn hektisch hinzufügen "Nicht das ich nicht mit dir schlafen wollen würde. Ich würde es gern, glaub mir! Aber wie schon gesagt, ich möchte bei dir alles richtig machen."

Aufrichtig sieht er mich an. "Ich will es mir mit dir nicht versauen." Wie könnte er das tun. Er ist so wundervoll. "Ist in Ordnung. Ich warte ab." lenke ich tief ausatmend ein. "Ich möchte ebenfalls nichts übereilen. Das hatte ich schon." denke ich. Michael bemerkt meinen abwesenden Blick "Was ist mit dir?" fragt er mit besorgtem Unterton. "Ach nichts. Nur. Ich kann dich gut verstehen, Michael." "Inwiefern?" "Ich hatte auch einmal eine Beziehung bei der von Anfang an der Wurm drin

war. Und das nur weil wir es übereilt haben." erkläre ich. "Erzähl mir davon!" bittet er leise. Und das tue ich. "Ich war gerade 17 geworden. Da lernte ich auf einer Party Luis kennen. Er war etwas älter und wie sich herausstellte sehr erfahren." Das Thema scheint ihr peinlich zu sein. Sie errötet. Dennoch berichtet Anthea weiter. "Ich verliebte mich auf der Stelle in ihn. Meine Freundinnen, nicht alle aber doch ein paar und Jungs sogar auch, warnten

mich vor ihm. Er ging nicht auf unsere Schule. Daher kannte ich ihn nicht. Ich war so verliebt und schlug alle Warnungen in die Luft. Und bereits beim zweiten Date ging ich mit ihm ins Bett. Oder besser gesagt in die Waschküche." plaudert sie. Fasziniert lausche ich ihr mit auf der Hand aufgestütztem Kinn und amüsierte mich innerlich wie sie ihren Bericht mit Gestik und Mimik ausgeschmückt und immer wieder abschweift. "Luis lebte ein ganz anderes Leben wie ich. Er war frei. Niemand hatte große Erwartungen an ihn. Damals wusste ich auch nicht das da niemand war der Erwartungen an ihn hätte haben können.

Er lebte bei seinem Onkel der sich einen Dreck um ihn scherte. Ich war fasziniert von Luis. Irgendwann merkte ich das er unter Stimmungsschwankungen litt. Er war im einen Augenblick romantisch und zärtlich, im nächsten dann wieder verschlossen und wenn er getrunken hatte sogar aggressiv." Oh je, wurde sie von dem Kerl geschlagen? Ist es das was sie mir hier erzählen möchte? "Obwohl ich oft Angst vor ihm hatte konnte ich mich nicht von ihm lösen. Der Grund ist ziemlich simpel." Und ich höre zu, obwohl ich es bereits zu glauben weiß. Mein Magen krampft sich schon mal vorsorglich zusammen.

"Ich habe meine Unschuld an ihn verloren. Und verloren trifft es hier ganz gut. Im Nachhinein betrachtet hätte ich die mir lieber für einen geeigneteren Kandidaten aufheben sollen." Ich nicke verständig. "Jedenfalls das Ende vom Lied ist das ich dumme Gans ihm hinterher lief. Und das weit mehr als ein Jahr lang. Obwohl ich mittlerweile nicht nur etwas von seiner Alkohol, sondern auch von seiner Drogensucht wusste. Damit nicht genug. Er dealte auch noch." schloss sie. "O-k-a-y." sage ich gedehnt um Zeit zu gewinnen um mir eine gute Reaktion auf ihre Geschichte einfallen zu

lassen. "Das ist sicher hart für dich gewesen." flüstere ich mitfühlend. "Oh ja. Ich war so dumm. Alle hatten mich ja gewarnt. Aber ich hörte nur auf mein dummes kleines Herz. Ich liebte ihn und vergab ihm wirklich jeden Fehltritt. Er war mein Held und für mich unfehlbar." "Wie hast du es am Ende geschafft dich doch zu lösen? Du hast dich doch von ihm gelöst oder?" frage ich erschrocken. Anthea nickt traurig. "Ja. Aber diese Entscheidung wurde mir abgenommen. Er ist gestorben. Überdosis." erklärt sie und sieht durch mich durch. Ach du

Scheiße! "Oh. Das tut mir leid!" murmle ich und streichle sanft ihre Schulter. "Das muss es doch nicht. Schließlich ist das ewig her und außerdem weiß ich das du ein ganz anderer Typ Mensch bist." Menschenkenntnis gehört wohl nicht gerade zu ihren Stärken. Allerdings habe ich mit den Jahren gelernt meine Sucht gut zu verstecken. Die wenigsten Menschen in meiner Umgebung wissen davon. Und solche Totalausfälle wie heute morgen kommen echt selten vor und wenn dann nicht in der Öffentlichkeit. Anthea bekommt von meinen Grübeleien nichts mit, sie hängt ihren eigenen

Gedanken nach. Das der Abend eine solche Wendung nehmen würde hätte ich nicht gedacht. Aber vielleicht war das ganz gut so. Schließlich wollten wir uns ja kennenlernen um die Entscheidung, unser zukünftiges Leben betreffend fällen zu können. Plötzlich murmelt sie so leise das ich sie kaum verstehe "Tja, wo die Liebe hinfällt." Ja genau, wo die Liebe hinfällt. Na ja, zumindest hat sie mit so verkommenen Subjekten wie ich es eines bin schon Erfahrung. Nur legt sich mit ihrer Geschichte ein großer Stein unserer Beziehung in den

Weg. "Wollen wir noch etwas essen gehen?" schlägt Michael später vor, nachdem er mir auch die restlichen Räume seines riesigen Hauses gezeigt hat. Im Keller befindet sich zu meiner Überraschung sogar eine Sauna, ein Whirlpool sowie ein kleiner Fitnessraum. "Gern! Aber bitte nicht wieder so chic wie gestern. Darauf bin ich heute nicht vorbereitet." grinse ich und deute mit der Hand an meinem Körper hinunter. "Du siehst immer wunderschön aus." wisperte er und nimmt mich in den Arm.

"Aber keine Sorge, mir ist heute eher nach etwas bodenständigem. Wie war's mit den besten Fish n' Chips der Stadt?" "Klingt super!" stimme ich strahlend zu. "Dann lass uns gehen! Ich bin am verhungern." Auf dem weg ins Erdgeschoss fällt mein Blick auf seine fantastische Küche und ich will wissen "Kochst du eigentlich gern oder war die Küche eher Claire's Bereich?" "Claire und Küche?" Er lacht schallend auf. "Claire und kochen passt in etwa so gut zusammen wie Wasser und Öl. Eine Katastrophe. Wenn du sie kennen würdest, würdest du sofort sehen, dass eine wie sie sich nie die Finger an egal

was schmutzig machen würde." "Okay, ich hab's kapiert. Du kochst also gern." schlussfolgere ich. Er nickt. "Ja, leidenschaftlich gern. Besonders wenn ich jemanden bekochen kann macht es mir Spaß. Leider sind meine Freunde beruflich stark eingespannt und haben selten Zeit." "Und Claire?" "Die isst doch nichts außer Kaviar und Mandeln." scherzt er und spielt damit sicher auf den dekadenten Lebensstil und den Beruf seiner Ex an. Ich stimme in sein Lachen mit ein. "Vielleicht habe ich ja in Zukunft öfters die Gelegenheit dich zu bekochen? Es wäre mir eine Ehre." flüstert er und

haucht mir einen Kuss auf den Handrücken. "Lass dich überraschen." antworte ich lapidar.

8.

Nachdem Michael mich tatsächlich zu den leckersten Fish n' Chips eingeladen hatte die ich in meinem bisherigen Leben gegessen habe brachte er mich ins Hotel zurück. Er selbst würde heute wieder in sein Haus in Mayfair umsiedeln. "Nun stehen wir wieder hier und sagen Gute Nacht." stellt er treffend fest als wir uns vor meiner Zimmertür gegenüber stehen. "Ja genau." murmle ich und sehe zu Boden. "Morgen muss ich leider für zwei Tage verreisen. Geschäftlich." "Oh." Enttäuscht krampft sich mein

Magen zusammen. Heute war bereits Donnerstag. Das hieße er käme erst am Samstag zurück. Da Rose und ich am Sonntag morgen abreisen bliebe uns kaum noch Zeit um uns zu sehen. "Ich weiß, blödes Timing." gibt er zu, legt seine Hand unter mein Kinn und hebt es an. "Aber als der Termin vereinbart wurde, wusste ich ja noch nicht das ich dir begegnen würde." Seufzend ließ ich mir von ihm einen Gutenachtkuss geben. Oder war es der Abschiedskuss? "Gute Nacht, meine Schöne!" raunt er an meinem Mund. "Oh Michael. Ich ... ich bin so ...." "Scht. Ich weiß. Ich bin es auch. Aber

ich bin hier, in London. Ich warte auf dich und deine Entscheidung." flüstert er. "Du hast meine Nummer und du weißt wo ich wohne." "Aber die Antwort könnte ich dir doch jetzt schon geben.", dränge ich. "Nein, lieber nicht. Ich möchte wirklich das du erst eine Nacht darüber schläfst!" fordert er eindringlich. "Eine Beziehung mit mir ist nicht einfach. Und vielleicht googlest du mich doch mal!" fügt er deutlich leiser hinzu. Michael war erstaunt, aber auch irgendwie begeistert, dass ich, nachdem ich etwas über ihn in einer Zeitschrift gelesen habe nicht auch gleich im Netz nach ihm gesucht habe. Er meinte das ich

sonst ein völlig falsches Bild von ihm bekommen würde. Die Medien sind selten nett und meistens ungenau. Und jetzt verlangt er das ich es doch tue? "Aber wir hatten doch gesagt..." "Ich weiß ... aber vielleicht solltest du es doch mal tun!" flüstert er. "Das wäre nur fair dir gegenüber." Was meinte er damit? "Na gut. Dann sehe ich dich in den nächsten Tagen also in den Klatschpressen dieser Welt." scherze ich obwohl mir gar nicht danach war. Sein Lächeln verrutscht etwas. "Jedenfalls, melde dich sobald du eine Entscheidung getroffen hast. Wir finden schon einen Weg um zusammen zu sein."

murmelt er und sieht hoffnungsvoll zu mir herunter. "Meinst du?" hauche ich. Tränen sammeln sich plötzlich in meinen Augenwinkeln. Warum denn nur? Es ist doch alles gut. "Natürlich." verkündet er mit fester Stimme. "Na gut. Dann glaube ich dir mal." Ich zwinge mich zu einem Grinsen. "So sehe ich dich viel lieber." grinst er und küsst meine Mundwinkel, die Wangen, Stirn und Nasenspitze. "Ich mag dich wirklich gern, Anthea!" Ich schlucke schwer. "Ich dich auch, Michael." Ich muss das hier beenden sonst breche

ich noch vor ihm in Tränen aus. Auf keinen Fall soll er mich für eine sentimentale dumme Gans halten. Mit erzwungener fester Stimme sage ich "Gute Nacht, Michael. Ich melde mich. Morgen. Versprochen." Mit einem letzten Lächeln öffne ich die Tür und ziehe sie, ohne mich noch einmal umzudrehen hinter mir zu. Von draußen höre ich wie eine Tür geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen wird. Er ist nebenan. Um seine Sachen zu packen. Diese Nacht wird er nicht nebenan im Zimmer verbringen. Zum ersten mal seit wir uns kennen. Taylor hatte er angewiesen gleich direkt vor dem Hotel auf ihn zu

warten. "Hey Süße." höre ich mit einem mal Rose hinter mir. Erschrocken fahre ich herum. Ich hatte gar nicht bemerkt das sie hier war. Mein seltsames Verhalten eben gerade ließ sie stutzig werden. Kein Wunder. Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ließ ich mich mit dem Rücken daran herunter gleiten. Mit leerem Blick und den Gedanken ganz woanders starre ich geradeaus. Mit wenigen Schritten war sie bei mir und setzt sich neben mich auf den Boden und umarmt mich. "Was ist passiert?" fragt sie ängstlich. Sofort brechen bei mir die Dämme. Heiße

Tränen rollen mir über die Wangen und fallen als kreisrunde Flecken auf die Auslegeware unter mir. "Thea sprich mit mir! Bitte." Ich konnte nicht. Noch nicht. Ich weiß auch nicht warum ich hier so blöde rum heulte. Eigentlich war doch alles gut. Michael hatte ja nicht Schluss gemacht, im Gegenteil. Er wollte eine Beziehung mit mir. Vielleicht waren es ja die Umstände die sich uns in den Weg stellen würden die mich so emotional reagieren ließen? Unsere räumliche Trennung zwischen zwei Ländern, oder genau genommen sogar zwischen zwei Welten. Schließlich war er in gewisserweise prominent und lebte ein

ganz anderes Leben als ich unscheinbares Mädchen von nebenan. "Wenn du mir nicht auf der stelle erzählst was los ist hole ich einen Arzt und lasse dich von Kopf bis Fuß untersuchen." droht Rose mir lachend. Die Drohung wirkte. Unter schluchzen erzähle ich ihr von meiner Misere. "Okay. Und was genau ist jetzt dein Problem?" fragt sie als ich geendet habe. "Was mein Problem ist?" fassungslos starre ich meine Freundin an. "Hast du nicht zugehört?" "Doch schon. Aber was ist dein Problem? Na gut, dann steht er eben in der Öffentlichkeit. Ist doch egal. Na gut, er lebt in London, du in Berlin. Aber ihr

seit doch erwachsen und in gewisser Weise ungebunden. Es gibt Flugzeuge, E-Mail, Skypen. Und wenn das zwischen euch tatsächlich länger hält, was hält dich dann in Berlin? Du könntest umziehen. Ich würde jedenfalls London Berlin vorziehen. Die Stadt ist super! Und die Männer hier sind heißer." Mit ihrer lockeren Plauderei schafft sie es mir ein Lächeln zu entlocken. "So weit sind wir noch lange nicht." schliefe ich und wische mir mit dem Handrücken über die Augen. "Ich weiß. Ich spinne ja auch nur etwas rum um dich aufzuheitern und falls du das nicht bemerkt haben solltest, es hat geklappt." lacht sie und zwinkert mir

zu. Da kann ich nicht anders und stimme in ihr Gelächter mit ein. "So, genug rumgeheult. Komm!" Sie hievt sich hoch und reicht mir ihre Hand. "Wir hauen uns jetzt vor den Fernseher und lassen uns tonnenweise Eis vom Zimmerservice bringen." "Das klingt nach einem guten Plan!" Ich ergreife ihre angebotene Hand und stehe auf. "Natürlich! Er ist ja auch von mir." lacht meine beste Freundin. Der Abend wurde dann doch noch gemütlich und lustig. Rose wusste mich geschickt

abzulenken. In der Nacht jedoch, Rose war längst im Land der Träume saß ich in einem der Sessel und starre ins Leere. In Gedanken wog ich das für und wider ab. Sollte ich mich auf einen Mann einlassen bei dem man nie sicher sein kann, dass er nicht irgendwann mal den Avancen einer hübschen Frau widerstehen kann? Einem Mann dem die Paparazzi auflauern, mit dem man nie in der Öffentlichkeit rum knutschen kann ohne sich am nächsten Tag abgedruckt in einer Zeitung wieder zu sehen. Und dann war da noch das Wohnungsproblem. Sollte ich wirklich, wie Rose im Scherz gesagt hat meine Zelte in Berlin abbrechen und einfach so

nach London ziehen? Nicht zu ihm natürlich, sondern in irgendeine günstige Wohnung. Auch wenn die hier wohl schwer zu bekommen wäre. Bisher hatte ich es mir noch immer verboten nach ihm zu googlen. Irgendetwas in mir versperrte sich davor. Doch vielleicht sollte ich es doch mal tun? Zumindest einen kurzen Blick wagen. Zögerlich beugte ich mich vor um mein Handy vom Glastisch vor mir zu klauben. Ich entsperre das Display und musste plötzlich daran denken das ich gar kein Bild von ihm habe. Wenn ich abreise ohne ihn noch einmal gesehen zu haben, habe ich nichts was mich an ihn erinnert.

Ein Grund mehr ihn im Netz zu suchen. Ich könnte mir da ein Bild herunterladen. Ich gebe seinen Namen in die Suchmaschine ein und warte die paar Sekunden bis mir Ergebnisse angezeigt werden. Es sind Millionen. "Oh je." murmle ich. Bei Wikipedia gibt es sogar auch einen Eintrag von dem er mich, als ich ihn anklicke direkt am oberen Ende des Artikels angrinst. Seine Lebensgeschichte schwarz auf weiß und recht ausführlich. "Danke." flüstere ich "Das weiß ich alles aus erster Hand." Ich schließe diese Seite.

Ich gehe in die Rubrik 'News'. Es werden mir ewig viele Einträge angezeigt. Einer der letzten ist der den ich bereits aus der gedruckten Variante kenne, wo Claire und Michael sich getrennt haben. Dann noch welche bezüglich ihrer Trennung und Claire's neuer Liebschaft dem Franzosen. Jeder Artikel ist in verschiedenen Varianten zu finden, was der Vielfältigkeit der britischen Boulevardzeitungen geschuldet ist. Genervt scrolle ich runter. Das ist doch zwecklos. Hier finde ich nichts brauchbares. Warum tue ich das überhaupt?

Mit einem Mal springt mir die Worte 'neue Freundin' ins Auge. Ich klicke den Artikel an. "Hat Michael Thompson eine Neue? " lautet die Überschrift. Das ungute Gefühl in meinem Bauch ignorieren beginne ich zu lesen. "Michael Thompson ist wie wir wissen kein Kind von Traurigkeit. Um über die schmerzliche Trennung von seiner Dauerverlobten Claire Dubrois hinweg zu kommen stürzt er sich in das Londoner Nachtleben. An seiner Seite wurde kürzlich eine unbekannte Brünette Schönheit gesichtet. Gemeinsam feierten sie bis in die Morgenstunden. Auch

Drogen sollen im Spiel gewesen sein." "Und das ist der Moment wo ich abschalte. So ein Blödsinn!" echauffiere ich mich murmelnd. Ich finde noch weitere Einträge in denen Michael mit hübschen Frauen an seiner Seite abgelichtet wurde. Und immer wieder fällt mir auf, dass diese Frauen nicht einfach nur neben ihm stehen und für das Foto posieren, sondern ihre manikürten Krallen in seinen Arm schlagen. Sie krallen sich an ihm fest, fast so wie Ertrinkende an einem Rettungsring. Als hätten sie Angst, ohne seine Hilfe im bedeutungslos Strudel des Vergessens, welcher die Welt der Prominenz ja nun mal fest im Griff hat

unterzugehen. So lange er sich mit ihnen auf den roten Teppichen dieser Welt sehen lässt, sind sie wer. Möchte ich das für mich? Will ich eine von denen sein? Oder wäre das bei mir anders? Claire hat Michael ja auch nur benutzt um aufzusteigen. Wenn mich das alles schon anekelt, wie musste er sich da fühlen wenn er diese Bilder betrachtet? Es ist widerlich! Ich beschließe mich nicht länger von den Eindrücken im Netz über ihn verärgern zu lassen und lege das Handy weg. Meine Entscheidung möchte ich aufgrund meines Bauchgefühls, meinem Wissen

was ich durch seine Angaben erhalten habe und mit Lebenserfahrungen fällen. Irgendwann musste ich wohl doch eingeschlafen sein. Als ich erwache liege ich zusammen gekrümmt noch immer im Sessel. Ich würde mir heute einen weiteren Termin im Spa Bereich geben lassen müssen um meinen verspannten Nacken wieder weich kneten zu lassen. Mühsam hieve ich mich hoch und gehe schwankend in Richtung Badezimmer. Eine warme Dusche ist jetzt genau das was ich brauche. Und als mir das heiße Wasser über den

Körper fließt habe ich plötzlich die Antwort. Mein Leben lang war ich schüchtern und brav. Ich habe stets das getan was von mir erwartet wurde. Höchste Zeit also mal etwas zu wagen. Mal mutig sein. Das war schließlich mein Leben und es ging um mein persönliches Glück. Meine Eltern würden meine Entscheidung sicherlich unterstützen. Erst recht wenn sie erfuhren mit wem ich gedachte mein Leben zu teilen. Publicity ist das A und O im Business meiner Eltern. Und wenn Michael mal in einem Massanzug meines Vaters auf einem roten Teppich abgelichtet werden würde ...

Mit dem Bild vor Augen von Michael in einem sündhaft teurem Anzug schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Von meinem Entschluss beflügelt dusche ich fertig und ziehe mich an. "Meine Antwort muss kreativ sein. Sie muss zu uns passen. Ich muss mir was einfallen lassen." überlege ich laut und greife nach meinem Smartphone. Ich durchforste das Netz nach Zitaten der Literatur und Filmgeschichte. Und werde schließlich fündig. Gleich nach dem Frühstück und einer Absprache mit Rose was sie davon hält würde ich Michael meine Entscheidung

mitteilen. Die erste Nacht im eigenen Haus war seltsam. Das große Haus fühlte sich leer an. Aber das war es ja schließlich auch. Noch nie hatte ich hier allein gelebt. Mal allein, weil Claire auf eine ihrer vielen Reisen war natürlich, aber noch nie als Single. Hätte ich Anthea vielleicht doch über Nacht hier behalten sollen? Um mir die Einsamkeit erträglicher zu machen und mich vielleicht in dieser Nacht vor den Träumen in Sicherheit zu wähnen kippte ich meinen Gin Vorrat

hinunter und schoss mich mit etwas chemischer Hilfe ab. Als ich nun vorhin auf dem teuren Teppich vor dem Kamin im Wohnzimmer aufwachte brauchte ich einige Sekunden um mich zu orientieren. Mein Schädel brummte und ich hatte einen Hunger als hätte ich eine Woche nichts gegessen. Für meine Reise nach Zürich nachher war ich so noch nicht bereit. Zuerst einmal duschen. Als das heiße Wasser auf meinen geschundenen Körper prasselt schließe ich die Augen und genieße diese Berührung. "Du dämlicher Arsch hättest es anders haben können." rüge ich mich selbst. "Warum musste ich einen auf

verständnisvoll machen?" Mein Gewissen antwortet "Na, weil du endlich jemanden gefunden hast für den es sich lohnt sich zu ändern!" Mein Gewissen hatte recht. Aber die Transformation in einen besseren Menschen muss noch etwas warten. Für's erste brauchte ich was um den Flug in die Schweiz zu überstehen. Bevor es zum Flughafen ging ließ ich Taylor noch kurz in Soho halt machen. Bei Jake zog ich noch eine Line und nahm mir zwei Tabletten für unterwegs mit dann musste ich los wenn ich pünktlich zu meinem Termin um 14 Uhr zum lunch in Zürich sein wollte. Doch

der Airport machte mir einen Strich durch die Rechnung. Mal wieder Verzögerungen. Genervt nehme ich in der Businesslounge Platz und hole mein Smartphone hervor. Noch keine Nachricht von Anthea. Schläft sie noch? Ich surfe etwas im Bett und checke meine Mails als eine hübsche Brünette im Sessel neben mir Platz nimmt. "Guten Morgen." grüßt Sie freundlich. Ich schenke ihr zur Antwort ein grinsen und sehe wieder auf mein Handy. Aus den Augenwinkeln sehe ich das die etwas in Papieren liest. Einzelne Zettel die jetzt, beabsichtigt oder nicht auf den Boden schweben. Sie will sich an mich

ran machen. Die Masche kenne ich bereits. "Oh je, wie ungeschickt von mir." Plumper geht's gar nicht. Höflich hebe ich sie für sie auf, ordne sie zu einem Stapel und reiche sie ihr. "Ein Cavalier! Wie lieb von Ihnen. Vielen Dank!" säuselt Sie. "Schon gut." Ich setze mich zurück in meinen Sessel. Drehe mich extra etwas von ihr weg um ihr hoffentlich begreiflich zu machen das ich kein Interesse an weiterem smalltalk habe. Vergeblich. "Fliegen Sie auch nach Zürich?" fragt sie. Mir fällt auf das sie eine unnatürlich hohe Stimme hat. Mir stellen sich bei

diesem Geräusch die Nackenhaare auf. "Ja. Zürich." gebe ich knapp zurück. Sie gibt nicht auf "Geschäftlich?" "Da wir uns hier in der Businesslounge befinden, wo für gewöhnlich immer die Geschäftsleute und Prominenten sitzen würde ich sagen, ja, die Chancen das ich geschäftlich reise stehen 50 / 50." Meine Stimme klingt genervter als ich es beabsichtigt hatte. Doch mein Hauch von Sarkasmus scheint ihr nicht aufzufallen. "Ich muss ebenfalls berufsbedingt in die Schweiz. Verlagsgeschäfte. Ich bin Lektorin." Ach du scheiße! Wir haben das selbe Ziel. Das bedeutet ich werde diese Dame die nächsten zwei Tage nicht los.

In Momenten wie diesen bereue ich es noch nie eine Schnappsidee die Tom einmal hatte in die Tat umgesetzt zu haben. Er schlug vor, mir einen Pseudo-Ehering zu kaufen und ihn immer dann zu tragen wenn ich nicht angebaggert werden wollte. "Ach wirklich?" gebe ich höflich zurück. Ich werde mich hüten ihr zu sagen, dass ich wahrscheinlich dasselbe Ziel hatte. "Ich bin Alexandra." meint sie plötzlich und reicht mir die Hand. "Michael." ich schlage ein. "Und was machen Sie so Michael?" "Ich bin Restaurantkritiker." lüge ich. "Ach wirklich!" tut sie interessiert.

"Interessant. Erzählen Sie mir davon!" Und das tue ich. Ich lasse mich über alles aus was ich so über Restaurants im allgemeinen und das Kochen im besonderen weiß. Als ich geendet habe sieht sie mich zweifelnd an und meint "Seltsam. Ich dachte ich hätte mal etwas über Sie gelesen." "Ja, sicherlich in einer Zeitung über's kochen." schlage ich vor. "Nein nein." Sie tut so als ob sie überlegen würde. Mich beschleicht das ungute Gefühl enttarnt worden zu sein. "Sie sind Michael Thompson. Der Verleger und Playboy." letzteres kommt

ihr nicht ohne ein anzügliches Grinsen über die Lippen. Oh je. Sie sieht mich an als sei ich Freiwild. Gerade will sie zu einem weiteren Wortschwall ansetzen da rettet mich eine Durchsage "Die Passagiere für Flug 479 nach Zürich werden gebeten sich zum Gate 5 zu begeben! " "Tja. Tut mir leid. Ich muss los." entschuldige ich mich. "Das muss es nicht. Ich habe den selben Weg." flötet sie und erhebt sich. Mist, stimmt ja! Mein Entschluss Tom's Vorschlag in die Tat umzusetzen verfestigt sich immer

mehr in mir. Oder ich heirate wirklich. Das macht es glaubhafter. Gemeinsam betreten wir kurze Zeit später das Flugzeug. Da mein Sitz scheinbar etwas kostspieliger war trennen sich hier unsere Wege. Sie biegt mit einem traurigen Lächeln nach links ab. Ich folge der Flugbegleiterin zu meinem Platz. Kaum sitze ich ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Eine Nachricht von Anthea. Mit zitternden Finger tippe ich zum öffnen darauf. Sofort beschleunigt sich mein Herzschlag. Ich schließe die Augen, atme noch einmal tief durch und öffne sie wieder.

Die SMS liegt lesebereit vor mir in meiner Hand. "Lieber Michael. ... " beginne ich. "Sir, das Gerät müssen Sie gleich ausstellen bitte." unterbricht mich die Stewardess. Ich nicke stumm. Beginne erneut "Lieber Michael. Ich habe lange nachgedacht. Die ganze Nacht genauer gesagt. ..." "Michael. Ich habe mich gefragt ..." Erschrocken sehe ich auf und blicke in das freundliche Gesicht von dieser Alexandra. Was will sie hier? "Kann man nicht mal in Ruhe eine Nachricht lesen?" murmle ich. "Ähm ja?" gebe ich jedoch freundlich zur Antwort. Abwartend sehe ich zu ihr auf.

"Da wir beide nun ja scheinbar das selbe Ziel haben frage ich mich, ob Sie mit mir heute Abend etwas essen gehen möchten?" Scheiße! "Ähm. Das kommt jetzt plötzlich." setze ich an. "Ich weiß. Das tut mir leid! Ich dachte nur..." Sie schweigt betreten. "Ich ich habe hier gerade etwas wichtiges..." Ich deute mit der freien Hand auf mein Handy. "Oh Verzeihung! Ich wollte Sie nicht stören. Vielleicht überlegen Sie es sich und geben mir bescheid." Damit reicht sie mir Ihre Vititenkarte. Ich nehme sie

wortlos an. "Bis später dann. Vielleicht." Damit verabschiedet sie sich und verschwindet. Ich sehe ihr kurz den Gang entlang nach. Muss sicher gehen das die weg ist. Endlich kann ich lesen was Anthea geschrieben hat. "Lieber Michael." beginne ich zum dritten Mal. "Ich habe lange nachgedacht. Die ganze Nacht genauer gesagt. Und ich möchte dir mitteilen..." Mein Herz pocht wie wild. Was tut diese Frau mit mir das ich so aus dem Häuschen bin? "Sir, wir wollen starten. Sie müssen es jetzt wirklich ausstellen!" nervt schon wieder die Stewardess.

Genervt wegen der ständigen Unterbrechungen fahre ich die an "Herrgott nochmal! Kann man hier nicht einmal kurz seine Mails checken ohne andauernd angequatscht zu werden?" Erschrocken zieht sie mit erhobenen Augenbrauen den Kopf zurück. "Ich mache nur meinen Job, Sir. " zischt sie deutlich unfreundlicher als eben noch. "Entschuldigen Sie. Das weiß ich doch. Ich schalte es gleich ab, nur noch diese Nachricht hier." Ich deute auf mein Handy. Die angesprochene nickt und verschwindet wortlos. Diesmal beginne ich direkt bei Anthea's

Entscheidung mit dem lesen. "Und ich möchte dir mitteilen: Ich möchte die Freundin sein in die du dich hoffnungslos verliebst. Diejenige, die du in deine Arme nimmst, in dein Bett, in deine private Welt, die du in deinem Kopf verschließt. Ich möchte diese Art Freundin sein, die sich an die Dinge die du sagst, erinnert genau wie an die Form deiner Lippen wenn du es sagst. Ich möchte jede Kurve, jeden Leberfleck, jeden Schauder deines Körpers kennenlernen. Ich möchte wissen, wo ich dich anfassen soll. Ich möchte wissen, wie ich dich anfassen soll. Ich möchte dich überzeugen, ein eigenes Lächeln für mich zu haben. Ja, ich möchte deine

Freundin sein. Deine richtige und wahre Freundin!" Sprachlos starre ich auf das Display. Damit hatte ich nicht gerechnet. Fassungslos vor Glück drücke ich das Handy an meine Brust. "Ich muss Sie jetzt wirklich bitten ..." beginnt schon wieder die Flugbegleiterin. "Schon gut. Ich mache es aus." flüsterte ich und strahle sie an. Sie bemerkt meine Veränderung und lächelt freundlich zurück. "Das war wohl eine gute Nachricht die Sie da erhalten haben?" mutmaßt Sie. "Sie haben ja gar keine Ahnung. Es war die beste meines Lebens!" freue ich mich

ehrlich. "So? Na dann darf ich Ihnen vielleicht Champagner anbieten?" schlägt sie mit einem herzlichen Lächeln vor. Ich nicke glücklich. Jetzt konnte mir selbst die zwei Tage mit der Nervensäge Alexandra nichts mehr anhaben. Ehe ich die SMS an Michael abschicke reiche ich Rose mein Handy. "Hier, lies!" fordere Ich die auf. Sie weiß, dass ich an ihrer ehrlichen Meinung interessiert bin. Sie nimmt mir das Gerät aus der Hand und überfliegt

den Text. Einmal. Und noch ein weiteres Mal. "Und?" frage ich. "Das ist typisch Du." beginnt die. "Total romantisch." "Nicht zu viel?" hake ich nach. "Na ja. Es ist sehr direkt. Aber offen und ehrlich. So wie du eben bist, Thea. Es wird ihm die Sprache verschlagen." "Meinst du, ja?" "Auf jeden Fall. Schick es ihm! Ich bin auf seine Reaktion gespannt." freut sich meine Freundin. "So hat ihm bestimmt noch nie jemand gesagt das sie mit ihm zusammen sein möchte." Erfreut klatscht sie in die Hände. "Und jetzt endlich - frühstücken! Ich hab' einen

Bärenhunger!" jammert sie theatralisch. Aus tiefstem Herzen überzeugt drücke ich auf den Senden-Button. "Jetzt heißt es warten." murmle ich.

9.

Nicht nur das Flugzeug hob ab. Mein Herz rast, die Gedanken wirbeln. Anthea willigt ein mit mir eine Beziehung einzugehen. Für jemand Außenstehenden mag meine Euphorie dämlich erscheinen. Ja gut, sie hat ja gesagt, na und? Aber für jemanden wie mich stellt das einen Neubeginn dar. Eine neue Chance mein Leben zu leben. Die erste gab mir meine Mutter. Anthea wird mir Kraft geben. Vielleicht werde ich es sogar schaffen für sie clean zu werden? Ich habe es schon öfters versucht. Jedoch mit einer Frau an meiner Seite die selbst tief in diesem Sumpf drin steckt oder zu sehr

mit sich selbst beschäftigt ist konnte das nichts werden. Ich sehe aus dem Fenster. Um mich herum nur Wolken und Sonnenschein. Weit unten entdecke ich Städte und etwas später auch die Berge. Die Schweiz ist schön. Ob Anthea schon mal dort war? Ach Anthea - am liebsten möchte ich sie in die Arme nehmen, sie küssen und ihr sagen das sich mein Kopf dreht vor lauter Glück! Plötzlich kommt mir eine Idee und ich fasse einen Entschluss. Kaum sind wir in Zürich gelandet

springe ich als einer der ersten auf und dränge zur Tür. Auf keinen Fall wollte ich mir ein Taxi zum Hotel mit Alexandra teilen müssen. Denn bei meinem Pech hat sie im selben Hotel wie ich eingecheckt. Noch auf dem Weg zur Gepäckausgabe greife ich zum Handy und wähle Jane's Nummer. "Mister Thompson." meldet sich meine Sekretärin. "Hallo, Jane. Ich brauche Ihre Hilfe." "Alles was Sie wünschen, Mister Thompson." gibt sie freundlich wie immer zurück. "Bitte buchen Sie einen Flug für eine Miss van der Woodsen für den heutigen Abend nach

Zürich!" "Selbstverständlich. Businessclass?" fragt sie. Ich höre wie auf eine Tastatur getippt wird. "Ja bitte. Dazu reservieren Sie bitte einen Tisch für zwei Personen heute Abend in einem der besten Restaurants Zürich. Meine Kriterien für Restaurants kennen Sie ja." verfüge ich weiter. "Natürlich, Mister Thompson. Sonst noch etwas?" "Nein danke. Im Hotel werde ich gleich selbst bescheid geben, dass meine Frau nachkommen wird." "Oh. Darf man gratulieren?" Jane horcht auf. Ahnt sie das ihr etwas in der Presse entgangen

ist. "Nein. So weit ist es nicht. Noch nicht." grinse ich. "In Ordnung, Mister Thompson. Ich melde mich wenn alles erledigt ist." "Gut. Danke." Damit legen wir auf. Ich wähle gleich erneut. Diesmal Taylor. "Mister Thompson." meldet sich seine dunkle Stimme. "Taylor ich möchte Sie bitten für mich heute doch eine Fahrt zu machen." "Kein Problem. Wo und wann?" fragt mein stets zuverlässiger Fahrer. Ich bitte ihn um 17 Uhr vor dem Clayton Hotel zu stehen und Miss van der Woodsen nach Heathrow zu

fahren. Er verspricht pünktlich zu sein und wir beenden das Gespräch. So, damit wäre alles in die Wege geleitet, nur die um die es geht weiß noch von nichts. Aufgeregt und mit zitternden Fingern wähle ich ihre Nummer. "Rose, müssen wir wirklich auch noch in das Museum?" stöhne ich. "Ich kann nicht mehr. Den ganzen Vormittag sind wir schon unterwegs." Eigentlich hatte ich vor gehabt mich im Spa Bereich verwöhnen zu lassen, doch

davon wollte Rose nichts hören. "Faulenzen kannst du später immer noch." zog mich meine Freundin auf als ich ihr meine Idee beim Frühstück präsentierte. "Heute Abend lohnt es sich dann wenigstens." Damit dürfte sie recht haben. Ich war jetzt schon völlig fertig. Rose hatte mich heute vormittag bereits ins Britisch Museum geschleppt und jetzt wollte sie tatsächlich noch in dieses Fashion und Textilmuseum. "O-k-a-y." Sie mustert mich von oben bis unten. "Damit du dich etwas ausruhen kannst gehen wir jetzt erstmal einen Kaffee trinken."

Jetzt sitzen wir hier im kleinen Beppe's Café in Smithfield und warten auf unsere Bestellung. Es ist dann doch gleich ein Mittagessen draus geworden. "Ich geh' mal kurz für kleine Mädchen." verkünde ich und erhebe mich. "Alles klar, Süße." Ich schlängel mich zwischen den Tischen und Beinen hindurch zum hinteren Teil des Cafés, wo sich eine Treppe die hinunter zu den Toiletten führt befindet. Da ich in den Keller muss, bin ich gezwungen die steilen steinernen Stufen hinunter zu steigen. Sie sind vom Alter ausgetreten, der schmiedeeiserne Handlauf verschnörkelt und Licht

spendet hier nur eine kleine alte Wandleuchte. Irgendwie fühle ich mich in ein altes Burgverlies versetzt. Von außen vermutet man ein solch antikes Interieur gar nicht. Als ich nur Minuten später an unseren Tisch zurückkehre, hält Rose mein Handy am Ohr und telefoniert. Hat ihres den Akku leer? Mit fragendem Gesichtsausdruck setze ich mich ihr gegenüber. "Sie kommt gerade zurück." flötet sie ins Telefon. "Ja, ganz sicher wird sie das." fügt sie grinsend hinzu. Ich bemühe mich mein Fragezeichen im

Gesicht größer werden zu lassen. Mit wem spricht sie da? Da meint sie plötzlich "Ja, mich auch, Michael. Und vielen Dank!" Michael? Den ganzen Vormittag warte ich schon darauf das er sich meldet. Hat sie ihn heimlich angerufen oder hat er gerade dann versucht mich anzurufen als ich mein Handy bei Rose zurück gelassen hatte? "Kein Problem. Wirklich nicht. Machen Sie sich keine Gedanken." Sie wartet. Sicher sagt er gerade etwas. "Ist gut. Thea platzt hier fast vor Ungeduld. Ich gebe sie Ihnen mal. ... Den wünsche ich ebenfalls. Tschüß!"

Sie reicht mir mein Handy auf dessen Display tatsächlich Michael's Name prangt. Zögernd greife ich danach und halte es mir ans Ohr. "Hallo Michael." "Hi Darling." höre ich seine tiefe sexy Stimme. Er hat schon einen Kosenamen für mich? "Ich ... ich hab' deine Nachricht bekommen und ich möchte das du ... ähm, dass du weißt das ich der glücklichste Mann der Welt bin!" "Oh Michael." hauche ich. Ich höre wie er tief ausatmet. "Anthea, ich möchte dir etwas vorschlagen. Deine Freundin ist bereits

einverstanden ..." fährt er fort. Bei was bitte schön mich betreffend bedarf es denn der Zustimmung meiner Freundin? "Ich verstehe nicht ..." werfe ich leise ein. "Oh Süße du wirst begeistert sein!" jubelt Rose die jedes Wort und jede Geste von mir gebannt verfolgt und klatscht aufgeregt in die Hände. Ich bedenke sie mit erhobenen Augenbrauen. Was ist bloß los mit ihr? Langsam beginnt dieses Spiel mir auf die Nerven zu gehen. "... Nach deinen wundervollen Worten möchte ich dich in den Armen halten, dich küssen und ... noch mehr. Ich will

dich in meiner Nähe haben! Und da habe ich mir überlegt ..." Ich ahne etwas. "... Ich möchte dich einladen zu mir nach Zürich zu kommen. Für die nächsten drei Tage. Du würdest dann von Zürich aus zurück nach Berlin fliegen. Das heißt wenn du das möchtest." fügt er schnell hinzu. Ob ich möchte? Ich würde alles dafür geben um jetzt bei ihm zu sein! Aber ich bin bereits im Urlaub. Und zwar mit Rose. Das sage ich ihm auch. Wie auf's Stichwort meldet sich Rose als sie ihren Namen hört zu Wort." Es ist kein Problem, Süße! Wirklich nicht. Wir

haben alles schon geklärt." Freundschaftlich greift sie meine Hand und drückt die fest. Ihr entwaffnendes Grinsen lässt mich zustimmend nicken. "Darling?" höre ich durch das Gerät. "Was sagst du dazu?" Da fällt mir ein das er mein Nicken gar nicht sehen kann und rufe etwas zu euphorisch "Liebend gern!" Er atmet tief aus und antwortet "Wirklich? Oh man, ich konnte schreien vor Glück." "Warum tust du's nicht?" schlage ich ihm lachend vor. "Na ja, ich sitze hier in einer Konferenz. Ganz hinten zwar, aber sicherlich würden

mich die Leute hier, wenn ich jetzt aufspringe und herum schreie für verrückt erklären und mich einweisen lassen. Und dann könnte ich dich nicht heute abend in meinen Armen halten. " erklärt er. "Gutes Argument." lache ich. "Aber heute Abend. Wie das?" "Ich habe schon geahnt das du meinem Vorschlag nicht widerstehen kannst und habe alles in die Wege geleitet. Nun ja, Jane war das." plappert er. Michael ist aufgeregt, dass merkt man sogar durch die Leitung. "Jane?" hake ich nach. "Meine Sekretärin." erklärt er knapp. "Ach so." murmle ich erleichtert.

"Taylor holt dich um 17 Uhr vom Hotel ab und bringt dich nach Heathrow. Ich hole dich hier dann persönlich vom Flughafen ab." "Einverstanden." erwidere ich glücklich. "Dann habt noch einen schönen Tag! Ich freue mich auf dich! " raunt er. "Ich mich auch. Bis heute Abend dann. Und Michael ..." "Ja?" "Ich hab' dich sehr gern!" Wieder muss er tief Luft holen. Und auch Rose mit gegenüber schnappt nach Luft. "Anthea, du glaubst gar nicht wie sehr ich dich mag." Mit einem seligen Lächeln lege ich auf.

"Oooohhhh. Wie süß ist das denn!" jubelt meine Freundin. "Ihr seit so süß!" Peinlich berührt winke ich ab. Eines interessiert mich aber dann doch noch. "Hast du ihn angerufen oder hat er?" "Was denkst du denn von mir?" tut sie empört. "Ich gehe doch nicht einfach so an dein Telefon. Er rief an kaum das du auf der Toilette verschwunden bist." In diesem Moment werden wir von der Bedienung die unser Essen bringt unterbrochen. Die nächsten Minuten verbringen wir mit genüsslichen Schweigen. Das typisch britische Essen schmeckt vorzüglich.

Dich dann breche ich das Schweigen." Und Du bist wirklich einverstanden, dass ich mich nachher in die Schweiz verabschiede?" "Thea, das habe ich ihm und auch Dir doch bereits gesagt. Es ist okay. Es wären ja eh nicht mehr viele Tage gewesen und die Hälfte der Zeit hast Du es schließlich mit mir hier ausgehalten." Rose grinst mich an. "Nein wirklich, der Urlaub mit Dir hier in London war klasse! Aber jetzt hast du die Chance dir deinen Traummann zu angeln." Sie wirft theatralisch die Arme in die Luft und tut so als würde sie zu einer höheren Macht beten. "Davon träume ich schon seit

Jahrzehnten." schreit sie fast. "Danke oh Herr, dass du meiner Freundin Thea endlich jemanden geschickt hast!" Ihre Arme wedeln in der Luft herum. "Rose, nicht so laut. Bitte!" flehe ich. Lachend lässt sie sie in ihren Schoß sinken. "Okay. Und was tun wir jetzt noch bis ich abgeholt werde?" frage ich nachdem sie sich beruhigt hat. "Dich auf dein erstes Treffen mit deinem Traummann als Paar vorbereiten natürlich." grinst die und wackelt anzüglich mit den Augenbrauen. Zurück im Hotel steuert Rose zuerst den Empfangstresen an. Sie schafft es,

obwohl so kurzfristig und organisiert uns beiden Termine im Spa Bereich. Zurück auf dem Zimmer werfe ich um 16:30 meine Sachen in meinen Koffer und packe auch sonst alle Dinge ein die mir gehören. "Gleich ist es soweit." meine ich zögerlich und sehe zu meiner Freundin die Beinebaumelnd bäuchlings auf dem Bett liegt. "Ja, ich weiß. Und du bist total aufgeregt oder?" Ich nicke zustimmend. "Und es ist wirklich in Ordnung für dich, dass ich dich hier in der großen fremden Stadt einfach alleine lasse?" will ich

erneut von ihr wissen. "Wenn du jetzt wieder davon anfängst gebe ich dir zur Strafe keinen Abschiedskuss." scherzt sie. "Mir egal." grinse ich frech. "Mir ist ein Begrüßungskuss von Michael eh viel lieber." "Echt süß wie verschossen du bist!" Rose wirft mit einem der Kissen nach mir. "Aber ich finde es gut! Nach all deinen Fehlschlägen ist es schön dich endlich wieder glücklich zu sehen, Süße! " Von ihrer Liebe übermannt springe ich zu ihr auf das Bett um sie zu umarmen. Um 16:55 meldet der Empfang das mein Wagen bereit steht.

Ich umarme Rose ganz fest zum Abschied und sie gibt mir ein paar gut gemeinte Ratschläge bezüglich des ersten Mals mit auf den Weg. "Rose, ich bin bereits aufgeklärt." lache ich. "Und außerdem wird es mit ihm ganz anders sein als mit jedem anderen." "Natürlich. Er ist ein Superhero. Sexgott und was weiß ich noch alles." lacht sie und gibt mir, ganz wie es ihre Art ist, zum Abschied einen Klaps auf den Po. "Viel Spaß! Und denke dran! Ich will später alles wissen." Ich quieke und lache auf und stolpere aus dem Raum. Fast wäre ich mit einem Pagen zusammen gestoßen der gerade im

begriff war anzuklopfen um mir mein Gepäck abzunehmen. "Tschau, Süße!" damit lasse ich die beste und verständnisvollste Freundin der Welt hinter mir und folge dem Pagen zum Lift. "Mister Thompson. Mister Fritz möchte wissen ob es Ihnen gut geht?" spricht mich die unscheinbare brünette an, Ich reiße den Kopf zu ihr herum und nicke fähig. "Doch doch. Alles supi." Sie sagt etwas auf deutsch zu dem Mann der mir direkt gegenüber und ihr zu ihrer linken sitzt. Der angesprochene nickt zweifelnd und mustert mich erneut. Seine

Dolmetscherin ebenfalls. "Ich ... ich schlage vor ..." beginne ich und fahre mir mit dem Finger unter den Kragen um die Krawatte etwas zu lockern. Warum ist es so heiß hier drin? "Ich schlage vor ... Sie versuchen noch einen ... einen Großauftrag .... mit sagen wir 1 Million Auflagen zu be-be-be ..." Ich muss mich geschlagen geben. Ich kann nicht mehr. Seit die zweite Amphitamin Tablette aufgehört hat zu wirken quäle ich mich nur noch. Ich bräuchte dringend neues, aber woher kriegen hier in der Schweiz. Der ältliche Mann redet und redet. Und seine junge Dolmetscherin übersetzt und

übersetzt. "Mister Fritz macht sich ernsthafte Gedanken ob es gut wäre wenn Sie seinen Verlag übernehmen würden. Es ist ein Familienunternehmen seit der Zeit nach dem ersten Weltkrieg." "Na das ist ja dann noch keine allzu lange Tradition oder! " stelle ich nüchtern fest und grinse sie unverschämt breit an. Zu meinem Glück dolmetscht sie ihm den letzten Satz nicht. Ich will diesen Verlag unbedingt kaufen und versaue mir hier gerade alles. ICH BRAUCHE DRINGEND NEUEN STOFF! Etwas zu hastig greife ich nach meinem Wasserglas und stoße es natürlich um.

Die kühle Flüssigkeit ergießt sich über das weiße Tischtuch und rinnt hinab auf meine Hose. "Fuck!" entfährt es mir. Mister Fritz holt hörbar nach Luft. Gesetzter füge ich hinzu "Entsch-schuldigen Sie mich einen Mo-Moment." Schwankend erhebe ich mich um mich in dem Waschraum etwas abzutrocknen. Ich laufe, ja renne fast in Richtung Toiletten. Hinter mir höre ich im schnellen Schritt Absätze klappern. Kaum im separaten Bereich des Restaurants angelangt lehne ich mich luftholend gegen eine Wand. Mein Herz rast und der Schweiß rinnt mir am ganzen Körper herunter. Scheiße, Scheiße Scheiße!

Plötzlich steht die brünette vor mir. Wie heißt die gleich noch? Manuela oder so. Nachdem die mir kurz stumm gemustert hat greift sie in ihre Tasche ... Scheiße was kommt jetzt? Ich sie heimlich bei der schweizer Drogenfahnung? Bin ich verhaftet weil es offensichtlich ist das ich ein Problem damit habe. Oder will sie mich abstechen weil ich dir eventuell in meinem Wahn beleidigt habe? ... und zieht einen Stift hervor. "Dort kann man Ihnen helfen." sagt sie, zieht mein Einstecktuch aus der dafür vorgesehenen Tasche an meinem Jacket und beginnt, wohl aus Mangel an Papier

in ihrer minimalistischen Handtasche auf dem weißen Tuch eine Telefonnummer zu kritzeln. "Die haben echt gutes Zeug. Kein gepanschtes." zischt sie leise. Verblüfft sehe ich auf sie hinunter. Miss unscheinbar kennt sich mit Drogen aus. Nimmt vielleicht auch welche. Während sie das Tuch ordentlich zusammen faltet und es mir so in die Tasche zurück steckt das das geschriebene nicht zu sehen ist murmle ich ein paar Worte des Dankes. Sie rettet mir mit ihrer Aktion eventuell gerade das Leben. Man braucht connections. Sonst kann das Drogen beschaffen in einer fremden Stadt mal schnell im Leichenschauhaus enden.

Damit dreht die sich um und verschwindet zurück im Gastraum. Ich eile um Mister Fritz nicht noch weiter zu verärgern in der Herrentoilette und trockne mir mit einigen Papiertüchern den feuchten Fleck an der Hose. Noch schnell einen Toilettengang und anschließend zurück. Als ich am Tisch ankomme ist er leer nur noch das benutzte Geschirr zeigt davon das hier bis vor einigen Minuten drei Leute gespeist haben. Von Mister Fritz und meiner Retterin ist nichts mehr zu sehen. Auch gut. Sollen sich meine Anwälte weiter mit den Kaufsverhanungen rumschlagen. Ist

vielleicht auch besser so. Die können das wenigstens. In meinem Zustand kriege ich das eh nicht gebacken. Erschöpft lasse ich mich kurz nochmal auf den Stuhl fallen und winke nach dem Kellner. Die Rechnung hat mir Herr Fritz gütigerweise auch da gelassen. Ich zahle und verlasse kurz darauf das Hotel. Ich musste in mein eigenes. Mich umziehen. Der feuchte Fleck in meinem Schoß ist etwas unangenehm. Im Taxi ziehe ich das Tuch hervor. 'Robert' und eine Handynummer stehen darauf. Ich zücke mein Smartphone und wähle diese Nummer. Eine männliche deutsche Stimme meldet sich. Vorsichtig, wie es

so überhaupt nicht meine Art ist frage ich "Sprechen Sie auch Englisch?" "Jo man, das tue ich." kommt es zurück. Glücklich atme ich auf. Anschließend bitte ich um ein Treffen was mir gewährt wird. Um 18 Uhr bin ich versorgt mit allem was mein Herz begehrt hat, frisch geduscht und umgezogen, der Tag hatte wirklich seine Spuren hinterlassen. Nun sitze ich an der Bar meines Hotels und warte auf die Ankunft meines Mädchens. Meinen geliebten Gin im Glas vor mir tippe ich einige berufliche Mails und Anweisungen für Jane was während meines verlängerten Aufenthalts in

Zürich alles erledigt werden muss. Als sich rechts und links neben mir zwei Damen platznehmen und sich zu unterhalten beginnen stöhne ich auf. Ich drehe etwas meinen Kopf und lasse unauffällig den Blick schweifen. Es wäre durchaus noch woanders Platz für zwei Freundinnen gewesen. Sie haben es also auf was anderes abgesehen als sich nur zu unterhalten. Nämlich auf mich. "Hallo." flötet da schon die erste links neben mir. Eine Blondine mit gefährlich tiefem Dekolleté. Es geht los. Ich sehe sie an und sage kühl, "Hallo." "So allein? Oder kommt da noch wer?", will sie wissen.

"Ähm nein, da kommt niemand weiter." Sie lächelt siegessicher. "Gut.", formen ihre vollen Lippen tonlos, "Ich bin Julia und das hier ..." Die deutet auf ihre Begleiterin die hinter mir zu meiner rechten sitzt. "... ist Anna." "Benedict." lüge ich. "Sehr erfreut." Sie hält mir ihre Hand hin. Ich ergreife sie und drücke diese leicht. Dasselbe bei ihrer Freundin. "Was führt Sie nach Zürich? Sie sind Brite oder?" fragt sie. Ich tische ihr irgendeine Story auf, Hauptsache sie lässt mich danach in Ruhe. Doch je mehr ich rede um so mehr

scheinen sie sich angespornt zu fühlen mit mir zu flirten. Irgendwann ordert Anna für uns drei einfach eine neue Runde Gin. Ich nehme es so hin. Schließlich habe ich noch eine gute halbe Stunde bis Anthea ankommt. Nach nun mehr meinem dritten Glas Gin und dem Amphetamin das ich mir vorhin um den Abend zu überstehen eingeschmissen habe merke ich nun langsam eine Wirkung. Ein unbeschwertes, hemmungsloses Gefühl macht sich in mir breit. Ich fühle mich aufgekratzt, zu allem bereit. Das wird ein toller Abend. Allerdings will ich den mit meinem Mädchen und nicht mit den beiden Schönheiten

verbringen. Anthea, hoffentlich bemerkt sie nichts! Sie hat schließlich Erfahrungen mit Junkies. Meine nächste Dosis um in der Nacht traumlos schlafen zu können würde ich mir einwerfen sobald sie schläft. "Lust noch irgendwo was zu unternehmen?" fragt Julia gerade und lächelt so verführerisch das ich ihr nicht wiedersehen kann. Schwankend stehe ich auf und werfe eine Schweizer Banknote auf den Tresen. "Der Rest ist für Sie." rufe ich in Richtung Barkeeperin. Diese lächelt mitleidig und poliert weiter ihre Gläser. Von den beiden sexy Blondinen flankiert

verlasse ich durch das Foyer das Hotel. "Und, wo wollen wir jetzt hin?" fragt Anna. Ein paar Augenblicke stehen wir nur schweigend da. "Wir könnten ins Space Monki gehen." schlägt Julia schließlich vor. Ich sehe mich unschlüssig um. Ich weiß nicht recht, hatte ich nicht irgendwas vor an diesem Abend. Mit einem mal fällt es mir wieder ein. "Ich ... ich muss zum Flughafen." stammle ich. "Also so weit weg wollte noch nie einer wenn er es mit uns beiden zu tun bekam." meint die eine trocken woraufhin Julia schrill auflacht.

"Nee. Ich m-muss meine F-frau ab-abhol-len." lalle ich. "Ach so einer bist du." meint Anna verächtlich. Ich gehe nicht drauf ein und plappere weiter "Ja, ich muss meine Frau vom Flughafen abholen. Sie kommt her. Hier her. Ich brauch ein ..." Hektisch sehe ich mich um und entdecke das dringend benötigte in einiger Entfernung parken. Laut rufe ich "Taxi." Julia verzieht angesäuert den hübschen Mund. Ich greife unter ihr Kinn und hebe es an so das sie gezwungen ist mich anzusehen "Sorry, Süße. Wärt ihr eine Woche früher

gekommen hätten wir zusammen viel Spaß haben können. Aber so..." Das Taxi hielt vor mir am Straßenrand. "Jetzt bin ich vergeben." Ich hauche ihr einen Kuss auf die Wange und wende mich ab um einzusteigen. "Schade." ruft sie mir nach. "Nö gar nicht." antworte ich und ziehe die Autotür zu. Das ist gerade nochmal gut gegangen. Beinahe hätte ich Anthea noch vor dem eigentlichen Beginn unserer Beziehung betrogen. Der Flug war angenehm und verlief echt

schnell. Na gut, die Strecke kann man auch getrost als Katzensprung bezeichnen. Aber das war auch gut so. Meine Aufregung steigerte sich während der letzten zwei Stunden so sehr das ich Angst hatte mich im Flieger übergeben zu müssen. Michael hatte versprochen mich persönlich vom Züricher Flughafen abzuholen, also laufe ich, meinen royalblauen schweren Rollkoffer hinter mir her zerrend Richtung Ausgang wo ich ihn vermute. Tatsächlich steht Michael an einen weißen Wagen gelehnt da und sieht sich suchend um. So lässig hätte er in London sicher nicht

lange unbehelligt herum stehen können. Da lauern die Paparazzi hinter jeder Häuserecke. Noch hatte er mich nicht entdeckt. Freudestrahlend gehe ich auf ihn zu und eigentlich hatte ich vor mich anzuschleichen und ihm von hinten die Augen zu zuhalten und mit verstellter Stimme irgendeinen Blödsinn zu quasseln, doch als ich mich nähere dreht er sich in genau dem Moment um als ich mit erhobenen Armen hinter ihm stehe. "Was wird denn das?" lacht er. "Willst du mich erwürgen?" "Ähm ... was? Quatsch." verlegen fahre ich mir mit der eh schon erhobenen Hand durch's Haar. "Ich wollte dich umarmen."

"Ach so. Na dann ..." Er zieht mich in eine Umarmung. "... komm her! Ich bin so glücklich das du hier bist!" murmelt er in mein Haar. "Oh glaub mir, ich auch. Obwohl ich doch ein kleines bißchen ein schlechtes Gewissen habe." gebe ich zu. "Wegen deiner Freundin? Rose heißt sie oder?" Ich nicke. "Ja genau. Schließlich war ich mit ihr gerade dabei ihren Abschied vom Singleleben zu feiern." "Ich weiß, dass hat sie mir erzählt." sagt er. "Ach ja, als ihr miteinander telefoniert habt." Aus irgendeinem Grund versetzt

mir diese Erinnerung einen kleinen Stich im Magen. Michael nickt. "Wollen wir langsam fahren." Er deutet mit dem Daumen auf das Auto hinter sich. "Ich meine, das Taxameter läuft. Den Fahrer wird das nicht großartig stören, aber sicher wird der Parkplatz hier benötigt." Sein schiefes Lächeln ist zu süß. "Gern. Ich kann es kaum erwarten endlich mit dir allein zu sein." Damit drücke ich mich an ihm vorbei und öffne die hintere Wagentür um einzusteigen. Aber nicht ohne ihn an einer bestimmten Stelle seiner Hose leicht mit der Hand über den Stoff zu streichen und ihm einen sexy Blick zu zuwerfen. Meinen

Koffer überlasse ich ihm.

10.

"Ich bin so froh das du hier bist!" wiederhole ich sicher schon zum fünften Mal seit dem wir im Taxi sitzen. Anthea strahlt. "Ich auch." Ich nehme ihr hübsches Gesicht zwischen meine Hände und küsse sie leidenschaftlich. Nicht viel später halten wir vor meinem oder nun unserem Hotel im Herzen Zürichs. Leider stand vor unserem Taxi, am Straßenrand geparkt, direkt vor der Eingangstür eine schwarze Stretchlimousine. "Oh, dass Hotel scheint auch von anderen

Promis frequentiert zu sein." meint Anthea mit einem Grinsen. "Scheint so." murmle ich und beäuge die Paparazzi die bereits in hab-acht-Stellung auf dem Gehweg lauern. "Scheiße." entfährt es mir. "Ach komm schon. Schnell raus aus dem Wagen und rein da." schlägt sie naiverweise vor. Sie hat ja keine Ahnung von diesem Business. "Vielleicht gibt's ja einen Hintereingang?" überlege ich laut. "Dank deinem Ungetüm von Koffer können wir auch nicht einfach so die Fußgänger markieren. Drehen Sie noch ne' Runde!" letzteres galt dem Taxifahrer.

Dieser schert wieder aus und gibt Gas. Bei der nächten Möglichkeit biegt er rechts ab. Aufmerksam betrachte ich den Straßenrand, suche nach einem Hintereingang oder einer Einfahrt oder ähnliches. Doch nichts ist zu sehen. Als wir eine Runde gedreht haben und anschließend wieder vor dem einzigen Eingang zu diesem verfickten Hotel stehen ist die Limo zwar verschwunden, doch die Pressefritzen noch da. "Deine Zeitgewinnungsmaßnahme hat wohl nicht funktioniert." stellt Anthea nüchtern fest. Ich verdrehe die Augen. Wegen der Angst vor der Pressemeute verflüchtigt sich

mein Hochgefühl dank der Amphitamine zusehens. Ich brauche dringend den nächsten Schuss. Doch das kann ich ja wohl kaum hier vor ihr tun. Dann würde sie gleich im Taxi sitzen bleiben und sich zurück zum Flughafen chauffieren lassen. "Du hast recht. Da müssen wir jetzt durch. Und vielleicht ..." Ich mustere die Leute durch die Autoscheibe als könnte ich die Antwort auf meine Frage allein durch das betrachten dieser Leute herausfinden. "... erkennen die mich gar nicht." schließe ich. "Genau." meint sie und versucht mit ihrer Tonlage mir Mut zuzusprechen. Ich nicke ihr aufmunternd zu. "Bereit?"

Sie nickt ebenfalls. "Bereit." "Wir steigen aus." melde ich dem Fahrer. Der daraufhin sofort den Motor abstellt und aussteigt um das Gepäck aus dem Kofferraum zu wuchten. Etwas zögerlich öffne ich die Tür und steige aus. Kaum habe ich mich zur vollen Größe aufgerichtet als ich schon die ersten, zunächst noch fragend klingenden Rufe höre "Ist das nicht Michael Thompson der britische Verleger.", "Den kennen wir doch." und "Da ist Clair Detrois Ex. " "Scheiße!" murmle ich und hebe sofort eine Hand um mein Gesicht etwas zu bedecken. In dem Moment wo auch

Anthea ausgestiegen ist kommt Bewegung in die Meute. Blitzlicht flammt auf und hüllt unsere Körper in grelles Licht. Wie wird Anthea reagieren? Ich befürchtete schon das sie vor Schreck wie gelähmt dastehen oder wieder ins Taxi springen könnte, doch sie überrascht mich. Eilig greift sie nach meiner Hand und zieht mich zielstrebig hinter sich her Richtung gläserner Eingangstür. Dabei ließ sie ihr Haar wie einen Vorhang in ihr Gesicht fallen und schirmt es zusätzlich mit ihrer freien Hand ab. Stolpernd Folge ich ihr. Solch ein taffes Verhalten hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Sätze wie "Ist das Ihre neue Partnerin, Mister

Thompson?", "warum sind Sie in Zürich, Mister Thompson?", "Miss, sind Sie Schweizerin?",, "Wer sind Sie? Bitte nur eine Frage." bilden eine furchtbare kakophonie. Kaum hat sich die Schiebetür hinter uns geschlossen rufe ich erleichtert "Das war der pure Wahnsinn, Süße! Du hast uns gerettet." Glücklich schließe ich sie in meine Arme. Von außerhalb bemerke ich noch immer das Blitzlicht er Reporter die durch die Scheiben der Tür hindurch uns weiterhin fotografieren. Trotz unseres geschickten Auftritts werden sie sicherlich einige brauchbare Bilder gemacht haben. Einen kreativen Text

dazu gedichtet und schon machen sie ihre Verleger glücklich. "Immer wieder gern, Mister Thompson." frech zwinkert sie mir unter ihren dichten Wimpern herauf zu. "Ich kann Ihnen gern auch in anderen Dingen behilflich sein." Ihr Grinsen steigert sich zur Anzüglichkeit. "Ui Miss van der Woodsen, Sie ungezogenes Mädchen." grinse ich und küsse mein freches Mädchen. Da räuspert sich hinter uns eine männliche Stimme. Ich wende mich um und entdecke einen Pagen der Anthea's Monsterkoffer im Schlepptau hat. "Darf ich Sie direkt auf Ihre Suite begleiten?" fragt der Mann.

Ich nicke gnädig, greife nach ihrer Hand und zu dritt gehen wir den Aufzügen entgegen. Der Page stellt den Koffer neben dem Bett ab und verabschiedet sich nachdem er eine Banknote von mir erhalten hatte. Eigentlich hatte ich vor jetzt kurz im Bad zu verschwinden, doch kaum hat sich die Tür hinter dem Mann geschlossen greift Anthea nach meinem Kragen und führt mich recht eindringlich hinüber zum Bett. Dort wirft sie mich förmlich hinauf und kaum das sie sich ihres Blazers entledigt hat sitzt sie auf mir.

"Hey du ..." gehst ja ran wollte ich sagen doch dazu komme ich nicht, da hat sie mir schon ihre Zunge in den Hals gesteckt. Diese wilde Seite an ihr gefällt mir, ich spiele das Spiel gerne mit und lasse mich verführen. Allerdings wäre es wirklich toll wenn ich mir vorher noch was einschmeißen könnte. Die Schmerzen lenken mich von diesem heißen Mädchen auf mir ab. Sie greift sich den Saum meines Shirts und schiebt es hinauf so das mein Oberkörper nackt vor ihr liegt und beginnt sofort feuchte Küsse über jeden Quadratzentimeter Haut zu verteilen.

Anschließend pustet sie sanft darüber, was zum Resultat hat das sich ein wohliger Schauder über meinem Körper ausbreitet. Jedoch währt die Lust nicht lang. Die Sucht ist stärker. "Mein Gott, du schwitzt ja." stellt sie plötzlich zu recht fest. Mit einem Mal fühle ich mich wie gebadet. Beschämt nicke ich und setze eine verzweifele Mine auf. "Ich wollte auch eigentlich erst im Bad verschwinden ehe wir ..." gebe ich zu. "Oh Entschuldigung." Peinlich berührt schwingt die ihren hübschen Arsch von mir herunter und setzt sich neben mich

auf das Bett. "Das tut mir leid!" sagt die noch. Wofür zum Teufel entschuldigt die sich? Ich bin das Arschloch hier. Wenn ich nicht so ein verfluchter Junkie wäre könnten wir uns jetzt schon in den Laken wälzen, so muss ich zuerst mal duschen. Und nachtanken. "Alles gut, Darling." Ich zwinge mich zu einem Grinsen das dank der Schmerzen ganz schön verrutscht, glaube ich. Sicherlich fasst sie es als überrumpelung ihrerseits auf. Ich bin schon an der Badezimmertür der Suite angekommen da ruft sie mir nach "Ich könnte doch mit dir zusammen duschen."

Erschrocken zucke ich zusammen. Nur Augenblicke später stehen wir gemeinsam in der geräumigen Dusche und lassen das warme Wasser über unsere Körper Iaufen. Doch statt das zu genießen, so schnell hatte ich noch nie eine Frau dazu gebracht sich für mich auszuziehen, denke ich darüber nach wie ich es hinbekommen sollte unbemerkt eine kleine Tablette einzuwerfen. Ich musste beim hinausgehen irgendwie den richtigen Moment anpassen. Anthea schüttet sich eine walnussgroße Menge Duschgel auf die Handfläche und beginnt meinen Rücken einzuseifen. Schnell wandern ihre Hände an meiner

Wirbelsäule abwärts zu meinem Arsch und von da aus nach vorn wo sie sie wieder nach oben schiebt. Sie steht auf Muskeln, das merke ich. Wie fast jede Frau eigentlich. Ihre Pupillen weiten sich bei meinem Anblick, ihr Atem beschleunigt sich und sie tut etwas dem ich kaum widerstehen kann. Sie saugt ihre Unterlippe ein und kaut darauf herum. Dazu ein lasziver Blick von unten und sie hat mich. Ich greife mit einer Hand in ihr Haar, mit der anderen ziehe ich sie an mich sodass unsere nackten Körper aneinander klatschen. Gierig, ohne vorheriges Brimborium ramme ich ihr meine Zunge in den Mund. Um sie mir gefügiger zu

machen ziehe ich an ihrem Haar und überstrecke ihren Hals. Jeder Vampir hätte seine helle Freude an ihr. Um so eindringlicher meine Zunge in sie vorstößt um so fester drücke ich sie an mich. "Oh Thea. Was machst du nur mit mir?" stoße ich gepresst hervor kaum das wir uns voneinander gelöst haben. "Ich? Ich mache doch gar nichts." mimt sie das Unschuldslamm. Für diese freche Aussage gebe ich ihr einen Klaps auf den Po. Sie quiekt erschrocken auf und lacht. Oh man, ich würde sie so gern an die Wand drücken und von hinten nehmen.

Mich in ihrem Haar festkrallen ... Aber die Schmerzen. Sie scheint dasselbe zu denken, denn gleich darauf ist sie wieder nah bei mir. Ihre Fingernägel krallen sich in das Fleisch an meinem Hintern und drücken meine Hüfte nah an sie heran. Sie will es, will gefickt werden. Und ich dämlicher Idiot muss sie abweisen, zumindest erst einmal noch. Weil ich ICH bin und nicht anders kann. Dafür würde ich es ihr danach besorgen und zwar richtig. Ich greife nach ihren Handgelenken und halte sie fest. "Magst du schonmal ins Zimmer vorgehen? Ich ... ich will mir nur noch kurz ... für Zähne putzen." Was

besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Doch nachdem ihre Gesichtszüge für einen Moment entglitten sind, fängt sie sich schnell wieder und nickt. Lasziv den Po schwingend verlässt sie nass wie sie ist und ohne Handtuch das Badezimmer und lässt mich allein. Ich stehe wie angewurzelt da und sehe ihr nach, doch kaum ist die Tür geschlossen kommt Bewegung in mich. Mit einem schnellen Schritt bin ich an meiner Kulturtasche und reiße das Tütchen mit den Pillen auf. Etwas Wasser aus dem Zahnputzbecher muss genügen. Ansonsten pflege ich meine Drogen mit hartem Alkohol herunter zu schlucken.

"Wie lange soll diese Scheiße noch so weiter gehen?" meldet sich meine Innere Stimme. Eilig um mein Mädchen nicht länger warten zu lassen schlinge ich mir nur ein Handtuch um die Hüfte und putze in Rekordzeit meine Zähne. Zumindest denkt sie jetzt ich sei nur ein Zahnpflegejunky. Als ich zurück ins Zimmer komme liegt sie abwartend auf dem Bett und sieht mir entgegen. Ihr nackter Körper ist bereit von mir erobert zu werden. Jedenfalls denke ich das, doch kaum stehe ich neben dem Bett springt sie auf und greift

nach meinem Handtuch. Ein kräftiger Ruck und es fliegt zu Boden. "Hey hey. Du bist ja eine richtige Amazone." lache ich. Gierig leckt sie sich die Lippen als mein Schwanz ihr direkt vor dem Gesicht rum baumelt. Und plötzlich tut sie was womit ich bei ihr nie gerechnet hätte. Ohne Vorwarnung beginnt sie mich vom Bauchnabel aus zu küssen. Ihr Mund wandert weiter abwärts, meine Leiste entlang zu meinem Sack. Anthea lässt ihre Zunge geschickt kreisen. Ein dunkles Stöhnen steigt aus meiner Kehle auf. "Oh man." Sie saugt und leckt abwechselnd. Es ist so geil! Als ihr Mund über meinem

Schwanz gleitet vergrabe ich meine Hände in ihren roten Locken und presse ihr Gesicht näher an mich. Halte sie so fest. Als sie beginnt mir mit ihrer Zunge Freude zu bereiten setzt auch die Wirkung des Amphetamin ein und ich komme gleich im doppelten Sinn zum Höhepunkt. Anthea macht ihre Sache wirklich gut. Ich hoffe sie hat das noch nicht all zu oft mit anderen Typen gemacht! "Um so gut zu sein brauchte sie aber Übung." meldet sich meine Innere Stimme dazwischen. "Sieh's ein, du bist nicht ihr erster." "Ach halt für Klappe!" zische ich.

Anthea hört auf und sieht zu mir auf. "Was hast du gesagt?" "Nichts, nichts. Nach weiter!" Als ich ihren entrüsteten Gesichtsausdruck sehe füge ich schnell hinzu "Bitte, Süße. " Sie tut es und kurz darauf ergieße ich mich warm und weich in ihr. "Du bist der helle Wahnsinn!" lobe ich sie und ziehe sie zu mir hinauf um sie zu küssen. Sie hat noch Reste von mir an ihren Mundwinkeln was mich aber nicht stört. Gierig küsse ich ihren Mund und bin fest entschlossen ihr jetzt genau so viel Freude zu bereiten. Liebevoll schlinge ich meine Arme um sie und lasse uns

vorsichtig auf dem Bett nieder. Kaum liegt die rücklings auf dem Bett bin ich auch schon über ihr und verteile federnde Küsse auf ihrer zarten Haut. Die Feuchtigkeit vom Duschen ist mittlerweile vollkommen getrocknet. Mein Mund erreicht ihre Brüste. Sanft lasse ich meine Zungenspitze ihre Nippel umkreisen bis ich unverhofft aber sanft hinein beiße. Sie stöhnt auf. Räkelt sich unter mir. Ich beschwere sie mit meinem Körper, zwinge sie still zu liegen und sich meiner Zärtlichkeit hinzugeben. Ich sauge an ihr, beiße leicht in ihr zartes Fleisch was ihr jedes Mal wohlige Seufzer entlockt. "Du bist so schön, Thea!" raune ich und

bemerke erstaunt das ich sie gerade zum ersten Mal mit ihrem Kosenamen angesprochen habe. Sie schlägt die Augen auf und sieht mir derart verliebt in die Augen das ich weiß, genau das richtige zu tun wenn ich mich auf eine feste Beziehung mit ihr einlasse. Ich küsse sie als Dank für diesen Liebesbeweis. Ihre weiße reine Haut erinnert mich an Milch als sie vollkommen nackt unter mir liegt. Meine Hände verselbstständigen sich, ertasten, erforschen ihren Körper. Ich will wissen wo ich sie berühren muss damit ich ihr Lust bereite, womit ich sie wahnsinnig machen kann. Wahnsinnig vor Glück. Langsam lasse ich meine Hände von

ihrem Hals abwärts gleiten. Sie machen halt an ihren runden vollen Brüsten. Ihre steifen Brustwarzen zeigen ziemlich deutlich wie sehr ihr Körper auf mich anspricht. Sanft zwirbel ich sie zwischen meinem Daumen und Zeigefinger. Ihr Stöhnen wird lauter. Volltreffer. Ich lasse meine Hand weiter hinab gleiten. Ein schneller Blick in ihr Gesicht zeigt mir ich soll weiter machen. Vorsichtig lasse ich die Finger zwischen ihre Beine fahren. Wow, sie ist so was von bereit für mich. Ohne Probleme gleitet mein Finger in ihre feuchte Spalte. Ich finde und massiere ihre empfindliche Knospe. Anthea macht ihrer Lust durch immer

lauter werdendes Stöhnen Luft. Ich steigere meine Bewegungen bis sie sich vor Lust windend kaum noch zusammen reißen kann. Heftig kommt sie zum Höhepunkt. Die Gäste der umliegenden Zimmer hatten sicher auch ihren Spaß. Entweder das oder hier ruft gleich der Concierge an und bittet uns beim Liebesspiel etwas leiser zu sein. Nun ist sie bereit um mich zu empfangen. "Willst du es wirklich?" frage ich vorsichtshalber nochmal nach. "Blöde Frage, du Idiot! " schimpft meine innere Stimme. "Wenn eine bereit ist von dir gefickt zu werden dann

sie." Anthea nickt und kaut wieder auf ihrer Unterlippe. Ich lege mich auf sie, für's erste mal belassen wir es beim Blümchen Sex, und sofort findet mein harter Schwanz ihre feuchte Spalte. Wie von selbst dringt er ein. Ich bewege mein Becken und dringe so Zentimeter für Zentimeter tiefer in sie ein. Sie wirft ihren Kopf zurück und stöhnt "Das ist Wahnsinn! Du bist der Wahnsinn!" Was tue ich denn? Hatte sie noch nie einen Großen? Ich stoße mit einem Ruck auch das letzte bißchen in sie ein. Und während ich mich jetzt rhythmisch in ihr bewege krallt sie

sich vor Lust Halt suchend in meinen Oberarmen und Rücken fest. Gemeinsam kommen wir zum Höhepunkt. "Diese Frau ist der Hammer! So eng. So süß. So geil. Die musst du dir unbedingt halten." meldet sich meine Innere Stimme wie immer im ungünstigsten Moment. "Das weiß ich selbst. Halt den Mund!" zische ich. "Was hast du gesagt?" fragt sie leise. Ihr Blick ist verschleiert. Aufgrund des gerade eben erlebten Orgasmus oder weil sie annimmt ich könnte sie meinen, kann ich nicht sagen. "Nicht du, Süße." sage ich schnell. "Okay." murmelt sie abwesend. Ich rolle mich von ihr runter und ziehe

mein schlaffes feuchtes Ding aus ihr heraus, da fällt mir siedend heiß ein das wir nicht an Verhütung gedacht haben. Scheiße! Welche Frau will schon ein Kind von einem Typen wie mir? Ob sie vernünftig ist und die Pille nimmt? Denn ich unvorsichtiger Trottel habe mich von ihr hinreißen lassen und sie ohne nachzudenken einfach nur gefickt. "Nimmst du eigentlich..." beginne ich fragend doch ich werde von ihr unterbrochen. "Die Pille? Nein." sagt sie lapidar. Mir entgleiten die Gesichtszüge was sie wiederum so belustigt das sie in schallendes Gelächter ausbricht.

"Was ... was ist so lustig?" frage ich verwirrt und merke das ich über solch verantwortungsloses Verhalten wütend werde. Anthea sieht mich erschrocken an und sagt schnell "Hey, beruhige dich. Ich verhüte, aber nicht mit der Pille sondern mit der Hormonspirale." Meine Mimik zeigt ihr wohl das ich das nicht besonders lustig finde. Leiser und mit traurigem Unterton fügt sie hinzu "Entschuldige bitte meinen geschmacklosen Scherz!" "Ach komm Junge. Verzeih ihr! Wer so gut bläst und so herrlich eng ist darfst du nicht den Laufpass geben." Halt's Maul

Innere Stimme! "Schon gut Süße. Ich bin dir nicht böse. Ich hab' nur einen ganz schönen Schreck bekommen." gebe ich zu und ziehe sie in eine Umarmung. "Da bin ich froh." murmelt sie. "Ich auch, glaub mir." lache ich. "Ich mag ja Kinder, aber meine Kinder müssen ja nicht beim ersten Mal mit ihrer Mutter gezeugt werden." Erst als die Worte bereits meinen Mund verlassen hatten, merke ich erst was ich da gerade gesagt habe und wie sie bei Thea ankommen mussten. Vorsichtig sehe ich ihr ins Gesicht. Mein Blick huscht zwischen ihren hübschen grünen Augen hin und

her. Was denkt sie gerade? Warum sagt sie nichts? Doch dann grinst sie nur wissend und zieht mich mit einer Hand in meinem Nacken zu sich herunter damit ich sie küssen kann. Eines kommt zum anderen und wir legten es ein zweites Mal darauf an kein Kind heute Abend zu zeugen. Anschließend liegen wir nebeneinander unter dem Laken und sehen uns tief in die Augen. Ihre Fingerspitzen streichen sanft meinen Arm hinauf. Sie streichelt über die verhärteten Einstichstellen in meiner

Armbeuge. Ja, letzte Zeugnisse meiner Heroinsucht. Das war mein guter Vorsatz für's Jahr 2019 - wenigstens mit dem Heroin aufzuhören. Na gut, der Neujahrsvorsatz war nicht der ausschlaggebende Grund. Das war wohl eher mein Totalabsturz bei der Firmenweihnachtsfeier des Verlages. Wenn sie die Stellen bemerkt hat lässt sie sich nichts anmerken. Glücklich, dass ich nochmal davon gekommen bin ziehe ich meine Freundin an mich. "Dir ist schon klar, dass so ein Spektakel wie vorhin ab sofort zu deinem Alltag gehören wird?" warne ich sie und

streichel mit einer Hand ihren Rücken. Anthea nickt verständig. "Glaube mir, ich habe die Zeit zum nachdenken intensiv genutzt. Mir ist bewusst wer du bist und was das auch für mich bedeutet." "Ist gut. Es wird aber, und das will ich nicht beschönigen oft anstrengend werden. Dieses ewige verfolgt werden zerrt an den Nerven. Du musst dir immer genau überlegen wo du hingeht oder was du in der Öffentlichkeit tust." "Ja, danke Herr Aufpasser. Ich weiß das alles. Oder besser gesagt, ich kann es mir denken." lacht sie. Hoffentlich wird ihr das Lachen nicht all zu bald vergehen.

"Willst du dann jetzt auspacken oder hast du zuerst einmal Hunger?" wechsle ich das Thema. "Ich habe Hunger - und zwar auf dich." Damit greift sie erneut in meinen Nacken und drückt mir ihre sinnlichen Lippen auf den Mund. Irgendwann schafften wir es tatsächlich doch noch aus den Laken herauszukommen, uns anzuziehen und meine Tischreservierung im 'La Casa' wahrzunehmen.

11.

"Ich war mit meinen Eltern mal in der Schweiz." plaudere ich während ich bei Michael eingehakt neben ihm her durch die Züricher Altstadt spaziere. "Da war ich zehn oder 11 Jahre alt." Als ich an das Gefühl des Glücks denke was ich damals empfunden habe als ich barfuß über das Gras der Alm gerannt bin muss ich unwillkürlich lächeln. Michael bemerkt es und meint "Du bist wunderschön." Er unterstreicht das gesagte mit einem intensiven Kuss. "Danke für das Kompliment, Mister Thompson." scherze ich. "Aber Sie sind auch nicht zu verachten." Liebevoll

greife ich nach seiner Hand. Das ich mal Händchen haltend mit einem solchen Traummann durch irgendwelche Straßen spazieren würde hätte ich mir vor einem Monat noch nicht träumen lassen. Das Gefühl in meinem Bauch, in meinem Herzen ist unbeschreiblich schön! Ich bin so verliebt in diesen Mann das es kaum auszuhalten ist. Und wäre ich nicht erwachsen, sondern noch ein junges Mädchen würde ich glatt behaupten, ich liebe ihn. Ich berichte weiter von unserem Urlaub auf der Schweizer Alm bis ich schließlich neugierig frage "Wo warst du

so mit deinen Eltern? Im Urlaub meine ich. Sicherlich schon fast überall auf der Welt oder? " "Ach weißt du, meine Eltern waren nicht von der Sorte Eltern die sich mit ihren Kindern zeigen oder gar in den Urlaub fahren." weicht er aus. Wie bitte? "Waren? Sind die gestorben?" Entsetzt wegen meiner Unwissenheit greife ich mir an die Brust. "Leider nicht." zischt er. Michael wirkt wütend. Was? Wünscht er sich das seine Eltern sterben? "Wie meinst du das?" frage ich leise, ahne schon das ich da einen Wunden

Punkt erwischt habe. "Nur wenn du es mir sagen möchtest." füge ich rasch hinzu. Sein Kiefer malt, die Lippen zu einem Strich zusammengepresst schweigt er. "Schon gut." liebevoll streichel ich ihm mit dem Daumen über den Handrücken. "Lass dir Zeit." "Ist schon in Ordnung. Du konntest es ja nicht wissen. Sowas steht schließlich nicht in den Zeitungen." presst er hervor. "Michael ich ... ich lese nichts über dich in den Zeitungen. Das damals war nur ein Zufall." rechtfertigte ich mich weil es mir so vorkommt als würde er mich dafür verurteilen. "Ach Darling, dass meine ich doch gar

nicht." meint er lächelnd, doch dieses Lächeln erreicht seine Augen nicht. "Ich rede nur nicht gern über meine Eltern. Wenn ich sie Erzeuger nenne, ist, denke ich für's erste alles gesagt oder?" Er sieht mich abwartend an. Ich nicke stumm. Irgendwie ist die Stimmung gekippt. Ich muss sie unbedingt wieder retten. Nur wie? Schweigend gehen wir weiter. Da entdecke ich diesen Berg. Wie heißt er noch gleich? Der hat so einen lustigen Namen. Während ich noch über den Namen nach grüble gehen wir ein paar Schritte weiter. Kaum will der Berg aus unserem Blickfeld verschwinden fällt mir

plötzlich der Name wieder ein. Uetliberg. Laut sage ich "Schau, da ist der Uetliberg. Das ist der Hausberg Zürichs. Im Winter kann man dort sicherlich prima Skifahren." Michael reagiert nicht. "Skifahren." Keine Reaktion. Wo ist er nur mit seinen Gedanken. Ich drücke vorsichtig seine Hand. Er sieht mich an, sagt aber weiterhin nichts. "Fährst du Ski?" frage ich leise. Plötzlich kommt Bewegung in ihn und er meint mal auf die Toilette zu müssen. Er sieht sich hektisch um. Von jetzt auf gleich so

dringend? Seltsam. Da entdeckt Michael eine Mc.Donalds Filiale auf der gegenüberliegenden Straßenseite und stürmt darauf zu. Über die Schulter ruft er noch "Bin gleich zurück. Warte hier!" Damit rennt er schnellen Schrittes über die Straße und verschwindet in dem hell erleuchteten Gebäude. Kopfschüttelnd setze ich mich in Bewegung und folge ihm in das nach altem Fett stinkende Restaurant. Ich bestelle mir so lange ich warte an der Kasse einen Cappuccino. Die junge freundliche Frau in brauner Arbeitskleidung reicht ihn mir über die

Theke. Ich nehme an einem der kleinen Bistrotische Platz und vemerke nicht zum ersten Mal wie dreckig ein solches Fastfood Restaurant ist. Wie sehen da nur erst die Toiletten aus? Armer Michael. ******************************* Das Gerede über perfekte Familienurlaube und meine Eltern lässt alte Erinnerungen hoch kommen. Ausgerechnet mitten auf der Straße. Das und die beschissene Innere Stimme, das halte ich keine Sekunde länger aus. Ich muss mir Zeit verschaffen, Zeit um

mir kurz was rein zuziehen. Zum Glück war ich so umsichtig und habe mir etwas von dem weißen Pulver eingesteckt. In einem Zigarettenetui. Riskant ich weiß, aber man sieht ja wozu es gut ist. Eilig fasel ich was davon auf die Toilette zu müssen und sprinte los. Lasse Thea einfach so stehen. Aber sie ist nen großes Mädchen und wird wohl ein paar Minuten ohne mich klar kommen. Ich stürze durch das widerlich stinkende Restaurant, an ausgehungerten Jugendlichen, fetten Bankern und Familien beim Lunch vorbei und lasse mich mit letzter Kraft schließlich in einer Toilettenkabinen vor das Klo

fallen. Den abartig dreckigen Fußboden versuche ich zu ignorieren. Mit zitternden Fingern krame ich das Etui hervor und lege es auf dem Klodeckel ab. Direkt auf dem Klodeckel baue ich mir eine an Wer weiß wie viele Bakterien ich mir gleichzeitig mit dem Koks rein ziehe. Das macht bei all dem Scheiß den ich mir einpfeife auch nichts mehr aus. Mit der obligatorischen zusammengerollten Pfundnote sauge ich es mit der Nase auf. "Du bist schon ein jämmerliches Stück Dreck!" beschimpft mich meine Innere Stimme. "Ach halt's Maul!" schreie ich. Und da kommt er - der Flash.

Vom Koks berauscht rutsche ich rücklings an der Wand herunter bis ich auf dem Arsch sitze und den Kopf an das harte Holz lehne. Langsam fallen mir die Augen zu. Ich muss eingenickt sein, denn plötzlich fahre ich hoch als es an der Tür klopft. "Michael, bist du da drin?" höre ich Thea's leise besorgte Stimme. "Ähm ja." murmle ich mit belegter Stimme. Hastig realisiere ich wo ich bin und was ich getan habe und raffe meine sieben Sachen zusammen, rappel mich auf. Ehe ich die Tür öffne lass ich alles in meinen Hosentaschen

verschwinden. "Wie siehst du denn aus?" fragt sie mit vor Entsetzen geweiteten Augen. "Geht es dir nicht gut?" Ich drücke mich an ihr vorbei um zum Spiegel zu gehen. Sie hat recht, ich sehe beschissen aus. Lass dir eine glaubhafte Story einfallen, Man! Beschissenes Elternhaus. Kindheitstrauma. Vater, Bett, geschlossene Tür. Scheiße! Lass dir was anderes einfallen! Übelkeit, was schlechtes gegessen. Krankheit. Auch dämlich.

Heftig, etwas zu heftig vielleicht schüttel ich den Kopf. "Alles bestens." jubel ich mit verstellt hoher Stimme. "Wirklich?" Ihre Skepsis wächst. "Du wirkst so ... so durch den Wind." Ich winke ab, ziehe sie an mich und küsse sie vielleicht eine Spur zu intensiv für diese eklige Umgebung. "Wir sollten das draußen fortsetzen. Vielleicht vor einem schönen Bergpanorama." überlege ich laut und ziehe sie ohne eine Antwort ihrerseits abzuwarten mit mir aus dem Waschraum, aus dem Restaurant hinaus auf den Gehweg. Endlich wieder frische Luft in die Lungen bekommend atme ich tief ein und

aus kaum das wir wieder auf der Straße stehen. Da fährt ein LKW vorbei und ruiniert das alles wieder mit seinen Abgasen. Theatralisch rufe ich "Was hat frische Luft für einen Sinn, wenn sie von den Dingern da verpestet wird?" Ich deute dem sich entfernenden Gefährt hinterher. "Michael, du machst mir Angst." gibt Thea mit besorgtem Blick neben mir zu. Lass' dir was einfallen! "Okay, ich geb's zu. Ich bin krank." lalle ich. Entsetzt reißt sie schon wieder die Augen auf. "Ich muss Medikamente nehmen. Und die ... die hab' ich heute morgen mit ... mit

Gin genommen." Lüge ich ungeniert weiter. An das lügen bin ich ja gewohnt. "Bist du verrückt! Das ist gefährlich." ruft sie und macht einen Schritt auf mich zu. Wie eine besorgte Krankenschwester legt sie eine Hand an meine Wange während sie mit der anderen meine Temperatur an der vor Schweiß feuchten Stirn fühlt. "Du glühst ja. Du bist wirklich krank." murmelt sie mitfühlend. Ach bin ich das? "Tatsächlich?" frage ich verwundert. Sie nickt. "Und nur um mir den Tag nicht zu verderben spielst du dieses Laienschauspiel?" Ich nicke stumm. "Aber das du so blöd warst deine

Medizin mit Alkohol zu nehmen war dämlich. Das musst du doch auch einsehen." Entschuldigend zucke ich die Achseln und grinse sie anzüglich an. "Wie lange geht das schon so?" fragt sie streng. So zwei Jahrzehnte in etwa. "Vier Tage." lüge ich. "Und da fliegst du hier her und lässt mich dann auch noch nachkommen?" "Dringende Geschäfte und mein persönliches Glück das ich dringend ergreifen musste bevor es zu spät war." murmle ich entschuldigend. Sie interpretiert meine Antwort falsch. "Ich bin ja auch froh das du es getan

hast!" erwidert sie liebevoll und küsst mich auf die Wange. "Ich bin froh hier zu sein! Hättest du mich nicht eingeladen, hätten wir uns vielleicht nie wieder gesehen?" Eben drum. Das wäre mein Ende gewesen. "Ich durfte, nachdem ich dich schon gefunden hatte die Chance nicht verstreichen lassen. Das hätte ich mir nie verziehen." gebe ich leise zu. "Du bist so wundervoll!" raunt sie und küsst mich erneut. Diesmal auf den Mund. Hat sie keine Angst vor Ansteckung? "Ich bin so glücklich mit dir, Michael! Aber bitte versprich mir in Zukunft mit

mir zu reden! Du kannst mir erzählen wenn es dir schlecht geht. Ich bin immer für dich da." So etwas nettes hat noch nie jemand zu mir gesagt. Allenfalls damals Cathy, meine Kinderfrau. Auffordernd nickend steht Thea mir gegenüber und sieht mich abwartend an. "So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt." wiederhole ich fast tonlos meinen Gedanken. Zu meinem Entsetzen merke ich wie mein Blick verschleiert. Ich habe nicht mehr geweint seit ich 10 Jahre alt war. Nicht mehr seit dem es zum wiederholten Male geschehen ist und ich gemerkt habe das keine Hilfe

kommt. Von niemanden. Als mich die Erkenntnis getroffen hat das ich ganz allein bin auf dieser Welt. Nun hat sich das geändert. Anthea macht mich so unbeschreiblich glücklich. Und obwohl ich sie erst seit einigen Tagen kenne weiß ich, ich will die glücklichere Hälfte meines Lebens mit ihr verbringen. Ich liebe sie und das habe ich ihr wohl auch gerade laut gesagt. Anthea steht da wie vom Donner gerührt und starrt mich an. "Was hast du da gerade gesagt?" formen ihre Lippen.

Gedämpft wie durch Watte nehme ich die Geräusche um uns herum nur noch teilweise wahr. Es gibt gerade nur sie und mich auf dieser Welt. Und ich stehe hier vor ihr, auf irgendeiner Straße in der beschissenen Schweiz und wiederhole, diesmal mit vollem Bewusstsein und aus tiefstem Herzen "Ich liebe dich!" ******************************* Hatte er das gerade wirklich gesagt? Sprachlos kann ich nichts weiter tun als ihn anstarren. Schließlich murmle ich

"Was hast du da gerade gesagt?" Er strafft die Schultern sieht mich direkt an und mit verklärtem Blick wiederholt er die drei magischen Worte. Glücklich falle ich ihm um den Hals. Die Sorge um ihn der letzten Minuten ist verschwunden. Da ist nur noch Liebe in mir. Ich drücke ihm meine Lippen auf den Mund und küsse ihn als gäbe es kein morgen mehr. Michael erwidert den Kuss. Stürmisch und intensiv. Anschließend hebt er mich hoch und wirbelt mich im Kreis herum. Lachend und nach Luft schnappend stehen wir kurze Zeit später uns gegenüber auf dem Gehweg in irgendeiner Straße, irgendwo in der Schweiz. Es ist alles egal. Was

einzig und allein zählt sind wir. "Was sagst du dazu?" fragt er leise doch jedes Wort trifft mich ins Mark. "Was ich dazu sage? Ich sage, ich liebe dich auch, Michael!" lache ich glücklich. Er greift nach meiner Hand und wir spazieren weiter. "Ich weiß, wir kennen uns erst seit kurzem. Besser gesagt, wir kennen uns noch gar nicht." grinst er mich von der Seite an. Recht hat er. "Aber ich weiß es einfach. Du bist die Frau mit der ich mein restliches Leben teilen möchte!" fährt er fort. "Ich empfinde ähnlich. Auch ich wusste es irgendwie. Obwohl ich doch sehr

überrascht bin diese Worte schon jetzt von Dir zu hören! Ich schätze Dich eigentlich so ein, dass Du diese Worte noch nicht all zu oft benutzt hast und wenn dann erst nach reiflicher Überlegung ausgesprochen hast." "Du hast eine hervorragende Menschenkenntnis." lobt er. "Du hast recht, ich habe diese Worte bisher noch nie einer Frau gegenüber gesagt." "Jetzt lügst du aber!" lache ich? "Wieso? Du hast es doch gerade selbst gesagt." echauffiert er sich grinsend. "Du hattest nie eine Freundin der du gesagt hast, dass du sie liebst?" "Nö."

"War es nie Liebe oder mangelte es an Gelegenheiten dies auszusprechen?" lasse ich nicht locker. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Mann in seinem Alter noch nie geliebt hatte. "Weder noch. Es gab nie die richtige Frau noch die richtige Gelegenheit um dann, in diesem Fall wäre es eine Lüge gewesen diese Worte vorzutragen." "Das klingt sehr traurig." meine ich und sehe betreten zu Boden. "Ach quatsch." winkt er ab. "Wenn man nicht weiß was Liebe ist, vermisst man sie auch nicht. Geschweige denn verteilt sie weiter." Spricht da ein gebrochenes Herz? Was ist

nur in seinem Leben schief gelaufen das er heute so spricht? "Und jetzt kannst du es?" hake ich nach. Er nickt. "Erst jetzt, durch dich habe ich erfahren was Liebe ist." "Und das wäre?" grinsend sehe ich abwartend zu ihm auf. "Zuhören, mitfühlen, füreinander da sein, auf den Partner acht geben." zählt er die Grundpfeiler der Liebe auf und erstaunt mich immer mehr. Das hat er alles in den paar Tagen in mir gefunden beziehungsweise gesehen. Gerührt bleibe ich stehen um ihn erneut zu küssen. Ich kann gar nicht mehr aufhören seine wundervoll geschwungenen vollen Lippen zu küssen.

Er schmeckt so fantastisch! Duftet so herrlich männlich das es mir die Sinne raubt. Seine Ozeanblauen Augen, die mich so sehnsüchtig ansehen, dass ich wünschte, ich könnte in ihnen ertrinken nur damit seine Augen das letzte sind was ich auf dieser Erde sehe. Alles an ihm ist so perfekt. Ich liebe diesen Mann! Irgendwie fühle ich das unter seiner harten Schale ein verletzlicher Kern steckt. Da ist etwas an ihm das in mir das Gefühl ihn beschützen zu müssen weckt. Da ist etwas was er mir noch nicht sagen kann. Ein Geheimnis.

Das fühle ich. Aber genauso fühle ich auch die Liebe für mich ihm gegenüber erfüllt. Die Liebe die uns helfen wird auch diese Hürde zu meistern. Doch dafür muss ich zuerst etwas in meinem Leben ändern.

12.

Eine Woche später, ich bin zurück in Berlin und Michael in London beginne ich mein Leben neu zu sortieren. Dazu gehören auch Gespräche. Vor allem Gespräche mit Familie und Freunden. Rose unterrichte ich als erstes von meinem Entschluss. Gleich nachdem ich ihr bei einer Einladung zu Kaffee und Kuchen in unserer Lieblingskonditorei von den Ereignissen in Zürich erzählt habe. Wie zu erwarten war reagiert sie, ganz meine beste Freundin mit unverhohlener Freude für mich, für uns, für unser gemeinsames Glück. Was würde sie sagen, wenn ich in knapp vier

Wochen aus ihrem Leben verschwinden würde? "Ich freue mich so für euch!" wiederholt Rose zum gefühlten hundertsten mal an diesem Nachmittag. "Ich hoffe du freust dich auch noch so wenn ich dir jetzt berichte, dass ich umziehen werde." beginne ich zögerlich. Sie stockt und sieht mich aufmerksam an. Schließlich fragt sie "Finde ich deine neue Adresse im Londoner Stadtteil Mayfair?" Ich zucke die Schultern. "Ich weiß nicht ob ich direkt bei Michael einziehe, aber London wird meine neue Heimat. Wie geht es dir damit?" füge ich leiser hinzu und warte ihre Reaktion

ab. "Na ich freue mich natürlich für euch! Das ist doch wohl klar. Ich verlasse Berlin doch auch. Was also, außer deinen Eltern hält dich dann hier noch?" scherzt sie. Stimmt ja, nach ihrer Heirat übernächste Woche wird sie zu Daniel ins Familienanwesen nach Brandenburg an der Havel ziehen. "Da bin ich froh, ich dachte du machst mich einen Kopf kürzer wenn ich nicht mehr zu deiner freien Verfügung stehe." versuche ich es nun mit einem Scherz. "Ha ha ha." sagt die trocken. "Nein aber im Ernst, ich freue mich für dich! Endlich hast du den richtigen gefunden.

Da werde ich einen Teufel tun und eurem Glück im Wege stehen." Sie strahlt mich an. "Außerdem gibt es Flugzeuge, den Eurotunnel, Schiffe und zur Not noch ein Regenfass mit dem ich dich erreichen kann." Daraufhin müssen wir beide schallend lachen, was uns genervte Blicke von den Nachbartischen einbringt. "Aber eines musst du mir wirklich versprechen!" fordert meine Freundin mit todernster Mine. "Was denn?" "Das ich deine Trauzeugin bin." Beinahe pruste ich den Schluck Kaffee den ich gerade in den Mund genommen habe über das weiße Tischtuch. "So weit

sind wir noch lange nicht." presse ich hervor. "Wieso? So abwegig ist das nicht nachdem ihr sogar schon über Kinder geredet habt." führt sie an. Gerade diese klitzekleine Kleinigkeit aus meinem Bericht hat sie sich herausgepickt? Ich weiß gar nicht warum ich es ihr erzählt habe. In meinem tiefsten Innern weiß ich die Antwort glaube ich aber doch schon - weil ich es mir wünsche. Als nächstes sollten meine Eltern wohl von meinen Umzugsplänen erfahren. Ich lade mich für den kommenden Samstag bei Ihnen zum Abendessen ein.

Ich denke sie werden sich für mich freuen und meinen Entschluss gutheißen nach England zu gehen Dennoch will ich nicht ohne kleine 'Bestechungsgeschenke' in meinem Elternhaus aufkreuzen. Rose riet mir zu einem gewaltigen Blumenstrauß für meine Mutter und für Vati kaufte ich seine Lieblingspralinen. Beim Floristen ließ ich einen wunderschönen Strauß in den verschiedensten Rot- und rosètönen binden. So ausstaffiert stehe ich schließlich vor ihrer Haustür. "Liebling." begrüßt meine Mutter mich

und zieht mich sofort in eine herzliche Umarmung. "Es ist so schön dich wieder zu sehen!" "Es ist auch schön mal wieder hier zu sein!" gebe ich zu. "Komm rein, komm rein!" Mutti zieht mich am Handgelenk ins Haus. "Dein Vater ist im Wohnzimmer." Also führt mich mein erster Gang dort hin um meinen Vater zu begrüßen. Über vier Wochen bin ich jetzt schon nicht mehr hier gewesen. Viel zu lange. Ich liebe meine Eltern! Und ich kann mit recht behaupten, dass sie dasselbe für mich empfinden. Natürlich lieben alle Eltern ihre Kinder, aber bei uns ist es was besonderes. Es gab so gut wie nie

Streit. Auch nicht als ich meine so genannte Sturm und Drang Phase in der Pubertät hatte. Also habe ich auch keine Furcht ihnen von meinem Entschluss nach London zu ziehen, ich weiß sie werden es verstehen. Nach dem Hauptgang war es schließlich so weit. "Mama, Papa ich möchte euch etwas berichten." "Ja, Schatz?" Vati sieht von seiner Nachspeise auf. Mutti hält in ihrer Tätigkeit den Tisch abzuräumen inne. "Mama, setz dich bitte!" Ich warte bis sie es getan hat ehe ich fortfahre. "In meinem Leben stehen Veränderungen an. Beziehungsweise eine

ist bereits eingetreten." "Aha." macht Papa und sieht mir aufmerksam entgegen. Das Kinn auf die aufgestützten Hände abgelegt. "Ja also. Ich ... ich habe jemanden kennen gelernt." "Oh wie schön, Liebling!" ruft Mutti erfreut dazwischen. "Wer ist es denn?" "Das will das Kind uns sicher gerade erzählen, Jutta." lacht Papa. "Ja genau." wage ich einen neuen Versuch und werfe meinem Vater einen dankbaren Blick zu. "Er heißt Michael." An der Art und Weise wie ich den Namen ausspreche merken sie, dass es sich bei meinem Freund nicht um einen

Deutschen handelt. "Ist er Brite?" will Papa wissen. Ich nicke. "Ja ist er. Wir haben uns in London kennengelernt. Letzte Woche als ich mit Rose dort war ihren Junggesellenabschied zu feiern." erkläre ich. "Also ist es noch ganz frisch?" wird von Mutti mit nicht unverhohlener Freude angemerkt. "Ja schon, aber dennoch möchte ich euch mitteilen, dass ich gedenke in vier Wochen umzuziehen." So, jetzt ist es raus. Es fühlt sich gut an. Die letzten Tage habe ich stets eine Last mit mir herum geschleppt. Nun ist sie mir genommen.

"Jetzt sag nicht du gedenkst nach London zu diesem Mann zu gehen?" Mutti scheint wirklich ungehalten zu sein. "Doch. Eigentlich dachte ich genau an das. Es ist auch bereits alles in die Wege geleitet. Ich wollte euch nur informieren." ende ich. "Du wolltest uns nur noch Informieren?" schnaubt sie. Jetzt scheint sie ernsthaft sauer zu sein, dabei hatte sie sich eben noch für mich gefreut. "Jutta!" kommt es warnend von meinem Vater. Sie folgt und setzt sich auf ihren Stuhl. "Danke." murmle ich. "Michael wird euch gefallen. Er ist

charmant, zuvorkommend, erfolgreich in dem was er tut." Sexy, prominent und Playboy verschweige ich geflissentlich. "Und was ist es was er tut?" fragt Vater. Scheinbar hat er jetzt die Gesprächsführung übernommen. Mutti schweigt und tut so als wären ihre Fingernägel gerade viel wichtiger. "Er ist Verleger mit eigenen Verlag. Ein Familienbetrieb mit Tradition." erkläre ich. "Kennt man ihn oder den Verlag?" Ich nenne ihm den Namen des Verlages und den meines Freundes. "Thompson?" wirft Mutti ein. "Da klingelt doch was bei mir bei dem

Namen." "Ach wirklich?" Mit einem mal wird mir heiß. Sollte sie etwa in der Zeitung von ihm gelesen haben. Plötzlich springt sie auf und verlässt das Zimmer. Mein Vater und ich sehen uns über den Tisch hinweg an und zucken gleichzeitig mit den Achseln. Kurz darauf kommt sie zurück, eine Zeitung mit der Hand schwenkend. "Wusste ich es doch das mir die Frau bekannt vorkam. Bist du das, junge Dame?" Die knallt die Zeitung aufgeschlagen vor mich auf die Tischplatte so das die Tasse beinahe von dem Teller hüpft.

Langsam senke ich den Blick und entdecke tatsächlich ein Bild von Michael und mir in Zürich. Im Hintergrund kann man den Schriftzug des Hotels lesen. 'Michael Thompson und unbekannte. Ist die seine Neue Flamme?' lese ich darunter. "Ähm, ja das sind wir. In Zürich." gebe ich leise zu. "Erstens, was machst du in der Schweiz und zweitens warum wird über euch in einer großen Deutschen Tageszeitung berichtet?" will sie beharrlich wissen. Mein Vater ist inzwischen ebenfalls aufgestanden, um den Tisch herum

gekommen und wirft einen Blick in die Zeitung. "Man kann dich zwar kaum erkennen, aber uns, als deinen Eltern fällt natürlich auf das es sich bei der jungen Frau hier ..." Er tippt auf das Foto. "... um unsere Tochter handelt." "Es ist ja auch so." erwidere ich. "Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Warum steht etwas über euch in der Zeitung?" "Weil es ein berühmter Verlag ist, dessen Inhaber sehr bekannt ist. Und Michael als dessen Sohn natürlich ebenfalls im Licht der Öffentlichkeit steht." gebe ich schließlich zu. Beide nicken stumm. Da meint Mutti,

"Ich glaube mich zu erinnern öfters etwas über ihn gelesen zu haben." "Das kann durchaus möglich sein, Mama. Ich sehe nicht nach. Mich interessiert das nicht." "Aber es interessiert dich schon wenn du selbst diejenige bist die mit ihm abgelichtet wird?" Sie ist wirklich gnadenlos. "Naja, nicht wirklich. Ich weiß ja wie wir aussehen." Über diesen kleinen Scherz von meiner Seite aus kann nur Papa lachen. "Na herrlich!" theatralisch wirft sie die Arme in die Luft. "Mama, Papa ich kann euch versichern es ist etwas ernstes mit Michael und mir.

Vom ersten Augenblick an wussten wir, dass wir füreinander bestimmt sind. Rose hat ihn kennengelernt, ihr könntet sie nach ihrer Einschätzung fragen." beeile ich mich anzumerken. "Schon gut." erwidert mein Vater mit seiner sanften Stimme. "Ich bin glücklich wenn du es auch bist. Du hast schlimmes durchgemacht und verdienst es endlich auch mal Glück zu haben. Meinen Segen hast du, Kind!" Ich bin ihm so unendlich dankbar für diese Worte! Abwartend sehen wir beide meine Mutter an. Wie würde sie entscheiden?

******************************* Der Alltag hat mich wieder. Tagsüber halte ich mich mit meinen wunderbaren chemischen Helferlein bei Laune und nachts schieße ich mich völlig ab um ja keine Träume zu haben. Seit Anthea wieder weg ist sind sie wieder da, die bösen Träume, wie ich sie früher schon immer genannt habe. Als ich Thea's warmen weichen Körper nachts neben mir spürte war alles gut. Ich schlief so gut wie schon lange nicht mehr. War ausgeruht und ausgeglichen. Alles war gut.

Nun ist sie weg und wer weiß wann wir uns wieder sehen. Meinen Frust darüber lasse ich meine Angestellten im Verlag spüren. Ungerecht, ich weiß aber ich bin nun mal wie ich eben bin. Besonders hart wird es, als mein Vater mich zum Rapport zu sich nach Kingston upon Thames bestellt. Er wünscht zu erfahren wie die Verhandlungen mit dem bankrotten Züricher Verlag gelaufen sind. Sicher darf ich mir von ihm aufgrund meines neuesten Versagens eine gehörige Standpauke anhören. Einen Trost habe ich jedoch, die Art von

Bestrafung die er sich früher für mich hat einfallen lassen traut er sich heute nicht mehr. Mittlerweile habe ich die Kraft um mich zu wehren. Und bei Gott, fasst er mich noch einmal an, bringe ich ihn um. Er hat mir in meinem Leben so viel angetan das ich keine Skrupel hätte. Tatsächlich habe ich es auch schon einmal versucht ihn um die Ecke zu bringen. Beziehungsweise bringen zu lassen. Ein Bekannter, gerade knapp bei Kasse und obendrein stark Heroinabhängig war brauchte dringend Geld und obendrein einen Schuss. Also gab ich ihm beides sehr großzügig und bat ihn für mich

diese Kleinigkeit diskret zu erledigen. Leider scheiterte er. Mein Vater, reiches arrogantes Arschloch was er nun mal ist, schafft es jedes Mal sich aus brenzligen Situationen heraus zu reden. Auch wenn sein Gegenüber nur deshalb nicht zum Schlag ausholen kann weil er geschockt über die Tatsache ist, dass so viel Dreistig- und Skrupellosigkeit in einer Person vereinbar ist. Ihn brachte er zum Beispiel dazu, die Waffe, illegal besorgt versteht sich, niederzulegen. Und da sein Leben sowieso schon vertan war, jetzt erst recht nach einem Mordversuch an einem hohen Mitglied des Unterhauses, es das beste

wäre sich selbst zu richten. Also schoss der arme Tropf sich in der Eingangshalle meines Elternhauses selbst das Hirn weg. Ein gutes hatte die Sache ja, mich konnte niemand mehr der Anstiftung zum Mord bezichtigen. Mein Vater hat so viele Feinde, dass es für zwei Leben reicht. Thompson Senior schafft sie alle. In seinem altehrwürdigen Herrenclub ist er auch nur deswegen Vorsitzender weil er alle in Grund und Boden quatscht. Wer nicht seiner Meinung ist wird erbarmungslos aussortiert. Pünktlich um 20 Uhr stehe ich wie befohlen vor der Haustür meines

Elternhaus, dass mein Vater weiterhin allein bewohnt. Seit meine Mutter als ich zehn Jahre alt war, beschlossen hatte nach Amerika auszuwandern und meinen Vater und mich alleine zu lassen lebten im Haus außer uns beiden nur noch Cathy und unsere Köchin Lucy. Kaum das ich mit der High School fertig war schrieb ich mich weit weg von London an der University of Manchester im Fach Englische Literatur des Mittelalters ein und verließ mein Elternhaus mit dem ich nur Angst, Düsternis und Schrecken verbinde endgültig. Widererwartend finanzierte Vater mein

Studium anstandslos. Vielleicht erhoffte er sich so das an mir begangene Unrecht wieder gut machen zu können. Ich teilte mir eine kleine Wohnung mit meinem Kommilitonen Stephen und kam auch sonst ganz gut aus. Vater schickte mir monatlich einen gewissen Geldbetrag. Dennoch jobbte ich, eher um Erfahrungen als Geld zu sammeln beim Guardian. Nach zwei Jahren dort, die zwar anstrengend aber eine sehr lehrreiche Zeit für mich waren, brachten mir die Erkenntnis das ich Literatur zwar liebe, das aber dennoch nicht das ist was ich später einmal machen möchte. Kurz vor Abschluss meines Literaturstudiums wählte ich nun

Journalismus zu meinem Hauptfach und hatte mit Literatur nur noch insoweit etwas zu tun, dass ich die hübschen Literatur Studentinnen flach legte. Damals fand ich auch meinen Weg zu den Drogen. Falsche Freunde könnte man im Nachhinein sagen, aber wenigstens hatte ich endlich einmal Freunde. Zuhause in London war mir der Kontakt zu gleichaltrigen außerhalb der Schule streng verboten. In der Schule selbst galt ich mit meiner verschlossenen Art als Außenseiter. Beachtung fand ich nur als Versuchskaninchen. Gern probierten meine Mitschüler an mir die neuesten Foltermethoden aus.

Das Läuten der Türglocke hallt laut im Haus wieder. Sofort macht sich in meiner Brust dieses beklemmende Gefühl breit. Dumpfe Schritte nähern sich und die Tür wird aufgerissen. "Mister Thompson." jubelt mein altes Kindermädchen. "Äh Junior." fügt sie verlegen hinzu. Verlegen lacht sie auf wobei ihr großer Busen auf und ab hüpft. "Cathy." freue ich mich ehrlich. "Ist das schön dich zu sehen!" Liebevoll zieht sie mich in eine Umarmung und somit ins innere des Hauses.

"Wie geht es dir?" frage ich kaum das wieder Luft durch meine Lungen strömt. Die vielen Jahre in diesem düsteren alten Haus haben sich auf ihr freundliches Wesen offensichtlich nicht ausgewirkt. Ihre Umarmungen sind noch immer äußerst herzlich. Schaudernd sehe ich mich in der Eingangshalle um nachdem sie meinen Mantel auf einen Bügel in der Garderobe hat verschwinden lassen. "Hier hat sich rein gar nichts verändert." stelle ich mit belegte Stimme vor. "Du weißt doch, Michael, dein Vater hasst Veränderung." Ich sehe zu ihr und nicke zustimmend.

"Einmal, Lucy selbst war krank und ihre Tochter Agnes übernahm ihre Aufgaben hier, da unterlief ihr der Fehler sein Frühstücksei etwas zu lang zu kochen und damit wurde es eine Spur härter als er es gewohnt ist. Du glaubst gar nicht was hier los war und was sich die arme Lucy hat anhören müssen. Das sie damals nicht ihren Dienst quittiert hat ist ein Wunder." "Das klingt ganz nach der liebenswürdigen Art meines Vaters." presse ich verbittert zwischen den Zähnen hervor. "Aber ich empfinde sowieso meine Hochachtung vor euch beiden, dass ihr es

weiterhin in diesem Haus aushaltet!" Die ältliche Frau vor mir mit ihren hübschen braunen Kringellöckchen unter der gestärkten weißen Haube blickt mich mit freundlich blitzenden Augen an." Na weißt du, wir können doch einen alten Mann nicht ganz allein lassen. Ohne uns wäre er doch aufgeschmissen, " Über ihren Scherz lachend folge ich ihr in den Salon wo bereits er in muntere Feuer im Kamin prasselt. "Dein Vater hat noch zu tun. Er kommt aber er kommt sicher gleich herunter." verkündet sie und ist im Begriff mir mein Lieblingsgetränk einzuschränken. "Ist gut. Lass mich das machen, Cathy. Du hast sicher anderes zu tun als mich zu

bedienen." Mit diesen Worten nehme ich ihr die Whiskyflasche aus der Hand. Dankbar lächelt sie mich an und legt ihre warme raue Hand an meine Wange. "Mein hübscher." murmelt sie liebevoll. "Was für ein lieber Junge du geworden bist. Trotz ... trotz allem." fügt sie fast tonlos hinzu. Ich nicke dankbar und lege meine Hand auf ihre. "Dank dir." Formen meine Lippen. In diesem Moment erscheint Vater. "Was sollen diese Rührseligkeiten mit dem Personal? Ab mit dir in die Küche, Cathy!" herrscht er uns an. Im Gegensatz zu mir zuckt Cathy nicht einmal zusammen. Ruhig lässt die die

Hand von mir, geht um den Servierwagen auf dem seit jeher die Spirituosen stehen herum und schenkt meinem Vater etwas Gin ein. Anschließend reicht sie ihm das Glas und lässt uns erhobenen Hauptes allein. "Furchtbare Person. Starrsinnig und stolz. Trotz ihres niederen Standes." brummt er dunkel. "Aber putzen kann sie das muss man ihr lassen. Das Haus ist immer makellos rein." fügt er hinzu. Warum sagt er so etwas? Will er harmlose Konversation machen? Verwirrt sehe ich ihn an und stimme zu das Cathy seit je her schon tüchtig war. Vater nickt und setzt sich in Bewegung. Jetzt geht's los.

Ich begebe mich zum Kamin, wo ich mich warum auch immer sicherer als irgendwo sonst hier im Raum fühle und lege einen Arm auf dem Sims ab. So, halb an dem steinernen Ungetüm lehnend nehme ich einen Schluck. "Nun berichte Junge, wie liefen die Kaufverhandlungen in Zürich." beginnt das Verhör. Ich räuspere mich und beginne "Nun ja , zäh würde ich sagen. Er hat gekämpft. Um jeden Arbeitsplatz, um jeden Punkt des Vertrages." "Weiter weiter." Ein diabolisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus.

Ich habe das beklemmende Gefühl in der Falle zu sitzen. "Ich habe mein Bestes versucht, Vater ..." versuche ich dennoch standhaft zu bleiben. Er muss gar nicht laut werden, auch wenn er leise spricht und dabei jeden Vokal genauestens betont gefriert einem schon das Blut in den Adern. So wie jetzt als er mich unterbricht und sagt "Wenn das dein Bestes war, dann frage ich mich, wie du es überhaupt durch dein Studium hast schaffen können." "Vater ..." "Du bist und warst es schon immer ein Nichtsnutz!" fällt er kühl sein Urteil.

"Warum ich dich nicht in ein Heim gegeben habe als deine Mutter es vorgezogen hatte uns zu verlassen begreife ich selbst nicht." Ich wüsste da schon einen Grund. Und ihm fällt er wohl auch gerade ein, seinen Gesichtsausdrucks nach zu urteilen. Dennoch meint er, "Das ist sicherlich meines allseits bekannten karitativen Wesens zu schulden." Diese ungemein dreiste Lüge lässt mich hörbar nach Luft schnappen. "Willst du etwas dazu sagen, Michael?" fragt er mit gespielter Freundlichkeit. Stumm schüttle ich den Kopf und sehe auf meine Fußspitzen. "Gut. Es kommt meistens eh kein

sinnvolles Wort über deine Lippen." Innerlich koche ich vor Wut, äußerlich jedoch zwinge ich mich zur Ruhe. Ruhig frage ich "Wenn das dann alles ist." Ich stelle mein Glas auf den Sims und will schon Richtung Tür gehen als seine Stimme mich erstarren lässt. "Das war es nicht. Setz dich und hör dir an was ich zu sagen habe!" Ich ergreife erneut mein Glas und setze mich in einen der beiden bequemen Clubsessel vor dem Kamin. Vater dagegen schreitet weiterhin wie ein Gutsherr über sein Anwesen im Zimmer umher. Der Akustik in diesem Raum und seiner besonderen Art zu sprechen ist es geschuldet das ich von meinem punkt aus

jedes Wort gut verstehen kann. "Michael, ich hatte dich auf diese Reise nach Zürich geschickt weil ich sehen wollte ob du Führungsqualität besitzt." "Vater, da ich bereits seit einigen Jahren die Geschäfte im Verlag hier in London leite, habe ich, und das kann ich guten Gewissens sagen, wohl schon bewiesen, dass ich das Zeug dazu habe." rechtfertige ich mich. Er lässt mich aussprechen. Sein wölfisches Grinsen fährt mir bis ins Mark. " Ja das hast du. Aber das ist es nicht was ich herausfinden wollte." "Und das wäre?" zischte ich und ahne nichts gutes.

"Ich wollte sehen ob du Skrupel dabei hast Arbeitsplätze zu streichen. Ob du Mann genug bist um Leute raus zu schmeißen wenn es dem Wohl des Unternehmens zu Gute kommt." Ich schlucke. "Und, zu welchem Urteil bist du gekommen?" frage ich obwohl ich die Antwort bereits kenne. "Du bist es nicht. Jammerst da vor diesem Fritz herum. Für jemanden in deiner Position hast du dich völlig inakzeptabel verhalten. Mister Fritz war äußerst irritiert ließ man mir ausrichten. Zum Glück konnten unsere Anwälte die Sache bereinigen." "Dann ist ja gut." stöhne ich und fahre

mir durch das Haar. "Wir haben den angeschlagenen Verlag zwar kaufen können. Aufgrund deiner desaströsen Verhandlungsführung jedoch zu einem deutlich höheren Einkaufspreis. Dadurch waren wir gezwungen bis auf wenige notwendige Ausnahmen alle Leute entlassen zu müssen. Wenn du das mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, ja dann stimme ich dir zu, dann ist ja alles gut." Kalt wie eine Hundeschnauze. Den Kloß in meinem Hals versuche ich mit einem weiteren Schluck runter zu spülen. Kalt fährt er fort "Aber was erwarte ich auch von jemanden der mit dem so genannten schöneren Geschlecht alle

Hände voll zu tun hat. Dessen Bettgeschichten die ganze Welt kennt. Wie solltest du dich da auch noch auf deine Arbeit konzentrieren können?" "Sag was! Antworte, rechtfertige dich! Sag ihm das geht ihn gar nichts an. Genauso wie es die Medien gar nichts angeht." meldet sich meine Innere Stimme. Doch ich schweige. "Willst du gar nichts dazu sagen?" fragt er. "Du hast doch schon alles gesagt." murmle ich. "Gut." beginnt er. Jetzt kommt der Hammer, ich spüre es. "Du sollst wissen das in Zukunft

Änderungen eintreten werden." "Änderungen?" hake ich nach. Vater streckt mir die Handfläche entgegen und bedeutet mir zu schweigen. "Ich bin nicht mehr der Jüngste, wie du weißt." Ja, Gott sei's gedankt! "Das Schicksal das mich erwartet hat jedoch nichts mit dem Alter zu tun." redet er um den heißen Brei herum. "Michael, du sollst wissen, man hat bei mir ein kolorektales Karzinom festgestellt. Darmkrebs." fügt er als Erklärung hinzu. O-k-a-y. "Da die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist sind meine

Heilungschancen eher mittelmäßig. Ich werde wohl die nächste Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Du wirst mit dem morgigen Datum zum Alleininhaber aller unserer Verlage und Firmen ernannt. Du übernimmst die volle Verantwortung. Ich fungiere zukünftig nur noch im Hintergrund als Hauptaktionär und als beratendes Mitglied im Vorstand. An mein Angebot jedoch knüpfen sich einige Vorgaben. Ich würde mich freuen, wenn du sie akzeptieren würdest und meinen Platz einnimmst!" schließt er. Mit offenem Mund starre ich ihm entgegen. Bis ich mir meines dämlichen Gesichtsausdrucks gewahr werde und den

Mund schließe. "Ähm, das ... das sind viele Informationen auf einmal. " stamme ich. Ich sollte so nett sein und mich nach seinem Befinden informieren. "Wie geht es dir? Wann wurde der Krebs festgestellt?" "Vor drei Wochen." Die Frage nach seinem Befinden übergeht er. Typisch. Nur keine Schwäche zeigen. "Du sagtest was von Vorgaben. Wovon sprechen wir da?" frage ich weiter. "Mein Notar wird sich diesbezüglich bei dir melden." "Und du kannst mir jetzt nichts dazu sagen?" stutze ich.

Da ist doch ein Haken. Das wäre auch zu schön gewesen, wenn in meinem Leben mal was einfach gelaufen wäre. "Mein Notar wird dies übernehmen." ist sein letztes Wort was er dazu sagt. ******************************* Mutti hatte schließlich auch ihren Segen gegeben. Sie ließen mich ziehen. Nicht aber ohne mir das Versprechen abzuringen jedes Weihnachten mit ihnen gemeinsam, ob nun in Deutschland oder Großbritannien zu feiern. Dieses Versprechen gab ich

gern. Nun hatte ich alles eingefädelt und Michael wusste noch immer nichts von seinem Glück. Es wurde höchste Zeit, dass sich das änderte. Mit zitternden Händen wählte ich seine Nummer und hielt mir mein Handy an das Ohr. Es klingelte zweimal, dreimal, er nahm nicht ab. Ich sah auf die Uhr. 11:22. Sicherlich musste er arbeiten und konnte nicht telefonieren. Schließlich war es Montag. Ich wollte es später noch einmal versuchen oder vielleicht ruft er mich ja auch zurück sobald er sieht das ich

versucht habe ihn zu erreichen? Stöhnend versuche ich mich jetzt auch auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Als Trauzeugin wurde ich gebeten auf Rose's und Daniel's Hochzeit eine kleine Rede zu halten. Der Text dazu wollte erst einmal verfasst werden. Über meine Freundin konnte ich, wenn gewünscht stundenlang reden, aber Daniel kannte ich so gesehen kaum. Einzelheiten wusste ich nur durch Rose's Erzählungen. Irgendwann war es dann doch geschafft und ich mit dem Resultat ganz zufrieden. Ich sehe auf mein Handy, dass ich während meiner Arbeit wie gewöhnlich stumm geschaltet hatte. Noch immer kein

Lebenszeichen von Michael. Warum meldet er sich nicht? Aber sicherlich hat man als Verleger ziemlich viel um die Ohren. Ich beschließe ihm einfach eine SMS mit der Bitte um Rückruf zu schicken. "Hallo Michael. Hier Anthea, falls du noch weißt wer ich bin." Ich füge einen lachenden Smilie ein. "Ich habe dir etwas wichtiges zu sagen. Bitte melde dich bei Gelegenheit! xo. Thea." ******************************* "Mister Thompson, der Notar Ihres Vaters, Mister Brown wäre jetzt da." meldet Jane durch die Sprechanlage.

Ich drücke den Knopf und rufe "Ist gut. Herein mit ihm!" mit einem dumpfen Gefühl im Bauch. Kurz darauf öffnet sich die Tür und Jane erscheint. Sie tritt etwas beiseite und lässt einen untersetzten kleinen Mann im dunkelblauen Nadelsteifenanzug eintreten. "Mister Brown." grüße ich und stehe auf. "Setzen Sie sich bitte! Möchten Sie etwas trinken?" Er verneint und nachdem mein Besucher mir gegenüber auf dem Stuhl Platz genommen hatte setze ich mich ebenfalls wieder. "Ihr werter Herr Vater hat Ihnen

gegenüber sicherlich bereits angedeutet weshalb ich Sie heute aufsuche." mutmaßt er mit einer unangenehm krächzenden Stimme. "Nicht wirklich. Nein tut mir leid." antworte ich. Er runzelt die Stirn fährt aber fort "Nun gut. So sei es. Dann werde ich Ihnen in Folge unseres Gespräches nun das Testament Ihres Herrn Vaters vorlesen und Ihnen die Fragen, die ganz sicher aufkommen werden nach bestem Wissen und Gewissen beantworten." Testament? Er hat die Diagnose doch gerade erst bekommen. Steht es so schlimm um ihn? Hoffnung keimt in mir auf.

"Ich höre." gespannt lehne ich mich etwas vor. Der Notar nimmt die dünne Kladde die er mitgebracht hat auf seinen Schoß und öffnet den Verschluss. Er zieht einen weißen Umschlag heraus und ohne das ich ihn mir genauer ansehen muss, weiß ich, dass er aus feinstem Büttenpapier ist. 'Das Beste ist gerade einmal gut genug.' Vaters Credo. Vorsichtig, als könnte es bei seiner Berührung zu Staub zerfallen zieht er ein paar von Hand bescbriebene Blätter heraus. Ehe er vorzulesen beginnt räuspert er sich laut. Umständlich, die Etikette zu bewahren

befleißigt beginnt er mit seiner nervtötenden Stimme vorzulesen. "Ich, Richard Hamish Alexander Thompson, im folgenden R. Thompson, im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte verfasse hiermit meinen letzten Willen. Mein leiblicher Sohn, Michael Alexander Thompson, im folgenden M. Thompson, wird mit sofortiger Wirkung zum alleinigen Eigentümer des Thompson-Harris-Verlags und der ausgegliederten kleineren Verlage ernannt. Ich selbst, werde zukünftig nur noch eine beratende Funktion im Aufsichtsrat innehaben. Sämtliche Immobilien in Bath, Paris und New York werden mit sofortiger Wirkung M. Thompson überschrieben. Die

Londoner Immobilie, die ich selbst bewohne wird ebenfalls nach meinem Tode auf ihn übergehen. Sämtliche liquide Mittel, Kunst und Automobile gehen nach meinem Tode auf ihn über. Ich verfüge weiterhin, dass meine Ehefrau, Cäcilia Ludmilla Bingley-Thompson, von M. Thompson eine einmalige Auszahlung von 3 Millionen Pfund, zahlbar zum 31.12.2019 sowie eine monatliche Apanage von 10.000 Pfund bis zu ihrem Lebensende erhält." Apanage - ehrlich. Wer denkt er sind wir? Mitglieder des Königshauses. Der Notar scheint sich daran nicht zu stören, er fährt ungerührt fort seinen Bericht herunter zu leiern.

"Diese Verfügungen sollen M. Thompson für seine durchstandenen Mühen entschädigen und ich hoffe ihn so etwas Milde zu stimmen." Was wird das? Wird mein alter Herr auf seine letzten Tage doch noch reumütig? Ein warmes Gefühl der Sicherheit macht sich in meinem Bauch breit. "Ich verfüge außerdem, dass die o. g. Verfügungen erst dann in Kraft treten wenn M. Thompson die folgenden Bedingungen erfüllt hat." Und schon macht er alles wieder zunichte. Mein Magen krampft sich zusammen.

Gespannt warte ich ab was jetzt kommen wird. "M. Thompson schadet mit seinem Sprunghaften Verhalten und seiner Drogensucht dem Ansehen des Hauses." Er hat wirklich überall seine Spitzel. Meine Drogensucht konnte ich bisher der Öffentlichkeit verheimlichen. Zumindest dachte ich das. "Er hat nach meinem Willen eine Entziehungskur in einer dafür vorgesehenen Einrichtung zu absolvieren und darüber hinaus sesshaft zu werden. Ich verlange, dass er sich eine Partnerin sucht und diese im Laufe einer gewissen Frist ehelicht. Des weiteren wünsche ich mir Enkelkinder.

Da ich laut meiner Ärzte nur noch in etwa 12 Monate zu leben habe, sei dies auch die Frist für meinen Sohn die genannten Bedingungen zu erfüllen." Mister Brown sieht zu mir auf. Ich schnappe nach Luft. "Das ... das kann er doch nicht von mir verlangen." echauffiere ich mich lautstark. "Das er größenwahnsinnig ist wusste ich ja und das er seine Mitmenschen als seine Untergebenen ansieht auch, aber das er so etwas von mir verlangt." "Mister Thompson, ich mache hier nur meine Arbeit. Vielleicht sollten Sie Ihre Bedenken mit dem Verfasser dieser

Zeilen besprechen!" meint der alte Mann ruhig. Ich lehne mich zurück, falte die Hände und halte sie mir vor den Mund. Meine ganz persönliche Denkerpose. "Darf ich fortfahren?" Ich nicke gnädig. "Da ich mir denken kann, dass mein Sohn nicht gerade glücklich über meine Bedingungen ist ..." Wieder ein Blick von Seiten des Notars. "... will ich ihm einen Anreiz geben. Wenn mein Sohn die erste Bedingung innerhalb der nächsten sechs Monate erfüllt, wird ihm ein viertel des Gesamtvermögens ausgezahlt. Die nächsten Zahlungen in gleicher Höhe

erhält er an seinem Hochzeitstag und am Tag der Geburt seines ersten Kindes. Möge dies ihm ein Anreiz sein, sein Leben endlich in geregelte Bahnen zu lenken. Erfüllt er jedoch diese Bedingungen nicht, so sind alle Vereinbarungen die Immobilien, liquiden Mittel, Kunst und Automobile betreffend hinfällig. Ihm würde nur ein geringer Pflichtteil ausgezahlt. Desweiteren würde von einer mir bestimmten Person ein neuer Inhaber der Verlagsgesellschaft ernannt werden. " schließt Brown. Schweigend starre ich die gegenüberliegende Wand an. "Es folgen die herkömmlichen Floskeln

und original Unterschriften Ihres Vaters, mir und wenn Sie das Testament akzeptieren wollen auch Ihre." wird mir erklärt. "Das ist doch im Grunde kein so schlechtes Testament." befindet meine Innere Stimme. "Klar, du wirst erpresst. Damit musst du erst einmal klar kommen. Aber der Einsatz ist doch ganz annehmbar. Gerade jetzt wo du ein neues Mädchen kennengelernt hast. Und wenn dich die Ehe irgendwann doch nervt, kannst du dich immer noch scheiden lassen." "Mister Thompson?" "Gib' dir einen Ruck! Spring über deinen Schatten!" Die Stimme schweigt einfach

nicht. "Mister Thompson, nehmen Sie das Testament unter den genannten Bedingungen an?" höre ich wieder die nervtötende Stimme des Mannes vor mir. "Habe ich Bedenkzeit?" murmle ich. "Natürlich. Wenn Sie es wünschen. Ich muss Ihnen aber noch sagen, Ihr Vater bat mich Ihnen auszurichten wenn Sie ihn zu hintergehen gedenken, sind alle Vereinbarungen Null und nichtig und Sie erhalten keinen einzigen Pfund." Ich erwache aus meiner Lethargie. "Gut. Dann gebe ich Ihnen in 24 Stunden Bescheid wenn's recht ist!" schlage ich vor, stehe auf und bedeute ihm so das unser Gespräch beendet ist.

Ich brauche Ruhe um nachzudenken. Und um einen Anruf zu machen.

13.

Den ganzen Tag hatte ich auf eine Nachricht von Michael gewartet. Sie kam nicht. Für den Abend war ich mit Rose und Daniel zum Essen verabredet. Übermorgen sollte die Generalprobe für die Hochzeit stattfinden und wir wollten nochmal ein paar Einzelheiten besprechen. Gerade hatte ich mich splitter faser nackt ausgezogen und war im Begriff in mein kleines Badezimmer zum Duschen zu gehen, als mit einem Mal mein Handy klingelt. Fröstelnd sprinte ich darauf zu,

vielleicht ist es ja Michael und greife mir das Gerät vom Esstisch. Mein Herz macht einen Satz, es ist tatsächlich er der anruft. Aufgeregt nehme ich das Gespräch an und spreche ins Telefon "Michael. Schön das du dich meldest!" "Hi Darling. Ja, ich bin's." lacht er und fast kann ich ihn vor mir sehen wie er sich vor Verlegenheit mit der Hand durch das Haar fährt. Seine warme, männliche Stimme verursacht mir sogleich ein leichtes ziehen zwischen den Beinen. Sie geht mir durch Mark und Bein. "Es ist schön deine Stimme zu hören!" hauche ich glücklich. "Dito." lacht er. "Wie geht es dir?"

"Gut. Sehr gut sogar! Und dir? Was hast du so gemacht seit Zürich?" frage ich aufgeregt. Soll er erst einmal ein bißchen erzählen bis ich ihm meine Neuigkeiten unterbreite. "Ach wo fange ich da an?" lacht er. "Auf jeden Fall ist etwas passiert weshalb ich dich anrufen muss." "Ach, und ich dachte du rufst an weil du mich vermisst und meine Stimme hören wolltest." ziehe ich ihn auf. "Ja das auch, aber ..." plötzlich kippt die Stimmung, er klingt ernst "... es ist etwas in meinem Leben geschehen was auch dich betrifft."

Scheiße, er hat eine andere. Er macht Schluss mit mir. "Aha." gebe ich lahm zurück. "Ja, also ... ich ... was ich dir jetzt sagen muss ... würde ich viel lieber persönlich machen. Am Telefon ist es ziemlich schwierig." stammelt er. "Sag's einfach gerade heraus!" bitte ich ihn es schnell hinter sich zu bringen. Ich habe das Gefühl gleich in Ohnmacht zu fallen. "Wirklich? Du gehst aber ran." lacht er erneut. "Tja, so bin ich eben." sage ich und grinse in mich hinein. "Also gut. Los geht' s. Mein Vater ist

krank. Sehr krank." "Das tut mir sehr leid!" unterbreche ich ihn um mein beileid zu bekunden. "Es sollte dir auch leid tun, denn es betrifft indirekt auch dich." meint er kryptisch. Ich merke gar nicht mehr wie sehr ich friere, zu sehr bin ich von seinen merkwürdigen Andeutungen abgelenkt. "Ich verstehe nicht." "Wie auch." murmelt er so leise das ich ihn kaum verstehen kann. "Michael." rufe ich. "Ja ich weiß, es klingt seltsam. Ich sollte es dir wohl erklären." überlegt er laut. "Ja bitte." sage ich. Ich höre ihn durch das Telefon tief ein

und ausatmen ehe er zu sprechen beginnt "Wie schon gesagt mein Vater wird über kurz oder lang sterben. Das muss dir nicht leid tut. Du kennst ihn ja nicht einmal. Aber sein schon einmal vorsorglich verfasstes Testament sollte dich interessieren." "Du sagst es doch selbst, ich kenne deinen Vater nicht. Warum sollte sein Testament in irgendeiner Art mit mir zu tun haben?" frage ich verwundert. "Weil er in eben diesem Schriftstück verfasst hat, dass ich nur dann sein Erbe antreten darf, wenn ich bestimmte Bedingungen erfülle. Und genau da kommst du ins Spiel." Schweigen auf beiden Seiten.

Was könnte sein Vater schon für Bedingungen stellen die eine Frau im allgemeinen und mich im besonderen betreffen? Oh warte! Kann es sein ... Das darf doch wohl nicht ... Er will mir jetzt nicht wirklich sagen das er mich ... das ich ihn ... wir heiraten sollen? "Anthea?" fragt er nachdem er einige Sekunden hat verstreichen lassen. "Bist du noch da?" "Ja." hauche ich. "Wie gesagt, persönlich wäre es leichter und ... persönlicher eben, aber nun muss

es eben so gehen." Erneutes tiefes ein- und ausatmen. "Wie du dir sicher schon zusammengereimt hast, ist eine der Bedingungen meines Vaters, dass ich heirate und sesshaft werde." Bam. Jetzt ist es raus. Michael scheint es besser zu gehen wenn er einfach weiter plappert. "Ich dachte ja auch, der spinnt total. Aber ... aber wo ich dich gerade kennengelernt habe ... da ... da dachte ich ..." "Ja die Betonung liegt auf gerade erst kennengelernt." unterbreche ich ihn. "Michael, wärst du mir sehr böse, wenn ich eine Nacht über dein ... dieses Angebot nachdenke?"

"Nein natürlich nicht. Ich meine, natürlich kannst du das machen. Melde dich einfach wenn du soweit bist. Wir haben ja 12 Monate Zeit." lacht er nervös. "Okay. Ich danke dir." sage ich kühl. Ich möchte das Telefonat nur noch beenden. Ich weiß nicht recht was ich von all dem halten soll. Meinen Heiratsantrag hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt. Romantischer und vor allem nicht am Telefon. "Natürlich." murmelt er. "Na dann ..." beginne ich und will das

Handy schon vom Ohr nehmen. Da höre ich ihn weitersprechen und presse es mir wieder ans Ohr. "Anthea, ich möchte nur das du weißt das ich vom ersten Moment an wusste das du die richtige für mich bist. Würde ich anders empfinden würde ich dich niemals mit dieser Sache belästigen. Ich weiß was für ein Opfer du bringen würdest, wenn du darauf eingehst und mich zum Mann nimmst. Aber ich möchte, dass du weißt das ich dich sehr liebe und ich schwöre dir schon jetzt das ich dich für immer lieben werde! Ich werde alles tun um dir ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Es gibt keine Geheimnisse, keine Lügen. Ich gehöre nur dir

allein." Seine Worte treffen mich mitten ins Herz. Ich habe Probleme den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken. "Vielleicht kannst du das ja in deine Überlegungen mit einfließen lassen!" bittet er mit einer gewissen Traurigkeit in seiner Stimme. Es scheint so, als hätte er die Vermutung das dies unser letzter Kontakt ist. "Ich werde mich bemühen." stoße ich hervor. "Danke sehr." murmelt er und ich könnte schwören das er weint. Ich halte es nicht mehr aus. "Ich werde jetzt auflegen, Michael. Ich ... ich muss nachdenken."

Damit lege ich auf ehe er die Chance hat noch etwas zu erwidern. Nackt und nun nicht mehr vor Kälte zitternd sinke ich auf einen der Stühle neben mir. ******************************* Das war's. Ich habe sie erfolgreich vergrault. Und wer ist mal wieder schuld an meiner Misere? Mein Vater. Selbst mit seinem letzten Willen macht er mir noch das Leben zur Hölle. Und dann noch sein scheinheiliges Geschwafel von wegen wenn er derart

großzügig ist könnte ich ihm eventuell seine Verfehlungen verzeihen. Wütend schlage ich mit der Faust gegen die Wand neben mir. Was der Wand nichts ausmacht, mir aber eine schmerzhafte Platzwunde an der Hand einbringt. Ich will Anthea nicht verlieren! Erst recht nicht wo ich meine Seelenverwandte gerade erst gefunden hatte. Ich muss um sie kämpfen. Mit allen Mitteln. "Was hast du dir auch dabei gedacht ihr auf diese Weise den Antrag zu machen!" meckert mal wieder meine Innere Stimme. "Du dämlicher Idiot hast es ganz

allein versaut. Das kannst du deinem Erzeuger nicht in die Schuhe schieben." Recht das sie. Auf ein paar Tage mehr wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen. Schließlich habe ich ein Jahr Zeit um die erste Bedingung zu erfüllen. Und mit einem Mal fällt mir die Lösung wie die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen. ******************************* "Rose. Hilfe!" schreie ich ins Telefon. "Autsch." stöhnt sie. "Was ist denn los, Süße? Brennt's irgendwo?" "Nein. Ich brauche Hilfe. Quatsch

Deinen Rat meine ich." heule ich. "Zu welchem Thema?" fragt sie. "Kannst du herkommen?" "Mir ist so als wären wir sowieso gleich verabredet." lacht meine Freundin. "Ich kann nicht. Noch nicht. Nicht so." stammle ich. Rose scheint zu merken das es dringend ist. Rasch sagt sie "Du atmest jetzt tief ein und aus bis ich bei dir bin. Bis gleich." Damit beendet sie das Gespräch. Keine 20 Minuten später klingelt es an meiner Haustür. Ich öffne, inzwischen frisch geduscht und angezogen die Tür und falle ihr kaum das sie über die Türschwelle getreten ist um den Hals.

"Mensch Süße, was ist denn bloß los?" murmelt sie in mein Haar und streicht mir sanft über die Locken. Plötzlich kann ich nichts anderes tun als weinen. Ich heule wie ein Schlosshund und Rose zieht die richtigen Schlüsse, dass mein Zustand etwas mit Michael zu tun hat. "Ja, es ist wegen ihm." schiefe ich und wische mir mit dem Handrücken über die Augen. "Was hat er getan?" fragt sie so wütend wie eine beste Freundin es eben wird wenn man ihrer Freundin das Herz bricht. Ich brauche einen Moment um die

richtigen Worte zu finden. Doch dann befinde ich das die Wahrheit gerade heraus gesprochen das beste wäre. "Michael, hat mich gefragt ob ich ihn heiraten würde." "Ach na dann. Das hab' ich auch hinter mir." winkt sie lachend ab und erstarrt plötzlich. Es ist wie im Film. "Moment. Was hat er getan?" "Du hast mich schon verstanden." murmle ich. "Aber wie? Aber wo? Warum?" Fragen über Fragen. Ihre Augen weiten sich bei jedem Wort. "Vorhin am Telefon. Gerade als ich unter die Dusche springen wollte. Und das Warum ist etwas komplizierter." erkläre

ich. "Also ich verstehe nur Bla Bla Bla. Erklär's mir!" fordert sie energisch und nimmt neben mir auf dem Sofa Platz. Und ich versuche ihr zu erklären was ich selbst nicht verstehen kann. ******************************* Der zuverlässige Taylor fährt mich auch zu später Stunde noch zum Airport. Zu meinem Glück konnte ich noch einen Platz in der nächsten Maschine ergattern. Zwar nur Economy, aber für diese eine Stunde Flug wird es schon gehen. Der Flieger war wider erwartend

pünktlich und wir landen planmäßig um 23:12 in Berlin Tegel. Ich habe nur Handgepäck so das ich mich nicht von der Gepäckausgabe aufhalten lassen muss. Vor dem Gebäude stehen um diese Uhrzeit nur noch vereinzelt ein paar wenige Taxis. Ich steige in das nächstbeste und erstarre. Was für eine Adresse sollte ich angeben? Siedend heiß fällt mir ein, dass ich Anthea's Adresse nicht kenne. Der Fahrer dreht sich zu mir um und "Na wo soll's denn hingeh'n Meester?" fragt er. Scheiße! Was nun. Erst einmal in ein Hotel.

"Ähm fahren Sie mich bitte in ein Hotel in dem Sie selbst mit gutem Gewissen absteigen würden!" bitte ich freundlich mit meinem begrenzten Deutschkenntnissen. "So wie Se ausseh'n leb'n Se nich gerade in der gleechen Finanzklasse wie meener eener." grinst er. Ich habe wirkliche Probleme ihn zu verstehen. Was ich aber verstehe ist, dass er mir kein geeignetes Hotel empfehlen kann. "Fahren Sie einfach in ein Hotel in der Innenstadt." antworte ich genervt. Von dort ist jede Strecke zu Anthea's Wohnung sicherlich gleich lang.

Kaum setzt sich das Fahrzeug in Bewegung ziehe ich mein Smartphone aus der Hosentasche und rufe Jane an. Trotz der späten Stunde nimmt die sofort ab und meldet sich freundlich wie immer mit den Worten "Guten Abend, Mister Thompson. Was kann ich für Sie tun?" "Jane, ich bin sehr froh Sie noch zu erreichen!" "Gern, Sir." antwortet sie zuvorkommend. "Bitte erinnern Sie mich daran Ihnen für diese ewigen Mehrarbeit für mich eine Gehaltserhöhung zu gewähren!" fordere ich. "Das ist doch nicht nötig, Mister

Thompson. Ich tue das gern." säuselt sie. Das tut sie wahrscheinlich wirklich gern. Ich habe sehr wohl mitbekommen das sie mich attraktiv findet. "Überlassen Sie mir zu entscheiden was nötig ist und was nicht. Aber nun brauche ich Ihre Hilfe." beginne ich zum eigentlichen Thema zu kommen. "Sie müssen für mich eine Adresse ausfindig machen. Wenn es geht so schnell wie möglich." "In Ordnung. Wessen Adresse benötigen Sie, Sir?" fragt sie brav. "Die von Anthea van der Woodsen in Berlin. Ich bin gerade in Berlin gelandet und muss sie dringend persönlich sprechen."

Warum erkläre ich ihr das alles? Etwas verschnupft antwortet sie "Diese Adresse kann ich Ihnen direkt durchgeben. Einen Moment." Mein Herz macht vor Glück einen Hüpfer. Während ich warte trommle ich mit den Fingerknöcheln gegen die Fensterscheibe. Ich höre wie Jane etwas auf einer Tastatur eintippt. Da meldet sich Jane zurück "Miss van der Woodsen wohnt in der Gartenstraße 23 in Berlin Frohnau." übermittelt sie. "Vielen vielen Dank." jubel ich. "Fühlen Sie sich gedrückt als Dank." "Ist schon gut." murmelt Sie peinlich

berührt. "Na dann. Gute Nacht!" wünsche ich und lege auf. "Ich habe die Adresse. Gartenstraße 23 in Frohnau." verkünde ich sofort fröhlich. Der Fahrer nickt zustimmend, scheinbar kennt er die Gegend und setzt den Blinker. ******************************* Nachdem ich mich an Rose's Schulter genug ausgeheult hatte half mir meine Freundin mich für den geplanten Restaurantbesuch wieder herzurichten. Die Lösungsfindung für mein Problem haben wir auf morgen verschoben. Rose

meint, wenn ich eine Nacht darüber geschlafen habe wäre ich besser in der Lage dazu. Aber es zeichnete sich bereits eine Tendenz ab. Mit nur geringfügiger Verspätung treffen wir bei Daniel im Restaurant ein. Rose hatte ihn informiert so, dass uns kein übel gelaunter Bräutigam empfing. "Na da seit ihr ja." meint er freundlich und begrüßt mich mit Wangenküsschen und seine Braut mit einem intensiven Zungenkuss. "Nehmt euch ein Zimmer." scherze ich und nehme platz. Die beiden lösen sich voneinander und

setzen sich ebenfalls verliebt lächelnd zu mir an den Tisch. "So, was wollt ihr beiden hübschen trinken? Heute geht die Rechnung auf mich." verkündet Daniel großzügig. Lachend nennen wir ihm unsere Wünsche. Ein zwangloser Abend unter Freunden war heute genau das richtige. Wir hatten schon den Hauptgang hinter uns als plötzlich mein Handy in der Handtasche klingelte. Nach einigen Gläsern Weißwein den ich wirklich gerne trinke, und drei Gläschen Baileys den ich für mein Leben gern trinke war ich doch schon recht angeheitert als ich ohne hinzusehen das

Gespräch annehme und "Hallöchen!" ins Handy lalle. "Anthea?" Da das Restaurant mittlerweile recht voll war und eine dementsprechende Lautstärke herrschte verstehe ich den Anrufer kaum. "Hallo. Sie müssen lauter sprechen!" schreie ich fast. Nachdem ich wieder nichts verstehe rufe ich in das Gerät "Vergessen Sie's. Einen Moment bitte! " Ich bedeute meinen Freunden mit dem Zeigefinger das ich zum telefonieren mal vor die Tür gehe und setze mich in Bewegung. Jetzt wo ich stehe merke ich erst das ich schon so betrunken bin das ich einen leicht schwankenden Gang habe. Dennoch

schaffe ich es ohne Unfälle hinaus auf den Gehweg. Die frische Luft bläst mir den Kopf frei. Das tut gut. Mit einem mal erinnere ich mich dem Handy in meiner Hand und dem Anrufer der darauf wartet endlich mit mir sprechen zu können. "Hallo?" rufe ich hinein. "Anthea?" Er ist es. "Ja. Michael. " hauche ich. "Wo bist du?" "Ich ... ich bin mit Rose und Daniel feiern. Bez... Beziehungs .... Beziehungsweise besprechen wie wir ... wie wir feiern tun ... feiern werden." lalle und korrigiere ich mich.

"Nein. Wo genau bist du?" fragt er erneut, diesmal eindringlicher. "Im Restaurant natürlich." kichere ich über seine Unwissenheit nicht zu wissen wo man zum feiern eines Geschäftsabschlusses hingeht. "Thea, bist du betrunken?" will er wissen und klingt dabei wie ein strenger Oberlehrer. "Uuuund wenn ... wenn es so ... so wäre, Mister? Darf ich das nich'?" "Doch natürlich. Aber ich muss mit dir reden. Jetzt." drängt er. "Tust du doch gerade." merke ich an. "Nein, richtig. Nicht wieder am Telefon." "Wie?" frage ich und habe mit einem Mal

das Gefühl beobachtet zu werden. "Ich frage dich noch einmal, wo genau bist du, Darling?" Sein gehauchtes 'Darling' war es was mich schmelzen ließ. Ich nenne ihm den Namen des Restaurants in der Friedrichstraße und ehe ich erklären kann wo das genau ist hat er schon aufgelegt. Ratlos starre ich mein Handy an. Wie auf's Stichwort kommt Rose aus der Tür, eine Zigarette in der Hand. "Hey da bist du ja, Süße. Alles gut?" fragt sie und zündet sich die Zigarette an. Fröstelnd schwingt sie einen Arm um sich selbst um sich warm zu halten. "Ich hätte mir

meine Jacke mit raus nehmen sollen." bemerkt sie zitternd. Ich nicke grinsend. Dann werde ich wieder ernst. "Du, ich hatte gerade einen seltsamen Anruf." beginne ich. "Ach ja?" "Ja. Von Michael. Er ..." Ich stoppe als ich in ihr Gesicht sehe. Ihre Augen vor Entsetzen geweitet starren über meine Schulter hinweg in die Dunkelheit. "Was ... was ist denn?" stammle ich und sehe mich um. Ich glaube einem Geist gegenüber zu stehen. Hinter mir, scheinbar soeben einem Taxi entstiegen steht Michael.

"Was ... was tust du denn hier?" hauche ich. Er kommt näher und als er so nah vor mir steht das ich seine Wärme spüren kann antwortet er "Ich habe dir doch gerade eben gesagt das ich mit dir reden muss. Persönlich." Sein charakteristisches Grinsen legt sich auf seinem Mund. Seine sexy Stimme hüllt mich warm und weich ein. Und vergessen ist das seltsame Telefonat heute Nachmittag. Vergessen ist, dass ich ihm eine Antwort auf diesen unerhört dämlichen Heiratsantrag, wenn wenn ihn überhaupt so nennen darf, schuldig bin. Das einzige was gerade zählt war, dass er für mich hier her gekommen war. Aus

London. Glücklich falle ich ihm um den Hals. Michael schlingt seine starken Arme um mich und drückt mich an seine Brust. Erst als ich seine Wärme an meinem Körper spüre und seinen Herzschlag höre kann ich es wirklich glauben - er ist hier bei mir. "Ich bin so froh dich zu sehen!" flüstere ich. "O-k-a-y. Ich lass euch beiden mal allein." meldet sich da Rose aus dem Off, wirft ihre aufgebrauchte Kippe auf den Boden und verschwindet wieder im Restaurant. "Es ... es tut mir sehr leid was ich vorhin gesagt oder besser getan habe!" murmelt

er reumütig in mein Haar. "Du willst also doch nicht heiraten?" "Oh doch. Wenn ich nicht alles verlieren will wofür ich mein halbes Leben für gearbeitet habe, muss ich das." Ich mache einen Schritt rückwärts und löse mich etwas von ihm um ihm in die Augen sehen zu können. "Verstehe, du willst nur mich nicht heiraten." Was für einen Quatsch rede ich da? Er runzelt die Stirn. Sicher denkt er gerade das selbe. "Anthea van der Woodsen, ich habe den weiten Weg sicherlich nicht auf mich genommen um dir mitzuteilen, dass ich kein Interesse mehr an dir habe." lacht er

und fährt sich mit der Hand durch's Haar. "Nicht?" hauche ich. Er schüttelt lächelnd den Kopf. Plötzlich nimmt er mein Gesicht zwischen seine großen Hände und küsst mich leidenschaftlich. "Reicht dir das als Antwort, Darling?" grinst er frech nachdem wir wieder zum luftholen kommen. Ich nicke glücklich. Ich konnte vor Glück platzen. Wie von allein Formen meine Lippen die Worte "Michael, ich bin dir noch eine Antwort schuldig. Ich möchte dir ..." Er unterbricht mich mit einem weiteren Kuss. "Scht." macht er an meinem Mund. "Sag'

nichts!" "Warum nicht? Ich möchte aber..." "Nein. Nicht so. Können wir irgendwo hin wo es schön ist und wir Ruhe haben? Hier ist es nicht gerade ... " fragt er und deutet auf die breite Straße hinter uns. "Ich habe eine recht schönen Balkon." biete ich grinsend an. "Wäre der ruhig genug?" "Perfekt." Michael nickt und nimmt meine Hand. "Ich muss drinnen nur noch kurz meine Sachen holen." merke ich an. Erst jetzt fällt mir wieder auf wie kühl es ist. Seit seiner Ankunft habe ich nicht mehr gefroren. Er nickt erneut, lässt meine Hand jedoch

nicht los. Als hätte er Angst mich gleich wieder zu verlieren. Also gehen wir gemeinsam hinein und zu unserem Tisch. Dort stelle ich ihm meine Freunde offiziell vor. Rose grinst ihn unverhohlen an. Daniel dagegen wirkt in seiner Gegenwart seltsam eingeschüchtert. Beim weggehen bedeutet Rose mir mit der Hand die allgemeine Geste für's telefonieren. Ich weiß was sie meint und nicke zustimmen. Dann hebt meine Freundin den Daumen und wackelt anzüglich mit den Augenbrauen. Grinsend winke ich ab und folge meinem Traummann hinaus wo noch immer das Taxi wartet.

******************************* Meine Aufregung steigert sich ins unermessliche als das Taxi in einer kleinen Seitenstraße hält und der Fahrer fröhlich verkündet "Da wär'n wa, Meester." Ich danke ihm und bezahle den ungefähren Betrag der auf dem Taxameter angegeben ist mit britischen Pfundnoten. Ich danke ihm. Er nimmt es anstandslos entgegen. Scheinbar hat der Mann eine Möglichkeit das Geld irgendwo zu wechseln. Anschließend steige ich aus und laufe

suchend den Gehweg entlang. Das kleine Mehrfamilienhaus mit der Nummer 23 liegt dunkel und still vor mir. Hier geht man wohl zeitig schlafen, denn das Haus liegt vollkommen still und dunkel vor mir. Mit zitternden Fingern drücke ich auf den Klingelknopf 'v. d. Woodsen'. Nichts. Ja klar, sie schläft schon. Ich warte etwas ab ehe ich es erneut mit klingeln probiere. Nichts. Schlagartig schlägt die Aufregung in Übelkeit um. Fahrig fahre ich mir durch's Haar. Ich gebe nicht auf und drücke nochmal

auf die Klingel. Wieder keine Reaktion. Ich überlege schon es bei den Nachbarn zu versuchen als mir zum Glück noch einfällt sie einfach mal anzurufen. Das tue ich schließlich und erreiche sie tatsächlich. Mit einer Lautstärke im Hintergrund die gut und gerne als Ohrenbetäubend bezeichnet werden kann meldet sie sich. "Anthea." rufe ich laut , aber nicht zu laut um keine Aufmerksamkeit in dieser stillen Straße zu erregen. "Hallo. Sie müssen lauter sprechen!" höre ich sie ins Telefon brüllen. "Ich kann nicht. Es wäre mir Peinlich. Wo bist du?"

Statt einer Antwort auf meine Frage höre ich durch die Kakophonie am anderen Ende des Gespräches nur wie sie "Vergessen Sie's. Einen Moment bitte!" brüllt. Dann wird es still. Sie scheint das Mikrophon mit der Hand abzudecken. Nur sehr leise nehme ich noch die Geräuschkulisse wahr, bis es schließlich auf ihrer Seite genauso still ist wie bei mir hier. "Hallo?" sagt sie Momente später. "Anthea?" frage ich lieber nochmal nach. "Ja. Michael. " Ihre Stimme nimmt wieder diesen sexy Klang an wie sie es seit unserer ersten Nacht in Zürich

immer dann hatte wenn wir intim wurden. Ich halte die Trennung kaum noch aus will sie endlich wieder in die Arme schließen können. "Wo bist du?" frage ich daher. "Ich ... ich bin mit Rose und Daniel feiern. Bez... Beziehungs .... Beziehungsweise besprechen wie wir ... wie wir feiern tun ... feiern werden." berichtet sie. Sie lallt, ist sie betrunken? Kommt der sexy Klang in ihrer Stimme nur allein daher? Genervt weil sie ungenaue Angaben macht frage ich erneut "Nein. Wo genau bist du?" "Im Restaurant natürlich." kichert sie. Genervt verdrehte ich die Augen und

fahre mir durch's Haar. In der Hoffnung, dass wenn ich ihr ihre Situation vor Augen zu führe sie munterer wird frage ich sie. "Thea, bist du betrunken?" "Uuuund wenn ... wenn es so ... so wäre, Mister? Darf ich das nich'?" "Doch natürlich. Aber ich muss mit dir reden. Jetzt." dränge ich. Mein Magen wird das nicht mehr lange durchstehen. Mein Magen nicht und mein Herz auch nicht. "Tust du doch gerade." merkt sie kichernd an. "Nein, richtig. Nicht wieder am Telefon." Erschrocken stelle ich fest das meine Stimme einen flehenden Unterton

annimmt. "Wie?" Ich zwinge mich zur Ruhe und frage erneut "Ich frage dich noch einmal, wo genau bist du, Darling?" Um zu bekommen was ich will lasse ich meinen Charm spielen. Das hat bei den Frauen bisher am besten geholfen. Ich bin mir meiner Wirkung auf das schöne Geschlecht seit jeher bewusst. Eine Eigenschaft die ich von meinem Vater geerbt habe. Das und ein glückliches Händchen mit Geld umzugehen. Mit dem Darling hatte ich sie. Plötzlich nennt sie mir den Namen des Restaurants. Hastig sehe ich mich um. Das Taxi von

vorhin steht, zu meinem Glück, noch immer weiter hinten am Straßenrand. Scheinbar macht der Fahrer eine Pause. Ich klopfte gegen die Scheibe und öffne nachdem er zustimmend genickt hat die Tür. "Na wieder da? Wa wohl nich zuhause Ihre Kleene?" fragt er grinsend nach hinten. Ich schüttel den Kopf. Eine Antwort spare ich mir und konzentriere mich lieber auf die Suchergebnisse in meinem Smartphone. Ich scrolle runter und habe schon gefunden was ich gesucht habe. "Friedrichstraße bitte." Heute läuft aber auch nichts glatt. Kaum sind vier bis 5 Stunden vergangen ist die

Wirkung meiner Amphetamine verflogen. Eine Gänsehaut steigert sich zu einem Kribbeln. Dieses erwächst sich zu einem Zittern, wobei dieses wiederum in heftige Magenkrämpfe endet. Ab da an halte ich es stets nicht mehr aus und nehme wieder etwas. Wie sollte ich jemals einen Entzug überstehen? Immer nervöser werdend wische ich mir abwechselnd meine feuchten Hände an den Hosenbeinen ab oder trommle mit den Fingern gegen die Scheibe. Der Fahrer wirft immer wieder mal einen skeptischen Blick durch den Rückspiegel. Sicher denkt er ich bin nervös vor der Begegnung mit meinem Mädchen. Jedenfalls hoffe ich, dass er

das denkt. Nicht das er merkt das ich auf Turkey bin und mich raus schmeißt. Ich darf auf keinen Fall noch mehr Zeit verlieren. Die Worte, die Wahrheit viel mehr wollen raus aus mir. Sie brennen sich in mich. Verbrennen mich fast. Nur sie kann dieses Feuer löschen. Nur Anthea van der Woodsen mit einer positiven Antwort. Mit zitternden Fingern krame ich unauffällig das winzige Tütchen mit Tabletten aus der Innentasche meines Mantels. Es ist immer gut so auszusehen wie ich es tue. Jemand im Anzug und Mantel und mit Leder Sporttasche wird am Flughafen selten kontrolliert. Eins zwei kleine Mittelchen sind da kein

Problem. "Da nutzen dir die besten Mittelchen nichts. Du brauchst was zu trinken um sie runter zu kriegen." mahnt meine Innere Stimme. Sie hat recht. Schon wieder. Da ein Kiosk. Etwas zu euphorisch bitte ich den Fahrer anzuhalten. Skeptisch betrachtet er mich im Rückspiegel." Ik dachte Ihre Kleene wartet im Restaurant auf Se? " "Ja schon ... aber ich ... ich muss was besorgen. Blumen oder ... so." stammle ich. Kaum dass das Fahrzeug am Straßenrand verbotenerweise anhält springe ich aus dem Wagen, lasse die Tür offen stehen

und stolpere in das Geschäft. Kurz darauf komme ich mit einer kleinen Colaflasche aber ohne Blumen oder ähnliches wieder heraus. "Na, gab's keene Blum'n?" grinst der Mann. Ich schüttle den Kopf. Fahrig und vor allem unauffällig greife ich mir eine Tablette und werfe sie mir in den Mund. Ein Schluck der braunen Brühe und gleich ist der Wohlfühlzustand fast wieder hergestellt. ******************************* Aufgeregt folge ich Anthea in ihre Wohnung.

Beseelt sie endlich gefunden, sie in meine Arme geschlossen, ihre wunderschönen Lippen auf meinen gespürt zu haben schwebe ich auf Wolke 7. "Möchtest du etwas trinken?" fragt sie ganz die perfekte Gastgeberin. "Gern," Ich schenke ihr ein strahlendes Lächeln. "Warte hier." Sie deutet auf das Zimmer zu unserer rechten. "Ich bin gleich wieder da." Damit verschwindet sie in der Küche. Ich trete ein, gehe direkt zur Balkontür und öffne sie. Er führt auf einen ruhigen Hinterhof.

Anschließend sehe ich mich im Raum um. Bücher ohne Ende. Bücher im Bücherregal, Bücher auf Borden, auf dem Tisch, auf den Schränken. Sie sind überall. "Meine kleine Leseratte." murmle ich glücklich. "Ich werde ihr eine Bibliothek einrichten lassen." fantasiere ich murmelnd. "Gute Idee! Sag ihr das! Dann hast du sie." Schlägt mir die Stimme vor. "Brauch' ich nicht. Ich überzeug' sie auch so." halte ich dagegen. "Was sagst du?" höre ich da plötzlich Thea hinter mir zwei Tassen Tee in den Händen.

Verlegen lächelnd fahre ich mir durch's Haar. "Das war nicht gelogen. Du liest wirklich gern oder!" Lächelnd lässt sie ihren Blick über ihre Schätze schweifen. "Ja das stimmt." murmelt sie glücklich. Bücher machen sie glücklich. Hoffentlich schaffe ich das auch irgendwann. "Wollen wir uns setzen?" fragt sie zögerlich um das Schweigen zu durchbrechen. "Gern. Dein Balkon ist sehr schön ... " lüge ich. "... aber es ist etwas zu frisch um draußen zu sitzen, nicht?" Sie nickt und macht es sich auf dem Sofa

gemütlich. Zögernd setze ich mich neben sie. Mein Herz klopft bis zum Hals als ich jetzt nach ihrer Hand greife und ihr in die Augen sehe. "Ich bin so froh dich wieder zu haben!" raune ich. "Ich bin froh das du hier bist!" gibt sie zu. "Obwohl ich mich wundere." "Wieso?" frage ich. "Das du so schnell hier bist." "Flugzeug." "Unter der Woche. Musst du nicht arbeiten?" "Nicht Nachts und außerdem bin ich der Chef. Dringende Geschäftsreise." Ich zucke die Schultern und grinse sie entwaffnend an.

"Außerdem musste ich es tun. Nach ... nach der dämlichen Aktion von heute Nachmittag." gebe ich zerknirscht zu. "Ja, das war äußerst verwirrend." Ebenso verwirrt schaut sie jetzt an mir vorbei ins Leere. "Das tut mir leid! Und es war, das habe ich eingesehen, totaler Bullshit dich so damit zu überfallen. Um so glücklicher und dankbarer bin ich das ich von dir eine zweite Chance bekomme und hier sein darf." Für diese aufrechten Worte habe ich wohl ihrer Meinung nach eine Belohnung verdient. Sie beugt sich vor und küsst

mich fordernd. Sie schlingt ihre Arme um meinen Nacken, zieht mich näher an sich heran. Sie will mehr. Doch ich kann nicht. Noch nicht. Ich muss das erst klären. "Bitte warte!" mit einer Hand zwischen uns schiebe ich sie etwas von mir weg. Sie reagiert verwundert, vielleicht sogar etwas verschnupft. Ich muss es ihr erklären. "Ich muss zuerst ... bevor wir ... miteinander reden." murmle ich leise. Sie schluckt, nickt und lehnt sich angespannt zurück. Die ausgelassene Stimmung von eben hat sich verflüchtigt.

Ich sammle alle Kraft die ich auftreiben kann und beginne mit meinem Vortrag. "Es geht um das Testament meines Vaters. Aber das dürfte ja bekannt sein?" Sie nickt. "Um zu verstehen weshalb er derart seltsame Forderungen stellt muss ich dir zunächst erklären, was für ein Mensch mein Vater ist. Du könntest zwar auch im Internet einiges über ihn finden, aber die Wahrheit kannst du nur von mir erfahren." Sie nickt erneut. "Nach außen hin ist Richard Thompson ein gebildeter, zu jedermann freundlicher Philanthrop. Er engagiert sich karikativ,

wird von den Mitgliedern im Unterhaus wegen seines politischen Verständnisses geschätzt und ist zudem auch noch erfolgreich in dem was er tut. Doch die Wahrheit ist, dass er ist ein einem die Lebenskraft aussaugendes, arrogantes, brutales, selbstgefälliges, narzisstisches Arschloch ist! " "Du gehst ziemlich hart ins Gericht mit deinem Vater. " bemerkt Thea stirnrunzelnd. "Glaube mir! Hättest du mein Leben gelebt, würdest du ebenso denken." entgegne ich kühl. Diese Aussage lässt sie zusätzlich zu dem Stirnrunzeln noch die Augenbrauen heben.

Ich fahre fort, "Für's erste, und bitte glaube mir wenn ich sage ich kann noch nicht mit dir darüber sprechen, muss es reichen, wenn ich sage, er hat mir meine Kindheit zur Hölle gemacht." "Wirklich? Was ist geschehen?" haucht sie als hätte sie den letzten Satz nicht ganz verstanden. "Nein, Thea. Ich kann nicht." erwiderte ich und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Tröstend legt sie mir ihren Arm um die Schulter. Jetzt wo ich zum ersten Mal mit jemanden über meinen Vater spreche und die Erinnerungen währenddessen hoch kommen bemerke ich ein Brennen in den Augen.

Ich kann doch jetzt vor ihr nicht anfangen zu heulen. Sie wird denken ich drücke nur auf die Tränendrüse um sie zu einer für mich positiven Antwort zu überreden. "Sprich weiter!" sagt sie da leise. Ich nehme mir die Zeit um mehrmals tief ein und aus zu atmen. "Jedenfalls war es keine schöne Kindheit. Ich war froh als ich die High School hinter mir hatte und ging weit weg von London um zu studieren. Das weißt du ja." Thea nickt zustimmend und hört weiter aufmerksam zu. "Ich genoss es endlich frei zu sein.

Schlug über die strenge. Im grunde genommen benahm ich mich nur wie jeder andere Student auch, doch meinem Vater passte das nicht. Als man öfters etwas über meine Eskapaden in der Zeitung lesen konnte platzte ihm regelmäßig der Kragen. Das war mir aber egal. Ich rebellierte. Endlich hatte ich die Gelegenheit dazu. Als ich noch in seinem Haus lebte wurde ich an der kurzen Leine gehalten. Irgendwann war ich fertig und machte meinen Abschluss in Journalismus. Selbstverständlich hieß es für mich nun zurück nach London und mit ins Familienunternehmen einsteigen. Dies war mein vorbestimmter und als einziger

Erbe meines Vaters mein angestammter Platz. Vorbei war's mit meinem freien Leben." "Verstehe. Das war sicherlich hart für dich ihn wieder öfters sehen zu müssen." wirft sie dazwischen. "Ja schon, auch wenn wir uns tatsächlich eher selten sehen. Wir gehen uns aus dem Weg. Nur ab und an, zum Beispiel nach Geschäftsabschlüssen werde ich zum Rapport gebeten. Letzten Freitag war es wieder so weit." Mein Herz klopft wie verrückt je näher ich dem eigentlich, sie betreffenden Teil meiner Erzählung komme. "Erzähl's mir! Gerade heraus. Genau genommen kenne ich es in groben Zügen

ja auch schon." lacht sie und wiederholt teilweise das was sie auch am Telefon bereits gesagt hat. "Okay. Also meinem Vater waren meine Eskarpaden wie gesagt ein Dorn im Auge. Sie machten Flecken auf der weißen Weste der Thompson's. Und jetzt wo Vater sterbenskrank ist hat er sich eine letzte teuflische Gemeinheit mir gegenüber ausgedacht." Ein grimmiges Lachen kommt aus meiner Kehle. "Zunächst machte er mich zum alleinigen Inhaber der Verlagsgesellschaft. Er übertrug mir sämtliche Immobilien die er weltweit besitzt, vermachte mir seine Kunst, seine Autos, alle liquiden Mittel um mir dann, etwa zur Hälfte seines

Testamentes mir die lange Nase zu zeigen." "Inwiefern?" "Er verfügte, dass ich und jetzt kommst, wenn es nach mir geht, du ins Spiel, Darling, dass mir das Erbe in gleichen Teilen zu je ein Viertel nur ausgezahlt wird, wenn ich innerhalb eines Jahres ab heute bestimmte Bedingungen erfülle." "Was für Bedingungen?" Entzug. Heirat. Kinder. Kinder. Kinder. "Ich sollte mich ... mich gesünder ... verhalten." zähle ich zerknirscht auf.

Hoffentlich ahnt sie nicht was ich damit meine! "Ich solle mir endlich eine Frau suchen die mir gut tut und zu mir passt und diese heiraten. Und ... und ..." "Sicherlich viele kleine Enkelkinder zeugen." vollendet sie den Satz den ich nicht auszusprechen gewagt habe. Ich nicke ergeben und sehe beschämt auf meine gefalteten Hände in meinem Schoß. Ich wage es nicht sie anzusehen. Sicherlich überlegt sie ob ich, als Sohn dieses kranken Arschlochs nicht auch irgendwann zu einem solchen mutiere. Plötzlich greift sie nach meinen kalten

Händen und umschließt diese mit ihren kleinen warmen. "Sieh' mich an!" befiehlt sie leise aber eindringlich. Ich folge. Ihr Blick wechselt zwischen Traurigkeit und Glück. "Michael, ich hatte ja nun bereits ein paar Stunden Bedenkzeit, und obwohl ich dich um 24 Stunden gebeten habe kann ich dir jetzt schon meine Antwort geben." Ich habe das Gefühl gleich zusammen zu brechen. "Geh ins Bad und schmeiß dir noch was ein! Sonst könnte es peinlich werden oder sie findet dein kleines Geheimnis doch heute schon raus und verlässt dich."

empfiehlt meine Innere Stimme Ich schüttle den Kopf um sie zu vertreiben. Weil ich nichts sage fährt Thea fort "Dein Antrag war ungewöhnlich ... Nein, ich bin ehrlich, er war unterirdisch. Das geht gar nicht. Und ich erwarte das du das besser machst! Aber ..." Das klingt ganz positiv. Hoffnungsvoll sehe ich in die Augen. "Wir müssen noch über einiges reden, aber ja, Michael Thompson, ich möchte dich heiraten!" Mit einem Lächeln verkündet sie die schönsten Worte der Welt für mich. "Wirklich?" hauche ich. "Ich glaube nämlich ich habe dich nicht richtig

verstanden. Könntest du das bitte noch einmal wiederholen!" scherze ich erleichtert. Lachend wiederholt sie mit fester Stimme "Ja, ich will dich heiraten!" Überglücklich ziehe ich sie in eine Umarmung und küsse sie leidenschaftlich. "Aber denke dran, auch ich stelle eine Bedingung!" lacht sie als wir uns kurz voneinander lösen. "Das Angebot gilt nur bis du mir einen vernünftigen Antrag gemacht hast." "Oh Darling, du sollst den besten Antrag kriegen den je eine Frau bekommen hat!" jubel ich glücklich.

14.

Es war ein schöner Abend. Nachdem wir uns ausgesprochen haben sieht Michael sich in meiner Wohnung um. "Ich muss dich ja kennen lernen." meint er grinsend als er seinen Blick schweifen lässt. "Dann tu das! Ich muss morgen arbeiten, daher muss ich jetzt ins Bett. So leid mir das auch tut." Lasziv kuschel ich mich an ihn und ziehe seinen Kopf zu mir herunter um ihn zu küssen. Er nickt. "Schade." Grinsend frage ich ihn "Wie lange bleibst du eigentlich? Kommt der Verlag ohne dich überhaupt zurecht?"

"Ich habe sehr fähige Leute die gut bezahlt werden." lacht Michael. "Also ja, ich denke, die kommen sicher mal ein paar Tage ohne mich aus." "Ein paar Tage willst du bleiben? Du hast doch aber gar kein Gepäck dabei." staune ich. "Oh Darling, in Berlin wird es doch wohl Bekleidungsgeschäfte geben.", scherzt er, "Außerdem dachte ich, dass dein Vater Herrenmode schneidert?" "Stimmt auch wieder." gebe ich lachend zu. "Also gut, du bleibst also ... " Ich kuschel mich erneut an ihn. "... Da meine beste Freundin diesen Freitag heiraten wird ... Ich habe da so eine Idee ... Dann

könnten wir doch gemeinsam ..." flüstere ich mit der verführerischsten Stimme die mir möglich ist. "Na klar, ich begleite dich." meint er leichthin. Sein Lächeln ist umwerfend. Glücklich küsse ich ihn erneut. "Und ich dachte mir, bei dieser Gelegenheit könnte ich auch gleich bei deinem Vater um deine Hand bitten." "Bitte was?" Ich verschlucke mich an meiner eigenen Spucke. "Wir Engländer sind gut Erzogen. Ich hatte zwar eine scheiß Kindheit, aber auf meine Erziehung wurde geachtet. Ich möchte bei dir ab jetzt alles richtig machen!" Er ist ja so süß!

"O-k-a-y. Die beiden werden aus allen Wolken fallen." grinse ich. "Sie wissen von dir, sie wissen von meinem Umzug. Aber damit werden sie nicht rechnen.", grübel ich laut, "Aber ich denke, mit so einer Aktion wirst du bei ihnen einen Stein im Brett haben." "Was für ein Brett und Stein?" wiederholt er fragend. Ich winke lachend ab. "Schon gut. Ist ein Sprichwort." "Also gut, ich gehe dann mal ins Bad. Fühle dich wie zu Hause." bitte ich freundlich und beschreibe eine ausholende Geste. "Ich lege dir im Bad ein Handtuch hin." Damit lasse ich ihn

allein und verschwinde wie angesagt in meinem winzigen Badezimmer. Glücklich lehne ich mich innen an die geschlossene Tür. Ich träume. Das muss einfach ein Traum sein. Michael Thompson steht nicht nur in meiner Wohnung. Nein, er will mich heiraten. Mich, Anthea van der Woodsen. Warum? Was habe ich schon? Was kann ich ihm bieten im Gegensatz zu den anderen ... Frauen? Bin ich überhaupt gut genug für ihn. Bisher hatte er Filmsternchen oder Models an seiner Seite. Kann es sich mit mir überhaupt draußen sehen lassen. Moment, dass hatte er ja schon.

Unfreiwillig zwar, aber er hatte sich zumindest nicht darüber geärgert das es passiert war. Ob er die Zeitung mit unserem Foto noch gar nicht gesehen hatte? Was wenn er sauer ist und es sich nochmal anders überlegt? Allerdings ist die Zeitung ein paar Tage alt, und ich kenne sonst niemand als meine Eltern die Zeitungen über einen längeren Zeitraum aufheben. Die Chance das er es zu sehen bekommt stehen also gering. Weiter grübelnd ob er mit mir nicht die Katze im Sack kauft Dusche ich mich und mache mich Bettfertig.

Anthea war im Badezimmer verschwunden und ich nutze die Zeit um mich ungestört in ihren Räumen umzusehen. Die Wohnung verrät ungemein viel über ihren Besitzer. Zuerst schaue ich, teils aus beruflichen, teils aus privatem Interesse ihr Bücherregal durch. Viele Klassiker. Bücher die man gelesen haben sollte. Ob sie sie alle gelesen hat? Brôntée, Austen, McEwan - typische Frauenromane. Sogar Chick lit Literatur sehe ich. Lächelnd bemerke ich, dass

meine zukünftige Frau ein ganz normales Mädchen ist. Sie verstellt sich nicht. Ist ganz natürlich. Das macht sie zu etwas besonderen. Für gewöhnlich verstellen sich die Leute in meiner Gegenwart. Doch sie ist anders. Und sie kann gerade gar nicht dagegen tun das ich hier so hemmungslos in ihren intimsten Dingen herum schnüffle. Aber ich möchte die Frau kennenlernen die ich vor den Altar führe. Und ich bin mir nicht sicher ob sie mir tatsächlich alles erzählen würde. Und ich brauche eine gute Idee für einen Heiratsantrag. Die Idee verfestigte sich vorhin ganz spontan in meinem Kopf. Als ich darüber sprach wurde es immer deutlicher. Natürlich ich werde ganz

klassisch á la Mister Darcey bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten. Wenn das eine Frau nicht schwach macht, was dann. Erst danach kann ich den Kniefall wagen. Das es einen geben muss ist klar. Ich habe es ihr nach dem missratenen Antrag am Telefon versprochen. Aber wie? Grübelnd mache ich mit der Wohnungsbesichtigung weiter. Ihre Musik CD's sagen mir, sie hört gerne Klassik wie Chopin, Debussy, Bach (Da erzählte sie bereits das sie ihn klasse findet. Irgendwas war mit dem Ort. Ich glaube Bach lebte im selben Ort wie ihre Großeltern.), Mozart, Beethoven - alles vertreten was Rang und Namen hat.

Sherlock Holmes Hörspiele. Sie ist ein riesen Fan hat sie mir erzählt und sie besitzt auch sämtliche Geschichten des Londoner Meisterdetektiv's. Bildbände über England im Allgemeinen und London im besonderen. Gerade erst nachdem sie ihrem Plan nach England zu gehen gefasst hat gekauft oder liegen sie schon länger hier im Regal? Ich weiß es nicht. Ansonsten entdecke ich weitere Musik CD's. Aerosmith, Queen, Bruce Springsteen, Frank Sinatra, Lionel Richi und einige Musicals. Ich glaube sie ist eine hoffnungslose Romantikerin. Vielleicht sollte ich ... Mir schießt da gerade eine Idee durch den Kopf. Die muss ich unbedingt mal ausfeilen.

Pflanzen sehe ich in der Wohnung praktisch keine. Fotos auch kaum. Nur ein paar wenige stehen in Rahmen in ihrer Schrankwand. Ein älteres Ehepaar. Sicher ihre Eltern. Sehen doch ganz nett aus, urteile ich. Ein paar Fotos von ihr selbst mit Freundinnen. Jedenfalls nehme ich es an. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Papiere und weitere Bücher zum Thema England. Umzugsvorbereitungen? "Sie geht ganz schön ran. Meint es ernst." meldet sich meine Innere Stimme zu Wort. "Oh man, es war so schön als du mal für eine Weile geschwiegen hast." brumme

ich. "Das Mädchen ist echt verschossen in dich. Und du in sie oder? Aber weißt du was du auch liebst und nie davon los kommen wirst?" Ich beginne zu zittern. Es war wieder soweit. Scheiße! "Ganz genau. Die Drogen. Du brauchst es." Ich raufe mir die Haare. "Du willst es." "Halt die Schnauze!" schreie ich. Mist! Hoffentlich hat sie es nicht gehört! Die Innere Stimme lacht nur. Das Zittern verstärkt sich. Fahrig ziehe ich das Tütchen aus meiner

Hosentasche. Leer. "Scheiße!" fluche ich. "Tja, was nun? Du bist in einer fremden Stadt. Deine Mittel sind erschöpft." Fast kann ich ein dreckiges Lachen hören. Wer lacht da? Hastig drehe ich mich um. Doch da ist niemand. Nur diese beschissene Stimme in meinem Kopf. Ich greife zu meinem Handy was auf dem Esstisch liegt. Es klingelt schon als mir bewusst wird wo ich bin und wo Jack sich befindet. "Scheiße!" erneut ein Fluch und lege auf. Wo bekomme ich in Berlin was neues her? Ehe ich mir ernsthaft darüber Gedanken machen kann kommt Thea

zurück. Ihr feuchtes Haar fällt in roten Locken über ihre Schultern. Ihre Haus glänzt verführerisch. Ihr Duft ist es ebenso. Liebevoll gibt sie mir einen Gutenachtkuss. "Ich geh' schonmal vor ... " raunt sie und streicht mit ihrem Zeigefinger sanft an meiner Wange entlang. "... und halte das Bett warm." Grinsend sehe ich ihrem sexy die Hüften schwingenden Körper hinterher. "Du hast jetzt keine Zeit dafür." mahnt die Stimme. "Du brauchst Stoff." Ja, genau. Wo war ich noch gleich? Wo bekommt man in Berlin Drogen? "Michael." ruft sie aus dem Schlafzimmer.

Welche Sucht war stärker. Sex oder das andere. Ich beschließe in meine Zukunft zu investieren und gehe in Richtung Schlafzimmer. Anthea schlief tief und fest und ich liege seit gefühlten Stunden wach neben ihr. Entweder ließ mich das Glück darüber sie gefunden und vor allem gehalten zu haben oder meine Sucht nicht zur Ruhe kommen. Ich habe nichts mehr um mich runter zu bringen und brauche dringend was neues. Aber schon wieder bin ich in einer fremden Stadt. Ich hasse es in fremden

Städten Drogen zu kaufen. Jetzt hier in der Stille grübel ich weiter über die Frage wo man in Berlin an sowas kommen könnte? Für gewöhnlich trifft man Dealer in Parkanlagen an. Aber ich erinnere mich mal gelesen zu haben, dass Berlin einige Grünanlagen hat. Leise greife ich nach meinem Handy und suche im Internet nach Zeitungsartikeln über die Berliner Drogenszene. Dadurch erfahre ich, dass der 'Mauerpark' einer der hiesigen Hotspots ist. Nachdenklich betrachte ich die wunderschöne schlafende Frau neben mir. Ob ich jetzt kurz los sollte? Aber wie erkläre ich ihr meine Abwesenheit wenn sie in der Zwischenzeit wach wird?

Nach einem Blick auf die Uhr beschließe ich das es für den Moment auch ein Glas Alkohol tut damit ich schlafen kann. Gleich morgen früh würde ich aber aufbrechen müssen. Vorsichtig, darauf bedacht sie nicht zu wecken stehe ich auf und schleiche mich in Thea's Küche. Hier finde ich auch nach einer gründlichen Suche keinen Tropfen Alkohol. Was denke ich mir auch. Thea ist nicht die Frau für harten Alkohol. Und schon gar nicht versteckt sie diesen in ihren Küchenschränken. Wenn dann trinkt sie höchstens Wein oder Prosecco. Aber selbst diesen finde ich nicht in ihrer Wohnung. Auch dann

nicht als ich meine Suche auf das Wohnzimmer ausweite. Mittlerweile hat sich meine körperliche Verfassung weiter verschlechtert. Wenn sie am Morgen nicht aufwachen und mit einem Blick sehen soll was für ein Wrack ich bin, brauche ich jetzt sofort etwas. Schließlich ziehe ich mich wieder an und hole meinen Mantel von der Garderobe. In der Schale auf der Kommode im Flur suche ich nach Thea's Wohnungsschlüssel. Warum verdammt hat sie so viele Schlüssel. Da den richtigen zu finden ist schon ein Kunststück. Zumal ich mich nicht traue Licht einzuschalten um sie nicht zu wecken. Ich musste mich beeilen. Auf

keinen Fall durfte sie bemerken das ich weg war. Vorsichtig, den Schlüsselbund komplett mit meiner Hand umschließe damit er nicht klappert probiere ich die Schlüssel an der Wohnungstür aus. Es ist das richtige Bund. Langsam lasse ich ihn in meine Hosentasche gleiten. Danach verlasse ich leise die Wohnung und ziehe die Tür vorsichtig ins Schloss. Aus Mangel an Ortskenntnis rufe ich mir vor dem Haus zunächst einmal ein Taxi. Man verspricht mir das in wenigen Minuten eines an meiner jetzigen Adresse sei. Zitternd stehe ich in meinen langen Mantel gehüllt an der Hauswand

lehnend in der Dunkelheit und warte. Kurze Zeit später biegt tatsächlich ein gelbes Taxi in die Straße ein. Ich gehe zum Straßenrand und mache mich mit einem Handzeichen bemerkbar. Der Fahrer hält mit laufendem Motor direkt vor mir an. Schweißgebadet reiße ich die hintere Tür auf und schwinge mich ins Innere. "Mauerpark.", verkünde ich, "Bitte." presse ich gespielt freundlich hinzu. Der arabisch aussehende Mann wirft mir einen vielsagenden Blick durch den Rückspiegel zu. Mein Zustand und das Fahrziel scheinen ihm alles über mich zu sagen. Stumm nickt er nur, drückt den Knopf am Taxameter und schert Richtung

Fahrbahn aus. Während der relativ kurzen Fahrt lehne ich meine heiße Stirn gegen die kalte Fensterscheibe um mir etwas Abkühlung zu verschaffen. "Wir sind da." verkündet der Fahrer auf englisch als wir vor einem zu dieser Tageszeit im Dunkel liegenden Park halt machten. Ich bezahle ihn und steige aus. Sofort umfängt mich erneut die kühle Nachtluft. Kaum bin ich ausgestiegen gibt der Fahrer auch schon Gas. Eine nette Gegend, scheint mir. Etwas ratlos betete ich den dunklen Park. In welche Richtung sollte ich gehen? "Scheiße ist das dunkel hier!" murmle ich und ziehe mein Handy aus der

Hosentasche. Mit der Taschenlampenfunktion verschaffte ich mir einen Rundumblick. Ein schneller Blick auf die Uhrzeit sagt mir das es kurz vor Mitternacht ist. Ob sich um diese Zeit überhaupt noch jemand hier befindet der mir weiterhelfen kann? Vorsichtig, man weiß ja nie schlage ich den linken Weg ein. Plötzlich raschelt etwas im Gebüsch. Meine Nerven liegen blank, mein Gehör ist auf Turkey immer extrem geschärft. Erschrocken zucke ich zusammen und sehe mich um. Irgendein mittelgroßes Tier huscht vor meinen Füßen über den Weg. Kopfschüttelnd gehe ich weiter. Als ich kurz danach hinter mir wieder

etwas rascheln höre ignoriere ich es zunächst. Als dann aber auch Schritte zu hören sind und als diese sich auch noch meinem Tempo anpassen, wird es mir doch etwas mulmig zumute. Unbewusst beginne ich mein Tempo zu steigern. Ich renne durch diesen beschissenen dunklen Park und habe eine Scheiß Angst das der Typ da hinter mir mich abstechen will. Sicher hofft er auf fette Beute von dem Leichtsinnigen Trottel der so blöd ist sich nachts hier her zu trauen. Bei einem dichten Gebüsch sehe ich meine Chance gekommen zu verschwinden. Eilig springe ich dahinter und halte den Atem an. Ich lausche angespannt. Nichts mehr

zu hören. War der andere ebenfalls stehen geblieben? Scheiße, was mache ich jetzt? Aber ein Gutes hatte die ganze Sache. Die Angst pumpt so viel Adrenalin durch meine Adern das ich die Sucht gerade nicht spüre. Mit einem Mal tippt mir jemand auf die Schulter. Ich kann nicht verhindern das mir ein erschrockenes Stöhnen aus der Kehle kommt. "Hey man." abwehrend nehme ich die Hände hoch. Rede, Michael! Immer weiter reden. Solange du redest bringt dich dein Gegner nicht um.

Angestrengt versuche ich mein Gegenüber in der Dunkelheit zu fokussieren. Er scheint schwarz zu sein. Nur seine Zähne leuchten etwas in der Dunkelheit. "Ich ... ich wollte nur ..." stammle ich. "Was brauchst du?" knurrt der Typ auf englisch. Oh multikulturell. Erleichtert sage ich "Oh, Sie sind ... Sie verkaufen ..." "Was brauchst du?" wiederholt er genervt. "Was meinen Sie?" stelle ich mich blöd. "Hey man, du rennst mitten in der Nacht durch den Park. Was würdest du sonst

hier wollen außer Drogen?" entgegnet er. Sein Grinsen leuchtet bis zu mir herüber. "Also sag endlich an! Was verdammt brauchst du?" Na gut. Okay. Meine Unkenntnis über die hiesigen Preise eingestehend frage ich zunächst danach. Sicherlich zieht er mich heftig über den Tisch, aber ich habe keine Wahl. Mit fahrigen Fingern zähle ich so gut es eben in der Dunkelheit geht das Geld ab und reiche es ihm. Er knüllt es zusammen und lässt es in seiner Jackentasche verschwinden. Im Gegenzug dazu hält er mir zwei kleine Plastiktütchen mit den Pillen und mit dem Koks hin. Ich nicke und drehe mich um. Nur weg

hier. Ehe er der Meinung ist auch mein restliches Geld, jedoch ohne Gegenleistung an sich zu nehmen. Tatsächlich schaffe ich es unbehelligt zurück auf die Straße. In der Ferne entdecke ich einen Kiosk. Trinken, da gibt's was zu trinken. Eilig laufe ich darauf zu und stolpere in das Geschäft. Der arabische Eigentümer sieht stirnrunzelnd von seiner Zeitschrift auf. "Guten Abend." grüßt er ruhig. "N' Abend." erwidere ich abgelenkt und lasse den Blick durch den überfüllten Laden schweifen. Da, da steht das richtige. Fahrig greife ich nach einer Flasche Gin und reiße sie aus dem Regal. "Verdammte Scheiße!" fluche ich laut.

"Hey Sie da. Was soll das?" fragt der junge Mann. "Sorry." ergeben hebe ich die Hände. "Die zahl' ich natürlich." murmle ich. "Klar machst du das." murmelt der andere auf englisch während er die gröbsten Scherben aufzusammeln beginnt. "Scheiß, Touri's!" flucht er leise. Ich schlucke eine Antwort runter und greife nach einer neuen Flasche im Regal. Diesmal krampfe ich meine Hand derart stark um den Flaschenhals, dass das weiße um meine Fingerknöchel hervor tritt. So ein Malheur passiert mir nicht noch einmal.

Der Verkäufer lässt mich an der Kasse warten. Sauer über die nächtliche Extraarbeit sammelt er zunächst einmal die Scherben auf und legt einen Lappen auf die feuchte Stelle. Anschließend kommt er zu mir herüber geschlurft und kassiert mich ab. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder draußen auf dem Gehweg stehe werfe ich mit einem Schluck aus der Flasche eine der Pillen ein. Sofort um einiges beruhigter ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und wähle die Nummer des Taxiservice.

Knapp 45 Minuten später liege ich ausgeglichen, glücklich und sogar frisch geduscht neben Thea im Bett und kuschel mich an ihren warmen wunderbar duftenden Körper. Noch im Halbschlaf lege ich meinen Kopf auf etwas hartes. Ein wunderbar herber Duft kitzelt mir in der Nase. Ich schnuppere. Langsam schlage ich die Augen auf. Michael liegt mit geschlossenen Augen neben mir. Den rechten Arm angewinkelt ruht sein Kopf

auf dem Unterarm. Dabei spannt sich sein enges graues T-Shirt um seine Oberarme. Seine Brust hebt und senkt sich rhythmisch, seine Lider zucken ab und an. Er schläft noch tief und fest. So gern ich diesen Anblick noch länger genießen würde, ich musste aufstehen. Die Arbeit wartet. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken krabbel ich aus dem Bett und verschwinde im Bad. Bevor ich die Wohnung verlasse schreibe ich noch eine kurze Notiz für Michael. "Musste zur Arbeit. Du sahst so süß aus, wollte dich nicht wecken. Bin um 15 Uhr zurück.

xo T." und werfe einen schnellen Blick ins Schlafzimmer wo er immer noch genauso daliegt wie vorhin. Er scheint einen tiefen Schlaf zu haben. Im Büro treffe ich als erstes auf Doris. Sie ist Herrn Fischer's Sekretärin und stets immer als erstes im Büro. "Guten Morgen, Thea. Wie war euer Abendessen?" Ich hatte ihr gestern von dem Abendessen mit den Brautpaar erzählt. Doris ist ganz aufgeregt deswegen. Trauzeuge, so sagt sie sei eine sehr vertrauensvolle Aufgabe. "Ganz schön. Mit einem überraschendem

Ende." erwidere ich geheimnisvoll. Ich konnte kaum noch an mich halten vor Ungeduld. Ich muss unbedingt jemanden von meinem Glück erzählen. Doris war da ein dankbares 'Opfer'. Als ich geendet habe klatscht sie begeistert in die Hände. "Oh Thea, das ist ja wundervoll! Ich freue mich für dich! Wenn eine Glück verdient hat dann bist du es." "Soetwas ähnliches hat Rose auch mal gesagt." grinse ich. "Recht hat sie!" Bevor sie fortfahren kann betreten weitere Kollegen das Büro und vorbei war's mit der intimen Ruhe. Ich schaffte es an diesem Vormittag ein

ganzes Kapitel zu Papier zu bringen. Irgendwas schien mich und meine Kreativität zu beflügeln und ich ahne auch was der Grund dafür ist. Zur Mittagszeit greife ich mir meine Handtasche und den Blazer von der Stuhllehne und verlasse mein Büro. Ich habe wirklich Glück mit meiner Stelle hier. Nicht jede Autorin bekommt ein eigenen Büro in ihrem Verlag gestellt und braucht nichts weiter dafür zu tun als ab und an ein Kapitel für eben jenem Verlag zu schreiben. Ich gehe allein in das Café um die Ecke und bestelle mir einen Bunten Salat und eine Tomatensuppe. Während ich warte ziehe ich mein Smartphone aus der

Handtasche und sehe nach ob ich Nachrichten habe. Vielleicht von jemand bestimmtes? Tatsächlich wünschte Michael mir einen guten Morgen und er versicherte mir sich auf den Abend mit mir zu freuen. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Ein verwegener und tollkühner Plan, aber ein notwendiger in anbetracht der Umstände. Ich wähle die Handynummer meines Vaters und warte darauf das er abnahm. "Hallo Schatz. Wie kommen wir zu der Ehre das du dich in so kurzer Zeit so oft bei uns meldest?" scherzt er. "Du tust ja gerade so als würde ich mich sonst nur alle jubel Jahre melden." tue ich beleidigt.

"Ist schon gut.", lenkt er ein, "Warum rufst du an? Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?" Woher wusste er davon? "Tatsächlich gibt es die. Ich wollte fragen ob ich mich für Heute Abend zum Essen einladen darf?" "Heute Abend? Das ist etwas kurzfristig ..." "Ich weiß, tut mir leid, Papa. Aber übermorgen ist die Hochzeit und sonst kann ich nicht." rechtfertige ich mich. "Ist schon in Ordnung. Ich bin sicher deine Mutter ist erfreut und kann auch auf die schnelle etwas leckeres zaubern." "Dann bin ich ja beruhigt." lache ich. Etwas leiser füge ich hinzu "Dann sage

ihr bitte auch, wir werden zu viert sein. Ich bringe noch jemanden mit." Eine Pause trat ein ehe er weiter sprach "Du bringst jemanden mit?" "So ist es." erwidere Ich hibbelig. "Ich ... Ich hab euch doch von Michael erzählt." "Natürlich. Ich erinnere mich.", sagt er, "Und er ist zur Zeit in Berlin?" In diesem Moment brachte die Bedienung mein Essen. "Du Papa, mein Essen .... ich mache gerade Pause .... reden wir doch heute abend ja." "Ist gut. Dann bis ... sagen wir 20 Uhr?" "Okay. Ich danke euch! Bis später." Ich lege auf.

Während ich meinen Salat verspeise überlege ich, ob ich Michael nicht lieber vorwarnen sollte das er heute Abend meine Eltern, seine zukünftigen Schwiegereltern kennenlernen würde. Das wäre nur fair. Schließlich wollte er ja etwas bestimmtes meinen Vater fragen. Nun lag es an mir, sollte ich ihn ins kalte Wasser springen lassen und sein Improvisationstalent auf die Probe stellen oder so fair sein und ihm Zeit geben um sich seelisch und moralisch auf dieses sicherlich sehr emotionales Treffen einzustellen. Ich beschloss fair zu sein.

Als wir am Abend pünktlich um 20 Uhr vor ihrem Elternhaus standen überkam mich doch ein flaues Gefühl im Magen. Jetzt ist es soweit, ich lerne meine zukünftigen Schwiegereltern kennen. Thea sagt sie sind wahnsinnig nett, vielleicht schließt diese Charaktereigenschaft ja auch mich zukünftig mit ein. Das wäre schön! Vielleicht werden sie zu der Familie die ich nie hatte? Hoffentlich mögen sie mich!

Ich möchte ihnen auf jeden Fall gefallen. Schließlich nehme ich ihnen ihre einzige Tochter weg. Weit weg. Man liest ja immer wieder von Schwiegermüttern die eher einem Drachen als einem menschlichen Wesen ähneln. Aber selbst wenn es so wäre, ich bin von meinem Vorhaben nicht mehr abzubringen. Die Klingel hallt laut in dem großen Haus wieder. Schritte nähern sich. Da wird die Tür schwungvoll aufgerissen und ein junger Mann, nicht älter als 18 steht vor uns. "Vielleicht ihr jüngerer Bruder?", überlege ich.

"Aiden." nimmt Thea mir jeden Zweifel. "Was machst du denn hier?" Erfreut und augenscheinlich glücklich fällt sie ihren jüngeren Bruder um den Hals. Obwohl der Junge jünger ist überragt er seine ältere Schwester um eine ganze Kopfgröße. "Schwesterherz." ruft er mit angenehm tiefer Stimme. "Die Alten meinten heute sei ein großer Tag, da hat Vater mir ein Taxi geschickt." "Ach so." Sie wirft mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Plötzlich scheint sie meiner Gegenwart wieder gewahr zu werden, reißt mich am Arm von der Türschwelle wo ich bisher

unschlüssig gestanden hatte und sagt hastig "Aiden, darf ich dir Michael vorstellen? Michael, dass ich mein kleiner Bruder Aiden und das ist Michael, mein ... mein Freund." Ihre Strahlen ist umwerfend. Ich hatte sie küssen können wenn nicht just in diesem Moment die Eltern im Flur aufkreuzen würden. Schnell lasse ich Thea's Hand los. "Sehr erfreut." spult Aiden ganz der gut erzogene Junge aus gutem Hause die Begrüßungsfloskeln ab. Thea wendet sich lächelnd ihren Eltern zu und sagt "Mutti, Vati, das hier ist Michael." Fehlte nur noch das sie mich wie einen

Teddybären zwischen ihren Händen vor ihrem Bauch hält. Aber sie ist sicherlich ebenso nervös wie ich, drum sei es ihr verziehen. "Guten Abend, Mrs. van der Woodsen." Ich wende mich Thea's Mutter zu, die eine perfekte etwas ältere Kopie ihrer Tochter ist, ergreife ihre Hand und führe sie an meinem Mund. An ihren erstaunt nach oben gezogenen Augenbrauen sehe ich das sie einen Handkuss nicht erwartet, ja vielleicht nicht einmal gewohnt ist. "Es freut mich, Sie kennen zu lernen." schnurre ich. Anschließend wende ich mich an Thea's Vater, "Mister van der Woodsen." Ich ergreife die von ihm angebotene

Hand. "Die Freude ist ganz auf unserer Seite." murmelt ihr Vater. Thea und Aiden stehen derweilen feixend Arm in Arm daneben. "Dann lasst uns ... uns mal ..." "Was essen gehen." vollendet Thea lächelnd den Satz den ihre Mutter nicht scheinbar nicht im stande war ihn auszusprechen. Diese nickt nur und bedeutet uns mit einer Geste uns zu folgen. Mister van der Woodsen legt freundschaftlich seinen Arm um mich und geleitet mich so ins Speisezimmer. Als sein Arm mich berührt zucke ich unwillkürlich leicht zusammen. Ein Mann der einen anderen Mann aus

etwas anderem als Hass berührt bin ich nicht gewohnt. "Und Sie sind also Brite?" fragt er freundlich um das Gespräch in Gang zu bringen. Ich nicke "Stimmt. London. Da bin ich geboren und aufgewachsen." "Und Sie sind in der Verlagsbranche, sagt Thea." "Stimmt wieder. Meinem Vater, nein jetzt mir gehört die Thompson-Harisson Verlagsgruppe." Er nickt. "Wir agieren Europaweit. Ich möchte, jetzt wo ich alle Fäden in der Hand halte gern auch nach Amerika expandieren. Na mal sehen." erkläre ich schulterzuckend.

"Na ja, Hauptsache Sie entführen uns unsere Tochter nicht dort hin! Bis nach England können wir es gerade noch ertragen," scherzt er und klopft mir auf die Schulter. Die Geschwister folgen uns und tuscheln dabei leise. Das können sie bei Tisch weiterhin tun, denn Thea's Mutter hatte die Tischordnung so vorgesehen, dass sie nebeneinander sitzen und ich meiner Zukünftigen direkt gegenüber. Neben mir nahm sie selbst Platz und ihr gegenüber, neben Thea der Vater. Kaum hat sie allen einen Teller mit köstlich duftender Pilzrahmsuppe vor die Nase gestellt und sich hingesetzt da

feuert sie schon die ersten Fragen in meine Richtung ab. "Und Sie sind also Brite?" Das hatten wir schon. Ich nicke mit dem Löffel in der Hand. "Und Sie leben wo da? In London." Ich nicke. "Ja genau. Dort bin ich geboren und aufgewachsen." "Und Sie haben einen Verlag oder so?" Ich nicke erneut und schlucke erst einmal runter ehe ich antworte. "Ja, ich bin Alleineigentümer der Thompson-Harisson Verlagsgesellschaft." Sie nickt stumm und isst weiter. Sicher überlegt sie sich dabei weitere Fragen. Ich esse ebenfalls. "Und Sie wollen Thea mit nach London

nehmen?" "Ja, sehr gern! Wenn Sie es erlauben." antworte ich ehrlich. Sie sieht mich an als müsste sie darüber nachdenken ob ich sie gerade auf den Arm genommen habe. "Ich liebe Ihre Tochter! Sehr sogar. Nichts würde mich glücklicher machen als mit ihr an meiner Seite alt zu werden." fahre ich aufrichtig fort. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus. Frau van der Woodsen sieht mich mit verdächtig glänzenden Augen an. Sie wird doch wohl nicht anfangen zu weinen. Auch den anderen ist ihr Schweigen aufgefallen. Ihr Mann starrt sie über den Tisch hinweg an und auch

Aiden und Thea schauen zu uns herüber. "Alles in Ordnung, Jutta?" fragt Mister van der Woodsen. Die angesprochene nickt und wischt sich verlegen lächelnd mit der Serviette die Augenwinkel. "Alles ist in Ordnung. Ich war nur ... nur ... bewegt." murmelt sie. Ich kann mir ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. Thea bemerkt es, unsere Blicke treffen sich und sie zwinkert mir zu. Ich hatte den ersten Treffer erzielt.

15.

Nach dem Essen bat ich Mister van der Woodsen um eine Unterredung unter vier Augen. Seine Mimik durchlief von Verwunderung, über Erkenntnis bis hin zu glücklicher Vorfreude alles. Als er in seinem Arbeitszimmer die Tür hinter sich geschlossen hatte fragt er. "Möchten Sie etwas trinken, Michael?" "Gern. Vielen Dank." "Nehmen Sie platz." erwidert er freundlich und deutet auf zwei bequem aussehende rot braune Ledersessel links von uns. Er selbst durchquert den Raum um aus einer Bar neben dem Bücherregal zwei Gläser und eine Flasche Whiskey zu

holen. Er kommt zu mir herüber, schenkt beide Gläser voll und reicht mir das eine. Dann stellt er die angebrochene Flasche auf den Tisch zwischen uns und nimmt selbst mir gegenüber platz. "Und, was ist es was Sie mir nur unter vier Augen sagen können?" Sein unauffälliges Lächeln sagt mir das er es sich ganz gut selbst ausmalen kann. Jetzt war es soweit. Ich nehme einen Schluck um mir Mut zu zusprechen, stelle das Glas zurück und straffe meine Schultern. "Nun ja ... es ... es geht ..." "Um Anthea möchte ich wetten." vollendet er lächelnd meinen Satz. Nervös drehe ich das Glas in meiner

Hand. Ich starre ihn an und nicke. "Ja, genau. Ich ... ich möchte Sie ..." "Hör mit diesem gestammele auf, Michael!" ruft mich die verflixte Innere Stimme zur Räson. "Sei ein Mann und bring es hinter dich!" Harald sieht mir abwartend lächelnd entgegen. Vielleicht erinnert er sich ja daran wie es ihm selbst ergangen ist, damals als er bei dem Vater seiner Frau um deren Hand angehalten hatte. "Entschuldigung!" bitte ich mit einem schiefen Grinsen. Harald nickt nur wissend lächelnd und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. "Also was ich sagen wollte ... Ich möchte

... Nein, ich habe mich und das sollten Sie wissen unsterblich in Ihre Tochter ... verliebt." Sein Grinsen wird breiter. Ich fahre fort. "Und weil das so ist und ich sie nicht mehr verlieren will ... Sie brauchen keine Sorge zu haben das ich nicht gut für sie sorgen könnte. Ich habe Geld ... viel Geld. Nun ja, zumindest bald." gebe ich zerknirscht zu. Mein Gegenüber stellt sein Glas auf dem Tisch ab, lehnt sich in seinem Sessel zurück und sagt aufmunternd, "Nur weiter." Lächelnd presst er die Handflächen unter seinem Kinn zusammen und sieht mir aufmunternd

entgegen. "Ich weiß, die Tochter so weit weg ... in England ... das ist schwer. Aber es gibt ja Flugzeuge ... und Autos gibt es auch. Aber das wissen Sie natürlich." "Was redest du denn da?" Denke ich panisch. "Du drehst gerade völlig durch." Nach einem weiteren tiefen Ein- und Ausatmen sage ich deutlich ruhiger. "Entschuldigung! Nochmal. Das ist nicht einfach für mich. Ich habe so etwas noch nie zuvor getan." "Das will ich hoffen." raunt Mister van der Woodsen grinsend. Ich ignoriere ihn und fahre fort. "Ich möchte Sie ... hier und heute ... um die Erlaubnis bitten Ihrer Tochter Anthea

einen Antrag machen zu dürfen!" Schweigen. Harald lässt mich zappeln während er weiterhin scheinbar in Gedanken vertieft ins Leere blickt. Schließlich sagt er. "Das ist sehr ungewöhnlich. Für die heutige Zeit, meine ich." "Wirklich? Macht man das nicht so?" frage ich verwundert. "Ich hatte angenommen, dass man das genau so macht. Nun ja, nicht genau wie ich es gemacht habe. Diese Stammelei und so. Aber ..." Er hebt die Hand um mich zum Schweigen zu bringen. "Ich meinte, dass heutzutage kaum noch jemand sich die Mühe macht die Etikette zu achten. Aber

das zeigt nur, dass Sie eine gute Erziehung genossen haben, Michael. Und das gefällt mir! Meiner Gattin ebenfalls, dass kann ich sagen. Ihr führt zwar noch keine lange Beziehung. Bei Gott, sie steckt wahrlich noch in den Kinderschuhen. Theoretisch kennt ihr euch noch gar nicht richtig." Oh oh. Er erteilt mir eine Abfuhr. Unbeirrt fährt er fort, "Allerdings könnt ihr die Chance nutzen und euch gemeinsam was Gutes aufbauen. Ganz von vorn anfangen. Sie hatte einige Schwierigkeiten zu bestehen." Ich zwinge mich den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken. "Ich nehme doch an, dass Sie über die

nötige Reife verfügen sich gut um meine Tochter zu kümmern!" Eifrig aber stumm nicke ich zustimmend. "Ein angenehmes Leben können Sie ihr ja scheinbar bieten. Aber eines sage ich Ihnen, Michael, ich habe keine Lust eure Gesichter tagtäglich auf den Titelbildern der Klatschpresse sehen zu müssen!" Ich schüttle den Kopf. Wenn er wüsste wie verhasst mir selbst dieser Umstand ist. Daran gewöhnt sein und es ablehnen sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. "Ich verspreche es. Ich kümmere mich gut um Thea! Ich werde ihr die Welt zu Füßen legen." "Na na, die Welt muss es ja nicht gleich sein. Ihre Liebe reicht schon. Dessen

sind Sie sich ja scheinbar sicher?" Das war die eine wichtigste Frage. Ernsthaft antworte ich klar und deutlich, "Ich verspreche so wahr ich Michael Thompson heiße, dass ich mein Leben lang auf Thea acht geben, sie lieben und ehren werde." "Bis dass der Tod euch scheidet, ich weiß schon." murmelt er lächelnd. Einen Moment sieht er mich schweigend an. Mir bricht der Schweiß aus. Jetzt habe ich schon so viele Vorstandssitzungen und Verhandlungen durchgestanden, doch so eine scheiß Angst zu versagen wie in diesem Moment hatte ich in meinem Leben nicht. Na ja, außer bei meinem

Erzeuger. Schließlich meint er, "Ich antworte dir, Junge: meinen Segen hast du. Mache meiner Tochter einen Antrag!". Und während er spricht breitet sich auf seinem Gesicht ein breites Grinsen aus. Das gesprochene braucht einige Sekunden um von meinem Hirn verarbeitet zu werden. Doch dann strahle ich. "Sie werden es nicht bereuen. Thea kann Sie besuchen kommen so oft und wann sie es will. Und Sie beide sind selbstverständlich jederzeit bei uns in London willkommen." Harald nickt verständig. Doch plötzlich verdüstert sich sein Gesicht und seine Mimik nimmt einen ernsten Zug an. Er

beugt sich vor und raunt. "Dir ist doch klar, dass ich dir jetzt die obligatorische Rede halten muss die jeder Vater einer Tochter vom Stapel lässt wenn er in eine solche Situation kommt?" Ich weiß zwar nicht wovon er spricht, doch ich nicke zustimmend. Harald fährt mit ernster Miene fort. "Du brauchst dir nicht einbilden, dass du meine Tochter nach England verschleppen kannst und sie somit meiner Obhut entziehst. Wenn du meiner einzigen Tochter auch nur einmal Kummer bereitest, sie hintergehst oder betrügst, bekommst du es mit mir zu tun. Ich werde dich finden und dich zur Rechenschaft

ziehen." Schon wieder so ein blöder Kloß in meinem Hals. "Hast du mich verstanden?" fragt er. Ich nicke stumm. Schweigen. Plötzlich steht er lachend auf und breitet die Arme aus. "War doch nur Spaß. Komm her!" ruft er lachend. Verwirrt stehe ich auf. Harald zieht mich in einem herzliche Umarmung. "Willkommen in der Familie, Junge! Und du darfst ab jetzt Harald zu mir sagen!" Erleichtert klopfe ich ihm auf die Schulter. "Danke. Danke sehr. Aber genau genommen kannst du mich erst

dann willkommen heißen wenn Thea Ja gesagt hat." gebe ich zu bedenken. Er greift nach meinen Oberarmen und hält mich eine Armlänge von sich. "Hast du Zweifel das sie nicht Ja sagen könnte?" "Nö." grinse ich. "Ich wollte nur die Reihenfolge einhalten. Ich bin mir sicher das sie ebenso in mich verliebt ist wie ich in sie." lüge ich. "Na dann ist doch alles gut." meint er und setzt sich wieder in seinen Sessel. Auffordernd hält er mir sein Glas entgegen. Ich greife nach meinem und proste ihm zu. "Auf euch!" ruft Harald. "Danke." murmle ich und

trinke. Das wäre geschafft jetzt muss ich mir nur noch einen originellen Antrag einfallen lassen. Irgendwas was zu uns passt. Es wäre deutlich einfacher wenn ich meine Braut in Spe besser kennen würde. Nach dem Essen bat ich Mister van der Woodsen um eine Unterredung unter vier Augen. Seine Mimik durchlief von Verwunderung, über Erkenntnis bis hin zu glücklicher Vorfreude alles. Als er in seinem Arbeitszimmer die Tür hinter sich geschlossen hatte fragt er. "Möchten Sie etwas trinken, Michael?"

"Gern. Vielen Dank." "Nehmen Sie platz." erwidert er freundlich und deutet auf zwei bequem aussehende rot braune Ledersessel links von uns. Er selbst durchquert den Raum um aus einer Bar neben dem Bücherregal zwei Gläser und eine Flasche Whiskey zu holen. Er kommt zu mir herüber, schenkt beide Gläser voll und reicht mir das eine. Dann stellt er die angebrochene Flasche auf den Tisch zwischen uns und nimmt selbst mir gegenüber platz. "Und, was ist es was Sie mir nur unter vier Augen sagen können?" Sein unauffälliges Lächeln sagt mir das er es sich ganz gut selbst ausmalen kann.

Jetzt war es soweit. Ich nehme einen Schluck um mir Mut zu zusprechen, stelle das Glas zurück und straffe meine Schultern. "Nun ja ... es ... es geht ..." "Um Anthea möchte ich wetten." vollendet er lächelnd meinen Satz. Nervös drehe ich das Glas in meiner Hand. Ich starre ihn an und nicke. "Ja, genau. Ich ... ich möchte Sie ..." "Hör mit diesem gestammele auf, Michael!" ruft mich die verflixte Innere Stimme zur Räson. "Sei ein Mann und bring es hinter dich!" Harald sieht mir abwartend lächelnd

entgegen. Vielleicht erinnert er sich ja daran wie es ihm selbst ergangen ist, damals als er bei dem Vater seiner Frau um deren Hand angehalten hatte. "Entschuldigung!" bitte ich mit einem schiefen Grinsen. Harald nickt nur wissend lächelnd und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. "Also was ich sagen wollte ... Ich möchte ... Nein, ich habe mich und das sollten Sie wissen unsterblich in Ihre Tochter ... verliebt." Sein Grinsen wird breiter. Ich fahre fort. "Und weil das so ist und ich sie nicht mehr verlieren will ... Sie brauchen keine Sorge zu haben das ich nicht gut für sie sorgen könnte. Ich habe

Geld ... viel Geld. Nun ja, zumindest bald." gebe ich zerknirscht zu. Mein Gegenüber stellt sein Glas auf dem Tisch ab, lehnt sich in seinem Sessel zurück und sagt aufmunternd, "Nur weiter." Lächelnd presst er die Handflächen unter seinem Kinn zusammen und sieht mir aufmunternd entgegen. "Ich weiß, die Tochter so weit weg ... in England ... das ist schwer. Aber es gibt ja Flugzeuge ... und Autos gibt es auch. Aber das wissen Sie natürlich." "Was redest du denn da?" Denke ich panisch. "Du drehst gerade völlig durch." Nach einem weiteren tiefen Ein- und Ausatmen sage ich deutlich ruhiger.

"Entschuldigung! Nochmal. Das ist nicht einfach für mich. Ich habe so etwas noch nie zuvor getan." "Das will ich hoffen." raunt Mister van der Woodsen grinsend. Ich ignoriere ihn und fahre fort. "Ich möchte Sie ... hier und heute ... um die Erlaubnis bitten Ihrer Tochter Anthea einen Antrag machen zu dürfen!" Schweigen. Harald lässt mich zappeln während er weiterhin scheinbar in Gedanken vertieft ins Leere blickt. Schließlich sagt er. "Das ist sehr ungewöhnlich. Für die heutige Zeit, meine ich." "Wirklich? Macht man das nicht so?" frage ich verwundert. "Ich hatte

angenommen, dass man das genau so macht. Nun ja, nicht genau wie ich es gemacht habe. Diese Stammelei und so. Aber ..." Er hebt die Hand um mich zum Schweigen zu bringen. "Ich meinte, dass heutzutage kaum noch jemand sich die Mühe macht die Etikette zu achten. Aber das zeigt nur, dass Sie eine gute Erziehung genossen haben, Michael. Und das gefällt mir! Meiner Gattin ebenfalls, dass kann ich sagen. Ihr führt zwar noch keine lange Beziehung. Bei Gott, sie steckt wahrlich noch in den Kinderschuhen. Theoretisch kennt ihr euch noch gar nicht richtig." Oh oh. Er erteilt mir eine

Abfuhr. Unbeirrt fährt er fort, "Allerdings könnt ihr die Chance nutzen und euch gemeinsam was Gutes aufbauen. Ganz von vorn anfangen. Sie hatte einige Schwierigkeiten zu bestehen." Ich zwinge mich den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken. "Ich nehme doch an, dass Sie über die nötige Reife verfügen sich gut um meine Tochter zu kümmern!" Eifrig aber stumm nicke ich zustimmend. "Ein angenehmes Leben können Sie ihr ja scheinbar bieten. Aber eines sage ich Ihnen, Michael, ich habe keine Lust eure Gesichter tagtäglich auf den Titelbildern der Klatschpresse sehen zu müssen!"

Ich schüttle den Kopf. Wenn er wüsste wie verhasst mir selbst dieser Umstand ist. Daran gewöhnt sein und es ablehnen sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. "Ich verspreche es. Ich kümmere mich gut um Thea! Ich werde ihr die Welt zu Füßen legen." "Na na, die Welt muss es ja nicht gleich sein. Ihre Liebe reicht schon. Dessen sind Sie sich ja scheinbar sicher?" Das war die eine wichtigste Frage. Ernsthaft antworte ich klar und deutlich, "Ich verspreche so wahr ich Michael Thompson heiße, dass ich mein Leben lang auf Thea acht geben, sie lieben und ehren

werde." "Bis dass der Tod euch scheidet, ich weiß schon." murmelt er lächelnd. Einen Moment sieht er mich schweigend an. Mir bricht der Schweiß aus. Jetzt habe ich schon so viele Vorstandssitzungen und Verhandlungen durchgestanden, doch so eine scheiß Angst zu versagen wie in diesem Moment hatte ich in meinem Leben nicht. Na ja, außer bei meinem Erzeuger. Schließlich meint er, "Ich antworte dir, Junge: meinen Segen hast du. Mache meiner Tochter einen Antrag!". Und während er spricht breitet sich auf seinem Gesicht ein breites Grinsen aus. Das gesprochene braucht einige

Sekunden um von meinem Hirn verarbeitet zu werden. Doch dann strahle ich. "Sie werden es nicht bereuen. Thea kann Sie besuchen kommen so oft und wann sie es will. Und Sie beide sind selbstverständlich jederzeit bei uns in London willkommen." Harald nickt verständig. Doch plötzlich verdüstert sich sein Gesicht und seine Mimik nimmt einen ernsten Zug an. Er beugt sich vor und raunt. "Dir ist doch klar, dass ich dir jetzt die obligatorische Rede halten muss die jeder Vater einer Tochter vom Stapel lässt wenn er in eine solche Situation kommt?" Ich weiß zwar nicht wovon er spricht, doch ich nicke zustimmend.

Harald fährt mit ernster Miene fort. "Du brauchst dir nicht einbilden, dass du meine Tochter nach England verschleppen kannst und sie somit meiner Obhut entziehst. Wenn du meiner einzigen Tochter auch nur einmal Kummer bereitest, sie hintergehst oder betrügst, bekommst du es mit mir zu tun. Ich werde dich finden und dich zur Rechenschaft ziehen." Schon wieder so ein blöder Kloß in meinem Hals. "Hast du mich verstanden?" fragt er. Ich nicke stumm. Schweigen. Plötzlich steht er lachend auf und breitet

die Arme aus. "War doch nur Spaß. Komm her!" ruft er lachend. Verwirrt stehe ich auf. Harald zieht mich in einem herzliche Umarmung. "Willkommen in der Familie, Junge! Und du darfst ab jetzt Harald zu mir sagen!" Erleichtert klopfe ich ihm auf die Schulter. "Danke. Danke sehr. Aber genau genommen kannst du mich erst dann willkommen heißen wenn Thea Ja gesagt hat." gebe ich zu bedenken. Er greift nach meinen Oberarmen und hält mich eine Armlänge von sich. "Hast du Zweifel das sie nicht Ja sagen könnte?" "Nö." grinse ich. "Ich wollte nur die

Reihenfolge einhalten. Ich bin mir sicher das sie ebenso in mich verliebt ist wie ich in sie." lüge ich. "Na dann ist doch alles gut." meint er und setzt sich wieder in seinen Sessel. Auffordernd hält er mir sein Glas entgegen. Ich greife nach meinem und proste ihm zu. "Auf euch!" ruft Harald. "Danke." murmle ich und trinke. Das wäre geschafft jetzt muss ich mir nur noch einen originellen Antrag einfallen lassen. Irgendwas was zu uns passt. Es wäre deutlich einfacher wenn ich meine Braut in Spe besser kennen würde.

16.

Dieser Gedanke, wie ich ihr einen eindrucksvollen Antrag machen könnte, ließ mich die ganze Nacht wach bleiben. Thea neben mir schlief selig. Sie war ein Seitenschläfer, dass hatte ich mittlerweile, mit eigenen Augen in Erfahrung bringen können. Ihre kleine Hand unter die Wange geschoben machte sie einen süßen Schmollmund. Sie seufzt. Scheint zu träumen. Ob ich wohl Gegenstand dieses Traums bin? Wie sollte ich dieser süßen, bezaubernden, vor Fröhlichkeit sprühenden Frau einen Antrag machen? Hatte ich überhaupt diese Art Gefühle

um sie um ihre Hand zu bitten? War ich verliebt in sie? Oder tat ich das alles nur um die Anforderung meines Vaters zu erfüllen? Während ich Thea beim schlafen beobachte festigt sich in mir mehr und mehr ein gewisser Stolz. Ich war stolz sie gefunden zu haben. Stolz, dass sie für mich gewinnen konnte. Stolz, dass sie mich zum Mann nehmen will. Und ich war stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, das ein anderer Mensch mich mag. Doch konnte ich diesen Aspekt überhaupt zu meinem Vorzügen hinzuzählen?

Schließlich weiß sie nicht wer ich wirklich bin. Welche kranke sadomasochistische Seele in mir haust. Erneut kommt ein süßes Seufzen über ihre sinnlichen Lippen. Ich senke den Blick und betrachte sie gedankenverloren. Ihr rotes lockiges Haar liegt wie ein Fächer ausgebreitet auf dem weißen Kissen. Ihre Haut, so hell und makellos Alabaster. Ein winziges Muttermal an ihrem Schlüsselbein. Ob ich sie küssen sollte? Ein Kuss. Gehaucht an ihrem Hals. Doch sicherlich würde ich sie damit wecken und dann könnte ich nicht weiter Pläne schmieden.

Ich zwinge mich den Blick abzuwenden und starre auf mein Smartphone. Nach einer gefühlt stundenlangen Recherche ob und wo in Berlin es romantische Orte für einen Heiratsantrag gibt, gebe ich auf und beschließe dieses Vorhaben auf mein Territorium zu verlegen. In London kannte ich mich aus. Thea liebt England. Sicherlich würde es ihm mehr zusagen dort irgendwo einen Antrag zu bekommen. Á la Jane Austen oder so. Mir liegt die romantische Seite nicht. Das mag an meiner Vergangenheit in der Hölle oder an meinen verkorksten Genen

liegen, jedenfalls bin ich nicht in der Lage zu derartig romantischen Sachen auf die Frauen zu stehen scheinen. Da ich in dieser Nacht sowieso keinen Schlaf mehr würde finden können, konnte ich den Versuch gleich bleiben lassen. Stattdessen legte ich mein Handy auf den Nachttisch hinter mir drehte mich auf die Seite und beobachtete Thea beim schlafen. Gerade als mir doch die Lider schwer wurden und ich einzunicken drohte, seufzte Thea, "Michael." Sofort war ich wieder hellwach und sah sie an. Ihr Mund war zu einem seeligen Lächeln verzogen. Ihre Hand, vorhin noch unter ihrer Wange suchte nun tastend im schlaf nach etwas. Ich wagte

einen Versuch und legte meine Hand ihrer in den Weg. Als ihre Finger meine schreiften, verharrten sie und umfassten sie schließlich fest. "Ich liebe dich.", murmelt sie. Oder zumindest klang es danach. Meine Augen weiteten sich. Sie glaubt mich zu lieben? Einen Mann den sie erst seit kurzem kennt und das auch nur zum Schein. Ich lasse sie nur das sehen was sie sehen soll. Sie glaubt in mir einen Traumprinzen gefunden zu haben. Was für ein fieses Arschloch ich doch bin! Um meine Interessen durchzusetzen entreiße ich sie ihrer Familie. Entwurzel sie sogar ihres Heimatlandes.

Bis sie in ein paar Tagen dann mit mir zusammen in einem riesigen Haus in Mayfair sitzt. Und wenn sie erstmal 24 Stunden am Tag mit mir zusammen ist, wird es nicht lange dauern bis sie erfährt was für ein Mensch ich bin. Dann wird sie vollkommen allein sein. Ohne Familie. Ohne Freunde. In der Fremde. Das kann ich ihr nicht antun. Das darf ich ihr nicht antun. "Ach, siehst du es endlich ein?", meldet sich meine Innere Stimme mal wieder in den unpassendsten Moment. "Du bist Gift für sie. Für jeden in deiner

Nähe." "Schnauze!", murmle ich leise. "Geh' lieber! Erspar dir die Schmach sie gebrochen zu sehen.", rät sie mir. Ich schüttel den Kopf. "Nein. Ich hab sie gerade erst gefunden." "Du wirst ihr weh tun." "Nein. Unmöglich. Ich ... dafür ist sie mir viel zu wichtig.", gebe ich verzweifelt zurück. Die Stimme macht nur ein abfälliges Geräusch. Hatte sie recht? Wäre es tatsächlich besser Thea gehen zu lassen? Aus ihrem Leben zu verschwinden ehe ich ernsthaften Schaden anrichte. Verzweifelt fahre ich mir mit der Hand

durch das Haar. "Na, siehst du es ein?" Ich betrachte die schlafende Schönheit neben mir. Sie schläft ruhig weiter. Bekommt meinen innerlichen Kampf gar nicht mit. So zerbrechlich. So fröhlich. So positiv dem Leben eingestellt. Die Stimme hat recht. Das kann ich unmöglich tun. Ich bin zwar ein egoistisches Arschloch, aber das würde ich mir selbst mein Leben lang nicht verzeihen können. Vorsichtig lehne ich mich zu ihr herunter. Ein Kuss noch. Ein letzter Kuss musste mir noch gewährt sein.

Vorsichtig, um sie nicht zu wecken drücke ich meine Lippen auf die ihre. Wieder folgt ein wohliger Laut aus ihrem Mund. Dieses wundervolle Geräusch, für immer in meinem Herzen verschlossen aufbewahrt, stehle ich mich aus ihrem Bett, ziehe mir die Hose und mein Hemd über und verlasse Thea. Als ich am Morgen erwachte war das Bett neben mir leer. Wo war Michael? Sicherlich im Bad. Oder in der Küche. Vielleicht machte er gerade Frühstück für uns. Ein romantisches Frühstück im Bett. War er der Typ dafür? Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich es gar nicht.

Genau genommen weiß ich gar nichts von im. "Michael.", rufe ich laut in den Raum. Nichts. Mit gespitzten Ohren lausche ich ob ich verräterische Geräusche aus der Wohnung höre. Das klappern von Geschirr in der Küche vielleicht oder das prasselnde Geräusch des Wassers aus der Dusche im Bad. Vollkommene Stille. Verunsichert verlasse ich das Bett und verlasse auf nackten Füßen das Schlafzimmer. Im Gehen streife ich mir meinen Morgenmantel über. "Michael?" In der Küche ist er schonmal nicht. Hier hatte heute noch gar niemand einen

Handgriff getan. Vorsichtig klopfe ich an die geschlossene Badezimmertür. "Bist du da drin?", rufe ich leise. Es konnte ja immerhin sein, dass er Magenprobleme hat. Ich lege ein Ohr an das Holz der Tür und lausche. Nichts. Nicht das leiseste Geräusch war zu vernehmen. Meine Hand drückt bereits die Klinke herunter ehe ich eine Warnung aussprechen kann. Das Bad ist leer. Dennoch schweift mein Blick zur Toilette. Wie zu erwarten war saß er da ebenfalls nicht. Überflüssigerweise rufe ich ein weiteres Mal "Michael." laut in die Wohnung. Ein unbestimmtes Gefühl macht sich von meinem Magen ausgehend in mir breit.

Und dieses Gefühl fühlte sich absolut nicht gut an. Eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit flammt auf. Erinnerung an meinen Ex der mir mit seinen Eskapaden das Leben schwer gemacht hat. Die Erinnerung wie ich ihn fand - tod. Mit der Nadel die noch in seiner Armbeuge steckte. Diese leblosen Augen die starr geradeaus schauen werde ich mein Lebtag nicht mehr vergessen können. "Michael. Wo bist du?", rufe ich und kann gar nichts dagegen tun, dass meine Stimme einen verzweifelten Ton annimmt und das sich in meinen Augen die Tränen

sammeln. Nun doch ziemlich verzweifelt begebe ich mich in der gesamten Wohnung auf die Suche nach einem Zettel oder ähnlichem. Einen Beweis, das er nur mal kurz weg war um ... sagen wir Brötchen zu kaufen. Doch ich finde nichts. Darüber hinaus finde ich keinen Beweis seiner Existenz in meiner Wohnung. Es ist so, als wäre Michael nie hier gewesen. So schnell ich kann renne ich ins Schlafzimmer zurück. Ich greife nach meinem Handy auf dem Nachttisch und mit zitternden Fingern wähle ich seine Nummer und halte mir gespannt das kleine Gerät ans Ohr.

Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal, ... Ich lasse es klingeln bis mein jämmerlicher Versuch ihn zu erreichen vom Provider mit einem dauerhaften Piepton abgebrochen wird. Nun konnte ich nichts mehr dagegen tun, dass die Tränen überlaufen und in heißen salzigen Sturzbächen über meine Wangen laufen. Noch ein weiteres Mal versuche ich es. Mit dem selben Ergebnis. Verzweifelt lasse ich mich auf das Bett fallen. Warum hatte er das getan? Warum hatte er mich verlassen? Es war doch alles gut. Wir hatten uns doch gerade erst

gefunden. Jetzt sitze ich schon seit geschlagenen zwei Stunden in diesem beschissenen Terminal. Wann würden die es hier endlich auf die Reihe kriegen ein Flugzeug Richtung London in die Luft zu schicken? Ich musste weg aus Berlin. So schnell es geht. Ehe Thea noch auf die Idee kommt und mich zu suchen beginnt. Sicherlich würde sie als erstes im Flughafen suchen. Zumindest war es doch in diesen beschissenen Liebesschnulzen immer so. Ich sehe auf die Uhr an meinem Handgelenk. 8:23. Sicherlich tastet ihre kleine Hand gerade nach mir auf der anderen, der leeren

Bettseite. Suchend wird sie ihre wunderschönen blauen Augen aufschlagen und sicher auch nach mir rufen. Worte die den Empfänger niemals erreichen werden. Ein bedrückendes Gefühl von unendlicher Traurigkeit macht sich in mir breit. Gerade in diesem Moment spielt das Flughafenradio den Song "You found me" von Fray. Scheiße! Warum ausgerechnet jetzt? "Heul nicht rum!" "Ach halt's Maul!", knurre ich. Der Anzugträger der zwei Plätze neben mir in einem weiteren Sessel sitzt sieht mich misstrauisch über den Rand seiner

Zeitung an. Meine Hand fliegt zu meinem Handy in meiner Jackentasche. Ich will nur mal nachsehen ob sie schon wach ist. "Lass es sein! Du musst konsequent sein! Ihr zuliebe.", mahnt diese beschissene Stimme in meinem Kopf. Verzweifelt raufe ich mir das Haar. "Aber es ist so verdammt schwer.", brumme ich mit zusammengebissen Zähnen. Der Mann knistert energisch mit seiner Zeitung. Sicher denkt er, ich sei ein überarbeiteter Manager oder ähnliches und führe verzweifelte Selbstgespräche. So unrecht hätte er damit ja nicht. "Klar ist es schwer. Aber es war die

beste Entscheidung sie zu verlassen. Und wenn du ehrlich zu dir selber bist, gilt deine Liebe doch sowieso nur dem einen." "Nein!", knurre ich laut. "Ich ... ich ... ich bin ... ich li ... ich mag sie wirklich!" Meine Güte habe ich gerade laut rumgejammert? "Tja. Aber trotzdem sitzt du hier." Stimmt. Das lässt sich ändern. Energisch komme ich auf die Füße. Gepäck habe ich keines, daher kann ich ungehindert direkt zu dem Ausgang gehen und ... "Sehr geehrte Damen und Herren. Der Flug LH7023 steht zum Abflug bereit. Wir bitte alle Passagiere sich zu den Check-in Schaltern zu

begeben." Erstarrt bleibe ich vor der Automatischen Tür der VIP- Lounge stehen. "Tja, es hat wohl nicht sollen sein.", lässt die Innere Stimme gehässig verlauten. Entnervt oder verzweifelt ich weiß es selbst nicht so genau stoße ich die Luft laut aus. Die einzige Person die sich zur Zeit neben mir hier aufgehalten hat, schiebt sich mit einer gemurmelten Entschuldigung an mir vorbei durch die Tür. Noch einmal sehe ich auf meine Uhr. 8:47. Der Flug geht um 9:15. Verzweifelt fahre ich mir schon wieder mit der Hand durch's Haar. So oft ich das

heute schon getan habe muss meine Frisur wirklich furchtbar aussehen. Unschlüssig wie ich mich jetzt verhalten soll verharre ich bis eine extra an mich gerichtete Durchsage mich aus meiner Lethargie reißt. "Mister Michael Thompson wird gebeten sich an den Check-in Schalter zu begeben." War bereits so viel Zeit verstrichen? Erschrocken zucke ich zusammen und setze mich in Bewegung. Mein Weg führt mich die Treppe hinunter in die Abfertigungshalle. Eine kleine Gruppe formell gekleidete Männer kam mir entgegen. Der eine, ein jüngerer muster mich im vorbeigehen von Kopf bis Fuß. Fast so als schien er zu überlegen was

einer wie ich hier zu suchen hatte. Ich ignoriere ihn und steige weiter die Stufen hinunter. Der rechte Weg führt zum Check-in, und damit nach London. Der linke direkt zum Ausgang und somit zurück zu Thea. Unschlüssig halte ich ein weiteres Mal inne. "Oh herrgott nochmal.", meldet sich die verdammte Stimme in meinem Kopf. "Was bist du? Ein Weichei oder ein Mann? Zieh's durch und geh!" Mein Fuß macht von allein einen Schritt vorwärts. Dann noch einen und einen weiteren. "Guten Morgen, Mister Thompson." Die brünette Schönheit hinter dem Pult strahlt mich an. "Wir haben Sie bereits

vermisst." Ich habe absolut keine Ahnung wie lange ich schon in dieser Position dasitze und aus dem Fenster hinaus in den strahlenden Sommertag starre. Er ist weg. Hat mich verlassen. Mittlerweile klingelt sein Handy schon gar nicht mehr. Er hatte es ausgeschaltet. Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen weshalb er abgehauen ist. Und das ist er ja wohl. Abgehauen. Aber warum? Was habe ich falsch gemacht? Mein Rücken schmerzt. Vorsichtig recke ich mich. Langsam stehe ich auf. Die Beine fühlen sich an als würden hunderte

dünne Nadeln darin stecken. Am Fenster angekommen öffne ich es und nehme einen tiefen Atemzug. Frische kühle Morgenluft strömt in meine Lungen. Doch gut tun, tut es nicht. Meine Gedanken schweifen zurück zu den Ereignissen der letzten Zeit. Unsere erste Begegnung im Hotelflur. Der romantische Abend im London Eye hoch über der glitzernden Stadt. Die Stadt meiner Träume. Unsere Tage in Zürich. Die vielen gemeinsam verbrachten Stunden. Die Küsse, die Zärtlichkeiten, die lieben Worte, der Sex. Sollte das alles vorüber sein? Warum ist er gegangen? Torschlusspanik

vor der Ehe? Aber soweit war es doch noch gar nicht. Vielleicht hätte sein Vater, wenn er mich erst einmal kennengelernt hätte seine Meinung geändert und Michael nicht so unter Druck gesetzt. Ich hätte ihn bestimmt umstimmen können. In meinem Kopf waren so viele Fragen. So viele ungelöste Probleme. Ich musste Antworten finden. "Rose, hast du kurz Zeit?", jammere ich ins Telefon gleich nachdem sie abgenommen hatte. "Klar. Was ist denn los?", fragt meine beste Freundin unbekümmert. "Ich bräuchte mal deinen Rat.", versuche ich so locker wie möglich zu entgegnen.

"O-k-a-y.", entgegnet sie gedehnt, "Schieß los!" "N-nicht so ... Nicht am Telefon.", stammle ich und puste mir eine widerspenstige Locke aus der Stirn. "Gut. Ich sitz zwar gerade über dem Menüplan, aber wenn du magst kannst du ja herkommen?", schlägt Rose vor, "Dann kannst du mir auch gleich verraten, weshalb ich vor fünf Wochen angeordnet habe, dass es als Hauptgang Leber an Birnen geben soll." Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich dachte mir damals schon, dass das ein völlig ekelhaftes Gericht wäre. Erst recht für eine Hochzeit. Den seien wir mal ehrlich,

wie viel Prozent einer Hochzeitsgesellschaft isst gerne Innereien? "Gut. Ich komme zu dir. Halbe Stunde?" "Ist gut." Sie beendet mit einem Gruß das Telefonat. "Ach du scheiße! Wie siehst du denn aus!", keucht Rose als sie mir ihre Tür öffnet. "Na sicherlich so wie ich mich fühle.", entgegne ich gepresst und kann schon wieder nicht verhindern das mir Tränen über die Wangen laufen. Sofort werde ich an der Hand ins Wohnungs Innere gezogen. "Was ist passiert?", will sie wissen.

"Michael?" Bei der Nennung seines Namens brechen bei mir alle Dämme. Mit der freien Hand streichelt sie mir über das Haar, mit der anderen stützt sie mich gegen die Wand. "Was hat er getan?" "N-n ... nichts.", presse ich hervor. Ein Schluckauf unterbricht meinen raren Redefluss. Verständnislos zieht meine beste Freundin die Stirn kraus. "Dann verstehe ich deinen Zustand nicht.", gibt sie zu. "Er ... er hat nichts getan. Es war ... war alles g-gut. Aber h-heute ...." "Ja?" "Er war weg.", schließe ich und hoffe ihr damit meinen Zustand erklärt zu

haben. Scheinbar aber nicht, denn sie fragt verständnislos, "Wie? Weg?" Ich hebe den Kopf und sehe ihr direkt in die Augen. Hole tief Luft und sage, "Weg eben. Das Bett war leer." "Na, vielleicht war er nur einkaufen? Er hat doch gar keine Sachen mitgebracht.", mutmaßt sie. Sie will mich ablenken. Will, genau wie ich vorhin, eine rationale Antwort auf sein Verschwinden finden. Ich durchschaue sie jedoch. Niedergeschlagen schüttle ich den Kopf. "Nein, Rose. Das dachte ich auch. Zuerst. Doch dann habe ich versucht ihn

anzurufen." Auffordernd sieht sie mich an. "Nur weiter! Hat er abgenommen?" Stumm schüttle ich den Kopf, mache mich mit einer Drehung von ihr los und gehe voran in ihr Wohnzimmer wo ich mich erschöpft auf das Sofa fallen lasse. Rose kommt mir nach, setzt sich neben mich. Kaum das sie sitzt schlinge ich meine Arme um ihren Hals und drücke mich an sie. "Warum hat er das getan, Rose?", schniefe ich an ihrem Hals. Vorsichtig streicht Rose mir mit der Hand über das Haar. "Ach Süße. ...", murmelt sie und verstummt. Sicher wusste sie selbst nicht weiter. Was konnte sie auch schon tun? Worte allein

waren nicht tröstend. Das weiß sie. Mehr als mich tröstend in den Armen zu halten konnte sie vorerst nicht tun. "Sir, Sie müssen jetzt bitte Ihr Mobiltelefon ausschalten!" Mal wieder der selbe Spruch. Ich muss an das letzte Mal denken als mir eine Stewardess diesen Spruch vor trug. Abwesend nicke ich und murmle, "Ja sofort." Zuerst wollte ich noch nachsehen wie oft sie es versucht hatte mich zu erreichen. 17 Anrufe in Abwesenheit. Und das erst seit dem sie wach war. Ich habe dieser Frau das Herz gebrochen. Aber besser so als wenn sie später

erfahren hätte mit wem sie sich da eingelassen hatte. Dann wäre es nämlich zu spät. Hätte ich ihr einen Brief oder so da lassen sollen? Ein paar letzte Worte. Würde sie das trösten? Ich beschließe auf dem Klo zu verschwinden und ihr eine Nachricht zu schicken. Kaum das ich mich erhoben habe leuchtet das 'Bitte Anschnallen' Symbol auf und die ältliche Frau neben mir wirft mir einen fragenden Blick zu. "Sie können jetzt aber nicht aufstehen.", meint sie anklagend auf deutsch. Zumindest glaube ich mit meinen mangelhaften Deutschkenntnissen genau das verstanden zu

haben. Stöhnend lasse ich mich wieder fallen. Dann eben hier. Ich zücke mein Smartphone und beginne zu tippen. Es räuspert sich jemand leise rechts hinter mir. "Sir, Sie müssen es jetzt wirklich ausstellen!" Schon wieder die nervtötende Flugbegleiterin. Genervt drehe ich den Kopf und fahre sie an, "Ich muss nur noch das hier kurz beenden." Doch sie bleibt stur. "Nein. Ich muss Sie wirklich bitten, es sofort auszuschalten!" "Ich mach ja gleich.", murmle ich und vertippe mich natürlich, "Scheiße!", fluche ich laut. Die Alte macht etwas in der Art wie

tststs. Mit einem Augenrollen lösche ich den Text und beginne von vorn. "Wenn Sie es nicht sofort abstellen, sehe ich mich gezwungen den Air Marshal anzufordern.", droht sie zischend. Die Alte nickt zustimmend. Darauf habe ich auch keine Lust. "Entweder den oder Sie steigen aus, Sir.", schlägt sie vor. Auch keine Option. Das würde ja heißen, dass ich in Berlin weiter festsitze und somit keinen Abstand zwischen Thea und mich bringen würde. Ich vertraue mir nicht genug, um sicher sein zu können, nicht den Airport zu verlassen und mit dem nächstbesten Taxi zu ihr zurück zu

fahren. Genervt lasse ich es demonstrativ in meiner Hosentasche verschwinden. "Zufrieden?", zische ich den beiden Frauen zu und blicke anschließend stur geradeaus. "Durchaus. Haben Sie nun einen Getränkewunsch, Sir?", geht die Stewardess sofort in einen anderen Modus über. Schweigend schüttel ich den Kopf. "Hast du nicht?", meldet sich die andere Nervensäge in meinem Kopf. "Denk dran, bald lässt die Wirkung der Tabletten nach.", erinnert sie mich mit gehässigen Unterton. "Na und?", brumme ich.

Kurz darauf sollte sie recht behalten. Fiese Magenkrämpfe und Herzrasen machten mir den Flug nicht gerade angenehm. Als wir die Reiseflughöhe erreicht und es uns wieder gestattet war aufzustehen führte mich mein erster Gang zur Toilette. Nachdem ich eine Pille eingeworfen und mich erleichtert hatte, zog ich mein Handy hervor und begann erneut eine Nachricht an Thea zu tippen. Ein richtiger Brief wäre zwar schöner gewesen, aber ... Nachdem wir die Speisenfolge für die

Hochzeit von vorn bis hinten durchgesprochen und zur endgültigen Abgabe an den Caterer fertig war, haben wir lange geredet. Eis gegessen und geredet. Am Ende hatte ich das Gefühl wenigstens halbwegs wieder hergestellt zu sein. Und genau in diesem Moment trudelte eine Nachricht von Michael ein. Erstaunt starre ich auf das Display meines Handys. "Lies! Ich platze vor Neugier.", befiehlt Rose. Ich schüttle leicht den Kopf um mich aus meiner Lethargie zu wecken, tippe auf die Nachricht damit sie zum lesen aufploppt.

Rose legt mir eine Hand auf den Oberschenkel, schweigt aber abwartend. Bereits bei den ersten Worten seiner Nachricht trübt sich mein Blick und ein Kloß bildet sich in meinem Hals. "Hey, Süße. Was ist? Was schreibt er?" Schweigend reiche ich ihr mein Smartphone damit sie es selbst lesen kann und starre auf die Hände in meinem Schoß. Leise murmelnd liest sie vor: "Meine geliebte Thea. Alle Liebesgeschichten gehen glücklich oder unglücklich aus. Insgeheim wusste ich es schon, dass mit uns konnte kein gutes Ende nehmen. Nicht nachdem ich es so versaut habe.

Thea, ich bin ein kaputter Typ. Und das Schicksal steht mir auch immer wieder im Weg. Du dagegen bist der positivste, lebensfrohste und freundlichste Mensch der mir je begegnet ist. Du bist viel zu gut für mich, das ist offensichtlich. Aber für einen kurzen Moment glaubte ich, auch mal glücklich sein zu dürfen. Doch ich wäre nicht gut für dich, glaube mir bitte. Ich liebe dich von ganzem Herzen! Und genau deshalb musste ich so weit wie möglich von dir weg gehen. Ich weiß, der Anfang wird schmerzhaft und es kann Tage dauern, vielleicht sogar Wochen. Aber irgendwann wachst du auf und wir werden nur noch eine verblasste

Erinnerung sein. Lebwohl, Thea. P.S. Bitte versuche mich nicht zu finden! Tu es dir zuliebe. xo Dein Michael" Schweigen. "Oh ha.", keucht sie nach einigen Momenten des Schweigens in denen sie sicherlich das gelesene verarbeiten musste. Genau wie ich. "Was redet er denn da?", fährt meine beste Freundin entrüstet fort. "Er ist nicht gut für dich? Du bist so glücklich wie schon ewig nicht mehr. Wie kommt er denn auf solch einen Blödsinn?" Das fragt sie ausgerechnet mich? Ich zucke ahnungslos die Schultern. "Süße, bitte, nimm dir das nicht so zu

Herzen! ..." Wenn sie noch weitere aufmunternde Worte auf lager hatte behält sie sie für sich. Wie sollte ich es mir nicht zu Herzen nehmen? Der Mann meiner Träume, in den ich mich verliebt habe hat mich ohne ersichtlichen Grund verlassen. Einfach so. Ohne Erklärung. Ganz sicher werde ich die Schuld bei mir suchen. Da kann er schreiben was er will. Mutlos und schweigend erhebe ich mich und gehe zur Wohnungstür. "Wo willst du jetzt hin?", ruft Rose und ein ängstlicher Unterton schwingt in ihrer Stimme mit. "Ich ... ich muss allein sein. Nachdenken.", murmle ich wie

paralysiert und ziehe die Tür hinter mir ins Schloss. Sie folgt mir nicht. Rose weiß eben wann es besser ist mich allein zu lassen.

17.

Rose tat ihr Bestes mich abzulenken. Doch leider war sie mit den Hochzeitsvorbereitungen stark eingeschränkt. Deshalb setzte sie Daniels besten Freund Oliver auf mich an. Er war angewiesen während der Feier und die Wochen danach sich ganz besonders aufmerksam um mich zu kümmern.  Anfangs fand ich es ja noch ganz lustig, nach einiger Zeit jedoch nervte es nur noch. Oliver klebte an mir wie die sprichwörtliche Biene am Nektar.  Wo ich war, war auch er. Wo auch immer ich hinging, er folgte mir. Irgendwann überlegte ich sogar was sie ihm wohl

versprochen hatte, dass er so engagiert war. Vielleicht einen Gratis Urlaub auf ihre Kosten um sich von meiner anstrengenden Gesellschaft zu erholen. Ich gab mir mühe wenigstens tagsüber gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Doch nachts, wenn ich Gott sei Dank allein war und keine Ablenkung hatte schlich er sich immer wieder in meinen Kopf.  Was er wohl gerade machte? Wie es ihm wohl ging? Litt er ebenso wie ich oder hatte er mich schon längst wieder vergessen? Sieben Wochen waren vergangen und kein Lebenszeichen von ihm. Selbst in

den Klatschpressen der Welt und im Internet wurde nichts über ihn berichtet. Michael hielt sich bedeckt. Nur allzu gern hätte ich etwas über ihn gelesen, nur um zu erfahren, ob es ihm gut ging. Die Hochzeit war ein guter Anlass Inspiration zu bekommen. Zwar stand mir der Sinn gerade gar nicht nach schreiben, doch es war eine gute Ablenkung. Und seit jeher war das Schreiben eine Art Therapie für mich. So konnte ich meine Sorgen jemanden anvertrauen. Meine Protagonisten waren es dann, die dieselben Sorgen durchlebten beziehungsweise damit lernen mussten klar zu kommen. Genau wie ich. Es ist wie Michael prophezeit

hat, irgendwann würden wir nur noch eine verblasste Erinnerung sein.  Direkt nach Ihren Flitterwochen zog Rose zu ihrer neuen Familie ins Gutshaus nach Brandenburg. Für sie begann ein neuer spannender Lebensabschnitt.  Für mich blieb alles beim alten. Nur das ich jetzt auf das zweite offene Ohr verzichten musste. Wenigstens hatte ich noch meinen Vater. Aber solche privaten Gespräche wollte ich nicht mit ihm führen.  Oliver schien unbedingt Abhilfe schaffen zu wollen und bat in regelmäßigen Abständen um ein Date. Ab und an willigte ich ein und traf mich mit ihm.

Immer in der Öffentlichkeit, immer so unpersönlich wie möglich.  Oli war zwar nett, jedoch so überhaupt nicht mein Typ. Seit Michael gab es nur noch einen Prototypen. Und alle anderen werden sich an ihm messen müssen.  "Wie geht es dir?", fragt Oli nachdem er mich rechts und links mit einem Wangenküsschen begrüßt hat.  "Unverändert würde ich sagen.", entgegen ich Achselzuckend. "Das ist schade zu hören!", er greift nach vor mir auf dem Tisch liegenden Händen und drückt sie sanft. "Vielleicht solltest du es dir doch noch einmal überlegen?"  "Was?"  "Na ob du mich nach Ibiza begleiten

möchtest.", grinst er voller Vorfreude.  Ich schlucke. "Sonne, Strand, Meer.", zähle ich mit einem Gesichtsausdruck als hätte ich Bauchweh murmelnd auf.  "Ja, genau.", ruft er erfreut, während ich im selben Moment fort fahre, "Klingt nicht gut für mich."  "Ja.", jubelt er und erstarrt, "Moment. Was?"  Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. "Sonne, Strand und Meer. Die Hitze dazu." Ich schütteln mich. "Das ist nichts für mich." "Warst du schonmal dort?"  Ich verneine. "Na dann kannst du es doch gar nicht wissen.", grinst er

siegessicher.  "Ich würde dir nur den Urlaub verderben. Suche dir lieber eine andere Begleitung!" Ich hoffe ihm mit meinen unmissverständlichen Worten meinen Standpunkt klar gemacht zu haben. Zumindest ist sein erfreutes Grinsen ihm wie aus dem Gesicht gewischt.  "Du bist echt seltsam!", murmelt er, "Ich habe es Rose zwar versprochen. Aber wenn du nicht willst. Was soll ich da schon ausrichten können?"  Ich zucke hilflos die Achseln. "Es ist gerade eine blöde Zeit." "Das weiß ich. Du trauerst noch diesem Verleger nach. Aber er hat dich nun mal sitzen gelassen. Sieh's endlich ein,

Thea!" "Sprich nicht so über …."  Ja, über was denn eigentlich?  Oli winkt ab. "Weißt du was, Thea, such' dir doch nen anderen Dummen!" Damit steht er auf und lässt mich mit der Rechnung für unsere Getränke allein in der Bar zurück.  In etwa zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach London erreichte mich ein Anruf aus dem St. Mary’s Hospital. Eine freundliche, aber naiv klingende Krankenschwester informierte mich darüber, dass mein Vater eingeliefert worden sei und sich über einen Besuch

seines Sohnes freuen würde. Ich hatte zwar so meine Zweifel, dass er das genauso gesagt hatte, sagte aber dennoch zu morgen mal vorbei zuschauen.  So stand ich nun am nächsten Tag im äußerst luxuriösen Krankenzimmer meines Vaters und fragte nach dessen Wohlbefinden.  “Ich liege in einem Gottverdammten Krankenhaus. Wie soll es mir da schon gehen?”, echauffiert er sich und funkelt mich mit einem Blick als würde er an meinem Verstand zweifeln an. Trotz des Umstandes, dass er als Patient in einem Krankenhaus liegt, sieht er noch immer ziemlich herrschsüchtig und erhaben aus wie er so in seinem Morgenmantel auf

dem gemachten Bett sitzt.  Statt mich über seine herablassende Art zu ärgern, schluckte ich meinen Ärger herunter und antworte nüchtern, “Natürlich.” “Willst du dich nicht hinsetzen?”, herrscht er mich an und deutet mit dem Kinn auf einen der Besuchersessel. Ja, es waren tatsächlich Sessel und nicht wie sonst üblich Stühle.  Die Illusion, dass mein Vater sich über Blumen oder Obst freuen würde hatte ich nicht, daher war ich lieber gleich ohne Präsent erschienen. Er hätte sie wahrscheinlich eh an andere Patienten weiter geschenkt oder in den Müll

geworfen.  Dennoch meinte er jetzt, “Hast du noch nie etwas davon gehört, dass man Kranken ein Präsent mitbringt?” Erstaunt sehe ich ihn an und weiß für einen Moment nicht was ich darauf antworten soll. Dann finde ich doch die Sprache wieder, versuche es mit der Wahrheit und sage, “Ich hatte angenommen, dass du auf solch Belangloses keinen gesteigerten Wert legst.” Er runzelt die Stirn, überlegt ein paar Sekunden und antwortet brummend, “Da hast du recht. Unnützer Tand.” Für einen Moment herrscht Schweigen zwischen uns, doch es konnte sich nur

um Sekunden handeln bis er wieder eine weitere Salve an Beleidigungen oder Häme über mir ausschüttet.  Da macht er schon den Mund auf. “Und, wie kommst du voran?” “Womit?” “Mit der Umsetzung meiner Vorgaben.” Für einen Moment flackert Theas Konterfei vor meinem inneren Auge auf. Wie so oft in der letzten Zeit. Ich hole tief Luft ehe ich antworte. “Genau darüber wollte ich mit dir sprechen, Vater.” “Wieso? Willst du mir etwa sagen, dass du an deinem Erbe nicht interessiert bist und die Bedingungen ausschlägst?” “Genau diese deine Bedingungen sind es

weswegen ich mit dir sprechen wollte.”, setze ich an.  Vater sieht mich mit aufmerksamen Augen und einem spöttischen Lächeln auf den Lippen an.  Innerlich wappne ich mich für das was jetzt folgen würde. “Ja also, deine Bedingungen … ich kann nicht .... will sagen, ich will nicht …” “Hör mit diesem Gestammel auf, Junge!”, unterbricht er mich laut und deutlich. Unwillkürlich zucke ich zusammen. “Sag gerade heraus was du zu sagen hast!” Ich nicke und schlucke schwer. “Ja also, ich wollte dir sagen, dass ich nicht bereit bin deine Bedingungen zu

erfüllen!”  Vaters Stirn schlägt Falten. Schnell beeile ich mich anzumerken, “Zumindest nicht so.” “Kannst du mir das auch näher erläutern?”, will er wissen. Ich nicke zustimmend. “Natürlich. Einige der Bedingungen sind unmöglich in der kurzen Zeit von 12 Monaten zu erfüllen.” “Es tut mir leid, dass man meine Lebenszeit auf nur noch 12 Monate schätzt, mein Sohn. Wenn ich könnte wäre ich dir gern behilflich.”, ätzt er. Und genau daran habe ich meine Zweifel. Er würde es fertig bringen und mich auch nach seinem Tod weiter zu drangsalieren. “Du sagst es sind einige der

Bedingungen nicht alle. Um welche handelt es sich, Michael?” “Entschuldige, ich wollte nicht … So sollte es nicht rüber kommen … Ich wollte nur sagen, dass sich einige Punkte nicht so schnell … erledigen lassen.”, stammel ich schon wieder.  Reiß dich zusammen, man! Heutzutage kann er dir nichts mehr anhaben. Du kannst dich wehren und wenn das nur bedeutet ihn einfach stehen zu lassen. “Eine Ehefrau zum Beispiel.”, führe ich an. “Wie soll ich bitteschön in der kurzen Zeit eine Frau finden, sie um ihre Hand bitten und heiraten. Und dann noch Kinder …”  “Siehst du, und ich hatte angenommen du

hättest bereits eine junge Dame in Aussicht.”, erwidert er kryptisch.  “J-junge Dame?”, frage ich verwundert.  Vater verzieht den runzeligen Mund zu einem spöttischen Lächeln. “In Zürich.” Erkenntnisse erhellt meinen Geist. Natürlich. Thea. “Ach du meinst, T …”, beginne ich leise, etwas lauter fahre ich fort, “Ich wusste gar nicht das du Boulevardblätter liest?”  “Sie gehören nicht zu meiner üblichen Lektüre. Ich habe jedoch Leute die ihre Augen offen halten und mir berichten.” , erklärt er.  Der Kloß in meinem Hals schwoll mindestens zur doppelten Größe an. Ich hatte immer angenommen, Vater würde

von meinen Eskapaden nichts mitbekommen. Nun war mein regelmäßiger Raport noch peinlicher als ohnehin schon. Hatte er von jedem One Night Stand, jeder Affäre, jeder meiner festen Freundinnen berichtet bekommen?  Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. “Was ist nun mit dieser rothaarigen?”, reißt er mich aus meinen Überlegungen.  Ich schüttle leicht den Kopf. Das konnte er deuten wie er wollte. “Du hast es also verbockt?” “Was?” Sein Blick wird eindringlich. Fast so wie damals immer wenn ich ihm vor Gästen

von meinem Schulischen Können überzeugen musste.  “Ich will von dir wissen, ob du diese Frau auch vergrault hast. Ebenso wie die letzte. Wie hieß die doch gleich?” Er tat als würde er überlegen müssen um auf Claire's Namen zu kommen.  “Claire. Ihr Name war Claire, Vater.”, antworte ich.  “Ach ja. Das war die Blonde, nicht wahr? Die die sich jetzt von einem Franzmann flachlegen lässt.” Pragmatisch wie eh und je, mein Vater.  Etwas geschockt von der Nüchternheit seiner Aussage antworte ich, “Ja, sie ist jetzt … mit einem Franzosen … zusammen. Wir haben niemals so richtig

zusammen gepasst. ...” Er unterbricht mich barsch, “Pha, zusammen gepasst. Seit wann muss ein Paar denn zusammen passen? Der Mann sucht sich eine aus, hält um deren Hand an und sie hat gefälligst mit ja zu antworten. Und gut ist. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir noch darauf achten ob sie zu einem passt oder nicht.” Verständnislos schüttelt er den Kopf.  Ihm zu widersprechen war sinnlos. Das wusste ich aus jahrelanger Erfahrung. Also höre ich mir seinen Bullshit stumm an, genauso wie ich es immer getan hatte. “Frauen haben sich mit dem zufrieden zu geben was sie bekommen. Weiß Gott, in unserem Stand geht es den

Frauen doch durchaus gut. Sie müssen nicht arbeiten, wohnen in einem schönen Haus und manchmal haben sie sogar noch Personal.”, zählt er auf und klingt wie ein viktorianischer Gutsherr.  “Die Zeiten haben sich geändert, Vater.”, wage ich zu widersprechen.  “Pha.”, macht er verächtlich und winkt ab. “Blödsinn! Noch immer ist es den Weibern am wichtigsten, dass für sie gut gesorgt wird und sie ein bequemes Leben führen können. Ich frage dich also, was kann so schwer sein eine zu finden und sie zu heiraten?” “Das habe ich dir doch eben zu erklären versucht. Ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren eine Frau derart

hinter das Licht zuführen.”, versuche ich ihm meinen Standpunkt klar zu machen. “Womit hinters Licht zu führen? Das einzige was du ihr verschweigen würdest denke ich, wäre deine Drogensucht.” Ich schlucke und sehe betreten auf meine Fußspitzen hinunter.  “Na siehst du. Ich habe recht. Das ist aber dein Problem, Michael. Die Aussicht auf ein angenehmes Leben in einem großen Haus und Geld dürfte die Damenwelt doch willig stimmen.”, mutmaßt er kleingeistig wie er ist. “Wenn sie das erst einmal akzeptiert hat, dürfte es ihr leicht fallen ein paar Monate auf dich zu verzichten während du in einer Entzugsklinik behandelt

wirst.” “Dann könnte ich allerdings auch keinen Erben zeugen.”, brumme ich. Er hatte es dennoch gehört und antwortet, “Es gibt dort durchaus Besuchszeiten. Habe ich mir sagen lassen.”  Freudlos lache ich auf. “Du begreifst es einfach nicht.”, stöhne ich, “Ich will keine Frau die mich nur wegen des Geldes nimmt. Die meine Nähe nur zugedröhnt vom Alkohol erträgt. Die vielleicht sogar eine Affäre hat, weil sie mich so abstoßend findet.”  “Wenn du ihr solche eine Schluderei durchgehen lässt.”, war das einzige was er dazu zu sagen

hat. Verzweifelt raufe ich mir die Haare. “Vater, ich will eine Frau dich mich um meiner selbst Willen liebt. Eine die mich gewählt hat, weil ich ihr wichtig bin. Die sich mir hingibt, weil ich es bin. Ich möchte mit ihr Kinder haben. Nicht weil es meine Pflicht ist, sondern weil wir es so möchten und die Kinder lieben. Ich weiß, du kannst dir so eine Beziehung nicht vorstellen. Aber die Zeiten haben sich geändert und nicht nur die. Ich bin auch ganz anders als du. Ich möchte mich verlieben und …” “Unfug!”, schreit er. “Wer hat dir nur solchen Blödsinn in den Kopf gesetzt?” Sein Gesicht ist eine einzige verzerrte

Fratze.  Er macht mich so wütend, dass ich mich zu einer meiner ihm gegenüber seltenen Gefühlsregungen hinreißen lasse. Ich schreie ebenso laut zurück, “Das hat mich mein beschissenes Leben gelehrt. All die Jahre in denen ich keine Liebe erfuhr. Da schwor ich mir, es später selbst anders zu machen. Ich schwöre bei Gott, niemals will ich so sein wie du!” Vater zuckt zurück, sieht mich schweigend an, ganz so als müsse er das gehörte erst einmal verarbeiten. Ist das eine solch große Überraschung für ihn?  Verwundert lege ich den Kopf etwas schief und runzle die Stirn. “Überrascht dich das

ernsthaft?”  "Ich bin einiges gewohnt von dir, mein Sohn. Aber das du mich derart hasst …"  Trotzig mache ich ein beleidigtes Gesicht und verschränke die Arme vor der Brust. "Du bist derart ignorant in deiner Selbstgefälligkeit. Denkst, du wärst über allem erhaben. Dabei bist du das Letzte." Das letzte Wort spie ich ihm förmlich ins Gesicht. Es tut richtig gut ihm mal die Meinung zu sagen!  Vater schnappt nach Luft. "Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst!"  Nur zu gern.  Ich springe auf.  "Und komme erst wieder zu Besuch,

wenn du erfreuliche Neuigkeiten zu berichten hast!"  Wir erstarrt bleibe ich vor der Tür stehen. "Sonst was? Drohst du mir tatsächlich damit mich zu enterben?"  Er zuckt leichthin mit den Schultern. "Du weißt wie die Dinge stehen. Die Bedingungen des Testamentes dürftest selbst du mit deinem geringen Intellekt verstanden haben.  Das einzige worüber du dir Gedanken machen solltest ist, wo du eine solche von dir favorisierte Frau findest. Lasse die wirklich wichtigen Dinge von mir regeln." Das hatte gesessen.  "Tja weißt du, ich hatte es so verstanden, dass ich dich eines Tages mal beerben

solle. Demnach traust du deinem unterbelichteten Sohn zu deine Geschäfte in deinem Sinne weiter zu leiten. Das einzige was ich möchte, Vater, ist doch nur etwas mehr Zeit." Flehend sehe ich ihn an. Nichts liegt mir ferner als vor ihm zu Kreuze zu kriechen. Aber ich habe mein ganzes bisheriges Leben so hart für dieses Erbe gearbeitet. Ich kann und ich will es nicht kampflos aufgeben! Ich musste wenigstens versuchen ihn umzustimmen. Sein Herz aus kaltem Marmor zu erweichen.  "Wie gesagt, kümmere du dich um deinen Part. Ich werde mich um den meiningen kümmern. Und jetzt darfst du dich verabschieden.",erwidert er kühl und

wendet den Blick ab. Fehlte nur noch das er mich ohne Abendessen ins Bett schickt.  Wütend rausche ich aus dem Zimmer. "Süße das geht so nicht weiter!", schimpft meine beste Freundin bei unserem wöchentlichen Telefonat Freitagabends.  "Was denn?", gebe ich leicht genervt zurück.  "Du vergraulst einen Mann nach dem anderen."  "Du meinst die Männer die du mir auf den Hals hetzt?", lache ich.  "Ja genau. Ich sorge mich eben um

dich.", entgegnet sie lapidar.  "Und du meinst jeden Tag nen anderer täte nur gut?"  "Na zumindest täte es deiner Libido gut.", lacht Rose.  "Mach dir mal keine Sorgen um meine Libido. Du bist die von der erwartet wird den Stammhalter zu gebären."  "Wie du das sagst klingt das echt eklig.", brummt sie beleidigt. "Aber danke der Nachfrage. In dieser Hinsicht läuft alles super."  "Wie jetzt. Bist du schwanger?", rüge ich teils entsetzt, teils freudig erstaunt.  "Nein, natürlich nicht. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass zumindest bei mir alles gut läuft.", erklärt

sie. Den Stich den mir ihre Bemerkung versetzt versuche ich zu ignorieren.  Ich zwinge mich zu einem freundlich klingenden, "Das freut mich!" und lenke das Gesprächsthema auf mein neues Buch. Das Thema war weniger vergänglich.  Doch weit gefehlt. Rose entdeckte natürlich Michael und mich in den Protagonisten wieder. "Tut es noch immer so weh?", fragt sie mitfühlend.  "Du hast ja keine Ahnung.", stose ich gepresst hervor. "Jeden Tag ertappe ich mich dabei wie ich im Kiosk unten die Zeitschriften nach einer Meldung über ihn durchblättere. Oder bei google seinen

Namen eingebe." gebe ich meine Schmach zu. Plötzlich treten mir Tränen in die Augen. Verzweifelt vergabe ich das Gesicht im den Händen. "Oh Gott, Rose. Ich bin ja völlig fertig!", verurteile ich mich selbst. "Bist du nicht!" , widerspricht sie. Was sollte sie auch sonst sagen? Als beste Freundin war es ihre Pflicht mir in dieser Hinsicht zu widersprechen. "Klar, du bist ein bißchen durch den Wind. Aber du bist noch immer die lebensfrohe und lustige Anthea van der Woodsen die du immer gewesen bist. Diese Version spielt nur gerade Verstecken. Und wenn dieser Idiot so blöd war dich zu verschmähen ist er selber schuld. Ich wünsche ihm, dass es

ihm wenigstens genauso mies geht wie dir gerade! ", echauffiert sie sich. "Du bist so ein wundervoller Mensch, Thea! Er hat dich gar nicht verdient! " "Nein, du bist der wundervollste Mensch, Rose! ", gebe ich das Kompliment zurück. "Ich bin froh, dass ich dich meine beste Freundin nennen darf!"  "Ach Süße.", seufzt sie durchs Telefon.  Es folgen einige Augenblicke des Schweigens, bis sie es bricht und mit fester Stimme verkündet, "Weißt du was?"  Ich bin gespannt.  "Du musst endlich wissen woran du bei ihm bist. Musst herausfinden warum er dich sitzen gelassen hat. Erst dann

kannst du mit ihm abschließen." "Ja, das weiß ich doch aber schon.", erkläre ich,  "Er hatte es sich anders überlegt."  "Du vergisst, dass er geschrieben hat, er liebt dich." Ich schnaube verächtlich. "Ja klar. Schreiben kann man so einiges."  "Ja, davon kannst du ein Lied singen.", lacht Rose. "Aber im Ernst. Es muss doch einen Grund geben weshalb er gegangen ist. Irgendwas was ihn bedrückt und du nicht herausfinden solltest."  "Jetzt übertreibst du aber."  "Nein nein. Bestimmt gibt es da ein übles Familiengeheimnis oder so.",

fantasiert meine Freundin weiter.  "Quatsch.", lache ich.  "Ich meine ja nur." Wieder ein Seufzen. Diesmal laut und deutlich.  "Rose!", rufe ich sie zur Ordnung.  Sie nimmt es zur Kenntnis und fährt fort, "Ich an deiner Stelle würde dem auf den Grund gehen wollen."  "Wie stellst du dir das vor? Was soll ich tun? Nach London gehen und herumschnüffeln? Sherlock Holmes kann mir da ja leider nicht behilflich sein.", lache ich. "Soll ich ihn ausfindig machen…" Dabei zeichne ich Gänsefüßchen mit dem gekrümmten Zeigefinger in die Luft. "... Ihn zur Rede stellen? Oder ich besuche gleich seinen

todkranken Vater um ihm ins Gewissen reden?"  "Also ich denke, nach London gehen wäre doch schon mal ein Anfang.", erwidert sie kryptisch.  Noch lange nachdem wir aufgelegt hatten schwirrte mir ihre Bemerkung im Kopf herum. 'Nach London gehen'. Wie meinte sie das? Sollte ich meine Umzugspläne doch noch verwirklichen? Nur eben allein, ohne Michael. Dann wäre ich zumindest in seiner Nähe. Wenn man in einer 9 Millionen Einwohner Stadt überhaupt von Nähe sprechen kann. Ich könnte mir aber sicher sein, dass er irgendwo war. Und vielleicht würden wir

uns irgendwann mal über den Weg laufen? Solche Art Zufälle gibt es doch immer wieder.  Meine Eltern, bei einem Familienessen von mir mit meinen Umzugsplänen konfrontiert waren schlussendlich einverstanden und gaben mir ihren Segen.  Erst im Anschluss dieses Treffens wagte ich es in London nach einer geeigneten Wohnung zu suchen. Dieses Unterfangen stellte sich als schwieriger als gedacht heraus. Bezahlbarer Wohnraum war in London Gold wert.  “Tja, mit der Villa hat`s aber nun mal nicht geklappt.”, murmle ich ich dem

Bildschirm entgegen der mir die neuesten und leider vollkommen überteuerten Wohnungsangebote präsentiert. “Vielleicht eine WG?” Ich gebe die entsprechenden Marker ein und erhalte kurz darauf ein paar Anzeigen.  Besonders ein Inserat fällt mir auf. “Kreative, lebenslustige junge Frau für ausgedehnte Shoppingtouren, gemeinsamen Kocharien, stundenlanges quatschen, sich gegenseitig die Männer ausspannen und rumblödeln gesucht. Ach ja, und es wäre toll sich die Miete zu teilen.” Das klingt lustig. Kreativ. Genau das richtige also für mich. Sofort greife ich

nach meinem Telefon und wähle die angegebene Telefonnummer.  “Castorp.”, meldet sich eine gelangweilt klingende weibliche Stimme. “H-hallo. Mein Name ist Thea.”, grüße ich freundlich. “Ich … ich hab` Ihre Annonce gelesen.” “Oh ja, wie alt sind Sie?” Verwirrt schüttel ich den Kopf. “Ähm … 27. Wieso? Ist das wichtig?” Sie lacht. “Klar ist es das! Unsere Mitbewohnerin muss schließlich zu uns passen.” Ich stimme in ihr Lachen ein. “Da haben Sie recht.” “Zuerst einmal, nenn mich bitte nicht Sie!”, bittet die Frau. “Ich bin Viktoria.

Und dabei bleibts auch. Und du?” “Ähm … Anthea. Ich meine T-thea.”, stammle ich überrumpelt. “T-Thea?”, lacht sie. “Aber dein Name ist cool! Anthea. Wo hab ich den schonmal gehört?” Ich weiß nicht recht ob sie tatsächlich eine Antwort erwartet.  “Ähm … das ist altgriechisch.”, flüstere ich zaghaft. Viktoria geht nicht darauf ein. Viel mehr schien sie zu interessieren ob ich tatsächlich so schüchtern war wie ich mich hier gerade präsentierte. “Was machst du beruflich, Thea? Und wo kommst du her?” Erleichtert über die Ablenkung antworte

ich, “Ich bin Autorin.” “Cool! Was schreibst du so?” “Bücher. Vor allem für … für Frauen.” “Ist ja klasse!” “Und ich lebe in Berlin. Noch zumindest. Ich möchte gern nach London ziehen.” Da ich die ganze Zeit englisch gesprochen habe, konnte sie schließlich nicht ahnen, dass ich gar nicht in Großbritannien lebe. Daher fragt sie nun verblüfft, “Deutschland? Hört man gar nicht.” “Ich weiß.”, stimme ich ihr zu, “Ich habe eine Zeit lang in London gelebt. Als Teenager. Austauschjahr.” “Ah verstehe. Dann ist es natürlich schwer sich mal zu

treffen.” “Videotelefonie.”, werfe ich ein. “Das wäre doch eine Option.” “Da hast du recht. Pass auf, wir machen es so, heute Abend telefonieren wir. Alle zusammen. Anastasia sollte auch dabei sein.” “Anastasia?” “Meine Mitbewohnerin. Wir leben zusammen hier in Notting Hill. Die Miete ist utopisch. Zumindest wenn man sie allein bestreiten soll. Wir studieren zusammen.” “Okay. Und was studiert ihr?” Man sollte schließlich wissen auf welche Art von Mensch man sich einlässt. “Ach stimmt ja. Hab ich noch gar nicht

erzählt. Schauspiel. Wir studieren Schauspiel am Drama Centre London.” Das passt ja. Zwei kreative Frauen. Da würde ich super rein passen. Genau diese Überlegung gebe ich laut an Viktoria weiter. Sie stimmt mir zu und wir verabreden uns gespannt aufeinander für später am Tag. Heute Abend war es mal wieder soweit. Ich versuche einen neuen Anlauf die Bedingung meines Vaters zu erfüllen. Eine willige Frau finden die mich heiratet auch ohne mich richtig kennenzulernen. Suzanna hieß die Kandidatin an diesem

Abend. Blöderweise maß ich alle anderen Frauen an der einen.  Der einen die perfekt für mich war.  Die eine die ich wahrhaftig geliebt habe.  Und der ich genau aus diesem Grund dieses Leben nicht zumuten wollte.   Suzanna war brünett und wirklich schön. Ansonsten würde sie hier auch gar nicht mit mir sitzen. Aber ihr Intellekt war dem meinen meilenweit unterlegen. Ihr aufregendes Abenteuer war eine exklusive Handtasche noch vor ihren Freundinnen ergattern zu können. Als ich ihr mit einem Literaturzitat ein Kompliment machte sah sie mich mit einem Blick an, der mich an einen treudoofen Hund erinnerte. Es ist eben

wie ein altes Sprichwort sagt: “Schönheit und Verstand sind selten verwandt.”  “Und du bist also Verleger?”, fragt sie nachdem wir uns an den von Jane bestellten Tisch im Nobelrestaurant gesetzt haben. “Korrekt.” “Muss die Bücher kennen die du raus gibst?” Ich nehme einen Schluck meines Weines ehe ich mich dazu herablasse ihr zu erläutern womit ich mein Geld verdiene. “Wir sind eine Verlagsgesellschaft die ganz unterschiedliche Spektren abdeckt. Sicherlich hast du schon welche gesehen. Oder sogar gelesen.”, erkläre ich

freundlich. “Nicht das du jemals einen Buchladen von Innen gesehen hast.”, füge ich in Gedanken hinzu. Ich verziehe den Mund zu einem breiten Lächeln und sehe ihr fest in die braunen Augen.  Peinlich berührt hält sie nur kurz stand und sieht dann schnell zur Seite. Treffer- versenkt. Wusste ich's doch, dass ich es hier nicht mit einer solchen Leseratte zu tun habe wie Thea sie gewesen war. Demonstrativ um mein Ziel voranzutreiben greife ich nach ihrer Hand die nutzlos auf der Tischplatte liegt. Erschrocken zuckt sie zunächst zurück, lässt es dann aber doch geschehen, dass ich ihre Hand

halte. “Suzi, ich würde dir gern was zeigen.”, raune ich und sehe ihr weiterhin tief in die Augen. Zumindest versuche ich es. Bei dem tiefen Dekoltee das ihr Kleid hat ist dieses Unterfangen gar nicht so einfach.  “Ach wirklich?”, haucht sie, “Was denn?” Ich will dich ins Bett zerren und dich richtig durchnehmen. Ich muss rausfinden ob wir wenigstens auf dieser Ebene zusammen passen. Doch antworten tue ich, “Ich würde dir gern mein Haus zeigen.” Sie schluckt und wendet den Blick ab. “Ach so.”, piepst sie. Ihre Stimme hat

sich zu einem kaum wahrnehmbaren Flüstern gewandelt.   Lächelnd lehne ich mich noch ein Stück nach vorn und genieße die Wirkung die ich auf sie habe. Ihr Puls rast, das kann ich an ihrem Handgelenk fühlen. Ihre Pupillen sind geweitet. Und ihr Atem geht stoßweise.  “Suzi.” Mehr war nicht nötig sie vollends aus dem Konzept zu bringen. “J-a.”, haucht sie und schluckt. “Küss sie! Die hast du im Sack.”, meldet sich mein alter Bekannter in meinem Kopf.  Ich beuge mich vor bis mein Atem ihre Haut kitzelt. Ihr Mund öffnet sich leicht. Sie ist bereit. Ich sehe von ihren Lippen

hinauf in ihre Augen. Mit einem Mal hat sich ihr Gesicht verändert. “Thea.”, keuche ich und zucke ruckartig zurück.  Verwirrt fragt sie leise, “Wer ist Thea?” “Was?”, zische ich ebenso verwirrt und sehe sie an. Sie hatte wieder ihr eigenes Gesicht. “Thea. Du hast Thea gesagt.” wiederholt sie. “Blödsinn! Ich habe Tee gesagt.”, kontere ich eine Spur zu heftig. Mit abschätzig nach oben gezogenen Augenbrauen mustert sie mich. “Ich weiß doch was ich gehört habe.”, beharrt sie auf ihrer Meinung. “Dann tut es mir leid.”, sage ich und stehe ruckartig auf. “Mit Frauen die

fremde Stimmen hören kann ich nichts anfangen. Guten Abend.” Damit lasse ich sie einfach sitzen.  Hinter mir höre ich sie noch keifen, “Michael Thompson was glaubst du eigentlich wer du bist?” Ja, wer bin ich eigentlich. Ein arrogantes Arschloch würde wohl jeder behaupten die die Szene gerade mitbekommen hatte.   Pünktlich um 20 Uhr sitze ich vor meinem Laptop und starte das Videotelefonat.  Ebenso pünktlich kamen auch Viktoria

und diese Anastasia online.  “Hallo.”, grüße ich und winke unbeholfen in die Kamera. Zwei strahlende Schönheiten winken mir zurück. “Hi, ich bin Viktoria. Wir hatten heute Vormittag telefoniert.”, erklärt die schwarzhaarige.  “Und ich bin Ana.”, ergänzt die Blondine. “Freut mich euch … zu sehen. Ich bin Thea.” “Stell dir vor, Ana, ihr Name ist Anthea.”, erklärt Viktoria aufgeregt. “Echt jetzt?”, Anastasia sieht mich an. “Wie in der griechischen Mythologie?” Ich hebe ergeben die Schultern und nickt freundlich. “Meine Eltern sind sehr

belesen.” “Cool!”, antworten beide unisono.  “Warum verschlägt es dich nach London, Anthea?”, lenkt Ana nun das Gespräch auf das eigentliche Thema.     “Ja, ich ähm … möchte eine Veränderung.” “Nichts berufliches? Einen neuen Job oder so?”, hakt sie nach. Sicher zweifelt sie an meine liquidität. Schließlich ging es hier darum einen zahlenden Mitbewohner zu finden. “Nein, eigentlich nicht. Ich kann weiter für meinen Verlag arbeiten.”, beginne ich meine Situation zu erklären. “Ich brauche einfach nur eine Veränderung. Einen Tapetenwechsel wenn ihr so

wollt.” “Ah verstehe, Schreibblockade.”, mutmaßt Viktoria. Lachend schüttel ich den Kopf. “Nein. Das ist es nicht.” “Ah dann kann es nur das andere sein.” Beide sehen sich an und rufen lachend aus, “Ein Mann.”  Ertappt. Ich schlucke und versuche mir nichts anmerken zu lassen als ich antworte, “Nein, dass ist es nicht. Ich … London ist einfach mal meine Traumstadt. Ich hatte heute Morgen schon zu Viktoria gesagt, dass ich schon einmal eine Zeit lang in der Stadt gelebt habe. Dabei habe ich sie lieben

gelernt.” Beide Frauen kichern zustimmend. “Ja, die Stadt ist klasse! Und sie bietet so viele Möglichkeiten.”  “Oh ja. Besonders im Verlagswesen.”, murmle ich.”Laut sage ich, dass besonders in der Filmbranche dort sicherlich viel zu holen ist.” “Und du verdienst genug um dir London leisten zu können?”, fragt jetzt Viktoria. Ich nicke bedächtig. “Durchaus, ja. Zur Not unterstützen mich meine Eltern.” “Erzähl uns von ihnen!” Und das tat ich. Danach waren beide beeindruckt. Zum Schluss frage ich ob es denn schon sehr viele Anfragen zu ihrer Anzeige

gegeben hätte. Viktoria zuckt die Schultern. “Schon. Aber bisher hat keine zu uns verrückten Hühnern gepasst.” Ana knufft sie lachend in die Seite. “Stimmt. Erinnerst du dich an gestern? Alberta.” Beide prusten los. “No way! Aber ich denke, also ich hab den Eindruck, dass du gut zu uns passen könntest, Thea.”, urteilt Viktoria schlussendlich und sieht mich abwartend an.  Erfreut verzieht sich mein Mund zu einem Lächeln. “Ernsthaft?” Sie nickt. “Du bist kreativ. Genau wie wir. Vor allem bist du alt genug um eine eigenen Wohnung zu unterhalten, aber noch jung genug um zu uns zu

passen.” Das konnte heißen was es wolle. Ich bin 27 und nicht 40.  “Wie alt seit ihr denn?”, frage ich. “25.”, kommt es geschlossen zurück.  “Und ihr seit Freundinnen? Schon immer oder erst durch das Studium kennengelernt?”  “Durch die Uni. Wir waren uns gleich sympathisch.” “Verstehe. Gibt es sonst noch etwas was ich wissen sollte?”, frage ich weiter. “Also …” Ana hebt die Hand und zählt an den Fingern ab. “Erstens wir gehen jedes Wochenende feiern. Das gehört zum Job. Connections knüpfen, du

verstehst?” Ich verstehe. “Zweitens, wir mögen stundenlange Filmabende, kochen gern gesund und ausgiebig und drittens, wir stehen auf Männer. Du solltest nicht an Männerbesuch anstoß nehmen.” "Du darfst natürlich selbst ebenfalls Besuch dieser Art haben." "Da bin ich aber froh.", lache ich krampfig. "Aber momentan habe ich da kein Interesse." "Ohje, spricht da ein gebrochenes Herz?" Wieder ein Treffer. "Ähm ... nein ... ja." "Wusste ich's doch.", lacht Viktoria. "Keine Sorge, Schätzchen, wir werden

schon dafür Sorgen, dass du den Arsch vergisst!"  Das will ich gar nicht. Genau genommen ziehe ich nur in dieselbe Stadt wie er um ihn gerade nicht zu vergessen. "Danke.", murmle ich. "Kopf hoch! Und jetzt sag, wann ist dein Umzugstag?”, lacht Anastasia.

18.

An einem regnerischen Septembertag war es dann soweit. Ich wanderte nach England aus. Das dumpfe Prasseln der Regentropfen an meinem Fenster weckte mich aus meinem Dämmerschlaf. Die Aufregung vor dem heutigen Tag ließ mich in der Nacht kaum ein Auge zu tun. Dementsprechend unausgeruht stehe ich schließlich auf und schleppe mich in die Dusche. Das heiße Wasser weckt meine Lebensgeister und als ich aus dem Badezimmer komme bin ich bereit meinen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Vati und Mutti standen pünktlich um 9 Uhr vor meiner Tür um mich zu verabschieden. Wir hatten uns verabredet noch ein letztes Mal ganz gemütlich zusammen zu frühstücken. Wer weiß wann wir das nächste mal dazu kommen werden? Mutti rümpfte etwas die Nase als sie das Innere meiner Wohnung sah. Überall standen Umzugskartons herum die meinen Hausstand beinhalteten. Im Café überraschte mich Vati kaum das wir bestellt hatten, "Ich werde dich übrigens begleiten." "Begleiten? Wohin?", frage ich

verwundert. Er lacht. "Na nach London natürlich.", erklärt er und strahlt mich abwartend an. Das hatten wir nicht abgemacht. Und es überraschte mich. Eigentlich war mein Vater gerade mit der Entwicklung der neuen Frühjahrskollektion beschäftigt und hatte in dieser Zeit für gewöhnlich kaum Zeit für seine Familie. "Aber, hast du nicht zu tun?", frage ich daher verwundert. "Na hör mal. Wenn meine einzige Tochter auswandert, dann werde ich mir doch wohl mal Zeit nehmen um sie zu begleiten. Schließlich muss ich mich doch auch davon überzeugen, dass du dort gut und sicher untergebracht bist."

"Ach Papa ..." Ich stehe auf, umrunde den Tisch und falle ihm um den Hals. "... das ist so lieb von dir! Dankeschön!" Überglücklich küsse ich ihn auf die Wange. Er tätschelt meine Schulter und murmelt, "Das ist doch selbstverständlich. Zwei Stunden später traf ein großer Möbelwagen von der von mir beauftragten Spedition ein. Ich hatte das Rundum-sorglos-Paket bestellt und musste keinen Handschlag machen. Na ja, die mir wichtigsten Dinge, meine Bücher und meinen persönlichen Kram packte ich selbst zusammen. Alles in

allem fünf Kartons. Mein Vater half mir sie in seinen BMW zu verstauen. Als die Möbelpacker alles im LKW verstaut hatten, ließ mich einer von ihnen auf einem Lieferschein unterzeichnen, murmelte etwas wie "Man sieht sich später." und verschwand. Bis der Wagen um die Ecke verschwunden war sah ich ihm noch hinterher. Mit einem Mal überkam mich eine Woge von Wehmut. Die verstärkte sich noch als ich eine letzte Rund ein meiner leeren Wohnung drehte. Ein seltsames Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Vorfreude und noch einen Teil Angst vor der Veränderung. Ich schritt die Fenster ab

um zu überprüfen ob sie ordnungsgemäß verschlossen waren. Die Wohnungsabnahme würde Papa nächste Woche mit dem Makler machen. Meine Fingerspitzen streiften den Wände entlang. Sechs Jahre hatte ich hier allein gelebt. Was diese Wände in dieser Zeit alles gesehen haben. Ausgelassene Mädelsabende, romantische Stunden, aber auch Wut, Verzweiflung, Schmerz und sogar Tod. Damals als Luis hier bei mir einzog, die Streitereien wegen seiner Drogensucht, die langen Tage und Nächte seines kalten Entzugs und schließlich als er eines Tages tot auf den Badezimmerfliesen lag. Die Gedanken daran ließen mich

schaudern. Es konnte nur besser werden. "Bist du soweit?", fragt mein Vater vorsichtig. Ich hatte gar nicht mitbekommen, das er ebenfalls noch einmal in die Wohnung gekommen war. Ich drehe mich zu ihm um und schenke ihm ein tapferes Lächeln. "Ja, bin ich. Wir können gehen." "Gut." Und dann blieb mir nur noch meinem alten Leben lebewohl zu sagen. "Hier muss es jetzt eigentlich sein.", murmelt Papa und sieht sich suchend um. Weil er dabei auch noch auf den ungewohnten Linksverkehr achten muss kann er sich nicht nach allen Seiten

umsehen. Dafür tue ich es und entdecke in einer Seitenstraße den mir bekannten Möbelwagen. "Da!", rufe ich und deute in die Richtung rechts von mir. Er sieht in die angegebene Richtung und setzt den Blinker. Der Möbelwagen steht inmitten einer bunten Straße. Jedes Haus hatte hier eine andere knallige Farbe. Der sanfte Bogen den sie beschrieb ließ sie gemütlich und vertrauenserweckend wirken. Irgendwie fühle ich mich sofort heimisch. Vor einem schmalen hellblauen Haus parkt Papa nun direkt hinter dem Möbelwagen am Straßenrand. Ich steige aus und sehe an der Fassade empor. Das Haus ist

viktorianisch genauso wie alle anderen auch in dieser Straße. Es hat zwei Stockwerke und ein spitzes mit blauen Schindeln gedecktes Dach. Vor jedem der kleinen Fenster hängen gelbe Blumenkästen mit bunten Sommerblumen darin. Bis zur knall roten Eingangstür sind zwei weiße Stufen zu bewältigen. Von der ersten Sekunde an war ich in dieses Haus verliebt und fühlte mich heimisch. "Hallo, Thea!", ruft Ana erfreut als sie die Tür öffnet. Sofort werde ich in eine herzliche Umarmung gezogen. "Ist das schön, dich endlich live zu sehen!" "Ja, ich freue mich auch!", entgegne ich ein klein wenig überrumpelt.

Mein Vater räuspert sich hinter mir. "Oh verzeihung! Anastasia, das ist mein Vater, Harald van der Woodsen. Papa, das ist Anastasia Scott." stelle ich die beiden einander vor. "Sehr erfreut!", entgegnet Papa und schüttelt Ana's Hand. "Kommt rein! Vik kommt auch gleich. Und dann helfen wir dir die Sachen reinbringen.", verkündet Ana. Scheinbar war Ana der Typ Mensch der andere sofort mit du ansprach. Zum Glück stößt sich mein Vater nicht an solchen Nichtigkeiten. Bei meiner Mutter wäre sie da an der völlig falschen

Adresse. "Das ist sehr lieb, aber ihr braucht uns nicht zu helfen. Das machen die Möbelpacker.", entgegne ich freundlich. "Okay. Um so besser. Dann zeig' ich dir jetzt aber mal das Zimmer wo die Männer deine Sachen reinstellen können." Gesagt getan. Mein Zimmer liegt im zweiten Stock. Klar die als letztes dazugekommene muss die meisten Treppen steigen. Das störte mich kein bisschen, denn dafür wurde ich mit einem wunderbaren Blick über das Viertel belohnt. "Gefällt's dir?", fragt Anastasia. Sie war abwartend in der offenen Tür stehen geblieben um mir genug Freiraum zum

umsehen zu lassen. Mit strahlenden Augen sehe ich meinen Vater an. "Prima, oder?" Er nickt zustimmend. "Ich denke, du wirst dich hier wohlfühlen, Schatz." Wie recht er behalten sollte. "Und, bist du müde?", fragt Viktoria am Abend. Papa hatte sich soeben verabschiedet und ich hatte mich gerade erst auf mein noch unbezogenes Bett fallen gelassen. Meine Mitbewohnerinnen stehen Arm in Arm im Türrahmen gelehnt und sehen sich in meinem halbfertigen Zimmer um. "Ist es nicht irgendwie seltsam für dich jetzt wieder in einer WG zu wohnen?",

fragt Vik. "Das kann ich dir erst sagen, wenn wir ein paar Tage miteinander verbracht haben.", lache ich. "Frag mich in einer Woche nochmal!" "Ich mein nur, es ist sicherlich gewöhnungsbedürftig nachdem man bereits allein in einer Wohnung gewohnt hat.", erklärt sie ihren Gedankengang. Ich zucke die Schultern. "Was ist nun, bist du müde?" Ich schüttle den Kopf. "Eigentlich nicht. Die Möbelpacker haben ja alles gemacht." "Ja, aber fühlst du dich in der Lage deinen Einzug mit uns zu feiern?, hakt Ana lächelnd ein.

"Ausgehen?", frage ich erstaunt. "Nur in ein Pub in der Nähe." Sie deutet mit dem Daumen in eine unbestimmte Richtung hinter sich. "In Notting Hill bist du da an genau der richtigen Stellen, weißt du." Ich nicke. "Ja, ich weiß." Gesagt getan. Nachdem ich geduscht und mich halbwegs zurecht gemacht habe machen wir uns auf den Weg zu besagten Pub. Der befindet sich tatsächlich fußläufig zu unserem Haus ganz in der Nähe. "Das ist unser Lieblingsort.", verkündet Ana, "Außer die Uni natürlich." "Und zu Hause.", ergänzt Viktoria und

knufft sie in die Seite. "Natürlich. Du hast recht. Ich liebe unser Haus!" Ich lasse mich von ihrer Begeisterung anstecken. Meine neuen Mitbewohnerinnen sprühen förmlich vor Lebensfreude und Fröhlichkeit. Genau das richtige was ich jetzt brauche. Wir steuern auf ein hellblaues Haus mit dunkelblauer Eingangsfront zu. Es herrschte, sicher aufgrund der milden Temperaturen bereits vor dem Pub Hochbetrieb. Menschen überall. "Ist hier immer so viel los?", frage ich. "Du hast ja gar keine Ahnung.", lacht Vik und zieht mich durch die große geöffnete Glastür ins Innere.

"Hey, Ana. Hi Vik.", ruft der Barkeeper vom Tresen her kaum das wir den Schankraum betreten haben. "Hi, Ben.", flötet Viktoria und schlendert mit mir am Arm zu ihm. "Darf ich dir unsere neue Mitbewohnerin vorstellen? Das ist Anthea." Sie schiebt mich etwas vor sich ganz so als würde sie ihr schönes neues Spielzeug präsentieren. Ben, der Barkeeper strahlt mich an. "Hi, Anthea." Seine blauen Augen funkeln fröhlich. Sein Mund hat einen schönen Schwung. Und auch sonst ist er äußerst attraktiv. Schlank, offensichtlich muskulös und der Drei-Tage-Bart verlieh ihm etwas verwegenes.

"Hallo.", grüße ich und klinge schüchterner als ich es beabsichtigt habe. Bens Lächeln wird noch eine Spur breiter. "Was möchtest du trinken, Anthea?" "Thea, bitte.", entgegne ich ruhig. "Eine Cola." Anastasia horcht auf. "Was, Cola? Auf keinen Fall!", entscheidet sie vehement. "Heute wird gefeiert. Prosecco, Ben!", ordert sie entschlossen. Ben nickt, wendet sich ab um drei langstielige Gläser aus dem Regal hinter sich zu greifen. "Benedict.", schreit Ana in diesem Moment und läuft eilig auf einen jungen

Mann im hellblauen Dreiteiler zu. "Du bist gerade hergezogen?", lenkt Ben meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. "Ja, gerade heute.", antworte ich. Er gießt das zweite Glas mit der prickelnden Flüssigkeit voll. "Von wo kommst du?" "Berlin." Er sieht auf und mustert mich. "Du bist Deutsche? Das kann ich nicht glauben." Ich lache. "Warum nicht? Weil ich so gut englisch spreche? Das hat doch heutzutage nichts mehr zu heißen." Er zuckt mit den Schultern. "Da hast du auch wieder recht. Hier, Süße!" Mit der rechten Hand schiebt er mir eines der drei vollen Gläser zu.

"Danke.", murmle ich und hebe es an meinen Mund. Ben beobachtet mich genau, was mich etwas verunsichert. Hatte er nichts anderes zu tun? Das schien ihm in diesem Moment auch wieder aufzufallen und er murmelt, "Jedenfalls, herzlich willkommen in London! Wenn du bei Ana und Vik wohnst, sehen wir uns jetzt sicherlich öfters." Er geht hinüber zum anderen Ende des Tresens um einen weiteren Gast zu bewirten. "Ja sicher.", gebe ich leise zurück und stelle das Glas auf dem Tresen ab. Ich sehe mich im Schankraum nach meinen Mitbewohnerinnen um. Ana steht noch

immer im Eingangsbereich bei dem hellblauen Typen. Gerade sagt er etwas und sieht auf sie herab. Sie hängt förmlich an seinen Lippen und lächelt selig. Ebenfalls ein sexy Typ. Modeltyp, oder zumindest Schauspieler möchte ich wetten. Wo steckte Viktoria? Seit dem wir hier waren war sie verschwunden. Da fiel mir ein, dass ich seit meiner Ankunft auch nicht mehr verschwunden war und sehe mich suchend nach dem Schild um das mir den Weg zu den Toiletten weißt. Um diese zu erreichen musste ich eine Treppe mit ausgetretenen steinernen Stufen in den Keller hinabsteigen. Auch hier waren vereinzelt einige Leute.

Frauen die ihren Lidstrich vor dem großen Spielen auf der Toilette nachzogen und Männer die mit einem frechen Grinsen auf den Lippen an einem vorbei zurück Richtung Schankraum gingen. Ich gehe zu einer der beiden Kabinen und drücke leicht dagegen. Sie war unverschlossen. Während ich beschäftigt bin, höre ich aus der Kabine nebenan Geräusche. "Oh Tommy.", keucht eine weibliche Stimme. "Da weiß ich gar nicht wofür ich mich entscheiden sol." "Scht." "Was?", lacht sie. "Halt den Mund! Mach lieber mal hin!" "Ist ja gut.", nörgelt

sie. Zwar hatte ich für Voyeuristen nie viel übrig, doch jetzt, in dieser Situation wo ich eh nicht weg konnte, lauschte ich gespannt was in der Kabine nebenan so getrieben wurde. Doch es herrscht Stille. Nur ein leises Knistern war zu hören. Und das auch nur kurz. "Gut, ich bin dann mal weg.", sagt dieser Tommy. "Ist gut. Ich danke dir, Schatz!", flötet sie. Er schnaubt abfällig. Eine Tür wird geöffnet und schlägt gleich darauf wieder hart ins Schloss. Was haben die beiden da drüben

getrieben? Sie werden doch wohl kaum Sex gehabt haben. Verwirrt verlasse ich nun auch meine Kabine um wieder zurück zu meinen beiden neuen Freundinnen zu gehen. Sicher wurde ich schon vermisst. Nicht das sie denken, ich sei nach Hause gegangen. Da fällt mir auf, dass ich noch gar keinen Schlüssel habe. Diesen Aspekt haben wir in all der Aufregung des Tages völlig vergessen. Viktoria steht allein am Tresen. "Hallo. Da bist du ja." grüßt sie freundlich. "Ja, ich war auf dem Klo.", erkläre ich. Ein seltsamer Ausdruck huscht über ihr Gesicht. Es liegt sicher an meiner

Ausdrucksweise. Schnell beeile ich mich hinzuzufügen, "Ich meine natürlich, ich war auf der Toilette." Sie nickt verständig. "Da seit ihr ja." ruft in diesem Moment Anastasia. Sie hatte ihren blonden Schönling ziehen lassen und sich unserer Wenigkeiten erinnert. "Und, was trinken wir jetzt?", fragt sie fröhlich. Mir fällt mein halb leer getrunkenes Glas auf dem Tresen wieder ein. Es war verschwunden. "Ben.", flötet Viktoria. "Wir verdursten hier." So dramatisch war es zwar nicht, doch er schien ihr die Übertreibung nicht übel zu

nehmen. Geduldig gießt er drei neue Gläser voll. Sicher war er von den beiden schon einiges gewohnt. "Wer war denn der sexy Typ da vorhin?", frage ich neugierig. Ich bin mir sicher, dass ich mit meiner Frage nicht neugierig rüber komme. Nicht bei ihr. Und so war es auch. Nur zu gern begann sie von ihm zu erzählen." "Du meinst Nicolas? Er ist süß, nicht wahr?" Ich nicke und gebe mir mühe ein beeindrucktes Gesicht zu machen. "Er ist mit uns in der Dramaklasse." "Er ist auch Schauspieler?" Sie nicken unisono. "Er ist gut. Hatte schon kleinere Rollen am Globe Theater.

Und das als Student." Ich gebe mich beeindruckt. Daran musste ich mich wohl gewöhnen. Selbst solchen Leistungen Anerkennung zollen. Aber was tue ich denn schon? Ich schreibe Texte die eventuell später von Schauspielern gesprochen werden. Wenn ich Drehbuchautorin wäre zumindest. Wieder einmal wird mir klar, dass ich es mit meiner Künstler WG bestens getroffen habe. Ich passe hier hinein wie der sprichwörtliche Deckel zur Teekanne. "Und, seit ihr ... zusammen?", hake ich nach. "Ist er einer der besagten Männerbesuche?" Beide Frauen sehen sich an und prusten los. Verständnislos sehe ich von der

einen zur anderen. Nachdem sie sich wieder etwas beruhigt haben antwortet Ana keuchend, "Nein. Obwohl, manchmal schon. Aber er und ich ... wir sind nicht zusammen." "Und was war jetzt so lustig an meiner Frage?", hake ich dann doch nochmal nach. Ana wirft ihr blondes Haar zurück. "Benedict und ich springen dann und wann mal in die Kiste. Aber hauptsächlich kommt er zu besuch um zu lernen. Texte abfragen so was eben.", erklärt sie leichthin. "Okay, verstehe.", murmle ich. "Dann habt ihr also keine festen Freunde?" "Nee.", sagen sie gleichzeitig. "Ist viel

zu anstrengend. Aber nun zu dir." Ich schlucke und sehe zwischen ihnen hin und her. "Hast du jemanden in Berlin zurückgelassen?", fragt Ana mir nun Löcher in den Bauch. "Oder nein, da gab es doch jemanden der dein Herz gebrochen hat." Sie tut als würde sie sich erinnern müssen. "Michael. Er ist Brite. Mehr hast du aber noch nicht verraten.", mault sie enttäuscht. "Ähm ... ja. Er heißt Michael und ja, er lebt in London.", gebe ich zerknirscht zu. "London?", schreit Vik fast. "Das ist also der Grund für den Umzug." Begeistert wie ein kleines Kind das ein Rätsel

gelöst hat klatscht sie in die Hände. Ben wird auf uns aufmerksam, "Was gibt's denn hier zu jubeln?", fragt er neugierig. Peinlich berührt sehe ich hinunter auf meine Schuhspitzen. Genau von ihm wollte ich meine Ex Beziehungen nicht gerade ausbreiten. "Nichts.", nuschel ich. "Schade. Ich hör gern Geheimnisse. Die sind bei mir übrigens gut aufgehoben." Er zwinkert mir zu. Ich merke wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Ben ist wirklich süß. Sein blondes mittellanges Haar fällt in leichten Wellen. Eine vorwitzige Strähne streift seine Wange. Ich spüre seinen Blick auf mir, als er mich ebenfalls eingehend mustert. Ich

schlucke schwer. Die Hitze breitet sich auf meinen gesamten Körper aus. Mein Herz klopft. "Wenn du dich dann mal losreißen könntest.", meldet sich Vik aus dem Off. "Es gibt hier Leute die Durst haben." Sofort kommt Leben in ihn. Er schüttelt leicht den Kopf ganz so als müsste er einen Traum abschütteln und wendet sich ab. Jedoch nicht ohne mir ein weiteres mal zu zuzwinkern. Errötet sehe ich weg. "Na, da hast du ja gleich am ersten Abend einen Treffer erzielt.", kichert Viktoria. "Was? Wieso?", stammle ich verwirrt. Sie deutet mit dem Daumen hinter den

Tresen. "Na bei Ben.", lacht sie. "Ich kann's aber verstehn'. Er ist eine richtige Sahneschnitte." "Ähm ... wie du meinst.", murmle ich peinlich berührt. Sie stubst mich in die Seite und zwinkert mir zu, "Keine Sorge, du bist nicht die erste." "Wie meinst du das?" "Na, er hat schon so manch anderer den Kopf verdreht." "Auch euch?", frage ich vorsichtig. Wieder ernte ich Lachen. "Nee. Niemals fangen wir was mit Freunden an!", bringen sie mir ihre erste Hausregel bei. "Ben ist also ein Freund?" "Klar ist er das. Wir kennen uns schon

ewig. Seit der Grundschule.", erklärt Viktoria. "Ach so." "Ja. Er ist wie ein Bruder für mich. Ich könnte nicht mal daran denken ihn zu küssen.", lacht sie. "Aber wenn du ihn gern möchtest, würde ich eine Ausnahme machen." "Ausnahme?" "Unsere goldenen Regeln.", liefert sie die Erklärung. "Wir haben ein paar Regeln für unser Zusammenleben in der WG." "Und die wären?", frage ich, glücklich über den Themenwechsel. "Schließlich muss ich sie jetzt auch kennen." "Das stimmt. Aber wir dachten nicht

daran dich gleich am ersten Abend damit zu behelligen.", gibt Ana grinsend zu. "Heute hast du noch Narrenfreiheit. Also wenn du möchtest ..." Sie sieht bedeutend hinüber zu Ben der mit dem Rücken zu uns steht den Shaker schüttelt. Sprachlos folge ich ihrem Blick und betrachte Bens Rückansicht. Dieser Hintern. Ich merke wie ich auf meiner Unterlippe herum kaue und ihn anschmachte. Michael hat auch einen wundervollen Arsch! Erschrocken zucke ich zurück. "Nein. Nein. Kein Interesse.", keuche ich.

Beide sehen mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Alles klar mit dir?", fragt Ana. Ich nicke eine Spur zu heftig und greife nach meinem Glas. "Ist wohl noch ganz frisch deine Trennung oder?" Ich nicke erneut und hebe das Glas. Die kalte Flüssigkeit rinnt mir die Kehle herunter. Ana mustert mich schweigend, gähnt mit einem Mal übertrieben hinter vorgehaltener Hand und sagt, "Ich glaube, mir reichts für heute. Ich muss ins Bett. Kommst du mit, Thea?" Viktoria rümpft die Nase. "Was denn,

jetzt schon?" "Ja.", erwidert Ana und deutet mit einem ruckartigen Kopfnicken auf mich. "Wir sind müde." Das letzte Wort betont sie extra. Viktoria murmelt etwas unverständliches, meint aber schließlich, "Okay. Dann wünsche ich euch eine gute Nacht. Ich bleib noch ein wenig, wenn's recht ist." Wir nicken. Und ich erhebe mich schwerfällig von meinem Barhocker. Meine Beinen scheinen schon zu schlafen. "Ben, wie geh'n", verkündet Ana lautstark. Das war mittlerweile auch nötig, denn es war brechend voll in der Bar. Dennoch kommt Ben sofort zu

unserer Seite des Tresens um uns zu verabschieden. "Thea's Getränke gehen heute auf mich." verkündet er und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. "Das ... das muss doch ni ...", stammle ich und werde sofort von ihm unterbrochen. "Scht ... Sieh es als Willkommensgeschenk." Ich merke wie ich erneut rot werde und "Danke." murmle. "Bis bald, Thea.", sagt er und lächelt. Kann dieser Mann nur lächeln? "Und herzlich Willkommen in London!" "Danke nochmal.", sage ich und lächle zurück. "Na, bei dem hast du ja mächtig

Eindruck gemacht.", meint Ana kaum das wir draußen in der kühlen Nachtluft stehen. "Bei Ben?", frage ich. "Klar. So benimmt er sich sonst nicht wenn ihm eine gefällt." "Na das ist ein echter Trost.", murmle ich. "Das er jeder hinterher steigt." "So meine ich das doch gar nicht.", lacht sie und hakt sich bei mir unter. "Aber ich denke wirklich, er mag dich." "Dabei will ich doch nur von einem gemocht werden. Schweigend gehen wir den kurzen Weg zu unserem Haus zurück. Später am Abend dann als ich allein in

meinem alten Bett, in meinem neuen Zimmer liege und den Mond durch das schräge Dachfenster über mir beobachte, war von der Aufregung des Tages nichts mehr zu spüren. Ich war einfach nur noch müde. Meine Beine waren schwer und mein Kopf tat weh. Auf das letzte Glas Sekt hätte ich wohl besser mal verzichtet. Heute war Alkohol wohl keine so gute Idee gewesen. Ich starre an die Decke und lausche den Geräuschen der Nacht. Von der Straße her höre ich dann und wann leise Motorgeräusche. Ein Vogel singt. Bestimmt eine Nachtigall. Die Geräusche der Stadt sind nur noch ein leises Hintergrundrauschen.

Ich schließe die Augen und reiße sie gleich darauf wieder auf. Michael. Da war er wieder. Er, er, immer nur er. Jedes Mal wenn ich die Augen schließe, sehe ich sein Gesicht vor mir. Und das verrückte war, dass wenn ich an ihn denke nicht an die Küsse zurückdenke, sondern an den Augenblick direkt vor den Küssen. Als mein Herz wie ein Kolibri geflattert und mein Atem sich danach gesehnt hatte, sich mit seinem zu vereinen. Seine Küsse waren reine Magie gewesen. Die Augenblicke die wir miteinander teilen durften, die winzigen Momente in denen die Luft zwischen uns geknistert hatte, da wusste ich, ich habe

mich rettungslos verliebt in den Mann. Ich muss, nein, ich werde ihn finden und ihn zurück erobern. Mit der Hoffnung, dass mein Plan gelingen würde schlief ich ein.

19.

Die ersten Wochen in London nutze ich um mein neues Zuhause zu erkunden. Ich besuche das Tate Modern, den Buckingham Palace und ein weiteres Mal den Tower. Camden Market ist schon bald mein bevorzugtes Einkaufsziel. Ich liebe diesen bunten und völlig überfüllten Marktplatz auf dem man wirklich alles bekommen konnte was das Shopaholic Herz begehrt. Mit jedem Tag mehr erkunde ich auch mein näheres Umfeld in Notting Hill. Die vielen kleinen Geschäfte, der Supermarkt und die Weinhandlung um die Ecke sind mir bald

so vertraut als würde ich schon ewig hier leben. Doch manchmal wird mir alles zu viel. Zu viel Nähe meiner Mitbewohnerinnen, zu viel Trubel, zu viele Menschen. Bei einem Besuch am Finanzpuls Londons im Carnary Warf entdeckte ich einen kleinen alten Kirchhof. Sankt Anne's Church. In dem weitläufigen Kirchhof stehen hohe Platanen, Bänke an jeder Ecke, einzelne uralte Grabsteine und eine in etwa drei Meter hohe steinerne Pyramide. Die Hawksmoor Pyramide. Niemand scheint so recht zu wissen zu welchem Zweck diese errichtet und genau hier aufgestellt wurde. Aber mir gefällt sie sehr! Von Moos und Flechten begrünt zeigt sie an

der südlichen Seite die Inschrift 'Die Weisheit Salomons' sowie ein stark verwittertes Wappen, auf dem ein Einhorn gerade noch so erkennbar ist. Manche glauben das die Pyramide etwas mit den Freimaurern zu tun hat, andere wiederum denken, dass der Bauherr einen Hang zu geometrischen Figuren hatte und sie sei nur eine Spielerei. Mir ist egal was ihr Zweck war, jetzt ist sie jedenfalls meine neue Inspirationsquelle. Immer wenn ich neue Ideen benötige, nicht mehr weiter weiß, oder einfach nur traurig bin komme ich hierher. Es ist nicht weit und man kann den Besuch mit einer Einkehr im 'The Grapes' verbinden. Sir Ian McKellen, der Schauspieler hat

hier eine historische Kneipe mit ausgezeichneter Gastronomie. Und nicht nur einmal zieht es mich in dieser Zeit zu Michaels Wohnadresse. Ohne dem Haus scheinbar größere Aufmerksamkeit zu schenken gehe ich daran vorbei und schiele an der Hausfassade empor. Natürlich stets ohne ein Lebenszeichen von seinem Bewohner zu erhaschen. Ihn in seinem Verlag im Carnary Warf zu erreichen traue ich mich nicht. Er hatte mich verlassen, das wird einen Grund haben. Mittlerweile war ich mir ziemlich sicher, dass ihm in besagter Nacht aufgefallen war, dass wir nicht zusammen passen. Er ist so straight und

ich ... Na ja, das Ende kennen wir ja. "Sag an, mein Sohn, hast du mir Neuigkeiten zu berichten?" "Wenn du an Neuigkeiten aus dem Verlag interessiert bist, Vater, dann ja. Ansonsten muss ich dich leider enttäuschen.", entgegne ich kühl. "Das wäre ja nichts Neues.", murrt er leise. Ich schlucke meine ärgerliche Bemerkung runter. "Er ist ein alter Mann.", sage ich mir im Geiste, "Nur ein verbitterter, einsamer, alter Mann." Laut fahre ich fort, "Ich habe eine Änderung im Umgang mit unseren

Geschäftskontakten beschlossen. Nein, ich habe sie bereits umgesetzt.", kläre ich ihn über meine Ideen auf. Interessiert sieht er zu mir auf. "Und die wäre?" Sollte er tatsächlich Interesse an einer meiner Ideen haben? Neuen Mut schöpfend hole ich tief Luft und beginne zu berichten, "Ich treffe Klienten und Geschäftspartner zukünftig in Restaurants. Ich dachte mir, dass lockert die Stimmung etwas auf. Mit einem zufriedenen vollem Magen lässt sich besser verhandeln." "Unfug!", macht er mein Hochgefühl gleich wieder zunichte. "Wer soll das

bezahlen?" "Ähm ... na ich." "Blödsinn!", wiederholt er. "Dann lassen die sich von dir aushalten und springen am Ende doch ab." "Vater, es ist doch eher so, dass ich sage ob sie danach gehen sollen oder bleiben dürfen.", rufe ich ihm ins Gedächtnis. "Außerdem gedenke ich nur die vielversprechenden Klienten zum essen einzuladen." "Aha. Und hast du mit dieser Methode schon Erfolg gehabt?" Ich nicke und berichte ihm von unseren neues Vertragsabschlüssen. "Was ist mit der Filiale in Manchester?", fragt er anschließend, ganz so als ob er

mir gar nicht zugehört hat. "Ja also, die ... nicht so gut um ehrlich zu sein. Ich hatte vor die nächsten Tage mal hinzufahren und mir alles vor Ort anzusehen." "Mach das, mein Junge! Und vielleicht kannst du ja dort mehr als nur diesen einen Erfolg erzielen?", meint er vielsagend. Ich weiß worauf er anspielt. Doch ich hatte eigentlich nicht vor meine Suche nach einer Ehe-Kandidatin über die Londoner Stadtgrenzen auszuweiten. "Tja, also ...", murmle ich und sehe auf meine Fußspitzen. "Du machst das schon. Aber wenn ich dich erinnern dürfte, es sind nur noch

knapp sechs Monate." Bei meinem Glück schafft er noch locker mehr als die. Ich nicke stumm. "Und was macht deine andere Baustelle?" "Was meinst du?", frage ich verwundert. "Der Entzug." Empört schnappe ich nach Luft. "Also ich kann nur eines, oder eigentlich mache ich sogar schon zweierlei. Ich leite den Verlag und suche nach einer Partnerin. Wann bitte schön soll ich da noch einen Entzug machen?" "Also als ich noch so jung war wie du es jetzt bist, hatte ich Elan für drei.", kontert er und besieht sich interessiert seine

Fingernägel. "Lenk dich ab! Sonst bringst du ihn jetzt um.", sagt mir meine Innere Stimme. Ich lasse den Blick schweifen und entdecke einen massiven gläsernen Aschenbecher. Seit wann war das rauchen im Krankenhaus erlaubt? Egal. Ob er schwer genug ist ihn aus zu nocken? Es wäre ganz leicht. Er ist geschwächt. Ist genauso wehrlos wie ich es damals war. "Junge!", herrscht er mich an und holt mich so aus meinen Mordgedanken zurück. "Träumst du immer noch so viel? Gewöhn dir das endlich ab, verdammt nochmal! Cathy hat dich dermaßen verzogen. Man sollte diese Person dafür nachträglich noch züchtigen.", ätzt

er. Ich merke wie Wut wie ein Feuer in mir aufflammt. Meine Hände, zu Fäusten geballt beginnen zu zittern. Der Aschenbecher. Dann gehe ich eben ins Gefängnis. Ich hab' ja sowieso nichts zu verlieren. Plötzlich, es kommt so schnell, dass ich vor Schreck zurück schrecke. Theas Gesicht vor mir. Sie. Ich habe sie. Sie ist es wert am leben, clean und ein unbescholtener Bürger zu bleiben. Ich dränge das wütende Gefühl zurück und zwinge mich zu einem falschen Lächeln. "Du hast deine Meinung und

andere haben eine andere über meine Wenigkeit.", brumme ich fast tonlos. Mist! Die Wortwahl war nicht gut gewählt. "Wenigkeit. Das trifft es.", höhnt er sofort. "Geh jetzt und erledige endlich deine Aufgaben!", schnauzt er mich an und deutet mit der Hand Richtung Tür. Dieser Aufforderung folge ich nur allzu gern. "Und, hast du dich schon etwas eingelebt, mein Schatz?" "Mensch Mami, dass hast du mich doch schon bei den letzten drei Telefonaten gefragt.", stöhne ich und streiche energisch meine Locken aus dem

Gesicht. "Es interessiert mich eben wie es meiner Tochter geht.", entgegnet sie und ich kann mir richtig gut die sauertöpfische Miene vorstellen die sie gerade macht. "Ja klar.", murmle ich. Lauter antworte ich, "Aber um deine Frage zu beantworten, nochmal, es geht mir gut und in den vier Wochen die ich jetzt schon hier lebe habe ich mich sehr gut eingelebt." "Das freut mich zu hören! Und beim schreiben kommst du auch voran?" Ich nicke. Ach ja, dass kann sie ja nicht sehen. "Ja, es läuft alles bestens." "Du kannst deinem Verlag wirklich dankbar sein, dass du weiterhin für die

arbeiten kannst." Ich rolle mit den Augen. "Weißt du, Mutti, normalerweise arbeiten Autoren immer von zuhause aus. Sie reichen ihre Manuskripte per PC ein. Das ich in Berlin ein eigenes Büro hatte war ein außerordentlicher Ausnahmefall", erkläre ich geduldig. Theoretisch dürfte ihr das nicht neu sein, aber scheinbar findet sie sonst kein Gesprächsthema für ein Telefonat mit ihrer Tochter. "Ach, ist das so?", macht sie. "Hm. Und sonst? Gehst du viel aus? Ich habe mal gehört das kann man in London sehr gut." "Genauso gut wie in jeder anderen

Großstadt möchte ich wetten.", entgegne ich schnippisch. "Hm. Und deine Mitbewohnerinnen?" In der Art und Weise wie sie das Wort Mitbewohnerinnen betont merke ich, wie sehr es ihr missfällt, dass ihre 30 jährige Tochter Teil einer in einer WG ist. "Anastasia und Viktoria. Sie sind sehr nett und haben mich äußerst freundlich aufgenommen." "Und was machen sie so?" "Mutti, dass weißt du bereits. Sie studieren Schauspiel.", lache ich genervt. "Ach so." Sicher rümpft sie jetzt die Nase. Menschen die künstlerisch tätig und damit tatsächlich erfolgreich sind, sind meiner Mutter, der unkreativsten

Frau auf Erden, schon immer suspekt gewesen. "Und davon können sie ihr Leben bestreiten?" Ich lache. "Ja, tatsächlich können sie das." "Auch die Miete zahlen? Ich habe gelesen in London sind die Mieten utopisch teuer." "Das stimmt. Das war ja auch der Grund weshalb sie eine Mitbewohnerin gesucht haben." "Hm.", macht sie, "Aber es ist nicht so, dass du den größeren Anteil der Miete stemmst?", fügt sie mit einem besorgten Unterton hinzu. "Nein. Mach dir da keine Gedanken!

Ana's Anteil übernimmt sogar ihr Vater.", erkläre ich. Das war jetzt tatsächlich eine neue Information für meine Mutter. Gestern erst habe ich erfahren, dass Ana's Vater, ein halbwegs berühmter Theaterdarsteller, ihren Anteil übernimmt. Ana kommt ursprünglich aus Sheffield, wo sie nachd er Trennung der Eltern mit ihrer Mutter gelebt hat. Als sie schließlich der 'Ruf auf die Bretter die die Welt bedeuten' lockte, zog sie ihrem Vater nach. Dieser schien darüber so erfreut, dass er freiwillig seine Tochter mit der Mietzahlung unterstützt. Mrs. Lewis, unsere Vermieterin ist eine ältere aber keinesfalls eingerostete Dame die ihr Häuschen irgendwann zur Miete

freigegeben hatte und es ab da an vorzog in einer zweckmäßigen kleinen Wohnung zu wohnen. "Ach, ist das so? Und die andere?" "Viktoria? Die könnte sich die Miete sogar ganz allein leisten." "Wirklich? Wie das?" "Ihre Eltern. Die sind Unternehmer. Irgendwas mit Immobilien oder so.". erkläre ich vage. "Und warum sucht sie sich dann Untermieter?" "Erstens sind wir eine WG und keine Untermieter einer einzelnen.", erkläre ich geduldig. Obwohl es mir langsam wirklich schwer fällt ruhig zu bleiben. "Und außerdem ist es gemeinsam

lustiger." "Lustiger?", wiederholt sie pikiert. "Ja, stell dir vor.", zische ich. "Wir unternehmen einiges gemeinsam." "Aha." Ich merke schon, dass dieses Gespräch zu nichts führt. "Du, Mama, apropos ausgehen. Ich bin für heute verabredet. Ich müsste mich mal langsam fertig machen." Das war zwar gelogen, aber ich wollte das Telefonat nur noch beenden. Bevor sie auch noch auf das Thema 'Michael' zu sprechen kommt. Ich konnte mir wirklich besseres vorstellen, als an einem Freitagabend über meine verflossene Liebe

nachzugrübeln. "Wenn du meinst.", macht Mutter. "Dann hören wir uns also nächste Woche wieder?" "Ja, genau. Bis dann. Grüße Papa bitte ganz lieb. Ach ja, und Aiden natürlich." Im letzten Moment erinnerte ich mich, dass Aiden Herbstferien hatte und diese zuhause in Berlin verbringen würde. Er war lange nicht mehr zuhause. Die Sommerferien verbrachte er die gesamten sechs Wochen mit seinem Freund Thomas von Williamsen auf deren Familienanwesen am Rhein. "Das mache ich. Er ist traurig, dass er dich diesmal nicht trifft." "Ich bin doch nicht aus der Welt. Er kann

mich doch besuchen kommen.", schlage ich spontan vor ohne daran zu denken, dass ich nur ein WG Zimmer habe. Allerdings verstieß Männerbesuch ja nicht gegen unsere Hausordnung. Grinsend wiederhole ich, "Ja, er kann doch nach London kommen. Für ein Wochenende jetzt in den Ferien vielleicht?" "Ich weiß nicht recht ...", murmelt Mutter. "Ich aber. Das ist kein Problem." Die Idee gefällt mir besser und besser. "Ich rede mit Vik und Ana. Aber sie haben sicher nichts dagegen." "Du kannst uns ja bescheid geben!", meint

sie. "Mach ich. Aber jetzt muss ich wirklich ..." Was genau ich musste ließ ich offen, ich hatte jetzt nur kaum noch Zeit um mich für den Abend fertig zu machen. "Ist gut. Bis bald, mein Kind." Damit beenden wir das Gespräch und ich nehme mir vor, nachher gleich mit meinen Mädels zu reden. "Ja, Julia, mir geht es gut.", brumme ich genervt. Schon wieder diese Frage. Immer wieder und wieder stellen mir die Leute diese Frage in der letzten Zeit. Gelangweilt stehe ich an einem der bodentiefen Fenster im Salon im ersten Stock und beobachte das Treiben auf der

Straße vor dem Haus. "Na vielleicht, weil du scheiße aussiehst.", mischt sich mein nicht existenter Mitbewohner ein. "Halt die Klappe!", zische ich. "Wie bitte?", fragt meine beste Freundin und Gelegenheitsaffäre. "Ich habe mich wohl verhört." "Nicht du.", herrsche ich sie an. Die Stimme lacht. Genau in diesem Moment macht sich auch noch ein unangenehmes Ziehen in meinem Magen bemerkbar. Das Amphetamin hat seine Wirkung verloren. "Michael, ist alle sin Ordnung? Willst du vorbeikommen?", fragt Julia. Ich weiß worauf das nur wieder

hinausläuft. Zuerst ziehen wir uns eine Line rein und anschließen ziehen wir uns aus. "Ich kann nicht." Das muss ich laut gesagt haben, denn Julia fragt verwundert. "Was? Mich besuchen?" "Nein, das nicht ..." Ich schweige. Julia weiß nichts von Thea. Ich weiß nicht wie sie reagieren würde. Allerdings ist sie die extrovertiertes Person die ich kenne. Sicherlich wäre es für sie eine Art Spiel. Eine Herausforderung. Mich umzustimmen. Das ich Thea vergesse und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Dennoch antworte ich, "Heute nicht, Juli. Es ... es passt heute nicht." "Es passt nicht?" Sie betont jedes

Wort. Ich hole hörbar Luft. "Entschuldige. Ich habe was vor.", murmle ich. "Hört, hört.", lacht sie. "Jack sagt, in letzter Zeit hast du fast gar nichts mehr vor. Du sitzt zuhause in Mayfair in deinem riesigen Haus und bläst Trübsal." "Danke, Jack.", brumme ich in Gedanken. "Da irrt er sich. Ich treffe nachher einen ... ähm Klienten." "Du klingst wie ein beschissener Anwalt.", lacht sie. Ich stimme halbherzig in ihr Lachen mit ein. "Du lässt kein gutes Haar an deinen Amtskollegen, was?" Sie schnaubt verächtlich. "Wenn du

wüsstest was für Schweine die meisten sind." Ich behalte meine Meinung zu diesem Thema lieber für mich, Denn ich weiß, sie ist ein verdammter Pitbull im Gerichtssaal. "Treffen wir uns ...", plaudert sie. In diesem Moment werde ich von einer Person auf der Straße vor dem Haus abgelenkt. Von einer Person mit roten Locken. "Ja?" "Ähm ... was?" Ich beobachte wie die schlanke Frau an meinem Haus vorbei geht. Eine Taube lässt sich in diesem Moment vom Dach über mir fallen und gleitet mit ausgebreiteten Flügeln galant

über die Straße. Die Frau hebt ihren Kopf und sieht an der Fassade meines Hauses empor. Ob sie mich halb hinter der Gardine versteckt sehen kann, kann ich nicht ausmachen. Wenn es so ist, lässt sie sich nichts anmerken. Es dauert nur einen Moment und sie sieht wieder geradeaus. Bilde ich es mir nur ein, oder beschleunigt sie ihren Schritt? "Michael? Bist du noch da?", höre ich Julia durch das Handy sprechen. "Ja. Ja natürlich.", entgegne icg verwirrt. "Du hörst dich an als hättest du gerade einen Geist gesehen.", scherzt sie. "Hab' ich auch.", murmle ich wahrheitsgemäß, denn ich bin mir hundertprozentig sicher gerade Thea

gesehen zu haben. Aber das kann nicht sein. "James hat doch recht, du benimmst dich ungewöhnlich. Ich denke wirklich, ich sollte mich um dich kümmern!" "Nein.", kommt es eine Spur zu heftig von mir. Ruhiger füge ich an, "Nein, dass ist ganz lieb von dir, Juli, aber wirklich nicht nötig. Du, ich muss jetzt Schluss machen." "Na ich hoffe doch sehr, dass du das nicht wörtlich nimmst.", lacht sie gekünstelt. "Was?", frage ich verwirrt. "'Das Schluss machen'. Mensch, Michael. Was ist nur los mit dir, Schatz?" Sie klingt echt besorgt. Jetzt tut mir mein

Verhalten leid! Juli ist meine älteste und beste Freundin. Neben Jack. Der nicht ihr Partner ist auch wenn es wirklich gewöhnungsbedürftig ist, dass seine Frau ebenfalls Julia heißt. "Mach dir keinen Kopf. Mir geht es wirklich gut. Ich verabschiede mich jetzt.", erkläre ich und zwinge mich zu einem Lachen um die Stimmung zu retten. "Ist gut, aber ich verlange dich zu sehen. In den nächsten Tagen!", bestimmt sie rigoros und legt auf. Ich reiße das Fenster auf und lehne mich heraus. Die rothaarige war nicht mehr zu sehen. Ob ich sie noch einholen kann wenn ich jetzt los renne? So eilig wie es

mir barfuß möglich ist renne ich die Treppe hinunter, aus dem Haus auf den Gehweg und die Straße herunter in die Richtung in die die Frau gegangen war. Nichts. Zuviel Zeit war vergangen. Ich kann sie unmöglich noch einholen. Wer sie wohl war? Ob sie mal wieder vorbeikommt? Aber die Ähnlichkeit war wirklich verblüffend. Heute war wieder einer dieser Tage. Es trieb mich wie magnetisch angezogen zu Michaels Wohnung. Mehrmals, wie ich es immer tue gehe ich die Straße auf und ab. Einmal auf der linken Seite, dann auf der rechten. Manchmal wiederhole ich das noch einmal. Heute war weiter vorn

ein Verkehrsunfall und es war ziemlich viel los. Menschen. Autos, Rettungswagen. Ein Radfahrer war wohl von einem Taxi angefahren worden. Da vorn ist es. Ich sehe auf die Gehweg. Mittlerweile hätte ich das Muster der Gehwegplatten im Schlaf abzeichnen können. Jetzt bin ich fast neben Hausnummer 22. Ich hebe den Kopf, sehe an der Fassade hoch. Die Sonne steht direkt über dem Dach. Eine Taube stürzt sich von der Dachkante herunter und fliegt knapp über meinem Kopf über die Straße. An einem der Fenster im ersten Stock kann ich eine Bewegung ausmachen. Ist er zuhause? Steht er da am Fenster und sieht mich? Ich wage es

genauer hinzusehen. Mist! Die Sonne blendet mich. Den Mut, stehen zu bleiben um das Haus ganz genau zu betrachten kann ich nicht aufbringen.Dazu bin ich dann doch zu feige. Ich starre geradeaus, als wäre nichts gewesen und beschleunige meinen Schritt. Nur weg von hier. So schnell konnte ich mich hier nicht mehr blicken lassen. Er will ja offensichtlich nichts mehr mit mir zu tun haben. Nicht das er mich noch als Stalkerin verhaften lässt. "Mit dir ist wirklich kaum noch was anzufangen, mein Freund." Wie immer übertreibt er maßlos. "Oh man, Jack, übertreib nicht

so." "Was denn? Immer wenn du mir mal ein paar deiner kostbaren Minuten opferst bist du doch nicht ganz bei mir." Ich weiß überhaupt nicht wovon er spricht. Schließlich sitze ich hier und das bereits mehr als ein paar Minuten. "Ich weiß gar nicht wa sdu meinst.", gestehe ich und fahre mir mit der Hand durch das Haar. "Du sitzt hier, das stimmt, aber dein Kopf ist woanders. Hast du noch immer keine gefunden?", stöhnt er theatralisch und trinkt einen Schluck seines Bieres um sich zu stärken hat es den Anschein. "Wenn du mit 'keine' eine Frau meinst, dann muss ich dir zustimmen. Ich date

eine nach der anderen, aber ..." "Die richtige war nicht dabei.", beendet er meinen Satz. "Das wundert mich nicht." Hellhörig geworden sehe ich zu ihm auf. "Wieso?" "Du suchst an der falschen Stelle.", urteilt er. "An der falschen Stelle?", wiederhole ich. "Du willst eine, nein, du brauchst eine die dir intellektuell das Wasser reichen kann. So eine findest du doch nicht über Datingseiten. Da tummeln sich nur die Art von Weibern die auf ne schnelle Nummer aus sind." "Ach ist das so? Und du kennst dich

damit aus?", versuche ich ihn aufzuziehen. Jack nickt feierlich. "Klaro, vor Julia hab ich es nicht anders gemacht." Interessant. Nichts das ich es bisher nötig gehabt hätte eine Frau für eine Nacht über eine Dating App zu finden. "Du musst in einer Bibliothek oder einem Buchladen suchen. Verstehst du?", deklamiert er weiter. "Bibliothek? Weil ich so ein Langweiler bin oder was?" "Nein, weil das deinem Naturell entspräche." Die Drogensucht ist ebenfalls ein Teil meines Naturells. Sollte ich vielleicht eine Frau unter den zahlreichen

Drogenabhängigen Obdachlosen dieser Stadt suchen? "Vielleicht sollte ich einfach eine nehmen die mich kennt. Die weiß woran sie bei mir ist.", überlege ich laut. Die Hand mit der Erdnuss bleibt auf halben Wege zu seinem Mund in der Luft hängen. "Eine die deine dunkle Seite kennt?" "Wenn du damit meine Drogensucht meinst, ja genau. Das wäre doch überhaupt das Beste. Ich müsste ihr nichts vormachen, mich nicht verstellen und keine Ausrede erfinden um sie vor den Altar zu zerren." "Wie du das sagst.", murmelt er. "Ach scheiße! Ich brauche eine Frau.",

stöhne ich. "Mein Vater besteht nach wie vor darauf. Egal was ich ihm sage, er besteht darauf." Wenn ich hier so weiter lamentiere, fange ich noch an zu heulen. Die Wirkung der verdammten Quaaludes lassen langsam nach." "Er war schon immer ein Arsch!", urteilt er über meinen Vater. Recht hat er! Schweigend hängen wir unseren Gedanken nach. "Theoretisch hattest du so eine schon gefunden.", murmelt er und vermeidet es mir dabei ins Gesicht zu sehen. James weiß, dass ich sie verlassen habe, aber er kennt nicht den wahren Grund. Den wollte ich aus Gründen meines

Images für mich behalten. Er sollte nicht glauben das ich durch Thea zum Weichei mutiere. "Hm.", gebe ich leise zu. "Aber das Thema ist abgehakt." "Hm.", macht er. "Ich mein ja nur, wenn du ..." Etwas zu hastig fahre ich ihm über den Mund, "Auf keinen Fall!" "Und warum nicht? Ich hatte den Anschein sie sei perfekt. Und sie hatte schon ja gesagt." Erinnert er mich an den schmerzvollen Moment vor knapp fünf Monaten, als ich Thea allein gelassen habe. "Es hätte nicht geklappt.", presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen

hervor. "Wie du meinst.", murmelt er und bedenkt mich mit einem argwöhnischen Blick. Am Abend als ich allein in meinem Bett liege, kann ich wieder einmal nur an die eine denken. Seit ihr gab es keine mehr die mich berührt hat. Weder physisch noch psychisch. Dieses scheiß Schicksal. Immer wieder steht es meinem Glück im Weg. Ich hatte meinem Lebensweg bereits Jahre zuvor geplant und war ihn kompromisslos gegangen. Liebe oder gar eine Familie kamen in diesem Entwurf nicht vor - ich hatte von vornherein

jeden daraus gestrichen, den ich möglicherweise verlassen oder enttäuschen müsste. Belanglose Affären, Sex ohne Verpflichtung. One Night Stands. Eine Ausnahme wagte ich bei Claire. Doch bald schon musste ich feststellen das sie ein Fehler war. Eine dicke Haut hatte ich mir zugelegt. Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Erfolg strebte ich an. Immer, zu jeder Zeit. Ich hatte mich immer auf Dinge konzentriert, die ich messen, beziffern, sehen konnte. Geschäfte, Bilanzen und Gewinnspannen. Liebe war nie ein Thema für mich gewesen. Ganz bewusst nicht. Und dann traf ich Anthea und alles änderte sich. Ob das nur für mich zum Guten war oder

nicht, vermochte ich noch immer nicht so recht herausfinden. Theas Liebe die sie mir entgegen brachte, war das Beste was mir jemals passiert war. Sie war echt, rein und tief. Und ich habe es zerstört. Das einzig Gute was mir je widerfahren war. Dafür konnte ich nicht einmal meinem beschissenen Vater die Schuld für geben. Was sie wohl gerade macht? Ob sie einen neuen hat? Ehe ich begreife was ich da tue, habe ich mir mein Handy vom Nachttisch gegriffen und wähle ihre Nummer. Fassungslos starre ich auf das Display. Ich muss auflegen! Wie peinlich! Anrufen und einfach so auflegen. Dennoch komme ich nicht

umhin es mir neugierig ans Ohr zu halten. Es klingelt gar nicht. Eine weibliche Computerstimme teilt mir nüchtern mit, dass der von mir gewählte Gesprächsteilnehmer nicht zu erreichen ist. Zerknirscht und auch etwas wütend lege ich auf. Warum ist ihr Handy ausgeschaltet? Ist sie gerade intim mit einem anderen? "Warum nicht? Ihr Leben ist weitergegangen.", höhnt meine innere Stimme. "Warum sollte sie auf einen wie dich warten?" "Du warst es doch der mir geraten hat zu gehen.", führe ich einen inneren Dialog. Doch ich ernte nur ein hämisches Lachen. Oder bilde ich mir das nur ein? Wütend werfe ich mein Smartphone auf

den Tisch zurück. Michaels Hand streicht mir sanft eine Strähne hinter das Ohr. Sein Mund nähert sich meinem Hals und haucht wunderbar sanfte Küsse auf die empfindliche Haut unter meinem Ohr. Ein wohliger Seufzer dringt aus meiner Kehle. "Oh Michael! Ich habe dich so vermisst." "Ich weiß, Darling. Ich weiß.", raunt er und nimmt mein Gesicht zwischen seine großen Hände. Ich hebe den Blick und sehe ihm in die azurblauen Augen. Diese wunderschönen Augen und sie sehen nur mich. Sein Mund, zu einem Lächeln verzogen nähert sich meinem. In freudiger Erwartung starre ich auf seine

Lippen. Gleich ... Rums. Erschrocken reiße ich die Augen auf. Was war das? Wo war Michael? Bedrückt merke ich, es war alles nur ein Traum. Traurig sehe ich mich um. Ich liege in meinem Bett. Allein. Leider. Ein Schrei kommt aus den Tiefen des Hauses. Ein erschrockener Schrei. Eilig verlasse ich mein Bett, werfe mir meinen Kimono über und renne aus dem Zimmer. Die Badezimmertür ist nur angelehnt, ein würgendes Geräusch kommt aus dem Innern. Zaghaft klopfe ich an den Türrahmen. "Alles in Ordnung?" Ein weiteres Würgen kommt als

Antwort. Ein Stups gegen das Türblatt und sie schwingt leicht auf. Ana kniet vor der Toilette. Ihr langes weißblondes Haar fällt wie ein Schleier vor ihr Gesicht. "Hey, Ana. Was ist denn? Ist dir schlecht?", frage ich recht dümmlich wie mir scheint, in anbetracht der Tatsache, dass sie sich übergeben muss. Tatsächlich schafft sie es zu nicken ehe sie sich erneut in einem Schwall übergibt. Eilig trete ich näher und halte ihr Haar zurück. "Danke.", keucht sie. "Kein Problem.", murmle ich und streichle ihr tröstend mit der Hand über den Rücken. Nach einer Weile ist der Spuk vorbei und

Ana erhebt sich. "Kannst du mir bitte mal meine Zahnbürste rüber geben?", bittet sie mit matter Stimme und deutet mit dem Kinn auf das Regal hinter mir. Ich reiche ihr das verlangte. Nachdem sie sich die Zähne gesäubert und sich frisch gemacht hat, schleppt sie sich hinunter ins Wohnzimmer. Ich folge ihr falls sie weiterhin Hilfe braucht. Im Wohnzimmer lässt sich meine Freundin schlapp auf das Sofa fallen, dreht sich auf die Seite und zieht die Beine an. Sie schien wirkliche Schmerzen zu haben. "Hey, Süße. Kann ich dir was Gutes tun? Brauchst du was?", flüstere ich. "Wärmflasche wäre schön.", presst sie zwischen zusammengepressten Lippen

hervor. "Moment." Ich erhebe mich und gehe in die Küche. Wo steckt eigentlich Vik? Sicher schläft sie noch. Wenn jemand einen tiefen Schlaf hat, dann ist es Viktoria. Und es war Samstagmorgen. Das hat in dieser WG viel zu sagen. Wenn nicht gerade irgendwelche Castings oder andere Termine anstehen, schlafen meine Mitbewohnerinnen gern mal bis zur Mittagszeit. Als ich die fertige Wärmflasche Ana ins Wohnzimmer bringe schläft sie tief und fest. Vorsichtig lege ich eine dicke Wolldecke über sie. Seufzend nimmt sie einen Zipfel in die Hand und schiebt ihn

sich unter die Wange. Gerührt betrachte ich sie einen Moment. Da kommt hinter mir Viktoria ins Zimmer geschlurft. Sofort bedeute ich ihr leise zu sein. Überrascht sieht sie erst mich und dann die schlafende Anastasia auf dem Sofa an. "Was?", fragt sie in Zimmerlautstärke. "Pst.", mache ich und lege den Zeigefinger an die Lippen. Vik nickt. Ich ziehe sie in die Küche hinüber. "Was ist denn los?", fragt sie verwundert. "Ana musste sich übergeben. Mehrmals.", berichte ich leise. "Ihr scheint es echt schlecht zu

gehen." Sie wirft die Arme in die Luft und beginnt im Zimmer auf und ab zu gehen. "Warum ausgerechnet heute?" "Ähm ... ich denke nicht, dass sie es sich so ausgesucht hat.", murmle ich zögernd. "Was ist denn los?" "Was los ist? Wir sind für heute Abend verabredet.", jammert sie. Das scheint mir jetzt kein allzu großer Verlust zu sein. "Wir haben ein Doppeldate.", fährt sie fort zu erklären. "Na und. Verschiebt es." "Verschieben? Das geht nicht. Er hat so selten Zeit." Theatralisch seufzt sie. Meine

Güte. "Wer denn?", frage ich freundlich. "Nicolas." "Hm." "Er ist ausgebucht. Andauernd." "Aber ihr seid befreundet. Er wird doch wohl auch an einem anderen Tag mal Zeit für dich haben.", versuche ich ihr einen Kompromiss aufzuzeigen. "Hat er nicht.", jammert sie. Ohne auf meinen Vorschlag weiter einzugehen jammert sie weiter, "Er hat nur heute Abend Zeit. Ich will es nicht verpatzen. Wir hatten extra ein Doppeldate ausgemacht, damit es nicht so offensichtlich ist, dass ich auf ihn

stehe." Ich bin verwirrt. Warum sagt sie ihm nicht einfach das sie ihn mag? Ich verstehe es nicht. "Ähm ..." "Ich hab's. Du springst für Ana ein.", ruft sie erfreut. "Was?", keuche ich. "Ja klar. Du kommst mit. Du hättest doch sowieso nicht den Samstagabend allein hier sitzen wollen oder?" Ihre Stimme überschlägt sich fast, so aufgeregt ist sie scheinbar. "Ich weiß nicht. Ana hatte sich bestimmt gefreut. Vielleicht wird sie böse, wenn ich jetzt statt ihrer gehe?" "Worüber du dir Gedanken machst.", lacht Viktoria. Sie winkt ab, "Ach

quatsch. Du brauchst dir keine Gedanken machen!" "Ich weiß nicht. Wen treffen wir denn da eigentlich?" "Nicolas.", seufzt sie träumerisch. "Ja und wen noch?", lächel ich. "Ach ja, Edmund." "Edmund?" Mir schaudert es. Wer heißt denn heutzutage noch Edmund? "Und wer ist das?", frage ich vorsichtig. "Edmund Gardener. Er ist Drehbuchautor." Klingt interessant. "Ein Kollege. Zumindest so ähnlich.", murmle ich. "Ja genau. Das passt doch prima!", jubelt sie. "Ihr könntet Tipps oder so

austauschen?" "Na ja, ich schreibe schließlich keine Drehbücher." "Na und?" Ich nehme mir einen Augenblick und gehe meine Möglichkeiten diesen Abend doch noch allein mit einem guten Buch auf der Couch zu verbringen durch. Ich schätze meine Chancen sehr gering ein. "Na gut. Ich komme mit.", gebe ich zu und versetzte damit Viktoria in Verzückung. "Super klasse! Ich danke dir, Thea! Du wirst es nicht bereuen! Edmund ist ... interessant." Interessant? Klingt ja

interessant. Pünktlich am selben Abend stehen Viktoria und ich zurechtgemacht vor dem Restaurant das Nicolas scheinbar ausgesucht hat. Ein Nobelschuppen. Ich selbst würde hier nicht essen gehen. Sicherlich führen sauteure Weine und Froschschenkel oder Weinbergschnecken die Karte an. "Da sind sie.", verkündet Vik und deutet auf die beiden jungen Männer die soeben auf uns zu geschlendert kommen. "Hey, ihr seit ja schon da.", begrüßt Nicolas zuerst Viktoria und anschließend mich mit einem Küsschen recht und links auf die

Wangen. "Schon ist gut. Wir waren vor zehn Minuten verabredet.", schimpft sie halbherzig. Ihre Nicolas kann sie sicher gar nicht wirklich böse sein. Er scheint das auch zu wissen. Er winkt ab. "Und wen haben wir hier?", fragt er und mustert mich von Kopf bis Fuß. Theoretisch müsste er mich langsam mal kennen. Schließlich haben wir uns schon öfters im Stars gesehen. Aber unwichtige Leute schien dieser Mann sofort wieder aus seinem Gedächtnis zu streichen. "Das ist Thea, meine Mitbewohnerin. Jetzt reiß dich mal zusammen!", schalt sie ihn. "Ihr habt euch schon öfters getroffen. Ana kann nicht. Sie ist krank."

Erklärt sie auch zu Nicolas Begleitung. Das ist er also. Edmund, der Drehbuchautor. "Du wirst mit Thea hier auch viel mehr Gesprächsthemen finden.", meint sie gerade. "Sie ist ebenfalls Autorin." Interessiert werde ich jetzt von Edmund gemustert. "Interessant.", brummt er abschätzig. Interessant. Das habe ich heute doch schonmal gehört. "Hallo, ich bin Thea.", stelle ich mich kurzerhand selbst vor, da Vik keine Anstalten macht das zu übernehmen. Sie ist eben noch jung. "Hi. Eden.", murmelt er freundlich und ergreift meine dargebotene Hand und

schüttelt sie mit festem Griff. "Eden?", frage ich verwundert. "Ich ... ich dachte du heißt Edmund?" Er fährt sich mit der beringten Hand durch die blonden halblangen Locken. "Ja, schon. Eigentlich heiße ich Edmund Gardener. Aber wie klingt das denn? Edmund." Er speit seinen Namen förmlich aus. "Wie soll man sich mit einem solchen Namen einen Namen im Buisness machen?" "Ja, was haben sich deine Eltern dabei gedacht?", lacht Nicolas. "Jedenfalls ist doch Eden Gardener viel einprägsamer, oder was meinst du, Thea?" Tja also, ehrlich gesagt ist es mir völlig

egal. Freundlich antworte ich, dass er wohl recht hat. "Wollen wir mal reingehen oder nur was zum mitnehmen bestellen?", lacht Nicolas weiter. Er scheint ein echter Witzbold zu sein. Wir folgen den beiden ins Restaurant. Kaum das wir an unserem Tisch sitzen fragt Edmund Eden weiter, "Und was schreibst du so, Thea?" "Ähm ... Romane. Liebesromane vor allem. Aber gerade arbeite ich an einem Krimi." Er zieht überrascht die Augenbraue hoch. "Das ist aber ein krasser Umschwung. Wie kam

das?" Ich zucke die Schultern. "Keine Ahnung. Aber irgendwie scheint mich die Stadt dazu zu inspirieren.", erkläre ich. "London? Kommst du nicht von hier?" Ich schüttle den Kopf und wiederhole zum gefühlt hundertsten mal in den letzten Wochen woher ich komme und warum ich jetzt in London lebe. Anerkennend nickt er. "Eine tolle Geschichte!" "Tja, eine Geschichte die das Leben schreibt.", entgegne ich lapidar. "Da hast du auch wieder recht.", lacht er und hebt sein Glas. "Dann lasst uns anstoßen! Auf Thea und das ihr Neuanfang ein Erfolg wird.", ruft er laut

genug das es auch noch die Gäste am Nebentisch hören können. Während des Essens erzählt er mit unverholenen Stolz in der Stimme das er einige Kurzgeschichten verfasst hat und diese demnächst verlegt werden würden. Aufmerksam geworden hebe ich den Kopf und sehe ihn an. "Ach tatsächlich? Das ist aber auch ein krasser Wechsel zu dem was du sonst so schreibst." Eden wendet sich wieder mir allein zu. "Da hast du recht. Aber ich wollte einfach mal was neues ausprobieren." "Siehst du. Genauso ging es mir auch.", konter ich. "Du sagst es wird verlegt dein Buch. Hast du schon einen Verlag?" Er nickt. "Ja habe ich.

Thompson." Beinahe hätte ich meinen Wein quer über den Tisch gespuckt so erschrocken bin ich bei der nennung von Michaels Namen. So verschlucke ich mich nur und brauche einen Moment um wieder normal atmen zu können. "Alles klar?", fragt Eden und klopf mir zaghaft auf den Rücken. Ich nicke und hebe die Hand damit er aufhört mit dem nutzlosen geklopfe. "Ja jedenfalls treffe ich mich bald mit dem Verleger und dann besprechen wir alles weitere." "Interessant! Dann wünsche ich dir ganz viel Erfolg dabei!", schleimt Vik. Ich rolle nur mit den Augen.

"Welchen Verlag hast du denn, Thea? Du ... du veröffentlichst doch deine Bücher oder?", fragt Eden nun wieder mich. Ich nenne ihn ihm. Er nickt anerkennend. "Von dem habe ich schon gehört. Ist ein deutscher oder?" Ich nicke. "Genau. Ich bin bei ihm geblieben. Trotz des Umzugs. Es macht ja auch nicht viel aus wo der Autor lebt." Eden nickt. "Cool." Damit war das Thema durch. Das war mir recht. Ich hatte nachzudenken und da passte es, dass ich für's erste nicht mehr ins Gespräch einbezogen wurde. Mit halbem Ohr hörte ich dennoch zu, um antworten zu können wenn ich doch

etwas gefragt würde. Eden trifft sich demnächst mit Michael. In meinem Kopf festigte sich mehr und mehr ein Gedanke, eine Idee, ein Unternehmen. "Und was machst du sonst so den lieben langen Tag?", richtet er schon wieder das Wort an mich. "Hast du dich schon gut eingelebt?" Schon wieder diese Frage. Ein leises Seufzen kommt aus meinem Mund. "Ja. Ja, das habe ich. Es ist toll hier! Gar kein Vergleich zu Berlin. Ich habe auch schon viel entdeckt. Jetzt habe ich ja Zeit dazu.", plaudere ich. "Das stimmt, jetzt hast du alle Zeit der Welt."

Warum dreht sich unser Gespräch immer nur um mich? Ich hasse es, über mich zu sprechen. Daher fordere ich ihn jetzt auf. "Wir reden immer nur von mir. Erzähl du mir doch was von dir! Was für ein Mensch ist der Mann mit dem ungewöhnlichen Namen?" Abwartend lächelnd schweige ich. Das war scheinbar genau das worauf er den ganzen Abend gewartet, seine Kinderstube ihm aber verboten hatte. "Okay.", strahlt er. "Also ich komme aus einem kleinen Nest im Süden. Schon immer liebte ich es zu schreiben. ..." Und er erzählte und erzählte. Ich täusche

vor aufmerksam zu zuhören, in Gedanken jedoch überlege ich wie ich mich zu dem Treffen was er demnächst mit Michael hat dazu schmuggeln könnte.

20.

Eine gefühlte Ewigkeit grübel ich über meine Möglichkeit dem Treffen von Eden und Michael beizuwohnen. Heimlich und hoffentlich unentdeckt natürlich. Bis mir einfällt, dass ich dumme Nuss vergessen habe nachzufragen in welchem der tausend Restaurants dieser Stadt sie sich treffen. Es lief wohl darauf hinaus, dass ich ohne Hilfe nicht weiter komme. "Vik, du musst mir unbedingt helfen!", bettel ich daher beim Frühstück am nächsten Morgen. "Gern, wenn ich kann." Sie lächelt mich über den Rand ihres Kaffeebechers hinweg an.

"Nur du kannst es.", antworte ich geheimnisvoll. Denn ich, um bloß kein Interesse vorzutäuschen habe Eden nicht nach seiner Nummer gefragt. Dieser Mann interessierte mich so sehr wie eine Schafherde in Schottland. Gar nicht. Obwohl, Schafe können derweilen ganz niedlich aussehen. Eden dagegen ist schräg, laut und so überhaupt nicht mein Typ. "Du musst herausbekommen wo Eden sich mit diesem Verleger trifft!", bitte ich endlich um Ihre Neugier zu befriedigen. "Hä ...

wieso?" "Ich ... ich will nur ... ähm einen Blick auf ... auf die hiesigen Verlegertypen werfen." Lüge ich und, ich geb' es zu, dass war eine sehr faule Ausrede. Dementsprechend skeptisch mustert Viktoria mich jetzt auch. "Aha." "Ähm ... ja, so ... so ticken wir verrückten Autoren eben." Versuche ich die peinliche Situation mit einem schiefen Grinsen und einem Schulterzucken zu retten. "So so.", murmelt sie. Mit einem Mal verändert sich ihre Mimik. Ein wissendes Lächeln umspielt ihren Mundwinkel. Mit einem Hauch Spott in der Stimme sagt sie, "Hilf mir auf die Sprünge! Wie hieß

dieser Verleger doch gleich?" Wissend lächelnd sieht sie mich abwartend an. "Ähm, wieso?", tue ich unbeteiligt. "Nur, weil es mir so vorkommt als hätte ich seinen Namen schonmal irgendwo gehört." Scheinbar über etwas grübelnd legt sie den Zeigefinger an die Nasenspitze. Oh oh. Ich bin aufgeflogen. "Wirklich?", stelle ich mich unwissend. "Woher nur?" Sie lacht. "Aus deinem Mund, Herzchen. Dieser Verleger, dass ist doch dein Ex?" "Ähm ..." "Hab' ich recht?", malträtiert sie mich weiter. Schließlich hebe ich ergeben die Hände

und rufe, "Ja, ja ich geb's zu. Er ist es." Sie schlägt mit der Faust in ihre Handfläche. "Wusste ich's doch. Einer Castorp kannst du nix vormachen. Und du willst dabei sein, weil ...?" Sie lässt die Frage im Raum stehen. "Ich will nicht dabei sein, dass wäre ja vermessen. Ich kann mich doch nicht einfach einladen.", echauffiere ich mich. Vik rollt mit den Augen. "Nein, ich will vielmehr nur im selben Raum sein." "So so.", kichert sie und trinkt einen Schluck ihres Kaffees. "Ja. Lach nicht! Ich will ihn ... nur mal wiedersehen.", gestehe ich und sehe beschämt hinunter in meine Tasse. "Und warum sprichst du ihn nicht

einfach an?" Ich glaube ich mache ein Gesicht, als hätte sie soeben von mir verlangt nackt über den Piccadilly Circus zu schlendern. "Guck nicht so!", lacht sie auch prompt. "Aber im Ernst, warum nutzt du die Gelegenheit nicht gleich und sprichst ihn an? Du könntest doch so tun, als wärst du rein zufällig im selben Restaurant.", schlägt sie vor. Ich lege die Fingerspitzen an die Stirn, meine Denkerpose und nehme mir einen Augenblick um über ihren Vorschlag nachzudenken. Schließlich sage ich, "Nein, dass würde niemals so spontan rüber kommen. Er würde den Braten

riechen." "Was würde er?", fragt sie verständnislos dazwischen. Ich winke ab. "Ein deutsches Sprichwort." Viktoria nickt verständig. Plötzlich greift sie nach meiner Hand und sieht mir in die Augen. "Thea, ich meine wirklich, dass du die Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen solltest! Vielleicht siehst du ihn nie wieder. Die Stadt ist nämlich größer als man denkt." Sie lehnt sich wieder zurück und fährt mit verträumten Blick fort, "Ich hatte einen Schwarm in der Mittelstufe. Ich hatte mich damals nicht getraut ihn anzusprechen. Er war so cool. Später

dachte ich mir, irgendwann laufe ich ihm nochmal über den Weg und dreimal darfst du raten was passiert ist!" Ich zucke die Schultern. "Wenn du schon so fragst, du hast ihn nie wieder gesehen.", erwidere ich nüchternem Ton. Sie schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte zwischen uns. "Genau. Und als gute Freundin, möchte ich dir diese Erfahrung ersparen! Gib dir nen Ruck! Stolpere und reiße das Tischtuch runter. Oder gehe an ihrem Tisch vorbei und wirf dabei sein Weinglas so um, dass seine Hose nass wird. Oder tu so als wärst du erstaunt Eden wiederzusehen.", redet sie sich in Rage. "Du vergisst, dass ich keine

Schauspielerin bin. Für dich mag das alles ganz einfach sein. Für mich ist es das nicht. Ich bin ehe der introvertierte Typ.", erkläre ich unmissverständlich. "Okay, wenn dir das zu krass ist, dann gib dir wenigstens nen Ruck und lass ihm unauffällig einen Zettel mit einer Nachricht zukommen." "Ich weiß nicht.", murmle ich gedankenverloren. "Und was sollte in dieser Nachricht stehen?" "Na, 'Hallo Michael. Es war schön dich zu sehen! Ich würde dich gern wieder treffen. Wenn du auch dazu Lust verspürst, ruf mich an!'", lacht sie und strahlt mich siegessicher an. Zweifelnd ziehe ich die Augenbrauen

hoch. "Ach komm schon, Thea! Wenn du es nicht tust wirst du dir ewig Vorwürfe machen die Chance deines Lebens verpasst zu haben, weil du zu feige warst.", ruft sie mich zur Ordnung Das könnte stimmen. "Hm.", mache ich lahm. "Ich weiß nicht. ..." Viktoria greift erneut nach meiner Hand, "Ich sag dir was." Aufmerksam sehe ich ihr in die Augen. "Ja?" "Ich finde nur heraus wo sie sich treffen, wenn du diese Chance auch nutzt und Michael deine Nummer gibst! Wenn du es nicht tust, dann werde ich, und das verspreche ich dir, diesen Michael

ausfindig machen und ihn höchstpersönlich um ein Treffen mit dir bitten.", droht sie. "Nein. Das tust du nicht!", wehre ich ab. "Das wäre ja super peinlich." "Eben. Und er soll doch sicher nicht denken, dass eine erwachsene Frau nicht in der Lage ist ein Date klar zu machen.", lacht sie. Ich schüttle den Kopf. Seufzend gebe ich schließlich nach. "Okay, okay, ich mach's." Vik bricht in ein derartiges Jubelgeschrei aus, dass in Anbetracht der Tatsache, das in der oberen Etage unsere kranke Freundin schlief eher deplatziert wirkte. "Scht.", mahne ich und deute mit einem

Blick Richtung Zimmerdecke. Eifrig nickt sie. "Hast recht. Aber ich freu mich so!" Ich konnte zwar nicht verstehen weshalb sie sich so freute, denn schließlich ging es doch wohl um mein Liebesglück, aber innerlich freute ich mich ebenso. Meine Mitbewohnerin braucht ein paar Augenblicke um sich wieder zu beruhigen, anschließend sagt sie ernst, "Wo das jetzt geklärt ist, werde ich gleich Eden anrufen und ihn unauffällig aushorchen." Dankbar lächle ich sie an und sehe ihr nach, wie sie aus der Küche verschwindet. Nachdenklich bleibe ich sitzen. "Wie

sollte ich es bloß anstellen? Soll ich so tun als ob ich zufällig im selben Restaurant speise und überrascht über die Begegnung sein? Sollte ich mir vielleicht, um diese Version zu untermauern jemanden mitnehmen. Dann würde ich nicht allein im Restaurant sitzen, was ja auch ziemlich peinlich wäre. Aber wen nur? Bis auf Vik und Ana kenne ich in London kaum einen. Oder sollte ich der Einfachheit halber tatsächlich eine vorgefertigte Nachricht verfassen? Noch während ich mit mir selbst meine Strategie bespreche kommt Vik aus der oberen Etage zurück. Ich höre ihre leichtfüßigen Sprünge auf der Treppe.

"Ich hab' sie.", verkündet sie jubelnd und wedelt mit einem Fetzen Papier in der Luft herum. "Wirklich?", frage ich erstaunt über die schnelle Erledigung ihres Auftrags. "Und?" "Sie treffen sich am Freitag zum Mittagessen im 'Jinjuu Soho'." "Okay.", ratlos sehe ich sie an, "Und wo ist das?" "Kingly Street.", erklärt sie. "Ein edler Schuppen." Na ja, Michael kann sich's leisten. Sicher will er genau das auch vermitteln. Oder er will seine 'Klienten' einschüchtern. Ich nicke und danke ihr mit einer Umarmung für ihre Hilfe.

"Das hab' ich doch gern getan. Wann hat man schonmal die Chance Amor zu spielen?", scherzt sie. Ob Amor in diesem Fall etwas zu tun bekommen würde, wage ich zu bezweifeln. Müde rolle ich mich herum und bleibe mit dem Kinn auf meinem Unterarm bäuchlings liegen. "Was ist los?", fragt sie. Ich höre ihre Stimme gedämpft wie durch einen Nebel. Bin mit den Gedanken woanders. Bei jemand anderen. "Hey, Michael!", kommt es ärgerlicher. "Was?", frage ich scheinbar verwirrt.

"Ich fragte, was mit dir los ist?", herrscht sie mich an und mustert mich eingehend. Sie kennt mich einfach zu gut. Ist eben meine älteste und beste Freundin. Ich rolle mich auf die Seite um sie besser ansehen zu können. "Nichts. Wieso?", lüge ich. Ihre perfekt gezupften Augenbrauen schieben sich fast unter die schwarzen Fransen ihres Ponys. "Verarsch mich nicht! Bist du auf nem Trip?" Warum fragt sie sowas? Sie weiß doch wie ich aussehe wenn ich drauf bin. Tatsächlich war es so, dass ich in der letzten Zeit eher weniger

nehme. Verwirrt runzel ich daher die Stirn und entgegne, "Nichts ist. Ich denke nach." "Aha, Und worüber?" Julia lässt sich rücklings auf das Bett rollen und nimmt ihre Zigarettenpackung vom Nachttisch. "Über dies und das.", erwidere ich ausweichend. Ich sehe ihr zu, wie sie die Zigarette anzündet und sich der weiße Qualm von ihrem Mund abstößt. Julia sieht mich an und meint, "Kann es sein, dass das worüber du nicht nachdenkst Thea heißt?" Erwischt. "Du brauchst es gar nicht leugnen. An deinem schlaffen Schwanz kann ich es

ablesen." Doppelt erwischt. Mist! "Sorry.", murmle ich, obwohl ich nicht genau weiß weshalb ich mich dafür bei ihr entschulige. Schließlich war das zwischen uns schon immer Sex ohne Verpflichtungen gewesen.    Sie lacht und pustet den Rauch aus. "Ach mein lieber kleiner Michael.", beginnt sie. "Was soll ich nur mit dir machen?" Keine Ahnung. Wieso denn? Ratlos zucke ich die Schultern und schweige. "Weißt du was ich absolut nicht nachvollziehen kann?", fragt sie. Erwartet sie jetzt wirklich eine Antwort von mir? Ohne jedoch eine Antwort

meinerseits abzuwarten fährt sie fort, "Ich frage mich, weshalb du nicht über deinen Schatten springst und sie anrufst?" "Etwa Thea?", keuche ich. Sie lacht. "Klar. Das sieht doch sogar ein Blinder, dass du dieser Frau vollkommen verfallen bist. Du quälst dich doch nur. Warum beendest du es nicht?" Warum kapiert keiner, wieviel mir Thea bedeutet? Wenn ich mich wieder mit ihr einlasse, werde ich sie zerstören. Das könnte ich niemals ertragen. Lieber leide ich Höllenqualen bis an mein Lebensende. Bei meinem Glück ist es irgendwann eh mit einer Überdosis oder wegen irgendwelchen Wechselwirkungen

vorbei. "Weil ich es nicht kann.", gebe ich leise zu. Sich selbst seine größte Schwäche einzugestehen ist gar nicht leicht. "Warum nicht?", bohrt sie weiter. "Das ... das wäre ihr Ende.", murmle ich fast tonlos, drehe mich auf den Rücken und starre zur Zimmerdecke hinauf. Erstaunt sieht Julia mich an. Ihre Zigarette war mittlerweile bis zum Filter abgebrannt und die Asche droht herabzufallen. Ich deute mit einem Nicken auf die Kippe. Eilig löscht sie sie in dem marmornen Aschenbecher auf dem Nachttisch aus. Anschließend legt sie sich lasziv auf meinen Bauch, legt die Arme über meine

Brust und sieht mir tief in die Augen. "Schatz, ich halte es keinen Tag länger aus dich in diesem Zustand zu sehen!", jammert sie ernsthaft. "Welchen Zustand denn? Weil ich es dir nicht mehr besorgen w ... kann." Zum Glück habe ich noch die Kurve gekriegt. Doch meiner schlauen Freundin war mein Maleur natürlich aufgefallen. "Eben. Du willst mich nicht ficken. Weil du eine andere im Kopf hast.", grinst sie frech. "Gib dir einen Ruck! So schlimm kann es gar nicht werden." Sie hatte ja keine Ahnung. Aber wie sollte sie auch. Julia Montrose ist die unabhängigste intelligenteste Frau die ich kenne. Sie war immer klug genug

sich nie an einen anderen Menschen fest zu binden. Darum habe ich sie immer beneidet. Aus Mangel an Zuneigung in meiner Kindheit klammerte ich mich seit einiger Zeit an jeden Halm der Zuneigung die mir entgegengebracht wird. Das hatte ich nun davon. "Thea ist was ganz besonderes." Hatte ich das gerade laut gesagt? "Eben." Die roten Lippen meiner besten Freundin umspielt ein Lächeln. Ich hatte es also doch laut gesagt. "Ruf sie an!", drängt sie erneut. "Ich kann nicht.", wehre ich mich. "Warum nicht?" "Weil es nicht geht." Ich drehe mich auf die Seite und schiebe sie so von mir

herunter. "Hey.", protestiert sie. "Ich muss los.", erkläre ich lapidar. "Jetzt?", lacht sie. "Du tust es übrigens schon wieder." "Was?", frage ich und halte inne. "Flüchten." "Füchten?", wiederhole ich lahm. "Wovor sollte ich flüchten müssen?" "Vor der Wahrheit, mein Lieber.", lacht sie und legt sich auf den Bauch. Wobei sich ihre Brüste sexy zusammendrücken. Fasziniert starre ich auf das weibliche Tal zwischen ihren milchig weißen Titten. "Blödsinn.", zische ich und reiße mich von ihrem Anblick los. "Ich ... ich muss

jetzt los. Hab' noch nen Termin." "Dann hoffe ich, dass dieser Termin etwas mit einer gewissen Frau zu tun hat! Damit du endlich wieder erträglich wirst!", lacht sie und stützt das Kinn auf die Hand. Ich rolle mit den Augen und hoffe ihr damit unmissverständlich klar zu machen wie sehr mir ihre Bemerkungen auf den Keks gehen. "Tschau, Michael! Ruf mich an!", ruft sie mir noch nach als ich nackt aus ihrem Schlafzimmer verschwinde. Draußen auf der Straße musste ich erstmal tief durchatmen. Was haben Julia und Jack nur immer mit Thea? Warum

waren meine besten und einzigen Freunde nur so darauf versessen, dass ich mich wieder mit Thea einlasse?  Das ich einen Termin habe war zwar nicht gelogen, allerdings hatte ich den erst morgen Mittag. Unschlüssig stehe ich auf dem Gehweg und führe einen inneren Dialog mit meiner Stimme, die sich natürlich wieder in den unpassendsten Momenten zu Wort meldet. "Sex ist nicht das was du brauchst." "Ach nein?" "Du weißt genau was du brauchst.", höhnt sie. "Ja, Thea.", gebe ich leise zu., "Doch das wäre ihr Ende."

"Nein, ich meine was ganz anderes.", lacht die Stimme in meinem Kopf. "Ich kann ... ich muss ...", stammle ich unschlüssig. "Sei nicht so ein Weichei! Hol dir was du brauchst!" Ich sehe auf meine zitternden Hände herunter. "Du hast recht. Aber ich will ... ich will DAS nicht.", schreie ich fast. Oder hab ich doch geschrien? Um meinen Frust loszuwerden oder zumindest etwas zu lindern ertränke ich ihn im Alkohol. Der nächstbeste Kiosk ist mein Ziel. "Ha ... hast dduu seit?", lalle ich ins

Handy. "Michael?", kommt Jacks Stimme verwundnert durch das kleine Gerät an meinem Ohr. "Na-natürlich bbinn ich sss. Waaas glaubs du denn?" "Bist du besoffen?" "Ich ... ich glaube ... ja." "Wo bist du?" "Daaa w-wo dsu nich bist.", stammle ich sturzbesoffen. Er stöhnt. "Brauchst du Hilfe?" Ich schüttel den Kopf. "Michael?" "Hm.", brumme ich und lasse mich rücklings an der Hauswand heruntergleiten. Mein Arsch setzt sich in

etwas feuchtes. "Brauchst du Hilfe? Soll ich dich abholen?", wiederholt er seine Frage. Ich schüttel den Kopf. "Michael, sprich mit mir!", herrscht er mich an. Geduld war noch nie Jacks Stärke. "Ich ... mir kann niemannnd h-helfenn.", erwidere ich traurig und starre die leere Wodkaflasche in meiner Hand an. Wie war die denn so schnell leer geworden. Ich brauchte Nachschub. Umständlich versuche ich auf die Beine zu kommen. Rutsche mit der Hand auf dem nassen Boden weg und knalle unsanft auf den Boden. "Michael, hör mir zu! Geh nach Hause!",

befiehlt mein bester Freund. "Nö. Is ... is so leer da.", protestiere ich wie ein kleines Kind. Er stöhnt erneut. "Dann komme ich zu dir und nehme dich mit zu mir." Etwas raschelt. "Wo bist du?" Ich sehe mich um. Ganz schön dunkel hier. Wo bin ich überhaupt? "Ähm ..." "Sag endlich! Ich komm dich holen.", drängt er und ich höre einen Schlüssel klimpern. "In London.", erwidere ich mit unverholenem Stolz wenigstens das exakt sagen zu können. Jack stöhnt. "Herrgott nochmal, Michael. Das weiß ich. Aber wo?" "Hm. Keine Ahnung.", gebe ich

schließlich zu. "Gut. Dann muss ich dich eben suchen kommen." Eine Tür klappt zu. Ich höre ihn laufen. "Rede weiter mit mir! Was siehst du? Irgendwelche markanten Gebäude?" Ich sehe mich erneut um. Fokussiere meinen Blick und entdecke tatsächlich was. "Hier is son komisches Dings." "Ein Dings?", hakt er verständnislos nach. "Ja, son Dings eben. Ausss M-metallll und sons Zeug." "Herrgott, drück dich klarer aus! Ist es ein Gebäude?" "Nö." "Eine Statue? Bist du am Piccadilly

Circus?" "Nö." Ich schüttle vehement den Kopf. "Den wüüürde i-ich doccch erkennennn." "Ein Baugerüst?" Baugerüst. Was'n das?" "Nee. Es ist son Dings zum gucken. St-steht da sooo ruummm.", lalle ich weiter, hieve mich hoch, was mir diesmal auch gelang und schlurfe hinüber zu dem Ding um genau das zu tun. Es mir anzugucken. "Okay. Ein Statue sicherlich. Bist du bei dir in der Nähe? In Mayfair?" Ich zucke die Schultern. Das Ding war groß. Geradezu riesig. Ehrführchtig sehe ich an dem Mann hinauf. "I-ich glaub nich das M-menschen sooo aussehn." "Ein Mensch. Eine Statue von einem

Menschen? Bei dir in der Nähe." Jack nimmt sich einige Moment um nachzudenken. Schließlich verkündet er, "Ich denke ich weiß jetzt wo du bist. Bleib auf jeden Fall wo du bist! Geh nicht weg! Verstehst du?" Ich nicke und lege auf. Sturzbesoffen und mich ständig mit der Hand am Sockel abstützend schaffe ich es das Ding zu umrunden. "Seltsam. So sehen Menschen ganz und gar nicht aus. Thea sieht ganz anders aus. Weich, voll, rosig und einfach ... einfach bezaubernd.", murmle ich. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Schwankend drehe ich mich um. Eine dunkel gekleidete Gestalt tritt direkt auf

mich zu. Eine Kapuze, tief ins Gesicht gezogen verdeckt sein Gesicht. "Heyyy.", lalle ich zur Begrüßung. "Na.", meint der Mann als er direkt vor mir steht. "Was machst du denn hier?" Ich zucke die Schultern. "Weiß nich ...", gebe ich zu. "Sight ... sightseeing gl-laube ich." Und deute mit der rechten Hand hinauf zu dem DingsBums. Der Mann folgt meinem Wink und sieht ebenfalls hinauf, schließlich jedoch wieder auf mich. Ein Lächeln umspielt seinen Mund. "U-und du?", frage ich stockend. "Ich denke du weißt was ich hier mache." Droht er mir? Erstaunt starre ich ihn an.

"W-was?" Sein Lächeln nimmt einen wölfischen Ausdruck an. Mein Selbsterhaltungstrieb in Form eines dumpfen Bauchgefühls sagt mir, dass es besser wäre sich jetzt zurück zu ziehen. Etwas zu hastig drehe ich mich um, gerate ins straucheln und stolpere. "Hey hey, wo willst du denn hin?", lacht der Unbekannte. "Wir unterhalten uns doch gerade so nett." Von wegen. Jahrelanges Training in dunklen Gassen mit Drogendealern aller Art haben mich gelehrt vorsichtig zu sein. "I-ich m-muss los." "Klar doch. Wenn du nichts dagegen

hast, begleite ich dich." Schon war er neben mir. Zu nah. In meinem Kopf schrillen alle Alarmglocken. Plötzlich spüre ich seine Hand in meiner Manteltasche. "Hey. W-was machst denn da?", lalle ich. "Ich stütze dich. Sieht man doch.", lacht er und wühlt ungehindert weiter in meiner Tasche. "F-finger weg!", herrsche ich ihn an und drehe mich weg, so das seine Hand aus meiner Tasche rutscht. "Ruhig!", droht er. "Gib' mir einfach deine Kohle und gut ist." Ich schüttle den Kopf. Die Gefahr oder das Adrenalin lässt mich etwas schneller wieder nüchtern werden. "Hau

ab!" Der Typ schüttelt den Kopf. "Ich denke nicht. Er schiebt sich die Kapuze vom Kopf." Mit einem Mal hat er eine Pistole in der rechten Hand. Der Lauf ist auf mich gerichtet. Scheiße! "Hey hey.", abwehrend halte ich die Handflächen ihm entgegen. "Bleib cool!" "Klar, bleibe ich, wenn du brav bist und mir dein Geld gibst." Krampfhaft sehe ich mich nach allen Richtungen um um einen Fluchtweg auszumachen. "Mach keinen Ärger! Siehst du, es ist doch ganz leicht, du gibst mir deine Wertsachen und weg bin.", droht er mit

süffisanten Grinsen. Wie automatisiert greife ich in meine Manteltaschen um ihm das gewünschte auszuhändigen, als mein Name über den leeren Platz schallt. Erschrocken sehe ich auf, versuche den Lautgeber ausfindig zu machen. Der Kerl wedelt mit der Waffe vor mir in der Luft herum. "Mach hin!" Doch ich sehe meine Chance. Extra langsam krame ich mein Handy hervor. "Nich das. Deine Brieftasche.", blafft er mich an. "Michael.", erschallt es wieder. "Komm schon. Wo bist du?" Ich sehe dem Räuber in die Augen und rufe laut, "Hier. Bei der

Statue." Panik flammt in deren Blick auf, er grabscht nach meinem Handy und macht sich davon.   Keine zwei Sekunden später steht mein Kumpel neben mir. "Da bist du ja endlich. Wer war denn das? Gehts dir gut?" Zu viele Fragen für meine momentane Verfassung. Abwehrend hebe ich die Hände und bitte ihn so, mir einen kurzem Moment zum sammeln zu lassen. Jack lehnt sich rücklings an den Sockel und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich habe derweilen Probleme meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Ich

war soeben haarscharf einem Raubüberfall entgangen. Krass! Das war mir noch nie passiert. Irgendwie scheine ich einen Schutzengel zu haben. Wenn auch nur in Form meines Freundes Jack. Nachdem ich  mich beruhigt habe lehne ich mich neben Jack an den Sockel. "Geht's dir besser?", fragt er. Ich nicke. "Ja. Danke das du gekommen bist!", sage ich ehrlich. "Du hast mir mein Leben gerettet." Erstaunt sieht er mich an. "Wie das? Wollte der Typ ... hat er dich etwa überfallen? Mein Gott, Michael. Lass uns zur Polizei gehen!", echauffiert er sich. Ich schüttle erneut den Kopf. "Nicht nötig. Du bist rechtzeitig gekommen.",

winke ich lässig ab. Mit zweifelnd hochgezogener Augenbraue mustert er mich, schließlich meint er, "Dann komm! Wir fahren zu uns. Du kannst auf der Couch schlafen." Von einer Woge Sentimentalität übermannt bleibe ich abrupt stehen und umarme meinen besten Freund. Überrascht schließt er mich in seine Arme. "Alles klar?", murmelt er.   Ich schüttel den Kopf. Scheiße! Sind das Tränen die mir da die Wangen herunterlaufen? "Heulst du?", fragt in diesem Moment aus Jack. Er löst sich aus meiner Umarmung und mustert mich kritisch. "Quatsch.", murmle ich und wische mir

mit dem Händen über das Gesicht. "Mensch, ich hab doch Augen im Kopf. Dazu weiß ich doch wie es dir in den letzten Wochen ergangen ist.", kontert er. "Du brauchst dringend mal Abstand, man!" "Abstand?", murmle ich. Wir setzen uns wieder in Gang. "Ja. Du musst mal raus. Abstand bekommen." "Ich ... ich will nicht. Ich kann nicht. Mein Vater.", protestiere ich stammelnd. "Vergiss doch mal dieses Arschloch!", zischt er. "Denk mal an dich!" "Bist du auch der Meinung, dass ich in eine Entzugsklinik gehöre. Meinst du das mit Abstand

bekommen?" Er zuckt die Schultern. "Na ja, ich finde, das Zeug macht dich kaputt ..." "Darf ich dich erinnern, dass du es bist von dem ich dieses Zeug hauptsächlich beziehe?" Er schnaubt. "Ja. Leider. Julia passt es auch nicht. Weißt du, wir sind keine Studenten mehr. Wir müssen mal erwachsen werden." Ich nicke zustimmend. Erwachsen war ich schneller als andere geworden. "Sie verlangt, dass ich das Nebengeschäft aufgebe." "Tut sie das?" Er nickt. "Sie wünscht sich eine Familie. Und ich auch, mit Julia. Aber sie willigt

nur ein, wenn ich damit aufhöre." Das kann ich verstehen. "Okay. Verständlich." "Ja." Auf dem Weg zu seinem Wagen hüllen wir uns in nachdenkliches Schweigen. Kaum sitzen wir im Auto platzt es aus mir heraus, "Weißt du ich liebe sie." "Wen?", fragt er verwundert. "Anthea." "Na klar, wen auch sonst.", brummt er und startet den Motor. "Ja, wen auch sonst.", wiederhole ich fast tonlos. Lauter sage ich, "Weißt du, ich habe noch nie jemanden so sehr gemocht wie sie." Jack nickt stumm und biegt auf die

Fahrbahn. Um diese Uhrzeit sind sehr wenige Fahrzeuge unterwegs. Hauptsächlich sind es Lieferfahrzeuge. Ich hatte plötzlich das Gefühl mich jemanden anvertrauen, mir meinen Frust von der Seele reden zu müssen. Jack schweigt weiterhin, doch ich weiß, dass er mir aufmerksam zuhört. Das tut er immer. Er ist eben mein bester Freund. "Ich würde es so gern tun, weißt du. Aber es ... es geht nicht. Ihr zuliebe. Das kann ich ihr nicht antun." "So etwas in der Art sagtest du schon mal.", brummt er. Ich fahre ungehindert fort, "Sie hat gesagt sie liebt

mich." "Hm." "Sie liebt mich. Und ich liebe sie." Ich hole tief Luft. "Sie hat es dir also gesagt. Das sie dich liebt. Und hast du es ihr auch gesagt?" Ich schüttle den Kopf. "Sie sagt dir das. Du bekommst Angst, wirfst alles weg und haust ab. Trifft es das in etwa?", hakt er nach und wirft mir einen schnellen Seitenblick zu. "Ähm. Das ... das hat gar nichts mit Angst zu tun.", wehre ich mich, "Es hat damit zu tun, dass ich weiß, was ich will und was ich kann. Ich habe es schon immer

gewusst." "Was?" "Das ich niemals sesshaft werde oder ein Familie gründe. Das ist einfach nicht das, was ich will, und ich musste es beenden, ehe Thea noch tiefer in die Sache hineingezogen wird." "Ich verstehe kein Wort von dem was du da sagst.", gibt mein Kumpel zu und setzt den Blinker. Wie sollte er auch, ich hatte nie jemanden von meinem Trauma in der Kindheit erzählt. Auch nicht meinem besten Freund. "Du benimmst dich, als liebtest du sie nicht. Als hättest du sie nur verschaukeln wollen.", wirft er mir

vor. Fassungslos starre ich ihn von der Seite an. "Warum sagst du sowas?" "Weil ich noch weiß, wie du mir von ihr vorgeschwärmt hast. Ich weiß, wie glücklich, wie entspannter du mit ihr warst. Auch wenn das Schauspiel nur kurzweilig war.", erklärt er mit Blick auf die Straße. "Das mag stimmen, aber es ändert sich nichts." "Dann hilf mir bitte zu verstehen, warum du dein Leben mit niemanden teilen möchtest." "Meine Arbeit steht an erster Stelle, und das wird immer so sein. Mein Vater gibt es mir doch genauso vor. In meinem

Leben ist kein Platz für eine Frau. Und schon gar nicht für eine Familie. Ich würde sie irgendwann enttäuschen, und so ein Mann bin ich nicht. Du siehst also, selbst wenn Thea und ich scheinbar zueinanderpassen - es stimmt nicht. Ich kann in die Zukunft sehen, und irgendwann würde ich sie enttäuschen."  Jacks Blick trifft mich und damit eine volle Woge Mitleid. "Natürlich wirst du sie enttäuschen. So etwas passiert nun mal. Sie wird dich enttäuschen, und du wirst sie enttäuschen - so ist das nun mal im Leben. Aber wenn ihr euch liebt, werdet ihr euch verzeihen." Erhalte ich hier gerade eine gratis  Lektion des Lebens?

"Wie kannst du sowas sagen?", frage ich verständnislos. "Ich ... du wir haben soviel durchgemacht. Mit unseren Eltern. Mit unseren Vätern." Gut, ich ein wenig mehr als er. Denn obwohl sein Alter ein brutales Arschloch war, sexuell Missbraucht hat er seinen Sohn nicht. "Darum geht es also? Du willst die Fehler deines Vaters nicht wiederholen?" Ich ziehe es vor schweigend aus dem Fenster zu starren. "Ich hatte ja keine Ahnung. Obwohl, Julia hatte da mal sowas in der Art angedeutet.", brummt er abwesend. Deutlicher fährt er fort, "Weißt du, es gibt keinen genetischen Code, der

festlegt, dass du dieselben dummen Fehler machen und falschen Entscheidungen treffen musst wie dein Vater. Schlechtes Urteilsvermögen wird nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben, und du hast zweifelsfrei bewiesen, dass du mehr Geschäfts- und Familiensinn besitzt, als dein Vater jemals hatte. Du meintest doch, deine Ideen werden wohlwollend angenommen?" Das stimmt. Er hat recht. Ich nicke zustimmend. Tatsächlich glaubte ich nicht an eine Veranlagung, die mich dazu brachte, meine Mitmenschen zu enttäuschen. Im Gegenteil, ich hatte aus der Geschichte und aus den Fehlern eines

anderen gelernt. "Dein Vater ist ein ganz anderer Mensch als du. Er ist kaltschnäuzig, hat ein Herz aus Stein, ist absolut Gefühlskalt. Du dagegen bist freundlich, hast das Herz auf dem richtigen Fleck und du kannst Liebe empfinden." "Er hat sich selbst wichtiger genommen als seine Familie. Er hat Menschen enttäuscht, die sich auf ihn verlassen haben. Woher soll ich wissen, ob ich nicht die selben Fehler mache?", frage ich ihn. "Ich will dieses Risiko nicht eingehen." "Mensch Michael, Thea hat dir ihre Liebe gestanden. Das ist etwas wertvolles, etwas was du hegen und

pflegen solltest. Du bist nicht dein Vater. Du verdienst, und das sage ich dir als dein bester Freund, ein Leben, das von der Liebe deiner Frau und deiner Kinder erfüllt ist. Lerne aus der Vergangenheit, aber lass nicht zu, dass es deine Zukunft zerstört." Heftige Gefühle von Schmerz, Schuld, Liebe und Verlust schnüren mir die Kehle zu. Hatte ich versucht, einem Schicksal aus dem Weg zu gehen, das mir gar nicht bestimmt war? Hatte ich bereits bewiesen, dass ich anders als mein Vater war? "Es ist zu spät.", jammere ich durch die Hände die ich aus Verzweiflung vor das Gesicht gepresst halte. "Die

Entscheidung ist gefallen." "Es ist nie zu spät.", kontert er. "Und wenn schon, mach es rückgängig!" Wir waren bei Jacks Zuhause angekommen. Er steigt aus. Ich folge ihm und knalle die Autotür zu. "Ich ... ich kann das nicht.", jammere ich. Jack bleibt stehen. "Natürlich kannst du das!" Er kommt auf mich zu und legt mir seine rechte Hand auf die Schulter. "Du bist loyal und ehrlich, und du arbeitest hart. So ein Mensch bist du, Michael Thompson. Offenbar ist dir nicht klar, dass du schon längst Versprechungen machst und Verpflichtungen eingehst, und zwar ständig, deinen Freunden gegenüber und in deinem

Verlag." In seinem Blick erkenne ich nichts als Ehrlichkeit. "Meinst du wirklich?", frage ich zweifelnd.  Er nickt bekräftigend. "Aber sicher doch! Weißt du, aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, es ist unmöglich, eine Frau zu haben ohne Fehler zu machen. Verpflichtungen zu vernachlässigen und Menschen zu enttäuschen. Aber selavi, so ist das Leben nun mal.", lacht er und geht voran zur Haustür. An der Tür dreht er sich um und ruft, "Wie ich schon sagte: Wenn sie dich wirklich liebt, wird sie dir deinen Fehler verzeihen." Konnte das wahr sein? Konnte ich mir

erlauben Fehler zu machen, und Thea würde sie mir vergeben? Ich gehe zu ihm. "Und wenn im Gegenzug sie Fehler macht, wirst du sie ihr ebenso vergeben. Glaub mir, das wirst du, wenn dir dein Leben lieb ist." Er zwinkert mir schelmisch zu. "Und weißt du warum du das tun wirst?" Ich zucke die Schultern. "Weil ich sie liebe?" Er stupst mir mit dem Zeigefinger gegen die Brust. "Du hast es kapiert. Schlaues Kerlchen! Und jetzt komm rein! Ich muss dringend ins Bett." Verwirrt und mit neuem Material über das ich eine weitere Nacht nachdenken

konnte folge ich ihm ins Innere des Hauses.   

21.

Die nächsten Tage zogen sich zäh wie Kaugummi. Wie immer wenn man auf ein bestimmtes Datum wartet, scheinen die Uhren langsamer zu gehen. Um mich abzulenken beschließe ich neue Inspiration für einen neuen Roman zu suchen, was mir in dieser Stadt absolut nicht schwer fällt. Mein erster Gang, nachdem ich am Morgen die Toilette geputzt (Diese Woche war laut Plan ich dran) und den Abfall herausgebracht habe, führt mich zum St Anne's Church. Die Pyramide beruhigte mich nicht nur, sie verströmt auch eine gewisse mystische Stimmung

die meinem Hirn immer wieder neue Einfälle einbrachte. Wie bei jedem meiner Besuche hier im Kirchhof nahm ich auf einer der dunkelbraunen hölzernen Bänke platz und fing an mir eifrig Notizen zu machen. Seltsamerweise schien die traurige Geschichte mit Michael meine Kreativität zu beflügeln. Mein nächstes Buch würde wohl ganz entgegen meiner üblichen Romane eine Tragische Liebesgeschichte werden. Nachdem ich genug mystische Energie aufgesogen hatte, war es nicht nur Zeit für einen Imbiss, sondern auch für Ablenkung. Mir stand der Sinn nach

Sightseeing. Ich ging zum Piccadilly Circus und holte mir Fish n' Chips für auf die Hand. Mit der Tube fuhr ich von da Richtung Embankment Station. Dort stieg ich in die Districtline um und fuhr bis zum Tower of London. Zuletzt war ich mit Rose hier. Das war zwar erst in diesem Jahr, kam mir aber bereits wie eine Ewigkeit vor. Wie zu erwarten war, standen eine Menge Touristen an, um sich von der gruseligen Atmosphäre die von diesem uralten Gemäuer ausging einen Schauder einjagen zu lassen. Ich zahlte die knapp 21 Pfund für den Eintritt und machte mich durch den Byward Tower auf den direkten Weg zum Wakefield Tower.

Früher musste man hier ein Losungswort vortragen um eingelassen zu werden. Heute genügt zum Glück die Eintrittskarte. Zuerst wollte ich meine absoluten Lieblingstiere besuchen. Wenn sie in ausreichender Zahl anwesend waren, stand es zum Besten mit dem Empire. Natürlich ist das alles abergläubischer Blödsinn, doch ich mochte die drolligen Vögel. Tatsächlich staksten sechs schwarze Raben vor dem runden Eckturm über den saftig grünen gepflegten Rasen und pickten dann und wann mit ihrem scharfen Schnabel ins Gras um einen zappelnden Wurm heraus zu ziehen. Die Tower Raben sind beliebte

Fotomotive, doch ich glaube, ich war die einzige Anwesende, die die Tiere mit aufrichtigem Verzücken betrachtet. Nach einer Weile riss aber auch ich mich los und machte mich auf zum Inneren Mauerring. Am Bell Tower wo einst Bloody Mary ihre eigene Cousine Elizabeth I eingekerkert hatte vorbei Richtung Tresorraum in den Waterloo Barracks. Gemeinsam mit einer großen Traube anderer Besucher stellte ich mich auf das Fließband und ließ mich an den Schätzen der Queen vorüber gleiten. Die Tiaras, Zepter und Kronen funkeln im grellen Licht der Neonbeleuchtung. Und wie auch beim letzten Besuch hier war ich

von ihrer Schönheit fasziniert. Das konnte aber auch an diesem besonderen Ort liegen. Der Tower war eben doch etwas ganz besonderes. Nachdem ich auch noch die älteste Kirche Londons, die St. John Chapel besichtigt hatte, gehe ich den höher gelegenen Mauerweg entlang. Die Aussicht von hier oben ist einzigartig. Als ich meinen Blick über meine neue Heimat schweifen lasse überkommt mich ein wohliges Gefühl der Glückseligkeit. Ich war nun Teil dieser fantastischen Stadt. In London konnte man an jeder Ecke den sprichwörtlichen Atem der Geschichte spüren. Ich liebe diese Stadt! Etwas später verlasse ich erschöpft aber

glücklich die Wartezeit sinnvoll genutzt zu haben den Tower. Für den Heimweg rufe ich mir ein Taxi. irgendwie stand mir nicht der Sinn nach einer überfüllten U Bahn. "Und, was hast du heute schönes gemacht?", fragt Ana kaum das ich zur Haustür herein bin. Erschrocken über die prompte Ansprache zucke ich zusammen. "Ähm, ich ... ich war im Tower.", erkläre ich stockend. "Im Tower? Echt? Cool.", urteilt sie und strahlt mich an. Ich freue mich, dass es ihr wieder besser zu gehen scheint. Die letzten Tage hatte meine Mitbewohnerin größtenteils im

Badezimmer mit dem Kopf über der Kloschüssel verbracht. "Dir geht's wieder besser?", frage ich daher. Sie nickt und nimmt einen Schluck aus ihrer Teetasse. "Auf jeden Fall. Mir geht's wieder bestens." "Das freut mich!" "Mich auch. Mir ist ja schon die Decke auf den Kopf gefallen. Ab morgen gehe ich auch wieder ins College." "Wirklich?" Erstaunt runzle ich die Stirn. "Bist du sicher, dass es dir bereits so gut geht?" Sie lacht. "Ja, Mama. Das denke ich." Ich stimme in ihr Lachen mit ein. Aufgrund meines Alters hatte ich

praktisch sofort die Rolle der Ersatzmutter übernommen. Ich fand es nicht schlimm und genoss es ehrlich gesagt, dass meine Vor- und Ratschläge angenommen werden. Meine erste Amtsanhandlung war es, einen regelmäßigen Putz- und Einkaufsplan aufzustellen. "Ich denke echt, du solltest dich noch einen Tag länger schonen.", rate ich und lächle meine Freundin an. Ana legt mir ihre blasse Hand auf den Unterarm und sieht mir ins Gesicht. "Das ist lieb von dir, Schatz. Aber diese Woche läuft ein Workshop für den ich mich extra angemeldet hatte. Ärgerlich genug, dass ich bereits drei Tage

verpasst habe." Meiner Meinung nach machten da zwei Tage mehr auch nix mehr aus, aber was verstand ich schon davon? "Wird der Workshop nicht wiederholt?", frage ich dennoch. Sie schüttelt den Kopf. "So schnell nicht mehr." "Wie schade.", murmle ich. "Pass aber auf dich auf! Wenn es dir zuviel wird, geh nach Hause!" Sie verspricht es mir. "Hast du Lust oder besser gesagt noch die Kraft mit mir im Star's was essen zu gehen?", fragt sie anschließend. Ich nehme mir einen Moment um nachzudenken. Eigentlich hatte ich

vorgehabt mich faul auf die Couch zu lümmeln. Aber andererseits war sie jetzt eine knappe Woche allein zu Hause. Verständlich das sie mal raus wollte. Also sage ich ihr zu und versprach mich beim umziehen zu beeilen. "Okay.", strahlt sie erfreut. Keine halbe Stunde treffen wir im Star's ein. Ben stand wie immer hinter dem Tresen und schenkte Getränke aus. "Hi. Meine beiden hübschen.", begrüßt er uns. Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, als ich näher komme um unsere Getränkebestellung aufzuheben. Ana suchte uns derweilen draußen einen kleinen Tisch. Das Wetter

war fantastisch. Viel zu warm für diese Jahreszeit. "Lange nicht gesehen.", meint er. Teils klang es traurig, teils wie ein Vorwurf. "Tja, Geschäfte.", lache ich ausweichend. "Gibst du mir bitte zwei Weißwein?" "Klar." Sofort begann er den Wein einzuschenken. "Wir wollen auch gern was essen.", fahre ich fort. Ben hebt den Blick und sieht mir direkt in die Augen. "Klar doch. Ich komm gleich raus." Damit schiebt er mir zwei langstielige volle Gläser über das schwarze Holz hinüber. Mit beiden kehre ich zu Ana zurück. "Die

Bedienung kommt gleich mit der Speisekarte.", verkünde ich und stelle ein Glas vor ihr ab. Sie nickt und trinkt gleich den ersten Schluck. Als die blonde Kellnerin kurz darauf an unserem Tisch steht, entscheide ich mich für einen Salat mit gebackenem Hähnchen und eine Pizza Funghi. Ana nimmt ebenfalls einen Salat. Allerdings belässt sie es da dabei um ihren noch geschwächten Magen nicht zu überfordern. "Vik hat erzählt ihr habt euch letztens mit Nicolas und noch son Typen getroffen?", beginnt sie das Gespräch kaum das die Bedienung wieder weg

war. "Ja genau. Eden. Ein Drehbuchautor. Kennst du ihn?" Sie schüttelt den Kopf. "Nö. Ehrlich gesagt kenne ich bis auf Nicolas kaum einen von Victoria's Freunden." "Wirklich?", staune ich, "Ich hätte gedacht unter Filmleuten kennt man sich." "Kennst du jeden deiner Kollegen?", lacht sie. "Zumindest die aus London? Na?" Damit hatte sie mich. Das war natürlich nicht der Fall. "Nee. Du hast recht. Jedenfalls ist er ein, na sagen wir mal, spezialgelagerter Sonderfall.", lache ich und beginne ihr

Eden nach meiner Erinnerung zu beschreiben. "Das Vik mir den noch nicht vorgestellt hat." Ana hält sich den Bauch vor lachen. "Da hast du wirklich was verpasst. Aber ich denke, er ist im Grunde ein netter Kerl.", urteile ich freundlich. Sie nickt zustimmend. "Es kann ja nicht jeder ein so arroganter Arsch sein wie Nicolas." Erstaunt ziehe ich die Stirn krauss. "Du magst ihn nicht?" Ana zuckt die Schultern. "Na ja, wie man's nimmt. Ich habe mit ihm ja nicht viel zu tun. Aber wenn ich ihn treffe ist er mir doch ziemlich unsympathisch!" Wenn ich ehrlich bin geht es mir ebenso.

Doch ich sage es nicht und belasse es bei einem Schulterzucken. Ana nimmt einen Schluck von ihrem Wein und fährt dann nachdenklich fort, "Irgendwas stimmt mit dem nicht. Da ist was, was mich stört." "Was meinst du?" "Ich weiß es nicht. Aber mein Menschenverstand sagt mir, dass mit ihm was nicht stimmt." "Okay.", erwidere ich lahm. "Verstehe." "Du spürst es auch?", hakt sie nach. "Was denn?" "Das von ihm eine dunkle Macht ausgeht.", erklärt sie kryptisch. "Dunkle Macht?", wiederhole ich verständnislos. "Wie meinst du das

denn?" Um mich abzulenken nehme ich einen Schluck meines Weines. "Dazu muss ich dir wohl erklären, dass ich das dritte Auge habe." "Das was bitte.", unterbreche ich sie. "Das dritte Auge.", erklärt sie geduldig. Scheinbar war sie es gewohnt dieses Thema näher erklären zu müssen. Ist auch nicht so alltäglich. "Das muss ich dir wohl näher erklären." Ich bitte darum. Schweigend sehe ich sie abwartend an. "Also meine Grandma war eine Gypsy.", beginnt sie. In meinem Kopf rattert es. Gypsy - das hatte ich schonmal gehört. "Anhänger dieses Stammes wirst du wohl eher unter dem Namen Zigeuner oder

Roma kennen. Obwohl Roma sie nicht all umfassend beschreiben kann." Ich nicke verständig. "Jedenfalls hatte meine Oma die Gabe das dritte Auge zu besitzen. Sie konnte das sehen was den herkömmlichen Augen verborgen bleibt. Sie lehrte es mich." "Moment, du willst damit sagen, du kannst Auren oder Seelen oder so was ... sehen?" Ana nickt. "Interessant.", urteile ich und lehne mich zurück. Ana klatscht erfreut in die Hände. Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. "Und genau das liebe und bewundere ich

so an dir, Thea!" "Was denn?", lache ich. "Jeder andere hätte, wenn er so eine Tatsache über jemanden erfährt verächtlich die Stirn gerunzelt und sich abgewendet. Nicht aber du. Du stellst eher die richtigen Fragen. Du findest es sogar interessant." Verlegen lächel ich in mein Glas. "Na ja, ich kann dich doch nicht für deine Kultur verurteilen. Das steht mir nicht zu. Ich sage immer, jeder nach seiner Façon.", entgegne ich leise. "Eben., Oh Thea, du passt so gut in diese Stadt und besonders in dieses Viertel! Notting Hill ist genauso bunt wie die Leute die hier leben. Hier triffst du

schräge Künstler und seriöse Hausfrauen. Menschen jeder Hautfarbe.", jubelt sie und greift nach meiner Hand. "Ich bin sehr froh, dass sich unsere Wege gekreuzt haben!" "Ich ebenso.", pflichte ich ihr bei. "Aber jetzt sag, was sieht dein drittes Auge bei Nicolas Melrose?", frage ich neugierig. Jetzt hatte sie mich angefixt, jetzt wollte ich auch ihre Urteil hören. "Ich habe ihn mal genau gemustert als er bei uns war und einen Abend gemeinsam mit Vik und mir Fern gesehen hat.", erklärt sie und senkt ihre Stimme, ganz so als würde sie sorge haben wir könnten belauscht werden. "Seine Aura ist grün. Das bedeutet

..." "Das er neidisch ist?". vervollständige ich ihren Satz. "Stimmt.", meint sie ehrfürchtig. "Sie ist grün. Er wird von Gier und Eifersucht getrieben. Das höre ich auch raus wenn Vik von ihm erzählt." "Wirklich? Ist ja interessant." Schweigend esse ich ein paar Gabeln vom Salat. "Deine ist übrigens violett.", meint sie kurz danach. "Meine Aura?" "Ja, sie spiegelt exakt dich wieder. Du lässt dich nicht von materiellen Dingen blenden. Du folgst deinen eigenen Fantasien und Intuition. Das

Zwischenmenschliche steht für violette Auren an oberster Stelle und ehrliche Freundschaft bedeuten mehr als tausend Bekanntschaften. Genauso bist du. Wie du immer in jedem das Gute siehst, immer auf Harmonie aus bist und Frieden stiftest. Dann ziehst du dich oft zurück und gehst deiner eigenen Lebensphilosophie nach." Das war ausführlich. Und ganz umsonst. "Wow! Das alles liest du aus meiner Aura?", staune ich. Ana nickt. Angestachelt frage ich sie nach Viktoria's und Ben's Aura. "Vik ist ebenfalls grün. Deshalb passt sie eigentlich gar nicht zu Nicolas. Im Falles

eines Falles könnten sie beide sich vollkommen zerstören.", erklärt meine spirituelle Begleiterin. "Und Ben ..." Sie sieht durch die großen Fenster des Pubs zu dem Barkeeper hinter dem Tresen. "Seine Aura ist gelb." Ihr Blick richtet sich wieder auf mich. "Deshalb würdet ihr so gut zusammen passen." Ich verschlucke mich an meiner Cola. "W-was?", keuche ich. Ana lacht und zwinkert mir verschmitzt zu. "Das sieht doch sogar ein Blinder, du magst ihn." Das stimmte zwar, doch das das so offensichtlich war, war mir nicht klar

gewesen. "Und er mag dich.", fügt sie lächelnd hinzu. Ich winke ab. "Quatsch. Wie kommst du nur auf solch einen Blödsinn?" "Ich weiß es von ihm." Sie deutet mit dem Daumen in Ben's Richtung. Ich verschlucke mich gleich noch einmal. "Was? Wieso? Wann?", stammle ich. "Letztens nachdem wir wieder hier waren, da hat er es mir gesagt. Ich hatte die Rechnung am Tresen beglichen, da fragte er mich, ob du vergeben bist.", erklärt sie lächelnd. Mein Blick wandert zwischen den beiden hin und her. "Du kannst es ruhig glauben. Ben ist echt

süß. Schnapp ihn dir solange er frei ist! Ich weiß aus erster Hand, dass ihm jeden Tag eine neue anschmachtet." "Ist das so?", murmle ich anwesend. Sie nickt ernsthaft. "Du musst nur zu ihm da rüber gehen!", grinst sie und ihr Blick fliegt erneut zu Ben. Dieser scheint ebenfalls das dritte Auge oder zumindest das dritte Ohr zu haben und sieht genau in diesem Moment zu mir herüber als ich ihn ansehe. Unsere Blicke treffen sich. Ein strahlendes Lächeln umspielt seine schön geschwungenen Lippen. Hastig drehe ich den Kopf und starre auf den Salat vor mir. Um von dem peinlichen Thema Thea's

Liebesleben abzulenken frage ich, "Du stammst also von den ... von den Zig ... ähm Gypsy ab? Das ist interessant! Erzähl mir mehr davon!" "Na ja, Oma war die einzige in ihrem Stamm die die Gabe hatte. Sie hat erst meiner Mutter und später auch mir beigebracht." "Ich dachte immer, so etwas sei eine Veranlagerung?" "Das stimmt. Aber man muss lernen damit umzugehen.", erklärt sie ernsthaft. "Und Männer? Ich meine, können auch Männer so was?" Sie schüttelt den Kopf. "Nee." "Kam deine Großmutter aus Großbritannien?", frage ich

neugierig. "Jup. Aus Manchester. Aber da wurde sie nur geboren. Anschließend zogen sie von Ort zu Ort." "Echt jetzt? Immer?", staune ich. "Bis meine Mutter mich bekam. Sie lernte meinen Dad kennen und sie zogen zusammen in ein Haus. Grandma wohnte bei uns, bis sie starb." Ich nicke stumm. "Sie starb vor sieben Jahren an Krebs. Den hatte sie leider nicht sehen können." Traurig sieht meine Freundin auf ihre im Schoß gefalteten Hände. "Und dann verließ auch noch Dad uns und ging nach London." Diesen Teil der Geschichte kannte ich in

groben Zügen bereits. "Sie haben sich getrennt und als du dein Studium begonnen hast, bist du hier her gezogen.", rezitiere ich. "Stimmt. Ich mochte es in Manchester nicht mehr seit Oma tod war. Es war ... so leer." Ich verstand sie. Mir ging es ähnlich als mein geliebter Opa gestorben war. Und auch Oma hielt es in ihrem Zuhause, einem Landgut in den Niederlanden nicht mehr aus ohne ihn und zog zurück nach Dänemark wo ihre Familie ursprünglich herkam. Schweigend essen wir weiter. "Und, meinst du, du wirst mal mit ihm ausgehen?", bricht Ana schließlich das

Schweigen. "Mit Ben?" Sie nickt. "Ich ... ich weiß nicht. Ich habe eigentlich ..." Kein Interesse hatte ich sagen wollen, doch sie fällt mir ins Wort und sagt, "Interesse. Sag ich doch. Los komm schon! Gib dir nen Ruck! Geh doch jetzt gleich hin!" "Was?", frage ich fassungslos. Was war nur los mit den jungen Leuten, dass sie mich in einer Tour verkuppeln wollten. "Ach, Ana, ich habe doch einen anderen ...", erkläre ich ruhig. "Meinst du diesen Michael? Diesen

Verleger. Meinst du das wird noch was?" Ich war guter Hoffnung. "Ähm ...", mache ich lahm. "Ich hoffe es!" Skeptisch zieht sie eine Augenbraue hoch. Ich hatte Leute, die nur eine Augenbraue heben konnten schon immer um ihre ausdrucksstarke Mimik bewundert. "Du hoffst es? Hast du einen Plan von dem ich noch nichts weiß?" "Ja, genau genommen war dir in den letzten Tagen deines krankseins einiges entgangen.", rücke ich sie ins Bild. "Ich werde Michael treffen." Das war nur halbwegs gelogen. "Echt jetzt? Ich habe scheinbar wirklich

einiges verpasst. Warum sagt mir keiner was?" "Tu ich doch gerade.", lache ich. "Ha ha.", brummt sie. "Erzähl! Ich will sofort alles wissen. Wie ist es dazu gekommen." Um keine Geister zu beschwören, wollte ich das Gespräch an dieser Stelle lieber abbrechen. Ich berichte ihr lieber nach erfolgreichem Abschluss hinterher. "Weißt du, Ana, ich bin wirklich müde. Können wir jetzt gehen?" "Na klar." Sie wirkt erstaunt, steht aber auf. Ich hatte meine Pizza nicht mal aufgegessen so sehr waren wir in unser Gespräch vertieft. Mittlerweile war sie

eiskalt. "Würde es dir was ausmachen zu bezahlen?", bitte ich sie freundlich und reiche ihr meine Geldbörse. An diesem Abend verspürte ich nicht mehr den Drang Ben direkt zu begegnen. Sie willigte ein und ich wartete vor der Tür neben unserem Tisch auf ihre Rückkehr. "Du weichst meiner Frage aus." Nimmt sie das Gespräch wieder auf als wir uns nebeneinander auf den Heimweg machen. Recht hat sie. "Ach ist das so?" "Ja.", lacht sie. "Warum willst du mir nicht von Michael erzählen?" Wild gestikulierend wedel ich mit den

Händen in der Luft herum. "Wie soll ich das nur sagen?" Stelle ich eher mir selbst als ihr die Frage. "Ich bin da Abergläubisch. Ich erzähle erst von Abschlüssen wenn sie bereits vorbei sind. Alles andere bringt Unglück. Jedenfalls bilde ich mir das ein." "Mir musst du nichts von Aberglauben sagen.", lacht sie schallend. "Du weißt ja, meine Familie." "Dann kannst du mich verstehen?", frage ich verunsichert. "Klar. Aber danach will ich alles wissen!" Das verspreche ich ihr. Meine erste Amtshandlung als alleiniger

Geschäftsinhaber war es gewesen geschäftliche Treffen statt in einem sterilem Konferenzraum in ein nobles Restaurant zu verlegen. Das 'Jinjuu' ist ein ausgezeichnetes Restaurant in Soho. Und war mit seiner Lage bestens geeignet für meine Zwecke. Es vermittelt den Geschäftspartnern finanzielle Absicherung wenn sie sich und ihr Unternehmen dem meinigen anvertrauen. Dazu ließ es sich mit einem vollen Magen besser verhandeln. Die ungezwungene Atmosphäre tat ihr übriges um Hemmungen abzubauen. Mein Vater mag meine Idee für Unfug halten, ich aber war überzeugt, dass es funktionieren

konnte. Für heute hatte ich zur Mittagszeit einen Tisch für zwei bestellt. Irgendein mittelmäßig erfolgreicher Theater Drehbuchautor hatte ein Buch geschrieben. Etwas vollkommen anderes. Eine Sammlung von Kurzgeschichten. Einblicke in das spannende Leben hinter den großen Bühnen der Welt. Mein Lektorat hatte mir sein Buch empfohlen. Zumindest war es es wert das ich ihn mir mal persönlich ansah. Pünktlich treffe ich am Restaurant ein. Der Empfangsdame am Eingang war ich bereits bekannt. Nach einer kühl freundlichen Begrüßung führt sie mich zu meinem bestellten Tisch.

Kaum habe ich platz genommen und einen Wein ausgesucht, kommt ein schrill gekleideter Mann auf meinen Tisch zu. Sein Alter konnte ich aufgrund der bunten Klamotten schlecht schätzen, aber ich würde sagen, ende zwanzig. "Mister Thompson? Ich bin Eden Gardener.", stellt er sich höflich vor und reicht mir die Hand. Ich erhebe mich und ergreife sie. "Freut mich, Mister Gardener!" Wir setzen uns. Sofort tritt eine Bedienung an uns heran und fragt den neu dazugekommenen was er trinken möchte. Er entscheidet sich für eine Cola.

Leise grinse ich in mich hinein und verstecke mich halb hinter der Speisekarte. Als ich gewählt habe frage ich freundlich und mit einer Spur Neugier, "Nun, Mister Gardener, Sie haben also ein Buch geschrieben?" "Genau." Er nickt eifrig. "Eine Kurzgeschichtensammlung über das Theater." "Interessant! Erzählen Sie mir mehr davon!", fordere ich ihn freundlich auf. Mit einem Ohr lausche ich seinen Ausführungen. Meine Augen huschen unstet im Restaurant herum. Ich konnte mein Gegenüber nicht länger als drei

Sekunden ansehen, dann hätte ich Kopfweh bekommen. Zwei Tische weiter sitzen zwei junge Frauen in dunkelblauen Kostümen. Ihre Röcke waren fast schon unanständig kurz. Irgendwie sehen sie aus wie Stewardessen. Die beiden unscheinbaren schwarzen Rollkoffer neben dem Tisch bestätigten meinen Verdacht. Mein Blick fliegt weiter. Ein älterer Mann im grauen Anzug und mit akkurat gestutztem Vollbart hält eine blutjunge Blondine im Arm. Ihre Hand gleitet in diesem Moment unter die Tischplatte. Dem süffisanten Grinsen nach zu schließen bereitet sie ihm gerade ein in der Öffentlichkeit verbotene Freude.

Ob Thea auch so spontan und offen wäre? Fuck! Warum denke ich jetzt an Thea? "Was halten Sie davon, Mister Thompson?", holt mich Gardeners Stimme zurück ins hier und jetzt. "Wovon bitte?" "Von meiner Idee für die Covergestaltung.", wiederholt er verwundert. "Wenn Sie sie mir bitte ein weiteres Mal erklären würden!", bitte ich übertrieben freundlich. Das tut er. Ich gebe mir Mühe ihm aufmerksam zuzuhören, doch mit einem Mal fällt mein Blick auf einen roten

Haarschopf. Eine Rothaarige hatte sich soeben mit dem Rücken zu mir ein paar Tische weiter gesetzt. Konnte sie es sein? "Quatsch! Sie ist nicht mal im selben Land wie du.", verhöhnt mich die Stimme die nur ich hören konnte. Unmerklich schüttle ich den Kopf um sie zu vertreiben. Nutzlos. Sie verhöhnt mich weiter, "Sieh's endlich ein. Sie ist weg. Und du kannst daran nichts ändern." Mit einem Ruck stehe ich auf. Gardener sieht überrascht schockiert zu mir auf. Schließlich hatte ich ihn mitten im Wort unterbrochen. "M-mister Thompson?" "Ich ... ich muss nur mal kurz ...",

stammle ich und deute mit der Hand vage in eine Richtung. Meine Beine setzen sich ganz von allein in Bewegung. Sie bringen mich hinüber zum Tisch der Rothaarigen. Als ich hinter ihr stehe tippt meine Hand ganz automatisch auf ihre Schulter. Von meiner Aktion selbst überrumpelt murmle ich, "Entschuldigung." Sie dreht sich um. Ihr Blick wandert von meinen Beinen hinauf zu meinem Gesicht. Erschrocken stelle ich fest, dass es sich nicht um meine Thea handelt. Ich hatte mich ganz umsonst zum Deppen gemacht. Ihr dagegen schien die Unterbrechung nicht im geringsten zu stören. Amüsiert sieht sie zu mir auf.

"Ja?", säuselt sie. Erschrocken zucke ich zurück und murmle etwas wie "Entschuldigung. Verwechslung." und mache das ich weg komme. Peinlich berührt lasse ich mich auf meinen Stuhl gegenüber dem verdutzten Drehbuchautor Schrägstrich Autor fallen und beschatte meine Stirn mit der rechten Hand. "Da hast du dich ja schön lächerlich gemacht.", urteilt mein Ich lachend. "Ja, danke für die Warnung.", zische ich wütend. Um diese Farce hier abzukürzen sage ich Gardener zu sein Buch über was auch immer in unseren Katalog aufzunehmen. Über alle maßen erfreut bedankt er sich

überschwänglich. "Ist doch kein Ding.", wehre ich ab. Jetzt nur noch schnell aufessen und dann auf dem schnellsten Wege hier verschwinden. Sowas wird mir so schnell nicht noch einmal passieren. Peinlich! Zögerlich betrete ich das Restaurant. Michael's Termin war bereits vor 15 Minuten. Erst als ich vor der Empfangsdame stehe wird mir klar, dass ich es völlig versäumt habe einen Tisch zu reservieren. Ohne Reservierung wird man in einem solchen Lokal sicher gar nicht erst reingelassen. Die Dame sieht nett aus. Ich beschließe etwas zu wagen und erkläre ihr

freundlich mein Anliegen. Ihre Augen werden erst von Zweifel schmal, dann weiten sie sich immer mehr, bis sie schlussendlich strahlen. "Oh, was für eine nette Geschichte.", urteilt sie gerührt. "Und sie ist dazu noch wahr.", murmle ich und sehe sie flehend an. "Dürfte ich nur einen Blick auf ihn werfen? Nur ganz kurz." Sie presst zweifelnd die Lippen zusammen. "Eigentlich darf ich Sie nicht einlassen ohne eine Reservierung. Aber in diesem speziellen Fall ..." Schweigend sehe ich sie abwartend an. "Also gut,", sagt sie schließlich "gehen Sie durch!" Sie bedeutet mir mit der

rechten Hand einzutreten. Mit einem dankbaren Kopfnicken husche ich an ihr vorbei. Das Lokal war gut gefüllt. Suchend lasse ich den Blick schweifen. Ich entdecke weit hinten an einem der Fenster einen freien Tisch. Und nicht weit entfernt davon Michael. Er ist es ganz sicher! Auch wenn der Mann mit dem Rücken zu mir sitzt. Aber ihm gegenüber sitzt Eden. Ganz sicher ist er das. Ihn würde ich unter tausenden erkennen. Langsam gehe ich durch den Schankraum auf den Tisch zu. Dafür musste ich allerdings an seinem Tisch vorbei. Noch während ich gehe überlege ich mir eine Strategie. Was wenn er mich

erkennt? Was wenn Eden mich erkennt? Was wenn ich ihm doch sein Weinglas umstoße? Schlussendlich gehe ich ungehindert und unerkannt an ihrem Tisch vorbei indem ich mein Haar wie einen Vorhang vor mein Gesicht fallen lassen. Ich blöde feige Kuh! Den Herrn am Tisch vor mir als Schutzschild nehmend setze ich mich so, dass ich Michael gut beobachten kann. Sein Blick huscht unstet durch den Raum. Langweilt Eden ihn so sehr? Vorsichtig lehne ich mich etwas nach links, am breiten Rücken des Herrn vorbei um ihn besser sehen zu können. Wie gut er aussieht. Ihm schien die

Trennung kaum etwas ausgemacht zu haben. Andere nahmen durch Trennungsschmerz schließlich einige Kilos ab. Doch Michael sah gut aus. Sein hellblaues Hemd schmiegt sich wie eine zweite Haut an seinen muskulösen Oberkörper. Gespannt betrachte ich ihn und unweigerlich muss ich an die Zeit im Bett zurückdenken, als ich die Gelegenheit hatte das Muskelspiel unter seiner Haut zu beobachten. Vorbei! Wer ihn heutzutage wohl nackt sehen darf? Sein Blick huscht in meine Richtung. Hastig rutsche ich zur Seite um mich wieder zu verstecken. Eine Bedienung bringt ihm und Eden das essen. Anschließend nimmt sie meine

Bestellung auf. Erschrocken greife ich nach der Karte. "Ähm, ich hatte noch gar keine ... Was ... was können Sie mir denn empfehlen?", stammle ich verwirrt. Ein belustigtes Lächeln umspielt ihren Mund. "Das Koreanische Hühnchen ist unsere Spezialität zum lunch, Miss." "Prima! Das hätte ich gern. Vielen Dank." Damit reiche ich ihr die Karte zurück. Sie geht ab. Zeit mich wieder meinem Objekt der Begierde zu wenden. Doch Michael sitzt nicht mehr auf seinem Platz. "Mist!", fluche ich undamenhaft aber leise. Eilig suche ich mit den Augen das Lokal ab. Nirgends ist er zu sehen. Doch Eden sitzt noch immer an dem Tisch und isst

sein was auch immer. Bevor ich realisiere was ich hier eigentlich tue stehe ich auf und gehe Richtung der ausgewiesenen Toiletten. Wenn ich hier im Gang auf ihn warte muss er ja an mir vorbei kommen. Und was dann? Das sieht doch viel zu sehr nach stalking aus. Nein, ich musste hier weg. Ich renne auf die Damentoilette und schlage die Tür hinter mir zu. Keuchend lehne ich mich rücklings gegen das kühle Holz. Was tu ich hier eigentlich? Ich bin doch hier um ihn zu treffen. Nein sogar anzusprechen. Und jetzt verstecke ich mich auf der Damentoilette? Wie sollte ich ihm hier begegnen? Ich muss hier raus! Meine Hand liegt schon auf der

Klinge, da fällt mir ein mein Spiegelbild ein letztes Mal zu überprüfen. Alles OK. Im Gang höre ich eine Tür klappen und Schritte. Eilig öffne ich die Toilettentür einen Spalt breit. Ein Fremder geht den Gang entlang. Ich schlüpfe aus dem Waschraum. Als die Tür mit einem leisen Knall hinter mir ins Schloss fällt zucke ich erschrocken zusammen. Ich presse mich an die Wand und zwinge mich mit geschlossenen Augen tief durch zu atmen. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, meine Nerven waren wirklich stark angespannt, gehe ich zurück in den Schankraum. Schon von weitem sehe ich die beiden Männer. Mit gesenktem Kopf

und meinem Haar wie einen Wasserfall ins Gesicht hängend gehe ich zu meinem Tisch zurück. Eine Bedienung geht neben mir zu dem Tisch vor meinem. Mit einem Mal sehe ich schwarze Schuhspitzen direkt vor mir. Abrupt bleibe ich stehen. Zeitgleich biegt die Bedienung nach links ab und prallt voll mit mir zusammen. Ein Metalltablett scheppert auf den Fliesenboden, Glas zersplittert  und Tropfen einer roten Flüssigkeit mischen sich mit den Splittern. Sofort verstummen alle Geräusche ringsum. Erschrocken hebe ich den Kopf und sehe meinem Gegenüber ins Gesicht. Bereits eine Entschuldigung auf den Lippen, verstumme ich als ich sehe, wer da vor

mir steht. Mit einem dunkelrotem Fleck mitten auf der Brust steht da Michael und starrt mich entsetzt und schweigend an. Die Bedienung, ganz darauf geeicht, wenn in ihrem Restaurant Geschirr zerschlagen wird, hat immer der Angestellte Schuld, beeilt sich sich bei uns beiden zu entschuldigen. Michael und ich stehen nur da und starren uns an. Erinnerungen an unsere erste Begegnung flammt in mir auf. Fassungslos. Erschüttert. Verwirrt. Und obwohl das genau mein Ziel war, bin ich nun doch erschüttert, dass das Schicksal sich unserer so eigenmächtig

angenommen hat. "Was tust du denn hier?", fragen wir beide unisono. Ich um abzulenken und er aus wirklichem Erstaunen. Ich deute mit zitternder Hand auf ihn und murmle, "Erst du!" "Nein du!", fordert er kaum hörbar. "Es tut mir wahnsinnig leid!", mischt die Bedienung mit. "Selbstverständlich wird das Restaurant für die Reinigung aufkommen." Er sieht sie nicht mal an und winkt nur lässig ab. "Das bin ich schon gewohnt.", formen seine Lippen lächelnd. In meinen Ohren rauscht das Blut. Mein Herz pocht mir bis zum Hals vor

Aufregung. Und ich kann nicht den Blick von seinen Augen abwenden. Ihm geht es ebenso. Auch er zittert am ganzen Körper und sein Blick mustert, fixiert mich. Als die Bedienung merkt, dass wir uns kennen, zieht sie sich mit einer erneuten gemurmelten Entschuldigung respektvoll zurück. "Ich bin in London.", verkünde ich das Offensichtliche. “Das sehe ich.”, haucht er. “Was machst du hier?” “Ich … ich lebe hier.” Er macht ein skeptisches Gesicht. “Du wirst ja wohl kaum hier im Restaurant

wohnen?”, lacht er und streicht sich das Haar aus der Stirn. Er trägt es jetzt länger als damals. Es lockt sich leicht im Nacken.   “Nein.”, stimme ich in sein Lachen ein. “Natürlich nicht. Ich meinte, ich lebe in London.”, erkläre ich fröhlich. “Was?”, keucht er. “Seit wann?” “Seit fünf Wochen etwa.” Ich zucke mit den Schultern. “Okay.” Michael schien diese Neuigkeit erst einmal verdauen zu müssen.  “Okay? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?” Vorsichtig mustere ich ihn. Jetzt nur keinen Fehler machen. Was ich auf keinen Fall möchte ist, ihn zu vergraulen und in die Flucht

schlagen. “Und was tust du hier?”, fragt er ein weiteres Mal. Scheinbar glaubt er nicht an Zufälle. “Essen.”, erwidere ich lapidar. "Essen?" "Das ist ein Restaurant.", erkläre ich lächelnd das offensichtliche und mache mit der Hand eine vage Bewegung. "Klar." Von einem nervösen Lachen begleitet fährt er sich mit der Hand durch das dunkle Haar. Dadurch verstrubbelt es sexy. Sofort muss ich an unsere gemeinsame Zeit im Bett zurückdenken. "Bist ... bist du allein?" Was meinte er? Ob ich hier allein aß oder

allein war? "Allein.", antworte ich. "Gut.", murmelt er. "Und du?" "Allein." "Gut." Ich schenke ihm ein zaghaftes Lächeln. Er erwidert es ebenso vorsichtig. "Ich freue mich dich zu sehen!", flüstere ich kaum hörbar. Doch er versteht mich und antwortet lächelnd, "Ich mich auch!" "Hey, Anthea.", höre ich da Eden aus dem Off. Den hatten wir ja völlig vergessen.

22.

Verlegen sehen wir uns an. Unfähig weder uns zu bewegen, noch irgendetwas zu sagen oder auf jemanden in unserem Umfeld zu reagieren.  “Erzähl! Was genau machst du hier” Michael taxiert mich mit seinen blauen Augen.  “Essen.”, hauche ich. “Ich hatte … Hunger.” “Verstehe.” Michael nickt ohne den Blick von mir fallen zu lassen. “H-hallo.”, macht Eden verwirrt. “Anthea, was tun Sie denn hier.” “Sie isst.”, antwortet Michael für mich und sieht seinen Gast kurz

an.  “Ach was.”, brummt Eden. Ich sehe an Michael vorbei um ihn zu begrüßen. “Hallo Eden. Es freut mich Sie wieder zu sehen.” Wir reichen uns formell die Hand. Mit kritisch erhobenen Augenbrauen betrachtet Michael unseren Handschlag.  “Setzen wir uns doch!”, befiehlt er mit dunkler Stimme und berührt mich leicht am Ellbogen.  Ich schiebe den Riemen meiner Handtasche wieder auf meine Schulter hinauf, hebe das Kinn und nicke.  Eden geht voran und ich folge ihm zu dem Tisch der beiden ein paar Schritte weiter, wo wir uns gegenüber platz

nehmen. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie Michael sich von meinem Tisch den Teller mit meinem inzwischen servierten Essen und mein Weinglas greift und sich zu uns gesellt. Behutsam stellt er beides vor mir ab, legt seine warme Hand auf meinen Rücken und lächelt auf mich herunter. Die Berührung ist nur flüchtig und dauert nur wenige Sekunden, doch an der Stelle wo seine Hand meinen Rücken berührt hat prickelt meine Haut und eine wohlige Wärme breitet sich in meinem Bauch aus. Ehe ich mich versehe sitzt er auf dem Stuhl neben mir und beobachtet mich. Nein, er sieht mich an, als wäre ich das achte Weltwunder. Eine Erscheinung und

er unfähig zu begreifen wie ich hier herkomme. “Was?”, formen meine Lippen tonlos. Eden hingegen mustert uns abwechselnd. “Sie kennen sich?”, fragt er. “Ja.”, antworten wir unisono. Wegen unseres Versprechers müssen wir beide lachen. “Miss van der Woodsen ist … war …” “Wir sind flüchtige Bekannte.”, helfe ich ihm aus. Erstaunt sieht Michael mich an. Eden dagegen nickt verständig.  “Wir sind Bekannte?”, fragen Michaels Augen.  Unmerklich nicke ich ihm zu.  “Interessant. Aber verständlich.”,

plaudert Eden fröhlich. “Er ist Verleger und Sie Autorin. Verlegen Sie auch Anthea's Werke?” Letzteres war an Michael gerichtet. Verwirrt reißt er seinen Blick von meinem Gesicht los um Eden zu antworten. “Nein. Miss van der Woodsen hat bereits einen Verlag.” Ich verstehe nicht ganz wieso er diesen Halm nicht ergreift. Das wäre doch die perfekte Ausrede für uns gewesen. Doch er sagt, “Wir sind uns mal zufällig in einem Hotel über den Weg gelaufen. Und waren ein paar Mal … aus.” Erstaunt sehe ich ihn an.  “Interessant.”, urteilt Eden gelangweilt. “Wenn jetzt nichts weiter ist, Mister

Thompson, würde ich mich gern verabschieden. Ich muss heute noch ins Theater.” Sicher spürte er, dass er hier ab jetzt nur noch stören würde. Michael erhebt sich, knöpft sich sein Jackett zu und reicht ihm die Hand. “Aber natürlich. Wir sind uns ja bereits einig, Mister Gardener. Machen Sie's gut.” Eden verabschiedet sich auch von mir und lässt uns mit einem verwirrten Gesichtsausdruck allein. Und da waren wir. Allein.  Nun ja zumindest fast.  Etwas unschlüssig steht Michael neben meinem Stuhl und starrt ins

Leere. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Thea hier. In London. In diesem Edelschuppen. Zur selben Zeit wie ich. War das Schicksal? Wollte es mir damit etwas sagen? Ich verstehe es nicht. Was soll ich jetzt tun?  “Da guckst du, was?”, meldet sich die Stimme. “Damit hättest du nicht gerechnet. Was tust du jetzt, Michael? Rennst du jetzt wieder auf's Klo und ziehst dir was rein?” “Still!”, zische ich. Verwirrt sieht Thea an mir hoch, lächelnd fragt sie jedoch, “Willst du dich nicht

setzen?”. “Natürlich.”, murmle ich, knöpfe das Jackett wieder auf und setze mich. “Wie geht es dir?”, übernimmt sie die Gesprächsführung als ich mich weiterhin in grüblerisches Schweigen hülle. “Gut.”, lüge ich. Um Zeit zu überbrücken sehe ich auf mein Handgelenk. Mist! Wo war meine Armbanduhr? Natürlich, im Waschraum auf dem Waschbeckenrand. Dahin war ich gerade auf dem Weg als Thea in mich rein rannte. Auch das, ein Wink des Schicksals? Mittlerweile ist sie sicherlich geklaut worden. Egal. Thea ist wichtiger und um kein Geld der Welt würde ich sie auch nur drei Sekunden

hier allein am Tisch sitzen lassen. “Du siehst zumindest gut aus.”, flüstert sie schüchtern. Ich schweige. “Und du verlegst also Eden’s Buch, ja?”, fragt sie weiter. “Scheint so.”, antworte ich und muss mich wirklich anstrengen, mich zu erinnern um was es in seinem Buch eigentlich ging.  “Schön.”, murmelt sie und wirkt so abwesend als sei es ihr eigentlich völlig egal. Doch ich greife den Faden auf und frage, “Woher kennst du ihn eigentlich?” Sie zuckt die Schultern. “Wir haben gemeinsame

Freunde.” “Ist das so?”, brumme ich und greife nach meinem Weinglas. Sie war wie lange in London, fünf Wochen. Und da hat sie gleich Bekanntschaften wie diesen Exzentriker geschlossen? Das war typisch für sie. Thea ist der offenste und freundlichste Mensch den ich kenne. Die würzige kalte Flüssigkeit in meinem Mund tat gut und schmeckte zudem auch noch. In diesem Restaurant servierten sie wirklich guten Wein! Dann stelle ich die entscheidendste aller Fragen. Die, die mir in den letzten Minuten unter den Nägel brannte.“Thea, was tust du hier in London?” Ihr Mund verzieht sich zu einem

strahlenden und ebenso stolzen Lächeln. “Hab ich doch schon gesagt, ich lebe hier.” “Ja, aber warum?” Ich begreife es nicht. Machte sie sich Hoffnung mit einem Umzug in meine Heimatstadt irgendwie wieder mit mir zusammen zukommen? Thea zuckt die Schultern. “Ich wollte es eben.” “Einfach so?”, hake ich misstrauisch nach. Sie nickt und nimmt eine Gabel von ihrem Hühnchen. Ich betrachte wie sie isst und überlege mir weitere Schritte.  Ich musste unbedingt herausbekommen ob sie wegen mir gekommen war. Hatte

ich eventuell noch eine Chance bei ihr? “Das ist ja verrückt! Thea in London.” “Na ja, ich hatte doch eh vorgehabt herzuziehen.”, nuschelt sie mit vollem Mund. Ja mit mir, zu mir.  “Aber ich … wir …”, stammle ich. Sie sieht mich an. Ein trauriger Ausdruck trübt für einen Moment ihren Blick. Der Schmerz den ich ihr bereitet hatte saß noch tief. “Klar, es gab kein wir mehr, aber …” Sie stockt.  Vorsichtig lege ich ihr eine Hand auf den Rücken. “Jedenfalls hat Rose mir ins Gewissen geredet. Sie meinte, ich soll mich durch

diesen … diesen Rückschlag nicht unterkriegen lassen. Rose hat mich ermutigt den Umzug doch durchzuziehen.” Ich nicke verständig. “Es war ja auch bereits alles organisiert. Nur den Spediteur musste ich neu bestellen.”, erklärt sie nüchtern als wäre eine Auswanderung in ein fremdes Land nichts besonderes. “Verstehe.”, murmle ich und fühle mich noch schlechter wegen meines Verhalten damals. “Und wo … wo wohnst du jetzt?” “In Notting Hill.” “Notting Hill. Fantastisch! Und die Miete … ich meine kriegst du das

hin?” Thea nickt seelig. “Klar, ich teil sie mir. Die Miete.” “Wie das?” Ich nehme einen weiteren Schluck des guten Tropfens. “Ich wohne in einer WG.”, verkündet sie glücklich. Ich verschlucke mich und huste krampfhaft den Wein aus meiner Luftröhre. “Alles in Ordnung, Michael?”, fragt sie mit Sorgenvoller Miene. Ich schüttle leicht den Kopf. Ihr Blick wird fester. Erschrocken beugt sie sich vor. “Nein? Soll ich … soll ich einen Arzt?” Abwehrend hebe ich die Hände. “Nein,

nein, alles gut.”, keuche ich. Sie lehnt sich wieder zurück. “Okay.”  Thea's Blick mustert mich.  “Warum lebst du in einer WG? Mit wem?”, stoße ich gepresst hervor.  “Du hast doch gerade selbst Zweifel aufgeworfen ob ich mir die Miete überhaupt leisten kann. London ist teuer.” Wem sagt sie das. “Und außerdem ist es praktisch.” “Aber, ist es nicht seltsam nach der eigenen Wohnung wieder mit jemanden zusammen zu leben?”, will ich neugierig wissen. Plötzlich dämmert mir, dass ich gar nicht weiß mit wem sie sich da die Miete teilt. Eifersucht kocht in mir hoch. Ob es ein Mann ist? Einer oder sogar

mehrere. Sie ahnt ja nicht, was für eine Wirkung sie auf Männer hat. Sicherlich stellen 80 Prozent der hier anwesenden Männer sie sich bereits nackt vor.  Heiß kalte Schauder kriechen mir das Rückgrad hinauf. Vorsichtig, um sie nicht zu verärgern frage ich, “Du lebst also in Notting Hill in einer WG. Mit wem denn?” Thea lacht. “Bist du etwa eifersüchtig?” Dazu hätte ich kein Recht, aber jeden Grund. “Aber nein.” Sie schüttelt den Kopf. “Es sind zwei Frauen. Studentinnen.”  “Studenten?”, widerhole ich ungläubig. “Studentinnen. Zwei Schauspiel Studentinnen.”, verbessert sie mich.

Natürlich musste Thea wieder einmal das letzte Wort haben. Erleichtert lasse ich die angehaltene Atemluft aus meinen Lungen entweichen.  “Und du bist doch eifersüchtig.”, zieht sie mich lachend auf und schlägt spielerisch mit der Hand nach meinem Unterarm. Mit einer schnellen Bewegung ergreife ich sie und halte sie fest. Unsere Blicke treffen sich erneut. Intensiver als zuvor. Und ehe wir darüber nachdenken können nähern sich unsere Gesichter. Ich sehe auf ihre schönen geschwungenen Lippen. Lasziv beißt sie auf ihre Unterlippe. Ihr Blick huscht über mein Gesicht. Trauer,

Wehmut, Hoffnung, Liebe spiegeln sich darauf wider. Ich habe nur Augen für ihre. Oh Gott, liebte ich diese Frau! Das hatte ich seit der ersten Nacht. Ich bin ihr verfallen und sie ist mein Rettungsanker. Ich brauche sie! Ich will sie! Aber wollte sie das auch? Zeit es herauszufinden. Unsere Lippen treffen aufeinander. Sie schmeckt nach Sommerregen und nach der süße des Weines und  den scharfen Gewürzen des Essens. Als sie sich mir vollkommen öffnet ziehe ich sie näher an mich heran. Ihre Hände fliegen in mein Haar, ziehen leicht daran. Ich schwelge in den Empfindungen die ihre Berührungen mir verschafften. Meine chaotischen Gefühle

drohten mich zu überwältigen. Ich grabe meine Hände in ihre Locken, während ich an ihrer Zunge sauge. Ihr Stöhnen macht mich total an und bringt das Fleisch zwischen meinen Lenden zum pulsieren. Sofort merke ich wie der Stoff meiner Hose enger wird.  Ich lasse meine Lippen zu ihrem Ohr gleiten. Küsse die zarte Haut unter ihrem  Ohrläppchen. Ein süßes Seufzen kommt aus ihrer Kehle. Ich schmelze wie Eis in der Sonne.  Thea schlingt die Arme um meinen Hals, beginnt selbst federnde Küsse an meinem Hals und dem Gesicht zu verteilen. “Ich hab' dich so vermisst!”, seufzt sie.  “Ich dich auch.”, stimme ich ihr zu. “Ich

kann es noch immer gar nicht fassen, dass du hier bist.”   Lächelnd zieht sie sich etwas zurück und mustert mich aufmerksam.  “Was?”, lache ich. “Ich versuche gerade herauszufinden, ob du echt bist. Oder ob ich träume.” Ich ziehe die Stirn kraus. “Könnte ein Traum das hier …” Erneut ziehe ich sie an mich und presse hart meine Lippen auf ihre. Wir küssen uns stürmisch und intensiv bis uns irgendwann die Luft ausgeht und wir uns gewahr werden wo wir uns befinden.   Wir sehen einander in die Augen. Hitze steigt zwischen uns auf, und wir

genießen den Augenblick. Er beugt sich vor und berührt meinen Mund mit seinen Lippen. Ich lasse meine Hände über seine Brust gleiten, spuren die harten Muskeln unter dem feinen Stoff. Er war noch immer genauso gut gebaut wie damals. Da hatte sich nichts geändert.  Als ich mit dem Ellbogen an die Tischkante stoße und ein Glas beinahe umfällt, wird mir bewusst wo wir uns befinden und ich ziehe mich etwas zurück. Mit sanftem Druck gegen seine Brust halte ich Michael auf Abstand. Sein verdutzter Gesichtsausdruck war unbezahlbar.  Ich bedeute ihm erst einmal eine Pause zu machen. “Wir werden schon

beobachtet.” untermauere ich meine Bitte und deute mit dem Kinn rechts neben uns.   Er zuckt die Schultern. “Na und. Ich will dich spüren. Sonst glaub ich vielleicht auch noch du bist nur eine Illusion.”, grinst er.   Ich hauche ihm einen frechen Kuss auf die Nasenspitze. “Bin ich nicht. Versprochen.” Ich stehe auf und greife nach meiner Handtasche über der Stuhllehne. Michael erhebt sich ebenfalls. Hand in Hand gehen wir zum Eingang. Unterwegs begleicht er noch rasch die Rechnung und lässt sich unsere Mäntel bringen. Nachdem er mir galant hinein geholfen

hat wirft er sich schwungvoll seinen langen dunkelblauen Wollmantel über. Eigentlich war das Wetter noch fast zu warm für diese Art von Mänteln, doch er passte einfach perfekt zu Michael. Und er kleidete ihn fantastisch. Umwerfend war eigentlich das richtige Adjektiv um seinen Anblick zu umschreiben. “Komm!”, murmelt er und reicht mir seine rechte Hand. Glücklich und mit voller Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft ergreife ich sie.

23.

Draußen hält Michael gekonnt ein Taxi an. Ich habe nur Augen für ihn. Oh mein Gott! Er ist hier. Bei mir. Ich kann es noch immer nicht fassen. Gemeinsam sitzen wir nebeneinander auf der Rückbank im Taxi. Halten uns an den Händen und sehen uns in die Augen.  “Ich kann es nicht fassen.”, spricht er die Worte aus die mir eben noch selbst durch den Kopf gegangen sind laut aus. “Du bist hier.” Ich nicke zustimmend. “Ja, ich bin hier. Und ich kann es kaum glauben, dass wir uns wirklich getroffen haben.” Dass das von mir geschickt eingefädelt

wurde verschweige ich erstmal.  “Wo soll's denn nun hingehen?”, fragt er Fahrer von vorn. Lachend fährt Michael sich mit der Hand durch das Haar. “Stimmt ja. Deine Adresse?”, letzteres war an mich gerichtet. “Verrätst du ihm deine Adresse?” Lächelnd sage ich, “Elgin Cress, bitte.”  Der Mann nickt und setzt den Blicker. “Elgin Cress also.”, lächelt Michael schüchtern. “Sollte ich es auch wissen?” Arglos zucke ich die Schultern. “Klar, warum nicht?” Er haucht mir einen Kuss auf die Nasenspitze und drückt leicht meine

Hand. Es tat so gut endlich wieder meine Hand in seiner zu spüren. Seinen würzigen Duft einzusaugen und seine Nähe zu spüren. Aber mit einem Mal wurde mir bange ums Herz. Wie würde es weitergehen?  Wenn wir jetzt nun zuerst zu mir fahren, würde er erwarten das ich ihn hinein bitte oder verabschiedet er sich und wir verabreden uns für einen späteren Zeitpunkt? Oder wollte er überhaupt noch eine Beziehung mit mir? Wenn ja, stand noch immer diese hirnlosen Forderungen seines Vaters im Raum? Sicherlich taten sie es das. Vielleicht möchte er auch nur mit mir befreundet

sein. Freunde mit gewissen Vorzügen. Damit wäre ich jedoch nicht einverstanden.  Während ich in grüblerisches Schweigen verfalle und aus dem Fenster schaue, tut er es mir gleich. Gehen Michael eventuell dieselben Gedanken durch den Kopf?  Bis nach Notting Hill war es nicht weit und schon fragte der Fahrer nach der Hausnummer.  Aufgeschreckt antworte ich, “27, bitte.” Michael sieht nun deutlich aufmerksamer aus dem Fenster. Er scheint nervös, denn seine Hand ist feucht. Leicht drückt er die meine. Zögerlich, da ich noch immer keine

Lösung für mein Dilemma gefunden habe greife ich nach dem Türöffner. Doch Michael ist schneller, steigt aus und geht eilig um den Wagen herum. Galant öffnet er die Tür und hilft mir auszusteigen.  Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln. “Danke.”, murmle ich.  “Warten Sie bitte kurz!”, bittet Michael den Fahrer ehe er die Tür zu schlägt.  Damit hätte sich meine Frage erledigt. Gemeinsam gehen wir zu den weißen Stufen vor der rot getünchten Eingangstür meines Wohnhauses.  “Tja also … hier wohne ich jetzt.”, erkläre ich und deute mit der Hand auf das Haus neben uns.  “Hübsch.”, sagt Michael und sieht dabei

mich an.  “Ja, das finde ich auch.” Schweigend sehen wir uns in die Augen. “Es … es war wirklich schön dich wieder zu sehen!”, murmelt er.  Oh oh. Das klingt fast so, als würde er nur mit mir befreundet bleiben wollen. “Das fand ich auch.”, antworte ich nachdem ich den Kloß in meinem Hals herunter geschluckt habe. “Ja also …”, beginne ich und breche ab. Irgendwie weiß ich doch nicht was ich sagen soll. “Ja?” “Ähm … ich werde dann mal reingehen.” Ich deute mit einem Nicken auf die Tür. “Ja okay.”, brummt er, bleibt unschlüssig

stehen und betrachtet seine Fußspitzen. Langsam gehe ich die zwei Stufen hoch und beginne in meiner Handtasche nach dem Schlüssel zu kramen. Verflixtes Ding! Nie findet man das was man sucht.  Mit einem Mal ruft Michael, “Dein Telefon.” Erschrocken sehe ich zu ihm hinunter. “Was?” Hastig suche ich den Boden zu meinen Füßen ab ob es mir heruntergefahren war. Doch anstatt es aufzugeben wenn es so ist, fragt er atemlos. "Hast du ein neues Telefon?" Verwirrt erwidere ich, “Ja. Ja, seitdem ich hier

bin.” Er schweigt und sieht mich an. Da dämmert es mir, was er möchte. Lächelnd frage ich, “Möchtest du die neue Nummer haben?” Dankbar lächelt er zurück. “Ja, sehr gerne!” Rasch steige ich wieder zu ihm hinunter, reiße aus meinem Notizbuch ein Blatt heraus und kritzle mit Bleistift die Telefonnummer auf das Papier. “Hier bitte. Und ich … ich würde mich freuen, wenn du mal anrufst!” “Natürlich, das mache ich!”, verspricht er.  Lächelnd sehe ich zu ihm auf. Plötzlich, ehe ich in irgendeinerweise etwas

anderes tun kann, reißt er mich in seine Arme und drückt mir fordernd und fest seinen Mund auf meinen.  “Ich hab ... dich so … vermisst!”, raunt er zwischen den Küssen. “Thea … Es tut mir so leid! … Alles.” Seine Worte treffen mitten ins Herz und meine Augen füllen sich mit Tränen. Schluchzend nicke ich wieder und wieder. “Ich dich auch.”, schniefe ich.  Er zieht sich etwas zurück, nimmt mein Gesicht zwischen seine Hände und sieht mich mitfühlend an. Zärtlich streicht er mit seinen Daumen meine Tränen weg. “Ich habe mich absolut scheiße benommen. Das hast du nicht verdient.

Es tut mir so leid was ich dir angetan habe!” Ich hebe den Blick und sehe ihn an. “Ich … ich weiß. Es ist okay.” “Das ist es absolut nicht, Thea. Ich habe mich schändlich verhalten.” Da hat er auch wieder recht.      Ich zucke die Schultern. Eigentlich wollte ich nicht mehr an die Zeit von vor 5 Monaten erinnert werden.  Das ich so kalt reagiere scheint ihn zu verunsichern. Hilflos mustert er mich, fährt sich erneut durch das Haar.  Dieser Anblick. Ich könnte schmelzen.  Ehe ich noch etwas sagen kann ergreift er die Initiative. Sanft nimmt er meine Hände in seine, beugt das Knie und geht

doch tatsächlich vor mir auf die Knie. “Michael …”, keuche ich entsetzt. Nach Hilfe suchend sehe ich mich um. Doch nirgends ist jemand zu sehen. Außer vielleicht der Taxifahrer der sich grinsend aus seinem Fenster lehnt und uns gespannt beobachtet. “Michael …”, versuche ich es erneut. “Thea, ich verspreche dir, ich werde dir nie wieder so weh tun, dich nicht mehr enttäuschen und nie wieder werde ich dich verlassen. Wenn du mir noch eine Chance gibst?”     Ich versuche die Wahrheit in seinem Gesicht zu lesen. Konnte ich ihm vertrauen? Noch eine solche Niederlage würde ich nicht ertragen können.

Zumindest glaube ich das nicht. “Bitte.”, fleht er. Bei mir brach jede Art von Widerstand. “Okay. Ich verzeihe dir.”, erlöse ich ihn endlich. “Aber eines sage ich dir, wenn du so etwas noch einmal mit mir abziehst … Dann will ich dich niemals wieder sehen.”  “Verstehe.”, nickt er. “Ich werde mich bessern. Versprochen. Zeit um über meinen Verfehlungen nachzudenken hatte ich ja. Und ich meine, dass ich auf einem guten Weg bin.”, gesteht er.  Langsam war mir unser Laienschauspiel hier auf offener Straße etwas peinlich. “Gut. Aber steh jetzt bitte endlich auf!” Krampfig versuche ich meine Worte mit

ruckartigen Bewegungen an seinem Arm zu unterstreichen. Er gehorcht und kommt auf die Beine. Nicht aber ohne den Blick von mir zu lassen. “Ich lass dich allein. Für heute reicht es, glaube ich.” Ich stimme ihm nickend zu.  “Ich werd jetzt gehen. Aber ich ruf dich an. Heute oder morgen. Also wenn du magst?”, redet er sich um Kopf und Kragen.  Lächelnd sehe ich ihm zu. “Jedenfalls rufe ich dich an. Dann können wir was zusammen machen. Essen gehen oder wir reden oder beides. Mal sehen.” “Michael.” Um ihn zum schweigen zu

bringen lege ich meinen Zeigefinger auf seinen Mund. “Scht. Ruf einfach an und wir werden sehen.”, sage ich leise.  Er nickt küsst mich noch schnell und geht dann zum Taxi zurück. “Na das war ja ne Show.”, grinst der Fahrer und lässt das Fenster hochfahren. Mit einem letzten Blick zurück zu mir steigt Michael ein und zieht die Tür zu. Ich sehe dem schwarzen Fahrzeug nach bis es um die Ecke verschwunden ist. Anschließend steige ich die Stufen zur Tür hoch und schließe glücklich die Haustür auf. Vielleicht würde mein Leben hier in London jetzt noch schöner werden als es ohnehin schon

ist?   Anschließend fahre ich für meinen wöchentlichen Rapport ins Krankenhaus. Niemand sollte mir nachsagen können ich hätte meinen todkranken Vater nicht regelmäßig besucht. Man muss ja auch an sein Karma denken.  Als ich ankomme bin ich noch immer ganz berauscht von den Ereignissen Minuten zuvor. Mein Herz ist leicht und in meinem Kopf ist zur Abwechslung mal nicht diese nervtötende Stimme zu hören. Nur Theas Stimme ist da, die mir sagt, dass sie einverstanden ist mir noch eine weitere Chance zu geben. “Guten Tag, Vater.”, grüße ich meinen

Erzeuger nachdem ich eingetreten bin.  “Setz dich!”, knurrt er ohne auf meine Begrüßung einzugehen. Typisch. Eine junge Krankenschwester wischt mit einem Blick wie ein verängstigtes Kaninchen seinen Nachttisch ab und sammelt benutztes Geschirr ein. Dabei wirft sie meinem Vater immer wieder einen bangen Blick zu. Mich dagegen wagt sie gar nicht erst anzusehen. So wie es aussieht hat Vater hier bereits seinen Charm spielen lassen. In nächsten Moment bekommen wir erneut eine Kostprobe davon geliefert. “Herrgott nochmal. Wie lange kann es dauern bis solch eine stupide Arbeit getan ist? Raff deinen Kram zusammen und hau endlich

ab, du dumme Gans!”, herrscht er die junge Frau an. Wie vom Blitz getroffen zuckt sie zusammen. Aber auch ich kann nicht fassen wie er mit dieser Fremden umspringt. Obwohl. Ich war ja bereits einiges gewohnt. Die Schwester nickt stumm und greift sich das Geschirr. Als sie aus dem Raum flüchtet sehe ich Tränen in ihren Augen glitzern. Wie vom Donner gerührt starre ich meinen Vater an. “Was war das denn?”, keuche ich. Er winkt jedoch nur ab und brummt etwas wie “Saudummes Weibsbild.”   Eine Erwiderung zum Thema Gleichberechtigung liegt mir schon auf der Zunge, doch ich schlucke sie runter.

Es hätte ja doch keinen Sinn. Stattdessen unterrichte ich ihn wie es in Manchester gelaufen ist. “Die marode Redaktion haben wir in der Tasche. Noch in dieser Woche werde ich dem Inhaber ein Angebot machen.” “Sei nur nicht zu großzügig!”, mahnt er und nimmt in einem der Sessel platz. Scheinbar wollte er geschäftliches nicht halb liegend vom Bett aus besprechen. “Keine Sorge.”, murmle ich. “Überhaupt habe ich da ein paar Ideen die ich gern umsetzen würde.”, fahre ich deutlicher fort und nehme nun ebenfalls in dem anderen Sessel platz. Interessiert sieht er auf und fragt, “Und die

wären?”  Erfreut über sein Interesse und offenes Ohr erkläre ich, “Wir müssen zukunftsorientierter werden. E-Books sind mittlerweile ein fester Bestandteil im Verlagswesen. Bisher haben wir dieser Sparte kaum Beachtung geschenkt. Ich möchte das ändern.” “Und wie? Willst du komplett auf das Internetzeug umsteigen?”, unterbricht er mich schroff.  “Nein, natürlich nicht. Aber ich möchte unseren Anteil an E-Books stärken. Zukünftig werden wir jedes Manuskript auch als E-Book rausbringen, sofern vom Autor erwünscht oder angestrebt. Bei anderen Verlagen ist das schon lange

Gang ung Gebe.” Mit einem freundlichen Lächeln schließe ich meinen Vortrag und sehe ihn abwartend an. Vater nimmt sich nicht etwas ein paar Minuten um über meinen Vorschlag nachzudenken. Nein, er findet ihn gleich scheiße und wirft mir das auch recht lautstark an den Kopf. “Unsinn! Vollkommener Unsinn! Seit wann sind wir wie die anderen? Und seit wann bitteschön reicht das gedruckte Wort nicht mehr aus? Das auf Papier wohlgemerkt. Was soll dieser neumodische Firlefanz? Und außerdem, sag mir, wer soll das bezahlen?” “Das ist im Schnitt günstiger als der

Druck.”  Er winkt ab. “Blödsinn! Erkläre mir mal, wer hat gegen ein gutes Buch das man in die Hand nehmen kann etwas einzuwenden? Seit wann ist das gute alte Buch nicht mehr gut genug?”, herrscht er mich an. “Es sagt doch niemand, dass das Buch abgeschafft wird. Es wird weiterhin viele Leute geben die ihre Bücher lieber in gedruckter Form haben. Aber wir müssen mit der Zeit gehen, Vater!”, versuche ich zu intervenieren.  “Warum? Hast du das Geschäft in solch kurzer Zeit schon gegen die Wand gefahren?”, höhnt er dunkel. Das war eine Frechheit von ihm sowas zu

behaupten. Nicht ohne einen gewissen Stolz kann ich behaupten, dass der Verlag unter meiner Leitung besser läuft als jemals zuvor. Die Mitarbeiter und sogar die Kunden sind zufriedener seit ich das Ruder an mich genommen und eine Kehrtwende eingeläutet habe, jedenfalls behaupten sie das stets bei Besprechungen. “Das ist widerum Blödsinn!”, rechtfertige ich mich. “Du bist im Irrtum wenn du so denkst. Der Verlag steht im Vergleich zu anderen britischen Verlagen bestens da. Und auch auf dem Festland machen wir uns.” Für einen Augenblick huscht so etwas wie Stolz oder Anerkennung über sein

Gesicht.  Und dann war es auch schon wieder vorbei.  “Hm.”, brummt er nur und greift sich die Tageszeitung die gefaltet auf dem Couchtisch zwischen uns liegt.  Erstaunt über sein offensichtliches Desinteresse an diesem Thema den Verlag betreffend starre ich ihn nur schweigend an. Dann aber frage ich doch, “Wollen wir nicht unser weiteres Vorgehen besprechen?” “Welches Vorgehen?”, fragt er ohne vom Wirtschaftsteil aufzusehen. “Du lässt diesen neumodischen Firlefanz und kümmerst dich weiter um das wirklich wichtige echte Verlagswesen. Darin

scheinst du ja doch recht gute Erfolge zu erzielen.” Geräuschvoll faltet er die Zeitung zur Hälfte. “Mit verlaub Vater, aber das werde ich nicht.” “Wie bitte?” Seine Stimme, rasiermesserscharf jagt mir einen Schauder über den Rücken. “Ich sagte nein, das werde ich nicht tun.”, erwidere ich entschieden. “Ich habe diesen Entschluss gefasst und bereits für seine Umsetzung alles in die Wege geleitet.” Die Zeitung knallt als gefaltete Rolle auf den Tisch. Wütend blickt er zu mir herüber. “Was?” “Du hast schon richtig verstanden.” Ich

genieße die Macht die ich gerade besitze. Ich saß am längeren Hebel. Mit der Übertragung seiner Anteile hatte er die Zügel aus der Hand gegeben und mir als Alleineigentümer jeden Freiraum gelassen. “Ich bitte dich nicht um Zustimmung oder deine Meinung. Ich wollte dich nur von den Neuerungen in Kenntnis setzen. Das tat ich, weil du der ehemalige Eigentümer des Verlags und … mein Vater bist.” Fassungslos, so hatte ich meinen Vater weiß Gott sehr selten gesehen, starrt er zu mir hoch, nachdem ich aufgestanden und mir meinen Mantel von der Sessellehne gegriffen habe.  “Ich muss jetzt

gehen.” “Du bleibst!”, befiehlt er mit derselben Stimme mit der er mich damals immer in sein Schlafzimmer beordert hatte. “Warum? Ich denke, für heute ist alles gesagt.”, fahre ich ihn an und bemerke zu meiner Bestürzung, dass ich zitterte. “Bevor du mich verlässt, wünsche ich von dir noch einen Bericht darüber, wie du in der Sache mit der Ehefrau voran kommst!” Ich schnaube verächtlich. “Pha, du redest so als wäre das eine geschäftliche Transaktion. Überhaupt verstehe ich nicht warum du dermaßen auf diesem Thema herumreitest.” “Du weißt warum.”, knurrt er und sieht

auf die Zeitung vor sich. “Ja, der Krebs.” Ich hebe die Arme in die Luft. “Eine tolle Ausrede für all deine Verfehlungen. Michael, ich habe nicht mehr lange zu leben. Bevor ich gehen muss will ich noch deine Hochzeit und die Geburt einen Thronfolgers erleben. Bla bla bla.” Ich rede mich in Rage und ticke völlig aus.   Vater schnappt hörbar nach Luft. Klar, so hatte es sicher noch nie einer gewagt mit ihm zu sprechen. Aber mir reicht es! Schlimm genug, dass ich meine große Liebe mit dem von ihm verordneten übereilten Heiratsantrag vor den Kopf gestoßen und dann verlassen habe, aus Angst sie könnte ihm nicht zusagen. Das

Wissen, er würde ihr das Leben zur Hölle machen machte mich völlig fertig. Ebenso wie ich Höllenqualen durchlitten habe aus Gram das einzig Gute in meinem Leben verlassen zu haben. Doch nun war sie wieder da. Ich wollte jetzt alles richtig machen. Und dazu gehört auch mir Zeit zu lassen. Zeit um einen wundervollen, durchdachten Antrag zu machen, Zeit um zu heiraten und Kinder zu bekommen. “Ich bin schockiert wie du mit deinem Vater redest.”, keucht er mit gespieltem Entsetzen.  Ja klar. “Jetzt drückt er auf die Tränendrüse. Vielleicht fängt er gleich noch zu heulen

an?”, höhnt die Stimme nun doch wieder in meinem Kopf.   “Mir egal.”, brülle ich beiden zu. Erschrocken zuckt mein Vater unter der heftigkeit meiner Worte zusammen.  “Eines sage ich dir, Vater das kannst du ruhig wissen, ich habe meine Traumfrau wiedergefunden. Sie lebt mittlerweile in hier London. Dir werde ich sie aus gutem Grund nicht vorstellen. Sollte es zu einer Eheschließung kommen, werde ich dich durch eine Anzeige in der Times davon unterrichten." Mit einem Nicken deute ich auf die Zeitung. "Ich werde mich durch die von dir gesetzten Ziele nicht mehr unter Druck setzen lassen. Von nun an verfahre ich nach meiner façon. Fange

mit diesen Informationen an was du willst, von mir wirst du zu diesem Thema nichts mehr zu hören bekommen. Guten Tag.” Damit werfe ich ich mir meinen Mantel über und verlasse mit dem Schal in der Hand das Krankenzimmer meines Vaters.  Wie Mose das Wasser teile ich das Krankenhauspersonal als ich jetzt den Gang entlang rausche. Schüchterne Blicke von Krankenschwestern fliegen mir zu. Ich registriere es nur aus dem Augenwinkel. Ich will nur noch weg.  Am Lift wird mein Vorhaben jäh aufgehalten, als sich die Türen öffnen und plötzlich Sir George Johnson, der

älteste und beste Freund meines Vaters vor mir steht. “Oh, guten Tag, Michael.”, grüßt er überrascht aber wie immer mit einer falschen Freundlichkeit und erntet von mir ein Augenrollen.  Auch das noch. “Hallo George.”, entgegne ich nüchtern.  “Ich besuche deinen Vater. Warst du bei ihm?” Ich nicke stumm und versuche mich an ihm vorbei in den Aufzug zu schieben ehe die Türen sich wieder schließen. Ohne Erfolg. George greift sich meinen Ellbogen und führt mich zurück Richtung Zimmer 27, wo mein Vater untergebracht ist.  “Ich wollte eigentlich …”, unternehme

ich einen kläglichen Versuch zu entkommen. George achtet nicht auf meinen Protest. “Wie geht es deinem lieben Vater? Ich habe ihn vor zwei Wochen besucht. Da ging es ihm mittelprächtig, wenn ich das mal so sagen darf.” “Er ist so wie immer. Geh hin und überzeugt dich selbst! Wer sollte dich daran hindern?”, brumme ich undeutlich. Erstaunt über meine schlechte Laune runzelt er die Stirn. “Hast du irgendwas? Geht es dir nicht gut?” “Wie sollte es mir gut gehen, wenn ich gerade von ihm komme?”, zische ich und mache eine vage Handbewegung. George scheint mir nicht folgen zu

können. “Hat er heute schlechte Laune?”, lacht er kaltherzig.  “Wann hat er die mal nicht?” “Ach komm, Michael, leiste deinem alten Ohm Gesellschaft und gehe mit mir essen!”, schlägt er mir doch allen ernstes vor. “Ja, Michael. Geh mit dem Langweiler essen. Kannst dir ja danach dann das Hirn raus koksen.”, lacht die Stimme in mir. Wütend runzel ich die Stirn. Laut sage ich zu George, “Ich … ich hab zu tun. War nur hier um ihm Bericht zu erstatten.” “Erzähl mir doch davon!” “George, ich muss wirklich

…” “Wenn du jetzt keine Zeit hast, dann heute Abend.” Das war keine Frage, dass war ein Befehl. Die Wut in mir steigert sich unaufhörlich. “Ha ha.”, lacht es in mir. George scheint mein Schweigen als Zustimmung zu werten und sagt, “Dann ist es abgemacht. Heute um 20 Uhr im Club.” Mit dem Club war der Altherrenclub in der Bond Street gemeint in dem er und mein Vater sich regelmäßig seit über 30 Jahren treffen. Da sitzen sie dann zusammen mit anderen halbtoten Herren und trauern der guten alten Zeit nach in

der es noch straffrei war sein Dienstmädchen zu züchtigen oder seine Angestellten mit einem Hungerlohn abzuspeisen.    Da ich eh keine Chance hatte abzusagen und ich endlich hier weg wollte sage ich zu und beeile mich zurück zum Fahrstuhl zu hechten. Im Erdgeschoss angekommen ist die nächstbeste Toilette meine. Ich brauche dringend etwas zum runter kommen.  Mit zitternden Fingern hole ich das silberne Zigarettenetui aus der Innentasche meines Mantels und klappe es auf. Es entgleitet mir und der gesamte Inhalt verteilt sich auf dem

Fliesenboden.  “Scheiße!”, fluche ich laut und gehe auf die Knie um meine sieben Sachen wieder einzusammeln.  “Du bist echt durch den Wind.”, lacht die Stimme. “Schnauze!”, brülle ich.  Endlich habe ich die verdammten Pillen und Kippen eingesammelt und zurück in das Etui gestopft. Anschließend stürze ich in einer der Kabinen und lege es auf den Plastik Toilettendeckel. Die Vorfreude auf die Erlösung oder ist es die Ungeduld, verstärkt das Zittern meiner Hände noch. Dennoch schaffe ich es eine der weißen kleinen Pillen aus der Tüte zu fummeln und sie mir

schwungvoll in den Mund zu werfen. “Mist. Trinken.”, denke ich panisch und merke wie die Cuaalude schon an meinem Gaumen kleben bleibt. “Scheiße.”, fluche ich erneut wie ein Kesselflicker, stopfe das Etui zurück in meine Tasche und stolpere zu den Waschbecken. Mit der hohlen Hand versuche ich mir genug Wasser in den Mund zu schaufeln, dass die verdammte Pille endlich meine Speiseröhre herunter rutscht.   Völlig fertig stütze ich beide Hände auf dem Beckenrand ab und hebe den Kopf.  "Jetzt bist du gleich wieder ganz der Alte.", höhnt die innere Stimme als wir uns im Spiegelbild ansehen. "Na vielen

Dank auch!", fauche ich zurück. “Was bin ich nur für ein abgefucktes Arschloch?” “Wo du recht hast …” “Ach halt doch dein dummes Maul!”, herrsche ich mein Spiegelbild an. Genau in diesem Moment betritt ein Arzt im weißen Kittel den Waschraum. Als er mich sieht und hört das ich mich mit mir selbst streite, drückt er sich mit ängstlichen Gesichtsausdruck rasch an mir vorbei und verschwindet in derselben Kabine in der ich vor ein paar Augenblicken selbst noch war. Eilig mache ich das ich fort komme.

24.

Da mein neues Buch im Londoner Milieu der 60'er Jahre spielen sollte, musste ich zunächst einmal recherchieren. Also machte ich mich direkt nach dem Frühstück auf zu meinem zweitliebsten Ort hier in London, der british Library. Dieses riesige Gebäude lässt das Herz aller bibliophilen höher schlagen. Mit der Circle Line war es nicht weit und als ich an King's Cross aussteige blendet mich die Spätherbstsonne. Der fast Fensterlose Bau versuchte erst gar nicht einladend zu wirken. Dafür waren die Lesesäle riesig und der Geruch in den heiligen Hallen, zumindest waren sie das

für mich, war umwerfend. Ich liebe diese Stille, diese Aura des gesammelten Wissens. Wenn ich daran denke, welche Kostbarkeiten hier lagern, läuft mir ein wohliger Schauder über den Rücken.  Kaum eine Woche nachdem ich hergezogen war, beantragte ich bereits die Mitgliedschaft. Natürlich nahm ich damals auch an einer der Führungen teil in der man die Schätze des Hauses bewundern kann. Jane Austen's und Charles Dickens Handschriften, die erste Folio-Ausgabe von Shakespeare und eine besonders schön illuminierte Ausgabe der vier Evangelien sind nur ein kleiner Teil dessen was man zusehen bekommt.  Ich betrete die riesige Halle. Meine

Absätze klappern laut auf dem anthrazit und weiß gemusterten Fliesen. Vor mir breitet sich die breite Treppe in das obere Stockwerk aus. Mein Weg führt mich zuerst zu den Schließfächern im Untergeschoss. Als ich meinen Rucksack verstaut und auch die Sicherheitsüberprüfung hinter mir habe ziehe ich los in die 1. Etage. Zielstrebig suche ich nach Büchern über das London der 60'er Jahre. Doch ehe ich etwas genaueres finden kann stoße ich auf ein besonders schön gestaltetes Exemplar von Fritzgerald's 'Der große Gatsby'. Dieses Buch hatte mich schon länger gereizt es zu lesen, bisher bin ich aber nie dazu gekommen es zu tun. Ob es an

der Atmosphäre in diesem Gebäude lag oder ich einfach in der Stimmung bin für eine Lügengeschichte, ich weiß es nicht, jedenfalls klemme ich mir das Buch unter den Arm und mache mich auf in das King's Library Café. Ich suche mir einen freien Tisch direkt vor dem riesigen aus dunklem Holz und Glas gefertigten Library Tower und bestelle bei der Bedienung, die kaum das ich Platz genommen hatte einen Cappuchino und ein Stück Schokoladentorte. Immer wieder fasziniert mich der Anblick der Bücher die sich zu tausenden hinter dem Glas neben mir auftürmen auf's neue. Erwartungsvoll schlage ich das Buch auf. ~In meinen jüngeren und verwundbareren

Jahren gab mein Vater mir einen Rat, der mich seitdem nicht  mehr losgelassen hat. “Wann immer du an jemandem etwas auszusetzen hast”, sagte er, “vergiss nicht, dass nicht alle auf dieser Welt einen so leichten Start hatten wie du.” ~ Kurz darauf stellt die Bedienung meine Bestellung vor mir auf den Tisch und wünscht guten Appetit. Dankbar lächelnd sehe ich von dem Buch auf. Lesend, und ab und an einen Schluck oder eine Gabel voll Kuchen nehmend schaffe ich es ohne eine weitere Störung bis ins 3. Kapitel, als mein Handy auf dem Tisch vibriert. Ich kann gar nicht sagen, weshalb ich es nicht mit meinem Mantel und der Tasche im Schliessfach

gelassen hatte wie ich es sonst auch tue. Vielleicht hoffte ich so keine Nachricht von Michael zu verpassen. Sein Name war es auch der nun auf dem Display prangte.    Ich lege das Buch ab und nehme das Handy auf. Aufgeregt tippe ich auf den grünen Hörer und halte mir das Gerät an das Ohr. “Hallo.”, flüstere ich. “Hast du heute Nachmittag schon was vor?”, kommt seine Stimme leise aus dem Gerät. Wie ein Blitz schießt mir der Gedanke natürlich nichts vorzuhaben, wenn er Zeit mit mir verbringen möchte durch den Kopf. “Nichts. Wieso?” “Das ist gut.” Er klingt erleichtert. “Ich

wollte dich zum … Spaziergang einladen.” “Spaziergang?”, wiederhole ich ungläubig. Wer tut so etwas heutzutage noch? Ich. Aber das wissen die wenigsten. Typisch für ihn, dass er meine Vorlieben kennt. “Ja, ich dachte mir, du bist gerade erst hergezogen. Sicherlich kennst du noch nicht jede Ecke.” Lachend erwidere ich, “Du sicherlich auch nicht. London ist riesig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass selbst eingefleischte Londoner jeden Winkel dieser Stadt kennen.” “Du wärst überrascht.”, murmelt er kryptisch. “Aber ich bin gern bereit den

Fremdenführer für dich zu spielen.” Lächelnd denke ich daran, dass er gern sicherlich auch andere Dinge für mich täte. “Okay. Ich lasse mich gern überraschen.”, stimme ich seinem Vorschlag zu. “Wo soll's denn hingehen?” “Überraschung. Nur so viel, es ist einer meiner Lieblingsorte der Stadt.” Ein wohliger Schauder freudiger Erwartung kriecht mir über den Rücken. “Ich hole dich um 14 Uhr ab, ok?” Ich nicke und antworte, “Okay. Bis dahin sollte ich zurück sein.” “Zurück? Bist du gar nicht zu Hause?” “Stell dir vor, ich entdecke auch ohne deine Hilfe schon die Stadt.”, lache ich

frech. “Ich bin an einem meiner Lieblingsorte. In der Bibliothek.” “In der british Library?” “Jaaa.”, lache ich. “Ich bin ganz in der Nähe. Soll ich zu dir kommen?” Überrumpelt runzel ich die Stirn. “Musst … musst du denn nicht arbeiten?” “Nicht, wenn Zeit mit dir dem Gegenüber in der Waagschale steht.”, lacht er. “Ich könnte in zehn Minuten bei dir sein.”  “O-okay.”, stammle ich verwirrt. Es war Freitag Vormittag. Konnte der Verlag an einem Wochentag denn ohne ihn auskommen. Allerdings arbeiten dort sicherlich sehr viele fähige Leute. Genau das sagt er in diesem Moment

auch, ganz so als hätte er meine Bedenken aus meiner Stimme heraus gehört. “Mach dir keinen Kopf. Aber gewöhn dich lieber daran, dass du für mich stets an erster Stelle stehen wirst!”, verkündet er feierlich. Ich habe Probleme den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken ehe ich trivial antworte, “O-okay.”  Lachend fordert er mich auf genau da zu bleiben wo ich bin, im Café nämlich und beendet das Gespräch. Etwas ratlos trinke ich meinen mittlerweile kalt gewordenen Cappuccino aus und nehme das Buch wieder auf. Gatsby veranstaltete eine seiner legendären Partys und Nick Carraway wurde Zeuge

der Dekadenz und des Glanzes die von diesem Mann ausgingen. Später würde er noch erfahren, dass wusste ich bereits, dass er einem Schwindel aufgesessen war. “Kann ich Ihnen noch etwas bringen?” Werde ich von der Bedienung freundlich unterbrochen. Aufgeschreckt tauche ich aus der Geschichte auf. “Ähm, verzeihung. Wie bitte?” “Ich habe gefragt, ob ich Ihnen noch etwas bringen darf.” Die Frau blieb gelassen, sicherlich war sie tief ins Buch versunkene Gäste gewohnt. “Oh ja, ich hätte gern noch einen Kaffee bitte.”, bitte ich freundlich. “Vielen

Dank!” Sie nickt und verschwindet um die Ecke.  Ich sehe auf meine Armbanduhr, jeden Augenblick musste Michael hier sein. Um mich weiter auf die Geschichte einzulassen fehlte mir nun jede Konzentration, also lege ich das Buch zur Seite und beschließe es mir stattdessen auszuleihen und ganz entspannt zu Hause weiter zulesen.  Plötzlich legen sich zwei Hände von hinten um meine Augen und eine sexy Stimme raunt mir ins Ohr, “Wer bin ich?”  Ich tue so als müsse ich ernsthaft über diese Frage nachdenken und antworte schließlich mit gespielter Verzückung,

“Tom Hardy.” Michael gibt mein Gesicht wieder frei und brummt, “Ha ha.” Lache ich ziehe ich ihn zu mir herunter und küsse ihn auf den Mund.   “Stehst du auf Muskelprotze?”, grollt er und nimmt auf dem Stuhl mir gegenüber platz. “Ich stehe auf dich!”, antworte ich ernsthaft. “Aber Tom ist auch nicht zu verachten.” Frech zwinkere ich ihn über den Tisch hinweg an. Grummelnd brummt er etwas unverständliches. Liebevoll greife ich nach seiner Hand auf der Tischplatte und drücke sie leicht. “Entschuldige!”  Feixend hebt er den Blick und lächelt

mich breit an. “Reingefallen.” Entrüstet sehe ich ihn an und hole hörbar nach Luft. “Wie war das?” “Ich kenne dich doch.” Michael sieht mir fest in die Augen. “Ich weiß auf wen du stehst. Du vergisst, dass ich deine DVD Sammlung gesehen habe.” Dieser Blick, diese blauen Augen. Diesem Mann konnte ich nicht lange böse sein.  Noch immer lachend bestellt er bei der Bedienung die mir den zweiten Kaffee serviert ebenfalls einen eigenen. Ihr entrückter Gesichtsausdruck der an ihm klebte entging ihm scheinbar. “Und, verrätst du mir jetzt wo wir spazieren gehen werden?”, wage ich einen neuen Anlauf ihm die Information

zu entlocken. “Nö.” Schweigend sieht er an dem Tower empor. “Und das ist also einer deiner Lieblingsorte?”  Ich nicke. “Ja.” Ich mache eine ausholende Geste. “War doch klar oder, hier gibt's Bücher.” “Sonnenklar.”, grinst er. “Aber die Illusion, dass du hier jedes Buch lesen kannst, muss ich dir leider nehmen. Hier lagern 170 Millionen Bücher.” Mein Herz macht in Anbetracht der Tatsache einen Hüpfer. Die Zahl war mir natürlich schon bekannt, schließlich hatte ich an einer der angebotenen Führungen

teilgenommen.  “So vermessen denke ich nicht.”, entgegne ich lapidar.  Er grinst und fixiert mich mit seinem Blick. “Nein, so bist du nicht.” Nachdem wir unsere Kaffees in Ruhe getrunken haben schlendern wir Hand in Hand zum Schalter an dem man Bücher entleihen kann. Im Untergeschoss gehe ich zielstrebig in Richtung meines Schließfaches. Michael hält mich sanft am Arm fest und murmelt, “Meines ist da hinten.” Er deutet vage in eine bestimmt Richtung. “Treffen wir uns am Eingang?” Ich nicke. Natürlich war er nicht nur im Hemd und Jeans hier hergekommen. Draußen herrschten bereits winterliche

Temperaturen.  Etwas später stehe ich warm eingepackt an der großen gläsernen Eingangstür der Bibliothek und warte auf ihn. Wo bleibt er nur? Es war jetzt bereits 20 Minuten her das wir uns verabschiedet haben. Weitere fünf Minuten später, ich zog gerade in Erwägung ihn am Informationsschalter ausrufen zu lassen, als er atemlos und verschwitzt angelaufen kommt. “Sorry, Süße. Ich … ich hatte ein Problem.” “Geht es dir gut?”, frage ich besorgt und mustere ihn von Kopf bis Fuß.  Michael winkt unbekümmert ab. “Klar doch. Ich hab … wohl was falsches

gegessen.” Erkenntnis erhellt mein Gesicht und ich merke wie meine Ohren warm werden. Ohje, ihm ist unwohl und doch will er mit mir spazieren gehen. Das es so ist zeigt er mir, indem er mich nun bei der Hand nimmt und mich durch die Tür nach draußen zieht. Sofort trifft uns die eiskalte Luft mit voller Wucht. Wie winzige Nadelstiche perforiert sie meine Haut.  Ich mustere Michael mit einem Seitenblick. Er scheint ganz anders zu empfinden, denn er schwitzt noch immer. Den Mantelkragen wie üblich hochgeschlagen, verlieh ihm das einen verwegenen Ausdruck. Der lange

dunkelblaue Belstaff militär Mantel aus groben Tweet stand ihm ungeheuer gut und ließ seine ohnehin schon große Gestalt noch größer wirken. Seine Hand liegt warm in meiner und vermittelt, trotz seines kränklichen Eindrucks ein Gefühl von Sicherheit und Schutz.  Er bemerkt meinen Blick und fragt, “Was ist?” “Nichts.” Ich zucke die Schultern. “Nur, bist du sicher, dass du spazieren gehen möchtest? Du siehst eher so aus, als würdest du eine Wärmflasche und dein Bett brauchen.” Er bleibt stehen, beugt sich zu mir und küsst mich auf die Nasenspitze. “Du bist süß, weißt du

das?” Lachend zieht er mich weiter. “Komm, mein Wagen steht gleich um die Ecke.” Gespannt wohin er mich entführen will rutsche ich auf dem beigen Ledersitz seines Jaguars herum und obwohl ich keine Ahnung habe wo wir uns gerade befanden, sehe ich immer wieder gespannt aus dem Fenster um es herauszubekommen. Die Fahrt dauerte ziemlich lang und führte uns am Hyde Park vorbei, durch Hammersmiths. Immer wieder kam die Themse in Sicht. Irgendwann erreichten wir unser Ziel dann doch und er parkte auf einem Parkplatz an der Petersham

Road. “Wir sind da.”, verkündet er überflüssigerweise. Grinsend und mit vor Aufregung geröteten Wangen strahle ich ihn an ehe ich aussteige. “Okay, und wo genau sind wir?”, frage ich schließlich grinsend.   “Dies, mein Schatz ist Richmond Hill. Einer der schönsten Orte in Großbritannien.”, verkündet er. “Einer meiner Lieblingsorte. Und, was das Beste ist, nicht von Touristen frequentiert. Komm!” Er hält mir seine Hand hin und ich ergreife sie. “Hier finde ich Ruhe wenn mir mal alles zu viel wird.” Gespannt sehe ich mich um. Zu dieser Jahreszeit ist es hier selbstverständlich nicht so schön, es ist alles so farblos.

Aber warte nur, wenn wir im Frühling herkommen.”, grinst er und zieht mich in den Park. Das Gras, einst sicherlich saftig grün lag nun wie von einem feuchten Grauschleier überzogen vor uns.  “Da müssen wir hoch.”, meint er und deutet mit der Hand zur Spitze des Hügels vor uns. “Von dort oben hat man einen fantastischen Blick über das Tal.” Ich sehe ihn an, von dem kränklichen Eindruck war nichts mehr zu sehen. Energiegeladen und mit seinem jugendlichen Charme wirkt Michael stets wie ein englischer Edelmann auf Urlaub. Ich mag seine Art, seinen Witz und sein Aussehen erst recht. Mit ihm würde ich

auch einmal um ganz London spazieren, nur damit ich das Gefühl seiner Hand in meiner nicht missen müsste. “Das Tal?”, hake ich verständnislos nach. So hoch war der Hügel auch wieder nicht, beziehungsweise der Landstrich nicht tief. Michael lacht, “Na ja, das Tal hier eben.” Er macht mit der freien Hand eine allumfassende Bewegung. Und er behielt recht. Als wir der Hügel schließlich erklommen haben, ich etwas aus der Puste und mit Seitenstechen breitet sich das Themsetal zu unseren Füßen vor uns aus.  “Da hinten ist das Wildgehege und der königliche botanische Garten.”, erklärt

er und deutet mit der Hand nach rechts.  “Kew Gardens?” Er nickt. “Im Sommer kann man hier Boote ausleihen und auf der Themse hoch und runter schippern. Enten füttern oder einfach nur faul auf der Wiese liegen und lesen. Was ich persönlich am liebsten tue.” Das konnte ich mir gut vorstellen. “Sehr schön.”, murmle ich beeindruckt.  Wie schön musste dieser Ausblick bei sonnigem Wetter und grünen Bäumen und Pflanzen erst sein.  “Der Tierfilmer David Attenborough hat diesen Ort als mit Abstand den schönsten der Welt beschrieben.”, macht er mir diesen Ort noch

schmackhafter.  “Kann ich verstehen.”, stimme ich ihm zu. “Ich meine, ich kann es mir vorstellen wie es hier im Frühling aussehen muss.” Liebevoll tritt er hinter mich und seine starken Arme umfassen mich von hinten. “Stimmt ja, Frühling, deine Lieblingsjahreszeit.”, haucht er an mein Ohr.  Treffer. Ich liebe den Frühling, wenn alles wieder zu neuem Leben erwacht. Nicht nur die Pflanzen und die Tiere. Nein, auch die Menschen, finde ich finden im Frühling zu neuem Lebensmut und Freude.    “Strawberry Hill ist sehr schön, da

müssen wir auch mal zusammen hin. Und zu Kew Gardens. Außerdem ist der Sonnenuntergang hier einmalig. Einfach wunderschön!”  “Ich freue mich schon darauf.”, seufze ich und kuschel mich an seine warme Brust. Seltsamerweise machte mir in seiner Gegenwart das kalte Wetter nichts mehr aus.  “Du würdest dich in Richmond sehr wohl fühlen.” Ich drehe mich so das ich ihm ins Gesicht sehen kann. “Wieso?” “Hier gibt es eine Deutsche Schule, was zur Folge hat, dass hier auch sehr viele Deutsche wohnen.”, erklärt er

geistesabwesend. “Okay.”, murmle ich. “Ach ich bin sehr zufrieden in meinem Notting Hill.”, urteile ich schließlich. “Ich habe Freunde gefunden und außerdem habe ich mich schon so gut an alles gewöhnt.” “So sehr, dass du dir nichts anderes mehr vorstellen kannst?”, fragt er und es scheint mir, als würde er etwas anderes fragen wollen. Ich zucke die Schultern. “Nicht für immer natürlich. Irgendwann möchte ich dann doch eine …” “Familie?”, vollendet er meinen Satz. Ich nicke. “Genau.”, murmle ich fast tonlos. Schweigend sehen wir uns in die

Augen. Um diese peinliche Stille zu durchbrechen sage ich, “Ich kann mir jedenfalls sehr gut vorstellen hier zu leben. Oder zumindest mit meiner großen Liebe Ruderboot zu fahren oder später mit meinen Kindern auf den Wiesen zu spielen.” Michaels Augen nehmen einen seltsamen Glanz an. “Und … könntest du dir das auch mit mir vorstellen?” “Spielen auf der Wiese?”, ziehe ich ihn mit einem frechen Grinsen auf und ernte dafür von ihm ein Augenrollen. “Scherzkeks.”, raunt er und küsst mich fordernd. “Ich … fragte … ob … du … dir …. so … ein … Leben … mit .... mir

… vorstellen … kannst?”, murmelt er zwischen den Küssen.  Mir stockt der Atem, und das nicht nur wegen der vielen Küsserei. “Michael …”, keuche ich.  Machte er mir hier gerade einen Antrag?  Er löst sich etwas von mir um mich besser ansehen zu können. Ich drehe mich um und frage … “Hast du mir gerade einen Antrag gemacht?”, fragt sie und lässt meinen Blick nicht los. Ich weiß nicht, hatte ich das? Ich wollte es tun. Aber hier, so und heute? Wo wir uns doch gerade erst wiedergefunden

haben. “Michael?”, fragt sie erneut als ich weiterhin schweige.  “Na, was machst du jetzt? Das hast du dir ja was schönes eingebrockt. Hattest du nicht deinem Vater gesagt, dass du warten wolltest?”, kräht die Stimme in mir gehässig.  Innerlich schüttle ich den Kopf um mich aus der Lethargie zu holen und ihr endlich eine Antwort zu geben. “Ich ähm … ja … nein …”  Was tue ich denn da. Kann es so schwer sein meiner Traumfrau meine Liebe zu gestehen und sie um ihre Hand zu bitten?  “Ähm … ich meinte nur, ob du dir

vorstellen könntest, dass irgendwann mit mir zu erleben? Nicht in naher Zukunft natürlich. … Es können ruhig noch ein paar Jahre ins Land ziehen. …”, stammle ich.  “Michael.”, sagt sie und legt mir lächelnd den Zeigefinge auf die Lippen. “Scht.”  Dann küsst sie mich erneut und in meinem Magen breitet sich eine wohlige Wärme aus.  Dieser Kuss war ein Versprechen. Das Versprechen, dass wir zusammen gehören. Und ich war froh, dass sie das Thema damit erfolgreich umschifft hat. Als wir uns schließlich voneinander lösen stehen wir uns  Hand in Hand

gegenüber da und sehen uns in die Augen. Ihr rotes Haar weht seicht im Wind. Ihre blasse Haut ist von der Kälte gerötet und ihre süßen Sommersprossen waren fast verblasst. Zittert sie?  “Frierst du?”, frage ich sanft. Sie nickt und beißt sich auf die blau gefrorenen Lippen.  “Dann komm! Wir gehen uns aufwärmen. Der Biergarten hat schon geschlossen, der wäre auch sicherlich eher ungeeignet um sich aufzuwärmen. Aber unter den Bögen der Richmond Bridge ist ein sehr schönes Café.”, erkläre ich freundlich und lege ihr meinen Arm um die Taille.  Willig lässt sie sich von mir den Hügel abwärts fort

ziehen.  Das Tide Table war ein kleines aber feines Café unter den Bögen der Richmond Brücke. Zu dieser Jahreszeit war die Außenbestuhlung natürlich weggeräumt. Jedoch das gemütliche und vor allem warme Innere war einladend. Wir nehmen an einem der wenigen Tische platz. Thea's Blick fliegt sehnsüchtig zu der Kuchentheke rechts neben uns.  “Ich habe hier schonmal gegessen. Der Kaffee schmeckt gut und die Kuchen sind fantastisch!”, lobe ich die Qualität des Cafés.  Sie nickt. “Okay, dann vertrau ich dir mal.”, lacht sie. “Soll ich uns was holen?” Sie will schon aufstehen, als ich

sie rasch unterbreche und ihr bedeutet sich wieder hinzusetzen. “Das übernehme ich. Was möchtest du außer einem Kaffee zum aufwärmen?” Sie schielt auf die Torten. “Ähm … überrasch mich einfach!”, fordert sie kryptisch. Okay, ein Test. Siegessicher bestelle ich für sie an der Theke ein Stück Apfel-Mandel-Kuchen und ein Plunderteilchen für mich.    Als ich mit beiden Tellern an den Tisch trete sieht sie erwartungsvoll darauf und strahlt. “Apfelkuchen?” Ich nicke. “Lecker!” Zufrieden mit mir selbst setze ich mich

ihr gegenüber und sehe ihr zu wie sie ihre Kuchengabel in dem saftigen Kuchen versenkt. Er schien ihr zu schmecken. “Ich liebe Apfelkuchen!”, verkündet sie kauend. “Der erinnert mich immer an meine Oma.”  “Erzähl mir von ihr!”, fordere ich sie freundlich auf.  “Na ja, Oma Marie lebt Dänemark. Nachdem mein Opa gestorben war zog es sie zurück in ihre alte Heimat.” Ich nicke verständig und höre weiter aufmerksam zu.  “Sie malt gern. Das ist ihr Hobby. Und sie geht ebenfalls gern spazieren.” Ein Zwinkern in meine Richtung. “Sie malt? Richtig professionell?”, hake

ich nach. “Habe ich vielleicht schon mal ein Bild von ihr gesehen?” Thea lacht und schüttelt den Kopf. “Das würde mich wundern, denn eigentlich malt sie eher zu ihrem Vergnügen.” “Okay. Aber vielleicht sehe ich ja doch mal eines Tages eines ihrer Bilder?” Ich fixiere sie mit meinem Blick. “Wenn wir sie gemeinsam besuchen vielleicht?” Würde sie mir in die Falle gehen?  Thea blinzelt und flüstert, “Das wäre sehr schön!” Glücklich macht mein Herz einen Hüpfer. “Na also, die hast du im Sack.”, höre ich die Stimme. “Frag sie doch geradeheraus! Dann könntest du wenigstens mal wieder Dampf ablassen.

Jetzt wo du bei keiner anderen mehr einen hoch bekommst.” Wütend versuche ich die Stimme auszublenden und mich voll und ganz auf Thea zu konzentrieren. Ich durfte mir das mit ihr nicht noch einmal versauen. “Du Thea …”, beginne ich zögernd.  Aufmerksam betrachtet sie mich und wartet ab was ich zu sagen habe. Oder ob sie es bereits ahnt. Sie ist ein schlaues Mädchen, meine Thea!  “Nur weiter!”, schien ihr Gesicht zu sagen. “Thea, ich … ich bin wirklich froh, dass du hier bist! Das ich dich wiedergefunden habe und du mir noch eine Chance geben

willst!”  Ich atme tief durch, nutze die Sekunden um  mich zu sammeln. Ihre kleine Hand legt sich auf meine und ihre blauen Augen sehen mich flehend an, “Genau deswegen wäre ich dir dankbar, wenn du mir noch etwas Zeit geben würdest.” Ich schlucke. Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. “O … okay.”, sage ich stockend. “Michael, sei bitte nicht böse!”, bittet sie leise. “Ich bin wirklich froh, dass ich dich wieder habe! Aber ich lebe mich hier gerade erst ein. Ich … ich will dich zuerst einmal kennenlernen. Ganz von vorn anfangen. Verstehst

du?” Ich nicke stumm. Meine Gedanken schweifen ab. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. “Es liegt nicht an dir.”, sagt sie in diesem Moment, ganz so als hätte sie meine Gedanken und Schuldzuweisungen gehört. “Ich will ehe ich dich heirate, erst wissen was für ein Mensch du bist. Wir haben noch nicht einmal eine Woche am Stück zusammen gelebt. Wer weiß ob dein Geschnarche mir nicht auf die Nerven geht und mich in den Wahnsinn treibt?” Ihr Lachen ist wirklich entwaffnend.  Ich schenke ihr ein ehrliches Lächeln, “Das verstehe ich. Und natürlich

akzeptiere ich deine Entscheidung! Sowas in der Art habe ich auch meinem Vater gesagt.”  “Was?” “Na das ich mir von ihm nicht vorschreiben lassen werde wann und wie ich heirate. Ich habe lange genug nach seiner Pfeife getanzt. Damit ist jetzt Schluss.”  Erschrocken zieht sie die Augenbrauen hoch. “Oh Gott! Ist er etwa gestorben?” Leider nein. “Nein. Aber bei meinem letzten Besuch habe ich ihm mal meine Meinung gegeigt.” Verständnisvoll nickt sie mir zu.

“Verstehe.” “Das war mal dringend nötig. Er geht mir dermaßen auf die Nerven. Und immer wenn es passt schiebt er seine Krankheit als Entschuldigung vor.”, presse ich wütend hervor. Ich merke wie die Wut mich innerlich auffrisst.  “Krebs ist doch aber auch eine schlimme Krankheit. Kannst du nicht wenigstens ein wenig Verständnis für ihn und seine Situation aufbringen?”, fragt sie doch allen Ernstes. Sie kann nur so sprechen, weil sie dem Mann noch nie im Leben begegnet war. Danach wäre ihr Weltbild in den Grundfesten erschüttert.  “Du kennst ihn nicht, also bilde dir bitte keine Meinung!” Das kam härter rüber

als von mir beabsichtigt und erst als die Worte meine Lippen passiert haben, wird mir bewusst, wie sie sie aufnehmen musste. Gespannt sehe ich Thea an und warte auf ihre Reaktion. Sie sitzt da, die Stirn in Falten und mustert mich kritisch. “Ich bin es nicht gewohnt das jemand so über seinen eigenen Vater spricht.”, murmelt sie. “Das ist … ist sehr befremdlich.” “Du weißt eben nicht was für ein Mensch mein Vater ist. Was er getan hat.”, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. “Du hast recht, das weiß ich nicht. Ich gehe prinzipiell immer von meinem Vater aus. Er ist liebevoll und freundlich.”,

erklärt sie mit verklärtem Blick. “Ja, dein Vater ist toll!”, stimme ich ihr brummend zu. “Überhaupt bin ich ein Mensch, der stets unvoreingenommen auf die Leute zugeht. Ich bin ein “Das-Glas-ist-halb-voll-Mensch”.”, lacht sie und strahlt dabei so vor positiver Energie das der Klumpen Eis in meinem Bauch schmilzt. Ich beuge mich über den Tisch hinweg zu ihr und berühre sanft mit meinen Lippen ihre. “Genau das bist du.” Was konnte in seiner Jugend vorgefallen sein, dass er derart verbittert ist? Natürlich kenne ich seinen Vater nicht, dass ist wahr und um sich eine Meinung

über jemanden bilden zu können muss man denjenigen auch wenigstens einmal getroffen haben. Aber kein Vater kann so etwas schlimmes getan haben das der eigene Sohn ihn derart verabscheut. Oder doch? Zumindest in Büchern kommt so etwas immer wieder vor. Besonders in Büchern der so genannten “guten-alten-Zeit” war Misshandlung an Schutzbefohlenen an der Tagesordnung. Ob Michael sich irgendwann öffnen wird und mir sein Geheimnis anvertraut? Das er eines hat liegt für mich klar auf der Hand.

25.

Das war gerade nochmal gut gegangen. Beinahe hätte Thea was spitz gekriegt, zumindest vermute ich das. Wie sie mein verschwitztes Gesicht gemustert und meine aufgekratzte Stimmung mit hochgezogenen Augenbrauen missbilligend hingenommen hat. Gerade noch rechtzeitig bevor wir uns gemeinsam zu unserem Ausflug aufmachen wollten, fiel mir noch ein, einen Stimmungsaufheller vorsorglich ein zu schmeißen. Hätte ich mal lieber nicht machen sollen, so hätte ich es beinahe selbst versaut. Scheiß Quaaludes! Das die einen immer so

überdreht machen. Nachdem ich mich dann aber wieder eingekriegt hatte, war der Ausflug dann doch noch ganz schön gewesen. Ich denke, Richmond hat sie echt beeindruckt. Ein Glück das sie noch verabredet war und ich mich den Rest des Tages um mein verkümmertes Inneres kümmern konnte. Es war höchste Zeit etwas zu verändern! Und es gab meines Erachtens nur einen der mir bei diesem Problem helfen konnte. Kaum habe ich Jack's Nummer gewählt nahm er schon ab. "Was gibt's? Wo muss ich dich diesmal abholen?", scherzt er. "Ha. Ha. Sehr witzig!", kommentiere ich. "Ich bräuchte mal deinen

freundschaftlichen Rat." "Mach's nicht!", entgegnet er ohne die Erörterung meines Problems abzuwarten. "Was?" "Lass es sein! Das ist mein freundschaftlicher Rat.", erklärt er ernst. "Aber du weißt doch gar nicht ..." Er unterbricht mich, "Michael, ich kenne dich gut genug. Da spukt wieder so ein abgedrehter dummer Gedanke in deinem Hirn herum. Entweder hast du von irgendwelchem gepanschten krassen Zeug gehört und willst es unbedingt mal probieren. Oder du bist wieder eine dämliche Wette eingegangen und brauchst mich als deinen Adjutanten. Und ich rate dir: lass es sein!" Das war

ausführlich. Ich schlucke hörbar. "Ähm ..." Jack schweigt. "Das ... eigentlich war es nichts davon." "Echt nicht?", hakte er ungläubig nach. Ich schüttle den Kopf. "Nein. Ich brauche zur Abwechslung wirklich nur mal deinen Rat." "O-k-a-y.", sagt er gedehnt. "Willst du vorbeikommen? Ich arbeite heute von zu Hause aus." "Gern. Danke. Bis gleich.", erwidere ich und lege auf. Fast schon gleichzeitig starte ich den Motor, noch parkte ich bei Thea um die Ecke und mache mich auf den Weg nach Camden Town wo Jack und Julia ein kunterbuntes und nur etwas

heruntergekommenes Häuschen bewohnen. Inmitten der Rushhour fuhr ich mit hunderten anderen Fahrzeugen am St. Mary's Hospital vorbei und passierte das Sherlock Holmes Museum in der Baker Street. Am Regent's Park fand irgendeine Demo statt und zwang mich nur noch in Schrittgeschwindigkeit dahin zu kriechen. Schlussendlich parkte ich fast eine Stunde nach unserem Telefonat vor Jack's Haus im Gloucester Cress. "Hi.", grüße ich als er die Tür öffnet. Ganz typisch für die Tage wenn er von zu Hause aus arbeitet, trägt er heute Jogginghose und T-Shirt. Ein ungewohnter Anblick, wenn man ihn

sonst nur in Anzug und Krawatte kennt. "Hast dir ganz schön Zeit gelassen.", brummt er. "Aber war auch gut so. Ich musste noch die Reportage fertig machen." "Worum geht's?", frage ich und schiebe mich an ihm vorbei ins Innere. Achtlos werfe ich meinen Mantel über die Lehne seines altmodischen Cippendale Sofas. Überhaupt war vieles in diesem Haus altmodisch. Nicht das es mich stören würde, es passt du den beiden und nicht das die Einrichtung der beiden mich überhaupt etwas anginge. Entspannt lasse ich mich darauf fallen. Mein Arm ruht lässig auf der Rückenlehne. Neugierig mustert Jack

mich nachdem er mir gegenüber in dem ebenfalls modisch längst überholten Ohrensessel platz genommen hat. Das Stück war nicht künstlich auf alt getrimmt sondern tatsächlich ein antiquarisches Exemplar. Jack liebt ihn heiß und innig. Der Sessel stand bereits bei seinen Großeltern im Salon. Die Frage ob ich was trinken möchte lässt er bei mir schon seit Jahren bleiben. Ich war hier praktisch schon zu Hause und bediene mich selbst an der Hausbar. "Schieß los! Ich bin ganz Ohr.", fordert er freundlich und presst gespannt die Handflächen unter dem Kinn aneinander. Sofort versteife ich mich. Setze mich

aufrecht hin und beginne zu erzählen, "Ich war vorhin, also eigentlich eben spontan mit Thea aus." Jack's Augenbrauen schnellen hoch. "Und der Verlag?" Was haben nur immer alle mit dem Verlag? Sollte ein solch großes Unternehmen nicht mal einen Tag ohne seinen Chef auskommen. Ich winke ab. "Hab mir spontan frei genommen. Sie ist mir das wert." Er nickt zustimmend. "Und was habt ihr gemacht?" "Das ist es nicht worüber ich mit dir reden muss.", winke ich erneut ab. "Ich hätte es beinahe versaut. Hab mir zur Beruhigung eine Quaalude eingeworfen, aber statt das sie mich runterzubringt,

war ich völlig aufgekratzt.", berichte ich. "Und da hat sie Lunte gerochen?", vollendet er meinen Satz. Ich zucke die Schultern. "Keine Ahnung. Aber ich denke, sie ahnt etwas. Sie hatte mal was mit so nem Typen der sich in ihrer Gegenwart den goldenen Schuss gesetzt hat oder so." "Scheiße!", urteilt Jack vollkommen zu Recht. "Das ist übel." Ich nicke zustimmend. "Ich weiß. Echt krass! Und nun denke ich, sie hat da so ... Antennen für Junkies. Ich will ... nein, ich darf mir das nicht nochmal mit ihr versauen!" Er nickt. "Verstehe. Natürlich nicht. Du weißt was du tun musst?"

Das war keine Frage, dass war der Rat eines Freundes den zu bekommen ich gehofft hatte. Zustimmend nicke ich und setze mich noch etwas aufrechter hin. "Was rätst du mir?" "Entzug.", entgegnet er unmissverständlich. Schweigend wiege ich den Kopf. "Ja ... aber ..." "Entweder du ziehst das für ein paar Wochen durch oder du verlierst sie.", knallt er mir achselzuckend und mit hartem Gesichtsausdruck die schonungslose Wahrheit vor den Latz. "Du hast die

Wahl." "Die hat man wohl immer." "So ist es, mein Bester.", entgegnet er lächelnd. "Und wenn du denkst, es kann nicht schlimmer werden, wird's schlimmer. Und wenn du denkst, es kann nicht besser werden, wird's besser. Du hast es in der Hand." Recht hat er und ebenso Nicholas Sparks der das einst gesagt hat. "Okay, ich such mir einen Platz in so einer Klinik." Ich verfalle in grüblerisches Schweigen, weil ich überhaupt keine Ahnung habe an welche Klinik ich mich wenden muss. Bisher hatte mein Bestreben eher der Frage gegolten wo ich Drogen herbekomme und

nicht der wie ich die Sucht nach denen wieder los werde. "Da kann ich dir helfen.", erklärt mein bester Freund als hätte ich den Gedanken laut ausgesprochen. "Julia hatte für mich schon alles perfekt gemacht. Einen Platz ausgesucht und so." Ich runzle die Stirn. "Ich wusste zwar, dass sie es nicht gut heißt was du so in deiner Freizeit tust, aber das es so ernst ist wusste ich nicht.", wundere ich mich aufrichtig. Jack nickt. "Jup. Sie will unbedingt Kinder und da ich ihr erklärter Lieblingsmensch bin mit dem sie sich diesen Traum erfüllen möchte, muss ich mich wohl fügen. Gewöhn dich dran,

Kumpel. Genau das ist es nämlich was Ehe bedeutet - gegenseitige Rücksichtnahme und zurückstellen der eigenen Bedürfnisse." An seinem verschmitzten Lächeln kann ich ablesen, dass er für Julia nur allzu gern bereit ist diese Pflichten einzugehen. Ob ich in einigen Jahren ebenso über die Ehe mit Thea denken werde? Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln. "Okay, dann rück mal raus mit der Sprache, wo kann ich mich wieder gerade rücken lassen? Und vor allem wie lange dauert sowas?" Er kratzt sich am Kinn, seine Denkerpose, scheint zu überlegen wo er

die Hochglanzprospekt der Klinik hingelegt hatte. Schließlich springt er auf und verlässt den Raum. Abwartend bleibe ich sitzen. Aus dem oberen Stockwerk höre ich ihn auf den alten Dielen herumlaufen. Als er wieder bei mir ist drückt er mir tatsächlich einen aufgefalteten Hochglanzprospekt in die Hand. "Hier. Das solltest selbst du dir leisten können.", nimmt er spielerisch meinen Reichtum auf den Arm. "Die ist gut." "Und warum habe ich dich dann noch nicht dort besuchen dürfen?", frage ich und suche einen Haken bei der Sache. Eigentlich sieht die Klinik im Londoner Norden eher wie das Feriendomizil eines

Earls oder ähnlichem aus und es klingt zumindest sehr arriviert nachdem was sie so von sich schreiben. "Weil ich mich noch nicht dafür habe frei machen können. Die Arbeit, du verstehst. Da kommt gerade so viel rein. Es geschieht so viel. Gerade erst war ich für ein paar Tage in Paris. Da demonstrieren so genannte Gelbwesten. Das ist echt irre! Fast wie während der Revolution damals." Jede Menge Ausreden. Lächelnd nicke ich zu jeder Rechtfertigung die mein Freund vorbringt. "Aber die Klinik ist die Beste!", lobt er abschließend. "Okay. Gut. Ich werde da mal anrufen. Was meinst du, dazu lese ich hier nichts,

wie lange dauert ein solcher Entzug?" Jack zuckt die Schultern. "Ehrlich gesagt, keine Ahnung. So 3 bis vier Wochen denke ich. Je nachdem wie tief man drin steckt." Ich nehme mir einen Moment mir die ganze Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Drei bis vier Wochen. Das würde doch passen. Thea würde ich das als Dienstreise verkaufen. Irgendwo ins Ausland. "Ich geh da hin zieh das durch und kehre als neuer Mann zu ihr zurück.", erkläre ich schließlich laut und klatsche siegesgewiss in die Hände. Skeptisch runzelt mein bester Freund die Stirn. "Ach ja. Und du meinst, das geht so

einfach?" "Das steht doch hier." Ich deute auf den Wisch in meiner Hand. "Ich meinte Thea.", brummt er. Ich schlucke. Das hatte ich nicht bedacht. Sie ist ein schlaues Mädchen. Sicher würde ihr einleuchten, dass eine Dienstreise für gewöhnlich nicht einen Monat dauert. Sie würde Fragen stellen. Vielleicht sogar fragen ob sie mich begleiten kann. Jack, der mein Dilemma zu durchschauen scheint fragt vorsichtig, "Und wenn du ihr einfach reinen Wein einschenkst?" Verächtlich schnaube ich. "Ja klar. Und dann kann ich mich auch gleich von ihr verabschieden. Jack, sie ist in dieser

Sache vorgeprägt durch den Typen damals.", rücke ich ihn ins Bild. "Außerdem möchte ich ihr diese Tatsache gern ersparen. Es ... es ..." "Ist dir zu peinlich, stimmts?" Scheiße, ja. Ich nicke schließlich. "Ja. Scheiße, ja, das ist es. Ich will um alles in der Welt vermeiden, dass sie mich als das sieht was ich tatsächlich bin." "Ein netter Kerl?", schlägt er freundlich vor. "Ein krankes Arschloch.", berichtige ich. "Oh bitte. Reichts nicht langsam mal?", echauffiert er sich, springt auf und wirft die Arme in die Luft um sich die Haare zu raufen. "Dein ganzes Leben schon

jammerst du über dein beschissenes Leben." Erstaunt über seinen Wutausbruch starre ich ihn schweigend an. Bisher war ich davon ausgegangen, dass er mein bester Freund ist. "Aber siehst du denn gar nicht was du alles besitzt? Was gut an dir ist. Was du erreicht hast.", fragt er und sieht mich von oben herab an. Ich sehe zu ihm auf und überlege ob ich ihm endlich mal reinen Wein einschenken sollte. Doch ich war auch gespannt darauf zu erfahren, was seiner Meinung nach in meinem Leben gut sein soll. "Nur weiter!", fordere ich ihn freundlich beherrscht

auf. Er tut es und es sprudelt nur so aus ihm heraus. "Klar, du hattest eine scheiß Kindheit. Deine Mutter hat dich im Stich gelassen. Dein Alter ist ein Arsch. Aber du hattest immer gute treue Freunde um dich herum. Dein ganzes Leben schon. Du siehst sie nur nicht, weil du dich immer nur auf dich selbst  konzentriert hast. Immer hast du nur dich gesehen. Den kleinen misshandelten Jungen der ganz allein auf der Welt ist. Selbstmitleid ist das, sag ich dir. Du bist nicht allein. Wir sind hier, verdammt!", schreit er. Erschrocken zucke ich zusammen. "Wir sind hier. Julia, Cathy, Scott und ich." Er schlägt sich auf die

Brust. "Hier und wir helfen dir." In meinem Hals bildet sich mit jedem Wort von ihm ein dicker Kloß. "Wir sind für dich da. Klar, wir haben dich erst mit dem Mist in zusammengebracht. Damals in der Uni. Aber hey, wir waren jung und dumm." Ein entschuldigendes Grinsen verzieht seinen Mund. "Aber wo die meisten dann irgendwann erwachsen werden und mit dem Blödsinn aufhören haben wir den Absprung nicht geschafft. Nun gut. Selavi. So ist es eben. Du bist und warst stets mein bester Freund. Nicht umsonst warst du mein "Best Man" auf meiner Hochzeit." Ja, ich erinnere mich. Trauzeuge sein,

ein Titel der mir doch auch recht unpassend zu sein schien. "Und ich möchte dich weiterhin an meiner Seite wissen! Vielleicht sogar eines Tages als Taufpate meiner Kinder." Erschrocken starre ich den Verrückten vor mir an. Ich Taufpate. Von einem Kind. Einem lebendigen. "Du brauchst gar nicht so erschrocken zu gucken!", lacht Jack. "Du könntest das und wenn es nach Julia geht, soll es eher früher als später soweit sein. Wir werden ja alle nicht jünger. Aber ich sag dir was, ich habe eine scheiß Angst! Angst ohne den Stoff auszukommen, Angst den Alltag ohne nicht überstehen zu können. Ich bin ein verdammter Feigling. Aber du

bist das nicht. Sieh was du alles erreicht hast! Den College Abschluss mit Auszeichnung in einer der besten Universitäten des Landes. Du leitest einen Millionenschweres Unternehmen." "Na ja, dazu wurde ich schließlich auch geboren.", brumme ich leise dazwischen. Er zuckt die Schultern als wollte er sagen "Na und? Was soll's?". "Deine Angestellten mögen und respektieren und arbeiten gern für dich. Autoren sind glücklich, dass sie mit dir zusammen arbeiten dürfen." "Woher willst du das wissen?", werfe ich ein. "Das weiß ich, mein Bester, weil ich einmal eine Reportage über dein

Unternehmen geschrieben habe. Ich habe recherchiert und Interviews geführt. Das hast du nicht mitbekommen oder?" Erstaunt klappt mir die Kinnlade herunter. Davon wusste ich tatsächlich nichts. "Jedenfalls hast du alles wovon andere nur träumen können. Ein tolles Haus, eine umfangreiche Autosammlung um die ich dich ernsthaft beneide, mehr Geld als du je ausgeben kannst und eine scharfe Freundin. Übrigends wieder ein Mensch, der dich mag. Und bei all diesen guten Attributen kann es dir doch eigentlich herzlich egal sein, was für ein irrsinniges Testament dein Vater aufgesetzt hat. Lass ihn doch. Lebe dein eigenes Leben! Und

wenn er seine Knete irgendwelchen Katzen vermachen will, egal. Der Verlag ist deiner. Das ist doch bereits beschlossene Sache. Und ich sag dir eines, wenn dein Alter erstmal sieht, dass du die Arschbacken zusammen kneifst und das durchziehst, dann wird er schon weich werden." Skeptisch sehe ich ihn an. "Vorausgesetzt natürlich er erlebt das alles noch.", lacht er verschmitzt. "Ich sag dir noch was, du machst jetzt was draus! Das ist jetzt deine Chance, Michael. Nutze sie verdammt nochmal!", schließt er seine Rede und lässt sich ermattet in den Sessel fallen. Ich merke, wie mir warm wird. Er hat

mit allem recht. Ich bin das mit Abstand, unangenehmste, rüdeste, ignoranteste, und alles in Allem wiederlichste Arschloch zu dem zu begegnen jemand das Pech haben kann. Ich bin dem Tugendhaften gegenüber geringschätzig, der Schönheit gegenüber blind und bin verständnislos wenn ich dem Glück gegenüber stehe. Aber ich habe Freunde die zu mir halten und die mich unterstützen. Das habe ich all die Jahre so hingenommen ohne es tatsächlich zu würdigen. Allein die Drogen waren unsere Verbindung, dachte ich. Doch nun sitzt hier vor mir mein bester und ältester Freund und hat mir mal so richtig den Kopf gewaschen. Genau das,

denke ich, habe ich mal gebraucht. Vielleicht braucht er ebenso eine Rede? Aber sicher werde ich nicht derjenige sein der sie hält. Dafür bin ich nicht der Typ. Das können nur die kreativen Freigeister wie Jack. Leise beginne ich zu sprechen, "Du ... du hast recht. Mit allem. Danke, dass du mir so schonungslos die Wahrheit gesagt hast! Genau das habe ich gebraucht." Ich zwinge mich zu einem Grinsen. "Als du mich damals fragtest, ob ich dein "Best Man" sein würde, war ich ehrlich erstaunt. Nie hatte ich angenommen jemandes bester Freund zu sein. Nicht ich." Ich tippe mir gegen die Brust. "Bis ich Thea damals traf hatte ich

angenommen, dass Gefühle, insbesondere die Liebe, allem widersprechen woran ich glaubte. Die reine, kalte Vernunft stellte ich über alles. Das weißt du ja. Kurze Affären, reiner Sex, keine Gefühle. Nur niemanden zu nah an mich heran lassen. Allein ihr hattet dieses Privileg. Und dann traf ich sie. Als Julia und du schließlich geheiratet hattet erklärte ich euch für verrückt. Eine Hochzeit war meines Erachtens nichts weniger als eine Feier alldesses was falsch und trügerisch und irrational und sentimental ist in dieser moralisch angeschlagenen Welt. Ich hielt mich für so viel schlauer, weil ich nicht diesen Weg einzuschlagen gedacht habe. Doch

nun ist alles anders. Ich habe eine Frau gefunden, mit der mir all diese Gedanken plötzlich gar nicht mehr irrational und dumm vorkommen. Ja, sogar wünsche ich mir nun eine Ehe einzugehen. Ich will am Abend nach Hause kommen wo sie auf mich mit einer Umarmung und einen Kuss wartet. Und weißt du was völlig verrückt ist? Jetzt wo du mir von Julias Kinderwunsch berichtet hast, wünsche ich mir das auch. Ist das nicht verrückt?" Er schüttelt amüsiert den Kopf. "Nein, gar nicht." Er holt tief Luft. "Wenn man dein Alter berücksichtigt.", fügt er frech hinzu. Lachend werfe ich eines der bunten

Sofakissen nach ihm. "Aber ist es nicht unglaublich, dass es da tatsächlich eine gibt die mich mag? Und jetzt fang nicht wieder von euch an. Ich bin wirklich glücklich, und kann mich auch als solches schätzen, dass ich euch habe. Wenn ich so darüber nachdenke, wart ihr tatsächlich immer für mich da." "Werd jetzt bloß nicht frech!", lacht er. "Werd ich nicht, keine Sorge. Ich bin echt froh! Und ich verspreche dir, bis zu meinem 45 Geburtstag werde ich clean und verheiratet sein!" Feierlich war ich bei diesen Worten aufgestanden und habe meine rechte Hand auf mein Herz gelegt. Irgendwie war mir danach, den Schwur mit dieser allgemein gültigen Geste zu

bekräftigen. Ebenso feierlich erhebt sich mein bester Freund und salutiert spielerisch. "Gut so! Ich werde dich im Auge behalten." Kaum war ich am Abend wieder zu Hause greife ich zum Laptop und schreibe eine Mail an den Leiter der Entzugsklinik "The Priory" mit der Bitte um Aufnahme sobald wie möglich. Während der Nacht, als der kalte Novemberwind an den großen Fenstern meines Schlafzimmers rüttelte, wälzte ich mich in meinem für mich allein viel zu großem Bett herum und grübelte wie ich meine Abwesenheit Anthea verklickern könnte.

26.

“Thea, Telefon.”, schallt es durch das Haus. Mist! Gerade wo ich so einen guten Lauf habe. “Ich komme.”, schreie ich zur Antwort und hieve mich von meinem Schreibtischstuhl hoch. Wenn das so weitergeht wird das neue Manuskript nie fertig. Am Fuß der Treppe steht Vik und hält unser pinkes schnurloses Haustelefon in die Höhe. “Wer ist es denn?”, frage ich als ich nur noch wenige Treppenstufen von ihr entfernt bin. “Eine Frau van der Woodsen. Aber es ist

nicht deine Mom, sie klingt älter.” Oma. Erfreut nehme ich ihr das Gerät aus der Hand und werfe ihr ein dankbares Lächeln zu. Sie dreht sich um und verschwindet in der Küche. “Hallo Oma?”, rufe ich zeitgleich ins Telefon.  “Hallo, mein Schatz.”, antwortet die ältere Verwandte die sich tatsächlich als meine Großmutter herausstellt. “Ich musst doch mal hören wie es meiner Lieblingsenkelin geht.” “Omi, ich bin doch deine einzige Enkelin.”, erwidere ich grinsend. “Das ist aber schön, dass du anrufst!” Mit wenigen Schritten bin ich zurück in

meinem Zimmer und werfe mich auf das Bett. Wenn meine Oma und ich telefonieren, dann konnte es schon mal länger dauern. Da ist es gut wenn man es bequem hat.  “Wie geht es dir?”, fragt sie. “Super, super gut!”, erwidere ich ungelogen. “Es ist alles bestens. Wirklich!” “Na wenn du so überschwenglich bist, muss es das ja sein.”, lacht Marie-Therese. “Und bei dir? Wie geht es dir? Was macht die Malerei?” “Ach Liebes, mir geht es auch gut. Hier herrscht nur seit einigen Tagen eine eisige Kälte. Schauderhaft. Das ärgert

mich, weil ich gerade dabei war drüben in Drejö zu malen. Ich habe mich bei einer reizenden Dame eingemietet und gerade erst ein paar Tage an dem Bild gearbeitet. Und jetzt ist es derart kalt, dass mir die Hand mit dem Pinsel einfriert.”, berichtet sie.  “Nun ja, wir haben Herbst.”, murmle ich entschuldigend für die Jahreszeiten. “Leg es doch auf Eis und male im Frühjahr weiter.” “Das wäre eine Überlegung wert.”, lacht meine Großmutter. “Und was machst du so den lieben langen Tag?” “Nun ja, ich schreibe. Gerade eben saß ich am Schreibtisch.” “Ohje, und ich unterbreche dich auch

noch.”, jammert sie mit gespielter theatralik.  Ich winke ab. “Alles gut. Ich konnte gerade sowieso eine Pause gebrauchen.”  “Na dann. Und was machst du sonst so? Hast du dich schon eingelebt?” Ich berichte ihr von meinen ersten Wochen in London. Nur das Kapitel Michael lasse ich aus. Solange in dieser Sache noch nichts Spruchreif ist, lasse ich sie im Unklaren.  “Das klingt doch nett!”, urteilt sie freundlich. “Und hast du auch schon Freunde gefunden, ja?” “Oma, ich bin doch keine 10 mehr.”, lache ich und streiche mir eine Locke aus dem

Gesicht.  “Du weißt schon was ich damit meine.” “Ich habe zwei tolle Mitbewohnerinnen! Sie sind sehr nett und haben mich äußerst freundlich in ihrer Mitte aufgenommen. Und darüber hinaus habe ich auch noch andere Leute kennengelernt. Aber am liebsten, und daran hat sich nichts geändert, bin ich mir selbst genug. Orte an denen ich ungestört lesen oder schreiben kann gibt es in London mehr als genug. Du glaubst ja gar nicht wie toll diese Stadt ist!”, beginne ich zu schwärmen.  “Vielleicht doch. Ich war bereits dreimal dort.”, lacht sie.  “Wirklich?”, staune ich. “Das wusste ich

gar nicht.” “Das war vor deiner Zeit. Das ist nun zwar schon einige Zeit her, aber schon damals hatte die Stadt das gewisse Etwas. Aufregend. Ja, ich denke aufregend umschreibt es am besten.”   Da kann ich ihr nur zustimmen.  “Vielleicht magst du mich ja demnächst mal besuchen kommen? London zu Weihnachten ist sicher auch sehr schön!”  “Klingt verlockend. Ich überlege es mir. In Ordnung?” Mein Herz macht einen Hüpfer. Das meine geliebte Großmutter mich hier besuchen kommt, würde mein Glück noch

vervollkommnen.  “Ich würde mich sehr freuen!”, sage ich ehrlich. “Ich könnte dir all meine Lieblingsplätze zeigen.” “Langsam langsam, mein Schatz. Ich melde mich dann. So, jetzt muss ich aber mal Schluss machen. Gerade scheint zur Abwechslung mal die Sonne und ich will noch ein wenig am Strand spazieren gehen. In einer Woche reise ich wieder ab.” “Nach Hause nach Fünen?” “Genau. Auch wenn ich nicht weiter malen kann, so bin ich doch gegenüber meiner Vermieterin hier eine Verpflichtung eingegangen. Und für das Wetter kann sie schließlich nichts.

Zudem ist sie eine äußerst angenehme Gesprächspartnerin.” “Da hast du recht. Dann genieße deine letzten Tage dort noch! Und eine gute Heimreise dann!”, wünsche ich freundlich. “Danke. Bis bald mein Schatz. Ich habe dich lieb!” Damit beenden wir unser Telefonat. Etwas traurig oder wehmütig lehne ich mich auf dem Bett zurück und sehe gedankenverloren hinauf zur Zimmerdecke. Immer wenn wir miteinander telefoniert haben bleibt ein wehmütiges Gefühl in mir zurück. Ich vermisse sie sehr. Seit Opa gestorben und sie zurück in ihre alte Heimat nach

Dänemark gezogen ist noch mehr. Wir sehen uns viel zu selten. Mit ihr und ihrem Sohn, meinem Vater bin ich auf eine ganz besondere weise verbunden. Ich kann es nicht beschreiben. Es ist wie ein unsichtbares Band das uns alles auf dieselbe weise empfinden  lässt.   Meine Mutter, obwohl sie genau das ist, stand immer außerhalb dieses Zirkels. Sie gehörte nie dazu. Das klingt seltsam, aber zu meiner Mutter habe ich mich nie so hingezogen gefühlt wie zu meinem Vater und meiner Großmutter. “Brauchst du das Telefon noch?” Reißt mich Ana's Stimme aus meinen

Grübeleien.  Mühsam rappel ich  mich auf und antworte, “Du kannst es haben. Entschuldige, dass ich es nicht gleich wieder runter gebracht habe!” Sie kommt ins Zimmer und winkt lachend ab. “Quatsch. Kein Problem. Ich kann mich schließlich auch selbst bewegen.” “Das war meine Oma.”, erkläre ich ohne das sie mich danach gefragt hat. Doch sie scheint meine bedrückte Stimmung  zu spüren, setzt sich neben mich auf die Bettkante und fragt freundlich. “Ist alles in Ordnung? Du wirkst so traurig.”   Ich schüttle den Kopf. “Nein, nein, es ist alles gut. Gewöhn dich lieber dran, immer wenn ich mit meiner Oma

telefoniere bin ich danach etwas traurig.” “Warum?”, fragt sie erstaunt und mustert mich aufmerksam.   “Es ist … weil … ach es ist schlichtweg, weil ich sie unendlich doll vermisse!” “Seht ihr euch so selten?” Ich nicke. “Ja, leider. Sie lebt in Dänemark.” “Aber das ist doch nur ein Katzensprung. Besonders in Zeiten der Flugzeuge und Unterwassertunnel.”, lacht sie schelmisch. Ich zucke die Schultern. “Natürlich. Du hast recht. Aber irgendwie klappt es doch nicht öfter als zwei dreimal im Jahr.” “Wie oft telefoniert ihr so?” “Hm. Regelmäßig. Wenigstens einmal im

Monat.” “Das musst du unbedingt ändern! Denn meine Freundin so traurig zu sehen macht mich krank.”, lacht sie und stupst mich sanft in die Seite. “Besuch sie doch mal! Oder sie kommt hierher.” “Genau das, liebste Freundin habe ich ihr eben vorgeschlagen.”, stimme ich in ihr Lachen mit ein. “Sehr gut. Und überaus vernünftig!”, urteilt sie und wirkt dabei wie eine Lehrerin. “Gut, wo das jetzt geklärt ist entführe ich dir mal das Telefon. Ich muss etwas im College klären.” “Kann ich helfen?” Sie schüttelt ihre blonde Mähne. “Nee, alles gut. Es geht nur um eine

Terminabsprache. Aber was anderes, weißt du wo Vik ist?” “Vorhin hat sie mir noch das Telefon gebracht. Ist sie nicht unten?” “Nein. Ich hab sie schon gesucht, weil ich sie wegen der Sache …” Sie deutet auf das Telefon in ihrer Hand. “... fragen wollte, doch ich finde sie nicht.” “Sicher ist sie ausgegangen.” Ahnungslos zucke ich die Schultern. “So wird's sein.”, lacht sie. “Vik muss sich schließlich nicht bei uns abmelden. Ist aber trotzdem seltsam.” Grübelnd verlässt sie mein Zimmer.  Ich setze mich wieder an meinen Laptop und versuche wieder in die Geschichte

einzufinden War das ein beschissener Tag! Erst schneide ich mich heute morgen beim rasieren und blute wie ein Schwein. Dann baut irgendein Trottel einen Auffahrunfall und ich stecke im Stau und komme zu spät zu einem wichtigen Meeting. Was ich mir dafür von meinem Alten anhören kann, ahnt mir jetzt schon. Von wegen Unpünktlichkeit ist eine der Erbsünden oder so ähnlich. Das es Umstände gibt auf die ein Normalsterblicher keinen Einfluss hat, lässt er nicht gelten.  Das Meeting war schlussendlich ein Desaster weil keine Einigung gefunden

werden konnte. Und dann finde ich auch noch diese Mail in meinem Privaten E Mail  Postfach. 'Sehr geehrter Mister Thompson. Für eine Aufnahme ist es noch zu früh. Wir möchten Sie zunächst einmal zu einem unverbindlichen Erstgespräch einladen. Der weitere Verlauf wäre folgender, Sie würden für eine gewisse Zeit zunächst an wöchentlich stattfindenden ambulanten Treffen teilnehmen. Erst zum Schluss werden wir Sie bei uns stationär aufgenommen. Wir hoffen Ihnen mit diesen Informationen zunächst einmal geholfen zu haben und bitten Sie unter unten genannter Telefonnummer einen Termin auszumachen.' Bla bla

bla.   Wie soll einem denn damit geholfen sein? Ich brauche jetzt Hilfe! Ich muss jetzt von der Scheiße los kommen!   Dennoch nehme ich mir vor gleich morgen persönlich dort anzurufen. Sonst erledigt Jane meine gesamte Korrespondenz, doch so weit kommts noch, dass sie das für mich erledigt. Bisher habe ich meine Sucht vor den Angestellten ganz gut verheimlichen können. Und so soll es wenn möglich auch bleiben. Zeit für Entspannung und Runterkommen. Ich bestelle mir was beim Pizza Lieferservice und fläze mich vor den Fernseher. Kaum das ich sitze

springe ich auch wieder auf und beginne unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. “Ich kann nicht einfach nur rumsitzen.”, stöhne ich gelangweilt. “Ich brauche Input.” “Klar brauchst du das. Du weißt, wen du anrufen musst.”, rät mir diese ekelhafte Stimme und klingt dabei vollkommen überzeugend. “NEIN!”, schreie ich. “Du kannst dir ruhig weiter was vormachen, doch dann wirst du heute keine Ruhe mehr finden.” Ich beschließe ihrem Rat weiterhin nicht zu folgen und tigere weiter im Zimmer im Kreis herum.  “Du kannst es nicht. Sieh's doch endlich

ein!” “Nein!” “Bitte. Aber beschwere dich nicht wenn die Albträume heute wieder kommen.” Fast schon kann ich sehen wie sie gelangweilt die Schultern zuckt. “Halt's Maul!”, schreie ich erneut.  Sie schweigt. Aber nur für einen Moment.  In diesem Moment klingelt es an der Haustür. Der Lieferservice. Als ich dem Mann verschwitzt und mit geweiteten Pupillen die Tür öffne zuckt er für einen Moment erschrocken zurück. Fängt sich aber rasch wieder, reicht mir den Karton mit seinem duftendem Inhalt und murmelt etwas wie “Is' schon bezahlt.

Schönen Abend noch.”  Ohne ein Wort gesprochen zu haben schlage ich die Tür wieder zu und gehe den Karton waagerecht vor mir her tragend in die Küche. Ich schneide die Pizza in handliche Stücke und drapiere sie auf einen Teller. Zusammen mit einem Glas Rotwein trage ich diesen ins Wohnzimmer.  Zufrieden, meiner Sucht nicht nachgegangen zu sein beiße ich in das erste Stück Salami Pizza. Leider schmeckt sie wie Pappe, woran sicher nicht der Koch schuld war. Angewidert esse ich auf und spüle immer mal wieder mit dem Rotwein nach. Als ich aufgegessen habe lehne ich mich zurück

um den Film von dem ich bereits die erste Hälfte kaum mitbekommen habe weiter zuschauen.  “Na, befriedigt dich das?” Da ist sie wieder.  Genervt antworte ich im Geiste “Allerdings.”.  “Pha. Wart's ab.” “Michael!” Vaters Stimme hallt durch die alt ehrwürdigen Mauern. Dieses Haus, dieses riesige dunkle, kalte Haus. Ein Schauder überkommt mich. Das Zittern setzt ein. “Michael!”, ruft er nochmal. “Wie lange willst du mich noch warten lassen?” Vorsichtig einen Schritt vor den anderen

machend setze ich mich in Bewegung. Cathy steht im Türrahmen zur Küche. Ein blau weiß kariertes Küchentuch in ihren Händen würgend. “Mein armer kleiner Schatz.” schienen ihre Augen zu sagen.  Traurig, abgrundtief traurig werfe ich einen Blick zu ihr zurück als ich langsam die breiten Stufen in den ersten Stock hinauf steige.  Oben angekommen führen meine Beine mich, auch wenn mein Kopf das eigentlich gar nicht will, ganz von selbst zu Vaters geöffneter Arbeitszimmertür. Was hatte ich nun schon wieder angestellt, dass ich diese Strafe verdient hatte?  “Da bist du ja endlich!”, herrscht er mich

an als ich klein und still im Türrahmen auftauche. “Mach die Tür zu!” Ich folge und nehme schließlich vor seinem Schreibtisch Aufstellung. Vater erhebt sich aus seinem Sessel, kommt um den riesigen Tisch herum und hockt sich auf die Tischkante. Das Holz ächzt unter seinem Gewicht. Mit vor der Brust verschränkten Armen sieht er kritisch schweigend auf mich herunter.  “Du weißt warum du hier bist?”, fragt er kalt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er nicht diesen Moment meint.  Zögerlich nicke ich.  “Gut.”, quittiert er mein devotes Verhalten mit einem Nicken. “Du weißt, dass du niemals jemanden von unserem

Geheimnis erzählen darfst?” Wieder nicke ich und sehe dabei auf meine Schuhspitzen. “Sieh mich gefälligst an wenn ich mit dir rede!”, schreit er. Mein kleiner dummer Körper zuckt zusammen, auch wenn er diese Ausbrüche schon längst gewöhnt war. Seit Mommy mich vor zwei Jahren verlassen hatte kamen die immer öfter vor.       Und niemand hilft mir. Nicht George der regelmäßig zu besuch kommt, oder Vaters andere Freunde. Selbst Cathy nicht, obwohl sie ganz bestimmt meine Schreie hören kann. In diesem Moment beginnt Vater sein

Hemd aufzuknöpfen. Die Seide seines Hemdes knistert leise. Den Blick stets auf mir ruhen lassend, damit ich ihm nicht entwischen kann. Wie hätte ich das auch können. Ich bin klein und schwach. Zögerlich und unendlich langsam ziehe ich mich ebenfalls aus. “NEIN!” Den Schrei noch auf den Lippen, das Haar nass geschwitzt in der Stirn kleben und mit hämmernden Herzen fahre ich im Bett hoch.  Es war nur ein Traum. Gott sei dank! Oder nicht? Ich will das nicht mehr! Ich will, dass das verdammt nochmal aufhört!   Wie von der Tarantel gestochen springe ich aus dem Bett, renne hinüber in mein

Badezimmer wo die Wäsche des gestrigen Tages noch unordentlich verteilt liegt. Nach kurzem suchen finde ich das gesuchte. Mit zitternden Fingern krame ich eine Pille aus dem Etui. Die letzte die noch da war. Ich brauche dringend Nachschub. Nein! Das brauche ich nicht. Was ich wirklich brauche ist Hilfe. Ohne nachzudenken werfe ich sie mir in den Mund. Das winzige Oval auf der Zunge balancieren renne ich zurück zum Bett wo auf dem Nachttisch ein Glas Wasser steht. Etwas zu hastig nehme ich einen Schluck und verschlucke mich prompt. Doch die Tablette landet da wo sie hingehört. Nein, tut sie nicht.

Richtiger wäre es gewesen wenn ich sie nicht genommen hätte. Ich weiß das, doch ich kann nicht. Kann diese Träume nicht mehr ertragen. In letzter Zeit kommen sie jede Nacht. Wenn das so weiter geht werde ich noch verrückt. Da die Nacht sowieso versaut war kann ich auch gleich aufbleiben. Einem Zombie nicht ganz unähnlich tappe ich hinunter ins Wohnzimmer und setze mich zu meinem Laptop auf die Couch. Ohne darüber nachzudenken öffne ich mein Mailpostfach.  Zufrieden lehne ich mich in meinem Sessel zurück. Das wäre geschafft. Ganze

zwei Kapitel habe ich heute geschafft. Das darf ruhig gefeiert werden. Mittlerweile war es draußen dunkel und ein Blick auf die Uhr an meiner Wand bestätigt, dass es Zeit zum Abendessen ist.  “Ana, Vik.”, rufe ich laut und stehe auf um sie suchen zu gehen.  In der Küche ist schon mal niemand. Im Wohnzimmer ebenso nicht. Wo stecken die beiden denn nur? “Ana?”, schreie ich laut.  “Hier.”, kommt es gedämpft von irgendwo aus dem Haus.  Ich mache mich auf zur Quelle. Im Badezimmer finde ich sie unter einem Berg von Schaum. “Sorry, hast du mich

gesucht? Ich war gerade auf Tauchstation.”, lacht sie als ich den Kopf zur Tür herein strecke.  “Kein Problem. Hast du dein Problem mit der Uni lösen können?”, frage ich freundlich.  Sie nickt und pustet einen Schwall Schaum von ihrer Hand.  “Ich will gleich Sushi bestellen und wollte fragen, ob ihr auch etwas möchtet?” “Sushi? Super!”, freut sie sich mit leuchtenden Augen. “Ich liebe Sushi!” “Ich auch.”, lache ich. “Also was darf ich für dich mitbestellen? Und wo steckt Viktoria?” Sie zuckt die nackten Schultern. “Keine

Ahnung. Ich habe sie vorhin nicht finden können. An ihr Handy geht sie auch nicht.” Das wäre meine nächste Frage gewesen. “Macht sie das öfters?”, frage ich neugierig.  Nun schüttelt sie den Kopf. “Eigentlich nicht. Vik ist sonst sehr zuverlässig  und sie gibt bescheid wenn sie weg bleibt.” “Na ja, sie ist ein großes Mädchen. Vielleicht ist ihr was dazwischen gekommen?”, versuche ich sie zu erklären. “Oder jemand.” Ana zwinkert mir schelmisch zu.  “Was?” “Na, ob nicht vielleicht jemand ihr

zwischen die Beine gekommen ist.”  Darüber müssen wir beide lachen.  “Klar, sicherlich hat Nicolas spontan Zeit gehabt.” Ich schlage mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Nicolas nahm in Viktorias Lebens so eine Art Gottgleiche Stellung ein. Wenn er für sie ein paar Stunden seiner kostbaren Zeit opfert, dann lässt sie alles stehen und liegen. “Gut, dann wissen wir ja jetzt auch weshalb sie nicht an ihr Handy geht.”, urteile ich grinsend. “Jup. Bleibt mehr Sushi für uns.” Ich nicke. “Genau. Dann bade du mal noch schön und ich bestelle derweilen.” Damit lasse ich sie wieder

allein. “Guten Tag, Mister Thompson. Hayward hier. Priory Kliniken.”, grüßt ein mir unbekannter Mann als ich verschlafen an mein Handy gegangen war. Das Klingeln hat mich aus dem Schlaf gerissen und ich war dermaßen schnell hochgeschreckt, dass ich vom Sofa gerollt und hart auf dem Parkett aufgeschlagen war. Warum habe ich auf dem Sofa geschlafen? Doch eine Sekunde später war ich wieder im Bilde, als dieser Hayward erklärt, dass ich wohl ein besonders dringender Fall zu sein scheine. “Ihre nächtliche Mail klang äußerst dringend. Und Sie haben

immer diese Albträume?” “Ähm … ja. Fast täglich.”, murmle ich und fahre mir mit der Hand durch das Haar.  “In Ordnung.”, murmelt der Klinikleiter.  Ich finde zwar nicht das das in Ordnung ist, aber was weiß ich schon? “Und in solchen Situationen wie Sie sie mir in Ihrer Mail beschrieben haben greifen Sie zur Droge? Was nehmen Sie?” “Alles. Einfach verdammt nochmal alles.” Ein leises erstauntes Pfeifen kommt durch die Leitung.  “Ich … ich bin nicht stolz darauf und ich will ... ich muss endlich damit aufhören!

Aber ich weiß nicht … mir fehlt die Kraft ... “ Ich breche ab. Verzweifelt merke ich wie mir der Blick verschleiert. “Ich … ich kann nicht mehr.” Dieser Satz, den ich mir stets in meinem Leben selbst verboten habe, sagt alles was ich fühle. Ich kann nicht mehr.  “Ja, das schrieben Sie bereits. Und genau das ist es was mich aufhorchen lässt. Sie, Mister Thompson sind gefährdet.” Worin ich gefährdet war ließ er offen. Ich konnte es mir auch so denken was er meinte. Selbstmord. “Ich sag Ihnen was. Kommen Sie noch diese Woche. Ich werde heute versuchen für Sie einen Platz frei zu machen. Wir sind nämlich zur Zeit stark ausgelastet.

Ich werde Ihnen schreiben sobald ich etwas genaueres weiß. In Ordnung?” Ich nicke und stöhne ein “Ja. Danke.”. So verbleiben wir und legen auf. Gut, jetzt wurde es also ernst. Ich befolge den Rat meiner Freunde und begebe mich in Behandlung. Für Thea und unsere gemeinsame Zukunft. Langsam hieve ich mich hoch und schleppe mich ins Badezimmer im ersten Stock. Eine eiskalte Dusche war genau das was ich jetzt brauche. Das und Zähneputzen. “Oh mein Gott!”, stöhne ich als ich mein verkatertes Spiegelbild betrachte. “Das ist übel.” “Ich finde du siehst aus wie immer.”, urteilt das Arschloch in

mir.  “Pha von wegen. Man bin ich froh dich irgendwann nicht mehr hören zu müssen!”, stöhne ich und raufe mir das etwas zu lang gewordene Haar. “Träum weiter, Kumpel. Das wird nie geschehen.”, lacht er. 

27.

Ich schrecke aus dem Schlaf. War das die Haustür? Schlaftrunken tappe ich in den erleuchteten Flur hinaus. Unten am Fuß der Treppe torkelt jemand von einer Wand zur anderen. Viktoria. Ich höre sie kichern. Ist sie betrunken? “Vik?”, rufe ich leise um Anastasia nicht zu wecken. Viktoria klammert sich an das Treppengeländer und sieht breit grinsend zu mir herauf. “T-thea.”, jubelt sie laut. “Da bi-bist du jaaa.” “Scht. Leise!”, bedeute ich ihr und gestikuliere ihr doch leiser zu sein. Eilig steige ich die Stufen zu ihr

hinunter. “Was denn? Sei nicht so eine Spaßbremse!”, lacht sie und tippt mir mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze.“ Hast du Lust noch mit mir anzustoßen?”, lallt sie.   Ehe sie mich wieder anstupsen kann halte ich ihre Hand fest und sehe ihr fest in die Augen. Ihre Pupillen sind geweitet und ihr Atem stinkt als hätte sie sich einmal quer durch die gesamte Getränkekarte des Star's getrunken. Die letzten Stunden musste sie in einer Bar verbracht haben. “Ehrlich gesagt, nein. Und du hattest offensichtlich auch genug.”, murmle ich und versuche sie sanft aber bestimmt in das obere

Stockwerk zu schieben. Doch sie dreht sich geschickt aus meiner Berührung und geht geradewegs in die Küche. Ich folge ihr und sehe zu wie sie sich aus dem Kühlschrank die Milch holt und einen kräftigen Schluck direkt aus der Packung nimmt. Angewidert wende ich den Blick ab. Ich würde morgen früh ganz sicher eine neue öffnen.  “Wo warst du denn?”, frage ich weil ich das Gefühl habe, dass eine gute Freundin diese Frage stellen sollte. “Wir haben uns Gedanken gemacht.” Das war ja nur halb gelogen. “Feiern.”, lallt sie knapp.  Das sehe ich. “War's wenigstens schön?”, frage ich genervt. Würde das immer so

sein, dass wenn sie feiern geht, hier mitten in der Nacht sturzbesoffen herein gepoltert kommt. “Kann sein. Ich weiß es nicht.” Was bitte sollte das jetzt wieder heißen? “Was? Kannst du dich denn nicht erinnern?”, frage ich fassungslos. Das war ja schlimmer als ich dachte. War sie derart betrunken, dass sich sich an die letzten Stunden nicht erinnern konnte? Vik zuckt lässig mit den Schultern. “Ich glaube ja.”, gibt sie schließlich murmelnd zu. Für einen Moment legt sich ein Schleier über ihren Blick, doch dann ist es auch schon wieder vorüber.   “Also wenn du jetzt nichts mehr mit mir trinken willst, geh ich eben ins Bett.”,

verkündet sie trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Plötzlich schien in ihr eine Veränderung vorzugehen. “Mach das!”, stimme ich verdutzt zu.  Vik knallt die Milchpackung auf den Küchentresen und marschiert an mir vorbei zur Tür heraus. Ihre Absätze poltern laut auf der Treppe. Hoffentlich würde sie nicht auch noch Ana wecken. Beim Frühstück zu dem sie erst um 11 Uhr in der Küche erscheint, ist sie wieder ganz die Alte. Ana und ich sitzen am Tisch und lassen uns bereits unsere frisch gekochten Spinat Ravioli schmecken, als sie hereingeschlurft kommt und sich ihre Schlafbrille weiter hinauf auf die Locken schiebt. „Hey

Leute.“, grüßt sie fröhlich.  “Hey Süße.”, ruft Ana zwischen zwei Bissen. “Wo warst du denn gestern? Wir haben dich beim Sushi essen vermisst.” Vik dreht sich zu uns um und zögert. “Ähm … ehrlich? Keine Ahnung.” Ana macht ein verwundertes Gesicht. “Wie bitte?”  Vik zuckt die Schultern, dreht sich wieder um und reißt schwungvoll den Kühlschrank auf. Ehe sie beginnt sich selbst etwas zu kochen eröffne ich ihr “Es sind noch Ravioli da. Wenn du möchtest?” Über die Schulter ruft sie “Nö danke. Mir steht der Sinn nach Fleisch.” Ich ziehe die Augenbraue hoch. Ich hatte

geglaubt sie sei Vegetarierin. Bisher hatte ich sie keinen Bissen Fleisch essen sehen. “Ist alles in Ordnung?”, fragt nun auch Ana der die Veränderung ebenfalls aufgefallen war. Nun dreht sie sich doch um und antwortet “Klar doch. Aber gestern war Nic mit mir essen und da habe ich von seinem Steak gekostet.” Unser entsetzter Gesichtsausdruck schien sie sehr zu amüsieren. “Das war echt lecker!”  “O-k-a-y.”, meint Ana und schüttelt kaum merklich den Kopf. Ich widme mich wieder meinen Ravioli und beobachte Vik aus dem Augenwinkel. Schwungvoll kippt sie einen Schwall Öl

in eine Pfanne und schmeißt gleich darauf mehrere Scheiben Bacon hinterher. Während sie darauf wartet, dass das Ganze zu brutzeln anfängt summt sie leise vor sich hin. Kurz darauf zischt das Öl und ein köstlicher Duft wabert durch den Raum.  Mit einem Mal schmecken mir die Ravioli nicht mehr. Nun hatte ich ebenfalls Appetit auf etwas fleischiges. Ana rümpft die Nase. Entgegen Vik mag sie weiterhin kein Fleisch. Nur bei Sushi macht sie wohl eine Ausnahme. “Ich muss noch einen Text lernen.”, verkündet sie daher und steht auf um ihren leer gegessenen Teller in die Spülmaschine zu

räumen. “Ist gut.”, entgegne ich und lächle ihr zu ehe sie den Raum verlässt.  “Hat sie was?”, fragt Vik und sieht Ana's Rückseite nach. “Nö.”, murmle ich. “Hm.” Nachdem Viktoria sich zu mir gesetzt und ein paar Bissen von ihrem Rührei genommen hat frage ich “Mit Nicolas warst du also gestern aus?” “Ja, wieso?” “Na, weil du gestern Nacht nicht mehr wusstest wo du gewesen bist.” “Wirklich? Seltsam.”, entgegnet sie lapidar. “Ja. Vik, ist wirklich alles in

Ordnung?” Genervt verdreht sie die Augen und kaut schweigend weiter. “Ich mache mir Sorgen. Und Ana auch.” “Mensch, es ist alles okay. Ich hab nur zu viel getrunken gestern.”, entgegnet sie schnippisch.  “Ist ja gut.”, beschwichtige ich sie. “Ich meine ja nur, wenn etwas ist, kannst du jederzeit zu mir kommen.” “Gut zu wissen.”, brummt sie kauend. “Mister Thompson.” Grüßend ergreife ich die angebotene Hand um sie zu schütteln. “Mister Hayward.”, murmle

ich. “Setzen Sie sich!” Ich folge und nehme in einem der beiden tiefen Ledersessel vor seinem Schreibtisch platz. “Also dann, erzählen Sie mal! Wie geht es Ihnen heute?”  Wie soll's mir schon gehen? Beschissen.  “Ähm … nicht so gut.”, gebe ich zerknirscht zu. “Nun gut. Ich werde Ihnen dann mal erläutern wie unser weiteres Vorgehen ist.”, eröffnet er mir.  Aufmerksam lauschend sehe ich ihn an. “Also, als erstes werden Sie sich mit einem unserer Therapeuten unterhalten. Dann ist da natürlich auch noch die

ärztliche Untersuchung. Und je nachdem was diese ergibt, werden wir Sie entweder sofort oder nach ein paar ambulanten Terminen stationär aufnehmen.” Das ist doch genau das was er mir bereits in einer Mail geschrieben hatte. Ich brauche aber jetzt und sofort Hilfe. Genau das sage ich ihm jetzt auch. “Das geht so nicht! " " Nicht? ", fragt er erstaunt. Heftig schüttle ich den Kopf. "Ich … ich kann nicht mehr. Ich brauche sofort Hilfe. Es ist sozusagen überlebenswichtig, verstehen Sie?”  “Um ehrlich zu sein, nein. Bisher haben Sie ihr Leben doch auch so ganz gut

gemeistert. Ich habe Erkundigungen eingeholt.”, entgegnet er scheinbar gelangweilt. Sprachlos klappt mir die Kinnlade herunter. “Aber … aber ich … nein, es geht nicht mehr. Mein Vater … der verlangt von mir, dass ich eine Therapie mache. Sonst enterbt er mich.”, jammere ich und gestikuliere wild in der Luft herum. “Ach so ist das?” “Ja.”, fahre ich ihn an.  “Sie haben also Angst nichts von dem Vermögen Ihres Vaters abzubekommen?” “Ja … ähm … nein. Er … er stirbt bald … hoffentlich … wenn ich Glück habe.” Erstaunt zieht mein Gegenüber die Stirn

kraus.   “Er hat Krebs im Endstadium. Und er verlangt das ich heirate … sonst … sonst erbe ich nichts. Das ist mir aber egal.” “Aber natürlich ist es das.”, erwidert er und legt die Handflächen unter dem Kinn aneinander. Seine braunen Augen ruhen unablässig auf mir. “Doch wirklich. Es geht um sie … Thea. Also Anthea. Meine … meine Freundin. Sie … ich … wir sind gerade erst zusammen gekommen. Ich … ich darf es mir nicht verscherzen. Nicht nochmal. Ich will für sie aufhören.”, stammle ich. Was bin ich nur für ein armseliges Würstchen. “Nein. Das ist auch nicht die richtige

Motivation.”, entgegnet er kühl und besieht sich seine Fingernägel. “Doch … doch natürlich ist das ein guter Grund. Ein verdammt guter sogar. Ich muss damit endlich aufhören! Es macht mich kaputt. Sie macht mich kaputt.” “Wer?” “Die Stimme.” Ich schlage mir mit der flachen Hand seitlich gegen meinen Kopf. “Sie hören Stimmen?” Ich schüttle den Kopf. “Nein. Nur die eine. Und sie macht mich … WAHNSINNIG!”, schreie ich und raufe mir das Haar. Ungerührt sieht er mich weiter an.  “Verstehen Sie was ich sage?”, keuche

ich atemlos. “Natürlich.” Er schweigt. “Ich muss endlich damit aufhören. Ich kann nicht mehr. Ich … ich kann nicht mehr.” Verzweifelt schlage ich die Hände vor das Gesicht. Tränen rinnen zwischen meinen Fingern hindurch und tropfen auf meine Beine. Und wie als wäre es mein Mantra wiederhole ich immer wieder den Satz "Ich kann nicht mehr.". Hayward lässt einige Minuten  verstreichen ehe er antwortet “Ich verstehe Sie. Und ich sage Ihnen, kommen Sie morgen wieder und bringen Sie Kleidung und was Sie sonst noch so für zwei Wochen benötigen mit!” Ich glaube mich verhört zu haben, hebe

den Kopf und sehe den Mann durch den Tränenschleier hindurch an. “Wie bitte?” “Ich denke, Sie haben schon verstanden. Ich habe Sie einschätzen und herausfinden wollen wie ernst es Ihnen mit einem Entzug ist.” “Hä?” “Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es bei Ihnen fünf vor 12 ist. Sie brauchen Hilfe.” Bei diesen Worten war er aufgestanden und zu mir um den Tisch herum gekommen. Freundlich legt er mir seine Hand auf die Schulter. "Kommen Sie!" Schwankend komme ich auf die Beine. Dann geleitet er mich aus dem Büro. “W-wohin gehen wir?”, frage ich

verwundert. Kommt jetzt die Stelle wo ich in eine Zwangsjacke gesteckt oder an eine Barre geschallt werde? Hastig, damit niemand meine Tränen sieht wische ich mir mit dem Ärmel über das Gesicht. “Sie haben jetzt ihr Erstgespräch bei Doktor Clarke.” “Ach wirklich?”, frage ich verwundert. “So schnell?” “Ja, so schnell. So, da wären wir.” Er klopft an eine unscheinbare dunkle Mahagonitür und öffnet sie ohne ein “Herein” abzuwarten. “Doktor Clarke, ich bringe Ihnen Mister Thompson.” Damit schiebt er mich etwas vor sich dem Arzt entgegen. Ist der überhaupt ein

richtiger Arzt? Man sagt doch Seelenklempner seien gar keine richtigen Ärzte. “Aber natürlich. Willkommen, Mister Thompson.” Erkenntnis erhellt das Gesicht des angesprochenen. Er erhebt sich Doktor Clarke von seinem Stuhl und kommt auf uns zu. Freundlich reicht er mir die Hand.  Verwirrt schüttle ich sie.  “Gut. Ich lasse Sie dann mal allein. Bitte kommen Sie im Anschluss noch einmal in mein Büro!” Damit lässt Hayward mich mit ihm allein. Etwas unschlüssig stehe ich im Raum und weiß nicht recht was ich nun tun soll. Der Doktor nimmt mir die Entscheidung

ab indem er mir freundlich anbietet es mir auf einem der Sessel rechts neben uns bequem zu machen. Ich nicke und gehe hinüber zu dem rechten und setze mich. “Interessant.”, murmelt der Mediziner und lässt sich mir gegenüber in dem zweiten Sessel nieder. “Was?”, frage ich verwundert. “Sie haben den rechten Sessel gewählt.”, erwidert er kryptisch. “Ja und?” “Das sagt mir, dass Sie eine starke Persönlichkeit haben, Michael. Ich darf Sie doch Michael nennen? Natürlich nur wenn wir hier unter uns sind.”, beeilt er sich

hinzuzufügen. Ich nicke stumm. “Gut.” Er lehnt sich zurück. “Dann bin ich jetzt mal gespannt Ihre Lebensgeschichte zu hören.” “Wie? Jetzt sofort?” Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. Er nickt und legt die Hände gefaltet in den Schoss. “Schießen Sie los!” “Wirklich? Wo soll ich denn … anfangen?” “Am besten an der Stelle, von der Sie glauben, dass es der entscheidende Punkt war, der Auslöser, weswegen Sie mit den Drogen angefangen haben!”    Ach du scheiße! Nein!  Heftig schüttel ich den Kopf. “Das …

das geht nicht.” Ich kann doch einem Wildfremden nicht diese Story auftischen. Clarke lächelt leicht. Sicher kennt er diese Abwehrhaltung bereits von anderen Patienten. “Lassen Sie sich Zeit!”, murmelt er freundlich. “Nur so viel, um so besser Sie mitarbeiten, um so schneller erzielen wir Erfolge.” Aufmerksam mustere ich sein Gesicht. Kann ich diesem Mann vertrauen? Was ich zu sagen habe ist starker Tobak. Nicht das er mich für einen Psycho hält und einweisen lässt.  Er sagt noch immer nichts. Sieht mich nur abwartend an. Der meint das echt

ernst. Verzweifelt ringe ich mit mir selbst. Er will mir helfen. “Helfen? Der will das wir getrennt werden.”, schreit die Stimme.  “Ja, genau. Das will ich auch verdammt nochmal!”, murmle ich. Clarke's Stirn kraust sich. Eine kleine steile Falte bildet sich zwischen seinen Augen.   “Wie kannst du sowas wollen? Wir hatten immer soviel Spaß zusammen.” “Von wegen. Hau ab!”, zische ich mit zusammengepressten Zähnen. Meine Hände krampfen sich in die Armlehnen bis das weiße hervortritt. Jede Regung meinerseits wird vom

Doktor registriert.    “Du musst ihm doch nicht alles sagen.” , jammert die Stimme jetzt. “Doch!” Ich hole tief Luft und beginne zu erzählen. Während meines Berichts weiten sich die Augen den Doktors dann und wann, ab und an macht er sich in einem Notizbuch ein paar Notizen. Ich erzähle ihm viel, aber nicht was Vater mir seit dem Verschwinden meiner Mutter in hübscher Regelmäßigkeit angetan hat. Das war mir dann doch zu viel Ehrlichkeit für unser erstes Date.  “Na toll. Danke auch.”, bedankt sich die Stimme als ich geendet habe. “Bist du jetzt zufrieden. Der denkt jetzt du bist

ein Freak und gehörst in die Klapsmühle.”  “Schnauze!”, denke ich oder habe ich es laut gesagt. “Das war schon einmal sehr gut!”, lobt der Arzt als sei ich ein kleiner Junge der vor der gesamten Klasse flüssig ein Gedicht rezitiert hat.  “Ach war es das?”, hake ich erstaunt nach. “Ja. ich konnte mir einen kleinen Einblick in Ihr Innerstes machen. Natürlich haben Sie mir nur die halbe Geschichte erzählt, das ist mir klar. Aber wir werden in der nächsten Zeit noch genug Zeit haben um das aufzuarbeiten.” Ich nicke

stumm.  Er steht auf und ich mache es ihm nach. “War’s das schon?” Lachend legt er Mann den Kopf in den Nacken. “Nein, Michael. Das war erst der Anfang.” Anschließend gab mir Hayward in seinem Büro noch den fertig ausgestellten Behandlungsvertrag den ich nur noch zu unterzeichnen brauchte. Den Scheck für meine Behandlung nahm er selbstverständlich auch gern entgegen. Und der hatte es in sich. Ich weiß nicht mehr wann ich das letzte mal etwas so kostspieliges für mich selbst ausgegeben habe. Aber ich sehe es als gute

Investition in meine Zukunft. Eine gemeinsame Zukunft mit Thea. Nur erfahren durfte sie hiervon natürlich nichts. Daher brannten mir noch einige Fragen unter den Nägeln. “Ich wollte noch fragen, wie … wie lange wird das Ganze in etwa dauern?” “Nun, das kommt natürlich auf Ihre Mitarbeit und Ihre Konstitution an. Aber für gewöhnlich erzielen wir bereits nach zwei bis drei Wochen erste Erfolge.” Ich nicke zufrieden. “Gut. Und ich … ich stehe gewissermaßen … ab und an in der Öffentlichkeit. Darf ich ... kann ich mit Ihrer Verschwiegenheit rechnen?” Auf keinen Fall konnte ich gebrauchen, dass Thea etwas hiervon in einem

Klatschmagazin liest. Nicht das ich sie jemals solch ein Blatt habe lesen sehen. Aber man weiß ja nie. Ehrlich entrüstet antwortet er “Selbstverständlich! Wir beherbergen öfter Personen des öffentlichen Lebens unter unserem Dach …” Das klingt, als würde er ein Hotel leiten. “Und noch nie sind sensible Informationen nach außen getragen worden.”, verspricht er ernsthaft. “Okay. Das ist beruhigend. Wissen Sie, die Öffentlichkeit darf auf keinen Fall etwas davon mitbekommen. Das Geschäft … Sie verstehen.” Er verstand. Zufrieden mit mir fahre ich etwas später

in meinem eigenen Wagen nach Hause. Wenn ich wieder käme, würde ich das mit einem Taxi tun.  Vier Wochen. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein die mit einer Ausrede (das Wort Lüge nutze ich ungern im Zusammenhang mit Thea) zu überbrücken. Konnte ich Thea vorgaukeln ich müsse auf Geschäftsreise? Irgendwo im Ausland. Aber vier Wochen. Sicher würde sie den Braten riechen. Mich vielleicht sogar begleiten wollen. Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. “Thea, Telefon.” Schallt es zum zweiten

Mal in drei Tagen durch das Haus.  Ich laufe so schnell ich kann ins Wohnzimmer, wo Ana mit dem Telefon neben sich auf dem Sofa wartet. “Hier, jemand der deine Großmutter kennt glaube ich.”, verkündet sie und reicht mir das Gerät. “Hä?”, mache ich und lasse mich neben ihr auf das Sofa fallen. Lauter sage ich ins Telefon “Hallo, Anthea van der Woodsen am Apparat.” “Guten Tag, entgegnet jemand auf englisch. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ebenfalls englisch gesprochen habe. “Mein Name ist Carstensen. Ich bin die Vermieterin Ihrer Großmutter. ” Mit einem Mal legt Ana mir ihre Hand

auf den Unterarm. Sie ist eiskalt. “Ihr ist etwas passiert.”, keucht sie leise. Sofort kriecht mir eine Gänsehaut das Rückgrad herauf. Erstaunt starre ich meine Freundin an. Im selben Moment sagt Frau Carstensen “Ihre Großmutter hatte einen Unfall.” Oh mein Gott! Entsetzt schlage ich die Hand vor den Mund. Augenblicklich schießen mir Tränen in die Augen. “Nein!”, keuche ich. “Was?”, fragt Ana besorgt. Ihre Hand streichelt sanft meinen nackten Unterarm.  “Was … was ist geschehen?”, frage ich leise und wappne mich für das

schlimmste.  “Nein nein, seien Sie unbesorgt.”, bittet die Dänin. Das kommt ein wenig spät. Ich bin schon in heller Aufregung. “Es geht ihr den Umständen entsprechend gut.” Okay. Aber was hat meine Oma denn? “O-k-a-y.”, sage ich gedehnt. “Was ist denn geschehen?” “Ihre Großmutter war am Strand spazieren, da hat ein Hund …” Oh Gott! Ein Hund hat sie zerfleischt. Wie sollte es ihr denn da den Umständen entsprechend gut gehen?  “Thea, was ist los? Du bist ja blass wie eine Kalkwand.”, flüstert Ana besorgt. Ich ignoriere

sie.  “... sie angesprungen und sie hat sich in der Leine verheddert.”, berichtet Frau Carstensen weiter.  “Was?”, frage ich verwirrt. “Sie hat sich den Knöchel gebrochen.”, beendet die Frau ihren Bericht.   “Den Knöchel gebrochen?”, wiederhole ich. “Ja genau. Und jetzt kann sie nicht mehr laufen. Eigentlich wollte sie demnächst ja abreisen …” “Ja, ich erinnere mich.” “Ja und nun muss sie bleiben. Sie darf nicht reisen. Mit dem Gips wäre das im Moment nicht zu schaffen. Und ich denke, die Ärzte haben da was

gegen.” “Ist es denn ein solch komplizierter Bruch?”, will ich wissen. “Sie hat sich was gebrochen?”, fragt Ana die wenigstens diese Information heraus hat hören können. Ich sehe sie an und nicke stumm. “Und warum ruft sie mich nicht selbst an?”, frage ich die Frau am Telefon. “Ja also, dass ist, weil sie es nicht kann.” Warum druckst sie so herum? “Warum nicht?” “Weil sie noch operiert wird.” “Verstehe.” “Aber nicht am Knöchel. Diese OP hat schon stattgefunden.” Misstrauisch ziehe ich die Stirn kraus.

Was verschweigt die Frau mir? “Da ist noch mehr. Ich spüre es durch dich.”, murmelt Ana und legt mir ihre kalte Handfläche an die Stirn. “Sie wird operiert. Das Herz.”, flüstert sie mit geschlossenen Augen nur Augenblicke später. Ich wiederhole verächtlich “Am Herzen?” “Ja, genau.”, schaltet sich Frau Carstensen ein, die geglaubt haben muss das ich mit ihr gesprochen habe. “Was?” Ein spitzer Schrei kommt über meine Lippen. “Wieso Herz?” “Sie hatte einen Herzinfarkt.”, mutmaßt Anastasia. “Sie hatte einen Herzinfarkt.” , bestätigt

Carstensen. “Vielleicht die Aufregung? Jedenfalls kollabierte ihr Herz während der OP am Knöchel.” Fassungslos lasse ich das Telefon in meinen Schoß sinken.  “Thea?” Liebevoll legt Ana einen Arm um mich und nimmt mir sanft das Telefon aus der Hand. Leise spricht sie nun hinein. Erklärt der Fremden wer sie ist und lässt sich alles weitere erklären. “Ist gut. Sie wird in den nächsten zwei Tagen eintreffen.”, erklärt sie. “Es wäre prima, wenn Sie dann bei Ihnen in der Pension … Ja? Das ist sehr freundlich! Vielen Dank, Mrs. Carstensen!”  Kraftlos und außer stande irgendetwas zu tun sehe ich ihr dabei zu wie sie meine

Angelegenheit regelt.  “Wir verbleiben also so? Gut. Auf wiederhören.” Damit legt sie auf und legt das Gerät neben sich auf das Polster.  “Komm mal her, Süße!” Liebevoll zieht sie mich in eine Umarmung. “Das tut mir so leid! Aber du musst dir keine allzu großen Sorgen machen! Heutzutage ist eine solche Operation doch ein Klacks.” Ich nicke abwesend. “Ich habe mit ihr abgemacht, dass du hinfährst.” Ich nicke erneut. “Ist das wirklich Okay?” Ich nicke. “Thea, wenn du nicht langsam ein Wort sagst, rufe ich einen Arzt. Du scheinst ja

richtig unter Schock zu stehen.”  Das trifft es in etwa. Dennoch schüttle ich den Kopf. “Nicht nötig.”, schniefe ich. “Geht schon. Es ist … ist nur … ich liebe sie so! Sie zu verlieren, würde ich nicht überstehen.” “Hey, so schlimm ist es doch gar nicht. Ich glaube diese Frau Carstensen ist eine ältere Dame und die neigen nicht selten dazu etwas über zu dramatisieren. Ich kenne das, Schauspieler neigen im übrigen auch ab und an dazu. Ich sage nur Dramaqueen.” Lachend drückt sie mich an sich. “Komm! Atme jetzt mal tief durch und anschließend buchen wir dir einen Flug.” So machen wir es. Ana schafft es sogar

mit ihrer ruhigen Art mich zu beruhigen und sie schafft es das ich rational an die Sache heran gehen kann.  Ich buche mir für morgen Abend einen Flug ab Heathrow. Von Copenhagen würde ich mit einem Taxi zu Frau Carstensen's Pension fahren. Das war es mir wert.  “Komm, ich helfe dir beim packen. Du bist ja so durch den Wind. Nicht das du am Ende nur T-Shirts einpackst. Ziemlich unpassend, jetzt wo es langsam Winter wird.”, zieht mich meine Freundin auf.   Gemeinsam verschwinden wir nach oben in meinem Zimmer im zweiten Stock.  Von Viktoria war heute wieder einmal nichts zu

sehen. “Michael, ich muss dir was sagen.” Oh oh. Das klingt ernst. Sofort stellen sich die feinen Härchen auf meinen Armen auf. Was war so ernst, dass sie in diesem Tonfall mit mir spricht? “Wir können uns in der nächsten Zeit nicht treffen.”, verkündet sie prompt. Scheiße! Ich wusste es. Verzweifelt fahre ich mir mit der Hand durch die Haare. Wie hatte ich es jetzt wieder geschafft es zu verbocken? “Aber … aber warum denn nicht?” Sofort nimmt meine Stimme diesen jämmerlichen Tonfall an und Tränen

fluten meine Augen. Scheiße! “Was habe ich …” Sie unterbricht mich indem sie sagt “Ich muss verreisen. Für eine Weile.” “Was?”, keuche ich. Zieht sie wieder weg? Gefällt ihr London doch nicht so gut wie ich angenommen hatte?   “Meine Oma. Sie hatte einen Unfall.” “Das tut mir leid!”, spule ich automatisch Beileidsbekundungen ab. “Danke. Aber so schlimm ist es nicht. Sie hatte einen Herzinfarkt. Ich muss zu ihr. Sie hat sonst niemanden.” Stimmt ja, Oma Marie-Therese, Dänin, die nach dem Tod ihres Mannes zurück in die alte Heimat gezogen war. Rufe ich alle Informationen die ich über sie

gespeichert habe aus meinem Gedächtnis ab.  “... war gerade im Urlaub.”, erzählt Thea weiter.  Mich zur Aufmerksamkeit zwingend höre ich ihr wieder zu. “Okay. Und jetzt fährst du zu ihr weil …” “Weil ich ihr helfen muss. Meine Eltern können nicht. Das Weihnachtsgeschäft steht vor der Tür.” “Verstehe.” “Ich werde in derselben Pension wie meine Oma wohnen. Sie liegt ja auch noch eine Zeit lang in der Klinik.” “Hm. Und wie lange denkst du dauert es? Ich meine bis du wieder hier bist?”, frage ich nicht ganz ohne

Hintergedanken. Denn schließlich ist Thea mein Rettungsanker. Mit ihr in meiner Nähe bin ich ruhiger. Die Sicherheit sie jederzeit besuchen zu können, wenn es zu schlimm wird ist äußerst beruhigend.  “Hm, ich denke, vier Wochen werde ich schon fort sein.” Sie klingt traurig. Sicher würde sie mich ebenfalls vermissen. Moment mal, vier Wochen?  “Aber es gibt ja Skype.”, murmelt sie mit erzwungener Heiterkeit. Ich erkenne es genau wenn sie traurig ist. Dafür muss ich ihr nicht erst gegenüberstehen.  Vier Wochen ist sie weg. Vier Wochen werde ich wohl brauchen. Nein, darf es

nur dauern. In dieser Zeit muss ich es eben hinbekommen. Wenn das mal keine Motivation ist? “Michael?”, fragt sie plötzlich. “Ja.”  “Hörst du mir zu? Was hälts du davon wenn wir jeden Abend skypen?” Mit mir in der Anstaltskleidung? Nein. Dennoch erwidere ich fröhlich plaudernd “Ja klar. Sehr gern! So kann ich dich wenigstens einmal am Tag sehen.”  “Schön.”, murmelt sie und schweigt. “Eine Frage nach dem Gesundheitszustand ihrer Großmutter wäre jetzt mal angepasst, Kumpel.” Das einzig sinnvolle was diese verfickte Stimme in meinem Kopf bisher von sich

gegeben hat. “Wie … wie geht's deiner Granny?”, frage ich also eine Spur zu fröhlich. Sie holt scharf Luft. “Es geht ihr den Umständen entsprechend. Sie erholt sich jetzt von den beiden Operationen. Liegt wohl auf der Intensivstation.” Ich nicke und bin schon wieder in Gedanken ganz woanders. Das muss gefeiert werden. Das Schicksal ist doch keine solche Bitch wie ich bisher immer angenommen habe. Ich habe doch auch mal Glück. “Yeah, feiern wir das. Ein letztes Mal die Kante geben.”, jubiliert die Stimme in

mir.     “Schnauze!” “Michael!”, ruft Thea entsetzt.  Scheiße! “Scheiße! Nicht du. Entschuldige!” “Hast du Besuch?”, fragt sie jetzt. “Nein.”, schreie ich fast ins Handy. “Hm.”, brummt sie. Sie glaubt mir nicht. Hoffentlich zieht sie keine falschen Schlüsse. “Es ist doch alles in Ordnung?”, hakt sie misstrauisch nach.  “Klaro.”, flöte ich. “Alles bestens.” Thea zieht scharf die Luft ein.  Schnell beeile ich mich zu sagen “Obwohl … ich bin natürlich äußerst erschüttert wegen der Sache mit deiner Granny. Auch wenn ich

sie nicht kannte … ähm ich meine kenne.”  “Michael!” Ihre Stimme klingt erstickt.  “Sorry.” flüstere ich. “Sorry, sorry, sorry.” “Schon gut.” Ihre Stimme ist nur noch ein Hauch ihrer selbst.  “Gerade nochmal die Kurve gekriegt.”, lacht mich die verfickte Stimme aus.  Ich knalle mir vor Wut das Handy gegen die Stirn.  “Sorry, Süße. Ich stehe heute irgendwie neben mir. Habe Antibiotika eingeworfen … zusammen mit Whiskey. War wohl keine so gute Idee.”, lüge ich mich aus der Situation heraus. “Das war absolut keine gute Idee.”,

verurteilt sie mich.  “Hm. Siehst du, sowas passiert wenn du nicht bei mir bist.” Mit Schmeicheleien habe ich bisher jede rum bekommen. “Ja … aber das geht jetzt leider nicht. Ich fliege morgen Abend.”, erklärt sie ruhig. Mittlerweile klingt sie müde.  “Natürlich. Ich verspreche dir, mich zu benehmen und keinen Blödsinn während deiner Abwesenheit zu machen!” Fast hätte ich zum Schwur meine Hand auf mein Herz gelegt.  Lachend erwidert sie “Gut. Ich nehme dich beim Wort. Ich werde dich beobachten.” “Wie das?” stimme ich in ihr Lachen

ein.  “Ich werde täglich das Internet nach Einträgen über dich durchforsten. Und ich sage dir, mein Lieber, die kleinste Verfehlung und ich bekomme sie mit.” Diese Drohung kann ich getrost weg lachen, denn ich weiß ganz genau, dass es ihr verhasst ist Klatschseiten zu lesen. Und sie hatte bisher noch nie meinen Namen gegoogelt. Irgendwann hat sie mir mal gesagt, dass sie das nie tun würde.  “Okay. Ich benehme mich.”, verspreche ich feierlich.  “Gut.”, lacht sie. Dann folgt peinliches Schweigen. Irgendwie scheinen wir beide nicht zu wissen was wir noch sagen

sollen.  Schließlich setze ich an und sage “Okay. Dann wünsche ich dir für morgen eine gute Reise. Pass gut auf dich auf! Und vor allem Gute Besserung an deine Großmutter!” “Danke.”, murmelt sie.  “Bitte.”, erwidere ich tonlos. Schweigen. “Also …”, murmle ich erneut. “Ich liebe dich!”, kommt es wie aus der Pistole geschossen. “Ich liebe dich!”, antworte ich überrumpelt ebenso schnell zurück. “Ich liebe dich wirklich, Michael!”, bekräftigt sie ihre Worte.  “Und ich ebenso, Darling!” Das ich

meine Worte ernst meine würde ich ihr jetzt nur allzu gern beweisen indem ich sie in meine Arme schließe. Doch das geht nicht.  “Ich weiß.”, flüstert sie. Schweigen. “Blöde Situation.”, urteilt die Stimme. Hastig wäge ich die Möglichkeiten ab. Schließlich sage ich “Ich bin in dreißig Minuten da.”  “Was?”, keucht sie. Doch da habe ich schon beinahe aufgelegt.

28.

Tatsächlich klingelte fast genau auf die Minute dreißig Minuten später mein Handy erneut. “Hi.”, flöte ich als ich ran gehe. “Ich steh vor deinem Haus. Vielleicht willst du mich ja heimlich herein holen?” “Was?”, lache ich verwundert. ”Klingel doch einfach!”    “Bist du sicher? Ich meine, deine Mitbewohnerinnen … Die werden sich doch sicher ihre Gedanken machen.” “Ja und? Du bist mein Freund und kommst mich besuchen.”, erwidere ich leichthin. “Was sollte daran jemand anstößig finden? Außerdem kann ich dich

beruhigen, in meinem Mietvertrag steht nichts davon das ich kein Herrenbesuch empfangen darf.” Ziehe ich ihn spaßeshalber auf. “Gut.”, lacht er. “Auf deine Verantwortung. Aber wehe ich habe keine Zeit allein mit dir, nur weil deine Mitbewohnerinnen mich mit ihren neugierigen Fragen löchern.” “Ich versprech's dir.” Damit lege ich auf und laufe hinaus in den Flur. In diesem Moment klingelt es an der Haustür. Eilig springe ich die Stufen hinunter. Doch Ana, die der Haustür am nächsten war kam aus der Küche und hat schon die Hand auf der Klinke. “Oh hallo.”, kommt es erstickt aus ihrem Mund als sie den

ersten Blick auf Michael wirft. Ihr Blick wandert von seinen Schuhen bis hinauf zu seinen atemberaubenden Augen.  “Hi. Ist Thea da?”, fragt er lässig als wüsste er es nicht ganz genau das ich hinter Ana stehe und den beiden grinsend zuschaue. “Ähm … klar doch. Komm rein!”, haucht Ana. Die taffe Ana sprachlos zu sehen kommt tatsächlich selten vor.   Michael schiebt sich in dem engen Flur an ihr vorbei ins Innere. Dabei streift sein Arm flüchtig den ihren. Als ich diese zufällige Berührung registriere verspüre ich einen Stich. War das Eifersucht?   “Ah da bist du ja, Schatz.”, ruft Michael

erfreut als er mich auf den unteren Stufen der Treppe stehen sieht.  “Ja. Hi.”, flöte ich und falle ihr überschwänglich in die Arme. Überrascht fängt er mich auf und schließt mich in seine Arme. “Ich hab dich vermisst.”, flüstere ich ihm ins Ohr. Er küsst mich zur Antwort auf die Nasenspitze.  Mit einem mal wird mir bewusst, dass Ana uns amüsiert zusieht und wir uns äußerst unhöflich ihr gegenüber benehmen. “Oh entschuldige bitte! Anastasia, das ist Michael, mein Freund. Michael, dies ist Ana meine Mitbewohnerin und gute Freundin.”,

mache ich die beiden miteinander bekannt. Höflich geben sie sich die Hand. “Freut mich!”, raunt Michael und sieht ihr in die Augen. Wieder krampft mein Herz für den Bruchteil einer Sekunde.  “Und mich erst.”, haucht sie offensichtlich entzückt.  “Ähm ja, wollen wir dann mal …”, werfe ich ein und deute mit dem Daumen die Treppe hinauf. “Sicher.”, murmelt Michael, greift sich meine Hand und geht derart selbstsicher die Treppe hinauf als wäre er hier zu Hause. Kaum hat sich die Zimmertür hinter uns geschlossen fallen wir wie zwei wilde

ausgehungerte Tiere übereinander her.   “Ich habe dich so vermisst!”, raunt er zwischen den Küssen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht die letzten Stunden meint. “Ich dich auch. Komm her!” Einnehmend greife ich ihm ins Haar und ziehe seinen Kopf zu mir herunter. Er legt  mir seinen Arm um die Taille, zieht mich so nah an sich, dass ich seine pulsierende Erektion durch den Stoff seiner Hose deutlich spüren kann.   “Ich bin so froh ...!” Worüber genau er froh war, ließ er offen, denn ich verschloss seinen schönen Mund schnell mit meinem. Jetzt war nicht die Zeit zu reden. Ich will ihn spüren. Jetzt sofort

und in jeder erdenklichen Art und weise wenn es sein muss. Ich würde für ihn alles tun. Das war mir inzwischen klar geworden. “Oh Thea.”, keucht er und löst sich aus meiner Umklammerung. “Bist du sicher?” Ich nicke so heftig, dass mein Kinn auf die Brust knallt.  Unsicher sieht er mir in die Augen. “Ich bin sicher! Los!”, befehle ich und klinge dabei fordernder als beabsichtigt.  Er zieht mich wieder an sich, greift in mein Haar und biegt meinen Kopf leicht nach hinten, so dass meine Kehle frei vor ihm liegt. Sanfte Küsse auf all die zarten Hautpartien verteilend entlockt er mir wohlige

Seufzer.  Meine Hände beginnen sich zu verselbstständigen. Ich streife ihm seinen Mantel ab, der mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fällt. Mit zitternden Fingern öffne ich anschließend einen Knopf nach dem nächsten an seinem engen violetten Hemd. Als ich Probleme habe seine Manschettenknöpfe zu öffnen hilft er mir eilig. Kaum geschafft zerrt er es sich eilig aus dem Hosenbund, streift es sich ab und wirft es achtlos auf den Boden. Sein Körper ist noch genauso schön wie damals. Sehnsüchtig beiße ich mir auf die Unterlippe. Und streiche vorsichtig mit den Fingerspitzen über seine Haut

über dem Hosenbund. Er registriert dies mit einem dunklen Knurren was tief aus seiner Kehle zu kommen scheint. Mit feuchten Händen beginne ich mich an dem Reißverschluss seiner Hose zu schaffen zu machen. Doch er hält meine Hand fest und schüttelt kaum merklich den Kopf. “Erst habe ich noch was wieder gut zu machen.”, murmelt er kryptisch.  Er stößt sich von der Tür ab, hebt mich hoch, die eine Hand in meinem Haar vergraben die andere unter meinem Hintern. Ich presse mich an ihn und war mir jedes Zentimeters seines unglaublich heißen, harten Körpers bewusst. Er drückt seine Lippe auf meine. Ich

erwidere seinen Kuss als wollte ich ihn bei lebendigem Leibe verschlingen. Meine Haut war mit einem mal unheimlich sensibel, und meine Brüste schwer und empfindlich. Ich fühle Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen. Ich merke kaum, dass wir uns bewegen und dann lande ich auch schon mit dem Rücken auf dem Bett. Automatisch öffnen sich meine Beine um ihn zwischen mich zu lassen.  Während er sich mit dem linken Arm abstützt, lässt er seine rechte Hand besitzergreifend von meiner Kniekehle den Oberschenkel hinauf gleiten.  War es Vorsehung das ich heute einen Mini Rock

trage?  Als die Spitze meines Höschen zu sehen ist, keucht er. “Du bist wunderschön, Thea!” “Und du erstmal.”, erwidere ich lächelnd und strahle ihn an.  Er reißt seinen Blick von meinen Augen los und betrachtet wieder meine Beine. Er schiebt den Rock etwas hoch und das bisschen Stoff meines Höschens kommt vollends zum Vorschein. Er schiebt es beiseite, so dass ich von der Taille abwärts entblößt war. “Verdammt, Thea …”  Der tiefe, primitive Klang seiner Stimme ließ mich erschaudern. Seine Hand gleitet an meinem Oberschenkel hinauf bis zu

meiner feuchten Spalte. Willig lasse ich meine Beine weit auseinanderfallen. Vorsichtig schiebt er einen Finger in mich hinein. Ich schließe die Augen, um alles um mich herum zu vergessen. Ich wollte mich nur noch auf das Gefühl das er mir bereitet konzentrieren. “Du bist so eng.”, raunt er dunkel. Michael zieht den Finger heraus und lässt ihn behutsam wieder in mich hineingleiten. Ungeduldig strecke ich mich ihm entgegen und spanne alle Muskeln an. “Und so gierig.”, lacht er leise.  Nun bewegt er zwei Finger in mir und ich kann ein verzückten Stöhnen nicht

unterdrücken. Hemmungslos lasse ich die Hüften um seine Finger kreisen, die er immer heftiger in mich hineinstößt, und ich habe das Gefühl gleich zu explodieren wenn ich nicht bald kommen würde. “Noch nicht.”, murmelt er und zieht die Finger wieder heraus. Ich könnte wahnsinnig werden. Warum hörte er auf? Ich verzehre mich danach ihn zu spüren. Auch Michael atmet heftig, sein Brustkorb hebt und senkt sich in schnellen Bewegungen. Sein schönes Gesicht war erhitzt vor Erregung, vor Lust auf mich. Obwohl ich nicht anderes getan habe, als mich ihm hemmungslos

auszuliefern. “Bitte, Michael mach weiter!”, bettel ich. “Womit?” “Damit.” Doch er schüttelt den Kopf. “Du bist noch nicht so weit.” Was? Ich war soweit. Viel schärfer konnte ich schon gar nicht mehr werden.  “Bitte.”, bettel ich erneut und packe seine Haare und versuche ihn herauf zuziehen. Doch er schüttelt nur grinsend den Kopf. Für einen Moment betrachtet er meinen heißen zuckenden Körper unter ihm. Vorsichtig, als wäre ich zerbrechlich fahren seine Hände über meinen Körper.

Ganz nebenbei entkleidet er mich. Zieht meinen Rock und den Slip herunter und rollt langsam mein Shirt über meinen bebenden Bauch bis hinauf zu meinem Kinn hinauf. Ich helfe ihm indem ich den Kopf leicht anhebe damit er es mir ausziehen kann. Nun liege ich ganz nackt unter ihm und bin deutlich im Nachteil, denn er war noch immer zur Hälfte bekleidet. Mit einem wölfischen Grinsen auf den Lippen rutscht tiefer hinab und umkreist meinen Nabel mit der Zungenspitze. Fast von allein greife ich wieder nach seinem Haar. Michael packt meine Handgelenke und drückt sie auf die Matratze. “Ich will mich bei dir entschuldigen, Thea. Lässt du das mich

bitte mun?”, flüstert er und sieht mir tief in die Augen.  Schweigend nicke ich.  “Braves Mädchen. Dann lass ich jetzt los und du lässt deine Hände genau da liegen!”  Damit erregte er mich noch mehr, und ich erschaudere am ganzen Körper.  Jetzt rückte er noch etwas weiter runter und vergräbt sein Gesicht in meiner Vulva. Von einer Welle plötzlicher Schauder erfüllt, beginne ich zu zucken. Er beißt mir sanft in die Innenseite eines Schenkels. “Bleibst du jetzt still liegen?”   Ich versprach es keuchend.  Leise seufzend taucht er erneut zwischen

meine Beine. Er leckt und knabbert an meinen Schamlippen und dann stößt er mit der Zunge in mich hinein. Begierig wanden sich meine Hüften, mein Körper bettelte nach mehr. Es fühlte sich so gut an, dass ich hätte weinen können. “Davon habe ich geträumt.”, raunt er dumpf an meiner Haut. “So … lange … geträumt.” Er lässt seine samtig weiche Zunge über meine geschwollene Klit schnellen, und ich presse meinen Kopf in das Kissen. “Oh ja … bitte! Mach weiter!” Und er tat es. Abwechselnd saugt er sanft und leckt hart bis der Orgasmus meinen Körper durchfährt udn ich mich aufbäume, sich alles in mir zusammen

zieht und meine Glieder zu zittern beginnen. Dann fährt er mir mit der Zunge in meine zuckende Vagina, deren Muskeln sie umschließen und tiefer hineinzuziehen suchen. Ich fühle wie sein Stöhnen sich in Schwingungen durch meine Möse ausbreitet und die Wellen meinen Orgasmus weiter antreiben. Heiße Tränen der Lust laufen mir über die Wangen. Doch Michael hört nicht auf. Mit der Zungenspitze umkreist er die bebende Öffnung und reizt meine Klit, bis er mein Verlangen von Neuem geweckt hat.  Ohne Vorwarnung dringen zwei Finger erneut in mich ein, kreisen und stoßen abwechselnd. Völlig überreizt, versuche

ich mich zu wehren. Doch er ignoriert es und beginnt rhythmisch an meiner Klitoris zu saugen, bis ich wieder kam und heiser aufschreie.  Mit einem Grinsen auf den feuchten Lippen taucht er zwischen meinen Beinen wieder auf und murmelt, “Jetzt bist du soweit. Jetzt fick ich dich.” “Ich kann nicht mehr.”, keuche ich und schüttle den Kopf. “Doch, du kannst.” Er küsst mich. “Es macht mich so an zu sehen, wie du kommst, Thea, wie du stöhnst und schreist und dein Körper zittert …” Da verlässt mich Michaels Gewicht und seine Wärme. In fernen Regionen meiner benommenen Sinne höre ich wie er sich

die Hose herunter zieht und das zerreißen von Folie. Dann bewegt sich die Matratze wieder und Michael kehr zu mir zurück. Fast unsanft schiebt er mich in die Mitte des Bettes. Er streckt sich auf mir aus, stützt seine Ellbogen links und rechts neben meine Oberarme und presst sie seitlich an meinen Brustkorb. Unentrinnbar hält er mich gefangen. Fasziniert betrachte ich ihn. Sein ernstes, schönes Gesicht fesselt meinen Blick. Seine Züge erscheinen mir geschärft vor Lust, über seinen Wangenknochen und dem Kinn spannt sich die Haut. Die Pupillen sind geweitet und schimmern in einem blau das ich vorher noch nie an ihm gesehen

hatte.  “Fick mich!”, kommt es plötzlich aus meinem Mund.  Erstaunt über meine vulgäre Ausdrucksweise reißt er die Augen auf.   Mein herausfordernder Blick lässt ihn aktiv werden.  “Thea.” Heiser stöhnt er meinen Namen als er in mich eindringt. Mit einem einzigen kraftvollen Stoß versenkt er sich in mir.  Ich ringe nach Luft. Sein Schwanz war groß, steinhart und verdammt tief in mir drin. Ich spüre die unglaubliche Verbindung die ich schon bei unserem ersten Mal gespürt hatte. Michael beherrscht meinen Körper in einem

Ausmaß, das mein Verlangen ins Unermessliche steigert. Noch nie zuvor war ich so verrückt nach Sex gewesen. Ich umschließe ihn mit meinen Beinen und genieße das Gefühl vollkommen von ihm in Besitz genommen zu werden. Er reibt seine Hüften an meinen, als würde er mir sagen: Fühlst du das auch? Dann versteift sich sein ganzer Körper, als er sich mit angespannten Brust- und Armmuskeln bis zur Schwanzspitze aus mir heraus zieht. Nur die plötzliche Anspannung seiner Bauchmuskulatur warnte mich, bevor er wieder zu stieß. Und zwar hart. Ich schreie auf, und gleich darauf höre ich einen rauen, primitiven Laut, der sich

seiner Kehle entrang. “Oh ja … das fühlt sich so gut an!”  Er umklammert mich noch fester mit seinen Armen, und dann fängt er an mich richtig zu ficken. Mit wilden Stößen rammt er meine Hüften in die Matratze. Ich werde von einem Gefühl der Glückseligkeit erfasst, dass mich mit jeder seiner machtvollen Bewegungen seines Körpers von neuem erfasst. Er verbirgt sein Gesicht an meiner Halsbeuge und hält mich weiter mit seinen Armen gefangen, während er das Tempo steigert und mir schmutzige Worte ins Ohr keucht, die mich vor lauter Begierde fast wahnsinnig machen. “Mein Schwanz war noch nie so hart, Thea.

Spürst du wie groß er ist? Fühlst du wie tief ich in dir bin … Ich fühle es an meinem Bauch … Ich fühle es an meinem Bauch, wie mein harter Schwanz in deine Möse stößt …”   Ich lasse die Hüften kreisen und seufze voller Verlangen. Michaels Mund verschließt den meinen. Verzweifelt lechze ich nach ihm, grabe meine Fingernägel in seine wild zustoßenden Hüften, besessen von dem verzehrenden Drang, dem harten Hämmern mit gleicher Kraft zu begegnen. Wir sind pitschnass geschwitzt und atmen heftig. Wie ein Sturm braut sich eine neuer Orgasmus in mir zusammen, alles in mir pulsiert. Fluchend schiebt

Michael seine Hand unter meinen Hintern und hebt mich seinen Stößen entgegen, sodass seine Eichel immer wieder über die Stelle in meiner Möse gleitet, die am meisten nach ihm verlangt. “Komm, Thea! Komm für mich!”, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.  Ich komme so gewaltig, dass ich seinen Namen schlurze. Er hält mich zwischen seinen Armen gefangen, was meinen Orgasmus noch steigert und intensiviert. Erschaudernd wirft er seinen Kopf in den Nacken. “Ah … Thea!” Er presst mich so fest an sich, dass ich kaum noch atmen kann, während seine Hüften weiter zustoßen und er lang und heftig in mir

kommt. Keine Ahnung, wie lange wir beisammen liegen und uns gegenseitig beruhigend und besänftigend auf die Schultern und den Hals küssen. Noch immer kribbelte und zuckte mein ganzer Körper.  “Wow!”, bringe ich schließlich hervor. “Du bringst mich um.”, murmelt er.  “Wieso bringe ich dich um? Ich habe doch gar nichts getan. Du bringst mich um.” Die ganze Zeit über hatte ich mich seinem Willen unterworfen, Und wie verdammt erregend war das gewesen ...   “Du atmest noch. Das genügt …” Lachend umarme ich ihn.  Er hebt den Kopf und reibt seine Nase an

meiner. “Jetzt essen wir was. Und heute Abend machen wir das nochmal.” Entgeistert hebe ich die Augenbrauen. “Was? Du kannst immer noch?” “Die ganze Nacht.” Als er seine Hüften bewegt, fühle ich, dass er schon wieder ziemlich hart war.  “Du bist eine Maschine. Oder ein Gott!”, stöhne ich mit gespielter theatralik. “Das ist alles nur deine Wirkung auf mich.”, lacht er. Nach einem süßen sanften Kuss zieht er sich aus mir zurück und entfernt das Kondom. Er wickelt es in ein Papiertaschentuch aus der Box, die auf dem Nachttisch bereit steht, und lässt es neben dem Schreibtisch im Papierkorb

verschwinden. “Lass uns duschen und dann können wir ins Star's gehen.”, schlage ich lächelnd vor und räkel mich auf dem Bett. “Okay. Aber nur wenn es nicht so weit ist.” “Ist es nicht. Wieso?” “Weil ich schon wieder spitz auf dich bin und nicht erst eine Stadtrundfahrt unternehmen will bevor ich dich wieder ficke.”, erklärt er grinsend. Empört schnappe ich nach Luft. “Komm nicht auf die Idee es mit mir dort auf der Toilette treiben zu wollen!”, warne ich streng. Ers chüttelt den Kopf. “Ganz sicher nicht. Ein wenig Stolz habe ich schon

noch.” “Dann ist ja gut.”, lache ich und stehe auf. Als wir schließlich Hand in Hand die Treppe hinunter ins Erdgeschoss gehen steht Ana grinsend und mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen zur Küche und sieht uns entgegen. “Na war's schön?”, formen ihre Lippen tonlos als ich an ihr vorbei in die Küche gehe. Ich nicke kaum merklich. Laut sage ich “Ich habe einen wahnsinnigen Durst! Du auch?” Letzteres galt Michael, der hinter mir neben dem Tisch stehen geblieben war. “Nö.”, grinst er. Ana hinter ihm mustert seinen

Arsch.  Ein gewisses Gefühl von Eifersucht registriert diese Aktion nicht ohne mir einen Stich zu versetzen. Was hatte ich nur? Dieser Mann gehörte mir, dass hatte er eben gerade erst wieder unter Beweis gestellt. Es konnte mir doch völlig egal sein wenn andere Frauen ihn anschmachten. Um die peinliche Stille zu unterbrechen frage ich sie höflich, “Wir wollen gleich essen gehen. Magst du mitkommen?” Ana hebt den Blick und erwidert grinsend, “Ich denke nicht.” Michaels Blick der ausschließlich auf mir ruht zuckt die Schultern. Ihm war es sicher auch lieber wenn wir unter uns

blieben. “Okay. Dann bis später. Ach ja, nur zur Vorwarnung, Michael übernachtet heute hier.” Ana zwinkert mir zu. “Ist gut. Ich sag es auch Viktoria. Sie muss man vorwarnen, nicht das sie sich morgen früh an ihn ran macht. Für sie sind Männer in diesem Haus regelrechtes Freiwild.” Wir beide können über diesen Scherz lachen, Michael dagegen zieht die Stirn kraus.  Lachend lege ich ihm die Hand auf die Brust. “Keine Angst. Das war ein Scherz.” “Ich habe ganz sicher keine Angst.”, brummt er dunkel.

Wir beschlossen doch bei ihr zu Hause zu bleiben und uns lieber etwas zum essen beim Lieferservice zu bestellen. Die letzten Stunden der Zweisamkeit die uns noch blieben wollten wir allein verbringen und nicht in einem überfüllten Restaurant.  Kaum waren die letzten Maki und Nigiri Teile gegessen, ruft Thea aus, “Und jetzt gehen wir zusammen baden.” “Was?”, lache ich und wische mir den Mund mit einer Serviette ab. “Baden. Wir. Jetzt sofort.”, grinst sie

und zieht mich am Kragen zu sich hoch. “Komm schon!” Lachend folge ich ihr. “Ihr habt doch hoffentlich zwei Badezimmer?” “Wieso?”, fragt sie verwundert. “Na weil … deine Mitbewohnerinnen.” Ich wedle mit der Hand in der Luft herum. “Ach so.”, lacht sie. “Die sind das gewohnt. Wenn ich mal in der Wanne liege, dann kann das schon mal zwei Stunden dauern.” Ich ziehe sie in meine Arme. “Na ich hoffe doch, dass es nicht so lange dauert! Ich hab heute noch was mit dir vor.” Sie schluckt schwer, wendet den Blick aber nicht ab. “Ach wirklich?”, haucht

sie. “Lass dich überraschen.”, lache ich und ziehe sie an der Hand ins Badezimmer.  In einer flüssigen Bewegung drehe ich sie um, schließe die Tür und verriegel sie. Thea gegen das Holz drückend dränge ich mich an sie und beginne sie auszuziehen. Ich versuche mich nicht von ihren Händen in meinem Haar, oder von der Art wie ihre Fingerkuppen die Konturen meines Gesichts nachzeichnen, ablenken zu lassen.   Der rote Jerseystoff fiel auf den Boden und enthüllt ihren wundervollen Oberkörper. Ich betaste den Saum ihres BH's - ich wollte mit ihren Brüsten spielen, die Hände darum schließen, aber

ich wollte noch mehr, doch wenn ich jetzt nicht anfing, würden wir es nicht mehr in die Badewanne schaffen.  Ich drehte sie sie um, sodass die personifizierte Versuchung in die andere Richtung blickte, stöhne aber auf, als ich den Hintern sah. Himmel, was hatte diese Frau für einen Körper! Ich lasse den Verschluss ihres BH's aufspringen und ziehe ihr die Träger über die Schultern hinunter. Anschließend ziehe ich mit einem Ruck an ihrem Rock der daraufhin herunterfällt und sich der weiche Stoff um ihre Knöchel bauscht. Dann hake ich die Finger unter ihr Höschen und ziehe auch das ihr aus. Seufzend lege ich ihr die Hände um die Taille, ehe ich sie

erneut zu mir umdrehe, sie an mich ziehe und ihr einen Kuss zwischen die Brüste drücke. An diesem Abend wollte ich mir Zeit lassen und sie in aller Ruhe erkunden - innerlich und äußerlich. Ich sehe mich um und entdecke an einem Wandhaken einen seidenen Kimono. “Hier!”, reiche ich ihn ihr. “Zieh den über!” “Warum? Ziehst du mich etwa wieder an?”, lacht sie. “Nur bis das Bad fertig ist.”, raune ich an ihrem Hals.  Lachend schlüpft sie in das Kleidungsstück.  Ich war noch nie zusammen mit einer Frau in die Badewanne gestiegen. Ich

hatte niemals den Drang danach verspürt, aber bei Anthea war alles anders - ich hatte das Bedürfnis, für sie zu sorgen. Sie sollte sich entspannen und den Abend genießen, ehe wir uns morgen für eine kleine Weile trennen müssen. Während ich die Flaschen mit Badezusatz die auf dem Wannenrand stehen begutachte, stellt sie sich mit verschränkten Armen neben die Wanne und sieht mir lächelnd zu. Nach wenigen Minuten war das Bad bereit, und als ich aufblicke, sehe ich dass Thea sich auf die Unterlippe beißt und mich mit geweiteten Augen anstarrt. Vielleicht war auch für sie diese Situation

neu? “Jetzt bist du dran.”, sagt sie plötzlich. Sie kommt auf mich zu und beginnt die Knöpfe an meinem Hemd zu öffnen. Sie zieht den Stoff auseinander und drückt mir die Lippen auf die Brust, wie ich es zuvor bei ihr getan hatte. “Du riechst so gut.”, murmelt sie.  Ich zucke mit dem Kopf. “Man tut was mann kann.” “Du riechst so maskulin.” Sie fährt mir mit der Hand über die Brust und zeichnet die Umrisse meiner Muskeln nach, ehe sie Anstalten macht, mir das Hemd über die Schultern abzustreifen. Ich übernehme das für sie, weil ich es nicht gewohnt bin von einer Frau ausgezogen

zu werden. Normalerweise ist es anders herum. Ich lege auch Hose und Slip ab. “Willst du die Temperatur prüfen, bevor du in die Wanne steigst?”, frage ich. Sie schüttelt den Kopf und betrachtet meine größer werdende Erektion. “Irgendetwas sagt mir, dass du alles richtig gemacht hast.”, sagt sie lächelnd. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, dann nehme ich ihre Hand und helfe ihr dabei in die Wanne zu steigen. “Das Wasser ist perfekt.”, lobt sie leise und lässt sich in das schäumende Bad sinken. “Willst du hinter mir sitzen?” Ich schüttle den Kopf. “Wenn du dich jetzt gleich am Anfang zwischen meine Beine setzt, werden wir nicht lange

genug in der Wanne bleiben, um sauber zu werden.” Lächelnd lehnt sie sich zurück und sieht zu, wie ich ins Wasser steige und ihr gegenüber platz nehme. Bei einer Körpergröße von 1,83 ist das wahrlich kein leichtes Unterfangen.  Thea seufzt und legt den Kopf in den Nacken, wobei das Wasser hoch schwappt und ihren Hals benetzt. Fasziniert beobachte ich sie. Sehe zu wie die Tropfen an ihrer blassen Haut perlend herab gleiten und sich anschließend mit dem Wasser vereinen. Ihr langes rotes Haar schwimmt auf der Wasseroberfläche.  “Erzähl mir mehr von dir!”, fordert sie

mich plötzlich auf und reißt mich aus meinen Beobachtungen. “Was?”, lache ich. “Wieso?” “Weil es mich interessiert.” “Ja na gut. Aber wo fange ich denn bloß an?”, grübel ich gespielt. “In deiner Kindheit vielleicht. War sie schön?” Schön? Abwehrend hebe ich die Hände. “Nein, das war sie nicht. Und ich möchte ehrlich gesagt heute nicht darüber reden.” “Okay.”, flüstert sie. “Dann deine Studienzeit. Wie war die?” “Aufregend.” “Aufregend?” “Ja. Ich tat alles was jeder gute Student

tut.” “Saufen, ficken und Party machen?”, zieht sie mich mit einem frechen Grinsen auf. “Ähm … nein. Tatsächlich war ich ein guter Student.”, stelle ich lächelnd klar. “Ehrlich? Keine Partys?” “Doch natürlich. Aber nur am Wochenende.” Erstaunt zieht sie die Augenbrauen hoch. “Also ich selbst habe nicht studiert, aber genau so stelle ich mir immer das Studentenleben vor.”  “Ja, im Film. Oder na gut, auch im echten Leben dann und wann.”, gebe ich zu und streiche mir das Haar aus der

Stirn. “Hattest du viele Frauen?”  Was? Warum interessiert sie das? Ich mache ein ratloses Gesicht und ziehe es vor zu schweigen. “Michael?” “Es ist nichts. Nur … ich denke, das willst du nicht wirklich wissen.” “Doch.”, lacht sie. “Will ich. Ich wette es waren einige.” Ich winke ab. “Komm schon!”, bettelt sie lachend und stupst mir gegen die Brust.  Ergeben hebe ich die Hände. “Auf deine Verantwortung. Ja, es … es waren einige.” “Wie viele?”, drängt

sie. “Thea.”, murmle ich verzweifelt. Sie schweigt. Ich sehe ihr in die blauen Augen und wäge ab ob meine Ehrlichkeit den Status unserer Beziehung gefährden könnte.  “Okay. Es waren mehr als 10.”, erkläre ich ausweichend. “Ganz sicher waren es mehr als 10.” Ihr Blick mustert mich von Kopf bis Wasseroberfläche.  “Ja doch. Genauso gut könnte ich fragen, mit wie vielen du schon geschlafen hast. Aber ich tue es nicht.” “Warum nicht?” “Weil ich es nicht wirklich wissen will. Für mich zählt nur, dass ich dein letzter

bin.” Sie seufzt und lehnt sich etwas zurück. Und ich betrachte fasziniert ihre vollkommenen Brüste.  Höchste Zeit wieder auf das eigentliche Thema zurück zu kommen. Lachend packe ich ihr Fußgelenk, lege ihr Bein auf meinen Oberschenkel und streiche ihr mit der Hand über das Schienbein. “Komm her!”, sage ich kurz darauf. “Steh auf und setz dich vor mich!” Sie folgt, steht auf, sodass Wasser und Seifenschaum an ihrem Körper herablaufen.  “So ist es besser. Du warst viel zu weit weg.”, raune ich ihr in Ohr, als sie sich an meine Brust

lehnt.  Ich lege meine Arme um ihre Taille und streiche ihr mit der Hand über den Bauch. Meine Hand schließt sich um ihre Brust und öffnet sich wieder. Wieder und wieder. “Sind die besonders schmutzig?”, lacht sie glockenhell. “Oh ja, sie starren förmlich vor Dreck.”, stimme ich in ihr Lachen ein und lege nun beide Hände um ihre Brüste. Kichernd schlingt sie die Beine um mich. “Das ist also dein Ding? Mit einer Frau in der Badewanne sitzen.” Ich lasse eine Hand über ihren Bauch gleiten und genieße das Gefühl, ihr so nah zu sein. “Ich kann mich nicht

erinnern, wann ich zuletzt ein Bad genommen habe. Wahrscheinlich als Kind.” Sie verlagert das Gewicht, dreht den Kopf und mustert mich, wie um sich zu vergewissern, das ich keinen Witz gemacht hatte.  Ich beuge mich vor und küsse sie, rechne damit, dass es nur ein flüchtiger Kuss sein würde, doch als ich sie schmecke, kann ich mich nicht mehr von ihr lösen und beginne stattdessen mit der Zunge ihren Mund zu erkunden. Erneut umfasse ich ihre Brüste mit beiden Händen. Stöhnend lehnt sie sich zurück und schließlich erhebe ich sie und setze sie mir rittlings auf

mich.    Ihre nasse Haut fühlt sich wie Seide an, als ich ihr mit den Händen über den Rücken fahre, hinunter zu ihrem perfekten Po, während wir uns weiterhin mit küssten, unseren Zungen sich berührten und wir uns einander sehnsüchtig erforschten. Ich schiebe ihr eine Hand zwischen die Schenkel, und als sie sich zu winden beginnt, umfasse ich mit der anderen Hand ihre Hüfte und halte sie fest. Ich erkunde ihre empfindsamste Stelle und sie keucht an meinem Mund, als ich sie sanft drücke und umkreise. Ich halte sie fest, während ihr Körper sich unter meinen Berührungen anspannt. Ich

schiebe die Finger in sie hinein, und sie seufzt erneut - ich weiß nicht, ob vor Erleichterung oder Lust. Der Kuss wurde unterbrochen und sie wirft ihren Kopf zurück und umklammert meinen Nacken. “Michael. Oh Michael.”, stöhnt sie. Ich lasse zu, dass sie die Hüften vor und zurück wiegt, als sie auf meiner Hand zu reiten beginnt. Ich genieße den Anblick ihrer nassen Brüste und ihres glatten nassen Bauches. Erotischer kann eine Frau gar nicht sein. Theas Griff wird fester. Ihre Fingernägel bohren sich in mein Fleisch.   “Ich … ich komme gleich.” Sie schlägt die Augen auf und sieht mich an, ein

Ausdruck von Panik liegt in ihrem Blick, so als befürchtete sie, ich könnte sie davon abhalten. Als dürfte sie nicht kommen. Dabei war es genau das was ich mir wünschte - ich wollte sehen, wie diese schöne, sexy Frau meinetwegen kam. Ihr Mund formte das vollkommene O und ihr Körper spannte sich noch fester an, während wir einander weiterhin intensiv in die Augen blicken. Und das taten wir auch noch als Thea unter meinen Berührungen kommt, dabei schoss mir das Blut in den Schwanz, der unter ihr pulsiert. Sie scheit auf und sinkt kraftlos an meine Brust. Ihr Körper war warm und

entspannt.  Ich ziehe meine Hand zurück, drücke sie an mich und küsse sie auf den Scheitel. Plötzlich beginnt sie zu zittern.  “Ist dir kalt?”, frage ich leise. Sie nickt. Das Badewasser war mittlerweile kalt geworden.  “Na komm, wir trocknen wir dich ab.”, sage ich und schiebe sie von mir herunter, damit ich aus der Wanne steigen kann. Als ich draußen bin beuge ich mich vor und hebe sie hoch. Sie kreischt leise auf, bevor ich sie auf die Füße stelle und in ein großes weiches Handtuch wickle das ich aus einem offenen Regal neben mir entnehme. Ich

selbst schlinge mir ein weiteres Handtuch um die Hüfte und verlasse mit ihr Hand in Hand das Badezimmer. Zum Glück begegnen wir keiner ihrer Mitbewohnerinnen. Im Treppenhaus ist es kühl, was an der fehlenden Heizung im Flur und undichten Fenstern liegen dürfte.  In ihrem Zimmer nehme ich sie kaum das sich die Tür hinter uns geschlossen hatte auf den Arm und trage sie zum Bett hinüber.  “Nein nein, mein Lieber.”, wehrt sie sich mit den Händen und drückt mich zurück. “Jetzt bist du mal dran.” Erstaunt sehe ich auf sie hinunter. Mit einem lasziven Lächeln auf den

Lippen greift sie nach meinem Handtuch. Ihr Blick, devot von unten herauf fixiert mich, fesselt mich, als mit einem Ruck das Handtuch auf den Boden segelt. Spürbar hole ich Luft. Entschlossen fasst sie mir in den Schritt und streichelt meine Erektion. Ich fühle wie mein Schwanz unter ihrer Berührung sofort größer und härter wird. Sie verlagert ihre Position, kniet sich vor mich auf die Bettkante und beginnt damit ihre weichen Lippen von meinem Hals abwärts über meinen Körper gleiten zu lassen. Ihre Zungenspitze umkreist meinen Bauchnabel. Ein wohliger Schauder durchzuckt meinen ganzen

Körper.  Ohne vorwarnung stülpt sie ihren warmen Mund über meine Eichel. Meine Hände, ruhelos nach etwas woran ich mich festhalten kann suchend bleiben schließlich auf ihren Schultern liegen. Ihre kleinen Hände umklammern  meinen Hintern. Behutsam aber begierig saugt sie an meiner Männlichkeit. Ein raues Stöhnen dringt aus meiner Kehle und scheint sie noch weiter anzuspornen.  Den Blick wieder auf mich gerichtet zieht sie sich kurz zurück um dann ihre Zungenspitze an meinem Schaft hinauf und herab flattern zu lassen. Ihre Bemühungen werden durch einen heißen

Schwall Lusttropfen belohnt. Sie umschließt die Wurzel mit ihrer Hand und nimmt ihn, wohl in der Hoffnung noch mehr zu kosten wieder in den Mund und saugt rhythmisch weiter.  “Oh wow … Thea, dein Mund ist so … Mach weiter so … Ja, es ist so gut … Nimm ihn ganz fest und tief … Oh.”, presse ich hervor. Ihr heißer Körper windet sich hin und her. Bebend schlinge ich meine Finger in ihr Haar und ziehe daran. Irgendwann verliere ich dann doch meine Selbstkontrolle und presse ihren Kopf hart an meinen Bauch und übernehme die Kontrolle.  Ihr Kopf wippt auf und ab während sie

meinen Schwanz mit der einen Hand festhält und mit dem Mund dran saugt. Lustvoll werfe ich den Kopf zurück. “Du machst das so gut, Thea!”, stöhne ich. Sie hält sich an meinen Schenkeln fest, während sie versucht mich vollkommen auszusaugen. “Ah … Thea.” Ich merke wie das Brennen mein Rückgrat hinauf kriecht und sich in meinen Lenden ausbreitet. “Ich komme.” Mein Samenerguss war so gewaltig, dass Thea Probleme hat alles in sich aufzunehmen. Vollkommen in Ekstase stoße ich meinen pulsierenden Schwanz ihr wieder und wieder in den Mund. Ihre Augen tränen, aber ihre Hände bearbeiten

mich weiterhin. Mein ganzer Körper zuckte, während sie alles was ich ihr gab brav in sich aufnimmt. Grinsend sieht sie zu mir auf und wischt sich frech mit dem Handrücken einen Rest meines Samens vom Mundwinkel. Dann bleibt sie für einen Moment vor mir hocken und scheint meinen langsam abschwellenden Schwanz zu bewundern. “Na, gefällt dir was du siehst?”, frage ich frech und ziehe sie zu mir hinauf. “Aber sicher. Und was du damit alles anstellen kannst bewundere ich auch.”, grinst sie und küsst mich auf den Mund. Ich schmecke noch einen Rest salzigen Geschmack auf ihren Lippen. Dann lege ich meine Hände auf ihre

Schultern und presse sie langsam hinunter auf das Bett bis sie rücklings vor mir auf der Matratze liegt. Meine Hand streicht sanft an der Innenseite ihrer Schenkel entlang. Thea schließt die Augen und genießt jede meiner Berührungen. Ich lege zwei Finger auf ihre Vulva. Sie war schon wieder klatschnass. Fast wie von selbst glitten sie in sie hinein. Meine Finger bewegen sich schneller, rhythmischer, dringen tiefer in sie ein. Ich weiß ganz genau wo eine Frau berührt werden wollte. Wo ich streicheln muss um sie halb wahnsinnig vor Lust zu machen. “Oh Gott!”, bringt sie keuchend hervor.  Ihr Puls pocht unter meinen Fingern und

sie wird immer unruhiger, doch trotz ihres Protests liebkose ich sie weiter, bis ihre Hüften sich im selben Rhythmus zu bewegen beginnen. “Oh Gott!”, macht sie erneut und ihre Beine zucken über das Laken.  Langsam ziehe ich die Finger aus ihr raus und nehme mir einen Moment um sie zu betrachten. Ihre Finger umklammern den Baumwollstoff ihres Lakens. Sie schlägt die Augen auf, der Blick hoffnungsvoll und erwartend auf mich gerichtet, bringt er mich fast um den Verstand. Gierig beuge ich mich auf sie hinab und presse hart meine Lippen auf ihren schönen Mund.  Sofort klammert sie sich wieder an mich.

Ihre Hände scheinen überall gleichzeitig an meinem Körper zu sein. Die Wärme die ihr Körper ausstrahlt als sie sich an mich presst, lässt mich erschaudern und bereitet mir ein solches Glücksgefühl, dass ich weiß, diese Frau werde ich nie wieder hergeben. Mein mittlerweile wieder hart gewordener Schwanz klopft rhythmisch an ihren Oberschenkel. Der Drang sie zu nehmen pulsierte heftig in meinen Adern und wurde fast unerträglich. Ganz wie von allein findet er den Weg in ihre gierige feuchte Spalte.  Ein Stöhnen, so süß und unschuldig kommt aus ihrem Mund, so dass ich mich bewege um ihn noch einmal hören zu

können. Eigentlich hatte ich vor es langsam angehen zu lassen, den Moment voll auszukosten, doch nun konnte ich nicht anders. Ich brauchte sie. Ich wollte sie. Und zwar jetzt sofort. Mit kräftigen Stößen dringe ich wieder und wieder in sie ein. Ramme sie in die Matratze. Während sie unaufhörlich süße leise Geräusche macht. Liebevoll sehe ich ihr in die Augen. Mit der linken Hand stütze ich mich neben ihrem Oberarm ab mit der anderen streichle ich ihr vorsichtig über das Haar. “Du bist so schön!”, raune ich. “Du gehörst mir!” Sie nickt stumm. “Sag es.”, drohe ich dunkel. “Ich muss es hören. Du gehörst

mir.” Sie rollt die Augen doch erwidert leise, “Ich gehöre nur dir allein.” Das musste ich hören. Ihre Treue belohne ich mit ein paar kraftvolleren Stößen.  “Oh mein Gott!” “Ach bin ich das für dich? Ein Gott.”, scherze ich und küsse sie auf die Nasenspitze. Sie nickt. “Ja. Das … bist … du.” Mein Herz hämmert in meiner Brust. Ich ficke sie als würde ich dafür bezahlt. “Lass los!”, befehle ich dunkel. Ich bewege mich in demselben Rhythmus weiter, bis ich merke, wie sie sich während ihres Höhepunkts um meinen Schwanz zusammenzieht als würde sie

ihn festhalten wollen. Schweißperlen bilden sich an meinem Haaransatz, meinem Rücken und den Fingerspitzen, doch ich konnte nicht aufhören. Ich stütze mich auf beide Hände und setze meine Bewegungen fort. Sie wölbt den Rücken. Ihre Brüste schaukeln unter meinen Stößen.  “Michael.” Ihre Fingernägel krallen sich in meine Brust, ihr Mund formt das vollkommene O und ihre Zunge blitzt hervor. Sie bettelt nach mehr. Diese Zunge. Dieser Mund. Diese wunderschönen Augen.  “Fuck!”, stoße ich hervor als sich ihre Muskeln anspannt.  Lange würde ich nicht mehr durchhalten.

Aber dasselbe galt für sie. Ihre Beine, die leicht zitterten, ihre Hände, an meiner Brust zur Faust geballt … sie war kurz davor.  Ganz unten in meinem Rückgrat kündigte sich ein erneuter Orgasmus an, mit einem Grollen wie das eines Motors, der zum Leben erwacht. Es gab kein Zurück mehr. “Ich bin kurz davor.”, warne ich sie und als hätte diese Ankündigung etwas in ihr angestoßen , beginnt sie sich unter mir zu bewegen. Sie öffnet die Fäuste, umklammert meinen Rücken und zieht mich fester an sich, als wollte sie mich förmlich zum Höhepunkt treiben. Ich ließ mich gehen und der Orgasmus überflutet all meine Sinne. Normalerweise ging es

in diesem Augenblick nur um mich selbst und um das, was ich empfand - die Hormone, die durch meine Adern rauschten. Aber mit Thea ist alles anders. Ich konnte nichts anders sehen, schmecken, fühlen und riechen als sie - Thea. Sie war alles, woran ich denken konnte.  Ich stöhne, mein Mund berührt ihre Schulter, als ich mich auf sie sinken lasse. Wir schweigen, bis sich unsere Atmung wieder reguliert hatte.  “Holy Shit!”, flüstere ich matt. “Oh ja.”, lacht sie ebenso leise. Ihre Beine sinken matt auf die Matratze und sie schließt die Augen. Ich hatte sie kaputt gespielt. Zumindest

für's erste.  “Das war krass!”, lobe ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. “Das war es.”  Schweigend liegen wir uns in den Armen. Irgendwann rolle ich mich von ihr herunter und lege mich neben sie. Mein schlaffer nassen Schwanz klebt an meinem Oberschenkel. Fröstelnd ziehe ich Thea's Decke über uns. Herrgott ist es kalt in diesem Haus!  Moment mal, wo war das Kondom. Um mich zu vergewissern hebe ich unauffällig die Decke an und sehe an mir herunter. Da ist keines. Scheiße! Ich hatte das Kondom vergessen. Wie erstarrt lasse ich die Decke

fallen. “Ist was?”, flüstert Thea mit geschlossenen Augen und schmiegt ihre Wange an meine Brust. Ich nehme an ich habe einen Schock, denn ich kann nicht antworten. Ihre Worte klingen dumpf, wie durch einen Nebel an mein Ohr. “Sag was du Idiot!” Da war sie wieder, wie immer im unpassendsten Moment - die nervige Stimme. “Michael?” Sie hebt den Kopf um mich anzusehen. “Ähm … Ja … alles klar.”, lüge ich abwesend. “Wirklich?”, hakt sie mit zweifelnden Gesichtsausdruck

nach. Ich nicke. “Klar doch. Alles gut. Bin nur müde … denk ich.”  “Ach so.” Sie lächelt und legt wieder ihre Wange auf meine Brust. So eine verdammte Scheiße! “Ich kenn einen dem soeben ein Gör angedreht wurde.”, lacht sie, die Stimme in meinem Kopf. “Sie hat das geplant. Ganz bestimmt. Das hat sie doch mitbekommen, dass du kein Kondom benutzt hast.” “Maul halten!”, denke ich. Jedenfalls hoffe ich, dass ich es nur gedacht habe. Auf keinen Fall wollte ich Thea verschrecken. Ich musste nachdenken. “Verhütet sie sonst irgendwie? Ich habe

keine Ahnung. Über so etwas hatten wir noch gar nicht gesprochen. … Ach, was reg ich mich so auf. Das ist doch nicht wie bei Schiffe versenken. Ein Schuss - ein Treffer. Oder doch? Gab es das nicht auch schon? Ich weiß es nicht. Das würde ich googlen müssen.”, überlege ich hektisch. “Ich könnte jetzt glatt einschlafen.”, seufzt sie an meiner Brust. Sanft streichel ich ihr über das Haar. “Dann mach das doch! Ich bin noch da wenn du aufwachst. Versprochen.” Sie nickt und legt ihre kleine warme Hand auf die Haut direkt unter meinen Bauchnabel.  Kurz darauf scheint sie tatsächlich

eingeschlafen zu sein. Und ich musste pissen. Scheiße! Ausgerechnet jetzt. Ein paar Minuten versuche ich noch durchzuhalten, doch dann wurde der Drang unerträglich. Vorsichtig schiebe ich ihren Kopf von mir herunter und rolle mich von dem Bett herunter. Schnell ziehe ich mir meine Boxershorts über und öffne die Tür. Im Flur ist niemand zu sehen. Eilig laufe ich geradewegs zum Badezimmer. Ein Geräusch lässt mich den Kopf drehen und plötzlich pralle ich mit jemanden zusammen der einen spitzen Schrei der Überraschung ausstößt. “Fuck!”, fluche ich leise. “Sorry!” Ich senke den Kopf und stehe Viktoria

entgegen.  “Was … was tust du denn hier?”, presst sie erstaunt hervor und sieht mich mit vor Schrecken geweiteten Augen an. Das hatte mir gerade noch gefehlt. War sie etwa Thea's andere Mitbewohnerin. Das mich ausgerechnet hier meine Vergangenheit einholt. “Ich … “, beginne ich und deute dann doch nur mit dem Daumen hinter mich auf Thea's Zimmertür.  “Du …”, zischt sie. Ihr Blick huscht zwischen mir und der Tür hin und her, gerade so als müsse sie erst eins und eins zusammen ziehen. “Du bist … bist du Antheas Freund?” Ich nicke stumm und sehe hinunter auf

meine nackten Zehen. “Scheiße, nein!”, stöhnt sie und wirft ihr langes braunes Haar zurück. “Das darf doch nicht … Sie hatte zwar mal deinen Namen erwähnt, aber ...” “Ja, das ist kaum zu fassen.”, murmle ich und fahre mir mit der Hand durch's Haar. Das dringende Bedürfnis zu pinkeln hatte sich verflüchtigt. “Ich habe nicht gewusst das du … das du es bist …”, stammelt sie und lehnt sich rücklings gegen die Wand. “Ich hatte ja auch keine Ahnung. Und bisher habe ich nur eure andere Mitbewohnerin kennengelernt.”, erkläre ich leise. Ich tue es ihr nach und lehne mich neben sie an die

Wand.  “Das darf niemand erfahren.”, eröffnet sie plötzlich. Ich nicke ernsthaft. “Auf keinen Fall darf es Thea wissen!”, erkläre ich und sehe ihr tief in die Augen. “Ich darf sie auf keinen Fall verlieren!”  “Du, ich hab auch kein gesteigertes Interesse daran, dass irgendjemand von unserem Geheimnis erfährt.” “Dann ist ja gut.”, murmle ich und starre wieder geradeaus an die gegenüberliegende Wand. Mit einem Mal stößt sie sich von der Wand ab und stellt sich mit vor der Brust verschränkten Armen direkt vor mich. Ihr Blick fixiert mich und sie erklärt mit

fester Stimme, “Gut, du bist also ihr Freund. Ihr fester?” Ich nicke und komme mir dabei wie ein kleiner Schuljunge vor seiner Lehrerin vor. Sie nickt zustimmend. “Gut. Wenn wir uns hier über den Weg laufen, was ja wohl öfter der Fall sein dürfte, dann tun wir so als würden wir uns nicht kennen. Du bist Michael Thompson und ich Viktoria Castorp. Zwei vollkommen Fremde die keine Gemeinsamkeiten haben. Ist das klar?” Ich nicke stumm. “Und komm nie auf die Idee mich anzuquatschen für … für … ach du weißt schon.”, zischt

sie. “Würde ich nie machen.”, gelobe ich brav. “Außerdem ist damit bei mir eh bald Schluss.” Verächtlich, als hätte sie diesen Satz aus meinem Mund schon zu oft gehört zieht sie die perfekt gezupften Augenbrauen hoch.  Ich belasse es dabei. Viktoria war schon immer stur wie ein Esel. “Gut.”, sagt sie erfreut und klatscht in die Hände. “Dann gehe ich jetzt mal nach unten und du wieder zu Thea!” Damit lässt sie mich allein im dunklen Flur stehen. Am nächsten Morgen werde ich von

einem köstlichen Duft geweckt. Mit geschlossenen Augen tasten meine Hände neben mir das Bett ab. Nichts. Langsam öffne ich die Augen und sehe Thea, fertig angezogen auf der Bettkante sitzen. Ihr langes Haar hat sie sich zu einem unordentlichen Knoten auf dem Hinterkopf zusammengebunden. “Hallo Schlafmütze.”, grüßt sie und küsst mich auf die Nasenspitze. “Ich habe Frühstück gemacht.” Sie deutet mit einem strahlenden Lächeln auf das Tablett auf dem Nachttisch.   “Wundervoll.”, lobe ich verschlafen. Langsam rappel ich mich auf um mich hinzusetzen. Für einen Moment lasse ich die letzte Nacht revue passieren. Nach

dem Schock im Flur, hatte ich geschlafen wie ein Stein. Keine Albträume. Das lag an ihr. Thea. Sie ist mein Rettungsanker, meine gute Fee der süßen Träume. Wenn sie in meiner Nähe ist, fühle ich mich sicher und geborgen. Sie beschützt mich, obwohl es doch eher anders herum sein sollte. Thea krabbelt neben mich auf das Bett und setzt sich wie ich rücklings an das Kopfteil. Vorsichtig reicht sie mir einen Becher mit heißen duftenden Kaffee. “Du magst ihn schwarz, oder?” Ich nicke und murmle ein Dankeschön. Vorsichtig nippe ich an dem Getränk. Thea nimmt sich derweilen eine Erdbeere, leckt sich die Lippen und beißt

lasziv ab. Fasziniert beobachte ich sie. Sie nimmt den Rest der Frust in den Mund und fragt “Was ist?” “Nichts.” Ich schüttle leicht den Kopf. “Du faszinierst mich nur immer wieder aufs neue.” “Blödsinn.”, murmelt sie und winkt lächelnd ab. “Iss lieber dein Frühstück bevor es kalt wird!” Das tat ich. Kochen konnte sie auch noch. Das wurde ja immer besser. Mein Vater wäre begeistert wenn er hiervon wüsste.  Fuck! Warum denke ich jetzt an meinen Vater? Was bin ich nur für ein krankes Arschloch? Gemeinsam verbringen wir mehr oder

weniger den Tag gemeinsam in Thea's Zimmer. Bis ich schließlich mit einem Blick auf die Uhr bemerke, dass ihr Flugzeug bald geht.  Wir hatten ausgemacht, dass ich sie nach Heathrow bringe und mit ihr gemeinsam warte bis sie in den Flieger nach Dänemark steigt. Eilig geht sie duschen und macht sich fertig. Ich nutze die Zeit um Jane noch ein paar Anordnungen per Mail zukommen zu lassen. Denn auch ich werde mich morgen für eine gewissen Zeit verabschieden. Zu Hause war mein Gepäck bereits zum größten Teil gepackt. Nur ein paar berufliche Unterlagen und der Laptop fehlten

noch.  Etwa eine Stunde später fuhr ich uns durch das schönste Londoner Verkehrschaos nach Heathrow. “Ich hasse Abschiede.”, seufzt sie in meinen Armen, als wir vor dem Check In Schalter stehen.  “Glaube mir, ich auch. Aber dein Granny braucht dich jetzt.”, murmle ich und rufe ihr die Wichtigkeit ihrer Reise ins Gedächtnis.  “Du hast ja recht. Aber es wäre so schön, wenn du mitkommen könntest! Granny würde dich lieben. Und ich mich super super doll freuen!” Seufzend ziehe ich sie in eine weitere

Umarmung. “Ach Süße. Es ist ja nicht für lange.”, versuche ich sie zu trösten. “Ehe du dich versiehst, bin ich wieder bei dir.” Thea hebt den Kopf. “Meinst du? Ich allein auf einer Insel. Da kann einem die Zeit schon mal lang werden.” Ein freches Grinsen huscht über ihr Gesicht. “Ich sitze hier auch allein auf einer Insel.”, grinse ich zurück und küsse sie auf die Nasenspitze.   “Hast recht.” “Komm, du bist gleich dran.”, murmle ich und schiebe sie richtung Schalter. “Willst du mich los werden?”,  scherzt sie. “Natürlich nicht. Aber ich möchte nicht

das deine Oma enttäuscht wird. Nicht das ihr Herz wieder aussetzt.” Erschrocken weiten sich ihre Augen. “Sorry, so sollte das nicht rüber kommen.”, entschuldige ich mich schnell.  “Schon gut. Das kann es ja auch gar nicht mehr. Jetzt hat sie ja einen Herzschrittmacher. Der soll doch sowas verhinder, oder nicht?” Ich nicke obwohl ich keine Ahnung habe. Thea checkt ein und gibt ihr Gepäck auf. Kurz darauf wird auch schon ihr Flug aufgerufen.  Wehmütig ziehe ich sie ein letztes Mal in meine Arme. Wenn wir uns wieder sehen, werde ich ein anderer Mann sein. Ein

gesunder und normaler. Hoffentlich! “Ich liebe dich, Michael Thompson!”, murmelt sie an meiner Brust.  “Ich liebe dich, Anthea van der Woodsen!”, seufze ich zurück und presse meine Lippen fest auf ihre. Meine ganze Liebe, mein Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft und mein Vertrauen lege ich in diesen Kuss. Dann wird ihr Flug erneut aufgerufen. “Ich … sollte … los.”, seufzt sie. “Ja … das … solltest … du … wohl.” Ich halte ihre Hand, ihre Fingerspitzen und schließlich nichts mehr als sie an der Kontrolle vorbei geht und in dem Tunnel verschwindet.  

29.

Mit meiner Reise- und der Laptoptasche unter dem Arm steige ich die fünf steinernen Stufen zum Eingangsportal hinauf. Nun begann es also - mein neues Leben. Obwohl eigentlich begann erst einmal meine Transformation zu meinem neuen Leben. Eine junge Frau mit einem pastell pinkfarbenen Poloshirt und weißer Hose kommt auf mich zu und grüßt freundlich. "Hallo, Willkommen! Mein Name ist Agatha." Ich stelle mich ihr ebenfalls vor und erkläre in wenigen Sätzen warum ich hier

war. Mit einem aufmunternden Lächeln begleitet sie mich zu einer anderen Schwester auf deren Namensschild L. Miller steht. "Guten Tag, Mister Thompson. Herzlich Willkommen hier bei uns!" Ich murmle eine Begrüßung und weiß nicht recht wo ich hinschauen soll. Die begrüßen einen ja hier wie in einem Hotel. Dabei bin ich ein abgefuckter Junky der nur hier ist um sein Leben auf die Reihe zu bekommen. "Als erstes werden wir Ihnen mal ihr Zimmer zeigen. Agatha würden Sie das gleich mal übernehmen?" Die angesprochene nickt und geht voran

in den Flur. Ich raffe mein Gepäck und folge ihr. Gemeinsam gehen wir den Gang entlang zurück und im Foyer die Freitreppe hinauf in den ersten Stock. "Ihr Zimmer ist sehr schön.", plaudert Agatha. "Es hat einen herrlichen Blick auf den Park." Sie redet als würde sie mir die Vorzüge meines Hotelzimmers anpreisen. Ich murmle etwas zustimmendes und werfe verstohlen Blicke in offen stehende Türen. Manche Zimmer sind ebenfalls private Patientenzimmer. Zum Glück scheint es hier eine Art offenen Vollzug zu geben. Eingesperrt zu sein wäre meine persönliche Hölle gewesen. Die im Gang angebrachte Beschilderung weist

außerdem noch einen Gemeinschaftsraum, mehrere Therapie und Behandlungszimmer aus. Agatha biegt um die Ecke in einen weiteren Gang ab. Das Gebäude wirkt von außen gar nicht so groß wie es zu sein schien. In einem der Seitenflügel befindet sich mein Zimmer. "Voila. Da wären wir.", verkündet Agatha, hält ein klimperndes Schlüsselbund in die Höhe und lächelt mich freundlich an. Ich bleibe abwartend stehen während sie die Tür aufschließt und mich zuerst eintreten lässt. Der Raum ist hell und freundlich eingerichtet, hat drei große Fenster vor denen zartgelbe Vorhänge

hängen. Ich setze meine Tasche ab und trete an eines der Fenster. Tatsächlich führen sie zu einem angeschlossenen Park hinaus. Unten, auf dem Rasen war gerade eine Gruppe warm angezogene Menschen dabei die Turnübungen die ihnen von einer sportlich aussehenden jungen Frau vor geturnt wurden nachzuahmen. Ich wende mich ab. "Gefällt es Ihnen?", will Agatha wissen. "Sicher.", murmle ich. "Sehr schön." "Prima! Dann richten Sie sich jetzt erst einmal in Ruhe ein. Später haben Sie dann noch eine Eingangsuntersuchung mit Doktor Sutherland , anschließend gibt es Mittag und am Nachmittag haben

Sie dann ihre erste Therapiestunde bei Doktor Clarke." "Okay. Voller Terminkalender, was?", scherze ich. "Und ich dachte hier soll ich mich erholen." Agatha sieht mich mit einem ernsten Gesichtsausdruck an. "Von Erholung, Mister Thompson war nie die Rede." Mit einem knappen Nicken verabschiedet sie sich und lässt mich in meinem neuen Zuhause auf Zeit allein. Zögerlich beginne ich meine Kleidung auszupacken und in dem geräumigen Kleiderschrank zu verstauen. Meinen Laptop lege ich auf den Nachttisch. Jetzt wo es zu spät war fällt mir auf, dass ich kein Bild von Thea habe. Es wäre nett

und irgendwie tröstlich gewesen sie wenigstens sehen zu können. Was soll's, ich würde sie ja täglich bei unseren skype Telefonaten sehen können. Kaum das ich mit auspacken fertig bin, klopft es an meiner Tür. Eine andere Schwester war gekommen um mich zu dem Arzt zu bringen. "Sutherland. Hallo.", begrüßt mich der Mediziner mit festem Händedruck. Er war etwas älter als ich, trägt einen leicht ergrauten Vollbart und hatte sonst volles braunes Haar. Seine grünen Augen blitzten freundlich als er mich bat auf der Behandlungsliege platz zu nehmen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage das ich nun von ihm ausführlich untersucht

wurde. Anschließend nahm mich die Schwester, auf deren Namensschild L. Summers steht mit in ein Nebenzimmer. Dort nahm sie mir mit geschickten Händen Blut ab, maß meinen Puls und nahm mein Gewicht. "Sie nehmen's ja ganz genau, was?", lache ich. Miss Summers hebt schüchtern den Kopf und errötet leicht. "Ist Vorschrift.", murmelt sie. "Na dann. Wie heißen Sie?", frage ich um die angespannte Stimmung aufzulockern. Ihr Blick zuckt auf das Namensschild auf ihrer Brust. "Lily, Sir." "Lily." Ich lasse mir die Buchstaben auf der Zunge zergehen. "Schöner

Name." "Danke." Ihr Gesicht wird noch eine Nuance dunkler. "Und, wir läuft das jetzt ab? Was steht als nächstes an?" "Nun ja ..." Es schien ihr etwas peinlich zu sein. "Als nächstes Sir, werden Sie auf die Toilette geschickt." "Die Toilette?", wundere ich mich mit gerunzelter Stirn. "Der Urin wird kontrolliert. Von nun an täglich.", erklärt sie fast tonlos. Ich schlucke. "Täglich? Ernsthaft?" Sie nickt stumm und presst die Lippen zusammen. "Okay. Was solls. Dann mach ich das jetzt mal. Haben Sie was wo ich

..." Hastig reicht sie mir einen kleinen durchsichtigen Plastikbecher. "Bitte.", murmelt sie ohne mir in die Augen zu sehen. Ich verschwinde auf der Toilette und als ich zurückkomme werde ich sofort vom Doktor in sein Behandlungszimmer gebeten. "Nun, Mister Thompson. Ihre Blutwerte sind in Ordnung. Wir konnten nur geringe Mengen an Rückständen nachweisen. Wie lange ist es her, dass Sie zum letzten mal etwas genommen haben?" "Vorgestern etwa. Eine Amphetamin." Sutherland nickt. "Gut. Und seit dem

nichts mehr? Wie regelmäßig haben Sie diese Drogen konsumiert?" "Regelmäßig.", antworte ich mit Nachdruck. "Und was am meisten?" "Alles." Ebenfalls mit Nachdruck zugegeben. Der Arzt scheint unbeeindruckt. Sicher war er Fälle wie mich gewohnt. "In Ordnung. Und Sie haben keine Probleme gehabt? Von wegen Entzugserscheinungen?", fragt er nun doch verwundert. Ich schüttle den Kopf. "Nein. Aber ich hatte etwas anderes." Er greift zum Stift, bereit sich meine bisher verschwiegene und nicht in

meinem Blut nachweisbare Ersatzdroge zu notieren. "Meine Freundin.", nehme ich ihm grinsend den Wind aus den Segeln. "Ich war mit ihr zusammen." Erstaunt zieht Sutherland die Augenbrauen hoch. "Das müssen Sie mir erklären!" Ich tue es. Ausführlich. Ich berichte davon, wie Thea mir Halt gibt. Ich berichte von meinen Albträumen, aber nicht weshalb ich diese hatte und das diese ausbleiben solange sie in meiner Nähe ist. Ich rede und rede. Dabei habe ich erst nachher meine erste Therapiestunde. Aber es tat verdammt gut sich den Müll von der Seele zu

reden! "Verstehe.", erwidert er wissend lächelnd und steht auf. Ich tue es ihm nach und gemeinsam gehen wir zur Tür. "Gut, Mister Thompson, wir treffen uns jetzt regelmäßig einmal die Woche. Wenn Sie jedoch Schmerzen haben sollten oder es Ihnen anderweitig schlecht geht, kommen Sie zu mir!" Ich nicke. "Danke, Doktor." Wir verabschieden uns mit einem Handschlag. Langsam schlendere ich zurück zu meinem Zimmer durch das Haus. Nehme dabei meine Umgebung in mich auf, präge mir ein wo der Speisesaal und der Gemeinschaftsraum ist. An einer großen

Pinwand im Erdgeschoss wurden verschiedene Kurse angeboten. Tai chi, Pilates, Reit- Kunst- und Ergotherapie, sogar Bogenschießen wurde angeboten. Auf einer Tafel an einer der Säulen neben der Treppe lese ich, dass sich weitere Therapie- und Massageräume, sowie Sauna und Swimming Pool im Untergeschoss befinden. "Fuck! Das ist ja tatsächlich wie im Hotel hier.", murmle ich. "Ja ist krass, was!", werde ich plötzlich von einer weiblichen schrillen Stimme von der Seite angesprochen. Erschrocken zucke ich zusammen und sehe sie an. Schrill war nicht nur die Stimmer der Sprecherin. Ihr fast schon pinkes Haar

stand ihr wild vom Kopf ab. Zu viele Färbungen hatten es scheinbar zerstört. Ihr junges Gesicht war vom Make Up förmlich verunstaltet. Doch sie hat ein freundliches Lächeln, als sie mir jetzt die Hand reicht an deren Handgelenk einige Armbänder klimpern. Ich ergreife sie und sage, "Michael, hallo." "Amy." "Freut mich!", murmle ich. "Und mich erst! Endlich mal ein neues Gesicht. Man möchte meinen in der heutigen Zeit gäbe es mehr Leute die Probleme haben. Aber man sieht sie nicht." "Vielleicht liegt's ja daran, dass sich

nicht jeder den Aufenthalt hier leisten kann?", mutmaße ich trocken. Sie zuckt die Schultern. "Kann sein. Ich habe dich noch nie gesehen. Bist du gerade erst angekommen?" Ich bejahe es. "Cool! Und, wo liegt deine ... Schwäche?" "Überall." "Nein, ernsthaft, sag mal!", drängt sie. "Drogen, Alkohol, Medikamente.", zähle ich meine Laster auf. "Und bei dir?", frage ich, weil ich annehme, dass sie das von mir erwartet. "Medikamente. Ich hab versucht mich umzubringen. Da hat es meinen Eltern

gereicht." Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. "Okay." Mehr weiß ich nicht darauf zu antworten. "Warst du schon beim Dok?" Ich nicke. "Gerade eben." Sie nickt ebenfalls. "Und wie lange bist du schon hier?" "Zwei Monate." Was? Dauert das so lange? Ich habe nur einen. Maximal. "Okay." "Ich bin ein schwerer Fall.", klärt sie mich auf. "Hab schon zwei mal versucht mir was zu besorgen." "Zu besorgen? Medikamente?" "Jup. Einmal hier drin und einmal hat

meine Freundin mir was rein geschmuggelt. Seitdem darf ich keinen Besuch mehr bekommen." Tja, pech gehabt, würde ich sagen. "Hm. So kann's gehen.", murmle ich. "Ja, sind strenge Regeln hier. Aber man soll ja auch von dem Zeug wegkommen.", erklärt sie dunkel und schaut auf ihre Schuhspitzen. Schweigend schlendern wir durch die Flure. "Gleich gibt's Mittagessen. Magst du an meinem Tisch sitzen, Michael?", bricht sie nach einigen Minuten das Schweigen. "Gern." Ich freue mich so schnell schon Anschluss gefunden zu haben. Auch wenn es nur ein anderer Junky

ist. "Mister Thompson, da sind Sie ja endlich!" Empfängt mich Oberschwester Miller als ich in mein Zimmer zurückkehre um mich für das Mittagessen frisch zu machen. "Haben Sie mich denn gesucht?", erwidere ich verwundert. "Ich wusste nicht, dass ich sofort nach der Untersuchung zurückkommen sollte." "Sie haben sich stets nach einem Termin bei mir zurück zu melden, Mister Thompson. So sind die Regeln.", herrscht sie mich freundlich aber bestimmt an. "Halten Sie sich daran, dann bekommen Sie auch keinen Ärger!" Sie folgt mir in mein Zimmer, wo sie sich unauffällig

umschaut. Ich schlucke. Okay, es ist doch nicht wie in einem Hotel hier. "So, machen Sie bitte Ihren Oberarm frei!", befiehlt sie schließlich. "Wieso das denn?" "Ihre erste Medikamentendosis steht an. Die werden Sie von nun an täglich vormittags sowie am Abend vor dem Schlafengehen erhalten." "Okay. Verstehe." Lässig kremple ich den Ärmel meines Hemdes hoch. "Darf ich hier eigentlich meine eigene Kleidung tragen oder erhalte ich noch Anstaltskleidung?" Mit der Scherz wollte ich eigentlich nur die Stimmung auflockern, doch ich erreiche das

Gegenteil. Mrs. Miller, ich nehme jedenfalls an, dass sie verheiratet ist, zieht die Stirn krauss und eine steile Falte steht zwischen ihren verkniffenen Augen. Ernst und überhaupt nicht belustigt presst sie den Mund zusammen. "Das ist überhaupt nicht komisch, Mister Thompson. Aber um Ihre Frage zu beantworten, natürlich dürfen Sie ihre eigene Kleidung tragen. Wir sind hier nicht in einer Anstalt. Sie sind freiwillig hier und es steht Ihnen frei jederzeit wieder zu gehen." Das war deutlich. "Entschuldigung!", bitte ich leise und sehe beschämt zu Boden. Und dann bekomme ich gleich noch einmal zu

spüren das sie sauer war, als sie mir die Spritze unsanft in den Arm rammt. Das Essen war überraschend gut. Obwohl, so überraschend war das eigentlich nicht, wenn man bedenkt wieviel die Patienten für ihren Aufenthalt hier bezahlen. Zurück in meinem Flur führt mich mein erster Gang direkt zu Oberschwester Miller. "Melde gehorsamst, zurück auf meinem Zimmer." Lachend drehe ich mich um und öffne meine Zimmertür. Das letzte was ich sehe ehe sie sich schließt ist Schwester Miller's erboster Gesichtsausdruck. Still in mich hinein lachend drehe ich mich um und gehe zu

meinem Bett. Bis zu meinem Termin beim Seelenklempner hatte ich noch eine gute halbe Stunde. Die wollte ich nutzen um zu lesen. Doch irgendwie konnte ich mich nicht konzentrieren. Also lege ich das Buch wieder weg und gehe stattdessen zum Fenster. Mittlerweile war die Sonne verschwunden und ein grauer Schleier lag über dem Park. Sicher würde es bald Regen geben. Hinter dem dichten Baumbestand konnte man einen See erkennen. Im Frühling und im Sommer war das hier sicherlich auch ein schöner Ort. Unter meinem Fenster schlenderten zwei Schwestern rauchend entlang. Die eine war Lily. Ein hübsches Ding. Wäre ich

nicht schon vergeben, wäre sie genau mein Typ. Das bringt mich zu Thea zurück. Plötzlich war ich von Sehnsucht erfüllt. Wenn ich die Augen schließe, konnte ich noch fast ihren Duft atmen und ihre weiche Haut unter meinen Händen spüren. Doch sie war weit weg. Ich gehe zum Nachttisch in deren Schublade ich mein Handy gelegt hatte. Jetzt ihre Stimme zu hören würde mich über den restlichen Tag trösten bis wir am Abend skypen. Doch mein Smartphone lag nicht mehr in der Schublade. "Seltsam. Vielleicht hab ich es doch noch in der Tasche?", überlege ich laut und

gehe zum Kleiderschrank auf den ich meine leere Tasche geworfen hatte. Doch auch in der fand ich mein Handy nicht. Ein nervöses Kribbeln kriecht mir das Rückgrat hinauf. War ich bestohlen worden? Kein Wunder, wenn hier immer alle Türen praktisch offen standen. Aufgebracht renne ich aus dem Raum um mich bei der nächstbesten Schwester zu beschweren. Ausgerechnet Mrs. Miller lief ich in die Arme. "Ich wollte Sie gerade abholen, Mister Thompson. Ihr Therapiegespräch.", ruft sie mir in Erinnerung. "Dafür hab ich jetzt keine Zeit.", wiegele ich ab. "Ich bin bestohlen worden.", füge ich als Erklärung hinzu.

Sie zieht überrascht die Augenbrauen hoch. "Wie bitte?" "Sie haben schon verstanden. Ich wurde bestohlen. Mein Handy fehlt." In diesem Moment fällt mir ein, dass ich noch gar nicht nachgeschaut habe, ob mein Laptop überhaupt noch da war. Ohne weitere Erklärungen lasse ich die Schwester stehen und renne in mein Zimmer zurück. Mit einem Blick vergewissere ich mich. Tatsächlich, auch der war weg. "Das gibt's doch wohl nicht!", schreie ich. "Mister Thompson, ich muss Sie bitten sich zu mäßigen! Sie bringen eine ungeheure Unruhe hier rein.", schimpft Miller, die mir gefolgt

war. Wütend wend eich mich ihr zu. "Unruhe. Das ist Ihre einzige Sorge? Ich wurde bestohlen. Und das, obwohl ich praktisch gerade erst angekommen bin.", schreie ich aufgebracht. "Sie wurden nicht bestohlen, Mister Thompson.", erklärt sie gefasst. "Doch. Natürlich. Meine technischen Geräte sind weg." Wild gestikulierend mache ein raumgreifende Bewegungen. "Ich verlange, dass Sie die Polizei rufen!" "Das werde ich nicht tun." Sprachlos starre ich sie an. "W-was?", stammle ich. "Ich rufe nicht die Polizei, weil nichts

gestohlen wurde." Ehe ich etwas erwidern kann fährt sie fort "Mister Thompson, wir haben Ihre Geräte an uns genommen." Ich glaube mich verhört zu haben. "Was? Sie haben was?" "Sie haben schon verstanden. Keine Sorge, Sie erhalten ihre Gegenstände selbstverständlich zurück, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen ist." Fassungslos klappt mir die Kinnlade herunter. Thea. Wie sollte ich mit ihr in Kontakt bleiben? "Aber ... aber ..." "Wissen Sie, Mister Thompson, Sie sind ein klassischer Fall von den Vertrag nicht durchgelesen. Und ich hatte

angenommen gerade Sie sind am sogenannten Kleingedruckten interessiert." Die Anspielung auf meinen Beruf überhöre ich geflissentlich. "In dem Behandlungsvertrag den Sie unterschrieben haben, haben Sie sich damit einverstanden erklärt, dass in den ersten zwei Wochen Ihres Aufenthalts bestehende strikte Kontaktverbot zur Außenwelt einzuhalten." Was? Scheiße! Das war mir entgangen. Aber es war absolut inakzeptabel. "Das geht nicht.", schreie ich. "Das geht nicht." "Mister Thompson.", ruft sie mich zur Ordnung. Ich beschließe sie zu ignorieren, zumal

in diesem Moment diese verdammte Stimme wieder auftaucht. "Na, findest du es immer noch so eine gute Idee clean zu werden?", ätzt sie. "Gratuliere! Jetzt bist du am Arsch." "Schnauze!", brülle ich. "Mister Thompson, beruhigen Sie sich!" Mittlerweile waren weitere Leute auf uns aufmerksam geworden. Zwei Pfleger erscheinen in der offenen Tür. Mit einem Blick erfassen sie die Lage, nehmen mich links und rechts zwischen sich und tragen mich zu dem Bett. Ich wehre mich mit Händen und Füßen, kann aber trotz meiner Körpergröße nichts gegen die beiden kräftigen Männer anrichten. Miller, in der Zwischenzeit nicht untätig,

hat von irgendwo eine Spritze hergeholt. Wie in Trance registriere ich, wie sie meinen Ärmel herauf schiebt und mir die Spritze in den Oberarm jagd. "Was soll das?", keuche ich. "Was habe Sie mir da gegeben?" "Ein Beruhigungsmittel. Keine Sorge, Mister Thompson, gleich wird es Ihnen besser gehen." "Mir ging es bestens, bis ich ... ich ..." Meine Lider werden schwer und eine dumpfe Trägheit erfasst mich. "Na also. Jetzt herrscht wieder Ruhe.", stöhnt Schwester Miller zufrieden. Gemeinsam mit den beiden Pflegern verlässt sie den Raum. Die Tür wird taktvoll geschlossen.

Ich war früh aufgewacht, es ging gerade einmal die Sonne an einem pinken Himmel auf. Im Haus herrschte absolute Stille. Nur durch das halb geöffnete Fenster drang vereinzelt leises Vogelgezwitscher. Wo bin ich? Warum kann ich mich nicht erinnern wann ich gestern zu Bett gegangen bin? Und warum verdammt habe ich in Hemd und Hose geschlafen? Wie in einer Welle kommen die Erinnerungen zurück. Der Diebstahl. Mein Ausraster. Die Spritze. Der Schlaf. Wenigstens hatte ich nicht geträumt. Was Thea jetzt wohl denkt, wenn sie

mich nicht erreichen kann? Verkatert hieve ich mich aus dem Bett hoch und gehe ins Bad. Das Gefühl das meine Blase gleich platzt war unerträglich. Nachdem ich das erledigt hatte, vollende ich auch gleich noch meine Morgentoilette und ziehe mir frische Kleidung an. Wie läuft das hier? Durfte ich selbstständig mein Zimmer verlassen oder musste ich warten bis ich abgeholt werde. In diesem Moment wird die Tür geöffnet und eine andere, mir noch unbekannte Schwester betritt den Raum. Erschrocken, weil ich schon fertig angezogen mitten im Raum stehe, bleibt

sie stehen und sagt, "Oh! Mister Thompson, Sie sind ja wach." "Augenscheinlich.", brumme ich, weil ich noch immer etwas angefressen bin wegen der Sache gestern. "Ähm ... ja ... dann brauche ich Sie ja nicht mehr zu wecken.", kichert sie. "Auch das trifft zu, ..." Ich sehe auf ihr Namensschild. M. Stuart. "Mary.", rate ich. "Ähm ... was? ... ja, also, es heißt Maryann.", flüstert sie verlegen. "Verzeihung. Maryann.", raune ich charmant. Ich muss versuchen mir hier Freunde zu machen, sonst würde der Aufenthalt hier zur Tortur, das spüre ich. "Schon gut. Die meisten sagen ja auch

Mary.", winkt sie lächelnd ab. Bei ihr hatte ich einen Stein im Brett und dazu schien ich ihr zu gefallen, so wie sie errötet sobald ich sie ansehe. "Jedenfalls, es ist 7:30 und Aufstehzeit. Ich wollte Sie wecken kommen. Das haben Sie ja nun selbst erledigt." "Stimmt.", grinse ich. "Gut, dann ... dann messe ich jetzt Ihren Puls und so. Anschließend können Sie hinunter zum Frühstück gehen." Ich nicke. "Ist gut.", plaudere ich während ich ihr dabei zusehe, wie sie mir mit zitternden Händen die Blutdruckmanschette um den Oberarm legt. Während wir schweigend auf das Messergebnis warten sehen wir uns

absichtlich nicht in die Augen. Ich will das arme Mädchen nicht noch mehr verunsichern. Meine Wirkung auf Frauen war mir schon immer bekannt. "Der ist doch ganz passabel.", verkündet sie leise als sie die Werte von dem kleinen Display abliest. Gewissenhaft überträgt sie sie in eine Akte. "Schön.", murmle ich. "Hier bitte." Sie reicht mir einen kleinen durchsichtigen Plastikbecher, ähnlich dem in den ich gestern gepinkelt habe. "Was ist das?" "Ihre Medikamente.", flüstert sie und wagt einen kurzen Blick in meine Augen. "Und ich hatte angenommen ich sei hier

um von dem Zeug weg zu kommen?", lache ich. Ihr Lachen klingt künstlich und gepresst als sie nun einstimmt. "Das gestern nachmittag verpasste Therapiegespräch bei Doktor Clarke, wird das heute nachgeholt?", frage ich neugierig. "Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Da muss ich bei Schwester Miller nachfragen.", gibt sie kleinlaut zu. Schwester Miller. ist die immer noch da? Macht die denn nie Feierabend? "Ist okay. Ich warte." Dabei wollte ich nicht warten. Ich wollte diese ganze Sache nur so schnell wie möglich hinter mich bringen.

"Gut, dann ..." "Dann geh ich mal frühstücken.", verkünde ich fröhlich und erlöse sie aus der peinlichen Situation. Gut gelaunt schlendere ich durch die Flure hinunter ins Speisezimmer. Ein köstlicher Duft nach "Na mensch, da hast du ja gestern eine tolle Show abgeliefert!", begrüßt Amy mich als sie sich im Speisesaal ungefragt an meinen Tisch setzt. "Ach, hab ich das?", brumme ich. "Guten Morgen, erstmal." "Guten Morgen, Sonnenschein. Heute hast du hoffentlich wieder bessere Laune!"

Ich nicke und beiße von meinem Scone ab. "Gut. Aber deinen Spitznamen hast du jetzt weg, das ist dir schon klar, oder?" "Spitznamen?", hake ich verblüfft nach. "Klar.", lacht sie. "Und der wäre?" Mir schwant schlimmes. "Dramaqueen.", lacht sie und pustet in ihren Teebecher. Na toll. Seufzend nehme ich einen großen Schluck Kaffee. "Ach, mach dir nix draus", versucht sie mich zu trösten als sie meinen Stimmungswandel bemerkt. "Das haben wir alle durch am

Anfang." Zweifelnd sehe ich sie an. "Na ja, nicht jeder tickt so wegen seines Handys aus.", gibt sie Achselzuckend zu. "Musst ja sehr an dem Ding hängen." "Nicht an dem Gerät. Aber an der Person mit der ich damit in Kontakt bleiben wollte.", brumme ich niedergeschlagen. Tröstend legt diese wildfremde Frau mir ihre Hand auf die Schulter. "Mach dir nix draus. ", wiederholt sie sich. "Bekommst du ja wieder. Außerdem ist es ja nicht für lange. Und deine Freundin wird doch sicher bescheid wissen das du zur Zeit nicht erreichbar bist?" Da irrte sie sich.

"So, Mister Thompson, wo es ja gestern nicht geklappt hat, wagen wir heute einen neuen Anlauf.", lacht Clarke fröhlich als ich am Vormittag zu ihm in sein Büro komme. "Nehmen Sie platz!" Ich setze mich in den selben Sessel wie schon vor einigen Tagen und sehe ihn abwartend entgegen. "Willkommen noch einmal!" Clarke setzt sich mir gegenüber und legt die gefalteten Hände in den Schoß. "Danke.", murmle ich. "Wir hatten ja bereits herausgefunden, dass die Gründe für Ihre Sucht in íhrer Vergangenheit zu suchen

sind." Ich nicke zustimmend. Ich kenne die Gründe bereits. "Während Ihres Aufenthalts werden Sie regelmäßig zu mir kommen und mit mir darüber zu sprechen. Wir werden gemeinsam versuchen den Auslösern auf den Grund zu gehen. Ziel ist es sie zu minimieren, im besten Fall können wir sie sogar löschen." Das war unmöglich, dass hatte ich Jahrzehntelang mit Drogen versucht. "Ich werde Ihnen aber nur helfen können, wenn Sie mir gegenüber absolut ehrlich sind. Das ist wichtig für den Erfolg der Therapie. Verstehen Sie?" "Denken Sie daran: Die Vergangenheit ist die Mutter der

Gegenwart." Ich nehme mir einen Moment diese Redewendung mir auf der Zunge zergehen zu lassen. Ich verstand. "Wir haben hier auf 'Priory' auch noch andere Möglichkeiten der Therapie, falls diese Ihnen zusagen?" "Ich weiß, ich habe vorn die Aushänge gesehen." Er nickt. "Gut. Sind Sie bereit heute schon damit zu beginnen?" War ist das? Keine Ahnung. Ich zucke die Schultern. "Ich weiß nicht recht." "Vielleicht mögen Sie mir ja nochmal von ihrem bisherigen Leben erzählen?

Ganz allgemein." Ich hole tief Luft und beginne von den letzten fünfzehn Jahren zu berichten. Wie ich nach einigen Jahren in Paris die Nase voll hatte von Büros und Schreibtischarbeit und mich aufmachte die Welt zu erkunden. Ich erzähle ihm von meinen Reisen, die mir einen reicheren Erfahrungsschatz und meinem Vater graue Haare beschert hatten. Und wie ich mit 33 zurück nach London kam um endlich den Verlag meiner Familie zu übernehmen. "Da haben Sie ja schon so einiges von der Welt gesehen.", urteilt Clarke freundlich. "Sie reisen also gern?" "Das ist wahr. Ich war in meiner

Kindheit sehr ... eingeengt. Nach dem Studium zog es mich hinaus in die weite Welt." Er nickt verständig. "Und Ihr Verlag ist weltweit vertreten?" Ich grinse stolz. "Nun ja, zumindest in den gängigen Metropolen Europas." "Und Amerika?" "Das war ein Praktikum. Erfahrungen sammeln. Ich wollte wissen ob ich für den Beruf des Journalisten geeignet bin.", erkläre ich. "Und das waren Sie nicht?" Ich schüttle den Kopf. "Nicht so richtig. Das schreiben macht mir zwar Spaß, aber ich hab's nicht so mit Regeln und als Journalist musst du dich an so einige

Regeln halten. Außerdem gefiel mir oft nicht über was ich schreiben musste. Politik zum Beispiel. Die interessiert mich so überhaupt nicht.", plaudere ich. "Ich schreibe lieber ausführlich." "Sie schreiben?", hakt der Mediziner neugierig nach. "Nein, eigentlich nicht. Und wenn dann nur so zum Spaß." Winke ich ab. "Dann habe ich eine Idee. Wenn es Ihnen schwer fallen sollte ihre Erlebnisse mit mir im Gespräch zu teilen, wäre vielleicht das aufschreiben der Geschehnisse eine Option?" Ich nehme mir einen Moment um darüber nachzudenken. Das wäre vielleicht möglich.

"Es kann dann und wann hilfreich sein sich die Sorgen von der Seele zu schreiben. Warum hat man Ihnen das denn noch nie geraten?" "Das könnte daran liegen, dass Sie der erste Therapeut sind mit dem ich mich über meine Vergangenheit austausche.", entgegne ich. Erstaunt zieht mein Gegenüber die Stirn kraus. "Oh. Das hätte ich nicht gedacht. Heutzutage hat doch jeder einen Therapeuten." "Tja, andere vielleicht. Ich bin aber nicht wie alle anderen, Mister Clarke." "Das habe ich schon bemerkt.", entgegnet er kryptisch.

"Irgendein Vorkommnis in Ihrer Vergangenheit hat doch ganz offensichtlich ihre Probleme ausgelöst. Seit frühester Kindheit tragen Sie dieses Päckchen mit sich herum und haben noch nie darüber nachgedacht sich Hilfe zu holen?" Ich zucke die Schultern. Er nickt wissend und notiert sich etwas. "Haben Sie Selbstmordgedanken?" Diese Frage, so unverhofft gestellt und ohne mich dabei anzusehen trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. "Ähm ..." Clarke hebt den Blick. Nervöse knete ich meine schweißnassen

Hände. "Dann und wann.", gebe ich leise zu. "Wie oft haben Sie diese Gedanken?" "Als ich jünger war habe ich ständig daran gedacht. Heute ist es nur noch ein leises Flüstern." "Verstehe.", murmelt der Mediziner. "In welchen Situationen spüren Sie es?" "In einer Apotheke, auf der Autobahn, auf einer einsamen Küstenstraße ..." Ich sehe ihm fest in die Augen. "... oder in einem Hochhaus. Dann stehe ich am Fenster und überlege, ob es hoch genug ist." "Verstehe.", wiederholt er und notiert erneut etwas in sein Notizbuch. "Gut, es liegt ein kleines Stück Arbeit

vor uns, aber gemeinsam werden wir es schaffen." Zweifelnd ziehe ich die Stirn krauss. Er bemerkt es und sagt, "Zweifeln Sie nicht, Mister Thompson. Sie müssen sich stets sagen 'Ich kann das schaffen'!" Er holt Luft und fährt fort, "Suchen Sie in ihrem Leben nach etwas was Sie als roten Faden nehmen können! Etwas woran Sie sich orientieren, was Sie als großes Ganzes nehmen können." Ich denke, ich verstand was er meinte. Nach meinem Gespräch mit Clarke erbitte ich bei Schwester Miller Freigang im Park. "Frische Luft ist zwar gut. Allerdings

können wir Ihnen in den ersten Tagen noch keinen Freigang gewähren." "Wie bitte?", stöhne ich. "Ich werde doch wohl mal frische Luft schnappen dürfen?" Resolut schüttelt sie den Kopf. "Tut mir leid." Wütend will ich schon wieder abdrehen, als sie mir noch nach ruft, "Wir könnten eventuell eine Ausnahme machen, wenn Sie einverstanden sind, dass ein Pfleger Sie begleitet." "Ich bin schon erwachsen.", brumme ich ärgerlich. "Ich brauche keinen Babysitter." "Gut. Wie Sie wollen.", grinst sie und dreht sich um um zurück in ihr

Schwesternzimmer zu gehen. "Na gut.", brumme ich kaum hörbar. "Wann kann's losgehen?" Mit einem höhnischen Grinsen auf den Lippen dreht sie sich wieder um und erwidert "Sobald Sie mögen. Für heute haben Sie keine weiteren Termine mehr." "Gut. Dann sofort bitte. Ich halt's hier nämlich kaum noch aus." Ich betone die Worte extra nur für sie. "Schade, dabei sind Sie doch erst einen Tag hier." Beleidigt bleibe ich mit verschränkten Armen stehen. "Wollen Sie sich eventuell Ihren Mantel holen? Es ist ziemlich frisch da draußen.", rät sie und bleibt mit ebenso

verschränkten Armen angriffslustig vor mir stehen. Stimmt ja. "Klar doch.", murmle ich und gehe in mein Zimmer um Mantel und Schal zu holen. Anschließend folge ich ihr ins das Untergeschoss wo sie einen Pfleger, der abwartend im Durchgang zum Speisesaal herumsteht anspricht. "Mister Lincoln, wären Sie eventuell so freundlich Mister Thompson hinaus in den Park zu begleiten? Er möchte gern etwas frische Luft schnappen." "Klar doch.", erwidert der angesprochene freundlich und ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Vielleicht ist er Raucher und sieht die

Chance gekommen eine extra rauchen zu können. "Gut. Dann bis später, Mister Thompson. Und melden Sie sich bei mir wenn Sie wieder da sind!" Damit lässt sie mich mit Lincoln allein. "Hi. Ich bin Sebastian.", meint er und reicht mir die Hand. Erfreut ergreife ich sie. Sebastian scheint in Ordnung zu sein. "Michael." "Prima." Er sieht sich um. "Wartest du kurz hier, während ich meine Jacke hole?" Ich nicke. "Nicht weglaufen!" Als würde ich die erste Chance die sich mir bietet für Flucht

verschwenden. Abwartend bleibe ich an eine der Säulen gelehnt stehen und warte auf seine Rückkehr. Für eine Klinik herrschte gerade Hochbetrieb. Eine Gruppe rot gesichtiger Leute durchquert die Halle. Immer im Gänsemarsch hinter einem resolut aussehenden älteren Mann hinterher. Amy hockte bei einer anderen jungen Frau und unterhielt sich angeregt mit ihr. Ihr Lachen war durch die ganze Halle zu hören. Als sie mich bemerkt winkt sie mir fröhlich zu. Ich hebe die Hand und da ist auch schon Sebastian zurück. "Prima, dass du gewartet hast!", freut er

sich. Klar, als hätte ich weg gewollt. Nebeneinander her schlendern wir durch das Eingangsportal hinaus in die kühle Winterluft. Es war tatsächlich ziemlich kalt. Ob in Dänemark bei Thea das Wetter ähnlich ist? "Und erzähl mal, Michael, weshalb bist du hier?" Und zum dritten mal in den letzten Tagen erzähle ich einem völlig Fremden eine abgespeckte Version meiner Lebensgeschichte. "Krasser Scheiß!", urteilt Sebastian danach. "Dann wäre ich denke ich auch durchgedreht." "Hast du noch nie etwas probiert?", frage

ich mit tatsächlichem Interesse. "Klar, probiert habe ich es schon. Cannabis." Er sieht mich an. "Aber bis auf ein zwei mal auf Partys, habe ich es dann doch nie wieder genommen." "Du glücklicher!", murmle ich. "Kumpel, wenn ich so viel Scheiße erlebt hätte wie du, hätte ich es sicher auch rergelmäßiger genommen." Ich hatte da keinen Zweifel. "Sei froh das du es nicht getan hast! Sonst wärst du jetzt an meiner Stelle." Mit einem Kopfnicken deute ich zurück auf das Klinikgebäude. "Ach so schlimm ist es hier doch gar nicht.", lacht

Sebastian. "Pha." "Na gut, die Miller ist echt ne Klasse für sich. Aber sie ist fair und im Grunde auch nett." "Tatsächlich?" Erstaunt bleibe ich einen Moment stehen und sehe ihn zweifelnd an. "Ja. Ich kenne sie schon übere fünf Jahre. Lass ihr Zeit zum warm werden!" "Okay ich werd's versuchen." Wir gehen weiter. "Ganz schön strenge Regeln hier.", meine ich nach kurzem Schweigen. "Das muss sein. Du glaubst ja gar nicht was hier sonst abgehen würde.", lacht er. "Wir hatten hier mal so eine Sängerin.

Die hat gleich in ihrer ersten Nacht den ersten Ausbruchsversuch unternommen." "War's ne berühmte Sängerin?" "Klar. Sehr berühmt. Jazz oder so." "Warum wollte sie wieder weg? War sie nicht freiwillig hier?" "Nö. Ihr Manager hat sie einliefern lassen. Der machte sich ernsthaft Sorgen um sie." "Nahm sie Drogen?" Er nickt. "Genau genommen nimmt sie sie wohl immer noch. Denn sie kommt immer wieder mal her." "Also haben die Therapien keine Erfolgsaussichten?" Meine Aussicht schwindet. "Doch, na klar. Aber wenn man in den

Kreisen unterwegs ist, wo jeder was nimmt, fällt es schwer als einziger 'nein danke' zu sagen.", erklärt Sebastian. Ich stoße die Hände in die Manteltaschen, die schneidende Kälte machte mir Beine. Aber ich wollte noch nicht wieder zurück. Wenigstens bis zu dem See wollte ich gehen. Der See lag inmitten von sicherlich im Frühling wieder saftig grünen Wiesen. Ein Wanderweg umrundete ihn. Sebastian und ich schafften es bei diesen Temperaturen gerade mal bis zur Hälfte. "Lass uns umkehren! Ich glaube es wird gleich anfangen zu schneien.", meint Sebastian. Ich stimme ihm

zu. "Bei besserem Wetter gehen wir mal auf die andere Seite. Dort ist ein schönes Café." Er redet als wäre ich ein kleines Kind das Beschäftigung braucht. Doch ich nehme es ihm nicht übel, denn irgendwie war ich gerade ein unmündigem Kind nicht gerade unähnlich. Zurück in der Klinik, habe ich das Gefühl in Sebastian einen Kumpel auf Zeit gefunden zu haben. Schon fühle ich mich nicht mehr all zu sehr allein.

30.

“Hast du gut geschlafen, mein Schatz?”, fragt Oma als ich in ihr Zimmer komme.  “Aber sicher. Die Betten bei Mrs. Carstensen sind äußerst bequem.”, grinse ich. “Dazu die gute Meeresluft.” “Du redest schon wie eine waschechte Britin.” “Was? Echt?” “Ja, du merkst es sicherlich gar nicht mehr. Es sind so Kleinigkeiten. Wie du sprichst, deine Körpersprache, deine ganze Art.”  Zweifelnd hebe ich die Augenbrauen. “Das kann ich mir nicht vorstellen. Nach so kurzer

Zeit.” “Ach, mein Schatz, das ist mir sogar damals aufgefallen als du nur ein halbes Jahr in England warst.” Ihr Lächeln ist warm und ehrlich. Glücklich stelle ich fest, dass sie langsam wieder die alte wird. Die Operation war nun sechs Tage her und sie hatte sie scheinbar gut überstanden.  “Und wie geht es deinem Freund?” Tja, wie geht es ihm? Keine Ahnung. Seitdem ich hier war hatten wir keinen Kontakt mehr. Michaels Handy war ausgeschaltet. Er meinte ja, dass er auf Geschäftsreise müsse. Vielleicht war er dabei stark eingespannt. Trotz meiner Unkenntnis über seinen

Gesundheitszustand antworte ich Oma, “Es geht ihm gut, Oma. Ich soll dich lieb grüßen. Unbekannterweise.” “Das freut mich! Und ich freue mich, dass du endlich glücklich bist!” Sie strahlt mich aus dem Bett heraus an. Zufrieden grinsend nehme ich die verblühten Blumen aus der Vase und stelle einen frischen Strauß den ich mitgebracht hatte hinein.   “Wunderschön.”, quittiert sie meine Verschönerungsaktion.  “Ja, nicht! Ich hab ihn aus dem kleinen Blumenladen am Markt. Total süß!”, schwärme ich. “Auch die Bäckerei ist herrlich. Super leckere Kuchen!” “Oh ja. Ich weiß.”, lächelt sie

zustimmend. “Ich bin auch ganz begeistert von diesem Ort.” Ich nicke. Drejö war wunderschön. Sicherlich im Sommer noch mehr, aber auch jetzt hat es seinen Reiz.  “Ich habe hier auch noch etwas anderes gefunden.”, meint Oma kryptisch. Neugierig sehe ich sie an. “So, was denn?” “Einen treuen Begleiter.” “Was?” “Einen Hund, mein Schatz.” Erstaunt ziehe ich die Stirn krauss. “Was? Einen Hund? Du willst dir einen Hund kaufen?” “Na ja, ich hatte es vor. Doch jetzt.” “Das wollte ich auch gerade sagen. Du

kannst du jetzt nicht ernsthaft daran denken dir einen Hund zuzulegen.”   “Einen Hundewelpen.”, klärt sie mich lächelnd auf.  “Auch das noch. Na, jedenfalls wird das nicht gehen. Du wirst einige Monate nicht richtig laufen können. Wie solltest du da einen Welpen erziehen?” “Ja leider hast du recht.” Schweigend sehen wir uns einen Moment an. Oma ist traurig, das sehe ich ihr an. Sicher hatte sie sich auf das Tier gefreut. Doch nun … “Weißt du, es ist passiert gerade als wir spazieren waren. Am Strand.” “Was passierte?” “Der Unfall, mein

Schatz.” “Du hast dir beim spazieren gehen den Knöchel gebrochen?” “So ist es.” Ein nervöses Lachen kommt aus der Kehle meiner Großmutter. “Ich ging gemeinsam mit Juliane und dem Hund am Strand spazieren. Ich spielte mit ihm. Warf Stöckchen und einen Ball.  “Wer ist Juliane?”, hake ich nach. “Sie ist die hiesige Züchterin für Cavalier King Charles Spaniel.”  “So einen wolltest du dir kaufen?” “Oh ja, ich liebe diese Rasse! So niedlich.”, schwärmt Oma. Da hat sie recht. Auch ich mag diese Rasse sehr.  “Theoretisch würde auch zu dir ein

solcher Hund gut passen.” Ein Spitzbübisches Lächeln ziert Omas Gesicht.   Ich wiegle ab. “Nein, nein, nein. Oma, ich lebe mich gerade erst ein in London. Ich wohne in einer WG. Ich kann mir nicht einfach einen Hund anschaffen. Das muss gründlich überlegt werden.” “Das ist es ja. Du überlegst immer so viel, mein Kind. Hör einfach einmal auf dein Herz!” Oh Oma, das tat ich einst und wohin hat es mich geführt? Zu der Leiche meines Freundes in meinem Badezimmer. “Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn du das mit dem Hund regeln könntest. Juliane wartet auf Nachricht von mir. Ich

kann es ja leider nicht selbst tun.”, plaudert sie und deutet mit der Hand an ihrem Körper herab. Ich nicke. “Stimmt. Klar, das mache ich.” “Hallo, mein Name ist Anthea van der Woodsen.”, grüße ich als mir die Tür geöffnet wurde. “Oh hallo. Sie sind Marie-Theres Enkelin oder?”, fragt die Frau vor mir. Ihr blondes mittellanges Haar trägt sie offen so das es ihr knapp über die Schultern fällt. Sie hat wachsame blaue Augen die mir freundlich entgegen blitzen.  “Die bin ich.”, lache ich. “Meine Großmutter meint ich soll mich um die

Angelegenheit kümmern.” “Gern. Kommen Sie rein!” Frau Sørensen tritt beiseite um mich einzulassen. Kaum öffnet sie die Tür ein Stück weiter als uns schon mehrere junge Hunde um die Füße springen.  “Herje, sind die aber süß!”, jubel ich fröhlich und gehe in die Hocke um die Tiere zu streicheln.  “Ja, das sind sie, nicht wahr! Ihre Großmutter hatte sich gerade für diesen kleinen Mann hier entschieden ...” Sie beugt sich hinunter und nimmt einen weißen Welpen mit großen hellbraunen Flecken in die Arme. “... als sie verunfallte.” “Ja, sie hat mir davon erzählt. Blöde

Sache.”, beginne ich mein Anliegen zu schildern. Doch dann werde ich von dem Welpen auf ihrem Arm unterbrochen, der mich mit seinen braunen Knopfaugen aus seinem süßen Gesicht anbettelt ihn zu streicheln. Abwesend folge ich und kraule dem Tier hinter den langen Ohren. “Bist du aber süß!”, seufze ich und stupse ihn mit dem Zeigefinger auf die Nase. Das Tier hält ganz still und starrt mich freundlich an. Umso schwieriger fällt mir was ich gleich zu verkünden habe.  “Ähm … Mrs. … ähm, ich meine Frau Sørensen, ich bin eigentlich heute hier um Ihnen zu sagen, dass meine Oma … also das Marie-Therese von … von

…” Aufmerksam beobachtet sie mich. Sie und der Welpe, der erwartungsvoll zu mir aufblickt. Ich weiß nicht was mich geritten hat, aber anstatt von dem Kaufvertrag für den Hund zurück zu treten, sage ich, “Meine Oma hat mich heute hergeschickt das zu regeln. Aufgrund ihres Unfalls und dem daraus resultierenden Gesundheitszustands ist meine Oma in der nächsten Zukunft leider nicht in der Lage sich um einen Welpen zu kümmern.” “Das sehe ich natürlich ein.”, lenkt Frau Sørensen sofort ein und setzt den Hund zurück auf den

Boden.  “Aber ich hätte Interesse.”, füge ich schnell hinzu.  Sie richtet sich vollends auf und sieht mich aufmerksam an, “Wirklich?” Ich nicke bekräftigend. “Ja ganz sicher. Und ich hätte gern den, den meine Oma sich ausgesucht hatte.” Mit der Hand deute ich auf den Hundjungen zu meinen Füßen. Er hatte sich nicht entfernt und war stattdessen direkt neben meinen Füßen sitzen geblieben. Juliane Sørensen blickt von mir zu dem Hund und zurück. “Na gut, mich würd's freuen! Die anderen Welpen haben bereits einen neuen Besitzer gefunden, er würde als einzigster übrig

bleiben.”  “Na das kann ich doch unmöglich zulassen.”, lache ich und hocke mich erneut hin um meinen zukünftigen Hund zu liebkosen. Da fällt mir ein, dass ich keine Ahnung habe wieviel ein solcher Welpe kostet. Langsam erhebe ich mich. “Ich wollte … ich muss noch fragen wie viel kostet der Hund denn eigentlich?” Sørensen winkt ab und lacht, “Das ist doch schon längst erledigt.” Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch. “Wirklich?” “Natürlich. Ihre Großmutter hatte ihn bereits gekauft. Deshalb hatte ich jetzt auch Sorge ich müsse ihr das Geld zurück zahlen. Ich habe es nämlich gar

nicht mehr. Es ist komplett in die Impfungen der Tiere geflossen.”, erklärt sie ehrlich. Ich nicke. “Ich verstehe. Nein, Ihre Sorge ist unbegründet. Ich nehme den Hund sehr gern!” “Schön. Dann kommen Sie mal mit in die Wohnstube!” Ich folge ihr in besagtes Zimmer wo die anderen Hunde bereits kreuz und quer durch den Raum flitzen. Mein Hund lief Schwanzwedelnd hinter mir her.  “Setzen Sie sich! Möchten Sie etwas trinken?”  “Kaffee, wenn möglich.” “Natürlich. Moment bitte. Sie können die Zeit ja nutzen um sich mit ihrem neuen

Gefährten bekannt zu machen.”  Und das tat ich. Da ich nicht wusste, ob bei Frau Sorensen Hunde auf dem Sofa erlaubt waren, setze ich mich hinunter auf den Fußboden. Kaum hat mein Hintern den Boden berührt sitzt auch schon mein kleiner Freund auf meinem Schoß. “Du bist so süß!”, säusel ich und merke erschrocken, dass ich in seiner Nähe sofort in eine Art Babysprache verfalle.  Er stellt sich auf mir auf die Hinterpfoten, legt die Vorderfüße auf meine Schultern und leckt mir über das Gesicht.  Lachend schiebe ich ihn von mir. “Hey, küssen darf mich nur einer.

Okay?” “Daran wird er sich sicher gewöhnen. Wenn Sie es ihm nur oft genug sagen.”, lacht Frau Sørensen die mit einem Tablett zurückgekehrt war. “Ich werd mir Mühe geben. Obwohl ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob ich tatsächlich das Richtige tue.”, gebe ich leise zu. “Dabei kann ich Ihnen nicht helfen. Mir ist nur wichtig, dass meine Hunde in ein gutes Zuhause kommen.” “Das hat er bei mir. Das verspreche ich!” Was würden Ana, Vik und Michael zu dem kleinen Kerl sagen?  “Da bin ich sicher.” Lächelnd schenkt sie mir eine Tasse Kaffee ein und reicht sie

mir auf den Boden. Sie schien davon auszugehen, dass ich hier sitzen bleiben wolle, denn sie setzt sich so, dass wir uns gut unterhaltenkönnen.   “Erzählen Sie mal etwas von sich!” “Ähm …” Ich hole tief Luft. “... ich bin vor einiger Zeit nach London gezogen und wohne dort in einer WG.” “In einer WG? Und Ihre Mitbewohner haben nichts dagegen?” Ich zucke die Schultern. “Ehrlich gesagt, keine Ahnung.”, lache ich. “Aber ich bin im Begriff mit meinem Partner zusammen zu ziehen.” Das war zwar geschwindelt, aber es erschien mir richtig. “Ach so.”, lacht sie und scheint

erleichtert.  “Ja, also, ich gehe gern spazieren und bin auch sonst viel draußen. Und ich arbeite von zu Hause aus. Das ist doch auch gut wenn man einen Welpen zu versorgen hat oder nicht?”, plaudere ich. “Das ist wahr.”, nickt sie. “Was tun Sie denn beruflich?” “Ich bin Autorin.” “Und davon kann man leben?” Ich zucke die Schultern. “Es ist machbar. Aber dann und wann bin ich doch ganz froh eine kleine Finanzspritze von meinen Eltern zu bekommen.”, lache ich entschuldigend. Sie stimmt in mein Lachen ein, “Das kann ich mir

denken.” “Muss ich … muss ich eigentlich noch irgendwas wissen? Über den Hund meine ich.”, frage ich kurz danach. “Nun ja, Sie müssen sich natürlich einen Tierarzt suchen. Und Sie brauchen ein paar Dinge.”, kichert sie. “Hundenäpfe, Körbchen, Futter, …”, zählt sie lachend auf. Grinsend winke ich ab. “Das war mir klar. Okay, gleich wenn ich im Dezember zurück in London bin suche ich mir den besten Tierarzt der Stadt.”, verspreche ich. “Der beste muss es nicht sein, ein guter reicht völlig.”, erwidert sie

lächelnd. Drei Tassen Kaffee und viele Fragen später verlasse ich mit Stuart, so habe ich den süßen kleinen Kerl genannt, Frau Sørensons Haus. Und erst als ich an der Pension in der zuerst Oma und nun ich untergebracht bin ankomme, dämmert es mir, dass ich überhaupt nicht weiß, ob Hunde in der Pension überhaupt erlaubt waren. Zerknirscht betrete ich mit dem Hund auf dem Arm das Haus.  “Dann wollen wir mal sehen, ob wir gleich obdachlos sind wegen meiner Unachtsamkeit.”, murmle ich leise in das Ohr des Hundes.  Er legt den Kopf schief und sieht mich

mit einem Blick an als würde er jedes meiner Worte verstehen. “Hallo Fräulein van der W....”, grüßt Frau Carstensen freundlich und verstummt als sie den Hund sieht. Schon das Schlimmste befürchtend will ich sofort realistische Argumente die für den Hund sprechen vortragen, doch ihr Gesichtsausdruck lässt mich innehalten.  “Ja wahnsinn! Ist der süß!”, jubelt sie und ist mit wenigen Schritten bei uns. “Der ist doch bestimmt von Juliane aus Bjerreby drüben oder?” “Ähm … ja.”, murmle ich. “Ja, ihre Hunde sind die besten. Sie sind sogar prämiert.” Erklärt sie mit einem Stolz in der Stimme als würde sie über

ihre eigenen Erfolge sprechen.  “Ja, sie sagte so etwas.” “Und Sie haben sich also auch einen ausgesucht? Das war eine weise Entscheidung!” “Ähm … auch? Nein, meine Oma hat ihn ausgesucht.” “Ja aber, sie kann doch jetzt nicht …” Abwehrend hebe ich die Hände. “Sie haben recht. Das kann sie nicht. Nein, es ist vielmehr so, dass sie ihn sich ausgesucht und auch schon bezahlt hat. Ich habe ihn sozusagen übernommen.”, erkläre ich geduldig. “So ist's recht. Und Sie nehmen ihn mit nach England?” “Klar, passt doch auch viel besser

oder?”, grinse ich. “Die Rasse ist schließlich eine britische.”   So war es schließlich abgemacht. Wider erwartend hatte Frau Carstensen nichts gegen Hunde in ihrem Etablissement einzuwenden. Sie hat wohl selbst zwei Yorkshire Terrier, wie sie sagte. Sie gab Stuart sogar Futter für den heutigen Abend, damit ich nicht heute noch losfahren müsste welches besorgen. Die nächste Zoohandlung war außerdem ein kleine Weltreise entfernt. Bis nach Svendborg musste man Gewässer überqueren und noch ein gutes Stück über Land tuckern. Diese Strapaze, meinte sie sollte ich dem Kleinen auch nicht antun.

Stattdessen bot sie an am morgigen Tag auf Stuart aufzupassen während ich für ihn shoppen gehe. Nach dem Abendbrot schnappe ich mir Stuart für eine letzte Runde vor dem Schlafengehen.  Ich renne mit ihm an der von Juliane geliehenen Leine am Strand entlang und hüpfe gemeinsam mit ihm in die seicht ans Ufer schwappenden Wellen. Ich kann getrost behaupten, dass wir beide großen Spaß hatten.   Nun liegt der Kleine erschöpft am Fußende auf meinem Bett und schläft seelig.   Fasziniert betrachte ich unseren neuen

Mitbewohner. Es wurde Zeit, dass Ana und Vik ebenfalls von ihrem Glück erfahren. Ich greife nach meinem Handy, setze mich neben ihn und wähle die Nummer von Zuhause. “Hallöchen.”, flötet Ana's Stimme durch den Hörer. “Hi Ana, ich bin's Thea.” “Hey, wie geht's deiner Granny” “Sie erholt sich recht gut. Es geht aufwärts.”, berichte ich.  “Da bin ich froh!” “Ich auch. Du, ich … das ist aber nicht der Grund weshalb ich anrufe.” “Nicht, weil ich dir gefehlt habe?”, lacht sie. “Tut mir leid, dich enttäuschen zu

müssen, aber leider nein.”, lache ich.  “Geht es zufällig um einen Vierbeiner?” Woher wusste sie das nun schon wieder? “Ähm … was?”, keuche ich. “Ich hatte so eine Eingebung. Gerade als das Telefon klingelte.” Ich schlucke. Ihr konnte man wirklich nichts vormachen. “Du hast … ähm recht.” In diesem Moment schien Stuart im Schlaf etwas zu träumen. Ein leises Wimmern mit abschließenden Bellen kommt aus seiner kleinen Schnauze.   “EIN HUND!”, kreischt Ana. Erschrocken zucke ich zusammen und schütze instinktiv mein Gehör indem ich das Handy weg

halte. Vorsichtig halte ich es mir wieder ans Ohr, “Ähm … genau. Ich habe einen Hund gekauft.”, gebe ich leise zu. “Cool!”, jubelt sie. “Wirklich?”, hake ich verwundert nach. “Du findest es wirklich gut?” “Klar!” “Aber … aber ich habe euch gar nicht nach eurer Erlaubnis gefragt und … und ....” “Thea, es ist in Ordnung. Außerdem …” “Ja?” “Was ich in der letzten Zeit so mitbekommen habe … sieht es eher so aus, als würdest du nicht mehr lange bei uns

wohnen.” “Was? Wieso?”, keuche ich. Sofort kommt mir das Bild wie ich mit Stuart und meinen Möbeln draußen im Regen stehe in den Sinn. “Na weil du sicher bald bei jemand anderen einziehen wirst.” Förmlich kann ich ihr wölfisches Grinsen vor mir sehen. “Ach so.”, dämmert es mir. “Du meinst …” “Ja genau, meine Liebe. Dein Schatz und du ... bei euch geht's ja ganz schön heiß her.”, lacht sie.    Peinlich berührt fahre ich mir durch die Haare. “Ähm …” “Ist schon gut, Süße. Ich freu mich, dass ihr euch wieder gefunden

habt! “Ich mich auch.”, murmle ich. “Aber ich kann dir versichern, dass ich in der WG wohnen bleibe! Wie du schon sagst, haben Michael und ich uns gerade erst wieder gefunden. Ich will es nicht versauen in dem ich gleich zu viel Zeit mit ihm verbringe. Zuviel Nähe kann sich negativ auswirken, weißt du.” “Verstehe.”, lacht sie wissend. “Ich lass mich überraschen.” “Ich versichere dir, ich bleibe bei euch wohnen.”, bekräftige ich meine Aussage. “Ich meinte doch den Hund. Ich bin gespannt wie er ist.”, lacht Ana und irgendwie habe ich das Gefühl das sie mich gerade

anschwindelt. Ich berichte ihr von Stuart und wir plaudern und fantasieren darüber wo wir gemeinsam mit ihm spazieren gehen können.  Schlussendlich verspricht sie mir, dass auch Vik einverstanden sein wird. Sie war ohnehin in der letzten Zeit viel unterwegs und nur selten zu Hause.  “Wirklich? Wo steckt sie denn nur immer?” “Keine Ahnung.”, stöhnt Ana. “Vielleicht hat sie ja auch jemanden kennengelernt.”, überlege ich laut. “Ja, vielleicht. Aber was wird Nic dazu sagen?” “Hm. Oder ist er es mit dem sie ständig

zusammen ist?” “Nee, der stand letztens hier vor der Tür und hat sie ebenfalls gesucht.” “Seltsam.”, sage ich nachdrücklich.  “Ja.”, stimmt sie leise zu. “Überhaupt hat sie sich in der letzten Zeit stark verändert.” “Ehrlich gesagt ist mir das auch schon aufgefallen. Ich wollte mir aber keine Meinung anmaßen, da ich die Neue bin.” “Alles okay. Wir sind alle gleichberechtigt. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um sie.”, murmelt sie grüblerisch. “Weil sie sich so stark verändert hat?” “Ja.” “Können wir ihr irgendwie

helfen?” “Hm … aber wie?” Da hatte ich leider auch keine Meinung zu. “Von Dänemark aus kannst du eh nichts ausrichten.” “Da hast du wohl recht.”, murmle ich zustimmend. “Kümmere du dich erstmal um deine Granny! Und wenn du wieder da bist, können wir uns um die Baustelle Viktoria kümmern.”, lacht sie. “Okay.” “So, ich muss dann mal los. Bin verabredet.”, verkündet sie. “Grüß' mir den Kleinen!” “Stuart oder Michael?”, frage ich

grinsend. “Michael sieht nicht so aus, als wäre irgendwas an ihm klein.”, lacht sie frech. “Du Luder!”, kichere ich peinlich berührt. “Hab dich lieb! Viel Spaß noch!” “Wünsch' ich dir ebenfalls. Genieß' den Abend!” Damit legt sie zuerst auf.    Nun musste nur noch Michael von meinem anderen Schatz erfahren. Zum wiederholten mal versuche ich ihn zu erreichen. Ohne Erfolg. Sein Handy war noch immer ausgeschaltet. Wo steckte er nur? Doch erfahren musste er es. Nein, er sollte es, weil ich keine

Geheimnisse vor ihm haben wollte. Wenn Michael telefonisch nicht erreichbar war, musste es eben eine Mail tun. Aber wie verdammt war seine Mailadresse. Was bin ich denn für eine Freundin, die die Mailadresse ihres eigenen Freundes nicht kennt.    Wie konnte ich jetzt an sie herankommen. Nach einigem hin und her grübeln komme ich zu dem Entschluss das ich nicht umhin komme in seinem Verlag anzufragen. Zielsicher suche ich im Internet nach der richtigen Internetseite. Rasche finde ich sie und suche nach den Kontaktdaten.  Michael meinte einmal das seine persönliche Assistentin oder Sekretärin

oder so was auch immer Jane heißt. Leider kenne ich ihren Nachnamen nicht. Also versuche ich einfach mein Glück indem ich an die allgemeine E Mailadresse kontaktiere und die Mail an eine gewisse Jane, persönliche Assistentin von Mister Thompson junior adressiere.   “Sehr geehrte Dame. Leider kenne ich Ihren Nachnamen nicht. Sie mögen es mir bitte verzeihen, aber ich kenne Sie durch Mister Thompson. Ich suche ihn und kann ihn leider seit einigen Tagen nicht mehr erreichen. Und da sein Mobiltelefon ausgeschaltet ist versuche ich es auf diesem Weg. Können Sie mir eventuell sagen wo er sich befindet oder

wie ich ihn erreichen kann? Ich danke Ihnen im voraus. Und wie gesagt, bitte verzeihen Sie!  Mit freundlichen Grüßen …” Jetzt hieß es warten. Am Morgen wurde ich von einem mir unbekannten Geräusch geweckt. Irgendetwas winselte und klackerte im Zimmer. Was war das? Verschlafen räkel ich mich. Schon springt Stuart zu mir auf's Bett und beginnt winselnd mit seiner nassen Zunge mein Gesicht abzulecken. “Hey, hey.”, lache ich und schiebe ihn sanft von mir weg. “Du musst raus, was?”  Er bellt

zustimmend. So würde es wohl von nun an immer laufen. Er bellt und ich springe. In wenigen Minuten bin ich fertig angezogen. Stuart’s Winseln drängt mich zur Eile, sodas ich auf das Zähneputzen verzichte und mir stattdessen eilig meinen Mantel anziehe. “Na komm, kleiner Mister!”, fordere ich lachend und greife nach der Leine. Stuart hüpft aufgeregt und wie ein Flummiball vor der Tür auf und ab. Ich hätte gar nicht gedacht, dass er mit seinen kurzen Beinen dazu überhaupt fähig ist. So früh am Morgen und zu dieser Jahreszeit waren kaum Menschen

unterwegs.  Stuart lief schnüffelnd mal hierhin, mal dorthin und ich die Leine in der Hand haltend unbeholfen hinterher. Daran könnte ich mich gewöhnen. Nein, das musste ich jetzt wohl sogar. Lächelnd tappe ich verschlafen hinter meinem Hund hinterher.     Zurück in der Pension entdecke ich die Mail die frisch in mein Mail Postfach geflattert war.  “Sehr geehrte Miss van der Woodsen. Selbstverständlich weiß ich wer Sie sind. Mister Thompson hatte angeordnet, dass Sie stets vorrangig behandelt werden sollten. Doch leider kann auch ich Ihnen über den derzeitigen Aufenthaltsort von

Mister Thompson keine Auskunft geben. Er musste kurzfristig verreisen und hat mir Anweisungen für seine Abwesenheit ebenfalls nur per Mail zukommen lassen. Sobald er sich bei mir meldet, werde ich ihm ausrichten, dass Sie sich gemeldet haben. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mit mehr weiterhelfen konnte. Hochachtungsvoll, Jane MacDonald.”  Seufzend schließe ich die Anwendung. Wo steckt er nur?

31.

"Guten Morgen, Michael!", grüßt Lily und zieht die Vorhänge an meinen Fenstern auf. Verschlafen reibe ich mir die Augen und setze mich auf. Zu dieser unchristlichen Zeit aufzustehen war ich gar nicht mehr gewohnt. Jeder Morgen um 7:30. Was für ein Luxus ist doch das Ausschlafen! Ich habe Lily dazu gebracht, mich seit ein paar Tagen beim Vornamen anzusprechen. Denn immer wenn eine schöne Frau 'Mister Thompson' zu mir sagt, assoziiert das bei mir das Innere Bild wie sie mit devotem Blick an mir sexuelle Gefälligkeiten ausführt. Solche

Phantasien wollte und konnte ich um keinen Preis gebrauchen. “Haben Sie gut geschlafen?” Ich nicke und gähne. “Ja doch. Was steht heute an?” “Heute ist Ihre erste Gruppentherapie. Gleich nach dem Frühstück.” “Okay.” Mal wieder etwas neues. “Und wie läuft das ab? Sitzen wir alle im Kreis und hecheln unsere Vergehen durch während der Therapeut schweigend da sitzt und sich in sein geheimnisvolles Notizbuch Notizen macht?”, scherze ich.  Meine gute Laune war seit einigen Tagen wieder da. Überhaupt entdecke ich, jetzt wo mein Hirn nicht dauerhaft von Drogen vernebelt wird ganz neue Seiten

an mir. Ich bin geduldig, ein guter Zuhörer, bin zu jedermann freundlich und ich hatte tatsächlich Spaß. Ja, es machte mir tatsächlich Spaß mal Zeit mit anderen Menschen zu verbringen.   Auch die anderen Patienten scheinen mich zu mögen.  Amy saß bei jeder Mahlzeit an meinem Tisch. Mittlerweile wusste ich noch mehr über sie. Amy redet gern und viel, und vor allem über ihr Leben vor der Klinik. Mit ihren 26 Jahren war sie deutlich jünger als ich und ich entwickelte eine Art Beschützerinstinkt, ganz wie das eines älteren Bruders. Bereits am dritten Tag setzte sich dann noch ein ausgemergelter Mann mit an unseren

Tisch. Seine olivfarbene Haut war dünn wie Papier, sein rabenschwarzes Haar stumpf und er redete zunächst nicht viel. Doch als Amy von einem Freund der Drummer in einer Band ist anfing zu erzählen taute er auf und beteiligte sich rege an unserem Gespräch. Selbst seine braunen Augen begannen zu strahlen. Auch er spielte einst in einer Band. Bis sie ihn wegen seiner Alkoholsucht für unerträglich hielten und ihn rausgeschmissen haben. Rajid verlor jede Lust am Leben und stürzte sich noch mehr in die Sucht. Seine Mutter war es schließlich, die es nicht mehr aushielt ihren erst 30 jährigen Sohn so vor die Hunde gehen zu sehen und ließ ihn

einweisen. Seit drei Monaten war er nun hier und versuchte sein bestes.  Stanley Hopper, ein weiteres Mitglied unserer Gang kam vorgestern dazu. Mit ihm verstand ich mich am besten, was nicht nur an unserem geringen Altersunterschied von gerade mal zwei Jahren lag. Er ähnelte ein bißchen Jack. Nicht vom Aussehen her, denn er hat blondes mittellanges Haar und blaue Augen, aber vom Wesen. Irgendwie schwammen wir auf derselben Wellenlänge. Wie ich ist er Geschäftsmann, Leiter einer Modelagentur. Schon berufswegen war er daher stets den Verlockungen der Drogen nahe. Irgendwann war der Stress

und die Verantwortung zu groß und die verheißungsvolle Erlösung zu verlockend und er probierte selbst mal aus womit sich seine Klienten bei Laune hielten. Leider stürzte er sich zu tief hinein und fand den Weg nicht mehr hinaus. Bei ihm war es seine Frau, ein ehemaliges Model die ihm ein Ultimatum stellte. Entweder er hört mit den Drogen auf oder sie ist weg. Wie ich entschied er sich für die Frau.  Das waren wir also, die vier Musketiere, im Kampf gegen unsere inneren Monster vereint, schlagen wir uns durch das Schlachtfeld der Suchtbekämpfung.      “Hallo. Für alle neu dazu gestoßenen,

mein Name ist Sandy Watson.”  Ich mustere die junge Frau die mittig vor unserem Halbkreis auf einem Stuhl sitzt und freundlich in die Runde schaut. Ihr brünettes Haar trägt sie in einem dick geflochtenen Zopf der ihr seitlich auf die linke Schulter fällt. Ihre grünen Augen blitzen freundlich und ihr schön geschwungener Mund artikuliert die Wort sehr genau.  “Sie kenne ich zum Beispiel noch nicht.” Ihr Blick fällt auf mich. “Sie müssen Michael Thompson sein.” “Michael bitte.”, murmle ich und hebe grüßend die Hand. Ihre Augen funkeln. “Ist gut. Wir sprechen uns hier sowieso gern beim

Vornamen an.”  “Okay.” Mein Blick wandert einmal im Kreis rum. Stanley sitzt hier zwei Stühle weiter. Zwischen uns eine müde aussehende korpulente Frau mit grauen Augen und grauen Haar. Rechts neben mir sitzt ein Mann und obwohl wir etwa im gleichen Alter sein müssten, könnten wir kaum unterschiedlicher sein. Sein ganzer Körper scheint Trauer auszudrücken. Seine gebückte Haltung, der gesenkte Kopf, der teilnahmslose Blick. Dieser Mann war von Trauer regelrecht zerfressen. “Ja, dann herzlich Willkommen, Michael!”, verkündet Sandy und blickt aufmunternd in die Runde. Alle rufen

unisono “Hallo Michael.” Verlegen rutsche ich auf meinem Stuhl herum.  “Dann werde ich Ihnen jetzt mal erklären was der Sinn unserer Treffen ist.” Ich nicke stumm. “Ja also wir treffen uns regelmäßig zwei mal die Woche und reden einfach über dies und das.”, erklärt sie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da mehr dahinter steckt, aber okay. Wenn sie aber wollte das ich vor allen einen Seelenstriptease mache, hat sie sich geschnitten. Dafür bin ich der falsche Mann. “Ich würde sagen wir fangen jetzt einfach mal an und du schaust

zu.” Ich nicke erneut. “Stanley, würdest du bitte!” Er nickt und beginnt zu erzählen wie er gehofft hatte, dass die Drogen ihm Linderung verschaffen mögen, doch dann bitter enttäuscht wurde.  “Louis, möchtest du heute etwas sagen?”, fragt Sandy vorsichtig an den traurigen Kerl gerichtet als Stanley geendet hat.  Louis schüttelt traurig den Kopf.  “O-k-a-y.”, meint Sandy. “Aber irgendwann muss du dich öffnen. Du bist doch hier um Hilfe zu erhalten, oder?” Er nickt stumm. “Na dann musst du aber auch mitmachen. Verstehst du? Dir kann nur geholfen

werden, wenn du ein wenig engagement zeigst.” Er schüttelt den Kopf. Leise, so leise, dass selbst ich direkt neben ihm ihn kaum verstehen kann sagt er, “Ich … ich kann nicht. Noch nicht.” “Verstehe.”, murmelt Sandy leise und schenkt ihm ein aufrichtiges Lächeln. Ob diese Frau für's Lächeln bezahlt wird? Wie wendet sich an die Frau rechts neben Louis. “Holly, gibt es bei dir was neues?”  Die zweite Frau in unserer Runde, denn links neben Stanley saß noch eine, nickte und begann zu erzählen wie sie in dieser Woche zum ersten mal bei der

Reittherapie gewesen war.  Gelangweilt höre ich ihr zu und frage mich, was genau ich eigentlich in dieser Runde sollte und vor allem was das Ganze bringt. “Sehr schön! Es freut mich, dass du so gute Erfolge erzielst!”, lobt Sandy Holly, worauf diese sie stolz anstrahlt. “Gut.” Sandy sieht auf ihre Armbanduhr. “Wir haben noch ein wenig Zeit. Vielleicht möchte Michael doch kurz etwas über sich verraten?” Erschrocken zucke ich zusammen. “Was?” Aufmunternd sieht sie mir in die Augen.     “Ich … ich soll … Jetzt?”, stammle

ich. Sie nickt. “Wenn es dir nichts ausmacht.” “Nein. Eigentlich nicht.” “Was?”, lacht sie. “Das es dir nichts ausmacht etwas über dich zu verraten oder das du eigentlich nichts sagen möchtest?” “Was?” Ich bin verwirrt. Sie scheint meine Verwirrung zu spüren. “Vielleicht fängst du mit etwas leichtem an und erzählst uns etwas von deinem Verlag.” Das war gut. Das konnte ich. Also erzähle ich von unserem Familienunternehmen.  Am Ende der Stunde beglückwünschte Sandy mich. Sie nahm mich leicht am

Unterarm und führt mich an die Seite. “Das hast du sehr gut gemacht, Michael!” “Danke.”, murmle ich verlegen, denn ich weiß nicht was ich darauf antworten soll.  “In jeder Stunde habt ihr die Möglichkeit uns an dem teilhaben zu lassen, was ihr bereit seid zu teilen.”, erklärt sie kryptisch. Ich nicke. Sandy stellt sich mit verschränkten Armen vor mich und sieht zu mir auf. “Ich weiß, wie schwer es ist vor Fremden die Hose runter zu lassen. Aber es ist erfrischend und es tut gut sich mal den Ballast von der Seele zu

reden.” “Sowas in der Art meinte Sutherland auch schon.”, murmle ich zustimmend. “Dazu kommt, dass Außenstehende, die deine Probleme aus einem anderen Blickwinkel sehen, dir vielleicht hilfreiche Tipps geben könnten?” “Ich hatte angenommen wir sind alle wegen ähnlichen Problemen hier?” “Ja das schon.”, lacht sie. “Aber jeder hat eine andere Geschichte durchgemacht und eigene Erfahrungen gesammelt. Von diesem Potpourri der Erfahrungen kann man doch nur profitieren.” "Nun, Mister Thompson, Sie sind seit einer Woche hier, und ich muss sagen,

Sie betragen sich vorbildlich!", lobt Sutherland. "Danke.", murmle ich beschämt. Lob das mir zukam brachte mich seit jeher zum erröten.  "Ich habe daher, gemeinsam mit meinen Kollegen, beschlossen Ihnen, so zu sagen als Vertrauensvorschuss Ihre Gerät zurückzugeben. Ihr Kontakt erbost ist hiermit aufgehoben." Fröhlich lächelnd wartet er meine Reaktion ab.  Und ich freue mich tatsächlich und ich bin stolz. Endlich hatte ich mal etwas richtig gemacht.  " Dankeschön! ", sage ich erfreut. "Das bedeutet mir viel."  "Ist das so?" Der Doktor lächelt

vielsagend und legt abwartend seine Handflächen unter dem Kinn zusammen. Scheinbar wartet er auf eine Erklärung meinerseits weshalb mir diese Lockerung so viel bedeutet. Da könnte er lange warten. Zumindest noch.  Bisher hatte ich das Thema 'Thea' nur leicht angeschnitten. Ich habe keine Lust mit einem Fremden über meine wahre Liebe und was sie für mich bedeutet zu reden. Es würde außerdem bedeuten, dass ich ihm von dem wahren Grund meiner Albträume berichten muss, und dazu war ich selbst nach einer Woche und guten Vorankommen im Therapiegeschehen noch immer nicht bereit.  "Nun gut.", meint er schließlich als ich

schweige. Er erhebt sich und ich tue es ihm nach. "Dann bis in einer Woche. Und, Mister Thompson ..." "Ja?" "Weiter so!" Aufmunternd nickt er mir über seinen Schreibtisch hinweg zu.  Ich nicke und verlasse den Behandlungsraum.  Fröhlich schlendere ich in mein Zimmer zurück. Schwester Miller empfängt mich mit einem Grinsen. “Na, gute Neuigkeiten erhalten?”, fragt sie mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen. “Und was für welche.”, seufze ich. Endlich konnte ich wieder mit Thea sprechen, sie sehen wenn sie auch

wollte.  “Na dann, haben Sie jetzt frei um was auch immer zu tun bis heute Nachmittag 15 Uhr dreißig.”, erklärt sie lächelnd weiter. “Dann haben Sie Tai chi.” Ich nicke. “Ich weiß. Termine konnte ich mir schon immer gut merken.” Anschließend verschwinde ich in meinem Zimmer und schließe nachdrücklich die Tür.  Wie zu erwarten war lagen auf meinem gemachten Bett mein Smartphone und der silberne Laptop.  Ich trete an das Bett und streiche glücklich mit meiner Hand über die Geräte. Mein Tor zur Welt da draußen. Gerade mal eine Woche saß ich hier ein

und es kam mir schon wie eine Ewigkeit vor. Mit zitternden Händen fahre ich den Rechner hoch und schalte mein Handy ein.  Wie oft sie wohl versucht hatte mich zu erreichen? Oh wow! 56 Mails, 23 Nachrichten aus einem Chat und mehrere Anrufe. Alle bis auf zwei von Thea. Scheiße! Die anderen Anrufer waren das Krankenhaus meines Vaters (Vielleicht mit einer traurigen Botschaft?) einmal und Jane. Sie weiß doch, dass ich unabkömmlich bin. Ich beschließe sie als erstes zurück zu rufen.  “Mister Thompson. Wie schön!”, freut

sich meine Assistentin.  “Ja, hallo Jane. Ich war … beschäftigt … was gibt es denn?”, stammle ich ausweichend. “Ich weiß, Sir, es tut mir auch leid! Aber es gab Komplikationen in der Filiale in Manchester. Da dachte ich …” “Schon gut.”, unterbreche ich ihre Entschuldigungtriade. “Was ist denn mit dem Verlag?” Sie erklärt es mir. Eigentlich bedürfe es nun meine Einmischung. Ich müsste dringend nach Manchester fliegen. Aber das ging nun mal nicht. “Jane, so blöd es auch ist, aber ich kann hier vorerst nicht weg. Setzen Sie Shawn Thomas darauf an! Er ist ein guter Mann.

Der packt das! Ich lasse ihm freie Hand. Er soll ein Team zusammenstellen und nach Manchester fliegen. Zusammen werden sie das schon schaffen.” “Wie Sie meinen. Dann wäre da noch etwas.” “Ich höre.” “Ihr Vater wird nächste Woche entlassen und wünscht Sie zu sprechen.” “Tja, auch das ist nunmal nicht möglich zur Zeit. Sagen Sie ihm ab!” Sie schluckt. “Selbstverständlich.”, murmelt sie. “Gut. Wenn weiter nichts ist.” “Doch, da fällt mir gerade noch etwas ein, Sir.” Aufhorchend halte ich inne.

“Ja?” “Kürzlich hat mich Miss van der Woodsen kontaktiert. Sie war in Sorge, weil sie Sie nicht erreichen hat können.” Ich schlucke und fahre mir mit der Hand durch das Haar. “J-a.”, sage ich gedehnt. “Hat sie Sie angerufen oder …?” “Nein, Sir, sie schrieb eine Mail. Ich habe ihr geantwortet, dass Sie auf einer Geschäftsreise sind und noch nicht wissen wann Sie zurückkehren.” Ich schlucke schwer. “Das war … korrekt. Danke.” “Gern geschehen. Soll ich Miss van der Woodsen von ihrem Gesundheitszustand unterrichten?” “Meinem

Gesundheitszustand?” “Ja, Sir, ich versprach ihr, wenn ich etwas von Ihnen hören würde, ihr bescheid zu geben.” “Ach so.”, erwidere ich. “Das … das übernehme ich selbst.” “Selbstverständlich, Sir.”, lenkt sie höflich ein. “Sind Sie denn ab jetzt wieder regelmäßig zu erreichen oder … oder nicht?” Ich nicke. “Ja, ich war brav und bin ab jetzt wieder zu erreichen.” “Sie waren brav, Sir?”, hakt sie verständnislos nach. Mist! “Ähm, ja … ich … das war ein Scherz. Ich meine, ab jetzt können Sie mich wieder täglich ab 17 Uhr erreichen.

Vorher nicht. Dann wird mein Handy ausgeschaltet sein.” “Ich verstehe.” Ob sie ahnt wo genau ich mich befinde? Sie ist eine kluge Frau und kann locker eins und eins zusammenzählen.  “Gut … also ich habe noch weitere Telefonate zu führen. Wenn es jetzt nichts dringendes mehr gibt …”, versuche ich höflich das Gespräch zu beenden. Ich hielt es kaum noch aus, endlich Thea's Stimme wieder zu hören. “Natürlich, Sir. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag! Und machen Sie sich bitte keine Gedanken, wir halten den Laden hier schon auf Kurs.” Lachend erwidere ich, “Dessen bin ich

mir bewusst. Schließlich habe ich das Team aufgebaut. Ich bin wirklich sehr froh mit Ihnen allen zu arbeiten! Wenn Sie das bitte auf der nächsten Teamsitzung ausrichten würden!” “Selbstverständlich, Sir.” “Gut, dann wünsche ich Ihnen ebenfalls einen schönen Tag, Jane.” Ich halte mir das Gerät schon vom Ohr weg als sie noch sagt, “Gute Besserung, Sir!” Sie wusste scheinbar wo ich mich aufhielt. So viel dazu.  “Danke.”, murmle ich und beende das Gespräch. Vater zurückzurufen konnte warten. Thea war jetzt wichtiger. Scheinbar wollte sie mich dringend erreichen. Was konnte passierts ein?

Hoffentlich nichts mit ihrer Großmutter!  Nervös wähle ich ihre Nummer aus meinem Telefonregister und halte mir das Smartphone an das Ohr. Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal. Sie nahm nicht ab.  Scheiße! Sicher sieht sie das ich es bin und nimmt mit Absicht nicht ab. Ich hab es versaut, womit auch immer und sie will mich nie mehr sehen. Niedergeschlagen lasse ich meine Hand sinken.  Langsam stehe ich auf und trete an eines der Fenster. Die Sonne schien heute hell von einem außergewöhnlich blauem Himmel herab. Ein wunderschöner

Tag. “Stuart!”, rufe ich. “Stui, komm her!” Das kleine Fellknäuel kommt so schnell es kann angerannt und springt aufgeregt um meine Beine herum. Ich beuge mich herunter und kraule ihm hinter den Ohren. Fröhlich, zumindest sieht er so aus lächelt er mich an und schleckt mir über die Hand. “Möchtest du nochmal den Ball holen?”, frage ich ihn ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten. Ich hole den kleinen Gummiball aus meiner Manteltasche und werfe ihn ihm etwas weiter entfernt in den Sand. Sofort

zischt er davon und apportiert kurz darauf den Ball mit seiner Schnauze. “Braver Junge!”, lobe ich. “Na komm! Mir ist kalt. Dir auch?”  Gemeinsam sehen wir zum Himmel hinauf. Zwar strahlt die Sonne heute von einem eisblauen Himmel herab, aber es war der Jahreszeit entsprechend furchtbar kalt. In der Pension wartet ein leckeres Abendessen auf mich und eine Schale Hundefutter auf Stuart. Frau Carstensen ist eine hervorragende Köchin. Sie würde ich arg vermissen, wenn ich in zweieinhalb Wochen zurück in London

war.  “Na, war's schön?”, fragt Oma als wir erhitzt und fröhlich in unser Hotelzimmer gestürmt kommen.  “Herrlich war es!”, schwärme ich. “Ich hätte nie gedacht wieviel Spaß es macht mit einem Hund spazieren zu gehen!” “Es gibt solche und solche Tage, das muss ich dir sagen. Es werden auch mal Tage kommen, wo das Wetter schlecht ist oder du dich nicht wohlfühlst, aber der Hund muss dann dennoch hinaus.”, warnt sie.  “Das ist mir bewusst, Omi.”, lache ich. “Ich habe nachgedacht bevor ich mich dazu entschlossen habe ihn

aufzunehmen.” Marie-Theres zieht die Stirn krauss. “Na ja, zumindest zwei Minuten lang.”, gebe ich lachend zu und puste mir eine Strähne aus der Stirn.  “Das klingt ganz nach dir, mein Schatz. Alles stets gut geplant und durchdacht.”, stimmt sie in mein Lachen ein. “Und, wie lange wirst du noch meinen Babysitter spielen?”, fragt sie nachdem sie wieder Luft geholt hat. “So lange, meine Liebe bis es dir wieder besser geht.” “Aber mir geht es doch bestens.”, erwidert sie fröhlich und sieht aus ihrem Sessel zu mir auf. “Du musst nicht hier bleiben und deine anderen

Verpflichtungen vernachlässigen.”  “Welche anderen Verpflichtungen denn?”, lache ich. “Na gewisse … Leute und natürlich deine Arbeit.” “Omi, arbeiten kann ich von überall auf der Welt.” Ich gehe vor ihrem Sessel in die Hocke und nehme liebevoll ihre Hand in meine. “Und ich möchte um nichts auf der Welt dich vernachlässigen! Du bist die einzige Person die gerade wichtig ist.” “Ach Kindchen.”, lächelt sie und streichelt mit ihrer rauen Hand meine Wange. “Ich bin alt und gehöre zu deiner Vergangenheit. Die Zukunft ist es um die du dich nun kümmern

solltest.” Erstaunt ziehe ich die Stirn krauss. “Oma, wie redest du denn? Wer sagt das du nur zu meiner Vergangenheit gehörst?” “Tue ich doch. Ich bin deine Großmutter.” “Eben. Und damit gehörst du zu meiner Vergangenheit, Gegenwart und meiner Zukunft. Ich wünsche, und das ist ein Befehl, dass du bei meiner Hochzeit anwesend bist, der Taufe meiner Kinder bei wohnst und wir deinen einhundertsten Geburtstag zusammen feiern!”, fordere ich ernsthaft.  “Siehst du, jetzt sagst du es selbst, es gibt jemanden in London um den du dich

kümmern musst.” Ihr verschmitztes Lächeln lässt mein Herz schmelzen. “Jemanden der die Zukunft mit dir teilen möchte.” Sie hat ja recht. Aber ich weiß nicht genau woran ich bei dieser besagten Person bin.  Vor meiner Abreise war alles gut. Wir hatten die schönste Nacht die wir bisher miteinander verbracht haben, doch seit zwei Wochen fast - kein Lebenszeichen mehr.  Als hätte sie meine Gedanken gelesen meint Oma in diesem Moment, “Ach ja, da hat vorhin dein Handy geklingelt.” “Wirklich?” Ich messe dieser Information keine größere Bedeutung

bei. “Sicher waren es Papa und Mama.” “Ich habe keine Ahnung.” Ergeben hebt sie die Hände und macht ein unschuldiges Gesicht.      “Egal.” Ich winke ab. “Wir haben Hunger. Und du? Unten duftet es herrlich nach Schweinebraten. Mrs. Carstensen hat sich wohl wieder selbst übertroffen.”, schwärme ich. Etwas langsamer als früher erhebt sich Oma aus dem Sessel und hakt sich bei mir unter. “Na dann, wollen wir mal essen gehen.” “Komm, Stuart!” Fröhlich springt er hinter uns her durch den engen Flur die Treppe hinunter in den

Speiseraum.  Erst am Abend denke ich wieder an den Anruf. Hier tickten die Uhren anders. Ich lebe in den Tag hinein und genieße das Leben. Oma erholt sich schnell und bedarf eigentlich meiner Hilfe nicht wirklich, aber es fühlt sich gut an hier zu sein. Es ist fast wie im Urlaub. Und genau deshalb beschloss ich die vollen vier Wochen hier zu bleiben mit deren Vorsatz ich auch hierher gekommen war.  Ich greife mir mein Handy vom Nachttisch. Jeden Abend versuchte ich in den letzten Tagen Michael zu erreichen. Immer pünktlich um 19 Uhr. Das wurde schon fast zum Ritual. Es war fünf vor.

Das Display zeigt einen verpassten Anruf. Er kam von Michael. Na so was. Erfreut wähle ich schon seine Nummer, als mir plötzlich klar wird was sein plötzlichen Sinneswandel verursacht haben könnte.  Vielleicht wollte er ja auch Schluss machen? Eventuell war ihm in den letzten Tagen klar geworden, dass er auch ohne mich ganz gut auskommt. Oder er hat während meiner Abwesenheit jemand anderes kennengelernt. Oh nein! Was soll ich nur machen? Was für ein dämliches Dilemma. Ich möchte meiner Oma helfen, und verliere ihn. Oder ich hätte bei ihm bleiben können, hätte dann aber sicher das Vertrauen meiner Familie

verloren. Während meiner Überlegungen hatte ich das Telefon völlig vergessen. Es klingelte noch immer. Er ging nicht dran. Wahrscheinlich liege ich mit meinen Überlegungen richtig. Er will mich nicht mehr sprechen. Er hatte sich diesen einen Moment vorhin vorgenommen, und ich war nicht da. Abgrundtief traurig tippe ich auf den roten Hörer und werfe das Handy neben mich auf das Kopfkissen. Sofort schießen mir Tränen in die Augen. Laut schluchzend werfe ich mich bäuchlings auf's Bett. Stuart, von meinem plötzlichen Stimmungswandel verwirrt, schaut mich winselnd und mit schief

gelegtem Kopf aus seinen dunklen Knopfaugen an.  “Komm her!”, schniefe ich und klopfe neben mich auf die Matratze. Sofort springt er zu mir auf das Bett und legt sich eng an mich gekuschelt neben mich. Seine fellbesetzte Schnauze legt er auf meiner Hand ab und sieht zu mir auf.  “Ist schon gut, mein Kleiner. Wenigstens hab ich noch dich.”, flüstere ich und wuschel ihm das Fell. “Und, hab ich dir zu viel versprochen?”, fragt Stanley. Ich schüttle den Kopf. “Nein.”, antworte ich lachend. “Das war wenigstens mal

eine Ablenkung.” “Ja, und was für eine.”, stimmt mein neuer Freund zu. “Und gewonnen haben wir auch noch.” Ich habe mich zwar noch nie für Fußball interessiert, und werde heute auch ganz sicher nicht damit anfangen, doch als er mich vorhin in meinem Zimmer abholte und mich zum Fernsehen schauen einlud nahm ich dankbar an. Die Abende konnten hier ziemlich lang werden. Da war es in Gesellschaft deutlich besser auszuhalten. “Und, schon die neue Freiheit genossen?”, fragt er. “Du meinst ob ich mir die Finger schon wund telefoniert habe?”, lache ich. “Wie

sollte ich? Schließlich wurde ich doch, kaum das ich in meinem Zimmer war von dir abgeholt.”  “War nur Spaß. Dann nutze jetzt die Zeit und ruf sie an!”  “Werd ich machen, Kumpel. Gute Nacht.”, wünsche ich und verschwinde in meinem Zimmer. “Gute Nacht.”  Sofort stürze ich zu meinem Handy und schaue nach ob sie versucht hat zurückzurufen. Hatte sie.  Aufgeregt wähle ich den Rückruf. Es klingelt. Noch immer. Ich schaue auf die Uhr. 22 Uhr durch. Sicher schläft sie bereits. Sich um eine Kranke zu kümmern ist sicherlich sehr

anstrengend. Ich vertage den Anruf auf morgen früh. Gleich nach dem Frühstück habe ich eine halbe Stunde, die gedenke ich zu nutzen.   

32.

Lily war gerade wieder verschwunden als mich mein Handy zurück ans Bett ruft. Eilig laufe ich halb nackt zurück ins Zimmer nebenan und greife nach dem Gerät welches an seinem Ladekabel auf dem Nachttisch liegt. Theas Namen prangt auf dem Display. Endlich! Mein Herz macht einen Hüpfer. Eilig, bevor es zu spät ist nehme ich es mit feuchten Fingern in die Hand. "H-hallo ... Schatz.", murmle ich vorsichtig. "Michael?" Was glaubt sie wer ran geht wenn sie mich auf meinem Handy anruft? "Ja klar.", lache ich

zögerlich. "Du bist dran.", stellt sie fest. "Ja, sieht so aus." "Wuff.", macht es plötzlich durch das Telefon. Was war das? Ein Hund, na klar, aber warum? "Ich ... ich bin so froh dich endlich zu hören!", seufzt sie und stößt hörbar die Luft aus. Sie war doch gestern nicht ans Telefon gegangen. Dennoch antworte ich wahrheitsgemäß, "Ich bin auch froh, dass es endlich geklappt hat! Wo warst du gestern?" Statt zu antworten lacht sie, "Wo warst du in den letzten

Wochen?" Erleichtert registriere ich, dass sie mir meine Abkömmlichkeit nicht übel zu nehmen schien. "Ich ... ähm ich ... hatte zu tun.", stammle ich ausweichend. "Das hat mir deine Assistentin auch gesagt." "Ja, du hast sie angeschrieben.", greife ich den Faden auf. "Ja genau, ich wollte dich sprechen." Oh oh. "Aha, und warum?" "Können wir erstmal darüber sprechen, wo genau du bist und warum es dir an diesem Ort nicht möglich ist zu telefonieren?", will sie ernst

wissen. Scheiße! "Ähm ..." Krampfhaft überlege ich was ich sagen soll. Schenke ich ihr reinen Wein ein, wendet sie sich ab. Lüge ich verstricke ich mich mehr und mehr in ein Spinnennetz aus Lügen und irgendwann verlässt sie mich auch. "Michael?", fragt sie deutlicher als ich weiterhin schweige. "Ja, ich bin noch dran." "Das ist gut. Und kannst du mir jetzt verraten wo du bist?" "Ja, ich bin in Frankreich.", lüge ich. "Okay. Und warum konntest du nicht telefonieren?" "Ähm ... ich war viel unterwegs. Auf dem

Land. Das ... das Funknetz ist hier nicht so gut ausgebaut." "Wirklich?" Sie klingt nicht überzeugt. "Ich war auch mal in Frankreich. Da gab es keine Probleme." "Wo warst du?", will ich scheinbar neugierig wissen. "Im Süden. Cannes." "Siehst du, ich bin im Westen, in Brest, auf dem Land. Das ist kein Vergleich." "Ernsthaft? Ist ja krass!", staunt sie. "Ja, oder. Jedenfalls war ich wirklich viel unterwegs. Bis spät in den Abend hinein. Dann wollte ich dich nicht mehr stören. Ich weiß doch, dass deine Großmutter krank ist und du dich um sie kümmerst. Das ist sicher anstrengend.

Ich wollte dich nicht vom schlafen abhalten." Das klingt ja ganz plausibel was ich da zusammen reime. "Das ist sehr ... rücksichtsvoll von dir.", murmelt sie. "Danke. Und gestern war ich in Nantes, da gab's dann mal Netz. Ich habe gleich versucht dich zu erreichen." "Ja, ich hab's gesehen." "Ja, du hattest es ja dann auch bei mir versucht.", stimme ich zu. "Leider hatte ich ein ... Meeting." "Natürlich." Sie schweigt. Verzweifelt fahre ich mir mit der Hand durch das Haar. Ob sie mir die Lügengeschichte abnimmt? "Verrätst du mir jetzt warum du Jane

kontaktiert hast?", breche ich das Schweigen. "Ich wollte wissen ob es dir gut geht, und wenn jemand weiß wie es dir geht, dann deine Assistentin, oder?" "Da hast du recht. Jane weiß besser über mich bescheid als ich selbst.", lache ich. Thea stimmt in das Lachen ein. Erneut höre ich von ihrer Seite der Leitung Hundegebell. "Was ist das? Hat deine Oma einen Hund?", frage ich lachend. "Nein, hat sie nicht. Aber ..." Sie stockt und holt hörbar Luft. "... ich." "Du? Du hast einen Hund?" Habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Seit wann hat Thea einen

Hund? Ihr Lachen klingt nervös. "Ähm ... ja, ich habe einen Hund." "Aber seit wann, Darling?" "Seit ein paar Tagen.", gibt sie schließlich zu. "Du hast einen Hund?", wiederhole ich. "Seit ein paar Tagen erst. Aber warum?" "Ich ... ich konnte nicht anders. Wenn du ihn sehen könntest." "Wen? Den Hund?" "Ja. Stuart heißt er." "Stuart?" "Ja.", lacht sie. "Wiederholst du jetzt alles was ich sage?" "Nein.", brumme ich. "Aber genau darum wollte ich mit dir

sprechen. Ich wollte dich um deine Meinung fragen." "Meine Meinung?" Wiederhole ich schon wieder ihre Worte. "Natürlich. Du solltest deine Meinung dazu sagen." "Ich? Wieso das denn?" "Wieso? Weil du mit mir zusammen bist." Sie klingt verwirrt. "Aber ... aber ..." "Du magst Hunde nicht?", schließt sie aus meinem Zögern. "Nein." "Nein?" "Nein, verdammt, dass meine ich nicht.", stöhne ich. "Ich hab nichts gegen Hunde. Ich versteh nur nicht, weshalb du mich

um Erlaubnis bitten wolltest und es nun doch durchgezogen hast ohne vorher mit mir zu sprechen?" "Wie hätte ich das bitte bewerkstelligen sollen? Du warst schließlich nicht erreichbar.", kontert sie schlagfertig. Stimmt. "Ja. Genau.", gebe ich leise zu und raufe mir die Haare. Das Gespräch nahm eine ungewollte Wendung ein. "Hör mal, Süße, es tut mir leid! Natürlich kannst du dir einen Hund anschaffen wenn du das möchtest." "Hab ich ja nun auch schon.", brummt sie beleidigt. "Ja, offensichtlich. Aber hey, es ist okay. Ich find's toll, dass du mich fragen

wolltest, aber es ist doch deine Sache." "Da hast du recht.", meint sie schnippisch. "Thea?", frage ich verwundert. Warum war sie jetzt so zickig? "Na ja, wie dem auch sei. Jetzt weißt du es. Vielleicht lernst du ihn ja mal irgendwann kennen?" "Natürlich werd ich das." Wir treffen uns doch wohl bald wieder. "Natürlich.", murmelt sie leise. Lauter fährt sie fort, "Du, Michael, ich muss los. Stuart muss raus. Und du hast ja sicherlich auch noch zu arbeiten." "Ähm ... ja.", murmle ich betreten. "Gut. Bis bald dann." "Ähm

..." "By Michael." Sie legt auf. Sprachlos starre ich auf das erloschene Display und lausche dem dumpfen piep piep piep. Fuck! Das ist ja mal kräftig schief gegangen. Na toll, das lief ja prima. Traurig schalte ich das Handy aus und pfeffere es in die Schublade des Nachttisches. Sicherlich würde er, sobald er merkt wie fies er war, versuchen sich zu entschuldigen. Doch für heute war mein Bedarf seiner sexy Stimme zu lauschen gedeckt. "Hast du etwas, Schatz?", fragt Oma

besorgt die in diesem Moment in mein Zimmer gehumpelt kam und mein wütendes Gesicht sah. Sofort setze ich eine fröhliche Maske auf und erwidere, "Nein, nein, alles okay." Zweifelnd zieht sie die Stirn krauss. "Oma, warum läufst du denn herum? Du sollst dich doch schonen.", schimpfe ich. "Ja ja. Ich werde noch verrückt vom ewigen herumgeliege!" "Tja, du hast ein Gipsbein.", lache ich. "Es wird dir in der nächsten Zeit nicht viel anderes übrig bleiben." Sie winkt ab. "Soll ich dir vorlesen?" "Wie alt bin ich, 6 oder 106?", zieht sie mich mit einem theatralischen

Augenrollen auf. "Ha ha. Aber was könnten wir denn heute machen? Wenn das Wetter schöner wäre würde ich ja einen netten jungen Mann organisieren der dich auf Händen trägt wohin du magst und dann könnten wir am Strand picknicken oder so. Aber leider haben wir fast schon Dezember ..." Lachend winkt sie ab. "Ich weiß deine Bemühungen zu schätzen, mein Schatz." "Wollen wir stattdessen erst einmal frühstücken gehen?", schlage ich als Kompromiss vor. "Das klingt sehr vernünftig." "Prima! Also komm!" Unterstützend greife ich ihr unter den Arm. "Schätzchen, ich schaffe das schon

allein.", sagt sie und humpelt an mir vorbei in den Flur hinaus. Lächelnd folge ich ihr und schließe unsere Tür ab. Gemeinsam gehen wir die Treppe hinunter. "Du musst mich nicht stützen, mein Schatz. Ich bin durchaus in der Lage allein eine Treppe hinunter zu gehen.", lacht sie. "Es ist aber eine steile Treppe und du gehst an Krücken.", murmle ich abwesend. "Wie du meinst." Unten am Fuß der Treppe empfängt uns Frau Carstensen mit einem fröhlichen Gesicht. "Guten Morgen, meine Lieben.

Das Frühstück steht schon bereit." "Wunderbar. Danke, Frau Carstensen!", erwidern wir unisono. "Magst du nachher auf deinem Spaziergang nicht kurz bei Juliane vorbeischauen und ihr die Hundeleine zurück bringen?", meint Oma als wir im Salon unseren Morgentee trinken. "Kann ich machen." Zufrieden nickt Oma und vertieft sich wieder in ihren Roman. Tief in Gedanken verloren fliegt mein Blick immer wieder zum Fenster hinaus. Ich werde aus Michaels Reaktion vorhin nicht schlau. Am liebsten würde ich zu ihm fahren und ihm direkt ins Gesicht

fragen was das nun mit uns ist. Das bringt mich zu der anderen wichtigen Frage die unheilvoll im Raum schwebt. "Du Oma, hast du dir schon überlegt wie es weitergehen soll?", frage ich schließlich in die Stille hinein. "Weitergehen?" Sie sieht über den Rand ihrer Brille hinweg zu mir herüber. "Ja, ich meine ... mit dir ... " Ich gerate ins Stocken. Wie sollte ich meiner stets mobilen und munteren Oma gegenüber verklickern, dass ich Sorge habe, dass sie ihr Leben allein in ihrem Haus in Fünen nicht mehr schafft. "Ach so.", grinst sie. "Ja, Oma, ich überlege die ganze Zeit

wie wir das machen ..." "Was machen?" "Na du allein in dem Haus ... in dem großen Haus ..." Ich stoppe betreten. "Willst du mir gerade sagen, dass du dir Sorgen um mich machst. Das du die Befürchtung hast ich könnte allein nicht zurecht kommen?" Noch lächelt sie. Zögernd gebe ich schließlich zu, "Ja, genau das meine ich. Oma, ich weiß, du warst immer so ... so reiselustig, aber jetzt ... das geht nicht mehr." "Natürlich nicht, ich habe ein Gipsbein." "Ja, sicher. Aber danach. ..." "Dann wird es wieder so wie früher." Sie schien äußerst zuversichtlich. "Wie früher", stöhne ich. "Oma, sei doch

vernünftig! Du hattest einen Herzinfarkt.", rufe ich sie zur Ordnung. "Herrje. Du klingst ja wie deine Mutter.", lacht sie. Tue ich das? "Aber es ist doch wahr.", brumme ich. Sie klappt das Buch zu und legt es in ihren Schoß. Anschließend sieht sie mich ernsthaft an. "Meine liebe Anthea, ich bin zwar eine alte Frau, aber ich war es stets gewohnt allein zurecht zu kommen. Ich habe in meinem Leben schon schlimmeres durchgestanden als das hier." Sie deutet mit der Hand an sich selbst herunter. "Nicht nur du hast dir Gedanken gemacht, mein Schatz. Auch ich habe mir weitere Schritte

überlegt." "Ach tatsächlich?" Ich horche auf. Aufmerksam sehe ich sie an. "Ja, in der Tat. Gestern erst hatte ich ein Telefonat mit deinem Vater." Das war mir neu. Wieso habe ich das nicht mitbekommen? Ich nicke. "Auch er macht sich Sorgen. Er hat mir vorgeschlagen zu ihnen nach Berlin zu ziehen." "Und, würdest du?" "Einen alten Baum verpflanzt man nicht." "Aber ...", will ich einwenden doch sie unterbricht mich, "Ich möchte nicht umziehen. Nicht weg aus meiner Heimat

die ich gerade erst wieder gefunden habe." Jetzt übertreibt sie aber. Schließlich verbrachte sie die letzten Jahrzehnte in den Niederlanden und nicht in Kalkutta. "Gut, und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?", frage ich leicht gereizt. "Ich bleibe in Fünen wohnen.", verkündet sie fröhlich und nimmt ihr Buch wieder auf. "Was? Aber ...", echauffiere ich mich. "... dann verbessert sich doch nichts." "Es verschlechtert sich aber auch nichts." "Aber Oma. Ich mache mir Sorgen. Ich könnte ja keine ruhige Minuten finden, wenn ich weiß das du allein in dem

riesigen Haus sitzt." "Das ist vollkommen unnötig, mein Schatz." Ich könnte sie schütteln. Warum sah sie denn nicht ein, dass jemand in ihrem Alter nach einem Herzinfarkt nicht mehr allein leben konnte. "Du würdest mich am liebsten in ein Seniorenheim unterbringen, oder?", rät sie mit einem verschmitzten Grinsen meine Gedanken. "Ähm ... nein natürlich nicht." Natürlich doch. "Oma, du musst doch verstehen, dass ..." "Ihr macht euch Sorgen, ich weiß schon.", lacht sie. "Und genau deshalb habe ich mir auch schon etwas

überlegt." Hellhörig geworden lausche ich ihren Ausführungen. "Ich habe mir überlegt auch in eine WG zu ziehen.", verkündet sie mit einem gewissen stolzen Unterton. "Eine WG? In deinem Alter?", stöhne ich. "Du machst es mir doch vor.", lacht sie. Was sollte das denn heißen? Ich bin doch 30 und nicht wie sie 76. "Ich bin jung genug etwas neues zu versuchen.", lacht sie und sieht auf ihr Buch hinunter ganz so als sei das Thema für sie beendet. "Gerade noch meintest du zu alt für einen Umzug zu sein.", murmle ich

leise. "Ich gedenke nicht umzuziehen.", meint sie kryptisch. "Wie das?" "Ich bleibe in der Villa wohnen und suche mir Mitbewohner." "Mitbewohner?" "Ja, ich dachte so an zwei oder drei." "Aber ... aber du ... du kannst doch nicht ...", stammle ich unbeholfen. Welche Gegenargumente sollte ich vorbringen? Denn im Grunde war ihre Idee gut. Sie ist rüstig genug um ohne eine Pflegekraft auszukommen. Aber auch alt genug, dass jemand in ihrer Nähe sein sollte, um zu helfen wenn sie Hilfe nötig hatte.

"Gib's zu, du findest die Idee gut?", mutmaßt sie schließlich nachdem ich eine gute Minute in Gedanken das für und wider abgewogen habe. "Ja ... ja tatsächlich ich finde es gut!", gebe ich lächelnd zu. "Wusste ich's doch, dass das genau dein Ding ist." "Aber ein Problem sehe ich da doch noch. Woher willst du deine Mitbewohner nehmen?" "Nichts leichter als das.", lacht sie und winkt ab. Erstaunt hebe ich die Augenbrauen. "Da bin ich mal gespannt." "In Fünen gibt es

was?" Ich schweige und zucke ratlos die Schultern. "Genau, es gibt jede Menge Alte. Alte Leute wie ich es bin, denen es ähnlich geht. Sie sind zu jung für ein Heim aber auch zu alt um allein zu sein. Oder sie haben darauf keine Lust weil es langweilig wäre." "Okay. Verstehe. Aber wie willst du diese Leute finden?" "Mein liebes Kind, das habe ich schon längst in die Wege geleitet." Jetzt war ich wirklich erstaunt. "Wie das?" "Nicht nur euch jungen Leuten sind sie Vorzüge des Internets bekannt, weißt

du." Ihr Lachen hallt von den Wänden wieder. "Du willst damit sagen, du hast eine Annonce aufgegeben?" "So was ähnliches." Und sie erklärt mir, wie sie sich an eine bestimmte Stelle gewandt hat und ein Mitarbeiter dort sich in diesem Moment darum kümmert zukünftige Mitbewohner für meine Oma zu finden. "Natürlich muss in der Villa einiges umgebaut werden.", gibt sie zu. Ich nicke. "Und da kommt dein Vater ins Spiel. Während der Renovierungsmaßnahmen werde ich in Berlin bei deinen Eltern wohnen.", endet sie ihren

Vortrag. Verblüfft starre ich sie einen Moment an. "Das ... das ist ja toll! Meine Oma zieht ... nein, sie gründet eine WG. Das ich das noch erleben darf.", lache ich ehrlich erleichtert. Eine Sache gibt mir dann aber doch noch zu bedenken. "Aber eine Frage habe ich noch. Sicherlich werden deine Mitbewohner ähnlich alt sein wie du. Bist du dir sicher, dass ihr euch tatsächlich helfen könntet?" "Darüber habe ich mich auch mit dem Mitarbeiter dieser Organisation unterhalten, denn auch mich beschäftigte diese Frage." Ich nicke. "Okay,

und?" "Im Wohngemeinschaften dieser Art ist es üblich, dass eine Pflegekraft täglich vorbeischaut. Um Medikamente oder kleinere Untersuchungen vorzunehmen. Dazu kommt, dass stets jemand auf Abruf bereit steht." Beruhigt stoße ich den angehaltenen Atem aus. "Das beruhigt mich." "Mich auch, mein Schatz." Ein warmes Lächeln breitet sich auf dem Gesicht meiner Großmutter aus. Liebevoll greift sie sich meine Hand und drückt sie sanft. "Du siehst also, es ist für alles gesorgt. Du kannst also ganz beruhigt nach London zurückkehren." Nach London zurück?

Jetzt? "Ja, das mache ich zu gegebener Zeit.", murmle ich. "Solange du noch hier bleibst, bleibe ich es auch.", bestimme ich ernst. "Nein, das musst du nicht.", widerspricht sie. "Es wartet doch jemand auf dich." "Ach wirklich?", denke ich laut. "Im Moment nicht." Erstaunt sieht sie mir in die Augen. "Was ist denn los?" Ich schüttle den Kopf. "Nichts, Oma. Alles gut." Schweigend mustert sie mich einige Minuten. Schließlich sagt sie mit betont freundlicher Stimme, "Ja, wenn das so ist, kannst du ja jetzt einen schönen

Spaziergang mit Stuart machen!" Finster sehe ich aus dem Fenster. Auch dieser Tag versprach herrlich zu werden. Schöner wäre es jedoch gewesen wenn ich ihn mit besserer Laune gestartet hätte. Frische klare Luft die mir die trüben Gedanken aus dem Kopf pustet? Klar doch - her damit! Ich nicke und erhebe mich. Sofort springt auch Stuart auf, der bisher zusammengerollt vor dem Kamin gelegen und geschlummert hatte. "Siehst du, er hält es auch für eine gute Idee.", lacht Oma. "Und geh bitte bei Juliane

vorbei!" "Werd ich. Aber dann bin ich eine Weile weg.", gebe ich zu bedenken. Doch Marie-Therese winkt ab, "Und wenn schon, ich habe doch mein Buch. Ich werd mir die Zeit schon irgendwie vertreiben." Mit gemischten Gefühlen verlasse ich kurz darauf sie Pension. "Na du hast ja heute blendende Laune.", urteilt Stanley nach der Therapiesitzung. "Hm.", brumme ich abwesend."Kann sein." Die Therapie lief heute im Gegensatz zu den anderen Tagen nicht so gut. Ich war schlecht gelaunt und wenn ich Amy

Glauben schenken darf, auch ziemlich zickig. Schon hatte ich wieder den Spitznamen 'Dramaqueen' bei ihr weg. Um mich abzulenken und mir die trüben Gedanken aus dem Kopf zu pusten nehme ich mir vor, nach dem Mittagessen einen Spaziergang um den See zu machen. Allein. Doch gerade als ich das Foyer durchquere kommt Sebastian auf mich zu. "Hey Michael." "Hallo Sebastian.", grüße ich mäßig erfreut. "Willst du ein bisschen raus Luft schnappen?" "Ja." "Ich hab gerade Pause. Darf ich dich begleiten?"

Um ihn nicht zu verprellen sage ich mit einem Nicken zu. Rasch holt er seine Jacke während ich mal wieder an der Säule warte. Da fällt mein Blick auf eine Zeitschrift die jemand auf einem Tischchen neben dem riesigen Kamin liegen gelassen hat. Claire's Konterfei prangt auf der Titelseite. Dazu der reißerische Aufhänger 'Claire Duboise schwanger'. Neugierig geworden greife ich mir das Magazin und blättere hastig darin herum bis ich die entsprechenden Seiten gefunden habe. Man sprach ihr eine ganze Doppelseite im vorderen Teil des Heftes zu. Ich bin beeindruckt. Mich traf

fast der Schlag als ich Claire auf einem kleineren Bild im Bikini und mit einem deutlich gerundeten Bauch entdecke. Mal wieder wurde sie beim Sonnenbaden abgelichtet. Ich überfliege den Text. 'Die hochschwangere Claire Duboise wurde jüngst auf der Jacht von Multimillionär Mathéo Fournier gesehen. Ist der Millionenschwere Konzernerbe der Vater ihres Kindes? Oder ist es doch der Londoner Unternehmer Michael Thompson, den sie erst kürzlich wegen Beziehungsproblemen verlassen hatte. So oder so, dürfte es dem Kind an nichts fehlen, denn wie bereits bekannt ist, verfügen beide Männer über das nötige Kleingeld um Mutter und Kind keinen

Wunsch abzuschlagen.' Unten rechts auf der Seite sind zum einfachen Verständnis für den Leser noch je eine Ganzkörper Aufnahme von Fournier und mir abgedruckt. Na toll. Gerade jetzt konnte ich mediale Aufmerksamkeit überhaupt nicht gebrauchen. "Beziehungsprobleme. Pha!", stöhne ich abfällig. Sie ist schwanger. Ganz offensichtlich. Konnte ich wirklich der Vater sein? Wie ich Claire kenne kommen als Vater noch weitere Kandidaten in Frage. Gerade als ich zurückrechne ob ich der eine Treffer sein könnte kommt Sebastian zurück und ruft mich zum

Eingangsportal. Ich werfe die Zeitschrift in einen Abfallkorb und schlendere zu ihm. "Hast du heute schon ins Internet geguckt?", fragt Rose als ich mich mal wieder überraschend anruft. Wir hatten seit einiger Zeit nur spärlichen Kontakt, was schade, aber aufgrund der Tatsache, dass sie verheiratet und wir nicht mehr in derselben Stadt wohnten wohl nicht so ungewöhnlich war. "Ähm, das ganze?", frage ich verwundert. "Hallo erstmal.", erinnere ich sie. "Ja klar. Hallo hallo. Aber hast du es

gelesen?" "Es?" Ich verstand noch immer nicht. "Ja.", schreit sie ins Telefon. Erschrocken zucke ich zusammen und halte es mir etwas vom Ohr weg. "Wieso sagst du mir nicht einfach was dich so in Aufregung versetzt, Rose?", seufze ich und sehe mich nach Stuart um. Gerade buddelte er wie wild in einem alten Kaninchenbau herum. "Michael wird Vater.", verkündet sie geradeheraus. Beinahe wäre mir mein Handy aus der Hand gefallen. "W-was?" "Es steht in der 'Mademoiselle'.", erklärt sie. "Ich lege jetzt auf und schicke dir den Link. Lies es selbst und dann ruf

mich an!" Ohne meine Antwort abzuwarten legt sie auf. Sprachlos öffne ich den Link der nur Sekunden später bei mir eintrudelt. Fassungslos starre ich einige Sekunden nur auf die Überschrift des Artikels. Claire Duboise schwanger. Ein Bild von ihr halbnackt war als Beweis angefügt. War das vielleicht eine Fotomontage? Ein geschickter Schachzug eines Gesangssternchen das mal wieder mediale Aufmerksamkeit nötig hat? Gerade jetzt vor Weihnachten konnten wir alle doch ein wenig Extrageld gebrauchen. Mit wachsenden Zweifel beginne ich den Artikel zu lesen. Michael oder ein

französischer Millionär könnten der Vater sein. Von der Zeit würde es passen. Aber irgendwas sagt mir, dass er es nicht ist. Es darf einfach nicht sein. Außerdem, wenn er es wäre, hätte sie sich dann nicht mal bei ihm gemeldet? Oder hatte sie das und er hat mir nur nichts gesagt? Moment, war er nicht gerade auch in Frankreich? Ist also doch etwas an der Sache dran? Ich weiß es nicht. Meine Überlegungen scheinen Rose zu lange zu dauern, erneut klingelt mein Telefon. "Und? Was sagst du?", will sie sofort wissen nachdem ich das Gespräch entgegen genommen habe. "Nichts. Da ist nichts dran.", antworte ich mit

Bestimmtheit. Sie zieht scharf die Luft ein. "Wie kannst du da so sicher sein? Erzählt er dir alles?" Damit traf sie ins Schwarze. Schließlich hatten Michael und ich uns erst vor wenigen Wochen wieder getroffen. Was er in der Zeit davor getan hatte wusste ich nicht. "Er hätte es mir definitiv gesagt.", erkläre ich. "Hm, klar.", brummt sie. "Rose, es steht in einer dämlichen Frauenzeitschrift. Was da drin steht entspricht zu 99 Prozent nicht der Wahrheit." "Der Bauch sieht ziemlich echt

aus." Fotoshop. "Egal." "Wirst du ihn zur Rede stellen?" "Warum sollte ich?" "Warum?", bringt sie fassungslos hervor. "Na vielleicht, weil es gut ist zu wissen, ob der Kerl den man heiraten wird bereits ein Kind mit einer anderen hat." "Und wenn es so wäre? Ist doch egal. So geht es Millionenen anderen Paaren auch." "Aber die sind mir egal. Du und dein Liebesleben sind mir wichtig.", erklärt sie ernsthaft. "Ich kann dir versichern, meinem Liebesleben geht es prima!", lache ich.

"Und wenn es sein Kind ist, wird er sich sicherlich um es kümmern." "Aber stört es dich denn gar nicht, dass er dann weiterhin regelmäßig Kontakt zu seiner Ex hat?" "Nein.", sage ich ehrlich. "Auch das stehen Millionen andere Paare regelmäßig durch." Förmlich kann ich sehen wie Rose verzweifelt mit den Augen rollt. "Ach Süße.", jammert sie theatralisch. "Schatz, es ist alles okay. Ich vertraue Michael." "Wirklich? Was macht er eigentlich zur Zeit? Hast du ihn schon angerufen?" "Wie sollte ich das tun, du hast mir doch erst von wenigen Minuten davon

berichtet und vorher wusste ich von nichts. Ich bin hier wirklich am Arsch der Welt.", lache ich. "Stimmt auch wieder. Aber du musst ihn gleich anrufen, ja!" "Das wird sicherlich wieder nicht klappen.", murmle ich. "Was? Wieso?" "Er ist auf Geschäftsreise. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder versucht ihn zu erreichen. Ohne Erfolg.", kläre ich sie auf. "Wo ist er auf Geschäftsreise?" "In Frankreich.", erwidere ich ohne darüber nachzudenken. "Was?", keucht Rose. "Was für ein ungeheurer

Zufall." Ich schlucke schwer. Sollte sie doch recht behalten? In dieser Frage konnte mir nur einer weiterhelfen. "Du, Rose, wärst du mir sehr böse, wenn ich jetzt auflege?", frage ich vorsichtig. "Natürlich nicht. Ruf ihn an!" "Mach ich. Tschüss, Süße." "Halt mich auf dem Laufenden!", ruft sie noch ehe ich auflege. Bevor ich die Internetseite schließe lasse ich den Blick noch ein letztes Mal über die Fotos schweifen. Wenn ich es schon eklig fand, wie das Privatleben von Prominenten in der Öffentlichkeit durch gehechelt wurde,

wie geht es ihm wohl damit? Automatisch wähle ich seine Nummer. Doch es war besetzt. Scheinbar hatte er zur Abwechslung mal ein Funksignal und nutzte das auch gleich. Etwas abseits stehe ich am Ufer des Sees und warte auf Sebastian. Er wollte sofort nachkommen. Gleich auf dem Vorplatz der Klinik waren wir Schwester Maryann begegnet. Er hätte irgendwas mit ihr zu besprechen, meinte er und verabschiedete sich für den Moment. Ich nickte wissend und schlenderte weiter. Ehrlich gesagt war es mir lieber allein zu sein, dann konnte ich wenigstens meine Gedanken ordnen.

Gerade als ich mit mir selbst überein komme Thea anzurufen und mich für was auch immer ich heute morgen verbrochen habe zu entschuldigen, als mein Handy in der Manteltasche läutet. Ich ziehe es mit behandschuhten Händen hervor und ziehe erstaunt die Augenbrauen hoch. Claire. Was wollte sie denn? Ob es etwas mit dem Artikel in dem Klatschblatt zu tun hat? "Hallo Claire. Das ist ja ein Überraschung.", rufe ich mit deutlich sarkastischem Unterton in das Gerät. "Hallo Michael. Ich muss mit dir reden!", verkündet sie ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. Scheiße! War doch was dran, dass ich der

Vater ihres Kindes war? "Okay.", erwidere ich lahm. "Ich ... ich bin zur Zeit nur nicht zuhause." "Das macht nichts. Ich komme dahin wo du bist." "Ähm ... das dürfte schwierig werden." "Warum?", fragt sie verständnislos. "Ich bin ... in einer Klinik." Statt sich nach meinem Gesundheitszustand zu erkundigen, fragt sie nur trocken, "Na es wird in dieser Klinik doch wohl Besuchszeiten geben?" "Ja klar. ..." "Also dann, wo bist du? Ich komme sofort." Es piept in der Leitung. Ein weiterer Anruf wurde mir angekündigt. Sicher

meine Assistentin die fragen will wie sie auf den Zeitungsartikel reagieren soll. "Claire, ich habe Termine. ..." "Ja klar, Michael. Du sagtest doch du bist in einer Klinik. Was hat man schon für Termine in einem Krankenhaus?", fragt sie verächtlich. "Du wärst überrascht.", murmle ich. "Also?" Unerbittlich wie immer. Diese Frau war es gewohnt zu bekommen was sie wollte. "Wird das heute noch was? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.", herrscht sie mich an. "Ja doch.", brumme ich wütend und gebe ihr den Namen und die Adresse durch. "Eine Stunde.", verkündet sie und legt

ohne ein weiteres Wort auf. Na toll. Hoffentlich kommt sie wenigstens ohne die Presse! Meine Hoffnung wurde nicht erhört. Man bemerkte Claire ehe man sie sah. Mehr als zehn Reporter rannten sie stetig umkreisend wie Schmeißfliegen den Misthaufen um sie herum und schossen ein Bild nach dem anderen. Wie sie das ernsthaft genießen konnte war mir noch immer ein Rätsel. Kopfschüttelnd ziehe ich mich vom Fenster zurück von dem aus ich den Vorplatz im Auge behalten habe. "Mister Thompson, Sie haben Besuch.", verkündet Oberschwester Miller als sie

mich schließlich im Aufenthaltsraum gefunden hatte. "Ja ich komme. Dankeschön!", murmle ich und setze mich in Bewegung. Als ich langsam die breite Treppe ins Erdgeschoss hinunter steige entdecke ich Claire auf einer Sofas in der Besucherecke. Die Meute aus Reportern war lauernd vor dem Eingangsportal stehen geblieben. Zwei Pfleger stehen links und rechts der Tür wie Wachposten davor und hielten sie davon ab hereinzukommen und Fotos zu machen. Scheinbar war man solchen Trubel hier gewohnt. Dafür warfen die Patienten und Pflegekräfte ihr verstohlene Blicke zu. Claire schien das Theater um ihre Person

kalt zu lassen. Sie saß in der für sie typischen aufrechten Haltung in dem Sessel, die Beine elegant überschlagen und betrachtete interessiert ihre Fingernägel. Ihr voluminöser Bauch schien sie dabei nicht im geringsten zu stören. Als sie mich näher kommen sieht steht sie auf, kommt ein paar Schritte auf uns zu und zieht mich in eine derart gespielte Umarmung, dass ich angewidert Abstand nehme sobald sie mich wieder loslässt. "Michael.", hallt Claires schrille Stimme von den Wänden wider. Sofort fliegen uns neugierige Blicke zu. Peinlich berührt knurre ich, "Geht's denn vielleicht noch etwas

lauter?" "Verzeih.", flötet sie und gleitet elegant als hätte man die Rückspultaste gedrückt zum Sessel zurück und nimmt wieder platz. "Ähm ..." Ich bleibe unschlüssig stehen. "... wollen wir nicht auf mein Zimmer gehen? Hier ist es so ... öffentlich." Doch meine Bedenken wischt sie mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. Also nehme ich zerknirscht ihr gegenüber den dem zweiten Sessel Platz. "Was tust du denn hier?", fragt sie mit der für sie typischen Intelligenz eines Schafes. "Was macht man wohl in einer Klinik wie

dieser?", stelle ich genervt die Gegenfrage. "Ja da hast du auch wieder recht. Du willst es also endlich durchziehen?" Ihr Lächeln wirkt abschätzend. Ich nicke verbissen. "Als ich dich bat mit dem Mist aufzuhören hast du mich ignoriert.", wirft sie mir meine Verfehlungen der Vergangenheit vor. "Tja." Ich zucke die Schultern. "Da steckt eine Frau dahinter oder?" Neugierig blitzen Ihre Augen. Erneut heben sich meine Schultern. "Natürlich ist es so.", lacht sie hell und mustert mich aufmerksam, als würde sie hoffe in meinem Gesicht die Antwort

lesen zu können. Ich beschließe das hier schnell hinter uns zu bringen und gehe in den Gegenangriff. "Und, da steckt auch ein anderer Mann dahinter oder?" Ich deute mit der Hand unauffällig auf ihren Schwangerschaftsbauch. Ich hatte das Foto in der Zeitschrift zunächst ja noch für eine Fotomontage gehalten. Doch nun, wo ich es mit eigenen Augen sehe ... Kein Zweifel, sie musste bereits im fortgeschrittenen Stadium sein. "Ähm vielleicht." Geistesabwesend streichelt sie über ihren Bauch. "Ach." "Darüber wollte ich auch mit dir reden." "Wirklich? Ich kann mir nicht denken

was ich damit zu tun habe?", brumme ich kalt. "Sei nicht so, Michael!", ruft sie mich zur Ordnung. "Wieso? Ich bin doch sicher nicht der Vater." "Woher willst du das so genau wissen?" Ich zucke die Schultern. Das ich sie für ein Flittchen hielt würde ich ihr sicher nicht hier vor der versammelten Pressemeute an den Kopf werfen. "Du glaubst ich bin dir fremd gegangen oder?" Ich zucke erneut mit den Schultern und lasse den Blick schweifen. Unser Gespräch erzeugt Aufmerksamkeit. Etwas entfernt stehen zwei Frauen und

beobachten uns. Sicher lauschen sie begierig auf jedes unserer Worte. Meine Gleichgültigkeit lässt sie wütend werden. "Herrgott Michael, tu doch bloß nicht so selbstgefällig! Als wärst du immer ein Engel gewesen." "Das habe ich nie behauptet.", brumme ich leise. "Oh nein. Natürlich nicht. Wo du nur konntest hast du mich mit in den Dreck gezogen.", echauffiert sie sich lautstark. "Übertreib bloß nicht so!", warne ich sie. "Ich übertreibe.", kreischt sie. Hastig sehe ich mich um. Selbst die beiden Türsteher hatten sich mittlerweile zu uns umgedreht. Scheiße! Wir erzeugen viel zu viel Aufmerksamkeit. Auf keinen

Fall durfte hiervon etwas an die Öffentlichkeit geraten. "Was meinst du, wie ich mich gefühlt habe als ich das Foto von dir und dieser Brünetten im Arm in der Zeitung gesehen habe. Und das kurz vor unserer Hochzeit.", schreit die noch immer. Klar, für sie ist das toll. Publicity und dazu gratis. Für mich könnte es das Ende von allem was mir am Herzen liegt bedeuten. "Wir haben nie geheiratet.", murmle ich. "Ja, zum Glück!" Wütend wirft sie ihr weizenblondes Haar zurück. Ja, zum Glück! "Claire, was willst du von mir?", frage ich um innere Ruhe

bemüht. "Ich wollte mit dir über diesen Zeitungsartikel reden. Aber dich scheint das alles ja nicht zu interessieren." Ich zucke teilnahmslos die Schultern. "Eines sage ich dir, wenn es erstmal auf der Welt ist mache ich einen Vaterschaftstest. Und wenn du es bist ..." "Ja?" "Dann ... dann kannst du dich kümmern." "Kümmern? Willst du mir das Kind heimlich vor die Tür legen?", ziehe ich sie auf. "Oder willst du es mir dann per Gericht überschreiben lassen, damit du weiter dein tolles Leben leben kannst ganz ohne diesen ... Ballast?" Ich deute mit der Hand auf ihren Bauch.

"Herrgott nochmal!", flucht sie laut und springt aus dem Sessel auf. "Du bist so ... so ..." "Ja, was denn?", brülle ich ebenfalls zurück. Doch anstatt mir eine Antwort zu geben stößt sie mich kraftvoll an der Schulter zur Seite um an mir vorbei zu rauschen. Kaum nähert sie sich dem Ausgang wird die Meute mobil. Blitzlicht flammt auf. Ich folge ihr und halte sie am Handgelenk fest. Etwas zu grob ziehe ich sie in eine Ecke hinter eine der Säulen. "Was soll das? Du tust mir weh.", jammert sie, ganz die Schauspielerin. Sofort spitzt einer der Pfleger die Ohren

und dreht sich um. "Ja klar.", lache ich verächtlich. "Bevor du hier abrauschst und mich wie einen Depp zurück lässt sag mir noch eines: In der wievielten Woche bist du?" Wütend funkelt sie mich an. "Warum interessiert dich das überhaupt?" "Du sagst es doch selbst, ich könnte der Vater sein. Und als solcher muss ich doch bescheid wissen." Sie nimmt sich einen Augenblick um darüber nachzudenken, schließlich antwortet sie, "In der 27. Woche." zischt sie zwischen zusammengepressten Lippen. "Dankeschön.", erwidere ich freundlich und lasse sie los. "Melde dich wenn es da

ist! Dann bekommst du eine Glückwunschkarte." Damit entlasse ich sie und wischte mir, um ihr zu zeigen das sie mir zuwider war, demonstrativ die Hand an dem Jackett ab. Sie registriert diese Geste durchaus. Wütend wirft sie ihre blonde Mähne zurück, reckt das Kinn und marschiert auf ihren mörderisch hohen Absätzen zum Ausgang hinaus. Ganz wie es sich für eine Diva gebührt, vom Blitzlicht begleitet. "Dieses Miststück!", murmle ich noch immer aufgebracht. Es klopft. "Mister Thompson, Sie haben gleich Tai chi.", erinnert mich Miller als

sie den Kopf zur Tür herein streckt. "Ja, ich weiß. Dankeschön!", letzteres betone ich deutlich. Mit einem pikiert zusammengekniffenen Mund zieht sie die Tür wieder zu. "Dieses Aufmerksamkeits geile Miststück!", fluche ich erneut. "Will mir ihr Balg unterschrieben." Das kann doch nicht sein! Oder besser, es darf nicht sein! Was würde Vater sagen. Er würde darauf bestehen, dass ich Claire heirate noch ehe das Kind auf die Welt kommt. In seinem veralteten Gesellschaftsbild hatte ein Mann der eine Frau vor der Ehe geschwängert hatte diese dann auch zu heiraten. Um die Schande für beide Seiten abzuschirmen.

Na gut, die Frau und ihr Kind hat diese Art von Weltbild damals eher vor die Hunde gehen lassen als den Mann. Männer waren im Grunde fein raus. Die hatten ihr Verhalten nur vor sich selbst und vor Gott rechtfertigen müssen. Doch heiraten würde ich diese Frau um kein Geld der Welt. Ich merke wie ich wütender und wütender werde. Aufgebracht tigere ich im Zimmer auf und ab. Was wenn Thea irgendwie von dieser Sache erfährt? Oder hatte sie sogar bereits ebenfalls diesen Artikel gelesen? Ach, sicher gibt es da wo sie sich momentan aufhält keine Zeitschriften. "Na aber es gibt doch wohl ein

Funknetz.", meldet sich die bereits verschollen geglaubte innere Stimme gehässig zu Wort. Scheiße! Stimmt ja. Eilig suche ich online nach dem Artikel und finde ihn gleich nach Paparazzibildern von Claire und mir hier im Foyer." "Scheiße!", schreie ich. Da war jemand schnell. Kein Wunder das in dem Artikel unter dem Bild nur drei Sätze stehen. 'Hier verkündet Claire Duboise dem werdenden Vater Michael Thompson, der gerade in einer Entzugsklinik in London einsitzt die freudige Nachricht. Doch der schien nicht erfreut und beschimpfte sie lautstark. Laut Augenzeugenberichten soll er sogar Handgreiflich geworden

sein. ' Na toll! Jetzt war ich ein werdender Vater, ein Drückeberger und auch noch ein Frauenschläger. Wütend werfe ich das Handy auf das Bett. Ein wütender Schrei will unbedingt ans Tageslicht. Verzweifelt raufe ich mir die Haare. "Toll gemacht. Läuft bei dir." "Halt die Fresse!", schreie ich lautstark. Schon steht Miller mit einem Pfleger im Zimmer. "Mister Thompson, beruhigen Sie sich!" "Sie würden sich auch nicht beruhigen wenn man Ihnen das angetan hätte.", fahre ich sie lautstark an und getikulliere wild in der Luft herum. "Glauben Sie mir, ich verstehe Sie. Aber

Sie müssen sich jetzt beruhigen!" "Ich will aber nicht! Es muss raus. Ich will darüber reden. Nein, ich will es herausschreien.", schreie ich und raufe mir erneut das Haar. "Dann empfehle ich, gehen Sie zu Doktor Clarke!", erklärt sie in ruhigem Tonfall. Mit einer unauffälligen Handbewegung schickt sie den Pfleger hinaus. Als er uns verlassen hat, erklärt sie leise, "Ich habe mitbekommen worum es ging. Mister Thompson, Sie sollten das wie ein erwachsener Mann klären. Sie haben hier bei uns ..." Sie Nacht eine raumgreifende Handbewegung. "... schon so viel erreicht. Zerstören Sie diese Erfolge nicht indem Sie durchdrehen. Lassen Sie

nicht zu, dass ihr altes Wesen wieder die Oberhand bekommt! Sie wollen doch schnell wieder hier raus kommen um ... um Ihre Angelegenheiten zu regeln, oder?" Das wollte ich. Auf jeden Fall. Ich nicke stumm und lasse mich von ihr zu dem Bett führen. Dort drückt sie mich auf die Bettkante." Dann rate ich Ihnen zu folgendem: Gehen Sie zu Doktor Clarke und reden mit ihm darüber. Oder rufen Sie einen Freund an, einen echten. Hauptsache Sie reden darüber und verfallen nicht in Ihr altes Muster!" "Ist gut.", murmle ich ergeben. "Mache ich." "Sehr schön!" Sie richtet sich wieder auf.

"Dann lasse ich Sie jetzt allein. Lassen Sie es mich wissen ob ich für Sie den Doktor anrufen und um einen kurzfristigen Termin bitten soll!" Ich nicke und sie lässt mich allein. Stumm und mit Tränen in den Augen starre ich auf das Smartphone auf dem Kissen. "Ich muss sie anrufen.", überlege ich laut. "Du musst Jack anrufen." Rät die Stimme. Doch ich bin mir nicht sicher ob sie mir dazu rät, weil ich mit ihm über die Sache reden oder weil er mir was besorgen soll. "Nein. Thea ist es der ich einiges erklären muss ehe sie sich irgendwas

zusammen spinnt.", widerspreche ich. "Wie du meinst. Weichei!" Ich greife nach dem Handy und wähle ihre Nummer aus dem Telefonverzeichnis. Es klingelt. Einmal, zweimal, sie hebt ab. "Hallo Michael.", ruft sie zögerlich. "H-Hallo Thea." Schweigen. Ein bellen. Und ihr atmen so als würde sie schnell laufen. "Wo bist du? Was ... was machst du gerade?", frage ich um Ruhe bemüht. "Wir gehen spazieren." "Wir? Geht es deiner Granny denn schon wieder so gut, dass sie laufen kann?" "Ich meinte mit Stuart.", klärt sie mich

auf. Es folgt ein zögerliches Lachen. Genau das ist es was die Barrikade in mir löst. "Du hör mal, Thea, es gibt da was worüber ich mit dir sprechen muss!", beginne ich. "Es geht um die Schwangerschaft, oder?" "Was?" Überrumpelt bin ich für einen Moment sprachlos. Das nutzt sie aus um fort zu fahren, "Ich weiß es, Michael. Ich kann eins und eins zusammenziehen. Claire, deine Ex ist schwanger. Du bist der Vater. Du bist zu ihr nach Frankreich gefahren um ... über alles zu reden. Stimmt's? Oh Gott." Sie bricht ab, holt Luft. "Oh mein Gott, ihr ... ihr wollt es noch einmal miteinander probieren.", keucht sie.

Was? Ganz nebenbei registriere ich, dass sie scheinbar noch nicht die neuesten Papparazzi Bilder gesehen hat, wenn sie noch immer glaubt, dass ich in Frankreich bin. "Für das Kind, ich verstehe. Natürlich." Was redet sie denn da? "Ähm Thea ... ", versuche ich sie mal zu unterbrechen. "Ist schon gut, Michael. Ich ... ich verstehe das wirklich. Wirklich." Das letzte wirklich kam nur noch geflüstert. "Thea, Stopp!", rufe ich herrisch. "So ist es nicht." "Du liebst sie also noch?" Was?

"Wie kommst du denn darauf? ", keuche nun ich. "Na, weil du aus freien Stücken zu ihr zurück gehst." "Wer sagt das denn?", stöhne ich. "Du!" "Nein, du hast das gesagt.", stelle ich laut klar. "Süße, du beruhigst dich jetzt Augenblicklich!", befehle ich mit scharfem Unterton. Sie schweigt. "Thea, alles an dieser Frau ist falsch. ... " "Sie ist gar nicht schwanger?", unterbricht sie mich verblüfft. "Doch

leider." "Leider. Also bist du doch der Vater?", unterbricht sie schon wieder. Herrgott, diese Frau konnte einen um den Verstand bringen! "Nein, verdammt, bin ich nicht. Genau darüber wollte ich ja mit dir reden." "Bist du nicht? Sicher? Wie kannst du dir da sicher sein?", will sie wissen, und Verzweiflung klingt in ihrer Stimme mit. "Herrje, du lässt mich überhaupt nicht zu Wort kommen.", stöhne ich und fahre mir mit der Hand durch's Haar. Sie schweigt. Auch ihr atmen ist leiser. Scheinbar war sie stehengeblieben. "Thea, Claire und ich haben uns getroffen, ja ..."

Sie zieht scharf die Luft ein. "Sie hat mich besucht. Ich habe keine Ahnung was sie von mir wollte? Ich kann es mir nur so erklären, dass ihr Neuer kein Bock auf sein eigenes Kind hat und sie nun all ihre verflossenen Liebhaber sie in Frage kommen abklappert, um es einem von ihnen unterzuschieben.", ende ich meine Ausführungen. "Du geht ziemlich hart mit ihr ins Gericht.", verurteilt sie mich. "Würdest du sie kennen, würdest du ebenso über sie denken." Sie schnaubt. "Nein danke. Nach allem was ich so über diese Frau erfahren habe, ist sie mir deutlich zuwider."

Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. "W-wirklich?" "Ja, ich stelle sie mir immer als feuerspuckenden Drachen vor.", lacht sie über ihren eigenen Scherz. "Du hast das Jungfrauen fressen vergessen. Nur das Claire Duboise ausschließlich wohlhabende gutaussehende Männer frisst.", stimme ich in ihr Lachen mit ein. Das tut gut! Thea, scheint mir wirklich zu glauben. "Jedenfalls wollte ich mit dir darüber sprechen. Ich möchte nicht, dass du dir Sorgen machst!", gestehe ich nachdem wir uns etwas beruhigt haben. "Ich

möchte nicht, dass du etwas im Internet oder so liest und falsche Schlüsse ziehst." "Okay." "Ich verspreche dir, ich bin mir sicher, ich bin nicht der Vater des Kinder dieser Frau!" "Ist gut." "Glaubst du mir?" "Nun ja, niemand kann das mit Gewissheit sagen, oder? Erst wenn es auf der Welt ist." "Stimmt. Aber es darf einfach nicht sein!" "Hast du auch was gegen Kinder?", fragt sie so leise das ich sie mit den Windgeräuschen im Hintergrund kaum

verstehen kann. "Was? Wie kommst du darauf?" "Na, erst hast du was gegen Hunde und jetzt sprichst du so ... So, als wärst du froh kein Vater zu sein.", erklärt sie immer noch leise. Verzweifelt lasse ich mich auf das Bett fallen. "Thea, erstens, ich habe nichts gegen Hunde. Und zweitens, ich mag Kinder. Nun gut, bisher habe ich mir keine ernsthaften Gedanken darüber gemacht einmal eine Familie zu gründen.", gebe ich zu. Sie schweigt. "Aber seit ich dich kennengelernt habe hat sich das geändert." Jetzt lässt sie ein verächtlich Schnauben

erkennen. "Doch doch, verdreht jetzt nicht die Augen! Du hast mein Weltbild auf den Kopf gestellt. Ich will dich, mit allem drum und dran! Ich will mit dir Kinder haben! Aber nur mit dir." "Ernsthaft?" "Klar doch.", bekräftige ich. Diese Fernbeziehung war wirklich nichts für mich. Nur zu gern möchte ich sie jetzt auf knien anflehen mir zu glauben und mich zu heiraten. "Wenn du mir nicht glaubst, setze ich mich in den nächsten Flieger und komme zu dir. Ernsthaft." "Michael. Das geht doch nicht. Du hast zu tun.", lacht sie.

"Das geht nicht?", hake ich verwundert nach. Gleich darauf kommt die Ernüchterung. Stimmt ja, das geht nicht. Scheiße! Doch sie hatte schon angebissen und sagt mit ruhiger Stimme, "Das würdest du tun? Die Arbeit für mich stehen und liegen lassen." "Ähm ... Na klar.", lüge ich. "Gut. Beweise es! Wir warten hier auf dich.", lacht sie. Ernsthaft? Sie verlangt von mir, dass ich sofort aufbreche und zu ihr nach Dänemark komme.

Scheiße! "Ha ha ha.", lacht die Stimme.

33.

Michael würde herkommen. Vor Freude wurde ich ganz zappelig.  “Komm Stuart, wir müssen los.”, rufe ich laut nach meinem Hundebaby. Sofort kommt er aus dem Unterholz angelaufen. Das Fell um die Schnauze war schmutzig und kleinere Ästchen hängen in seinem Fell. Liebevoll befreie ich ihn davon und nehme ihn wieder an die Leine. Es ist eine Rollleine, so eine wo der Hund 10 Meter Auslauf hat. Stuart war stets bemüht diese auch voll auszukosten. Sehr zum missfallen von mir, die ich ihm jedesmal hinterher kriechen muss um ihn aus Gestrüpp zu

befreien. Da mussten wir wohl noch ein wenig üben.  Während des laufens konnte ich Rose ein Backup geben. Die würde staunen, dass mein Mann bereit war, für mich alles stehen zu lassen und sogar mehrere Länder überwinden will nur um bei mir zu sein. “Und, gibt's was neues?”, fragt sie neugierig kaum dass sie das Gespräch angenommen hatte.    “Es ist alles in Ordnung.”, beginne ich. “Er ist wohl nicht der Vater. Jedenfalls glaubt er das. Er kommt so gar hierher um bei mir zu sein.”, schließe ich stolz. “Nach Dänemark?” “Ja klar.”, lache

ich. “Wirklich?” “Ja. Sag ich doch.” Warum war sie so misstrauisch? “Hm. Okay. Hältst mich auf dem Laufenden?”, fragt sie. Ich verspreche es.  “Wann will er denn da sein?” Ich zucke die Schultern. “Keine Ahnung. Er will sofort losfahren.” “Okay.” “Sei doch nicht so misstrauisch, Rose!”, bitte ich lächelnd. “Erfahrungswerte.”, murmelt sie und klingt dabei abwesend. “Ich möchte nur nicht das meine beste Freundin enttäuscht

wird.” “Das werde ich nicht, keine Sorge.”, verspreche ich wahrheitsgemäß.  Ich hoffe sie davon überzeugt haben zu können, ehe wir auflegen. Zurück in der Pension bringe ich Oma auf den neuesten Stand. “Das freut mich, mein Schatz!” Und mich erst. Sofort kommen mir Bilder von Michael nackt über mir in den Sinn. Rasch schüttle ich diese unzüchtigen Gedanken aus meinem Kopf. Vorerst zumindest. “Wie kommt er hierher?” “Na so wie wir, Oma, mit dem Flugzeug, dem Auto und der Fähre.”, lache

ich. “In Ordnung. Dann gib am besten Frau Carstensen bescheid wegen eines weiteren Zimmers! Ihr könnt euch dann dieses hier teilen und ich nehme das Einzelzimmer.”, schlägt sie freundlich vor. Ich nicke zustimmend. “Sicher kann er auch nicht lange bleiben. Er hat immer so viel zu tun.” “Verstehe. Aber es ist ihm hoch anzurechnen, dass er für dich seine Arbeit links liegen lässt und extra hierher kommt.” Da konnte ich ihr nicht

wiedersprechen.  Drei Stunden waren vergangen seit dem Telefonat mit Thea. Drei Stunden in denen ich mir etliche Ausreden, Möglichkeiten hier abzuhauen um zu ihr zu fliegen und Zukunftsvisionen zurecht legte. Aber keine stellte mich so richtig zufrieden. Nur einer konnte mir in dieser Sache wirklich helfen, und das war nicht Doktor Clarke. Jack musste für mich das da draußen regeln. Ich konnte hier nicht weg. Breche ich die Therapie ab, ist es vorbei. Dann werde ich nicht gesund und verliere zudem noch

alles. Aufgeregt und mit schweißnassen Händen wähle ich seine Nummer.  Es klingelt. Mit zitternder Hand halte ich mir das Gerät an das Ohr.  Es klingelt noch immer.  Auch nach dem fünften Klingeln nahm niemand ab. Enttäuscht lasse ich die Hand sinken und wähle stattdessen Jack's Festnetznummer. Vielleicht saß er ja in einem Meeting? Julia kann ihm ja dann ausrichten das ich angerufen habe.  Es klingelt. “Ja.”, meldet sich eine müde klingende weibliche Stimme. Überrascht sage ich, “Ähm …

Julia?” “Ja.” “Was … was ist denn … Ich wollte eigentlich Jack sprechen.”, stammle ich verwirrt. Sie klingt so gar nicht nach der lebenslustige Frau die ich kenne. Da musste was passiert sein. “Julia, was ist los?” “Michael?”, fragt sie in einem Ton als sei sie überrascht mich in der Leitung zu haben. “Ähm … ja. Was ist denn los? Du … du klingst so seltsam.” “Oh Michael.”, schluchzt sie plötzlich. Erschrocken zucke ich zusammen. “Ja?” Sie

weint. “Julia?” Schluchzen. “Ähm … könnte ich Jack sprechen?” Vielleicht könnte er mir ja sagen was los war. “Nein.”, heult sie lautstark. Ich ziehe die Stirn krauss. “Julia, ich verspreche dir …” Was ich ihr gedenke zu versprechen schien sie nicht zu interessieren, denn sie unterbricht mich schluchzend, “Er ist tot, Michael.” Tod? Was? “W-was?”, stammle ich

verwirrt. “Tod.”  “Was?” “Gestern.”  “Was? Was redest du denn da?” Plötzlich schreit sie, “Er wurde getötet, Michael. Gestern. Von einem Fremden. Man hat ihn erstochen in der Themse gefunden.” Das Telefon verstummt. Die Zeit gefriert. Fassungslos starre ich auf das Handy in meiner Hand.  Jack. Tod. Erstochen. Themse. Er soll weg sein? Nein. Nein. “NEIN!”, schreie ich und werfe das Gerät gegen die Wand wo es mit einem Knall in tausend Teile zerspringt. Sofort stehen mehrere Leute in meinem

Zimmer. “Mister Thompson!”, schreie sie mich an. “Beruhigen Sie sich!” Ich denke nicht daran. Was wollten die hier? Wütend mache ich einen Satz auf sie zu. Zwei von ihnen packen mich unter den Armen und schleifen mich zum Bett. Mit Händen und Füßen versuche ich mich zu wehren, versuche sie los zu werden. “Haut ab, verdammt!”, schreie ich wild. “Komm schon, Kumpel, beruhig dich mal!”, brummt der eine Pfleger.  “Lasst mich los! Sofort!” Für meine Drohung ernte ich nur ein höhnisches Lachen. Eine Schwester eilt herbei “Haltet ihn fest!” und drückt mir eine Spritze in den

Oberarm. Sofort umhüllt mich ein Nebel. Stimmen dringen dumpf an mein Ohr. “Er wird gleich einschlafen. Schließt aber den Raum ab!” “Meinst du das wäre gut?” “Wegen seines Anfalls? Ach blödsinn. Der tut sich nichts an.”, erwidert eine weibliche Stimme. “Der hat heute nur einiges durchmachen müssen.”   “Wie du meinst.” Und dann wird alles schwarz und ich gleite hinab in die befriedigende Dunkelheit.  Zehn Stunden. Zehn Stunden ist es her, dass wir telefoniert haben. Und keine

Spur von ihm.  Zum wiederholten male versuche ich ihn anzurufen. Und zum wiederholten mal geht direkt die Mailbox ran.  Scheiße! Wo steckt er schon wieder? “Du machst dir Sorgen?”, stellt Oma vom Bett aus folgerichtig fest. Ich wende mich vom Fenster ab aus dem ich hinaus gestarrt und doch nichts wahrgenommen habe. “Ja. Michael ... “ Ich breche ab. Heiße Tränen strömen mir über die Wangen.    “Ach Liebes, komm setz dich zu mir!” Sie klopft mit der linken Hand auf die freie Bettseite. Ich folge und nehme platz. Kaum das ich

sitze zieht sie mich in eine tröstende Umarmung. “Ach Oma …” , schlurze ich. “Ich weiß einfach nicht …” “Du machst dir Sorgen, dass ihm etwas zugestoßen ist?” Ich nicke an ihrer Schulter. “Das wird es schon nicht. Du meinst doch, er ist ein vielbeschäftigter Mann. Sicher konnte er sich doch nicht so schnell frei machen wie er gehofft hatte.”, versucht sie mich zu trösten. Die Schluchzer lassen meinen Körper beben.  “Mein Kleines, mach dir bitte nicht so große Sorgen!” “Aber  … aber, er ist nicht gekommen,

Oma.” “Ja, das ist wahr. Aber es wird nichts tragisches dahinter stecken.” “Woher willst du das wissen?” Ich löse mich von ihr um sie besser ansehen zu können. “Ich weiß es eben. Außerdem bin ich ein, eine Eigenschaft die du übrigens von mir geerbt hast, äußerst positiv eingestellter Mensch. Ich habe einfach Vertrauen, dass alles gut wird.” “Meinst du?”, murmle ich. “Ja, das meine ich!”, sagt sie deutlich. Mit einem verschmitzten Grinsen fügt sie hinzu, “Und wenn du dir solche Gedanken machst, gibt es doch sicherlich Mittel und Wege seinen momentanen

Aufenthaltsort ausfindig zu machen.” Ihre blauen Augen zwinkern mir zu. “Die gibt es, ja. Aber ich kann doch nicht schon wieder seine Assistentin …” “Schon wieder?” Ich winke ab. “Nicht so wichtig.” “Doch du kannst!”, antwortet sie auf meine Bedenken. “Rufe diese Frau an und frage sie direkt! Ich denke ihr seid so gut wie verlobt? Da muss man dir doch diese Frage gewähren.” “Ja, sicher.”, murmle ich gedankenverloren.       Ich wache mit hämmernden Kopfschmerzen auf. Dieser Doktor steht

vor mir. Wo bin ich? Im ... im Dings Bums. Und wie hieß er noch gleich? Clarkson, Clever oder so? Ich kann mich nicht erinnern. “Oh man, wurde ich von einem Laster überfahren?”, stöhne ich und rappel mich auf. “Nicht ganz. Wenn Sie Kopfschmerzen oder eine gewisse Übelkeit verspüren, dann kommt das sicher von dem Medikament das wir Ihnen verabreichen mussten.”, erklärt der namenlose Arzt. “Aber … wieso?” “Sie haben getobt.” “Ich? Was? Warum?”, stammle ich. Plötzlich, als würde eine Lawine der Erinnerung mich überrollen kommt alles

zurück. Jack, Tot, erstochen in der Themse. Und der da vor meinem Bett heißt Clarke. “NEIN!”, schreie ich so plötzlich, dass der Doktor zusammen zuckt.  “Mister Thompson, beruhigen Sie sich bitte! Sagen Sie mir doch was Sie bedrückt!” Heftig schüttel ich den Kopf. “Mister Thompson …” “Nein!”, schreie ich erneut. Schon steht Schwester Miller hinter ihm. “Soll ich ...?” Doch er schüttelt fast unmerklich den Kopf.  Sie geht ab. “Mister Thompson, irgendwas muss

vorgestern geschehen sein. Sie hatten einen Anfall. …” Moment. Was? “Vorgestern?”, rufe ich dazwischen. Er nickt. “Ja, vorgestern. Wir mussten Sie sedieren.” “Sie mussten was?”, rufe ich fassungslos. “Sedieren. Das bedeutet …” “Ich weiß was das bedeutet.”, schreie ich. “Ich will wissen warum Sie das getan haben?” “Weil Sie sich wie wild benommen haben, Mister Thompson. Sie haben um sich getreten.” “Ich habe was?” Ich nehme mir einen Moment um mich zu erinnern. “Na klar

hab ich das. Aber ich hatte auch allen Grund.” “Welchen Grund sollte es haben das man sich so benimmt?”, will er neugierig wissen. Ganz der Psychiater.  “Glauben Sie mir es gibt ihn.”, brumme ich. “Tatsächlich. Dann erzählen Sie mir doch davon!” Sag ich ja, der Psychiater. “Ich …ich kann nicht.” “Warum nicht? Meinen Sie nicht, es würde Ihnen gut tun?”  “Gut tun?”, echauffiere ich mich. “Wie sollte es mir gut tun darüber zu reden? Was sollte das helfen?” “Sie wissen, dass reden gut

tut.” Ein hysterisches Lachen dringt aus meiner Kehle. Wie sollte das helfen? Wie sollte reden meinen besten  Freund wieder lebendig machen.  “Gut, wenn Sie nicht mit mir reden wollen, dann lasse ich Sie jetzt allein. Gegen die schlimmen Träume wird Ihnen die Schwester was geben.” Damit lässt er mich allein. Irgendwann konnte ich Rose's Anrufe nicht mehr ignorieren. Sie rief mich fast stündlich an. “Was gibt's denn?”, sage ich eine Spur zu unfreundlich, als ich das Gespräch entgegen nehme. “Hey hey, bring mich nicht gleich um.”,

lacht sie. “Entschuldige bitte. Ich bin nur etwas … durch den Wind.” “Er ist nicht aufgetaucht, stimmt's?” Am liebsten würde ich ihr entgegen schleudern “Natürlich ist er das. Ätsch!”, doch das konnte ich nicht. Ich konnte meine beste Freundin nicht belügen. Also antworte ich wahrheitsgemäß aber zerknirscht, “Nein.” “Hab ich's doch gewusst.” “Rose, bitte!” “Sorry Süße, aber ich hab es dir doch gleich gesagt. Der Kerl ist nen Lügner. Vergiss ihn!” Auf keinen Fall! “Vielleicht hast du Recht.”, stimme ich

leise zu. “Er hat sich schon zu oft …” “Für seine Vergehen entschuldigt?”, vollendet sie den Satz für mich. Ich nicke.  “Ich weiß, du magst ihn, aber er ist nicht gut für dich. Du hattest schon mal eine zerstörende Beziehung und bist daran beinahe zerbrochen. Ich guck da nicht noch einmal zu.” “Aber …” “Nein, kein aber.”, herrscht sie mich an. “Du musst ihn vergessen!” “Das geht nicht so leicht.”, gebe ich wütend zurück. “Ich liebe ihn!” “Ja, zumindest bildest du dir das ein.”, lacht sie. “Du hast gut reden, bei dir und deinem

Daniel läuft es sicher bestens. Aber ich sag dir eins, nicht in jeder Beziehung kann immer eitel Sonnenschein herrschen.” Kaum waren die Worte ausgesprochen bereute ich sie auch schon. “Entschuldige! Da sind wohl die Gefühle mit mir durchgegangen.”, entschuldige ich mich zerknirscht. “Schon gut.”, erwidert sie kühl. “Ich lass dich jetzt mal … nachdenken. Vielleicht siehst du auch mal im Internet nach.” “Warum sollte ich das tun?” “Na vielleicht, weil du dann neue Infos erhältst?” Ich schweige. “Na, du kannst dich ja wieder melden, wenn du … normal geworden bist!”, sagt

sie leise und legt auf. Sprachlos starre ich auf das Telefon in meiner Hand.  Um mir selbst Gewissheit zu verschaffen beschließe ich ihren Ratschlag zu beherzigen und suche im Internet nach seinem Namen.  Tatsächlich finde ich einige neue Einträge. Ich klicke auf ein neues Foto was ihn gemeinsam mit Claire zeigt. Es war etwas unscharf und fast so als wäre es heimlich aufgenommen worden. Fassungslos lese ich den Text der angefügt ist. 'Hier verkündet Claire Duboise dem werdenden Vater Michael Thompson, der gerade in einer

Entzugsklinik in London einsitzt die freudige Nachricht. Doch der schien nicht erfreut und beschimpfte sie lautstark. Laut Augenzeugenberichten soll er sogar Handgreiflich geworden sein. ' Meine Beine werden weich wie Butter und ich muss mich setzen damit ich nicht zusammenzubreche. Michael war in London, in einer Entzugsklinik. Warum? Nahm er etwa Drogen? Warum habe ich das nicht mitbekommen? Ich müsste doch Antennen für sowas haben.  Und er ist doch der Vater? Er hat mich also angelogen.  Zutiefst erschüttert werfe ich mich auf das Bett. Ich wollte niemanden mehr

sehen, mit niemanden mehr reden. Oma, die meine Misere mitbekommen haben musste, zog sich mit Stuart rücksichtsvoll zurück und ließ mich weinen  Ich blieb den ganzen Tag im Bett liegen und weinte. Ich weinte, bis keine Tränen mehr kamen. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich konnte nicht mehr hier liegen und nichts tun außer mir die Augen rot zu heulen. Ich brauchte Antworten. Aber hier bekomme ich sie nicht. Ich war viel zu weit weg. Ich musste zurück. Zurück nach London.  Irgendetwas tief in mir drin sagt mir, dass ich ihn nicht einfach so aufgeben durfte. Nicht ohne ihn zumindest vorher

zur rede gestellt zu haben.   Entschlossen gehe ich ins Badezimmer, duschte mir die Traurigkeit vom Körper, zog mir frische Kleidung an. Dann holte ich mir aus dem Speiseraum einen Becher frischen duftenden Kaffee und ging zurück auf mein Zimmer. Anschließend rief ich bei Michaels Assistentin Mrs. MacDonald an. Ihre Nummer hatte ich inzwischen von ihr erhalten. Über eine Woche war vergangen als Michael mir zugesagt hatte nach Dänemark zu kommen. “Guten Tag, Miss van der Woodsen. Wie geht es Ihnen heute?”, begrüßt sie mich freundlich als ich mich melde.  “Danke, gut.”, lüge ich. “Sagen Sie Jane,

haben Sie eventuell etwas von Michael gehört?” “In den letzten vier Tagen nicht, Miss.” Die letzten vier Tage? Er hatte sich bei ihr gemeldet. “Ach wirklich. Können Sie mir vielleicht sagen ob er noch in ... Frankreich ist, oder ob er mittlerweile wieder in London ist?” Sie überlegt einen Moment. Schließlich sagt sie, “Haben Sie zufällig in der letzten Zeit Zeitung gelesen?”  “Zeitung nicht. Aber ich habe es im Internet gesehen.”, gebe ich leise zu.  “Verstehe.”  “Hm. Er war gar nicht in Frankreich oder?”, frage ich

geradeheraus. Ich habe das Gefühl mit ihr offen sprechen zu können.  “Nein.” “Er ist also tatsächlich in London? War er die ganze Zeit.” “Ja, die ganze Zeit.”, gibt sie leise zu. “Jane, ich frage Sie jetzt geradeheraus, nimmt Michael Drogen?” Sie schweigt.  Gerade als ich meine Frage wiederholen will sagt sie, “Ich denke ja. Ich wusste es auch nicht. Er hat gut verborgen gehalten.” ”Tatsächlich?”, hake ich verwundert nach. Sollte er alle Menschen um sich herum so gut getäuscht

haben?  “Ich habe auch nichts bemerkt.”, gebe ich zu. “Aber jetzt möchte er etwas dagegen tun?” “Es sieht so aus.”  “Wissen Sie wie es ihm geht?”  “Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Aber sicherlich im Moment nicht gut.” “Ja, so ein Entzug ist furchtbar kräftezehrend.” Woher ich solch eine Information habe verrate ich ihr nicht.  “Ja sicherlich. Aber das meine ich nicht. Mister Thompson hat mich vor einigen Tagen angerufen um mir einige Instruktionen zu geben.” “Instruktionen?” “Es geht um seinen besten Freund, Jack

Spencer. Ich sollte mich um dessen Beerdigung kümmern.” “Beerdigung?”; frage ich fassungslos. “Ja, genau. Er wurde getötet. Vor einer Woche etwa.” “Was? Sein bester Freund, sagen Sie?” “Sicher doch. Ich kannte Mister Spencer zwar nicht persönlich, aber Mister Thompson hat dann und wann von ihm gesprochen und er ließ mich Tische für sie beide in Restaurants bestellen.”, erklärt sie. “Verstehe.”, murmle ich abwesend. Oh mein Gott! Wie musste er sich gerade fühlen? Und er ist ganz allein. Allein in einer Klinik. Während er einen körperlich stark beeinflussenden Entzug

durchmacht. Wie solch ein Schicksalsschlag einen aus der Bahn werfen kann, wusste ich aus eigener Erfahrung. Er tat mir unendlich leid! “Die Sache geht ihm sehr nah.”, bestätigt Mrs. MacDonald meine Befürchtungen.  “Das denke ich mir. Hat er denn jemanden der sich um ihn kümmert?” “Nun ja, er ist in einem Krankenhaus.” “Nein, ich meine doch jemand … ein Freund.” “Ich denke nicht. Nun ja, ich könnte Julia Montrose anrufen?” “Julia Montrose?” “Eine gute Freundin von Mister Thompson.” Himmel,

nein! “Hm.”, sage ich lahm.  Oder ich fahre hin. Vielleicht würde er sich ja sogar freuen? “Nein, lassen Sie mal! Ich werde ihn besuchen.” “Sie, Miss van der Woodsen?” “Ja, genau.” “Aber, mit verlaub, sind Sie nicht noch bei Ihrer Großmutter in Dänemark?”  “Ja.”, antworte ich und in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. “Gibt es denn schon einen Termin für die Beerdigung?” “Ja den gibt es, einen moment bitte! … In zwei Tagen, am Donnerstag um 14 Uhr Highgate

Cemetery.” “Gut. Ich werde Mister Thompson dorthin begleiten.”, sage ich mit Bestimmtheit. “Sind Sie sicher?” “Aber natürlich bin ich das! Ich regel hier alles und fliege spätestens Morgen Vormittag zurück nach London.” “Soll ich Ihnen einen Flug buchen?” Erstaunt frage ich, “Das … das würden Sie machen?” “Selbstverständlich.” “Aber ich … ich … Sie arbeiten doch nicht für mich.” “Aber Sie sind die Verlobte meines Vorgesetzten. Also würde Ihnen morgen um 11 Uhr 32

passen?” “Ähm … ja klar. Danke.”, antworte ich verwirrt und dankbar. Im letzten Moment fällt mir Stuart ein. “Ach und wären Sie so freundlich auch einen Platz für meinen Hund zu bestellen?” “Sie haben einen Hund?” “Ja, einen Welpen.” “Dann kann er in einer Transporttasche im Fußraum untergebracht werden.”, erklärt sie fachmännisch. “Ich weiß.”  “Gut. Haben Sie eine solche Tasche?” “Ja.” “Fantastisch. Alles weitere regel ich.” “Ich danke Ihnen vielmals! Erinnern Sie mich daran, dass ich Sie demnächst mal

zum essen einlade!”, lache ich erleichtert. “Das ist nicht nötig, Miss van der Woodsen.” “Doch, ich bestehe darauf!” “Wenn das so ist, dann gern. Ihr Flugticket wird am Check In Schalter für Sie hinterlegt. Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen oder Aufträge?” “Ähm, nein.” “Gut. Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Tag.”, verabschiedet sie sich freundlich.  Verwirrt lege ich das Handy auf das Fensterbrett.  Wie konnte in wenigen Minuten das Leben nur so eine Wendung

nehmen?  Aber tat es das im Grunde nicht immer?  Ein Kind wird geboren, ein alter Mensch stirbt. Eine Familie fährt lustig in den Familienurlaub, ein Unfall und schon sind die Kinder Waisen. Ein Unglück und schon ist nichts mehr wie es war. Ich hatte bei seiner Assistentin angerufen, weil ich sauer war und ihn wegen seiner Lügen zur Rede stellen wollte. Und nun ist mir das völlig egal, weil es unwichtig ist und ich eile zu seiner Rettung.  Plötzlich fällt mir Oma wieder ein. Nächste Woche würde sie zu Vati und

Mutter nach Berlin reisen. Solange ihr eigenes Haus umgebaut wird. Eigentlich hatte ich vorgehabt bis dahin noch bei ihr zu bleiben, doch nun wurde ich woanders gebraucht. “Schatz, wenn er dich braucht, solltest du wirklich zu ihm reisen!”, redet mir Marie-Therese ins Gewissen. “Du warst so lange für mich da und hast dein eigenes Leben vernachlässigt.” “Ach quatsch, vernachlässigt.”, widerspreche ich. “Doch doch. Dein Mann braucht dich. Dringender als ich. Sein bester Freund ist gestorben.” Ich nicke traurig. “Es macht ihr wohl ziemlich

fertig.” “Verständlich.” Ich nicke. “Du fährst morgen nach London zurück. Ich habe mit deinem Vater ausgemacht, dass er mich hier abholen kommt. Und bis zu seiner Ankunft wird Frau Carstensen mich unterstützen. Du siehst …” Aufmunternd nickt sie mir zu. “... du kannst ganz beruhigt abreisen.” “In Ordnung. Und auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an, oder?”, stimme ich ihr lächelnd zu. “So ist es.”

34.

Ich brenne! Verbrenne am lebendigen Leib. Den Schrei noch auf den Lippen fahre ich im Bett hoch. “FUCK!” Diese höllischen Schmerzen. Sie sollen weg gehen. Mein Magen rebelliert als würde ich gleich mehr als nur den Mageninhalt auskotzen. Angewidert beuge ich mich über den Bettrand und lasse es laufen. “Mister Thompson.” Plötzlich steht Maryann neben meinem Bett, das blanke Entsetzen auf dem Gesicht. “Warten Sie, ich helfe Ihnen.”, verspricht sie und rennt

davon.  Meine Hände beginnen unnatürlich stark zu zittern. Das macht mich wahnsinnig. Ebenso wie diese höllischen Kopfschmerzen. Mein ganzen Körper steht in Flammen und Schweiß ströhmt aus jeder Pore.  “Was ist das? Was habt ihr mir gegeben?”, schreie ich in die Dunkelheit.  Maryann kommt zurück, gefolgt von Oberschwester Miller. “Mister Thompson, einen Moment. Wir helfen Ihnen.” Das hatte sie eben schon versprochen. Mrs. Miller genügte ein Blick auf meine traurige zitternde Gestalt, “Ruf

Sutherland!”, zischt sie der Schwester zu. Maryann eilt wieder davon.  Das Zittern hatte sich inzwischen zu einem regelrechten Beben gesteigert. Es schüttelte meinen ganzen Körper, dass ich Angst habe aus dem schmalen Bett zu stürzen. Doch Miller's Schraubstock artiger Griff sorgt dafür, dass dies nicht geschah. Fest drückte sie mich auf die Matratze. “Scht. … Gleich.” Ihr Tonfall sollte wohl beruhigend klingen, doch ich hatte dafür keinen Nerv. “Diese scheiß Schmerzen!”, schreie ich. “Ich … kann … nicht … mehr.” “Doch, Sie können.”, widerspricht sie. “Was glauben Sie was Sie alles aushalten

können.” Was ich alles aushalten konnte wusste ich nur allzu gut. Deswegen war ich ja schließlich hier oder.  In diesem Moment rauschte Doktor Sutherland ins Zimmer. Dicht gefolgt von der Schwester die einen niedrigen Metallwagen mit Instrumenten vor sich her schob. “Mister Thompson, können Sie mich hören?” “Ja.”, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.   “Wie viele Finger halte ich hoch?” “Was?” “Wie viele Finger?”, wiederholt er und hält drei in die

Höhe.  “Drei.”, fauche ich. “Diese Schmerzen.”, bebe ich. “Gut.” Was war gut daran? “Sagen Sie mir wo es ihnen weh tut!” “Überall.” Wenn nur irgendwie möglich, verstärkte sich das Zittern noch. Mittlerweile stand mein ganzer Körper in Flammen. “Ich … sterbe.”, stöhne ich.  “Sie sterben nicht.”, widerspricht er mir ruhig. “Das was Sie gerade durchmachen nennt sich delirium tremens.” “Was?” “Das ist ein starkes Zittern der Gliedmaßen. Ausgelöst durch den

Alkoholentzug. Normalerweise tritt ein solches Symptom am Anfang des Entzugsprozesses auf. Bei Ihnen muss das traumatische Erlebnis der ausschlaggebende Grund gewesen sein, dass Sie es jetzt durchleben.” “Ich … will … es … nicht … er-erleben. Ich … will … nicht … mehr.”, stammle ich unter größten Anstrengungen. “Sie schaffen das! Ich verabreiche Ihnen jetzt ein Mittel gegen die Schmerzen. Und dann schlafen Sie.”, erklärt der Arzt. "Morgen sieht die Welt dann wieder anders aus." "Sie können sich Ihre tollen Sprüche in den Arsch schieben!", fauche ich. "Ich will das nicht

mehr!" In diesem Moment spüre ich schon die Injektion. Ich werfe den Kopf hin und her. “Ich … will ... nicht … mehr! Ich … werde … sterben. Ich … will … sterben!”  “Sie werden nicht sterben.”  Und da ist sie wieder, diese Oberflächlichkeit die alles so belanglos macht. Die Stimmen in meinem Kopf verstummen. Die friedliche Dunkelheit umfängt mich.  “Spüren Sie schon etwas.”, fragt er. Das Zittern lässt nach. Ich nicke stumm. Mein Gesicht ist Tränennass.  “Jack.”, rufe ich matt. “Jack, Jack.” “Wer ist Jack?”, fragt der Arzt. “War das

sein …” “Ja.”, murmelt die Schwester. “Armer Kerl!”, brummt der Arzt. “Hat er keine Angehörigen die ihn unterstützen?” “Eine Verlobte oder Freundin wohl, aber die war noch nie hier.” Sutherland nickt und geht ab. Mein Tag begann sehr früh. Noch vor dem Weckerklingeln wachte ich auf und ging mit Stuart spazieren. Er würde heute noch viele Stunden in einer engen Kiste verbringen, da war es wichtig, dass er sich noch einmal richtig die Beine

vertrat.  Fröhlich rannte er über den Strand und jagte Möwen.   In der Pension half ich Oma bei ihrer Morgentoilette und anschließend frühstückten wir ein letztes Mal ausgiebig gemeinsam.  Besorgt sehe ich ihr dabei zu, wie sie sich mühsam erhebt, über den Tisch greift, um an das Glas mit der Marmelade zu gelangen. “Ist es auch wirklich okay für dich, dass ich abreise?”, frage ich sicherlich zum fünfzigsten Mal in den letzten Tagen. Aber ich machte mir eben meine Gedanken. Erleichtert lässt sich sich zurück auf

ihren Stuhl nieder und atmet aus. “Mein liebes Kind, zum letzten Mal, ja, ich komme zurecht. Du tust ja gerade so, als wäre ich eine invalide Hundertjährige.”, spottet sie lächelnd und beginnt Marmelade auf ihre Brötchenhälfte zu verteilen. “Außerdem werde ich nicht allein sein. Frau Carstensen ist doch bei mir.” “Ja schon, aber die hat auch noch ihre Pension zu führen.”  “Sieh dich hier doch mal um! Es ist Nebensaison. Sie hat nicht viel zu tun.” Oma macht eine ausschweifende Geste. “Und nächste Woche kommt dein Vater.” “Ja, ich weiß.” Besorgt sehe ich sie an. “Thea, hör auf

damit!”, lacht sie mich über den Tisch hinweg an.   “Schon gut.”, rufe ich ergeben und hebe die Hände. “Schon gut. Ich höre auf.” “Hast du nicht auch noch zu tun?” Erschrocken sehe ich auf meine Armbanduhr. “Oh Mist, so spät schon! Du hast recht. Ich muss noch fertig packen.” Marie-Therese deutet lächelnd mit der Hand Richtung Tür. “Na dann, los!” Eilig laufe ich hinauf in unser Zimmer. Stuart rennt mir hinterher, wobei der mit den Treppenstufen noch immer Probleme hat. “Hey mein Junge. Das wird heute ein langer Tag. Bist du

bereit?” “Wuff.” “Scheint so.”, lache ich. “Aber jetzt lass mich mal machen. Leg dich hierhin!” Ich klopfe mit der flachen Hand auf das Bett. Stuart stellt sich mit den Vorderpfoten auf die Bettkante und ich helfe ihm, indem ich ihn nach oben hebe. Er läuft zweimal im Kreis und lässt sich schließlich auf der Decke nieder. Mit seinen dunklen aufmerksamen Augen beobachtet er jede meiner Bewegungen.  Eilig und, dass muss ich zugeben für mich äußerst untypisch packe ich meine Kleidung ungefaltet in den Koffer. Dieser war nun, da auch Stuart's Hab und Gut mit verstaut werden musste voller

als auf der Herreise.  “Na, hast du alles?”, fragt Oma. Es muss für sie eine enorme Kraftanstrengung bedeuten, aber sie wollte es sich partu nicht ausreden lassen mich vor der Tür zu verabschieden. Das Taxi war bereits da und der Fahrer war dabei meinen Koffer zu verstauen.  “Klar, ich hab alles. Und du kommst …” Oma hebt die Hand um mich zu unterbrechen. “Wehe du sprichst diesen Satz zu ende!” Lächelnd schweige ich. “Ich bin dir sehr dankbar! Für alles, mein Schatz!” “Das habe ich wirklich gern

gemacht!” “Du bist tatsächlich der liebenswürdigste Mensch den ich kenne.”, lobt sie und ich merke wie mir bei ihren Worten warm wird. “Das ist doch selbstverständlich.”, murmle ich peinlich berührt. “Außerdem bist du doch meine Lieblingsoma.” Lächelnd zieht sie mich in eine Umarmung. “Mach's gut, Oma. Ich hab dich lieb!” “Ich dich auch, mein Schatz.” Sie küsst mich auf die Wange. Ihre Beine beginnen zu zittern. “Oma, du solltest jetzt wirklich rein gehen! Das strengt dich zu sehr an.”    “Ja, ich gehe gleich rein, aber erst muss

ich noch …” Sie klopft sich auf den Oberschenkel. Stuart weiß was von ihm verlangt wird und springt an ihrem Bein hinauf. Liebevoll streichelt sie ihm über den Kopf. “... von meinem kleinen Liebling verabschieden.” Zweieinhalb Stunden später besteigen wir das Flugzeug. Und nochmal eine Stunde später befinden wir uns im Landeanflug auf London Heathrow. Unter mir schlängelt sich die Themse glitzernd im Sonnenlicht durch die Straßenschluchten. Die einzelnen Erhebungen indenen ich unter anderem 'the Shard' oder 'Gherkin' erkenne, verursachen in meinem Bauch ein

ähnliches Gefühl wie Verliebtsein. Und es stimmte, ich war in diese Stadt verliebt. “Gleich lernst du dein neues zuhause kennen.”, sage ich zu Stuart der winselnd in seiner Transportbox zu meinen Füßen sitzt. Er hatte sich den ganzen Flug über sehr friedlich verhalten. Doch langsam wurde es ihm zu viel. Sein Jammern war herzzerreißend. “Gleich, mein Schatz. Hab noch ganz kurz Geduld!” London hat mich wieder. Als erstes fuhr ich mit dem Taxi in den Elgin Cress nach Hause. Stuart musste unbedingt raus aus der Box.  Kaum habe ich die Haustür geöffnet und

bin im Haus, als auch schon Ana strahlend auf mich zugelaufen kommt. “Thea. Da bist du ja endlich wieder!”, schreit sie fast vor Freude.   “Hi Ana. Ja - tata!”, jubel ich lachend mit ausgebreiteten Armen und lasse mich von ihr umarmen.  In der Transportbox rumort es.  “Hey, und wen haben wir da?”, fragt Ana weiterhin lachend, obwohl sie die Antwort aufgrund der Tatsache, dass sie weiß, das ich einen Hund habe und dass dies eine Hundetransportbox ist schon selbst beantworten kann.  Lächelnd und auch ein bisschen stolz stelle ich die Box neben mir auf dem Boden und gehe gleichzeitig in die

Hocke. “Darf ich vorstellen? Das ist Stuart. Na ja, eigentlich ist sein Name Thure van Skolberg. Aber den fand ich dann doch etwas zu hochtrabend.”, grinse ich. “Zu uns passt besser Stuart, oder?” “Aber sicher.”, grinst Ana und knuddelt den kleinen Fellball als hätte sie noch nie einen süßeren Hund gesehen. Stuart, froh endlich der Box entspringen zu können tut das und rennt aufgeregt mal hierhin und mal dort hin. Neugierig schnüffelt nimmt er den andersartigen Geruch in sich auf. Lächelnd sehen wir ihm einen Moment dabei zu. “Darf ich dich um etwas bitten?” “Klar, schieß los!” “Ich muss gleich nochmal weg. Ist

wichtig. Ich möchte ungern Stuart mitschleppen.” “Klar, ich pass auf ihn auf. Kein Problem.” “Das ist sehr lieb. Danke!”, freue ich mich ehrlich.  “Was meinst du Stuart, wollen wir spazieren gehen?” Ana's Stimme verfällt ganz typisch für Erwachsene wenn sie ein Kleinkind sehen, eine Oktave höher in eine entrückte Tonlage. Stuart schien sie zu mögen. Schwanzwedelnd dreht er Runde um Runde um ihre Beine und bellt aufgeregt.  “Er ist jedenfalls begeistert.”, lache ich. “Ana, ich danke dir wirklich

sehr!” Sie richtet sich wieder zu voller Größe auf und bekräftigt, “Es macht mir wirklich nichts aus. Außerdem ist er doch jetzt ein weiterer Mitbewohner. Es ist also ganz natürlich mit ihm Zeit zu verbringen.” Aufmerksam sehe ich sie an, “Apropos Mitbewohner. Wie geht es Vik? Ich hatte lange keinen Kontakt zu ihr.” Ana zuckt die Schultern. “Wer weiß schon was in ihr vorgeht? Ich selbst habe sie seit einigen Tagen nicht mehr gesehen.” Ich reiße die Augen auf. “Wirklich? Wo kann sie denn stecken?” “Ich weiß es nicht genau. Na ja, ich

denke, sie ist bei Nicolas. Aber so genau weiß man das bei ihr ja nie.” “Wie lange genau ist sie schon weg?” Plötzlich werde ich von der Sorge um meine Freundin erfüllt. Zusätzlich zu der Sorge um Michael. “Seit drei Tagen.” "Und im College? Ich meine, war sie da auch nicht?" "Nö. Hat mich ehrlich gesagt auch gewundert, weil sie das eigentlich immer erst genommen hat." “Ob wir lieber zur Polizei gehen sollten?”, frage ich verunsichert. “Was willst du denen denn sagen?”, lacht sie. “Bei Vik ist das normal. Das würden die doch schnell raus bekommen und

dann stehen wir blöd da und dürfen vielleicht sogar den Einsatz zahlen.” Sie schüttelt den Kopf. “Hm.”, mache ich nachdenklich. “Und ihre Eltern? Ob sie wissen wo sie ist?” Sie zuckt die Schultern. “Kann sein. Ich bin ehrlich gesagt noch nicht auf die Idee gekommen mal bei ihnen nachzufragen. Ich kann sie nachher ja mal anrufen.” Ich nicke zustimmend. “Das wäre gut! Ich mach mir wirklich Sorgen!” “Tja, so bist du eben. Immer nach Harmonie bestrebt.”, lacht sie und knufft mich in die Seite. “Und jetzt, geh los! Du hast doch noch einen ... Termin.” Ihr schelmisches Grinsen sagt mir, dass sie

genau weiß wo es mich hinzieht. “Okay. Ich werde nicht lange weg sein. Wir können ja später noch was zu essen bestellen?” Sie nickt und schiebt mich zur Haustür heraus. Hinter ihr sehe ich Stuart der mit schief gelegtem Kopf an ihren Beinen vorbei schaute. Fast schon rechnete ich mit lautstarkem Protest, doch er blieb still. Anastasia schien nicht nur ein gutes Gespür für Menschen zu haben, sondern auch auf Tiere eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Ich schenke ihr ein strahlendes Lächeln bevor sie mit einem kleinen Winken die Tür schließt. Kurz darauf halte ich am Ladbroke Grove

ein Taxi an und steige ein.  Die Fahrt dauert etwas. Diese Entzugsklinik ist ganz im Norden. Oben in East Barnet. Als das Taxi in den weitläufigen Park einbiegt und die imposante Auffahrt hinauf fährt, kommt es mir eher so vor, als würde ich dem Drehort einer Austen Verfilmung einen Besuch abstatten als einem Krankenhaus.     Auch das Gebäude sah eher nach einem Schloss als nach einer Klinik aus. 'The Priory' war auf einem Schild zu lesen.  Ich bezahle den Fahrer und steige aus. Ein kalter Dezemberwind umfängt mich und lässt mich schaudern. Ich halte mir den Mantelkragen

zusammen und eile auf das Eingangsportal zu.  Kaum eingetreten umfängt mich warme Heizungsluft und ein angenehmer Vanilleduft. Zielstrebig gehe ich auf den Empfangstresen zu meiner linken zu. Eine junge Frau sieht mir mit einem offenen Lächeln entgegen. Kaum stehe ich vor dem gläsernen Tresen grüßt sie freundlich, “Willkommen bei Priory! Wie kann ich Ihnen helfen?”   “Hallo. Ich bin auf der Suche nach Michael Thompson. Man sagte mir das … das er hier ist. Wie geht es ihm?” “Sind Sie von der Presse?” Verwundert ziehe ich die Stirn krauss. “Bitte

was?” “Oder vom Fernsehen?”, fährt sie fort. Noch lächelte sie. “Ähm … nein, das bin ich nicht.”, erkläre ich mit fester Stimme. “Ich … mein Name ist Anthea van der Woodsen und ich bin …” “Gehören Sie zur Familie?”, unterbricht sie mich. “Ähm … nein.” Verlegen weiche ich ihrem Blick aus. “Dann tut es mir leid! Ich kann Ihnen keine Auskunft über unsere Patienten geben.”, erklärt sie konsequent. Das ich mich jetzt gern verabschieden darf, zeigt sie mir in dem sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem PC Bildschirm

zuwendet.  “Eigentlich …” , beginne ich. Sie sieht wieder auf. “... bin ich ja hier um ihn zu besuchen.” “Ach so. Gut, ich werde auf der Station nachfragen ob er Besuch empfangen darf.” Ob er Besuch empfangen darf? Was ist das hier, ein Gefängnis? Muss man sich vorher anmelden wenn man jemanden besuchen möchte? “In Ordnung. Dankesehr!”, murmle ich. “Sie dürfen gern dort drüben platz nehmen.” Erklärt sie mit einem Kopfnicken, den Telefonhörer bereits in der Hand.  Brav trotte ich zu einer Sitzgruppe

hinüber und setze mich. Um mir die Zeit zu vertreiben beobachte sie die Anwesenden. Die Patienten, obwohl sie Alltagskleidung tragen waren gut von den Besuchern zu unterscheiden. Denn sie strahlen diese gewisse gelangweilte Abwesenheit aus die man in einer Klinik wie dieser irgendwie vermutet. An eine der Säulen gelehnt steht ein chaotisch aussehender Kerl mit dunklem zerstrubbelten Haar. Irgendwie sieht er genauso aus wie man sich einen Junkie vorstellt. Gerade betritt ein weiteres Paar die Halle. Eine Frau mit stumpfen rotem Haar hüpft fröhlich neben einem Mann her der an diesem Ort irgendwie völlig deplatziert wirkt. Seine teuer wirkende

Jeans sitzt äußerst gut und sein helles Baumwollhemd liegt eng an seinem Oberkörper. Auf eine gewisse Art und Weise ist er sexy. Das blonde Haar ist gut frisiert und sein Gesicht gepflegt. Er wirkt wie ein Banker, sie dagegen wie eine abgetakelte Nachteule. Ein ungleiches Paar. Sie hakt sich bei ihm unter. Als sie an meiner Sitzgruppe vorbeigehen kann ich ein paar Brocken ihres Gespräches auffangen. “... Werd gleich mal zu ihm hoch gehen. …. Irgendwas soll gestern passiert sein, sagt die Miller ... “  Seine Begleiterin plaudert, “... war eine harte Woche für ihn … ist so traurig … hat er keine Angehörigen ...” Sie sagt die

Worte in einem fröhlichen plauderton, obwohl sie sich scheinbar über etwas trauriges unterhalten.  Dann sind sie an mir vorbei und gehen nebeneinander die große Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Als ich aufwache ist es taghell. Grelles Sonnenlicht fällt durch die geöffneten Vorhänge.  Suchend sehe ich mich um. In meiner Armbeuge steckt eine Kanüle. Mit einem durchsichtigen Kunststoffschlauch bin ich mit einem Tropf verbunden durch den unablässig eine durchsichtige Flüssigkeit

tropft. Wie lange hatte ich diesmal geschlafen? Wieviel hatte ich verpasst? “Hallo?”, rufe ich laut. “Hallo?” Meine Rufe werden erhört, denn kurz darauf öffnet sich die Tür und Schwester Lily tritt ins Zimmer. “Sie sind wach. Guten Tag, Michael.” “Guten Tag? Wie … spät ist es? Wann ... ist es?”, stammle ich leise.     “10 Uhr durch. Und es ist Mittwoch.”, antwortet sie zögernd, fast so als hätte sie Sorge, ich könnte durch die Tatsache, dass ich erneut Tage verschlafen habe wieder ausrasten. Hatte ich aber gar nicht. “Okay. Und … geht es mir jetzt wieder

… gut?” “Das … das können Sie wohl am besten beurteilen, Sir.”, lächelt sie.  “Mir geht's gut. Die Drogen auf die Sie mich hier setzen sind echt der Hammer.”, scherze ich. “Schön, dass Sie ihre gute Laune wieder haben.” Lily schenkt mir ein schüchternes Lächeln. “Klar doch. Und ich hab' einen Bärenhunger. Das Frühstück habe ich wohl verpasst, aber könnte ich einen verfrühten Lunch bekommen?” “Ich werde sehen was sich machen lässt.” Damit eilt sie davon. Zufrieden sehe ich mich in meinem Zimmer um. Mist! Ich habe vergessen sie

zu fragen wann mir das Ding aus dem Arm gezogen wird. Ich brauchte dringend mal wieder Bewegung. Und ich brauche mein Handy.  Wenige Augenblicke später kehrt sie mit der Nachricht zurück, dass sie mir gleich etwas zu essen besorgen wird.  “Super. Wenn Sie mir vorher das Ding hier …” Ich deute mit dem Kinn auf die Kanüle in meinem Arm. “...rausziehen könnten?” “Kann ich leider nicht. Ich muss erst Doktor Sutherland fragen.” Niedergeschlagen nicke ich und wende den Blick ab. “Okay. Ich geh dann mal …” Und weg ist sie

wieder. Kurz darauf klopft es an der Tür. “Ich habe gehört, Sie sind wach.” Sebastian streckt seinen Kopf ins Zimmer.  Erfreut ihn zu sehen winke ich ihm einzutreten. “Na, wie geht's Ihnen heute?” Ich setze mich etwas aufrechter hin und zucke mit den Schultern. Die Strapazen der letzten Nacht steckten mir noch in den Gliedern. “Keine Ahnung. Ehrlich gesagt weiß ich nicht was mit mir los war.”, gebe ich zu. “Na ja, der ganze Stress … dazu der Entzug.” Mit einem Mal fällt mir wieder alles ein. Jack. Er war

tot.  Betreten sehe ich auf meine Hände und warte darauf, dass sie erneut zu zittern beginnen. Taten sie aber nicht. Ich sag's ja, ist ein gutes Zeug was die einem hier geben. “Jack.”, murmle ich. “Er war mein bester Freund.” “Verstehe.”, murmelt Sebastian. Er zieht sich einen Stuhl an mein Bett und nimmt ungefragt darauf platz. Ich hatte nichts dagegen und jemanden zum reden zu haben, tat sicher gut. Einsamkeit war für mich in den letzten Monaten fast unerträglich geworden.  “Wir kannten uns ein halbes Leben lang.”, beginne ich. Plötzlich hatte ich

das unbestimmte Gefühl mich jemanden anvertrauen zu müssen.  Sebastian nickt verständig. Abwartend sieht er mir in die Augen.  “Wir haben zusammen studiert. Das war eine geile Zeit. Obwohl wir grundverschieden waren. Oder eigentlich nicht. Beide liebten wir Wörter. Nur das er sie schrieb und ich sie las und vermarktete." Ich atme tief durch. "Wir haben uns nie aus den Augen verloren. Auch dann nicht als ich einige Jahre im Ausland war.” “Das klingt nach einer guten Freundschaft.”, urteilt er. “Oh ja, das war sie. War …” Betreten starre ich die Wand hinter Sebastian

an.  “Er und Julia, seine Frau planten eine Familie zu gründen. Er freute sich schon. Vorher musste er nur noch mit dem Mist aufhören.” “Mist?” “Drogen. Eine weitere Gemeinsamkeit. Er war es von dem ich das meiste Zeug hatte.”, erkläre ich. Sebastians Augen weiten sich. “Sie meinen … er war Ihr Dealer?”  Ich zucke die Schultern. “Ja, so war es. Seit dem College. Aber wie gesagt, wir wollten aufhören. Nur das ich … mehr Mut hatte.” “Mut? Weil Sie hier sind?” Ich nicke. “Genau. Er erfand stets neue

Ausreden nicht einen Entzug machen zu müssen. In seinem Beruf war er mutig, doch im privaten war er es … nicht.” Ich breche ab. Zu traurig sind die Erinnerungen. “Werden Sie eine Rede halten? Auf der Beerdigung morgen, meine ich.”, fragt er nachdem wir beide einige Minuten geschwiegen haben. “Morgen?”, frage ich verwundert. “Sie ist schon morgen?” “Ja.”, antwortet er traurig. “Ich … ich denke schon. Aber darf ich denn überhaupt dabei sein? Nachdem … nach meinem … Ausfall letzte Nacht.”  “Ich habe nichts gegenteiliges gehört.” Sprachlos starre ich ihn an. “Wirklich?”

Hoffnung keimt in mir auf. “Sicherlich muss Sie jemand begleiten, aber …” “Und da haben wir es schon. Wer sollte das tun?”  “Haben Sie keine Eltern? Nicht eine Freundin?” Verwundert mustert er mich. Ich schüttle den Kopf.  “J-a.”, sagt er gedehnt. “Ich wundere mich sowieso warum Sie hier noch niemand besucht hat.” “Tja.” Ich zucke die Schultern und sehe die Wand hinter ihm an.  “Das ist traurig!”, murmelt er.  Es klopft erneut. “Hey Kumpel. Bist du wieder unter den Lebenden?” Stanley tritt ein. Wie immer schert er sich nicht

darum ob er eingeladen wurde. “Ja.” Ich zwinge mich zu einem Lächeln.  Stanley tritt näher. “Wollte doch mal nach dir sehen. Wir haben dich beim Frühstück und in in der Therapie vermisst. Die Kleine hübsche hat gesagt, dass du ne Art Anfall hattest.” “Sieht so aus.”, antworte ich ergeben und deute mit der rechten Hand auf die Kanüle in meinem linken Arm. Ich schenke ihm ein Lächeln um zu signalisieren, dass es mir wieder gut geht und sich niemand Sorgen machen muss. “Gut, ich werd' dann mal. Nun haben Sie ja Besuch.”, verabschiedet sich Sebastian und erhebt sich. Ordentlich stellt er den

Stuhl zurück an den Tisch und geht zur Tür.  “Danke.”, rufe ich ihm nach ehe er aus dem Raum geht.     “Miss.” Die Dame vom Empfang ruft nach mir und winkt mich mit der Hand wieder zu sich. Rasch stehe ich auf und folge. “Ich muss Ihnen leider sagen, dass Mister Thompson heute keinen Besuch empfangen darf.” Entsetzt starre ich sie an. “Wieso? Geht es ihm nicht gut?”  “Dazu darf ich Ihnen keine Auskunft

geben.”, wiederholt sie ihre Regeln. “Das verstehe ich ja, aber … ich muss ihn einfach sehen!” “Ich kann leider nichts für Sie machen. Zumindest heute. Kommen Sie doch morgen wieder!” Verzweifelt streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht.  Sie zuckt entschuldigend die Schultern und schenkt mir ein müdes Lächeln. “Ich bin extra aus Dänemark gekommen.”, stammle ich verzweifelt und hoffe mit dieser Information bei ihr auf die Tränendrüse zu drücken. “Sie kommen aus Dänemark?” “Nein. Ich war da im Urlaub.” Sie zieht die Augenbrauen hoch. “Ach

so.” Ich entferne mich vom Tresen. Gehe ein paar Schritte. Da fällt mir ein, dass ich den allerletzten Trumpf noch nicht ausgespielt hatte. Mit wenigen Schritten bin ich zurück bei ihr und erkläre mit fester Stimme. “Ich bin Anthea van der Woodsen, ich bin Mister Thompsons Verlobte.” Erstaunt zieht sie erneut die gezupften Augenbrauen hoch. “Und das ist Ihnen jetzt erst wieder eingefallen?” “Nein, aber ich wollte es … nur nicht erwähnen … bisher.”, stammle ich leise.    Mit einem Blick als würde sie mich für verrückt halten mustert sie mich. “Also

gut. Ich melde Sie an.” Erneut greift sie zum Telefonhörer.  “Ja, der Empfang nochmal. … Ja, ich weiß aber … die Frau ist seine Verlobte.” Ihre Augen mustern mich von Bauchnabel bis Kopf. Sie lauscht. “van der Woodsen, ja genau … Wirklich? … Gut, ich schicke sie hoch.” Erleichtert stoße ich die vor Anspannung angehaltene Luft aus.  Die Empfangsdame legt auf und wendet sich mir zu. “Sie dürfen hinauf. Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass Sie seine Verlobte sind? Wir haben Anweisung Sie sofort zu ihm durchzulassen. Egal wann.” “Wirklich?”, keuche ich überrascht.

Schnell kriege ich mich wieder ein und fahre mit leicht überheblicher Stimme fort, “Aber natürlich. Dankesehr! Wo muss ich hin?”  Sie erklärt es mir und ohne sie noch eines Blickes zu würdigen gehe ich in die angegebene Richtung die Treppe hinauf. Sicher war es Jane MacDonald die mich als seine Verlobt hier bekannt gemacht hat. Ich war dieser Frau wirklich zu Dank verpflichtet.  In der oberen Etage, auf der Station wo Michael untergebracht ist steuere ich das Schwesternzimmer an. Eine junge blonde Schwester auf deren Namensschild L. Summers steht war gerade damit

beschäftigt Medikamente in mehrere kleine Plastikbecher zu verteilen.  “Guten Tag, mein Name ist van der Woodsen. Die Dame vom Empfang hat mich herauf geschickt. Ich bin hier um …” Ihr anfangs aufgeschlossener Blick nimmt eine Spur von Misstrauen an als sie mich unterbricht, “Ach ja. Michaels Verlobte.” Michael? Spricht man hier die Patienten beim Vornamen an? “Ähm … so ist es. In welchem Zimmer finde ich ihn?”, erkläre ich mit aller Autorität die ich imstande bin aufzubringen. So wie es aussieht hatte Michael in ihr einen neuen Fan gefunden.

Höchste Zeit klarzustellen zu wem er gehört. “Aber sicher doch. Ich bringe Sie hin.”, sagt sie widerwillig. Sie will sich schon dran machen den Raum zu verlassen, als ich sie stoppe und erkläre, “Danke, das wird nicht nötig sein. Ich bin durchaus imstande Ziffern zu lesen.”    Pikiert mustert sie mich, scheint eine pampige Antwort herunterschlucken zu müssen, ehe sie antwortet, “Natürlich. Zimmer 112.” “Dankeschön.” Ich schenke ihr ein strahlendes und selbstsicheres Lächeln und gehe davon. Mich an den Nummern an den Türen orientierend finde ich rasch das richtige

Zimmer.  Es klopft erneut, nur das diesmal nicht im selben Augenblick die Tür geöffnet und eingetreten wird. So viel Höflichkeit war ich gar nicht mehr gewohnt.“Herein.”, rufe ich als momentaner Bewohner dieses Zimmers laut in Richtung Tür. Sofort wird die Klinke herab gedrückt und die Tür geöffnet.   “Geh ja heute zu wie auf King's Cross.”, meint Staley munter. “Da sagst du was. Wie soll man sich dabei erholen?”, scherze ich, doch als

ich einen Bruchteil einer Sekunde später sehe wer mich da besucht, könnte ich nicht überraschter sein.  Zunächst war ich absolut glücklich, dann erschrocken bis entsetzt und mit einem Mal abgrundtief beschämt. Wie kam sie hierher? Woher weiß sie wo ich bin? “Thea.”, flüstere ich fast tonlos. Ich kann den Blick nicht von ihr wenden. Stanleys Blick geht, fast wie bei einem Tennismatch zwischen uns hin und her. “Aber hallo. Ist das ... ?” Ich nicke ohne ihn anzusehen. Fassungslos habe ich nur Augen für ihre Erscheinung. Das konnte nicht wahr sein! “Hallo Michael.”, murmelt sie leise und

bleibt unschlüssig bei der Tür stehen. Auch sie lässt mich nicht aus den Augen. Ein besorgtes Lächeln umspielt ihren wunderschönen Mund. Ich will am liebsten aufspringen, sie an mich ziehen und sie küssen bis all meine Sorgen wie weggepustet sind. Doch das wäre vor Stanleys Augen peinlich und dank des Tropfes außerdem unmöglich. Bestürzt werde ich mir meines Aufzugs bewusst. Unauffällig versuche ich mit dem Ärmel meines Shirts die dämliche Kanüle zu kaschieren.  Thea öffnet den Mund, will etwas sagen, überlegt es sich anders und schließt ihn wieder. Ihr Blick huscht fragend zu

Stanley.  Ich drehe den Kopf um mich an ihn zu wenden, “Hey Kumpel, würde es dir was ausmachen … Mir geht's bestens, sag das den anderen!”  Stanley springt auf. “Ja, klar doch. … Alles … alles klar.” Sein Blick fliegt zu ihr. “Wir sehn uns dann nachher beim Abendessen.”, verabschiede ich ihn nachdrücklich. Mit einem charmanten Lächeln bleibt er direkt vor Thea stehen und reicht ihr die Hand, “Stanley Hopper.” “Thea. Anthea van der Woodsen.”, murmelt sie verwirrt und ergreift die angebotene

Hand. Als seine Augen sie förmlich röntgen, macht sich in meinem Magen ein unangenehmes Ziehen bemerkbar. Laut räuspere ich mich und setze mich noch aufrechter hin. Stanley bemerkt seinen Fehler, sagt schnell “Hat mich gefreut, Thea!” und verlässt das Zimmer. Nicht aber ohne mir von der geöffneten Tür aus noch einen wohlwollenden Blick zu zuwerfen.  Genervt verdrehe ich die Augen. Dann wende ich mich wieder ihr zu.  Was jetzt kommt würde hart werden. 

35.

Bei unserem non verbalen Schlagabtausch schoben wir uns gegenseitig den 'wer zuerst redet' Ball zu, um dann doch gleichzeitig zu sagen, "Wie bist du hierher gekommen?" und “Was machst du denn hier ... im Krankenhaus?". Nervös lacht er gekünstelt und fährt sich mit der Hand durch's Haar. Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Um seine Frage zu beantworten sage ich, "Es gibt da so ein Ding, das nennt sich Taxi. Tja und um Wände zu überwinden gibt es eine clevere Erfindung. Sie nennt sich Tür. Hier steht rein zufällig ein

Exemplar.", ebenfalls nervös lächelnd deute ich mit der Hand auf die durch die ich eben herein gekommen war. Für einen Augenblick strahlen seine Augen amüsiert." Ach, tatsächlich?”, grinst er. Ich nicke ernsthaft. Da wird sein Blick wieder dunkel, irgendwie traurig oder gar beschämt. "Aber im ernst, Thea, wie kommst du hierher?" "Lange Geschichte.", beginne ich und trete näher. Weil er mir bisher noch keinen Stuhl angeboten hat, frage ich nun danach. Michael bedeutet mir mit einer Geste mich zu ihm auf die Bettkante zu

setzen. Doch ich ziehe einen Stuhl vor. Kaum das ich sitze fragt er nach der 'langen Geschichte'. "Ich habe Zeitung gelesen.", meine ich geheimnisvoll. Er nickt wissend. "Verstehe. War ja klar." Letzteres sagte er so leise, dass ich ihn kaum habe verstehen können. "Was genau weißt du?” “Bisher nicht viel. Und es sind eher Vermutungen.”, gebe ich leise zu und sehe auf meine Hände in meinem Schoß. “Verstehe.” Seine Stimme klingt belegt. Ich gebe mir einen Ruck, greife nach seiner Hand und sehe ihm in die Augen. “Michael, was machst du hier? Ist es

wahr das du Drogen nimmst?” Seine blauen Augen weiten sich erschrocken. “Na ja, in anbetracht der Tatsache, dass das hier eine Entzugsklinik ist …”, flüstert er. “...Zieh deine eigenen Schlüsse, Thea!”  Ich nicke verständig. “Mache ich. Wie lange schon?” Er weiß, dass ich nicht die Zeit in der Klinik meine und antwortet, “Schon ewig.” Jetzt bin ich es die erstaunt ist. “Wirklich? Was nimmst du?” Ich bin nicht seine Psychiaterin, daher frage ich nicht nach den Gründen. Die würde er mir, sobald er dazu bereit ist von selbst erzählen. Mich interessiert

woran ich bei ihm bin. Wenn er chemische Sachen nimmt, so wie Luis damals wird's schwer. Mit natürlichem wie Cannabis gehts besser. Wenn es Alkohol ist, ist es wieder etwas anderes.   Zutiefst beschämt antwortet er, “Einfach alles.” Sein Blick weicht meinem aus.  Die Verzweiflung schnürt mir die Kehle zu. Mein Magen rebelliert und ich muss stark gegen den Drang ankämpfen mich nicht gleich hier vor seinem Bett zu übergeben. “Oh Michael.”, hauche ich kraftlos. “Thea.”, flüstert er. Er richtet sich auf, hält mir seine Hand hin und sieht mich mit einem Blick an die dem von Stuart

doch recht ähnlich ist. Ich starre auf seine Hand und zögere. War ich bereit ihn auf diesem Weg zu begleiten? War ich kräftig genug? Schließlich ergreife ich sie doch und sofort vertreibt ein warmes Gefühl die Übelkeit in meinem Bauch. “Ich bin so froh, dass du hier bist!”, sagt er aufrichtig. Ich nicke. “Ich auch. Obwohl …” Ich hebe den Zeigefinger. “... wir viel zu bereden haben.” “Da stimme ich dir zu. Sehr viel.” “Fangen wir damit an, dass die hier denken, ich sei deine Verlobte.”, lächle ich und mache mit dem Finger eine kreisende Bewegung in der

Luft. “Echt?” Michael reißt seine Augen auf. “Ich … ich hab nicht …” Ich schüttle den Kopf. “Ich denke das haben sie von deiner Assistentin.”  “Von Jane?” “Ja. Sie und ich … wir stehen in … Kontakt.”, murmle ich. Sein Erstaunen steigert sich. “Wirklich? Was habe ich bloß alles verpasst seit ich ihr drin bin?” Er fährt sich mit der Hand durch das Haar und verstrubbelt es dadurch noch mehr. Fasziniert sehe ich ihm zu und meine Gedanken schweifen ab in Bilder die in diesem Moment äußert unangepasst sind. Ich reiße mich zusammen und frage, “Wo wir schon

davon sprechen, Wie lange bist du hier und wie lange musst du noch?” Er nickt. “Seit deiner Abreise nach Dänemark. Es passte mir ganz gut in den Kram. Um deine Granny tut es mir aber sehr leid!” Entschuldigend verzieht er den Mund zu einem Lächeln. “Und wie lange noch? Keine Ahnung. Man sagte mir am Anfang das es minimum vier Wochen dauert.” “Okay. Machst du Fortschritte? Wie läuft die …. Therapie?” “Gut, sie läuft gut.” Sofort wird seine Zuversicht von der Erinnerung an die neuesten Ereignisse gedämpft. Zerknirscht füge ich hinzu, “Nun ja, zumindest bis

letztens.” Ich komme nicht umhin ein betroffenes Gesicht zu machen. Klar, er denkt an seinen Freund Jack. “Verstehe.”, murmle ich mitfühlend.  Einen Moment herrscht betroffenes Schweigen. Ich würde jetzt einen Teufel tun und ihn nach Jack ausfragen. “Nun zu dir.”, fährt er mit einem mal fort. “Was weißt du alles?”  Ich atme tief durch ehe ich beginne. “Ich weiß aus einer Zeitung, dass deine Ex schwanger ist. Sie schreiben zwar es ist von dir, das Kind meine ich, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht. Schließlich kenne ich sie

nicht.” Er nickt und schweigt abwartend. “Das du nicht in Frankreich sondern hier bist habe ich durch Google erfahren. Claire war hier und ihr habt euch in aller Öffentlichkeit gestritten.” Er stöhnt genervt. “Und dann musste ich nur noch eins und eins zusammenziehen. Ich habe mir viele Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und ich habe mich belesen. Und jetzt sag mir, Michael, warum bist du hier?” “Um einen Entzug zu machen.”, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ich schüttle den Kopf und sehe ihn mit festem Blick an. “Das meine ich nicht. Warum bist du

hier?”  Verwirrt runzelt er die Stirn, dann erhellt Erkenntnis sein Gesicht. “Ach so, du meinst ...” Ich lächel ihn an. “Ja genau.” Wieder fährt er sich durch's Haar. “Ähm … ich könnte jetzt meinen Vater und seine Bedingungen anführen, aber das wäre gelogen. Ich … ich konnte es nicht mehr. Ich war … nein, ich bin ein Wrack.” “Das bist du nicht.”, widerspreche ich. “Du hast ja keine Ahnung.”, lacht er dunkel. “Ich hätte es doch mitbekommen müssen.” Er schüttelt den Kopf. “Niemand hat es

mitbekommen. Zumindest dachte ich das.” Letzteres fügt er fast tonlos hinzu. “Ich mache das schon so lange, Thea, dass man sagen kann, ich habe es perfektioniert mich unauffällig unter dem Radar zu bewegen.” “Ich hätte aber etwas mitbekommen müssen.”, denke ich laut. “Schließlich kenne ich mich aus.” “Mache dir keinen Kopf, das hättest du niemals.” Er ist ja ziemlich überzeugt von seinen Schauspielerischen Leistungen.  Mit einem Mal kommen mir ein paar Momente in den Sinn, in denen sich seine Suche angedeutet hatte. Das eine mal in Zürich als er plötzlich weg

gelaufen ist, Schweißausbrüche praktisch auf Knopfdruck, Stimmungsschwankungen. “Es gab Anzeichen.”, murmle ich abwesend. “Ich wollte sie wohl nur nicht sehen, weil … weil ich dich …” Hoffnung ist ganz deutlich auf seinem Gesicht abzulesen. “Ja?” Ich hatte 'liebe dich' sagen wollen, doch ich lasse es ungesagt. Zuerst hatte ich noch einige Fragen. “Du hast mir noch immer nicht erklärt weshalb du gerade jetzt in eine Entzugsklinik gegangen bist?” “Du gibst nicht auf, oder?” Lächelnd schüttle ich den Kopf. “Nö.” “Wegen dir. Ich … du sollst meine

Zukunft sein, Thea. Ich wünsche es mir so! Für dich will ich mich ändern!” Betreten schlucke ich den Kloß in meinem Hals hinunter.  Ich greife nach seiner Hand die mittlerweile schlaff neben seinem Oberschenkel auf dem Laken liegt und drücke sie sanft. “Wirklich? Für mich?” Er hebt den Blick. Eine Träne rinnt aus seinem Augenwinkel und läuft langsam seine Wange herunter bis zum Kinn. Dieser Moment, diese Träne - in mir schmolz die Mauer aus Eis die ich um mein Herz hochgezogen hatte um mich vor Menschen die mir weh tun könnten zu schützen.  Ohne darüber nachzudenken stehe ich auf

und setze mich neben ihn. Sekunden später pressen sich meine Lippen auf seinen rauen Mund. “Thea.”, seufzt er zwischen den Küssen.  “Michael.”, gebe ich in eben dem Tonfall zurück.   “Lass mich das hier kurz entfernen lassen, dann gehen wir ein bißchen spazieren.”, schlage ich vor und deute mit der Hand auf die verdammte Kanüle. Dieses Mistding fesselt mich jetzt schon viel zu lange ans Bett. “Okay.”, lächelt sie. “Warte ich werde jemanden holen gehen.” Thea verlässt das Bett und geht zur Tür. Dabei streicht sie sich die Kleidung glatt

und ordnet ihre roten Locken.  An der Tür wirft sie mir noch eines ihrer strahlenden Lächeln zu. Kurz darauf kommt sie zurück, im Schlepptau Lily.  Beide Frauen nehmen links und rechts neben meinem Bett Aufstellung. Wobei Lily links steht um mir dieses lästige Ding aus dem Arm zu ziehen. Thea, auf der anderen Seite lässt sie nicht aus den Augen und beobachtet jeder ihrer Bewegungen. Lily, leicht errötet, beendet ihre Arbeit, wirft den Abfall in eine mitgebrachte Petrischale, sieht mich an und fragt, “Haben Sie sonst noch einen Wunsch?” Ich komme nicht umhin zu lächeln. Erst recht als ich mit einem schnellen

Seitenblick auf Thea ihre Reaktion sehe. So wie sie die andere Frau in meiner Nähe mit ihren Blicken erdolcht, scheint sie rasend eifersüchtig zu sein. “Nein danke, Lily.”, erwidere ich lächelnd. Thea schnaubt. “Wenn, dann melde ich mich bei Ihnen.” Sie nickt ergeben und geht zur Tür. “Dann bis später.”  “Sind die hier alles so … freundlich zu dir?”, faucht Thea kaum das die Tür geschlossen wurde. “Ja. Es ist eine sehr gute Klinik.”, grinse ich frech. “Die Schwestern bemühen sich hier wirklich sehr, dir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.” Diesen kleinen Scherz auf ihre Kosten

konnte ich mir einfach nicht verkneifen.   Thea bekommt Schnappatmung.  Bevor sie noch kollabiert, sage ich schnell, “Beruhig dich! Das war ein Scherz. Aber Lily ist wirklich sehr nett.” “Sie ist ja auch wirklich in dich verschossen.”, murmelt sie auf deutsch. Dachte sie dann verstehe ich sie nicht? Thea vergisst wohl, dass ich viel gereist war.  Lächelnd beschließe ich ihren Einwurf zu überhören und frage stattdessen, ob wir jetzt mal raus gehen wollen.  Ich gehe zum Schrank in dem mein langer Mantel hängt und ziehe ihn mir schwungvoll über. Endlich war ich

wieder ich. Thea hüllt sich ebenfalls in ihren Mantel und Schal und gemeinsam verlassen wir im Anschluss das Zimmer.   Stolz ergreife ich ihre Hand und führe sie durch die Flure. Wenn hier sowieso alle glaubten, das Thea meine Verlobte war, sollte es doch auch so aussehen, also küsste ich sie demonstrativ auf den Mund.  Die Blicke der Schwestern aus dem Schwesternzimmer registriere ich aus den Augenwinkeln. Grinsend führe ich meine Frau die Treppe hinunter. Unten im Foyer saßen Amy und Rajid und sahen uns erwartungsvoll entgegen. Sicher hofften sie Thea kennenzulernen, doch da musste ich sie enttäuschen. Zuerst hatte ich mit

ihr einiges unter vier Augen zu klären, ehe ich sie auf meine schrägen Mit-Insassen los lasse. “Da hinten ist ein See.”, erkläre ich draußen vor dem Eingangsportal und deute mit der freien Hand vage in eine Richtung. Sie nickt und wir setzen uns in Bewegung. Ich führte sie und sie würde mir folgen- egal wohin. Das spürte ich.   “Warum nimmst du Drogen?”, platzt Thea nach einigen Minuten des Schweigens in denen wir unseren Gedanken nachhängen heraus. “Das ist kompliziert.”, brumme ich mit gesenktem Blick.  “Ich mag es kompliziert.”, lügt sie. Ich hebe den Blick und sehe ihr ins

Gesicht. “Das willst du nicht wissen.”, mutmaße ich. Außerdem hatte ich eine scheiß Angst das sie mich als absoluten Freak abstempelt und mich wieder allein lässt.  “Doch, will ich!”, sagt sie mit fester stimme und sieht mir tief in die Augen, als würde sie hoffen durch sie die Wahrheit zu erfahren. Ich atme ein paar Mal tief ein und aus. “Glaub mit Thea, du willst es nicht wissen. Und ich möchte dich nicht mit meinem Müll belasten.” “Müll? Warum glaubst du würde es mich nicht interessieren was dich bewegt?” “Ich sage doch gar nicht, dass ich denke das es dich nicht interessieren könnte.”,

rechtfertige ich mich. “Ich will es wirklich wissen!”, dringt sie in mich. “Sagst du es dem Therapeuten?” Ich schüttle den Kopf. “Michael, wenn man dir hier wirklich helfen soll, dann musst du dich öffnen!” “Mach ich doch. Die Therapien laufen gut. Es tut mir auch gut. Wirklich. Aber das ist ein Thema das ich vor Fremden nicht ausbreiten möchte.” Ich hoffe, ich konnte ihr meinen Standpunkt klar machen! Doch natürlich fragt sie weiter. Thea ist nicht der Mensch, der Freunde aufgibt. Sie fragt erneut. “Alle denken hier wir seien ein Paar. ...” Erschrocken bleibe ich stehen und sehe sie an. “Wir sind doch auch ein Paar.

Dachte ich zumindest.” “Ach sind wir das?” Sie tut verwundert. “Weil, weißt du, wenn man ein echtes Paar ist, erzählt man sich gegenseitig seine Sorgen.” Sie steht vor mir, den Kopf stolz erhoben und sieht mir in die Augen. Eine Windböe fährt in ihr Haar und verwirbelt es leicht. Fasziniert greife ich nach einer Strähne und lasse sie durch meine Finger gleiten. “Ich habe Angst.” Hatte ich das wirklich laut gesagt? Erschrocken lasse ich ihr Haar los. Ihre blauen Augen fixieren mich. “Warum?”, haucht sie. “Ich habe noch nie mit jemanden darüber geredet. Selbst mein bester Freund weiß

es nicht.” Die Gedanken an Jack lassen mich schwer schlucken. Ist es der kalte Wind oder die Trauer, doch auf einmal merke ich wie mein Blick verschleiert. Um sie von meinem Gesicht abzulenken setze ich mich wieder in Bewegung und ziehe sanft an der Hand mit.  Für das was jetzt kommt, brauchte ich Mut. Viel Mut. Noch nie hatte ich mit einer Menschenseele über die Vergewaltigungen gesprochen. Zu meinem Entsetzen bemerke ich, wie meine Gliedmaßen anfangen zu zittern. Scheiße! Ich werde doch jetzt nicht vor hier hier draußen einen Anfall

bekommen! “Michael?”, haucht sie erschrocken. “Soll ich … brauchst du Hilfe?” Ich wiegel mit der freien Hand ab. Um nichts in der Welt würde ich jetzt ihre Hand los lassen. Ich brauche ihre Wärme, ihre Liebe - das gibt mit Mut. Ich hole tief Luft und beginne während wir langsam durch den winterlichen Park schlendern, “Alles fing an als ich 10 Jahre alt war. Meine Mutter verließ uns. Vater und mich.” “Was? Wieso? Ich hatte angenommen sie sei gestorben?” Ich schüttle den Kopf. “Nein. Sie ist nur für mich gestorben. Irgendwo da draußen ist sie noch. Oder auch nicht. Ist mir

egal. Sie ließ mich allein mit … mit ihm.” Ich breche ab. Die Erinnerungen an diesen Tag im Dezember 1992 brechen über mich herein. Das Zittern verstärkt sich. Thea zieht mich zu einer Bank. Zwar ist es arschkalt, aber bevor ich mitten auf dem Weg zusammen breche, war es besser sich zu setzen. Sie nimmt neben mir platz, ihre Oberschenkel drücken sich warm an meine. Tröstend legt sie mir eine Hand auf das Bein. “Sie verschwand aus meinem Leben, und damit auch die Liebe.”, gestehe ich leise. “Nie wieder würde ich jemanden so nah an mein Herz lassen, schwor ich mir damals. Das habe ich beherzigt bis … bis ich dich

traf.” Ihre Augen glänzen verdächtig. Ich beschließe nicht darauf einzugehen, denn sicherlich würde sie gleich noch mehr weinen. Dann konnte ich sie immer noch tröstend in die Arme nehmen. Ich fahre fort, “Mein Vater begann die Schuld für ihre … Abreise mir zu geben. Und als Mutter weg war … war auch niemand mehr da der …der mich vor ihm beschützen konnte.” Sie greift nach meiner zweiten Hand und hält sie ganz fest. Den Blick fest auf mein Gesicht gerichtet. “In dieser Nacht kurz vor Weihnachten begann er … er begann …” Thea schluckt schwer. Ob sie ahnt was

ich ihr gleich erzählen werde? “Seit dieser Nacht tat er es immer wieder. Jahre lang. Er … er zitierte mich in sein Zimmer … Ich hatte nicht die Kraft mich zu wehren. Natürlich wusste ich, dass es uNrecht war und kein Mensch so etwas einem anderen antun sollte. Aber ich … ich war klein und so … allein.” “Oh mein Gott!”, keucht Thea und schlägt sie die Hand vor den Mund. Tränen strömen über ihre Wangen. “Du … er .... er hat dich ...?” Ich nicke und auch meine Augen werden Tränenblind.  “Wie lange?” “Bis ich 15

war.” Thea keucht. “So lange? Oh mein Gott!” Mit einem Mal liegen wir uns in den Armen und ich weine. Nein, ich heule wie ein Schlosshund an ihrer Schulter. Tröstend streichelt sie mir wieder und wieder mit der Hand über das Haar. “Scht.” murmelt sie leise unter schluchzen. “Ist gut. Du bist in Sicherheit. Ich bin ja da.” Ich mache mir keine Gedanken darüber ob sie diese Sätze auch damals ihrem Ex zugeflüstert hat. Es war mir Scheißegal! Jetzt sprach sie sie nur für mich aus. Das allein war es was zählte. Thea war hier, sie hat nicht vor mich aufzugeben, bleibt bei mir, um mir zu

helfen. “Ich bin ein Wrack.”, jammere ich schniefend. “Ein verdammtes Wrack.” “Was Menschen widerfährt, macht sie zu dem was sie sind, und was sie sind, hat Einfluß darauf, was ihnen widerfährt.”, murmelt sie abwesend. “Da ist nichts was wir nicht wieder hinkriegen können.”, sagt sie beruhigend. “Du musst nur Hilfe annehmen!” “Ich will nur dich!” “Und ich bin hier.”, erwidert sie liebevoll. “Bleibst du auch?”, will ich wissen. Sie anzusehen wage ich nicht. Zu sehr würde es mich zerreißen wenn sie antwortet, dass sie mir als Freundin helfen möchte,

aber sonst nichts weiter mit mir zu tun haben will.  Doch sie überrascht mich indem sie mit fester Stimme antwortet, “Ich bleibe für immer. Die Probleme deiner Vergangenheit, Michael sind deine Sache. Die Probleme deiner Zukunft aber mein Privileg.” Erstaunt hebe ich den Blick, nehme ihr wunderschönes Gesicht zwischen meine Hände und drücke meinen Mund auf ihren.         Er wurde missbraucht. Sexuell missbraucht. Und das von der Person die

ihn eigentlich beschützen und ihm Halt geben sollte - seinem eigenen Vater.  Als er mir mit Tränenerstickter Stimme sein dunkelstes Geheimnis gestand zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Fassungslos empfand ich nichts als Hass für den Mann den ich zwar noch nie persönlich getroffen hatte und es auch ganz bestimmt nicht vorhatte und abgrundtiefe ehrliche Liebe und Mitgefühl für Michael.  Dem einsamen Jungen von einst der auch später keinen anderen Weg für Trost sah, als diesen in den Drogen und dem Alkohol zu suchen. Da er um 16 Uhr noch eine Therapiestunde hatte, verabschiedete ich

mich mit dem Versprechen ihn morgen auf die Beerdigung zu begleiten und ging geradewegs zu dem Schwesternzimmer. Ich musste für den morgigen Tag noch einiges regeln. Diesmal saß auf einem Drehstuhl hinter dem Tresen eine ältere Frau. Miller stand auf ihrem Namensschild. “Guten Tag.”, grüße ich höflich. Sie lächelt mir entgegen. “Sie müssen Mister Thompson's Verlobte sein.” Ich nicke zustimmend. “So ist es, ich wollte fragen, ob es möglich wäre seinen Arzt zu sprechen?” “Sicher doch. Ich weiß nur nicht ob Doktor Sutherland heute noch im Haus ist?”, erwidert sie

zuvorkommend. “Verstehe.”, murmle ich. “An einem anderen Tag dann?” “Sicher. Aber vielleicht kann auch ich Ihre ersten Fragen beantworten?”  Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. “Ja vielleicht? Haben Sie kurz Zeit?” Sie nickt. “Bis zur abendlichen Medikamentenausgabe ist noch Zeit Gehen wir in mein Büro.” Sie winkt mich in den Raum hinter den Tresen. Ich folge und sitze kurz darauf auf dem Besucherstuhl vor einem kleinen Schreibtisch. “Schießen Sie los! Was möchten Sie wissen? Sicherlich wie lange er noch

bleiben muss und wie die Therapie anschlägt.” “Das trifft so ziemlich haargenau auf das zu was ich fragen wollte.”, lache ich.  “Dachte ich mir.”, grinst sie. “Es sind immer die selben Fragen.” “Okay.” “Also Ihr Mann ist jetzt seit knapp vier Wochen hier. Er ist freiwillig hergekommen und das merkt man auch. Er ist sehr bestrebt darin schnell gute Erfolge zu erzielen. Strengt sich an und arbeitet gut mit.” “Das ist schön zu hören! Aber wie geht es ihm körperlich? Ich meine …” “Ich weiß schon was Sie meinen.”, lacht mein Gegenüber. “Er hat mittlerweile

kaum noch Krampfanfälle. Natürlich erhält Mister Thompson hier ein Ersatzmedikament von dem er irgendwann auch wieder entwöhnt werden muss. In seinen Befunden sind ebenfalls erste Erfolge sichtbar. Wie gesagt, er krampft nicht mehr, auch die anderen Entzugssyndrome sind äußerst selten. Nur letztens, da hatte er einen Rückfall.” “Als er von dem Tod seines Freundes erfahren hatte? Sie nickt. “Das hat bei ihm einen Schub delirium tremens ausgelöst. Das hatte er vorher noch nicht. Wir mussten ihn sedieren.” “Wirklich?” Erstaunt runzle ich die

Stirn. Es muss ihn heftig getroffen haben.  “Hat er Phobien oder Depressionen?” “Sie kennen sich aus?", hakt sie erstaunt nach. "Na ja, sagen wir so, ich musste bereits meine Erfahrungen machen.", weiche ich aus. Sie nickt nachdenklich. "Also Phobien hat er keine, aber Depressionen. Wenn auch nur leichterer Natur. Er braucht dringend etwas was ihm Halt und Stabilität gibt.” "Halluzinationen?" Ich wollte ganz genau wissen woran ich war. Und ich wollte vorbereitet sein. “Nicht das wir was davon mitbekommen

hätten.” "Gut."  Erleichtert stoße ich die angehaltene Luft aus und nicke. “Ich kümmere mich jetzt um alles.” Letzteres habe ich ehe zu mir selbst gesagt, doch sie lächelt wissend. “Sein Körperliches Befinden ist also gut? Er ist in der Lage morgen zu der Beerdigung zu gehen?”, frage ich vorsichtig weiter. Nicht das er mir dort zusammenbricht. Schwester Miller nickt. “Das ist er auf jeden Fall. Er ist ein sportlicher Mann und treibt hier auch Sport. Aber zu seiner und auch Ihrer Unterstützung werden wir ihm morgen einen Pfleger mitgeben mit dem er sich in den letzten Wochen

scheinbar auch gut angefreundet hat. Dem er vertraut.” Ich danke ihr.    Etwas zögerlich fügt sie hinzu. “Nur die Albträume die sind noch immer da. Aber das hat, laut unserem Oberarzt Doktor Sutherland etwas mit seiner Vorgeschichte zu tun. Sie müssen wissen, das er sich dem Arzt gegenüber nicht vollkommen öffnet. Er sperrt sich. Dabei müsste ihm bekannt sein, dass gerade das ihm helfen würde.”, schließt sie ihren Bericht.  “Verstehe. Ja, er ist nicht gerade der offenste Mensch.” Mit einem Lächeln versuche ich Michael's Fehler zu

entschuldigen. “Nun ja, jetzt sind Sie ja da und mit Ihrer Unterstützung wird er sicherlich schnell wieder auf die Beine kommen.”, lacht die Schwester. “Bis zur Hochzeit ist er ein ganz anderer Mensch.” Sie zwinkert mir über den Tisch hinweg zu.  Hochzeit? Hatte ich was verpasst.  Ich muss ein ziemlich verwirrtes Gesicht machen, denn sie erklärt, “Na, Sie sind doch verlobt. Sicher steht bald die Hochzeit an.” “Ähm … natürlich.” Zögerlich stehe ich auf und reiche ihr die Hand. “Ich danke Ihnen für die Auskünfte!”  “Kein Problem. Sie können sich auch jederzeit an mich wenden wenn Sie eine

Frage haben!”, bietet sie an, erhebt sich ebenfalls und schüttelt meine Hand. Damit verabschiede ich mich und verlasse die Klinik für heute. Da hatte uns Jane ja was schönes eingebrockt. Hoffentlich erwartete niemand eine Einladung zur Hochzeit. 

36.

Im Taxi auf dem Heimweg googelte ich erst einmal nach einem Zoogeschäft. Ich fand eines praktisch bei uns um die Ecke in der Clarendon Road und ließ das Taxi dort anhalten. Zwar stand mir die Stimmung nicht nach einkaufen, doch mein kleiner Vierbeiner benötigte dringend Futter und endlich ein gemütliches Körbchen. Kaum stand ich vor dem schmalen schwarz getüchtem Gebäude und las die Aufschrift 'happy puppies' packte sie mich doch - die Kauflust. Ich erstand in dem winzigen Laden nicht nur ein kuscheliges Körbchen für Stuart,

sondern auch eine weitere Rollleine, eine hellblaue Lederleine, vier Keramiknäpfe für Wasser und Futter, Futter selbst und Spielzeug. Sogar einen Kuschelbären kaufte ich. Völlig verzückt reichte ich der freundlich lächelnden Verkäuferin hinter dem Tresen meine Kreditkarte. Draußen auf der Straße hatte ich dann doch ein Problem. Wie immer wenn man unüberlegt einkauft oder gar wie ich gerade in einen Kaufrausch verfällt, hat man hinterher das Problem nicht zu wissen wie man die Sachen nach Hause transportieren soll. Zwar waren es nur wenige Schritte bis in den Elgin Cress aber dennoch für mich allein nicht zu schaffen. Ich kramte mein Handy aus der

Handtasche und rief Ana an. "Hilfe!", war das erste was ich sagte. Erschrocken fragt sie, "Oh mein Gott, was ist los?" Lachend lenke ich ein, dass kein wirklicher Notfall besteht. "Ich brauche nur Hilfe beim tragen meines Einkaufs. Ich sage nur, Kaufrausch." Ebenfalls lachend erwidert sie, "Wo bist du denn? Ist es weit?" "Nein. Ehrlich gesagt stehe ich fast vor unserer Haustür." "Okay, dann bist du also in dem Tiergeschäft nebenan?" "Jup. Kommst du mir tragen helfen?" "Bin praktisch schon bei dir.", lacht sie und legt auf. Kurz darauf laufen

tatsächlich Ana und Stuart auf mich zu. Wobei der Hund das Rennen gewinnt und als erster in die Tüten die um meine Beine herum auf dem Boden stehen schaut. "Ja, das ist alles für dich, mein Süßer!", sage ich und gehe in die Hocke um ihn zu begrüßen. "Wuff.", freut er sich. "Na da hast du wirklich nicht übertrieben als du meintest du wärst einem Kaufrausch erlegen.", lacht Ana als sie bei uns ankommt. "Du kannst ihn ohne Leine laufen lassen? Hier?", frage ich erstaunt und mache eine raumgreifende Geste. Sie zuckt die Schultern, als wäre

überhaupt nichts dabei einen praktisch wildfremden Hund derart unter Kontrolle zu haben. "Er mag mich eben." "Das stimmt wohl.", murmle ich lächelnd. "Na dann komm! Er kann es ja kaum noch erwarten auszupacken. Wenn wir noch länger hier rum stehen tut er es gleich hier." Ich stimme ihr zu und gemeinsam schleppen wir den Einkauf nach Hause. Schon von weitem sehen wir eine Frau in einem eleganten dunkelblauen Kostüm und Pumps vor unserer Haustür stehen und die an der Fassade hochschaut. "Will die zu uns?", fragt Ana. Über ihrem angewinkelten Arm trägt sie

einen schwarzen Kleidersack. Ihr blondes mittellanges Haar ist zu einer Banane hochgesteckt. Als sie uns bemerkt lächelt sie uns freundlich entgegen. "Ich nehme an, eine von Ihnen ist Anthea van der Woodsen?" Ich erkenne ihre Stimme. "Jane MacDonald?" Sie nickt. "So ist es. Guten Tag, Miss van der Woodsen!" "Anthea bitte.", murmle ich verwundert. "Woher wissen Sie wo ich wohne?" Scheinbar war das für mein Hirn die naheliegendste Frage. Nicht eher die was sie hier wollte. "Es gehört zu meinen Aufgaben derlei Dinge herauszufinden,

Miss." Ich nicke zustimmend. Sicher war es so. "Ich bin hier um Ihnen Mister Thompsons Anzug für die morgige Trauerfeier zu bringen." "Trauerfeier?", mischt Ana sich neugierig ein. Ich bedeute ihr es ihr später zu erklären. "Das ist sehr ... freundlich von Ihnen.", danke ich ihr. Hilflos sehe ich auf meine Hände die bereits in benutzung waren. "Warten Sie bitte einen Moment, wir ..." Ich halte die Tüten vielsagend in die Höhe. "Aber natürlich.", erwidert sie verständig. Ana schiebt sich an uns vorbei die Stufen

hoch und öffnet die Haustür mit ihrem Schlüssel. Sofort folge ich ihr. Mrs. MacDonald bleibt respektvoll auf dem Gehweg stehen. Ich rufe ihr von innen zu, "Bitte kommen Sie doch!" Sie tut es und betritt sekunden später unseren Flur. Wenn sie von unserem eher schlichtem Haus beeindruckt oder angewidert war, so ließ sie es sich nicht anmerken. Freundlich lächelnd folgt sie mir in das Wohnzimmer, wo ich achtlos die Tüten neben das Sofa stelle. Sofort stürzt sich Stui auf sie. "Ein niedlicher Hund!", urteilt Jane und sieht ihm dabei zu wie er das Hundestofftier aus der braunen

Papiertüte zerrt. "Danke. Darf ich Ihnen etwas anbieten?", frage ich rasch. "Einen Kaffee oder Tee vielleicht?" "Einen Tee würde ich nehmen wenn es Ihnen gerade nicht zu viele Umstände macht.", erwidert sie freundlich. Noch immer hält sie den Kleidersack über ihrem Arm. "Natürlich nicht. Im Grunde bin ich Ihnen noch ein Mittagessen schuldig. Aber das holen wir nach, wenn ... wenn es mal ruhiger ist." Sie nickt. "Das ist sehr freundlich." In diesem Moment ruft Ana aus der Küche. "Ich habe das Teewasser schon

aufgesetzt." "Danke, dass ist lieb!", rufe ich zurück. "Darf ich Ihnen das abnehmen?", frage ich an Jane gewandt und deute mit einem Nicken auf den Kleidersack. "Aber natürlich." Sie reicht ihn mir. "Ich habe den Anzug noch einmal bügeln lassen. In meinem Wagen habe ich noch ein passendes Paar Schuhe." "Verstehe. Das ist wirklich nett von Ihnen." Wie sie wohl an seine Sachen gekommen war? Aber sicher hat sie einen Schlüssel zu seinem Haus. "Mister Thompson hat mir mal den Ersatzschlüssel für seine Wohnung zur Aufbewahrung gegeben.", beantwortet sie meine in Gedanken gestellte Frage.

"In Situationen wie diesen sieht man wofür das gut war." Da stimme ich ihr zu. Aus der Küche ertönt das Pfeifen des Wasserkessels. Gemeinsam gehen wir in die Küche. Ana hatte sich respektvoll zurück gezogen. Sie wusste eh, dass ich all ihre Fragen später beantworten würde. Oder sie sah sie schon früher mit ihrem 'dritten Auge'. Ich gebe Tee in eine Porzellankanne und gieße das heiße Wasser auf. "Setzen Sie sich doch bitte!", biete ich an und deute mit dem Kinn auf die sechs gemütlichen Armlehnstühle um unseren massiven Esstisch. "Wie geht es ihm?", fragt Jane plötzlich nachdem sie sich hingesetzt hat. "Sie

haben ihn doch sicherlich heute schon besucht." Ich nicke und holen zwei Tassen und Unterteller aus dem Hängeschrank. "Das ist wahr. Es geht ihm ... den Umständen entsprechend gut, würde ich sagen. Ich hatte ein Gespräch mit der Oberschwester auf seiner Station. Der Arzt war heute leider nicht mehr zu sprechen. Doch auch sie konnte mir viel berichten." "Verstehe." Ich überlege, ob ich ihr gegenüber so offen sein und über Michaels Suchtproblem sprechen sollte. Schließlich wusste ich nicht, ob er sie jemals ins Vertrauen gezogen oder sie

selbst es herausgefunden hatte. "Ich ... ich hatte schon länger die Ahnung, dass er ein ... Problem hat.", gesteht sie leise und besieht sich ihre perfekt manikürten Fingernägel. "Tatsächlich?", entfährt es mir erstaunt. "Wie lange genau?" Sie hebt den Blick. "Ich arbeite jetzt seit fast zehn Jahren mit Mister Thompson zusammen. Zunächst als seine Sekretärin und später beförderte er mich zu seiner persönlichen Assistentin. Es änderte sich nicht viel an meinem Tätigkeitsfeld.", gibt sie lächelnd zu. "Ich übernahm schon früher die Arbeiten einer Assistentin. Aber an meinem Gehaltsscheck bemerkte ich es dann

doch. Mister Thompson ist sehr ... dankbar." Lächelnd nicke ich abwesend. "Ähm, mögen Sie Zucker und Sahne?" Ich deute mit dem Kinn auf die