Kurzgeschichte
Scherben

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"Scherben"
Veröffentlicht am 14. März 2021, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland. Bisher veröffentlicht: Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und ...
Scherben

Scherben

„Dann müssen wir eben konsequent sein.“ Er lehnte sich scheinbar entspannt zurück und musterte sie kalt. Sie erwiderte seinen Blick, versuchte ebenso kühl zu sein. „Wie soll deiner Meinung nach die Konsequenz aussehen?“ Er lächelte ironisch, zog eine Augenbraue hoch. „O Gott, ich hasse diesen Gesichtsausdruck“, dachte sie. „Du selbstgefälliger …“ Er fiel ihr ins Wort: „Bitte!“ Wie sanft er sein konnte und wie schnell er in der Lage war einfach umzuschalten, so als ob er nur einen Schalter betätigte. Unwillkürlich schossen ihr die Tränen in

die Augen, sie zwinkerte hilflos. „Jetzt bloß nicht heulen!“ Doch die Tränenflut ließ sich nicht mehr aufhalten, wurde von einem unkontrollierten Zittern begleitet. Plötzlich war ihr klar, was sie so lange versucht hatte zu ignorieren, schönzureden. Es gab nichts mehr zwischen ihnen außer einer unglaublichen Vertrautheit, dem Gefühl den Anderen genau zu kennen, zu wissen, was er bei welcher Gelegenheit tun oder sagen würde. Doch war nicht auch das eine Illusion? Kannte sie ihn denn überhaupt noch? Er war schon lange nicht mehr der Mann, in den sie sich verliebt hatte, der ihr Leben ausmachte und auf den sie sich bedingungslos

stützen konnte. Der ihr einmal die Sterne versprach und all seine Versprechung gehalten hatte. Aber auch sie hatte sich verändert, sah ihn schon lange nicht mehr verliebt an, war bei jeder Gelegenheit gereizt, von seinen kleinen Marotten genervt. Kleinigkeiten, die sie einmal entzückt hatten, konnte sie plötzlich nicht mehr ausstehen. Sicherlich ging es ihm genauso. Jetzt standen sie beide vor einem Scherbenhaufen, hatten so viel zerschlagen, sich gegenseitig verletzt. Zuweilen aus Unachtsamkeit, doch immer öfter wissentlich, mit der Absicht dem Anderen wehzutun, noch einmal nachzutreten.

Er saß ganz ruhig da, hatte die Hände ineinander verschränkt, versuchte nicht sie zu trösten. Wartete einfach ab. Sie putzte sich die Tränen am Blusenärmel ab, fuhr damit über ihre Nase. „Egal“, dachte sie. „Alles ist jetzt egal. Das ist wohl das Ende.“ Diesen Satz sagte sie laut, musste es in Worte fassen. Dann straffte sie sich. „Ja, dann müssen wir überlegen, wie es weiter gehen soll.“ 

Er sah plötzlich ganz hilflos aus. „Das müssen wir, aber bitte nicht mehr heute Nacht. Ich kann nicht mehr.“ Ein sanftes Streicheln weckte sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Er war zu ihr ins

Bett gekommen, nahm sie in den Arm. Vielleicht aus Gewohnheit, das war ihr egal. Sie kuschelte sich an ihn. „Bitte“, jetzt war sie es, die ihn bat. Sie liebten sich; sanft, tastend, fast so, als ob es das erste Mal gewesen wäre. Nachher lag sie ganz ruhig neben ihm lauschte seinen regelmäßigen Atemzügen. Die Augen brannten, hatten keine Tränenflüssigkeit mehr. Während die Dämmerung langsam heraufzog, versuchte sie das Unfassbare zu begreifen. 

Ihr Leben ging weiter, auch ohne ihn. Sie würde die Scherben aufheben und versuchen alles so gut wie möglich zu kitten. Doch es würde nur Stückwerk

sein, das wusste sie nur all zu genau. © by Angie

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Hörbuch

Über den Autor

AngiePfeiffer
Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland.
Bisher veröffentlicht:
Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften, sowie der Tagespresse.
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Asteria 
Wenn's nun gar nicht mehr passt,
wie kann dann der Sex noch Spaß machen, dann doch lieber
sich trennen, als Hinauszuzögern, was nicht mehr zu kitten ist.

Diese traurige Wahrheit wird in vielen Partnerschaften leben.
Schade.
Schön geschrieben, liebe Angie.

LG Asteria
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Danke Dir Asteria.
Nun, sicher ist noch Restliebe zwischen den beiden vorhanden und Vertrautheit sowieso. Daher der Sex. Eine Trennung ist halt nicht so leicht!
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
Feedre Wenn etwas zerbrochen ist, kann man es natürlich immer wieder kitten, aber es bleibt halt immer dieser Riß und möglicherweise sind die Verletzungen gegenseitig zu tief und dann hat man eine Beziehung die nur noch aus Vorwürfen besteht....besser ist es, sich zu trennen und sich selbst wieder einsammeln....wie sehr einem der andere dann fehlt, wird man dann am besten sehen...es muß ja nicht das Ende sein....eine längere Reise kann auch hilfreich sein....allein natürlich.....
eine sehr gute Geschichte Sunshein, da werden sich viele erkennen...erinnern....zusammensein ist ein Abenteuer ich bin überzeugt, alle Paare, die lang zusammen sind haben diese Kämpfe und Überlegungen hinter sich...
einen ganz lieben Gruß von mir
Feedre
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Hallo Cherié,
lieben Dank für Deinen Kommentar.
Stimme Dir voll und ganz zu. Manchmal passt es halt nicht mehr. Egal, wie schmerzhaft die Trennung ist, sie ist die einzige Möglichkeit, wenn man sich nicht verlieren will.
Obwohl es auf den Typ Mensch ankommt. Es gibt genug Paare, die sich gar nichts mehr zu sagen haben. Unverständlich, dass sie das aushalten.
Aber gut. Muss jeder auf seine Art mit klarkommen.
Den lieben Gruß gebe ich gern zurück. Wünsche einen schönen Abend.
Sunshine
Vor ein paar Monaten - Antworten
baesta Das hast Du wieder sehr gut beschrieben, diesen Ehealltag, der wohl jedem irgendwann mal eine Entscheidung abverlangt, weil die Schmetterlinge sich verflüchtigt haben.

Liebe Grüße
Bärbel
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Hallo Bärbel, ja, wenn die Schmetterlinge nicht mehr da sind stellt sich heraus, ob es Liebe ist. Oder nur eine kleine Verliebtheit.
Lieben Dank für Deinen Kommentar und
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
KaraList Du beschreibst nachvollziehbar eine Situation, eigentlich eine andauernde Phase, die einigen vielleicht nicht fremd ist. Das Lösen von einer "Gewohnheit", die zur Belastung geworden ist, bedeutet auch immer Verlust.
Deine Herangehensweise an diese Thematik, ohne sie zu dramatisieren, gefällt mir, liebe Angie.
LG
Kara
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Oh, danke, liebe Kara. Dein Kommentar freut mich natürlich sehr.
Trennung (Lösung aus Gewohnheit, wie Du schreibst) ist natürlich immer schmerzhaft. Aber manchmal die einzige Lösung.
Liebe Grüße in Deinen Abend
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
Nereus Im Rückschauen auf mein Leben : wie oft standen wir vor der Entscheidung, wie Du sie beschreibst, doch haben wir immer versucht keinen Streit mit in den neuen Tag zu nehmen und wir waren immer bereit es auszuhalten, es waren ja doch nur menschliche Diskrepanzen .
Und heute bin ich froh und glücklich mich den Kleinen Schwierigkeiten nicht ergeben zu haben
danke für Deine Gedanken *****
lieben gruß
markus
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Ich danke für Deinen Kommentar, Markus.
Ja, Streit nicht in den neuen Tag mitnehmen. Das finde ich auch wichtig. Und sich am Morgen immer mit einer Umarmung verabschieden und nicht stur sein und den anderen ignorieren. Wer weiß schon, was passiert ...
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
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