Kurzgeschichte
ludus, ludi = (lat.) das Spiel

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"ludus, ludi = (lat.) das Spiel"
Veröffentlicht am 25. Februar 2021, 20 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Alles bleibt anders!
ludus, ludi = (lat.) das Spiel

ludus, ludi = (lat.) das Spiel

ludus, ludi = (lat.) das Spiel

„Nein Schätzchen, das ist nicht deine Schaufel! Die gehört dem Mädchen da!“ Angewidert ging Hans-Henning am Spielplatz vorbei. Es war der kürzeste Weg zu seiner Arbeit und jeden Tag musste er mit ansehen, wie erwachsene Frauen mit Sandförmchen spielten, ihre schreienden Kinder schaukelten und Keksreste von deren Mündern wischten; untermalt von leierndem Singsang („das hast Du aber fein gemacht, mein Mia-Schätzchen!“) oder strengen Ermahnungen („Nein Jonas! Man darf nicht mit Steinchen werfen!“).

Hans-Henning hasste Spiele. Er mochte keine Gesellschaftsspiele, Ballspiele oder Computerspiele; und auch keine Spiel-Plätze. Spielen war für ihn ein Zeichen von Faulheit und fehlender Zielstrebigkeit; es war eine Zeitverschwendung. Spielen hatte keinen Sinn, keinen Zweck und kein Ziel! Was wirklich zählte, waren Erfolg und Ergebnisse.

Lediglich eine Spielerei erlaubte sich Hans-Henning: Das „ordum virtutum“ von Hildegard von Bingen. Diese sphärischen Klänge waren der Klingelton seines Handys. Er verehrte die Nonne. Denn so wie Hans-Henning hatte sie sich

Zeit ihres Lebens mit Medizin, Kosmologie und Musik befasst. Und noch eine sehr sympathische Parallele gab es: Hildegard von Bingen hatte keine Kinder.

Hans-Hennings Lebenslauf war zielstrebig und gradlinig: Als junger Mann hatte er Chemie studiert, promoviert und bei der Medisalvus GmbH seine erste Stelle angetreten. Und dort war er geblieben. Da das Pharma-Unternehmen bei etlichen Krankheitswellen die Zuschläge für Impfstoffe und Medikamente erhalten hatte, hatten ihn diese Krankheitswellen die Karriereleiter hoch getragen. Heute

war er „Direktor für Forschung und Entwicklung“. Und war auf der obersten Sprosse angekommen. Über ihm gab es nur noch den Präsidenten; und der ... würde noch lange bleiben.

Doch es kam anders!

Es war ein Tag im Spätsommer als der Präsident der Medisalvus, Herr Dr. Dr. Weber, ihn zu einem Gespräch bat. Er teilte Hans-Henning mit, dass er aus gesundheitlichen Gründen das Unternehmen verlassen müsse und in den Ruhestand trete. ... Hans-Henning stünde auf der Kandidatenliste für die Nachfolge. Er….. und Frau Dr. Sandra

Bierhoff, die Direktorin vom Einkauf/Verkauf.

Was ihm Herr Dr. Dr. Weber weiter erzählte, hörte Hans-Henning nicht mehr: Seine Gedanken überschlugen sich. Seine Karriereleiter hatte eine neue Sprosse bekommen:Er konnte Präsident der Medisalvus GmbH werden; einem der führenden Pharma-Unternehmen!

Er tauchte aus seinen Zukunftsträumen auf und hörte wie Herr Dr. Dr. Weber sagte, dass die Bierhoff „gute Karten“ hätte. „Das muss man ihr lassen“, sagte er, „diese Frau ist tüchtig, wird von ihren Mitarbeiter geachtet und hat ganz

vorzügliche Ideen.“. Dabei spitzte er die Lippen, als würde er einen besonders guten Wein trinken. „Sicher, Frau Dr. Bierhoff ist erst vor zwei Jahren zu uns gekommen, aber dafür bringt sie frischen Wind in den Laden. Und genau den brauchen wir! In drei Wochen wird der Aufsichtsrat über meine Nachfolge entscheiden! Sie wissen, Gruber“, er sah in direkt an, „dass ich Ihre Mitarbeit sehr schätze, aber ich befürchte,…… diesmal haben Sie schlechte Karten!“

Innerlich fluchend ging Hans-Henning aus dem Büro: Ausgerechnet die Bierhoff! Gleich in ihrer ersten Woche hatte sie ihm erklärt, dass sie eine große

Verfechterin des Spielens sei. Spielen, so meinte diese ….. Dame, würde die Kreativität  steigern. Und ein Unternehmen wie die Medisalvus bräuchte kreative Mitarbeiter. „Verspieltheit, mein lieber Dr. Gruber, ist eine wunderbare Investition! Und diese Investition wirkt sofort!“

Nur wenige Monate später hatte die Bierhoff rote Streifen auf den Boden ihrer Abteilungen kleben lassen. Die Mitarbeiter sollten darauf balancieren, wenn sie bei einem Problem nicht weiter kämen. Und das taten sie tatsächlich; gerne sogar.

Hans-Henning hatte vor sich hin geschimpft: „Früher haben sich die Leute, wenn sie ein Problem hatten, eine Zigarette angezündet und grübelnd aus dem Fenster gestarrt. Da hatte man das Problem förmlich….gesehen. Heute dagegen balancierten sie und lachten. So ein ausgemachter Unsinn! Wenn ich erst Präsident bin, wird das ein Ende haben! Die Mitarbeiter werden wieder arbeiten und Probleme lösen, wie früher.“

Beim letzten Betriebsausflug, erinnerte sich Hans-Henning, hatte die Bierhoff dann den Vogel abgeschossen: Sie hatte ein Preisausschreiben von Merklin mitgebracht. Man sollte beantworten,

warum Kängurus nie auf einem Bahnhof zu finden seien. Die drei witzigsten Antworten würden eine Modelleisen-Bahn für Einsteiger gewinnen. Die ganze Belegschaft hatte einen Riesenspaß. Nur Hans-Henning hatte genervt auf seine Karte geschrieben, dass Kängurus nie auf einen Bahnhof gingen, weil sie Angst vor Taschendieben hätten. Und damit war die Sache für ihn erledigt.

Für ihn stand fest: Unter einem so unreifen Menschen, wie der Bierhoff, würde er nicht arbeiten; vorher würde er kündigen! Jawohl! Aber noch….hatte er ja eine Chance.

Er bekam Schlafstörungen, wurde gereizt und raunzte seine Mitarbeiter an. Es war mitten in der Nacht, er hatte wieder stundenlang gegrübelt, als er plötzlich aufschrie: „Jawohl! Ich werde die Bierhoff mit ihren eigenen Waffen schlagen.“ Er schlug mit der Faust auf die Bettdecke: „Und ich werdeder nächste Präsident!“ Seine Frau murrte neben ihm im Schlaf. Doch Hans-Henning war wie von Sinnen. „Ich …. habe es verdient, Präsident zu werden. Nicht diese ewig gut gelaunte Bierhoff mit ihren dämlichen Ideen: Balancieren um das Denken anzuregen! Hat man so was schon gehört? Ich werde den Kampf aufnehmen!“ Mit einem Lächeln schlief

er ein.

Niemandem fiel auf, dass Hans-Henning nach der Arbeit noch im Labor blieb. Nächtelang arbeitete er. Dann endlich hielt er ein kleines, braunes Fläschchen in den Händen: Es war die Krönung seines Lebenswerkes. Nur schade, dass er niemandem davon erzählen durfte.

Dieses Gift war so wunderbar passend für die Bierhoff: Es würde sie wieder zu einem Kind machen. Einem Kind, das den lieben langen Tag nur spielen wollte. Und die Bierhoff würde nichts mehr aus ihrem bisherigen Leben erinnern.

Alles, was er tun musste, war ein wenig Flüssigkeit auf einen Gegenstand zu tropfen; auf einen Stift zum Beispiel. Und wenn die Bierhoff dann damit schrieb, dann....wuuups! Das war genau das richtige Mittel für diese Balance-Tante! Und damit wird mein Weg frei. Mein Weg zum Posten des Präsidenten der Medisalvus GmbH! Und die Bierhoff kann auf ihren roten Strichen balancieren.

So teuflisch genial das Gift auch war, eine Nebenwirkung hatte Hans-Henning nicht in den Griff bekommen: Den Harndrang! Berührte man das Gift, musste man anschließend unbedingt auf

die Toilette gehen. Sicher,…. es war nur ein kleines Problem und für Hans-Hennings Zwecke völlig unwichtig, aber es kratzte doch an seiner Eitelkeit als Chemiker.

Selbstverständlich hatte er Versuche durchgeführt. Zunächst nur an Tieren. Doch den abschließenden Test hatte er an einem Menschen durchgeführt: An dem alten Landstreicher, der unter der Zoo-Brücke schlief. Als Hans-Henning dort vorfuhr, war dessen Schlafplatz verlassen gewesen. In aller Eile hatte er etwas Gift auf den zerlumpten Schlafsack getröpfelt. Und wartete dann hinter einem Stromkasten auf die Rückkehr des Mannes.

Endlich kam der alte Landstreicher zurück. Mit leisem Klirren stellte er seine Rotwein-Flasche auf den Boden und kroch murrend in seinen Schlafsack. Für einen Moment war alles ruhig. Dann knurrte er etwas, öffnete den Schlafsack und quälte sich schimpfend heraus. Er ging zum Brückenpfeiler und pinkelte dagegen. Auf dem Rückweg riss er plötzlich die Arme hoch und grölte mit lauter Stimme: „Der Mond ist aufgegangen….“ Er nahm einen Stein, zielte auf die Weinflasche und traf. Die Flasche zerbrach und die dunkelrote Flüssigkeit ergoss sich auf den

Schlafsack. Der Landstreicher lachte laut auf.

Hans-Henning hatte genug gesehen. Er konnte zur Tat schreiten. Und es war höchste Zeit: Übermorgen würde der Aufsichtsrat tagen und den nächsten Präsidenten bestimmen. Und jetzt war er sicher: Er würde dieser Präsident sein!

Am nächsten Tag schlich Hans-Henning ins Büro von Dr. Sandra Bierhoff.  Wie jeden Mittwoch war sie in der Mittagspause mit ihrer Sekretärin in die Kantine gegangen war. `Mitarbeiterpflege` nannte sie das.

Er sah sich neugierig um: Hell war es hier und ein riesiger Ficus Benjamini stand in der Ecke.Leise schloss er die Tür und trat an den Schreibtisch. Auf seinem Schreibtisch türmten sich die Papierberge; hier dagegen sah man sogar die Tischplatte, stellte er verwundert fest. Hatte diese Dame denn nichts zu tun? Eine Fachzeitschrift lag auf dem Tisch; und ein Kugelschreiber. Es war einer dieser Kugelschreiber mit vier verschiedenfarbigen Farben. „Natürlich“, brummte er, „ein ganz normaler Kugelschreiber hätte zu dieser Balance-Tante auch nicht gepasst.“

Vorsichtig holte er das Fläschchen aus

seiner Jacke und gab einen Tropfen auf den Kugelschreiber. So, das würde genügen. Mehr brauchte er nicht.

Als er das Fläschchen wieder eingesteckte, ertönte die „ordum virtutum“; sein Handy klingelte. Ausgerechnet jetzt. „Hallo?“, flüstert er. Es war seine Frau. Ihre Stimme klang aufgeregt: „Hans-Henning, Du hast Post bekommen. Von Merklin!......Hans-Henning, Du sollst bei einem Preisausschreiben gewonnen haben. Bei einer…..Scherzfrage!“ Frau Gruber kannte das angespannte Verhältnis ihres Mannes zum Humor. „Du hast den zweiten Preis gewonnen! Eine

Spielzeugeisenbahn. Du sollst Dich melden und sagen, wo sie die Bahn hinschicken sollen. Hallo?.... Hans-Henning?“

Seine Gedanken rasten: Er hatte gewonnen! Er hatte noch nie  in seinem ganzen Leben irgendetwas gewonnen! Das war einfach unglaublich. Er wurde hektisch. „Gib mir die Nummer, Bärbel!“, stieß er hervor. Er angelte nach Zettel und Kugelschreiber. „Ich ruf da an! Sofort! Ich muss nur noch schnell auf die Toilette!“

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PuckPuck
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derdilettant Hans-Hennings gibt es mehr, als man es für möglich hält.
Coole Story.

LG
D.
Vor ein paar Monaten - Antworten
PuckPuck Freut mich, dass du sie magst, schlichter Mann :o)
Lachende Grüße.
Judith
Vor ein paar Monaten - Antworten
AngiePfeiffer Wie Federe schon sagt - ein Mann muss sich nicht soooo sehr verändern, um infantil zu sein ....
Autsch ... der saß ...
Super Geschichte, super erzählt!
Liebe Grüße
Angie
Vor ein paar Monaten - Antworten
PuckPuck Danke, liebe Angie! Ich freu mich über deinen Spaß :o)
Liebe Grüße
Judith
Vor ein paar Monaten - Antworten
derdilettant Hey, das überhöre ich geflissentlich ---
Vor ein paar Monaten - Antworten
Feedre tolle Story, hat den richtigen erwischt....das Kind im Manne...:-))))
gerne gelesen
Feedre
Vor ein paar Monaten - Antworten
PuckPuck Das Schreiben hat auch sooooo viel Spaß gemacht :o)
Liebe Grüße. Judith
Vor ein paar Monaten - Antworten
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