Kurzgeschichte
Phasen

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"Phasen"
Veröffentlicht am 21. Februar 2021, 24 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Tatiana Navrotskaya - Fotolia.com
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Über den Autor:

Ich liebe das Leben!
Phasen

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„Darf ich Deine Brüste anfassen?….Bitte….!“ Martin hob seine Hände. „Ich lass` Dich auch in Mathe abschreiben“, schickte er hinterher. Als Antwort bekam er eine Ohrfeige. Er verstand nur Bahnhof: Was hatte er denn jetzt wieder falsch gemacht? Er hatte doch gefragt. Sogar höflich.

Es war wirklich zum Verzweifeln: Da war er in der Schule der Beste und im Umgang mit Mädchen versagte er völlig. Dauernd bemüht er sich, ein Mädchen kennen zu lernen. Doch bisher völlig ohne Erfolg. So gerne …. wollte er die

Haut eines Mädchen berühren, ihre Brüste,….ach,….wenigstens einmal. Der weibliche Körper war so schön und sah so weich aus…..

Während seiner gesamten Schulzeit blieben Martin`s Schwierigkeiten mit dem weiblichen Geschlecht. Nach dem Abitur studierten seine Mitschüler, machten eine Ausbildung oder gingen ins Ausland. Nur Martin wusste nicht, was er machen sollte. Er entschied sich, Psychologie zu studieren (es hätte allerdings auch `Kunstgeschichte` sein können. Oder `Vergleichende Religionswissenschaften`).

Und dann im 6. Semester, kam der Tag, der sein Leben veränderte. Er saß in der Vorlesung der Entwicklungspsychologie. Es ging um die Lebensphasen des Menschen. Er hörte, dass sich die weiblichen Lebensphasen von den männlichen deutlich unterschieden: Frauen würden erst ab 40 richtig durchstarten und dann bis ins hohe Alter agil und geistig wach sein. Männer dagegen hätten ihren Zenit mit 45. Danach ging es bergab. Für eine Frau jenseits der 45 wäre es also fast unmöglich, einen gleichaltrigen Mann zu finden, der nicht in Kürze zum geistigen und körperlichen Pflegefall wird.

Martin war bestürzt. Und er war fasziniert. Er rechnete nach: Er hatte noch zwanzig Jahre. Dann wäre er 45 und sein Verfall würde beginnen. Diese Zeit blieb ihm also, um eine Frau zu finden. Das war nicht gerade lange, wenn man – wie er - nicht mit Frauen umgehen konnte, noch nie eine Freundin hatte und noch immer Jungfrau war. Martin musste feststellen: Seine Zukunft sah weder weiblich, noch rosig aus.

Also fasste er einen Entschluss: Er würde eine entwicklungspsychologische Langzeitstudie durchführen. Und … er würde seine einzige Versuchsperson sein.

Sein Plan war einfach und genial: Es blieben ihm zwanzig Jahre. In diesen zwanzig Jahren würde er lernen, wie Frauen funktionieren. Er würde seinen Geist und seinen Körper trainieren. Und … er würde in dieser Zeit nicht, unter gar keinen Umständen,nach einer Frau….suchen!

Dann… an seinem 45. Geburtstag würde er wie Phönix aus der Asche aufsteigen. Und endlich, endlich könnte er ein Pflaster auf die Wunde seiner verletzten Männlichkeit kleben; ein hinreißend weibliches Pflaster. Ein Pflaster? Ach was, zwei, drei, zehn! Hunderte! Die Frauen würden ihm die Tür einrennen.

Sie würden sich um ihn reißen, ihn begehren, nach ihm fiebern, sich nach ihm sehnen, ihn anbetteln….. Er lächelte genussvoll.

Ab diesem Moment konzentrierte sich Martin nur noch auf sein Studium; Er promovierte und nahm eine Doktor-Stelle am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an. In seiner Freizeit ging er ins Theater, in die Oper, in Ausstellungen und ins Kino. Er las, unternahm Studienreisen. Um seinen Körper fit zu halten, ging er ins Fitness-Studio, lief jedes Jahr einen Marathon und machte täglich hundert Liegestütze. Und …last but not least bezahlte er

Prostituierte dafür, dass sie ihm das weibliche Liebes- und Seelenleben erklärten: Praktisch und theoretisch.

Nach zwanzig Jahren konsequenter Arbeit war es soweit: Martin wurde 45. Sein Feldzug konnte beginnen.

An der Volkshochschule belegte er Kurse für chinesische Heilkunde, Pilates, vegane Ernährung sowie Fuß-Reflexzonenmassage; alles Kurse, die von Frauen besucht wurden.

Seinen Bart und die Haare ließ er wachsen, um ungezähmt und leidenschaftlich auszusehen.

Vor dem Spiegel übte er eine dominante Körperhaltung: Er zog die Schultern nach hinten, schob die Brust heraus, hob selbstbewusst das Kinn, fixierte sein Spiegelbild, ließ die Augen aufblitzen und lächelte; ein Siegerlächeln. Sein Äußeres drückte Kraft, Konzentration und Zielstrebigkeit aus.

Martin war zufrieden. Sein Experiment konnte beginnen.

Es gab nur eine Sache, worauf er unbedingt achten musste: Dass ihm keine seiner Eroberungen zu nahe kam.

Wie erwartet, waren die Frauen

fasziniert. Martin fand sie überall: Beim Einkaufen, bei Vorträgen, im Parkhaus,…. Sie waren ledig, verheiratet, Mütter, Hausfrauen oder berufstätig. Er pflückte sie lässig….wie reifes Obst. Und jede Eroberung war ein Pflaster für seine verletzte Eitelkeit.

Mit 59 Jahren war Martin äußerst zufrieden: Sein Einsatz hatte sich gelohnt. Zwar spürte er, dass er älter wurde (er lief nur noch den Halbmarathon und machte auch nur noch sechzig Liegestütze am Tag), aber er war geistig und körperlich deutlich fitter als seine Altersgenossen.

Bis eines Tages....

...Es geschah bei einer Modigliani-Ausstellung. Eine attraktive Brünette mit Pagenschnitt stand vor einem großformatigen Bild und betrachtete konzentriert den liegenden Akt. Die Art, wie sie den Kopf schräg hielt und dabei ihren Hals bog, erregte ihn. Diese Frau passte genau in sein Beute-Schema: Attraktiv, schlank, dunkle Haare, dunkle Augen. Sie trug einen schwarzer Pulli und schwarze Hosen. Er schätzte sie auf Ende 40.

Martin stellte sich neben sie, betrachtete den Akt und fragte beiläufig: „Wussten

Sie, dass Modigliani an spiritistischen Sitzungen teilgenommen hat? Und dass er Haschisch konsumiert hat?“

„Ja, wußte ich. Und er hat sogar Opium geraucht! Und…?“, jetzt sah sie ihn direkt an, „haben Sie mich lange genug betrachtet?“

„Nein, noch lange nicht!“, grinste er. Beide lachten und er lud sie zu einem Espresso ins Museums-Café ein.

Er war hingerissen von dieser Frau. Vera! Ihr Lachen war umwerfend, tief, kehlig und lebendig. Er konnte nicht genug davon kriegen. Ihm war klar: Diese Frau war nicht leicht zu kriegen. Doch das erhöhte nur seinen Kitzel.

Sie redeten und lachten, lachten und redeten. Als sie Hunger bekamen und bestellten einen gemeinsamen Vorspeisen-Teller. Der Duft der Antipasti, der intensive Duft nach Basilikum, Zitronen-Olivenöl und gemahlenem Pfeffer erhöhte noch seine Erregung.

Fasziniert sah er Vera zu, wie sie sich langsam eine marinierte Zucchini in den Mund schob,…. genießerisch die Augen schloss und ein schnurrendes Geräusch von sich gab.

„Vera, trauen Sie sich zu, zu erraten, was ich für Sie auswähle? Mit

geschlossenen Augen?“ Statt einer Antwort, lächelte sie und schloss die Augen. Er wählte eine Aubergine aus. Langsam berührte er ihre Lippen mit dem Fruchtfleisch, sie öffnete leicht ihren Mund und er fütterte sie. Köstlich langsam bewegte sie die Vorspeise in ihrem Mund und leckte sich das Öl von den Lippen. „Aubergine!“, sagte sie dann  und öffnete ihre dunkelbraunen Augen. Beide lächelten sich an.

Sie schloss wieder die Augen. Doch diesmal fütterte er sie nicht. Diesmal betrachtete er nur ihr wartendes Gesicht. Und sie lies es geschehen. Wartete….Wunderschön sah sie aus...

wie ihr Mund leicht geöffnet war... langsam beugte er sich vor und küsste sanft ihre Lippen. Er war nicht überrascht, als sie seinen Kuss erwiderte.

Natürlich kam sie mit zu ihm…

Wenn es so gewesen wäre, wie bisher, wäre es das gewesen. Er hätte ein weiteres `Pflaster` auf seine geschundene Eitelkeit geklebt und wäre wieder auf die Jagd gegangen. Wenn es so gewesen wäre. Aber das war es nicht. Denn schon am nächsten Tag sahen sie sich wieder; und auch am Tag danach. Irritiert bemerkte Martin, dass etwas neu war.

Besonders deutlich wurde ihm dies an einem Samstag im Oktober. Er hatte zwei VIP-Karten für die jährliche Charleston-Party in der Kunsthalle bekommen: Die Bohéme Sauvage. Eigentlich wollte er Vera mit den Karten überraschen; Vera liebte solche Überraschungen. Doch als der Abend kam, wollte er lieber mit ihr auf dem Sofa  zu sitzen, Rotwein zu trinken, sie im Arm zu halten und einen alten Cary-Grant-Film sehen. Überrascht stellte Martin fest, dass er … verliebt war. Das war es also….So war es, verliebt zu sein! Es fühlte sich himmlisch an. Wie hatte er nur solange darauf verzichten können? Er war wie im Rausch.

Martin liebte einfach alles an dieser Frau. Er mochte ihren Geruch, wenn sie abends ins Bett kam. Er mochte es, wie sie ihre Schuhe auszog und dabei den rechten Schuh immer auf der Seite liegen ließ. Er mochte es, dass sie stets nur die untere Hälfte ihres Brötchens aß. Er mochte es, ihr morgens Kaffee ans Bett zu bringen. Er kaufte ihren Lieblingswein und ihre Lieblings-Oliven. Und wenn sie beide einen anstrengenden Arbeitstag gehabt hatten, bestellte er Essen beim Chinesen, setzte sich mit ihr vor den Fernseher und massierte ihre Füße. Er genoss es, diese Frau um sich zu haben und zu verwöhnen.

Sicher, das Joggen fehlte ihm (er war schon lange nicht mehr gelaufen) und auch seine Liegestütze machte er nicht mehr regelmäßig (ein paar Mal hatte sie ihm dabei zugesehen und seine Kraft bewundert; aber das war schon eine Weile her). Unter der Dusche bemerkte er, dass er einen kleinen Bauch bekam. Aber das fand er nicht schlimm. Im Gegenteil: „Ich werde gemütlich!“, sagte er sich. Und ihm wurde klar: Mit dieser Frau wollte er alt werden.

Erstaunt und glücklich gestand er Vera seine Gefühle.

Und sein Experiment? Nun, er würde es

beenden. Er hatte ausreichend bewiesen, dass das Leben eines Mannes um Einiges attraktiver sein kann, als normal üblich.

Heute Abend wollte Martin sie fragen, ob sie bei ihm einzieht. Wie in alten Zeiten würde er alle Register ziehen: Leise Musik, Kerzenschein, duftende Blumen. Und er würde für sie kochen. Ach, wie lange hatte er das nicht mehr gemacht? Das Ganze sollte perfekt inszeniert sein. Er würde er ihr einen Zweitschlüssel zur Wohnung schenken. Oh, wie glücklich würde sie sein.

„Nein!“ rief er. „Ich habe eine viel bessere Idee!“ Er holte den

Zweitschlüssel, band eine rote Schleife daran und ging damit zur Garderobe. Morgen früh würde sie beruflich nach Hamburg fliegen; für die Inlandsreisen zog sie gerne ihre schwarze Jacke an; die mit den vielen praktischen Taschen.

Er malte sich aus, wie sie den Schlüssel finden würde. Und wie sie ihn das erste Mal benutzen würde. Und er …. er würde im Bett auf sie warten. Genüsslich stellte er sich vor, wie er sie verführen würde. Sie hatten schon so lange nicht mehr miteinander geschlafen. Aber das würde sich jetzt ändern. Jetzt, wo er zahm geworden war und sein „Weibchen“ gefunden hatte, schmunzelte er.

Er fuhr mit dem Schlüssel in die Seitentasche ihrer Jacke. Als er den Schlüssel loslassen wollte, fühlte er etwas an seinen Fingern. Was war das? Seltsam, sie leerte doch sonst immer so sorgfältig ihre Jackentaschen aus?

Er zog eine Postkarte heraus.

Es war eine dieser Postkarten, wie es sie zum Mitnehmen in Cafés und Kneipen gab.

Ein Schwarz-Weiß-Foto.

Darauf war ein Paar zu sehen, dass sich auf einem Bahnhof in die Arme fiel und küsste.

In roten Buchstaben stand darüber: Sehnsucht nach Dir.

Er drehte die Karte um:

In einer ihm unbekannten Schrift stand dort:

Vera-Liebling, du hast ein hinreißendes Lachen!

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AngiePfeiffer Ähm ... da hat der gute Martin aber etwas daneben gegriffen, was? Wo er sich doch so angestrengt hatte ... So sind sie ...
Tja, Männer - denn sie wissen (manchmal) nicht, was sie tuen.
Gern gelesen.
Liebe Grüße
Angie
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PuckPuck Danke, liebe Angie.
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derdilettant Experiment gescheitert.
Aber es war sowieso vermessen, die Frauen verstehen zu wollen -grins-
Amüsante Geschichte!

LG

D.
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PuckPuck Ja, Fauen sind echt nicht leicht zu verstehen: Die einen mögen Schmusebären, die anderen nicht. Wer soll da noch durchsteigen? ;o)
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