Kurzgeschichte
Vom Autorendasein

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"Wenn man seine Protagonisten trifft ..."
Veröffentlicht am 20. Februar 2021, 24 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Katharina Durrani
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. 2019 ist mein erster Krimi - Der ...
Wenn man seine Protagonisten trifft ...

Vom Autorendasein

Vom Autorendasein


Die Situation zerrt an ihren Nerven. Dieses verdammte Virus! Sie ist nur noch müde, fühlt sich ausgelaugt und leer. Ihre bessere Hälfte stürzt sich in die Arbeit. Sie ist zuhause bei den mittlerweile erwachsenen Kindern. Die Jüngste ist vierzehn und braucht sie nicht mehr viel. Bleiben nur noch die zwei Hunde. Sie nerven manchmal. Aber bei ihren langen Spaziergängen nicht alleine zu sein, genießt sie. Wieder mal sitzt sie auf dem Sofa, ihre kleine Hündin neben sich. Das Buch, das sie soeben schreibt, fließt nicht aus ihren Fingern, diesmal vergisst sie

ununterbrochen den erdachten Inhalt und muss nachlesen, damit sie die Geschichte fortsetzen kann. Schlussendlich klappt sie ihren Laptop zu. Es ist nicht immer einfach, zu schreiben. Der Staubsaugroboter brummt vor sich hin und stößt immerzu an Sesseln an. Mühsam. Genauso wie das kalte Februarwetter draußen. Nebel. Wer möchte denn sowas? Nieselregen! Wie ihre kleine Schoßhündin liebt sie die Sonne, nicht die graue undurchdringliche Nebelschicht. Das Wetter macht müde. Sie schließt die Augen.

Vogelgezwitscher? Eigenartige Geräusche!

„Die Reisende ist hier!“, ruft eine helle Stimme.

„Endlich“, meint jemand. „Wird auch Zeit, dass sie uns mal besucht, nach alldem, was sie uns angetan hat.“

„He, so kannst du das nicht sagen.“

Die Frau öffnet langsam die Augen und – sie träumt, oder? Wo befindet sie sich? Die Umgebung hat sich verändert. Kein Wohnzimmer, kein brombeerfarbiges Sofa mehr, keine kleine Wuschelhündin neben ihr auf der Bank. Stattdessen ist sie umgeben von einem gläsernen Erker, der ihr eine spektakuläre Sicht in die Natur bietet. Natur? Das ist nicht ihr Garten! Das ist

ein Park mit den seltsamsten Pflanzen, die sie jäh gesehen hat. Sie reibt sich die Augen. Das kann nicht sein. Ein Traum, jawohl, aber ein sehr realer. Sie steht auf, aber bemerkt zu spät, dass unter ihr der Abgrund ist. Sie stürzt und –nein sie sitzt in der Luft– ein gläserner Boden? Ihre Hände sind feucht, ihre Beine zittern. Sie hasst Fallträume.

„Nimm meine Hand“, bemerkt eine junge Frau neben ihr. Wo ist sie hergekommen? Argwöhnisch sieht sie hoch zu dem Mädchen. Sie hat ein ebenmäßiges Gesicht und schulterlange dunkelbraune Haare. Woher kennt sie sie? Das Mädchen wartet nicht auf ihre Antwort. Es nimmt ihre Hand und zieht

sie mit Leichtigkeit hoch.

„Ich bin Sesa“, stellt es sich vor.

Die Frau sieht dem Mädchen in die Augen. Es wirkt irgendwie vertraut, doch sie kann Sasa nicht einordnen. Sie schüttelt den Kopf, versucht aufzuwachen. „Schön, dass du da bist“, bemerkt Sesa und lächelt sie an. Hinter ihr taucht eine andere Gestalt auf. Eine Rothaarige. „Was hast du nur getan“, bemerkt diese verächtlich. „Ich meine, du hättest schon einwenig Rücksicht nehmen können.“

Wovon spricht sie?

„Was hast du mir nur angetan?“, stöhnt die Rothaarige. 

"Wieso?" Die Frau ist verwirrt.

„Ina kennst du doch“, meint Sesa leise.

Ina? Woher denn? Was ist hier los?

„Du hast uns erschaffen, wie alles hier. Erinnerst du dich nicht?“

„Wie bitte?“, stammelt die Reisende und starrt die beiden jungen Frauen an. Wieso sprechen sie so eine seltsame Sprache? Verdammt, was geht hier ab? Ihr wird heiß.

„Sieh dich um. Kommt dir nichts bekannt vor?“, meint Sesa freundlich. Ihr hübsches Gesicht leuchtet, als sie den Arm ausstreckt und zu einem wunderschönen See zeigt. Ina jedoch verschränkt die Arme vor ihrem zierlichen Körper und starrt vor sich hin. „So eine dumme Idee“, knurrt sie.

„Du hättest vorher über die Konsequenzen nachdenken können.“

„Was?“, stammelt die Frau verwirrt.

„Unter Wasser atmen und mich diesen Qualen aussetzen.“

„Oh mein Gott“, meint die Reisende plötzlich. „Du bist Ina.“

„Du weißt es wieder, ach wie schön“, murmelt Ina sarkastisch.

„Wow“, meint die Fremde voller Begeisterung. Sie betrachtet das Schwesternpaar, Sasa und Ina, danach wendet sie sich ab und sieht sich voller Neugierde um. „Wow!“, jubiliert sie. „Das darf nicht wahr sein! Das ist ja ein Wahnsinn!“

„Dein Werk“, meint Sesa anerkennend

und nimmt die Autorin an der Hand. „Komm, ich zeige dir alles.“

„Ändere das Buch“, kreischt Ina hinter ihr. „Lass es nicht zu, dass man das mit mir macht!“

„Ist doch schon passiert. Ich kann und will es nicht rückgängig machen“, meint die Autorin leise. „Ich schreibe es nicht mehr um.“

„Ich bin ein Versuchskaninchen, ich werde gequält und –.“

„Und hast jetzt ein schönes Leben“, meint die Autorin. „Ich habe extra ein Happy End geschrieben. Also beklage dich nicht, oder möchtest du nicht unter Wasser atmen können?“

Ina wendet sich verärgert ab.

Die Autorin zuckt mit den Schultern und folgt Sesa in ihre selbst erschaffene Welt. Der Palast ist prachtvoll, sieht exakt so aus, wie in ihrer Vorstellung. Die Säle, die Pflanzen, die Fensterfronten, die Fassaden, die Innenhöfe! Sie staunt über ihre Vorstellungskraft, die zur Realität geworden ist.

„Fantastisch“, murmelt sie.

„Oh, hoher Besuch“, schmunzelt ein junger Mann, der ihren Weg kreuzt. Er verneigt sich vor der Autorin und zwinkert ihr zu.

Sie sieht ihm nach. Verwundert. Ein sehr attraktiver junger Mann.

„Wer war das denn?“, fragt die Autorin

ihre Begleiterin.

„Fares, Inas Freund.“

"Oh", erwidert die Autorin mit geröteten Wangen. Besser als erwartet! Fassungslos geht sie weiter. Sie begegnen vielen Leuten, die Reisende kennt die meisten von ihnen.

„Dass du uns mal besuchen kommst“, meint plötzlich eine ältere Frau mit einem Lächeln. Ihr Blick ist gütig und ebenfalls vertraut. Wieso? Doch die Autorin weiß es binnen wenigen Augenblicken. "Hallo Maris", bemerkt sie begeistert. 

"Hallo", erwidert diese und nickt ihr zu.

„Und wie gefällt es dir hier?“, fragt der Mann an ihrer Seite.

„Fantastisch, Ronok“, meint die Autorin mit leuchtenden Augen. „Das ist wie ein Traum.“

„Einige Dinge hätte ich anders gemacht“, erwidert der Mann. „Meinen Charakter zum Beispiel. Ich war ein Scheusal.“

„Du hast eine wunderbare Wandlung durchgemacht, mein Schatz“, meint Maris. "Das hast du gut gemacht, Frau Autorin."

„Aber ich hätte dich fast verloren, Maris“, erklärt ihr Ehemann.

„Unsinn“, meint Maris und küsst ihn auf die Wange.

„Ronok und Maris“, erklärt die Autorin zufrieden. „Genau wie in meiner Vorstellung.“

„Und bei mir hast du dich übertroffen“, sagt eine weibliche klare Stimme unvermittelt.

Was für eine wunderschöne Frau! Die Autorin ist außer sich. Was hat sie sich dabei nur gedacht?

„Wer bist du?“, fragt sie verwundert.

„Tunia.“

„Da habe ich wohl übertrieben“, meint die Autorin. Einen Roboter in einer derartigen schönen menschlichen Gestalt zu beschreiben, ist seltsam. Nicht blechern, nicht glänzend, nicht nach einer Maschine aussehend. Aber die Autorin weiß, dass sich diese, von ihr erdachten Roboter, verändern, zu

tödlichen Kampfmaschinen transformieren können. Sesa nimmt die Reisende an der Hand und führt sie weiter durch den Palast, bis zu einem riesigen Tor. "Deine Zeit mit uns ist knapp", meint die junge Frau. "Du möchtest sicher noch deinen See sehen und einige Tiere und Pflanzen?"

"Oh, ja, gerne." Gemeinsam wandert die Protagonistin mit ihrer Autorin einen schmalen Weg entlang zum Ufer des smaragdgrünen Loki–Sees. Ein wahres Naturjuwel. Diese Farben! Die Autorin bleibt vor jeder Pflanze stehen und bei jeder Bewegung eines vermeintlichen Tieres.

"Sieh mal in den Himmel", meint Sasa

plötzlich. "Einer der Monde ist aufgegangen."

"Oh mein Gott, das ist so schön", seufzt die Autorin. Ihr Blick fällt auf untergehenden Zwillingssonne, die den Himmel und die Landschaft in wunderbares Licht färben. Was hat sie sich dabei nur gedacht? Sie atmet tief die angenehme würzige Luft ein, sieht sich noch mal um und geht weiter. Leichter Wind umstreicht ihre Wangen. Es ist warm und am Liebsten hätte sie sich irgendwo hingesetzt und einfach nur geschaut und gestaunt. Aber:

„Was ist mit mir?“, fragt eine sehr hübsche blonde Frau plötzlich hinter ihr.

Die Autorin wendet sich um. „Und du bist?“, möchte sie fragen. Aber die Worte bleiben ihr im Hals stecken. Rida. Die Erzfeindin ihrer Protagonistin Ina. Oh verdammt! Ihr wollte sie nun wirklich nicht begegnen.

"Rida", stammelt die Autorin tonlos. "Schön dich kennenzulernen."

„So, findest du? Weißt du was, du dummes Weib?" Rida kommt einen Schritt näher und richtet sich auf. "Man sollte dich töten, für das, was du mit mir gemacht hast.", erklärt sie eiskalt.

Die Autorin glaubt, sich verhört zu haben.

"Lass das, Rida. Sie hat es gut gemacht",

zischt Sesa.

„Nein, hat sie nicht!", brüllt Rida wütend. "Ich bin immer die Verliererin, während du und deine Schwester Ina die Heldinnen seid! Das ist untragbar, du verblödete Autorin! Strenge dich mehr an! Ich möchte der Star der Geschichte sein, ich, die Superheldin, ich, die Siegerin. Nicht Ina! Hast du`s kapiert?“

Rida tritt noch einen Schritt näher an die Autorin heran, ihre Augen sind hasserfüllt, genauso wie es sein soll, denkt sich die Autorin. Aber mit dem, was kommt, konnte selbst sie nicht, die Schöpferin, rechnen.

„Lass unseren Besuch in Ruhe!“, schreit Sesa wütend, als die blonde

schöne Frau die Autorin am Handgelenk packt. „Ich breche dir die Hand, wenn du nicht versprichst, dein "Experiri" umzuschreiben. Und zwar sofort! Mach aus mir die Hauptprotagonistin deines Buches!“

„Lass mich los!“, kreischt die Autorin. Wieso hat Rida so viel Kraft?

„Versprich es!“Mit einer raschen Bewegung drückt Rida der Autorin die Kehle zu.

„Hilfe!“, haucht die Reisende verzweifelt. Sesas hat sich abgewandt. Was macht sie? Wieso hilft sie ihr nicht? Verdammt, sie bekommt keine Luft mehr. Nein!!! Ihr Ende in ihrem eigenen Buch? Realität oder Traum?

Doch plötzlich taucht eine rothaarige Frau aus den Fluten des Sees auf und rennt auf sie zu.

„Weg, Rida!“, schreit Ina. „Du bleibst an deinem Platz im Buch! Es ist meine Geschichte. Es geht um mich und so wird es auch bleiben!"

Ina reißt die Blonde an den langen wallenden Haaren, sodass diese vor Schmerz aufschreit und die Autorin ruckartig loslässt. Die Reisende stürzt zu Boden, bleibt im pinken Gras liegen. Sie ringt nach Luft. Ihr Blick verschwimmt, als seltsame fliegende Gefährte über den See schweben. Tumult, Chaos bricht um sie aus.


In der Ferne bellen Hunde.

Eine feuchte Hundezunge schleckt über ihre Hand. Leichte Hundepfötchen krabbeln auf ihren Oberkörper. Die Autorin öffnet die Augen. Sie sitzt auf dem brombeerfarbigen Sofa, starrt in treue Hundeaugen. Sie ist verschwitzt und atmet schwer. Was war das gewesen? Ein Traum, bloß ein Traum! Langsam beruhigt sie sich, streichelt ihre Hündin. Ihr Handgelenk ist gerötet. Rida. Die Autorin runzelt die Stirn. Der Trau, war doch bloß ein Hirngespinst, oder? Sie fröstelt. Sucht nach logischen Erklärungen und findet keine. Abermals lässt sie ihre Gedanken schweifen und kommt zu einem Schluß:

Zum Glück kennen ihre Protagonisten noch nicht die Fortsetzung ihres Buches, dann wäre der Traum nicht so glimpflich verlaufen. Keiner ihrer Charaktere hätte ihr geholfen. Im Gegenteil: Es hätte Meuterei gegeben ...


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Hörbuch

Über den Autor

Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich.
2019 ist mein erster Krimi - Der Corvinusbecher - im Medimont Verlag erschienen und mein Jugendfantasyroman "Experiri". Seit Herbst 2020 gibt es meinen zweiten Regionalkrimi - kalt blütig - rund um meine Protagonistin Simone Jaan im Buchhandel.

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KaraList Ich kenne das auch, liebe Kathi, wenn die Protagonisten ein Eigenleben entwickeln und die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt, als ursprünglich gedacht. Diese Situation beschreibst Du gut.
LG
Kara
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Gast 
"Vom Autorendasein ..."
Ich kenne das, wenn seine Protagonisten aktiv in den Handlungsverlauf
der Geschichte eingreifen und sich die Geschichte dadurch möglicherweise sogar etwas anders entwickelt, als geplant ... ...smile*
Aber ich denke, 'Sesa' sollte bestimmt oben auf der 5. Seite auch 'Sesa' bleiben, was mich anfangs ein klein wenig irritiert hatte ... ...smile*
Trotzdem gut gemacht, Autorin ... :-)
LG
Louis :-)

Diese Woche - Antworten
Kathi71 Hallo Louis!
Schön, von dir zu lesen! Ach, du meinst sicher das "ihm", das bezieht sich auf das Mädchen, aber ich habe es geändert, um keine Verwirrung zu stiften. Danke.
Bist du nur noch Gast hier? Machst du Pause von mystorys?
Liebe Grüße
Kathi
Diese Woche - Antworten
FLEURdelaCOEUR 
Gerne schenke ich dir Favo und Coins für das zauberhafte Titelbild und die Idee.
Lieben Sonntagsgruß
fleur
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