Kurzgeschichte
Zweck heiligt Mittel ? - SP 87

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"Zweck heiligt Mittel ? - SP 87"
Veröffentlicht am 23. November 2020, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

100 Jahre möchte ich werden, mit einem Lächeln im Gesicht, klar bei Verstand, eigensinnig, nie den Mut verlieren. Lebe meine Träume, pflege meine Laster, denke positiv. Ich bin wie ich bin und manchmal anders.
Zweck heiligt Mittel ? - SP 87

Zweck heiligt Mittel ? - SP 87



SCHREIBPARTY 87

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Thema: FELLNASEN & CO Vorgabeworte: Licht, Herz, Reichweite, trösten, schnüffeln, Gespür, Geschirr, Pfötchen, Kuscheln




Rudi, das Rentier, hebt schnüffelnd seine Nase. Sein Gespür sagt ihm, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Er fragt seinen Freund, den gestiefelten Kater, besorgt: „Fällt Weihnachten in diesem Jahr etwa aus? “Der Kater hebt resigniert die Schultern und antwortet. „Ich weiß es nicht. Viele Menschen auf der Welt sind krank, dürfen sich nicht besuchen, bekommen keine Luft und sterben. Den Weihnachtsmann habe ich schon ewig hier nicht mehr gesehen. Der treibt sich neuerdings auf jeder Talkshow rum, um die diesjährige Weihnachtsbotschaft zu verkünden. Frau Holle geht es so schlecht, dass sie ihre 7 Zwerge nicht mehr betreuen kann. Sie liegt hustend und mit hohem Fieber im Bett und ihr Mann, Väterchen Frost, muss

im Krankenhaus beatmet werden. Wir sollten hier schleunigst verschwinden.“

„Ich würde ihnen ja so gern helfen“, sagt mitleidig das Rentier.

„Sei still“, ruft der Kater erschrocken. Viele kluge Menschen und Pharmaunternehmen sind im Moment dabei einen Impfstoff gegen diese Krankheit zu entwickeln. Weihnachten darf nicht ausfallen, Silvesterraketen sollen in den Himmel fliegen, man will sich treffen und bald in den Urlaub fahren. Wir müssen weg, bevor sie uns hier finden.“

Der gestiefelte Kater lädt Proviant auf den Schlitten, sattelt Rudi und zurrt sein Geschirr fest.

„Wird schon alles gut ausgehen“, versucht Rudi den Kater zu trösten.

Der springt auf seinen Rücken, legt ihm die Pfötchen um den Hals, schaut sich vorsichtig um und flüstert ihm verzweifelt ins Ohr: „Weißt du denn nicht, dass wegen des Impfstoffes viele von uns getötet werden oder große Schmerzen erleiden müssen. An Affen, Mäusen, Kaninchen, Hunden, Ratten und vielleicht sogar an Rentieren wird ausprobiert, was man sich öffentlich am Menschen nicht traut. Man sticht, schneidet, sperrt ein, beobachtet und zieht uns, wenn nötig, rücksichtslos das Fell über die Ohren. Es ist ihnen egal was wir fühlen und ob wir die Schmerzen aushalten können. Wichtig ist nur, man findet möglichst schnell einen Ausweg

aus dem Dilemma. Jeder von ihnen möchte der Erste sein, berühmt werden und viel Geld verdienen. Ich habe große Angst um uns alle hier. Misstrauisch gehe ich jedem aus dem Weg. Sie glauben die Krankheit wird durch uns übertragen. Vergessen oder verdrängen ihre eigene Schuld an der Zerstörung der Umwelt durch falsche Tierhaltung, Müll, Kloaken, Abholzung, Armut und Krieg.

Wildschwein, Nerz, Fledermaus, Vogel, Wolf, Fuchs, Katzen, selbst Hasen und Igel müssen dafür büßen. Der goldenen Gans hat man zur Finanzierung des Ganzen schon alle Federn ausgerissen.“


Rudi ist fassungslos. Kann nicht glauben was sein Freund, der Kater, ihm erzählt. Er läuft so

schnell er kann bis tief in den Wald hinein. Erst hinter den sieben Bergen machen sie Rast in einer Höhle, weitab menschlicher Reichweite.

Der Kater kuschelt sich müde an Rudis Schulter, macht die Augen zu und schläft sofort ein. Rudi betrachtet ihn lächelnd und denkt: „Schluss jetzt mit den Verschwörungstheorien mein kleiner ängstlicher Freund. Es wird Zeit, dass du wieder vernünftig wirst.“

Er greift zum Smartphon und ruft den Weihnachtsmann an. Er erzählt ihm von den Ängsten des Katers und dessen unsinnige Geschicht.

„Bleibt wo ihr seid, ich schicke die Heinzelmännchen zur Abholung vorbei“, sagt

barsch der Weihnachtsmann und legt auf. Rudi liegt stundenlang wach. Sein Freund schnarcht friedlich an seiner Schulter. Als er am Eingang der Höhle das Licht der Suchscheinwerfer sieht, richtet er sich auf und winkt, sieht noch die zuckenden Füße des Freundes im Fangnetz, hört den Schuss, doch die Schmerzen im Körper und Herz bleiben ihm erspart.

            © Martina Wiemers

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Hörbuch

Über den Autor

Kornblume
100 Jahre möchte ich werden,
mit einem Lächeln im Gesicht,
klar bei Verstand,
eigensinnig,
nie den Mut verlieren.


Lebe meine Träume,
pflege meine Laster,
denke positiv.


Ich bin wie ich bin
und manchmal anders.

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Darkjuls Hallo Martina, Deine Geschichte habe ich ebenfalls mit Interesse gelesen. Die Idee und Umsetzung finde ich sehr gelungen. Du rüttelst auf und sprichst Ängste unserer Zeit an. Wer das Eine will, muss auch das andere dulden?
Ein wichtiger Beitrag, um zum Nachdenken anzuregen. Lieben Gruß Marina
Vor einem Monat - Antworten
Andyhank Das ist die Kehrseite der Medaille. Das ist wie beim Schnitzel. Wir verschließen die Augen vor dem was war und denken nicht an die Vorgeschichte, sondern an den Genuss.
Vor einem Monat - Antworten
matzetino Mutig und richtig. Schnell wird die Kehrseite einer Medaille vergessen.

Lieben Gruß
Mari
Vor ein paar Monaten - Antworten
Loraine Eine richtig gute Geschichte.
DANKE
LG Loraine
Vor ein paar Monaten - Antworten
Rehkitz Zieh meinen Hut. Dein Beitrag, richtig gut. Sehr gut.
Liebe Grüsse Theresia
Vor ein paar Monaten - Antworten
Enya2853 Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.
Das Fragezeichen in deiner Überschrift ist berechtigt.
Es ist sehr zweifelhaft, ob Tierversuche dazu beitragen können die von der Pharmaindustrie erzeugten Produkte für den Menschen sicherer zu machen. Vieles spricht dagegen.
Eine Schande auch, dass Forschung mit Tierversuchen stärker bezuschusst wird als die Forschung ohne.
Von der Ethik gar nicht zu reden ...

Ein schwieriges Thema, das du anschneidest und gut verpackt in deiner Geschichte servierst.
Es ist traurig.

Lieben Gruß
enya
Vor ein paar Monaten - Antworten
baesta Eine traurig machende Geschichte, weil sie die Unzulänglichkeiten der Menschen aufzeigt.
LG Bärbel
Vor ein paar Monaten - Antworten
schnief Vielen Dank für deinen Beitrag, eine interessante Umsetzung zum Thema.
LG Manuela
Vor ein paar Monaten - Antworten
Brigitte Wow, ich bin beeindruckt liebe Martina, so ganz anders als ich vermutet habe. aber eine Geschichte, die wirklich zum Denken anregt. Der Schluss hat mich erschreckt.
Doch es ist ja wirklich so, der Schwächere, also das Tier muss leiden.
Hoffentlich habe ich keine Albträume heute nacht. Eine tolle Leistung von dir . Ganz liebe Grüße Brigitte
Vor ein paar Monaten - Antworten
Memory 
Ich finde deine Geschichte mutig, liebe Kornblume, auch wenn sie weit entfernt ist von kuscheligen Fellnasen (oder doch ganz nah).
Und dass mit dem Weihnachtsmann etwas nicht stimmt, habe ich schon lange vermutet :))
Lieben Gruß
Sabine
Vor ein paar Monaten - Antworten
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