Romane & Erzählungen
Das Herz der Weihnacht - 1. Bild

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"Das Herz der Weihnacht - 1. Bild"
Veröffentlicht am 21. November 2020, 20 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Ich erinnere mich noch gerne meiner allerersten Zeilen - ein Schulgedicht: Der Winter ist ein Bösewicht, die Bäume tragen Schneegewicht, die Stämme sind kahl und so schwarz wie ein Pfahl, die Felder sind weiß und auf dem See liegt Eis. In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.
Das Herz der Weihnacht - 1. Bild

Das Herz der Weihnacht - 1. Bild

1. Bild Ich hatte etwas anderes erwartet, seufzte Michael und öffnete die Tür ganz. Stickige Luft nahm ihm den Atem. Seine Augen verfinsterten sich, auf seine Stirn traten Schweißperlen, andere rannen seinen Rücken hinab. Er ballte die Fäuste. Überall im Zimmer lagen Flaschen und Berge von Unrat auf dem Boden. Der Weihnachtsmann hielt im Lehnsessel eine Weinflasche kopfüber, die gerade unweit einer Keksschale auf dem Tischchen neben sich landete. Letzte Tropfen signierten den Pyjama. Er rappelte sich plötzlich auf, stolperte fast über den Hocker vor sich und kippte

schwankend in den Sessel zurück. Was ist, bringst du mir noch eine, hicks, Flasche, ächzte er grußlos mit Blick auf die erloschene Glut im offenen Kamin. Das hat echt noch gefehlt! Ein Schlag ins Kontor und das an Heiligabend! Was ist mit dir los, was soll nun werden? Michaels Stimme brach. Nichts – hicks! Ein glasiger Blick traf Michael, der sich kraftlos an den Türrahmen lehnte; seinen Füßen fehlte die Kraft. Eisige Schauer rannen ihm über den Rücken. Alle Jahre wie-hie-der, kommt das Christuskind, soll bringen tausend Ga-ha-ben! Ich habe Feierabend, bekräftigte der Weihnachtsmann: All das Gebimmel

und Gebammel, die Hetzerei und das scheinheilige Getue gehen mir auf die Nerven, hicks. Hicks! Ich will nichts mehr davon hören. Ich, ich will meine Ruhe. Hicks! Ich will, ich will – und dich schert nichts als dein Nachschub! Michaels Blick ging angestrengt durch das Allerheiligste seines Chefs. An seiner Größe und Repräsentanz hatte es mehr verloren, als er sich hatte vorstellen können. Aus dem riesigen Kleiderschrank quoll die Wäsche wie ein schmutziger Rauschebart, aus dem Himmel bewehrten Bett drohten Gewitterwolken gleich daunenweichen Kissen und Decken. Auch das Pult, an

dem der Weihnachtsmann seine private Post erledigte, konnte nicht über die geleerten Flaschen hinwegtäuschen. Abgestandene Neigen trieben ihm Übelkeit hoch. Er schluckte trocken. Was für ein Tag! Das ist für mich eh kein Fest! Ihr lasst euch am warmen Kamin in meinen Sessel fallen, knabbert Kekse und kippt einen extragroßen Schuss in meinen Punsch, hicks! Und ich – ich hetze von Schornstein zu Schornstein, damit sie rechtzeitig ihr Zeug haben. Und wenn es zu spät kommt oder das falsche Geschenk ist, bin immer ich schuld. Bei dem Wetter jagt man auch keinen Hund vor die Tür – hicks. Mit mir nicht mehr!

Schluss, Ende, aus, Feierabend! Geh doch zum Teufel! Vehement mit dem Finger auf einen vagen Punkt in der Luft weisend kam der Weihnachtsmann erfolgreich zum Stehen, mit der anderen Hand stützte er sich auf den heiligen Mantel, der fleckige Falten warf. Er straffte die Schultern, schüttelte den Kopf, wie um Spinnweben abzuwehren, dann wankte er auf Socken zum Bett und fiel vornüber in die Kissen. Der würde bestimmt auch nicht mehr gebraucht, seufzte Michael still in sich hinein, trat mit schweren Schritten an den Sessel, nahm den Mantel und ging an den zahllosen Flaschen und sonstigem Müll vorbei zum Schrank, hängte ihn an

seinen Platz, richtete den Kragen und schloss teilnahmslos auf den schnarchenden Weihnachtsmann blickend die Knöpfe. Dann zog er die Tür hinter sich zu und floh mit wehender Kutte den Flur entlang in sein Arbeitszimmer. Er sank in seinen Stuhl, griff seufzend einen Stift auf dem Schreibtisch und drehte ihn nervös in der Rechten: Hauptsache, der Bauch war voll und auch die Taschen – damit erwärmte man vielleicht noch das Herz. Der Teufel steckt im Detail und hinter all dem Desaster. Wie schön war doch die Weihnachtszeit gewesen, wie groß alle Vorfreude auf die Heilige Nacht – die Nacht, die mehr

schenkte, als man zu hoffen wagte, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Doch kein fröhliches Singen lockte an die Krippe, und von Frieden und Glückseligkeit allüberall konnte auch keine Rede sein. Sein Blick ging durch das nachtschwarze Fenster. Mit freudigem Herzklopfen hatte er sich einst um die Stelle als Sekretär des Weihnachtshauses beworben. Der Weihnachtsmann hatte ihn in dunklen Hosen und einer hellen Joppe, jedoch ohne Bart über dem Bauch, erwartet. Mit einem freundlichen Klaps auf die Schultern wies er ihm einen Platz gegenüber des riesigen Schreibtischs zu und musterte ihn erst skeptisch, doch

dann guter Dinge. Das Geschäftszimmer wäre eine Aufgabe, für die es selten Anerkennung gäbe, aber das Fest wäre magisch, wenn man sich darauf einließe. Er würde bestimmt sein bester Sekretär, auch wenn seine Biografie anderes glaubenmachen wollte; er brächte ihm schon bei, was er wissen müsste. Als Erstes sollte er das Jahrbuch lesen, das wäre seine Fibel. Und er sollte fragen, wenn er etwas nicht verstünde, da ihm das in der Vergangenheit schwergefallen war. Abschließend reichte er ihm ein unscheinbares Päckchen: Das wäre das Herz der Weihnacht, er sollte nur gut darauf aufpassen. Dann klopfte er ihm gönnerhaft auf die Schulter und

schob ihn zur Tür hinaus über verwinkelte Treppen und Flure zu seiner neuen Aufgabe. Ob er die an ihn gestellten Anforderungen erfüllen und auch an Buchhaltung Spaß finden konnte? Einen Moment lang war ihm in den Sinn gekommen, doch zu gehen. Doch er war geblieben. Unzählige Wichtel fertigten in den Werkstätten neben Kinderspielzeug aller Art und haufenweise Flitterkram auch Präsente für die Großen. In nicht wenigen Räumen stapelten sich Bücher, Kisten mit Briefumschlägen oder edle Spirituosen und duftende Flakons. Als sie an der Küche gegenüber der Backstube hielten, lief Michael das

Wasser im Mund zusammen. Riesige Kochlöffel rührten in noch größeren Töpfen und es roch verlockend. Wer gut arbeitete, sollte auch gut essen, meinte der Weihnachtsmann und lud ihn zu sich ein. So saßen sie bis in den späten Abend hinein im Speisezimmer der Residenz an einer langen, mit Porzellan und Kristallgläsern gedeckten Tafel. Ein Wicht trug in Schüsseln und auf Platten auf, was die Küche hergab. Nur Michael bekam vor Aufregung kaum einen Bissen hinunter. Manches, was der Weihnachtsmann prophezeit oder Michael sich erträumt hatte, war in Erfüllung gegangen. Sogar die lange aus Bequemlichkeit tolerierten

Bilanzfehler waren nach und nach verschwunden. Wann sich etwas geändert hatte, konnte er nicht mehr sagen; es hatte sich eingeschlichen wie ein Dieb. Mal war das schiefgegangen, mal jenes, doch immer war alles wieder in Ordnung gekommen. Nur diesmal war der Wurm drin … Die Holzfäller hatten im Sommer ihre Äxte niedergelegt und waren einfach gegangen. Die Bäcker hatten daraufhin gefragt, womit sie den Ofen anfachen sollten, bis Weihnachten wäre es nicht mehr lange hin. Da fingen auch die Werkwichtel einen Streik an und verschwanden in die Nacht. So lag im Herbst kein Holz im Schuppen und nur ein Teil Geschenke stapelte sich im

Lager. Davon war jedoch die Hälfte in einer einzigen Nacht spurlos verschwunden. Und nicht zuletzt stritten die jungfräulichen Kerzen um den besten Platz auf dem Adventskranz; sie brannten einfach nicht. Das melodische Klappern aus den Werkstätten war wie die fröhlichen Lieder längst entnervtem Stöhnen gewichen. Er griff den letzten Packen ungeöffneter Briefe, auf denen neben den kindlichen Wünschen Weihnachtsmänner, Rentiere und Tannenbäume prangten; Hände in warmen Handschuhen hielten glitzernde Schneeflocken auf, Glöckchen läuteten hell und Vertrautes suchte die Seele zu verzücken.Doch nichts! Er riss die

letzten Wunschzettel in Fetzen und beförderte sie mit einem kräftigen Wisch über die Tischkante in den Papierkorb. Schrilles Klingeln riss ihn aus den Gedanken. Wer wollte denn jetzt noch was von ihm? Seufz! Er sah zum Telefon, seine Miene verzog sich – Hiob konnte er jetzt nicht auch noch brauchen! Ach, Michael, ich weiß, du hast grad viel um die Ohren, aber die Rentiere können nicht, kam es leidend aus dem Lautsprecher; es rauschte heiser und die Stimme war kaum mehr zu vernehmen, dann brach die Leitung zusammen. Stille. Michael tippte hektisch auf eine Taste. Bist du noch dran? Nichts – in ihm breitete sich ein lähmender Schmerz aus.

Er legte auf und verließ ohne weiteres das Büro. Seine Schritte hallten durch die halbdunklen Flure. Einzig das Relais der staubigen Deckenbeleuchtung schlug im Takt. Am Zimmer des Weihnachtsmannes lauschte er an der Tür – nichts. Müde sah er den Aufgang zu seiner Dachkammer hoch. Wie oft hatten ihn die Füße diese Stiege hinabgetragen, und wie oft am Abend wieder hinauf? In letzter Zeit war es ihnen schwergefallen. Wenn er nur das Rad der Zeit zurückdrehen könnte! Ächzend bezwang er die letzten Stufen und sank wenig später auf den Stuhl am Schreibtisch in seinem Zimmer. Sein Blick streifte das Mobiliar – ein

einfaches Bett hinten im Eck, davor ein für seine wenigen Habseligkeiten viel zu großer Schrank, sein Pult unterm Fenster, ein offenes Regal mit Büchern, zu denen ihm immer nur die Zeit gefehlt hatte, eine schlichte Waschgelegenheit mit Spiegel, die Tür. Übelkeit vermischte sich mit schwirrenden Gedanken; er schüttelte den Kopf und übergab sich vollends – die Kutte sog alles auf wie ein Schwamm. Mit zitternden Händen versuchte er das Malheur zu beseitigen. Was scherte es ihn? Nichts weiter. Nicht einmal das kannst du! Mechanisch nahm er das Jahrbuch aus dem Regal. Seite für Seite umblätterte er und fuhr mit dem Finger

über die goldgeprägten Buchstaben. Er hielt einen Moment inne: Neun Rentiere ziehen den Schlitten, die Namen sind: Dancer, Dasher, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitz und der Star unter den Rentieren Rudolph mit der roten Nase … Und er war des Weihnachtsmanns bester Sekretär? Haha, nichts war er; er war nur schuld an dem Desaster! Er legte das Buch auf den Tisch zurück und erhob sich schwerfällig. Seine Kutte drückte ihn unendlich schwer. Verkrampft atmend legte er das Gewand ab. Fast meinte er mit der Kleidung auch seinen Kummer abzulegen – die Last auf seinen Schultern wich. Und jetzt? Man müsste

mit der Zeit gehen, sonst ginge man mit der Zeit, hatte der Weihnachtsmanns ihn unlängst noch erinnert. Vielleicht war es jetzt Zeit. Er hatte schon viel früher das Weite suchen wollen, nur nicht genug Mut gehabt. Da erblickte er sein Gesicht im Spiegel über dem Waschtisch. Alt bist du geworden, aber nicht weise. Du musst gehen, solange du kannst, bestärkte ihn seine innere Stimme. Er hatte stets an seinen Chefs geglaubt, auch an dessen liebe Worte – dass er sein bester Sekretär war. Aber er konnte nichts, er war nichts und er würde niemals etwas werden, schon gar nicht ›sein bester Sekretär‹ … Da griff er seine altmodische knielange Hose aus dichtem Stoff aus dem Schrank

und zog einen Pullover über. Dann nahm er den zerknautschten Hut von der Ablage und griff seine Jacke. Entschieden zog er die Tür hinter sich zu, ein trostloses Echo verlor sich. Er atmete tief ein, dann nahm er zwei Stufen auf einmal und die schwere Haustür schloss sich hinter ihm. Mit festen Schritten folgte er einem Band von Pflastersteinen an einem Bach vorbei, bis er an einem schwankenden Steg vom Weg abbog. Die Brücke ächzte. Geschafft. Er warf einen kurzen Blick zurück. Verwaist stand das Weihnachtshaus da. Stille Nacht.

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KatharinaK
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Der Winter ist ein Bösewicht,
die Bäume tragen Schneegewicht,
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und auf dem See liegt Eis.
In den seither vergangenen Jahrzehnten hat sich mein Schreibstil sicher geändert - ist erwachsen geworden -, aber die Freude am Schreiben ist ungetrübt.

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