Kurzgeschichte
Gruß aus dem Jenseits

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"Gruß aus dem Jenseits"
Veröffentlicht am 11. November 2020, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Katharina Durrani
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. 2019 ist mein erster Krimi - Der ...
Gruß aus dem Jenseits

Gruß aus dem Jenseits

Es war etwas mit ihm im Raum, Paul konnte es spüren. Er richtete sich auf. Die Garage sah aus wie immer. Sein blaues Motorrad stand blitzeblank geputzt inmitten von Kramuri, das sich in den Jahren angesammelt hatte. Trotzdem wirkte die Garage anders. Feindlich. Paul unterdrückte den Fluchtinstinkt, schluckte, nahm das Putztuch erneut zur Hand und polierte die Rückspiegel der Maschine.

„Wuff!“, sagte ein Hund unvermittelt und erschreckte ihn fast zu Tode. Schweißperlen erschienen auf der Stirn des Mittvierzigers. Wäre doch seine Frau noch am Leben. Diese Einsamkeit machte ihn fertig. Vor mittlerweile zwei Jahren hatte sie sich das Leben genommen.

Wieso? Eine schwere Depression. Sie wollte immer Kinder, aber es war ihnen nicht vergönnt. Und dann kam diese schlimme Krankheit. Maria ist von einem Psychiater zum anderen gegangen, aber keiner konnte ihr wirklich helfen. Oh, wie gerne hätte sie ein Kind adoptiert, ein Baby bei sich aufgenommen, aber es war alles schief gelaufen.

Paul schielte zu der Wodkaflasche auf dem Regal neben ihm. Der einzige Trost für viele Monate. Ja, er war jetzt Antialkoholiker. Aber ...

„Liebling“, säuselte eine Stimme in sein Bewusstsein.

„Maria?“, erwiderte Paul irritiert. Nein, nein, schon wieder hörte er Stimmen. War

er schizophren? Er wandte sich um, schaute in alle Richtungen, ließ seinen Blick schweifen. Nichts. Was für ein Unsinn! Seine geliebte Maria war tot, begraben, nicht mehr da.  

„Paul, mein Liebster“, flüsterte es in seinem Kopf.

„Du bist tot“, erwiderte er in Gedanken und hielt sich die Ohren zu. Eine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange. Er ließ das Putztuch fallen und verließ fluchtartig die Garage. Er hetzte in seine Zweizimmerwohnung. Er wohnte erst seit kurzem hier, eigentlich seit seine Frau Suizid begangen hatte, einfach so. Maria hatte ihn verlassen. Eigentlich wie egoistisch es von ihr war! Er sollte sie

dafür hassen ... Hätten sie nicht ein schönes Leben gemeinsam haben können? Ihren Lebensabend miteinander verbringen? Und jetzt?

Paul setzte sich auf das Sofa und schaute aus dem Fenster. Inzwischen war es dunkel geworden. Das Fensterglas spiegelte sein Antlitz wider.

„Paul“, wisperte es.

Er schüttelte sich. Eine Kältewelle packte ihn urplötzlich.

„Liebling“, wiederholte die vertraute Stimme.

Paul war unheimlich zumute. Er konnte das Zittern nicht unterdrücken. Marias Worte klangen sanft, aber zugleich gruselig. Sie kamen von außen, nicht aus

seinen Gedanken, da war er sich sicher.

„Sieh mich an“, raunte Maria.

Paul sah auf. Sein Blick fiel auf das Spiegelbild am Fensterglas. Er konnte das Sofa sehen, sich und . Paul gefror das Blut in den Adern. Neben ihm auf dem Sofa saß seine Frau, seine geliebte Maria. Die Spiegelung im Glas war eindeutig. Aber aus dem Augenwinkel konnte er klar erkennen, dass er alleine auf der Bank war. Alleine! Aber das Spiegelbild seiner Frau winkte ihm zu.

„Mein Schatz“, flüsterte Maria. „Ich habe dich immer geliebt“, setzte sie fort und ließ die Hand auf ihren Schoß gleiten. Sie sah ihn jetzt direkt aus dem Fensterglas an. Ihre Blicke trafen sich und Paul erschauderte.

„Ich wusste keinen Ausweg. Es tut mir unendlich leid. Immerzu habe ich versucht, mit dir Kontakt aufzunehmen, aber es blieb mir verwehrt.“

Paul schwieg und starrte auf das Spiegelbild seiner Frau.

„Ich wurde dir zur Last, ich konnte es spüren. Ich war so verzweifelt und ich hätte dich niemals im Stich lassen dürfen. Bitte verzeihe mir!"“

Der Mann versuchte, etwas zu erwidern, aber er brachte kein Wort zustande.

„Lass mich los, Paul. Lebe dein Leben und werde glücklich. Bitte. Ich liebe dich.“

Nach diesen Worten verschwand Marias Spiegelbild. Paul starrte noch minutenlang

auf die dunkle Scheibe.

Am frühen Morgen erwachte Paul schweißgebadet auf dem Sofa. Sein Blick wanderte sofort zum Fenster. Es war helllichter Tag, die Sonne schien vom blauen Himmel. Paul sah sich um. Eine leere Wodkaflasche stand vor ihm auf dem Couchtisch. Daneben einige Dosen Bier. Paul hielt sich den Kopf. Er dröhnte. Was für ein irrsinniger Traum. Maria ... Paul versuchte aufzustehen, mein Gott, war ihm schwindelig! Er hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Wenige Schritte, dann stürzte er zu Boden.

„Verdammt!“, fluchte er. Sein Blick fiel auf ein Porträtfoto seiner verstorbenen Frau, das vor ihm im Regal stand. Sekundenlang

starrte er es an. Irgendetwas schien anders. Nach einer Minute wusste er es. Maria hatte ihren Blick abgewandt. Sah nicht mehr direkt in die Kamera, sondern zu Boden. Seltsam. Er musste sich irren. Paul lief wieder ein Schauder über den Rücken, als er erkannte wohin Maria sah. Ein Ring, ein goldener Ring lag vor ihm auf dem Parkettboden, am Fuße des Buchregals. Oh, wie lange hatte er ihn gesucht! Den Ehering seiner Frau. Vorsichtig krabbelte er vorwärts. Ihm war noch immer schwindelig. An Aufstehen war nicht zu denken. Vorsichtig griff er nach dem Ring. Als er ihn in seiner Hand hielt, spürte er einen tiefen Impuls, begleitet von Kraft und Freude. Tatsächlich, tiefer echter

Freude, die er seitdem seine Frau von ihm gegangen war, nicht mehr verspürt hatte. Mit einem Mal richtete sich Paul auf, schritt ins Schlafzimmer und öffnete die Lade seines Nachtkästchens. Er nahm die kleine Schmuckschatulle zur Hand und legte den Ehering hinein. Danach zog er seinen Ring vom Ringfinger ab und gab ihn vorsichtig dazu. Rasch stellte er die Schatulle an ihren Platz zurück, ging ins Wohnzimmer und schaute zu dem Porträt seiner Frau. Fröhlich blickte sie ihm entgegen, direkt in die Kamera. Das Foto sah wieder aus wie immer. Paul nickte ihr zu. Vielleicht irrte er sich, aber für einen Moment glaubte er, dass Maria ihm zuzwinkerte. Er schüttelte den Kopf. Ein Lächeln huschte über sein

sonst so ernstes Gesicht. Er konnte sich nicht erklären, was mit ihm letzte Nacht geschehen war. Waren es die versöhnlichen Worte seiner Frau? Dass ihr alles leidtat? Keine Ahnung. Paul öffnete das Fenster und ließ die kühle Morgenluft ins Wohnzimmer. Er atmete einige Male durch, danach räumte er die Flaschen weg und schwor sich, nie mehr Alkohol anzurühren. Abermals fiel sein Blick auf das Foto seiner Frau. „Ich liebe dich“, dachte er beim Vorübergehen. „Aber du hast recht, ich lebe und ich fange jetzt neu an.“

Eine halbe Stunde später verließ Paul die Wohnung. Der Rausch war wie von Zauberhand verflogen, alles was von ihm

geblieben war, war leichtes Kopfweh. Raschen Schrittes ging er zu seiner Garage, nahm die dunkelblaue blankpolierte Maschine und fuhr los. Zunächst würde er sich ein Frühstück holen, dann mit Freunden treffen und wer weiß? Vielleicht endlich sich ein Rendezvous mit Nina vereinbaren, die er schon so lange vertröstet hatte.

Es war Sonntagmorgen und etwas Neues lag in der Luft. Ein Neuanfang.

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Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich.
2019 ist mein erster Krimi - Der Corvinusbecher - im Medimont Verlag erschienen und mein Jugendfantasyroman "Experiri". Seit Herbst 2020 gibt es meinen zweiten Regionalkrimi - kalt blütig - rund um meine Protagonistin Simone Jaan im Buchhandel.

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