Kurzgeschichte
WIR GEHEN BADEN

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"Da sollen sich ja ganz neue Erfahrungen auftun..."
Veröffentlicht am 10. September 2020, 20 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Über mich gibt es nichts interessantes. Aber jetzt auch mit schönen bunten Bildern.
Da sollen sich ja ganz neue Erfahrungen auftun...

WIR GEHEN BADEN

WIR GEHEN BADEN

„Ich hab uns für morgen angemeldet,“ informiert mich meine schrecklich achtsame Lebensbegleiterin, geliebte Seele und gelegentliche Gehhilfe. „Ich hoffe du kannst dich noch daran erinnern das wir das letzte Woche fest ausgemacht hatten.“ Und dabei huscht ein kleiner Zweifel über ihr Gesicht.

„Ach,“ erwidere ich, „ist das schon

morgen? Eigentlich passt das morgen nicht so wirklich...“

„Keine Widerrede, keine Ausflüchte oder Ausreden. Du hast zugesagt. Und Basta! Absagen kommt nicht infrage!“

„Aber...“

„Nix Aber. Wir haben das ausführlich besprochen und Du hast zugesagt. Also halt dich daran!“

„Aber schon morgen? Und um welche Uhrzeit überhaupt?“ Will ich wissen.

„Ganz früh ist die beste Zeit, hat die Dame gesagt. Also sind wir um Punkt sieben Uhr verabredet! Du weißt schon wo.“

„So früh?“ Versuche ich einen letzten begründeten Einspruch anzubringen.

„Nu stell dich mal nicht so an.“ Erwidert sie ungerührt. „Andere Menschen schaffen das auch. Ist ganz normal für die in aller Herrgottsfrühe den Tag zu beginnen.“

Ich registriere sorgenvoll das sie keinen Millimeter von ihrer Entscheidung abzubringen ist. Schöner Mist. Ich schätze da wird mich nur ein eiliger Beinbruch, eine flotte Grippe oder eine sofortige Selbstentzündung raus helfen. Aber bei meinem Glück fängt höchstens meine Nase Feuer. Und das hilft mir nicht.

„Ich seh schon, Deine Begeisterung hält sich in Grenzen.“

„Da könnt ´ste Recht haben.“

„Aber wir haben das doch alles geklärt. Das wird gut für dich. Und für mich. Wir machen das morgen, und dann wirst ´e schon sehen dass das deinen Stress abbaut, nachhaltig deine Wut verringert und dir beim Schlafen hilft. Das sind gute Sachen, und ich versteh gar nicht warum du so rumzickst.!“

„Ich bin nicht gestresst. Und wütend schon mal gar nicht.“ Bemerke ich eine Spur zu laut und heftig.

„Siehst ´e. Schon fängst an mit deinem Stress!“

Sie hat ja Recht, muss ich zugeben.  Und sie sorgt sich. Um mich, um sich selber. Ich sollte wirklich etwas einfühlsamer und zuvorkommender sein.

„Also gut. Ich bin dann morgen früh da. Versprochen!“

„Ich verlass mich drauf. Und keine Sperenzchen mehr.“

„Soll ich ne Badehose mitbringen?“

„Blödmann!“

Früh am nächsten morgen klingelte mein Wecker. Das arme Ding war so lange nicht in Betrieb, das ich vollkommen vergessen hatte wie man diesen fiesen Ton wieder abstellte. Kurzerhand musste ich ihm die Batterien amputieren. Dann die gewohnte Routine. Badezimmer, Küche. Kaffeemaschine starten. Dann anziehen. Kaffee trinken, Zigarette rauchen. Nur alles ein paar Stunden früher.

Verdammt ist das früh! Noch zappenduster draußen.

Vor lauter Schreck musste ich glatt nochmal auf Klo.

Pünktlich um fünf vor Sieben bin ich am Treffpunkt – einem staubigen Parkplatz am Waldpark Marienhöhe. Eine fesche bunte Truppe hat sich schon versammelt, darunter meine Angebetete. Sie kommt sogleich auf mich zu, schenkt mir eine feste Umarmung.

„Schön das Du hier bist.“

„Schön das ich dich sehe. Lass uns mal die Spacken angucken.“

Es sind etwa ein Dutzend Personen da

versammelt, Hauptsächlich Frauen. Nur ein weiterer Kerl hat sich eingefunden: Ein Freak, vermute ich, ein echter ökologisch nachhaltig vegan ausgehungerter Naturbursche, komplett mit Rauschebart, Wollpullover, Pluderhose und Birkenstock – Sandalen.

Der Klischee – Öko wie er im Bauernkalender steht.

Der Rest der Gruppe besteht aus unterschiedlichen Frauen. Von der Hosenanzug – tragenden Bankerin bis zur mausgrauen Hausfrau. Eine Anführerin gibt ´s auch. Und die richtet jetzt ihre Worte an uns:

„Hallo und herzlich Willkommen zum monatlichen Waldbaden meine Damen.

Und die... ääääh... beiden Herren. Schön das ihr so zahlreich gekommen seid um gemeinsam ein unvergesslich wundervolles Erlebnis zu erfahren, zu teilen und nachhaltig davon zu profitieren. Besonders in eurem Seelenleben, aber auch in eurer Beziehung zu Natur und Umwelt wird euch diese unschätzbar wertvolle Exkursion wichtige Erkenntnisse liefern. Wir werden heute tüchtig entschleunigen, unseren Stresslevel senken, und – wer möchte – auch intensiv meditieren. Also... genug der Worte. Lasst uns auf die Reise gehen!“

Und damit setzt sich unser Trupp auch schon in Bewegung. Unsere Anführerin

vorneweg, gleich dahinter der zappelige Öko – Michel. Wir andere folgen, etwas skeptisch, aber brav.

Rein geht es in den Wald.

Nun ja, was wir Norddeutschen Großstädter so unter Wald verstehen. In echt ist es eher ein bescheidenes Wäldchen. Sehr übersichtlich. Keine Spur vom mythisch Sagenumwobenen urdeutschen Urwald. Eher mickrige Gehölze stehen hier rum: Dürre Fichten, schrumpelige Buchen, wenige knorrige Eichen. So stolpern wir über tückische Wurzeln unter einem rauschenden Blätterdach dahin, während die Führer – Dame zahlreiche wäldliche Anekdoten zum Besten gibt.

Ich höre kaum hin.

Gerne würde ich jetzt ne Zigarette rauchen. Aber das wird hier nicht gerne gesehen. Ebenso das Fluchen, oder pinkeln. Muss ja alles seine Ordnung haben, meinte eine, auch wenn wir auf Seelenwanderung sind.

„Spürt ihr es schon?“ Will die Führerin wissen. „Spürt ihr diese Ruhe? Diesen Frieden? Dieses unsagbar friedvolle beieinander der Bäume, der ganzen Natur?“

Einige murmeln Unverständliches, der Freak ist ganz hin und weg, tanzt regelrecht durch den lieblichen Hain und lässt verzückte Kiekser hören. Auch ein paar Vögel lärmen aufgebracht aus den Baumkronen.

„Eigentlich ganz nett hier,“ meint meine Angebetete, „schön ruhig und entspannt, wenn nur der Freak da nich so n Theater machen würde.“

„Hast recht. Der dreht ganz schön ab. Würde mich nich wundern wenn ihm gleich einer abgeht.“

Sie lacht.

Sogleich folgt ein energisches „Sssssch!“

War wohl zu laut.

Zeit für ne kleine Pause. Einige packen ihre mitgebrachte Verpflegung aus. Belegte Brote, Obst, Müsliriegel. Daran hatte ich nicht gedacht, die Geliebte auch nicht. Na ja, kann ja nicht mehr so

lange dauern da, mit dem Waldbaden. Etwas müde und hungrig hocken wir auf einem Stück Totholz. Unsere Führerin wuselt durchs Unterholz, redet mit sich und den frischen Trieben. Keiner versteht sie so wirklich. Aber sie scheint echt glücklich und begeistert und ganz aus dem Häuschen.

„Ach, ist das herrlich hier, sooooo entspannend, meditativ und friedlich. Könnt ihr es fühlen? Der reinste Genuss. Versucht mal mit so einem Baum zu kommunizieren. Ihr könnt ihn berühren, streicheln, umarmen. Das tut beiden gut. Lehnt euch an, vertraut ihm eure Ängste und Sorgen an. Er wird verstehen, wird euch eure Last nehmen.“

Meint sie das Ernst? Frag ich mich.

Was soll mir so ein Baum denn sagen? Welche Ratschläge könnte er mir geben? Mir fällt so wirklich gar nichts ein. Für mich ist das alles Feuerholz.

Andere sehen das anders. Unser nachhaltig verkorkster Freak hat die Leidenschaft gepackt. Und zwar so richtig ordentlich. In Windeseile hat er sich von seinen speckigen Klamotten befreit und nun reibt er seinen dürren Leib ekstatisch an der Rinde einer ebenso dürren Kastanie. Dazu grunzt er verzückt, lässt sogar einen richtigen Urschrei los. Der Mann hat Mumm.

Drei Damen treten ohne Umschweife den sofortigen Rückzug zum Parkplatz an,

eine andere verdreht sichtbar angeekelt die Augen. Unsere Anführerin lächelt nur etwas nachsichtig über soviel Enthusiasmus. Die Frau an meiner Seite hat ein dreckiges Grinsen aufgelegt. Genau wie ich.

„Das nenn ich mal hundert Prozent Hingabe.“

„Aber so was von.“

Ein paar andere Damen meditieren unterdessen ernsthaft im Schatten der Stämme. Die haben das noch gar nicht mitgekriegt, bemerke ich. Völlig weg in ihrer seelischen Einöde.

Ich entdecke ein Eichhörnchen, gleich gegenüber scheint es geradezu mit seinen winzigen Pfötchen an der Baumrinde zu

kleben. Es guckt ziemlich entspannt zu uns runter. Wunderschöne Augen haben diese putzigen Tierchen. Überhaupt find ich diese kleinen Kletterer überaus niedlich, wahnsinnig geschickt und sie sind flink wie sonst kaum irgendein Tier. Ich beobachte es, es wetzt den Stamm rauf und runter, rundherum, in einem wahnsinnigem Tempo. Ich bin ganz fasziniert, vollkommen hingerissen. So langsam bekommt der Tag so etwas wie einen Sinn, etwas an das man sich gerne erinnert.

Der Freak lässt erneut einen verzückten Schrei vom Stapel. Das Eichhörnchen verschwindet in Panik. Die meditierenden Frauen spannen die

Muskeln an, unsere Anführerin verliert kurz die Fassung.

„Schnauze!“ Brüllt sie, so gar nicht friedlich.

Damit ist der Zauber vorbei.

Feierabend für uns und den Wald. Wir marschieren zurück zum Parkplatz. Unsere Führerin hält zum Abschied noch ne kleine Ansprache:

„Danke das ihr alle gekommen seid, ich hoffe das unser heutiges Waldbaden bei euch so richtig die seelischen Poren gereinigt hat, sich jeder ein bisschen besser, friedvoller und entspannter fühlt. Seid achtsam, liebevoll und friedlich, und vielleicht sehen wir uns das nächste mal wieder. Kommt gut nach Hause.“

Die Gesichter sehen nicht wirklich entspannt aus als sich alle zerstreuen, zurück in ihr nun garantiert Stressfreies Privatleben. Ich zünde mir erst mal ne Zigarette an, rauche, und fühle mich genau so wie gestern, nur müder.

„Frühstücken?“ Schlage ich vor.

„Aber sicher.“ Sagt sie.

„Das Eichhörnchen hat mir heute am Besten gefallen,“ sage ich.

„Hab ich mir gedacht,“ sagt sie.

Sie hat recht. Wie fast immer.




Text: harryaltona (2020)

Cover: Pixabay



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Über mich gibt es nichts interessantes. Aber jetzt auch mit schönen bunten Bildern.

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strandgigant Danke für die Geschichte. Eichhörnchen sind super!
Vor ein paar Wochen - Antworten
HarryAltona Find ich auch. Könnte denen stundenlang zugucken.
Tausend Dank mein Lieber!!!
lg... harryaltona
Vor ein paar Wochen - Antworten
KaraList "Waldbaden" - was für ein poetisches Wort für einen Waldspaziergang. Dass man dafür eine Anführerin und ein Dutzend Mitläufer braucht, beweist Geschäftssinn. Ich mache meine Waldspaziergänge lieber allein, vielleicht nehme ich ein Körbchen als Begleiter mit ... falls ich einen Pilz treffe. :-)
Du hast eine verwirrende Fährte gelegt, Harry. Eine ganz tolle Story!
LG
Kara
Vor ein paar Wochen - Antworten
HarryAltona Tja, so ist das heutzutage. Profane Unternehmungen bekommen einen pfiffigen Namen verpasst, und schon klingelt die Kasse. Funktioniert in der bildenden Kunst ja auch häufig.
Tausend Dank, Kara!!!
lg... harryaltona
Vor ein paar Wochen - Antworten
Feedre Hallo Harry
großartige Story mit viel Humor..grins
schönes Wochenende wünsche ich dir
Feedre
Vor ein paar Wochen - Antworten
HarryAltona Oh da freu ich mich über das Lob.
Tausend Dank und ebenfalls n schönes Wochenende!!!
lg... harryaltona
Vor ein paar Wochen - Antworten
Friedemann 
Hallo Harry,
auch mir gefällt Deine amüsante und erfrischende Schilderung Eures Waldspaziergangs, obwohl Du uns auf eine falsche Fährte gelockt hast. Im Gegenteil: Ich mag derartige Überraschungen sehr.

Liebe Grüße und Dankeschön fürs Lesevergnügen,
Friedemann
Vor ein paar Wochen - Antworten
HarryAltona Ich hab zu danken. Ist mir eine Freude das es dir gefallen hat und du ein wenig Spaß hattest.
Tausend Dank, Friedemann!!!
lg... harryaltona
Vor ein paar Wochen - Antworten
Brubeckfan Hallo Harry!
Wunderbar, flotte Schreibe, sehr gelacht.
Zugegeben, während der ersten Seiten habe ich noch auf einen See gelauert. Aber dann hätten die am Ende wohl im Wasser meditiert.
Wieder was gelernt, wie man zu Geld kommen kann.
Entspannte Grüße für ein schönes Wochenende!
Gerd

P.S.: "mir ... raus helfen"
Vor ein paar Wochen - Antworten
HarryAltona Tjaaaa... diese Naturverbundenen Aktiv - Esoteriker sind ja auch alle ausgefuchste Marketing - Experten. Die wissen um die vergorgenen Goldgruben. Ebenfalls ein spannend - entspanntes Wochenende.
Tausend Dank, Gerd!!!
lg... harryaltona
Vor ein paar Wochen - Antworten
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