Humor & Satire
Der alte Ritter - Beitrag zu SP 85

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"Der alte Ritter - Beitrag zu SP 85"
Veröffentlicht am 14. September 2020, 12 Seiten
Kategorie Humor & Satire
© Umschlag Bildmaterial: istockphoto
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Über den Autor:

"Friedemann" ist nur mein Vorname, für meinen Nachnamen "Kriegsfuß" reichte (aufgrund der von myStorys vorgegebenen Obergrenze von 14 Zeichen) leider der Platz nicht mehr. Mein Name besagt, dass ich im Grunde ein sehr friedliebender Mensch bin, der aber verbalen Auseinandersetzungen nicht grundsätzlich aus dem Weg geht. Diese sind gelegentlich die Folge von satirischen Texten, für die ich schon seit meiner Schulzeit (als noch Lehrer und ...
Der alte Ritter - Beitrag zu SP 85

Der alte Ritter - Beitrag zu SP 85

Vorwort: Für die Schreibparty 85 heißt das Thema Königreich, in der Epoche des Mittelalters. Alles, was das Königreich anschneidet, kann thematisiert werden. Ob es sich z.B. um den Hofnarren dreht, einer Prinzessin, einem gemeinen Attentat, einem "Robin Hood" oder sonst noch was, das in diese Richtung geht. Passend zu dieser Thematik werden 9 Worte vorgegeben, die sinnvoll in die Beiträge eingebaut werden können (dann werden sie bei der Beurteilung honoriert), aber nicht müssen. Die Vorgabewörter: Adel, Pest, Vasall, Glöckner, Burg, Tautropfen, Habseligkeit, Hoffnungsschimmer, Narr.

Im nachfolgenden Beitrag „Der alte Ritter“ sind - um der Jury das Nachzählen zu erleichtern - diese 9 Worte kursiv hervorgehoben.



Der alternde Ritter will’s noch einmal wissen, es lenzt und die Frühlingsgefühle sind da. Wie gern würde er jene Maid nochmals küssen, die er schon seit ewiger Zeit nicht mehr sah. Zur Herrin des Herzens hat er sie erkoren, und sie ihn als Zeichen der Liebe geküsst. Doch bald hat er sie aus den Augen verloren, nicht ahnend, wie sehr er sie später vermisst. Er ist zwar nur Ritter von niedrigem Adel und Burgherr in einem verfall'nen Kastell. Als Rittersmann blieb er jedoch ohne Tadel und drückte sich niemals vor einem Duell. Er geht in den Keller, die Rüstung zu suchen, in ihr war er einstmals ein strahlender Held. Sein Suchen geht über in gottloses Fluchen, die Rüstung ist nämlich voll Rost und zerdellt. .

Das lederne Wams ist zerfressen von Mäusen, was übrig ist, modert und duftet recht streng. Doch nichtsdestotrotz quält er sich in das Eisen, Dies zeigt sich jedoch überall als zu eng. Energisch und mannhaft negiert er die Schmerzen, es drängt ihn, die Jungfer bald wiederzuseh’n. Er trägt noch ihr seliges Lächeln im Herzen: Voll argloser Unschuld und engelsgleich schön. Nun ruft er nach Sancho, dem steinalten Diener, jahrzehntelang war er sein treuer Vasall (als Glöckner zu alt, hütet er jetzt die Hühner). Ihn schickt nun der Ritter geschwind in den Stall. Dort sattelt er Rosi, die klapprige Mähre, die hier schon seit Jahren ihr Gnadenbrot frisst. In Hinblick auf Ritters gewaltige Schwere hilft er ihm aufs Pferd, dem bereits bange ist. .



Kaum sitzt der im Sattel, beginnt das Schlamassel: Er gibt ihr die Sporen auf Schritt und auf Tritt, die Rüstung stimmt ein mit Gequietsch und Gerassel, der Gaul jedoch kommt permanent aus dem Schritt. Mit Habseligkeiten schon schwerbepackt reitet Freund Sancho treu hinter dem Ritter einher. Da sieht er wie der sich zum Kampf vorbereitet: Ihm ahnt, dies wird wieder ein arges Malheur. „Du Narr, willst Du wieder mit Windmühlen streiten?“ ruft Sancho dem tapferen Rittersmann zu, der kontert: „Halt's Maul und beschränk Dich aufs Reiten! Der Feldherr bin ich und der Hanswurst bist Du.“ Die Windmühlen war'n ihm schon immer ein Grauen, er schasste und hasste sie mehr als die Pest. Er wurde von ihnen schon öfters verhauen, doch heute will er auf das Siegerpodest

. Als ewige Null hat er kein Hoffnungsschimmer dereinst im „Himmel der Helden“ zu sein. Im Gegenteil: Jedesmal wird's immer schlimmer, denn Häme und Spott sorgt für Schande und Pein. Drum will er heut unter den Windmühlen wüten, mit Sancho im Zangengefecht attackier’n. Doch zwangsläufig endet der Feldzug in Frieden, denn Rosi kann schlechtweg nicht mehr galoppier’n. Zudem reiten sie ja im Dienste der Minne, für weitere Händel bleibt keinerlei Zeit. Die Liebe beansprucht des Kavaliers Sinne, zur Herzallerliebsten ist’s nun nicht mehr weit. * * * Sie hört schon von fern ein horrendes Geschepper, als näherte sich ein gewaltiges Heer. Dann sieht sie, da lärmt nur ein einziger Klepper, und schließlich erkennt sie, wer kommt: Es ist ER.

. Der Ritter, nach dem sie sich jahrelang sehnte, der damals ihr Herz und den Brautkuss errang, an den sie stets glaubte im Lauf der Jahrzehnte, für den sie sich aufhob - welch Wunder, wie lang! Sie rafft ihre Röcke und läuft ihm entgegen, mit strahlenden Augen und jauchzend vor Glück. Dies Bild heller Freude schürt Ritters Erregen und bringt ihm die Sturmflut- und Drangzeit zurück. Voll Heißblut will er auf sie zu galoppieren, euphorisch voll Liebes- und Kampfleidenschaft. Er gibt seiner Mähre die Sporen zu spüren, doch Rosi ist völlig am Ende der Kraft. Sie hopst ein paar Schritte, dann bricht sie zusammen und bringt ihren wackeren Reiter zu Fall. So endet der Ritt mit Geschepper und Schrammen, mit Kratzern und Blutungen allüberall.

.


Nun liegt er im Staub mit gebrochenen Rippen, doch nicht nur sein Leib, auch die Seele ist wund. Da fühlt er zwei herzwarme, samtweiche Lippen liebkosend und zart auf dem sprachlosen Mund. Er öffnet die Augen und sieht sein Vielliebchen - gealtert, doch immer noch märchenhaft schön. Ihr Lächeln mit diesen zwei reizenden Grübchen lässt wundersam all seine Schmerzen vergeh’n. WieTautropfen, die sanft zu Tränen zerfließen, so unbewusst weint sie aus Glückseligkeit. Wie gern würde er sie durch Küsse versüßen, doch regungslos ahnt er das End' seiner Zeit. Und dennoch beherrscht Glücksgefühl seine Sinne, ihr Kuss mundet köstlich, wie Honig so süß. Beseelt und letztendlich am Ziel seiner Minne entschwebt er geradewegs ins Paradies.



So endet durch tragische Fügung sein Leben - zwar traurig, doch ihn hat sein Los nicht gereut. Im Dienst hoher Minne sein Leben zu geben empfand er als Krönung der Ritterlichkeit. * * *

* * * Er lebte - so lehrt die Moral der Geschichte - beherzt seinen Traum, als er selig entschlief, und machte ihn nicht - wie Quichotte - zunichte, der - Gott sei's geklagt - seinen Traum widerrief.*




Anmerkung:


* Am Ende des 2. Bandes erkrankt Don Quichotte an Fieber. Auf dem Totenbett erkennt er den Unsinn der Ritterromane und beklagt, dass ihm diese Erkenntnis so spät gekommen sei.

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Hörbuch

Über den Autor

Friedemann
"Friedemann" ist nur mein Vorname, für meinen Nachnamen "Kriegsfuß" reichte (aufgrund der von myStorys vorgegebenen Obergrenze von 14 Zeichen) leider der Platz nicht mehr. Mein Name besagt, dass ich im Grunde ein sehr friedliebender Mensch bin, der aber verbalen Auseinandersetzungen nicht grundsätzlich aus dem Weg geht. Diese sind gelegentlich die Folge von satirischen Texten, für die ich schon seit meiner Schulzeit (als noch Lehrer und Mitschüler ihre Opfer waren) eine Vorliebe habe. Gemäß meinem Motto - Humor ist das Knopfloch, mit dem wir verhindern können, dass uns der Kragen platzt - kommt hierbei allerdings der Humor (meistens) nicht zu kurz.

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Enya2853 Lieber Friedemann,

da bin ich fast sprachlos, so sehr beeindruckt mich dein "Epos".
Absolut gelungen in Form, Inhalt und Sprache.
Derart "beseelt" von dem irdischen Leben zu scheiden - das ist eine tolle Vorstellung.

Hut ab, Friedemann.
Lieben Gruß
Enya
Diese Woche - Antworten
Friedemann 
Ja, liebe Enya,
schön, wie Du den beseelten Abschied des Ritters mitempfindest. Er musste zuvor ja einsehen, dass er dank seiner Heldentaten nicht mehr in den Himmel der ritterlichen Helden mit Ivanhoe, Lancelot, Parzival und Robin Hund kommt, sich jedoch durch seine Ritterlichkeit im Minnedienst deren Achtung verdient.

Mit lieben Grüßen danke ich Dir für Deine lobenden Worte und Dein dickes Geschenkpaket,
Friedemann
Diese Woche - Antworten
HarryAltona Phanstastisch phänomenal gereimt über das Thema: Was Männer so alles Blödsinnige veranstalten nur um den Damen zu imponieren.
lg... harryaltona
Vergangene Woche - Antworten
Friedemann 
Hallo Harry,
wenn ein Mann im Spätherbst seines Lebens von Frühlingsgefühlen übermannt wird, ist alles möglich. Noch schlimmer wäre es vielleicht noch gekommen, wenn der Ritter vor seinem Ableben dem Objekt seiner Minne noch seinen Minnesang dargebracht hätte, bei dem sicherlich Sancho seine Ohren zugehalten und Rosi Reißaus genommen hätte.

Liebe Grüße und herzlichen Dank für Dein phänomenales Lob und Deinen Favoriten,
Friedemann
Vergangene Woche - Antworten
ulla Einfach Zeile für Zeile ein Genuss. Leicht und locker, man könnte noch seitenlang weiter lesen.
Danke für diesen wunderbaren Beitrag.
Liebe Grüße
ulla
Vor ein paar Wochen - Antworten
Gast 
Liebe Ulla,
und ich freue mich über Deine Zeilen und bin überrascht, dass Du noch weiter lesen könntest. Mir kam nämlich dieses Gedicht zu lang vor, auch weil ich jedem Vorgabewort einige Zeilen spendieren musste.

Liebe Grüße und herzlichen Dank für Lob und Favo,
Friedemann
Vor ein paar Wochen - Antworten
baesta Da fehlen mir einfach auch die Worte über so viel Dichtkunst. Mit viel Witz und Ironie gedichtet
Der Platz auf dem Treppchen ist Dir sicher sicher.......
schmunzelt Bärbel
Vor ein paar Wochen - Antworten
Gast 
Liebe Bärbel,
ich bin erstaunt darüber, dass Dir die Worte fehlen, denn in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich keine Frau, der dies zustößt (auch wenn sie nichts zu sagen hat). Aber im Ernst: Bei diesem Thema hat mir das Schreiben – einschließlich dem Einbau der Vorgabewörter – viel Spaß gemacht, das Treppchen ist daher zweitrangig.

Mit lieben Grüßen danke ich Dir für dieses Lob wie auch Deinen wohlgefüllten Geschenkkorb,
Friedemann
Vor ein paar Wochen - Antworten
baesta Ausnahmen bestätigen eben die Regel. Ich gehöre tatsächlich nicht zu dem sonderlich gesprächigen Typus Frau. Meist höre ich lieber zu und versuche mir ein Bild von meinem Gegenüber zu machen.
Hier bei MS sieht man es daran, dass ich meist nur kurze Texte schreibe.

Liebe Grüße
Bärbel
Vor ein paar Wochen - Antworten
Friedemann 
Ach Bärbel,
ich habe mich hier nur eines beliebten Klischees bedient, weil es sich gerade so schön anbot. Und Klischees müssen ja nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen (in unserem Freundeskreis tut's dieses doch). Bei Deinen Aphorismen trifft dies ohnehin nicht zu, die sollen ja kurz und bündig sein.

Lieben Gruß,
Friedemann
Vergangene Woche - Antworten
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