Kurzgeschichte
Diese Pest

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"Diese Pest"
Veröffentlicht am 02. August 2020, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Diese Pest

Diese Pest




„Diese Pest ist ja nicht die Pest“

Ein Botschafter in der Tram. Pathos.

„Da kriechen die Ratten nicht aus ihren Löchern und krepieren nicht auf den Bürgersteigen oder in den Treppenhäusern am helllichten Tage. Bei Camus, ja, das war eine richtige Pest: Die Pest kam Schritt für Schritt heran, die Ratten starben sichtbar als blutige Boten des zu Erwartenden. Die Pest wirkte eine Weile und kam zum Höhepunkt, nahm ab und ging. Die hatte

noch benehmen, die Pest bei Camus, die wusste, was für eine ordentliche Pest mit bürgerlicher Schicklichkeit das Richtige ist. Auch einen richtigen Helden hatte sie. Einen richtigen Kämpfer, einen Arzt, und was für einen! Diese Pest aber, diese Pest aber, die geht nicht einfach wieder, die ist gekommen, um zu bleiben, um permanent zu wüten. Die weiß sich nicht zu benehmen. Diese Pest hat auch keinen Helden. Diese Viren sind unnatürlich natürlich. Sie sind sozial. Diese Pest ist in den Köpfen. Diese Pest ist digital. Diese Pest ist Video, Audio...ja genau, in Stereo, auf allen Kanälen. Diese Pest zerschneidet Familienbande und hebt Lüge und Wahrheit auf eine Stufe. Sie

trennt gedanklich, räumlich und polarisiert in Feind und Freund. Diese Pest ist der Auswuchs des materiellen Prinzips. Vereinsamender kolonialer Kapitalismus, weißgewaschen im Abgrund des Sendungsbewusstseins einiger Institutionen mittels pechschwarzer Philanthropie. Diese Pest macht uns vergessen, dass täglich zweieinhalbtausend Menschen in diesem Land sterben. Sie führt zur Amnesie, wir denken, dass der Tod eine Erfindung dieses Virus sei. Diese Pest ist die Metapher unseres Nichtwissens. Diese Pest ist das Echo, das Echo des ersten Tauschhandels. Das Echo des Sozialabbaus. Pasteur bestätigte noch auf

dem Sterbebett, der Erreger sei nichts, das Milieu alles. Diese Pest soll die Pest sein!“

Das interessiert mich hinter meiner Maske. Meine Nase juckt und meine Brille beschlägt. 28 Grad Celsius. Ich würde gerne Niesen, allein, ich traue mich nicht. Einzelne Vermummte starren aus den Fenstern, die anderen auf ihre Smartphones. Alle in Hörweite lauschen dem Sprechenden. Auf dem Boden liegen kontaminierte, verlorene einsame Masken, wie tote Ratten.

„Nichtwissen?“, frage ich und denke, der Herr ist in seiner eigenen Welt. Sozusagen. Wie alle anderen auch, oder?

Er sprach weiter, ohne mich anzusehen.

„Das Nichtwissen können Menschen nicht ertragen und ihre eigene Charakterbeschaffenheit wollen sie ebenfalls nicht ertragen, nicht mal erkennen, geschweige denn betrachten. Ebenso ihre Endlichkeit nicht akzeptieren und deshalb erfinden sie Geschichten und laufen rum und herum, um im Anderen die eigene Krisis zu verorten und die eigene Verantwortung abzuweisen. In diesen Geschichten erfinden sie ihre Wahrheiten, welche sie bis zu irgendeinem überraschenden Tode verteidigen. Oh, wir sind also sterblich, aber meine Meinung ist doch unerschöpflich!? Und wenn es das Letzte

ist, was ich noch tue. Meine Meinung ist Wissen, meine Meinung ist von der Unendlichkeit beseelt. Der Anspruch der Menschen ist aber nicht, die Wahrheit zu erkennen und weise zu werden, also sich selbst zu erkennen, wie es am Apollontempel schon vor über 2500 Jahren gemeißelt zu lesen war und jeden der es las, aufforderte, genau das zu versuchen, nein, sie wollen nur ihre Geschichten erzählen, in denen sie die Hauptrolle spielen. Unsere Welt ist voll der Weltenretter, der Wahrheitenverteidiger, jederzeit bereit, dem Anderen Menschen die Würde zu rauben...es gibt wahre Sätze, nur wahre Sätze, weißte, nur die, die Wahrheit

braucht etwas Seiendes, weißte, etwas Seiendes wird mittels wahrer Sätze beschrieben. Oh, sieh, es regnet!“

Ich sehe. Es regnet nicht. Das merke ich an. Bevor er antwortet, nimmt er einen Schluck aus einer Flasche. Etwas Geistvolles fließt strahlend in ihn hinein, zurück in die Flasche und wieder in ihn hinein. Hin und Her. Einen ewigen Moment der Verzauberung, sehe ich wirklich Bedeutendes.

„Dann war das wohl kein wahrer Satz oder du hast die falschen Erkenntniswerkzeuge. Sinneseindrücke allein reichen nicht aus, der Verstand

muss hilfreich dazukommen.“

Meine Haltestelle. Ich steige aus. Als ich den Mundschutz abnehme, rieche ich den Gestank, der vom Botschafter ausgeht und denke: Nicht Viren töten, es sind die Umstände in denen die Wirte leben, die töten. Das Milieu sei alles. Viren brauchen Wirte, warum sollten sie diese schnell töten? Ich habe natürlich keine Ahnung, aber auch kein Vertrauen. Mehr Fragen als je zuvor. Wissen ist temporär, denke ich. Menschen und Viren spielen miteinander, nutzen sich gegenseitig und manche Menschen scheinen selbst die Viren zu sein, die ihre Wirte metaphorisch aber doch praxisnah ausbluten, um im richtigen Augenblick

zu einem anderen zu wechseln, den vorherigen jedoch sterben lassen. Das können nur Menschen. Nur Menschen sind in der Lage, sich selbst auszulöschen, andere natürliche Wesen nicht, oder? Die putativ einzigen Wesen mit Verstand, lieben den Overkill. Ein verlogenes Spiel. Gegeneinander oder miteinander? Jedenfalls sind die Anderen Schuld und so werden wir Bürger dieses Landes um 20Uhr zu maskierten Konsumenten, die ihre Menschlichkeit, ihre Liebe, ihr Vertrauen mittels verbaler und bildhafter Konstruktionen verlieren und die ängstlich schwimmend in einer Welle des alternativlosen Konjunktivs, darüber nachdenken, ob es morgen

wieder zu Toilettenpapierknappheit und Mehlmangel kommt. Plantschend auf der Woge des Unbewiesenen, hin und her schwappend, wie ein Eiswürfel im Whiskyglas.

Wir lösen uns gerade auf...

Es begann zu regnen. Dieses Mal wirklich.

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Poesiefluegel Wunderbar...ja die vielen Hauptrollen, Weltenretter...aber was ist die Wahrheit? Ist sie nicht nur das, was uns schlüssig, logisch erscheint. Liegt sie nicht im Auge des Betrachters? Nur banale Dinge, wie Regen im Moment im hier und jetzt sind klar definiert.
Deine KG kommt mir bisweilen wie ein Statement vor. Dem ich jedoch nicht widersprechen kann.
LG
Vergangenes Jahr - Antworten
strandgigant Hi!
Danke für Deinen Kommentar.
Was ist Wahrheit?
Zitat: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", Heinz von Foerster

Diesen Gedanken finde ich tröstlich.
lieben Gruß
Vergangenes Jahr - Antworten
Gast 
"Diese Pest..."
Selten etwas Besseres, auch Eloquenteres zum Thema gelesen,
leider tun es die Politiker unserer Zeit gewiss nicht...
Super Geschichte von mir allerdings nur ein virtuelles ♥,
wegen des noch immer anhaltenden Pausier-Modus ...
LG
Bleistift :-)
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Hallo!
Danke und lieben Gruß zurück.
D.
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Man muss sich auf diese Kurzgeschichte einlassen, dann wird das Absurde zur Realität. Fast eine philosophische Betrachtung in unterhaltsamer Form. Nicht jeder "Botschafter" vermittelt die richtigen Botschaften. :-)
Mir gefällt Deine Geschichte!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Danke Dir.
Woran erkennen wir die "richtigen Botschaften"? Gibt es allgemein gültige Botschaften oder suchen wir nur jene, die uns genehm sind, weil sie zu unserem Ich passen, zu unserer Geschichte?

Albert Camus, Mythos des Sisyphos:
"Von wem und wovon kann ich tatsächlich behaupten: >Das kenne ich!< Das Herz in mir kann ich fühlen, und ich schließe daraus, dass es existiert. Die Welt kann ich berühren, und auch daraus schließe ich, dass sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf; alles andere ist Konstruktion. Wenn ich dieses Ich, dessen ich so sicher bin, zu fassen, wenn ich es zu definieren und zusammenhalten versuche, dann zerrinnt es mir wie Wasser zwischen den Fingern."

Auch im Traum, kann ich mein Herz spüren und "Dinge" berühren...woher wissen wir eigentlich, was oder wie wirklich die Wirklichkeit ist? Achso, klar, unser Ich sagt uns das...;-))

LG
D.
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Hervorragend. Besser kann man die Situation kaum beschreiben. lg... harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Danke für Deinen Kommentar.

Besten Gruß
D.
Vor langer Zeit - Antworten
FLEURdelaCOEUR Insgesamt gefällt mir deine KG sehr gut, jedoch weiß ich nicht immer genau, wie es gemeint ist, was du schreibst. Z.B. auf S.3, dass in unserm Land täglich ca. zweieinhalbtausend Menschen sterben ... Ich hoffe zumindest, dass du als intelligenter und gebildeter Mensch nicht zu denen gehörst, die alles, was vom RKI kommt, als Fake und Lüge abtun ...
Gruß
fleur
Vor langer Zeit - Antworten
strandgigant Liebe fleur!

Ich will es kurz machen: Wie kommst Du eigentlich darauf, dass ich gebildet und intelligent bin? Scherz...

1. Dies ist kein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. Dies ist ein Prosatext. Im Sinne der Prosa, empfinde ich Teile Deines Kommentars (und meine Antwort darunter), als fehl am Platze.
2. Der Text erhebt keinen Anspruch auf Stichhaltigkeit, er will nicht wahr sein. Jede/r Lesende darf daraus etwas machen. Der Text soll unterhalten, vielleicht anregen, dahin zu blicken, wo man sonst nicht hinsieht. Das wäre schon enorm viel, ich weiß.
3. Ich möchte niemanden in seinem/ihrem Glauben oder mit meiner Wahrheit belästigen.

Besten Gruß
D.

Vor langer Zeit - Antworten
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