Journalismus & Glosse
Perplex beim Friseur - Risikofreude im Handwerk

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"Corona: Theorie und Praxis"
Veröffentlicht am 05. Juli 2020, 6 Seiten
Kategorie Journalismus & Glosse
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Über den Autor:

Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!
Corona: Theorie und Praxis

Perplex beim Friseur - Risikofreude im Handwerk

PERPLEX BEIM FRISEUR

Seltsame Zeiten sind das jetzt: meine Haare bis vor zwei Tagen wieder so lang wie damals, als Willy Brandt Kanzler war. Kommt alles zurück? Wirklich jugendlich habe ich mich nun nicht gefühlt. Endlich ist der kleine Salon wieder offen, in dem ich mir schon lange die Haare schneiden lasse. Beim ersten Anruf erfahre ich, dass zwei Wochen lang alle Termine vergeben sind. Wir bereden dennoch schon den Ablauf. Ich sage der Friseuse, ich würde mit Maske kommen und sie müsste vor dem Schneiden neuerdings die Haare wohl waschen, ja? (Bisher gab es nur einen

Trockenhaarschnitt mit der Maschine.) – „Ja“, sagt sie zögernd, „waschen, ja …“ Elf Tage später, nach weiterem Telefonat, sinke ich frohgemut auf meinen alten Platz an der Längswand des Salons. An der Stirnseite ist eine Kundin länger in Arbeit, zwischendurch ist mal Zeit für mich. Dann kommt noch ein Mann, der auf dem Stuhl neben der Tür warten darf. Die Inhaberin - sie ist hier allein tätig - überzeugt sich, dass die Mindestabstände eingehalten sind, sie stellt es laut fest. Im Salon sind zahlreiche Desinfektionsflaschen zu sehen, benutzt werden sie während meines Aufenthalts nicht. Mein

Frisierumhang kommt mir bekannt vor, es ist der altgediente für jedermann. Die Haare habe ich mir eingedenk der neuen Vorschriften und unseres Vorgesprächs heute nicht gewaschen. Ich lehne den Kopf zurück – aber die Friseurin hat anderes vor, sie hat schon die Maschine in der Hand, fragt: „Wieder zwölf Millimeter?“ Jetzt zeigt sich erneut meine angeborene fehlende Schlagfertigkeit: Ich nicke ergeben, statt auf dem Waschen zu bestehen. (Und wie viel wäre damit gewonnen, wenn es nur auf besonderen Wunsch geschieht?) Die Meisterin trägt die Halbmaske,

befreit aber ihre Nase, als sie mich bearbeitet. Sie versucht ein kleines Gespräch, ich bleibe einsilbig. Zweimal kommt noch ein Anruf. Beim Telefonieren zieht die Friseurin die Maske bis unters Kinn. Minuten später bin ich fertig. Für alle Fälle wird beim Zahlen meine Telefonnummer notiert. Während ich die Jacke überstreife, darf der wartende Herr auf meinem Stuhl Platz nehmen, der zuvor nicht desinfiziert wird. Zuhause recherchiere ich fünf Minuten im Internet zu Verstößen gegen die neuen Maßgaben. In Bremerhaven wurde ein Salon vom Ordnungsamt geschlossen. Im

Ruhrgebiet beschuldigen sich Friseurbetriebe gegenseitig, die Vorgaben nicht einzuhalten. Ein Innungsobermeister in Württemberg fordert die Kunden auf, Verstöße zu melden. Am schlimmsten seien die Barbershops, sagt er. Melden werde ich nichts, mir nur einen anderen Friseur suchen. (Geschrieben im Mai 2020.)

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Über den Autor

Abendschoen
Geboren und aufgewachsen in Süddeutschland. Lange in Berlin und Hamburg gelebt, später in der Lüneburger Heide. Neuerdings wieder in Berlin. Autor von bisher drei Romanen, von Erzählungen und von Kurzprosa. Eine Buchveröffentlichung: Alle Männer sind Brüder, Roman (BoD Norderstedt 2007). Weitere Werke als eBooks unter www.bookrix.de/-arno.abendschoen gratis lesen und herunterladen!

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Feedre Ich denke auch, dass die einzige Antwort
die du deiner Friseurin geben kannst :
ein neuer Friseurladen, der wenigstens
ein paar der Regeln einhält....unglaublich
und gedankenlos von der Frau.....
Feedre
Vergangenes Jahr - Antworten
Abendschoen Danke, Feedre, für deinen Kommentar. Leider ist der geschilderte Fall keine Ausnahme. Ein Freund berichtete mir kurz darauf von ganz ähnlichen Zuständen in einem Barber-Shop hier im Viertel. Recherchiert man im Internet, stellt man fest, dass sich in ganz Deutschland viele Friseursalons nicht an die vorgeschriebenen Hygieneregeln halten. Und es sind gerade die anderen (ehrlichen) Friseure, die das am meisten beklagen, darunter auch Vertreter der Innungen. Auf beiden Seiten spielen wirtschaftliche Überlegungen eine große Rolle.

Was in meinem Text noch fehlt: In diesem Salon besteht die Kundschaft überwiegend aus älteren Menschen, die im Fall von Infektion besonders gefährdet sind.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
Vergangenes Jahr - Antworten
Bleistift 
"PERPLEX BEIM FRISEUR - RISIKOFREUDE IM HANDWERK..."
Leider glauben schon wieder viele, dass der ganze Corona-Spuk
längst schon vorbei ist und drängen mit Macht auf die Rückkehr
zur Normalität von Prä-Corona-Zeiten.
Das wird aber nicht funktionieren, denn das Virus fragt nicht nach
den Befindlichkeiten der Menschen, es infiziert sie einfach,
wenn sie sich nicht an die allseits bekannten Regeln halten.
Wie man leider an den explodierenden Zahlen der Neuinfektionen
in den Staaten, aber auch in Südamerika ersehen kann...
LG
Bleistift
Vergangenes Jahr - Antworten
Abendschoen Danke, Bleistift, für die Äußerung. Ganz Deiner Meinung.

Was mir gegenwärtig vor allem auffällt, ist die Diskrepanz zwischen Intellekt und Trieb. Sehr viele wären schon geistig in der Lage, die realen Gefahren zutreffend einzuschätzen und zu berücksichtigen, doch die emotionalen Bedürfnisse - konkret: nach Selbstverwirklichung in einer Normalität wie vor Corona - sind zu stark und beherrschen schließlich auch das Denken und die Entscheidungen.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön

Vergangenes Jahr - Antworten
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