Kurzgeschichte
Ein ereignisloser Abend

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"Ein ereignisloser Abend"
Veröffentlicht am 19. Mai 2020, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Ein ereignisloser Abend

Ein ereignisloser Abend

Gerade als es schön wurde, kotzte er sich aufs Hemd. Ein nicht gerade erfreuliches Erlebnis für unseren bis vor kurzem noch sehr heiteren Protagonisten. Er saß neben Tine, die soeben ein Stück von ihm weggerückt war auf der Couch und betrachtete sein Mißgeschick. Eben hatten sich alle noch lebhaft unterhalten, hatten Pizza gegessen und waren generell mit sich zufrieden gewesen; bis Rüdiger die Atmosphäre mit einem würgenden Geräusch zerstört hatte. "Kannst du das, nachdem du es aus dir rausgepresst hast, auch irgendwie wieder verschwinden lassen, Rüdi?", fragte ein Typ, dessen Name aus diversen Gründen keinem der Anwesenden bekannt war. "Ich weiß nicht, ich kann's ja mal versuchen." "Hau rein, alter Magier." Rüdiger hob sein versautes Hemd ans Gesicht und zog das Erbrochene in mehreren Zügen durch die Nase, während alle Anwesenden ihn ungläubig anstarrten.

"Woho, nicht schlecht, Alter. Du bist ja wirklich ein Magier!", rief der namenlose Typ. Rüdiger grinste zufrieden. Tine rutschte noch weiter von ihm weg; nun drohte sie fast, von der Couch zu fallen, die aus unbekannten Gründen keine Armlehnen besaß. Ein Schmunzeln ging die Reihe rum wie der Bibabutzemann und ignorierte Tine. "Hey, Rüdi, was grinst du denn so?", fragte Andreas. "Ich weiß nicht. Ich fühl mich nun irgendwie euphorisch." "Euphorisch? Wer redet denn so? Wir sind irgendwelche Idioten, keine Intellektuellen." "Hast du ein besseres Synonym dafür?" "Alter, jetzt hör schon auf." "Mit was denn?" "Ach, vergiss es." Andreas grummelte ein paar Sekunden ohne besonderen Grund vor sich hin, nahm ein Stück

Papier vom Tisch, faltete damit einen durchaus ansehnlichen Schwan und begann einen bemerkenswerten Dialog: "Ey, Rüdi, wie fühlte sich das so an, Kotze zu ziehen?" "Eigentlich ganz gut." "Ganz gut?" "Ja, besser als gedacht." "Hast Du es dir denn zuvor mal vorgestellt?" "Ja, in manchen einsamen Stunden." Andreas blickte auf seine Füße, bemerkte, dass sie da waren, und grübelte. "Sag, Rüdiger, knallt es?" "Ich meine, etwas gespürt zu haben." "Etwas?" "Ja. So ein Kribbeln." "Wo?" "Im Hirn." "Interessant." Andreas überprüfte die Existenz seiner Füße ein weiteres Mal, sie waren noch vorhanden, bevor

er einen Entschluss fasste, der das weitere Geschehen in dieser Geschichte maßgeblich beeinflussen sollte. Er würgte probeweise ein paar Mal trocken, blickte durch die Runde, steigerte seine Bemühungen, und bekam schließlich Sodbrennen. "Was machst du da?", fragte der namenlos Typ, während Andreas versuchte, das Brennen in seiner Speiseröhre in den Griff zu kriegen, es jedoch nicht schaffte, und so mit gequält klingender Stimme antwortete, dass er nun sehr gerne gekotzt hätte, was der namenlose Typ mit einem fragendem Blick, und vielleicht auch mit einer Frage, quittierte. "Will's halt auch mal probieren", sagte Andreas. "Deine Kotze ziehen?" "Ja, Mann", antwortete der Befragte, und Tine runzelte die Stirn während sie lustlos an einer Dose Bier nippte, das in einer seriösen Brauerei abgefüllt wurde, deren Betreiber sicher nichts mit all dem hier zu tun haben

möchten. "Krasser Move", sagte eine Stimme, die jedem in dieser Runde gehören könnte, außer Tine. Nach einer Weile, in der nichts passiert war, außer, dass wir Würgegeräusche in diversen Variationen hören konnten, was sicher ein Fest für einen wahrscheinlich gar nicht existierenden Spezialisten wäre, ein solcher, der Würgegeräusche aufnimmt und kategorisiert, ähnlich einem Ornithologen, der Vogelstimmen identifiziert und katalogisiert, gelang es Andreas schließlich, einen Auswurf zu produzieren, der in seiner Form und Beschaffenheit so nahe an Erbrochenem war, dass man davon ausgehen konnte, dass er dies auch war, wenngleich die Menge des Erzeugnisses noch nicht ausreichte, um auch den genügsamsten Konsument oraler Exkremente zufrieden zu stellen. "Und, bist du zufrieden damit", fragte der namenlose

Typ. "Nicht wirklich", sagte Andreas. "Es ist viel zu wenig." "Naja, jeder fängt mal klein an." "Da sagst du was." "Los, zieh es doch mal." "Das ist doch viel zu wenig." "Egal, du willst dich ja nicht gleich ins Nirvana schießen, so wie unser Rüdi." "Nagut." Während Andreas sich daran machte, sein Vorhaben wahr zu machen, können wir sehen, wie Tine unruhig auf ihrem Sitzplatz herumrutschte, ihr Bier war schon lange leer, und auf ihre Uhr schaute. Halb Zehn, dachte sie, eigentlich wollte sie ja Heute früh zu Bett gehen, da ihr unterbezahlter Job von ihr verlangte, zu Zeiten aufzustehen, bei denen selbst ein Hahn fragen würde, ob man denn verrückt sei, er sähe ja die Sonne noch gar nicht, nichtmal den Ansatz von Licht, von der

allgegenwärtigen Lichtverschmutzung einmal abgesehen, wie sollte er denn so krähen, es wäre doch ein Fehlalarm, ein dreister Betrug. Sie bemühte sich lange, so zu tun, als ob ihr das alles nichts ausmachte, als sei es ganz normal, doch nun gelang ihr das nicht mehr zufriedenstellend. "Leute", sagte sie. "Ich muss morgen früh raus. Ich mach mich besser mal auf den Weg." Der namenlose Typ lachte. "Kotze ziehen ist halt nichts für Mädchen." "Ja, vielleicht, aber ich muss wirklich früh raus morgen." Als Andreas sich noch fragte, ob er etwas spürte, erhob sich Tine, zog ihre Jacke und ihre Schuhe an, blickte auf, sagte "Nun denn, bis demnächst, Jungs", wartete einen angemessenen Moment lang auf Reaktionen, bekam sie in Form von "Jo, mach's gut", und zwei Mal "Bis denn" und verließ die bisher, und auch zukünftig, unbeschriebene Wohnung mit schnellen

Schritten. Nachdem die Tür ins Schloss fiel, versuchte Andreas, von plötzlichem Ehrgeiz gepackt, seine Produktionsmenge zu steigern, was von den anderen Personen mit gespannter Erwartungshaltung verfolgt wurde. Nach einer Weile gelang es ihm schließlich, eine beachtliche Menge des kostbaren Stoffes herauszuschleudern. "Damit kann man doch schon arbeiten", sagte er, mehr zu sich selbst. Dennoch nickten Rüdiger und der namenlose Typ zustimmend, ganz im Bann der Geschehnisse. Andreas vernichtete alles in nur zwei Zügen, zum Erstaunen seiner Kumpanen, blickte mit aufgerissenen Augen in die Leere, schloss sie wieder und ließ sich zurücksinken in den bequemen Sessel, den wir bisher ärgerlicherweise vergaßen zu erwähnen. "Und?", fragte Rüdiger. "Ist nicht schlecht,

oder?" Andreas betrachtete seine Augenlider von Innen. "Ja", sagte er zögernd. "Echt, nicht schlecht..." Rüdiger grinste. "Ist wie wenn man ein Tier in einem Zoo ist, aber in einem guten Zoo, mit netten Pflegern, gutem Essen, Spielzeug und einem großen Gehege, ohne Sorgen und so, oder?" Andreas riss die Augen auf und drehte seinen Kopf zu Rüdiger. "Ja, Mann! Genau so!" "Ich glaube, ihr seid beide völlig Banane", sagte der namenlose Typ im Hintergrund. Andreas stand von seinem Sessel auf, die Augen noch immer geschlossen, und fuchtelte wild mit seinen Armen in der luft. "Banane, Banane!" "Banane!" rief Rüdiger; euphorisch, wie er es genannt hätte. "Wir sind Bananen!" Der namenlose Typ blieb sitzen. "Auf jeden Fall seid ihr Bananen."

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