Kurzgeschichte
Ich muss es nur irgendwie aushalten ...

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"Ich muss es nur irgendwie aushalten ..."
Veröffentlicht am 12. März 2020, 8 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland. Bisher veröffentlicht: Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und ...
Ich muss es nur irgendwie aushalten ...

Ich muss es nur irgendwie aushalten ...

Wie jeden Morgen schlurfte er in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Betrieb, lauscht ihren Blubbergeräuschen, greift automatisch nach seiner Kaffeetasse. Beim Öffnen der Kaffeemilch fabriziert er Spritzer auf dem Tisch, aber das stört ihn nicht. Er wischt sie einfach mit dem Ärmel seines Bademantels weg. 

Anschließend nippt er an seinem Kaffee, verzieht angewidert das Gesicht. Zucker fehlt, aber er hat vergessen welchen zu kaufen. Jetzt eine Zigarette. Er hat das Päckchen praktischerweise in der Badmanteltasche und das Feuerzeug auch. Mit zitternden Händen zündet er sich eine Zigarette

an. Früher hat er das nicht gemacht. Sie hat ihm immer verboten am Frühstücktisch zu rauchen. 

„Bitte geh doch auf die Terrasse“, hat sie meistens gesagt. Er hat den Klang ihrer Stimme noch im Ohr. Damals hat er sich über sie geärgert, jetzt würde er sich nur zu gern von ihr maßregeln lassen. ‚Verdammt, wieso hast du dich einfach weggeschlichen’, denkt er voller Zorn, sofort schämt er sich dafür. Trotzdem kommt immer wieder Wut hoch. Wie konnte sie ihm das nur antun? Sie hatten sich doch unzählige Male zusammen ausgemalt, dass keiner allein zurückbleiben würde. Sie wollten ihr

Leben bis zuletzt selbst bestimmen. Zusammen gehen. Und dann ließ sie ihm nicht einmal die Chance sie auf dem letzten Weg zu begleiten. ‚Von wegen Routineoperation. Wenn ich den verdammten Arzt in die Finger kriegen könnte, ich würde ihm das Herz aus der Brust reißen, so wie er es mit mir gemacht hat’, denkt er und heiße Wut steigt in ihm hoch. Sein Leben ist vorbei. Nur, dass er nicht wirklich tot ist, noch funktioniert er. Seine Finger krallen sich um die Kaffeetasse, die Zigarette lässt er achtlos auf die Tischplatte fallen. Dort glimmt sie weiter vor sich hin. So sitzt er eine Ewigkeit mit hängendem Kopf da. Tränen tropfen in seine Tasse.

Schließlich strafft er die Schultern, nimmt die Zigarette auf. Sie hat einen braunen Fleck auf der Tischplatte hinterlassen. Einer von vielen. „Scheiß egal“, sagt er laut und noch einmal „Scheiß egal, dich stört es nicht mehr.“ Er schlurft ins Badezimmer: duschen, abtrocknen, rasieren, kämmen. Beim Anziehen kommt ihm in den Sinn, dass der Mensch eine einzige Fehlkonstruktion ist. Warum hat Gott ihm ein Bewusstsein gegeben und manchen Exemplaren Intelligenz und sogar Weisheit? Wenn er den Ausschaltknopf vergessen hat. Wie viel Leid würde so ein Knopf verhindern! Er hätte ihn längst gedrückt, sofort,

nachdem es klar war, dass sie ihn verlassen hatte. Er hat es versucht, aber es ist ihm nicht gelungen. Egal, wie groß seine Todessehnsucht ist, letztendlich schafft er es nicht, sich das Leben zu nehmen. Nicht einmal dazu hat er die nötige Energie. 

Seufzend begibt er sich zu seinem Liegesessel. Sie hat ihn ihm geschenkt. Zum 65. Geburtstag, damit der die Rente in Ruhe genießen kann, hatte sie gesagt. Damals hat er sich total darüber gefreut, sie auf seinen Schoß gezogen. Unbekümmert waren sie, hatten gekichert und herumgealbert. ‚Du hast den Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt’*. Diese Zeile aus

einem alten Song kommt ihm in den Sinn. Sie hat nicht nur einen Raum, sondern sein ganzes Leben hell gemacht. Durch ihre Lebenslust und ihre Art, mit den Dingen umzugehen. Jetzt sitzt er wartet. Darauf, dass die Zeit vergeht. ‚Wenigstens komme ich mit jeder vergangenen Minute dem Ende etwas näher’, denkt er. ‚Ich muss es nur irgendwie aushalten.’ *Gemeint ist der Song „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer.

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Hörbuch

Über den Autor

AngiePfeiffer
Ich schreibe Unterhaltungsliteratur in Form von Romanen und Kurzgeschichten für Erwachsene, sowie Kinderbücher. Zum zweiten Mal verheiratet lebe ich im Münsterland.
Bisher veröffentlicht:
Die Ruhrpottsaga: Ruhrpottklüngel, Ruhrpott Pärchen, Ruhrpottherzen, Ruhrpottabschied, Leben lernen. 14 weitere Bücher (darunter Reiseberichte, Tiergeschichten, Liebesgeschichten und -romane), 8 Kinderbücher, zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften, sowie der Tagespresse.
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baesta Das hast Du sehr wirklichkeitsgetreu erzählt. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier und alles, was davon abweicht wirft ihn aus der Bahn.
Das Lied von Grönemeier, welches Du hier erwähnst, ist übrigens das einzige, was mir von ihm gefällt.

LG Bärbel
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer Hey, Bärbel, ich bin auch kein Fan von Gröhlemeier. Aber diesen Titel find' ich zum Heulen schön.
Grüße und lieben Dank
Angie
Vergangenes Jahr - Antworten
Feedre wohl eines der schlimmsten Dinge
die uns im Leben passieren
können...der Verlust des liebsten
Menschen .....
tolle Story gern gelesen
pass auf dich auf...
Feedre
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer Hallo Feedre,
das freut mich.
Lieben Dank für Deinen Kommentar.
Angie
Wie siehts bei Dir aus????
Vergangenes Jahr - Antworten
Friedemann 
Liebe Angie,
solch ein Aushalten erleichtern wir uns, wenn wir es niederschreiben (nur für uns oder auch nicht), denn wenn wir den Schmerz zu unterdrücken versuchen, schmerzt er noch schlimmer. Hoffentlich hilft es auch Dir.

Liebe Grüße,
Friedemann
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer Hallo Friedemann,
danke für Deinen Kommentar.
Mich betrifft das jetzt nicht! Das ist ein fiktiver Text. Aber es freut mich, dass er so authentisch rüber kam.
Weißt Du, manchmal wünsche ich meinen Schotten zur Hölle, aber er sitzt mir immer noch gegenüber ...
... und das ist auch gut so. ;o)
Liebe Grüße
Angie
Vergangenes Jahr - Antworten
HarryAltona Wahrlich schwer wird so ein Leben wenn die bessere Hälfte davon gegangen ist. Was bleibt da noch übrig? Außer dem Schmerz wohl nicht mehr sehr viel.
lg... harryaltona
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer So ist es, Harry. Aber mich betrifft das nicht, ich gehe zuerst! Definitiv. Jedenfalls habe ich mir das fest vorgenommen.
Danke Dir und schicke liebe Grüße
bleib gesund
Angie
Vergangenes Jahr - Antworten
Bleistift 
"Ich muss es nur irgendwie aushalten …"
Das ist sicherlich oftmals leichter gesagt, als getan,
denn einen solchen Verlust, den steckt man nicht
einfach so weg. Und Trauer und Wut, Zorn und wilde Gedanken,
wechseln in einer solchen Situation gar untereinander ab,
was wiederum rein menschlich gesehen, als überaus nachvollziehbar erscheint...
Damit hast Du wieder eine sehr emotional geschriebene Story
zum Besten gegeben, die ich sehr gern gelesen hab'... ...smile*
LG
Louis :-)
Vergangenes Jahr - Antworten
AngiePfeiffer Danke Dir, lieber Louis.
Ich wünsche Dir Gesundheit und schicke Dir ein Lächeln.
Angie
Vergangenes Jahr - Antworten
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