Kurzgeschichte
Geister

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"Geister"
Veröffentlicht am 30. Januar 2020, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Katharina Durrani
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich. Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich. 2019 ist mein erster Krimi - Der ...
Geister

Geister

„Es gibt keine Geister!“, schnaubte der Bursch und schüttelte den Kopf. Seine kleine Schwester starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich habe es gesehen“, stammelte sie mit krächzender Stimme. „Ja, einen Zombie in unserem Haus. So ein Unsinn!“

„Keinen Zombie, Jakob. Eine durchsichtige Gestalt. Sie war in meinem Zimmer, verstehst du?“

Babysitter für seine kleine Schwester sein, war nicht einfach. Sie war zwar schon zehn Jahre alt, aber trotzdem ein kleines ängstliches Mädchen. „Komm bitte mit in mein Zimmer und bleib bei mir.“

Jakob schüttelte abermals den Kopf. Er hatte nicht vor, bei Marie Wache zu schieben, damit diese wieder einschlafen konnte. Er würde

wieder in sein Zimmer gehen und Playstation spielen. Mit seinen online Freunden. Er schaute auf sein Handy, das er immer mit sich trug. Kurz nach Mitternacht. Spätestens um zwei Uhr musste er schlafen gehen, knapp bevor die Eltern heimkamen.

„Bitte“, winselte Marie und sah mit ihren wasserblauen Augen zu Jakob.

„Nein. Es gibt keine Geister“, wiederholte er mit zusammengebissenen Zähnen.

„Kann ich mit dir mitkommen?“

„Was? In mein Zimmer? Sicher nicht!“

„Jakob, bitte! Ich habe Angst!“

Jakob sah seine Schwester kurz an, dann seufzte er und meinte: „Gut, ich begleite dich.“

Marie nahm Jakob sofort an der Hand und

zog ihn in ihr Zimmer. Alles war ruhig und normal. Keine Regung.

„Siehst du, alles ist in Ordnung!“, murmelte Jakob. Marie bemerkte nicht, dass er heilfroh darüber war, recht zu behalten. Marie legte sich wieder in ihr Bett, Jakob schaltete die kleine Schreibtischlampe ein und verließ das Zimmer. Die Türe ließ er offen.

Das Mädchen starrte an die Decke. Sie wagte es nicht, die Augen zu schließen, denn der Schrecken steckte noch immer in ihr. Doch nach einigen bangen Minuten überkam sie tiefer Schlaf. Sie bemerkte nicht, dass die Leuchtkraft der Schreibtischlampe nachließ, bis nur noch ein schwaches Glimmen übrig war. Auch nicht, als sich die Zimmertüre sachte verschloss und eisige Kälte den Raum füllte.

„Leute, ich glaube, die Heizung ist bei mir ausgefallen. Es ist hier saukalt“, murmelte Jakob in sein Headset. „Ich werde mal nachsehen und dann schlafen gehen. Bis morgen.“Er schaltete die Geräte aus, seufzte leise und ging fröstelnd in den Gang hinaus. Er konnte den Hauch seines Atems sehen. Wieso hatte Marie ihre Türe zugemacht? Er legte die Hand auf die Türklinke und zuckte zurück. Die war ja eiskalt! Jakob starrte auf die Schnalle. Eiskristalle!? Unsagbares Grauen stieg in ihm auf. Es war ein Uhr nachts, seine Eltern würden erst in einer Stunde oder so heimkommen. Seine Eltern anrufen? Die Polizei? Die Rettung? Die Feuerwehr? Nein, Geisterjäger, Exorzisten! Doch Jakob entschied sich anders. Er

versuchte, die Türe aufzubrechen. „Ich hol dich da raus, Marie!“, schrie er. Er schlug mit den Fäusten dagegen, dann mit seinem gesamten Körpergewicht. Holte sich Werkzeug, probierte, das Schloss aufzubrechen. Er schwitzte, trotz eisiger Kälte.

„Sag mal, was machst du da?“, fragte seine Mutter plötzlich und erschreckte ihn mit ihrer Stimme fast zu Tode.

„Mama“, schnaufte Jakob.

„Wo ist Marie? Hat sie sich eingeschlossen?“, fragte seine Mutter überrascht. Das passte so gar nicht zu ihrer Tochter. „Habt ihr gestritten?“, wollte sie wissen. Sie drückte die Türklinke hinunter und schreckte zurück. „Was!?“, schrie sie auf.

„Was ist passiert?“, fragte Jakobs Vater aufgeregt.

„Es ist passiert“, stammelte seine Frau leichenblass. „Sie hat sich unsere Tochter geholt.“

„Das glaubst du ja selbst nicht“, schnaubte ihr Mann verächtlich. „Oder?“Er fröstelte sichtbar.

„Warst du das?“, fragte der Vater Jakob in ärgerlichem Tone. „Ich finde das gar nicht witzig.“

„Papa, ich hab nichts gemacht“, stotterte Jakob. „Marie hatte Angst, weil sie geglaubt hat .“Jakob hielt inne. „Wir müssen sie da raus holen!“, schrie er seine Eltern panisch an.

„Ja“, weinte seine Mutter. „Ich suche das Buch.“

„Schnell. Wir müssen sie vernichten, ein für alle Mal.“Der Vater betrachtete die Türe und

die Klinke. Er kniete sich nieder und versuchte unter den Türspalt durchzusehen.

„Wen?“, fragte Jakob aufgeregt.

„Die Vorbesitzerin dieses Hauses“, murmelte sein Vater. „Sie hat hier okkulte Veranstaltungen abgehalten. Geister beschwört, mit Toten gesprochen, Tische gerrückt. Alles, was so am Programm steht. Dann ist sie gestorben und .“

„Was und?“

„Sie ist hiergeblieben, zumindest zeitweise. Sie ist böse und ihre Schwester hat uns vor ihr gewarnt.“

„Was redest du da, Papa?“

„Die Wahrheit, Jakob“, bemerkte seine Mutter mit glasigen Augen. „Wir haben es nicht geglaubt, doch die Schwester der Besitzerin

hat uns vor diesem Tag gewarnt. Hat uns dieses Buch gegeben.“Rasch legte sie es auf den Boden und blätterte es durch.

„Wir dürfen keine Zeit verlieren“, schnaufte der Vater. „Hast du die Stelle.“

Jakob sah auf die vergilbten Seiten, die von oben bis unten von Hand beschrieben sind.

„Ja“, hauchte Jakobs Mutter.

„Wieso habt ihr mir nie davon erzählt?“, fragte der Bub zitternd.

„Wir wollten es nicht wahrhaben“, erwiderte die Mutter. „So. Ich spreche jetzt die Worte.“

Jakob starrte seine Mutter an. Sie sprach Wortsilben aus, die er noch nie zuvor gehört hatte. Stammelte Verse, fiel in Trance und wiederholte immerzu das Gleiche. Ihr Mann stimmte mit ein.

Jakob wich einen Schritt zurück. Waren seine Eltern besessen? Er fröstelt. Die Raumtemperatur stieg an, er konnte es deutlich spüren. Die Holztüre von Maries Zimmer sprang auf, alles schien normal zu sein. Aber wo war seine Schwester?

Seine Eltern knieten weiterhin vor dem Buch und stammelten weiter die Verse. Doch er stürzte in das Zimmer und sah sich um. „Marie?“, schrie er. „Wo bist du?“

Eine schimmernde fast durchsichtige Gestalt glitt aus einer Ecke hervor. Sie trug Marie auf ihren Armen. Eine wunderschöne Frau in langen Kleidern. „Sag deinen Eltern, sie sollen damit aufhören. Nimm ihnen das Buch weg, Jakob“, sagte sie mit einer Bassstimme.

„Das werde ich nicht tun, alte Hexe!“, schrie

der Bursch, griff die Hand seiner Schwester und versuchte, sie der Gestalt zu entreißen. Ein unsagbarer Schmerz durchzuckte seinen Körper. Er taumelte zurück.

„Nimm das Buch und gib es mir“, wiederholte die Stimme. Die Geisterfrau fing zu glühen an, zuerst ihre Augen, dann ihre Haare, danach ihr gesamter Kopf. Ihr Gesicht veränderte sich und wurde zu einer Fratze.

„Mach es endlich!“, dröhnte es durch den Raum eisig, kalt.

„Niemals! Gib mir meine Schwester!“, schrie Jakob. Blind vor Wut schlug er nach der Geistergestalt. Doch seine Faust ging ins Leere. Er packte panisch seine Schwester. „Marie!“, kreischte er. Abermals durchzuckte ihn ein heftiger Schmerz. Bewusstlos fiel

Jakob zu Boden.

„Jakob, wach bitte auf!“, schluchzte Marie unter Tränen.

„Marie?“Jakob rieb sich die Augen. Er lag noch immer am Fußboden des Kinderzimmers. Seine Eltern telefonierten. Marie war blass, aber sie lebte. „Jakob!“, sagte sie, als sich ihr Bruder aufsetzte. Sie umarmte ihn herzlich und er ließ es zu.. „Danke! Mama hat gesagt, dass du mich gerettet hast.“

„Ist sie weg?“, fragte Jakob und sah sich angespannt um.

„Ja, das ist sie. Für immer. Aber Papa hat gesagt, dass wir umziehen werden. Er möchte in keinem Haus wohnen, in dem seine Kinder

fast umgekommen wären.“Marie machte ein ernstes Gesicht. „Wir ziehen morgen in unsere kleine Stadtwohnung. Dann sehen wir weiter.“

„Ich möchte auch nicht hierbleiben“, schnaubte Jakob und strich seiner kleinen Schwester übers Haar. „Sollen sich andere mit diesen Geistern herumärgern.“

„Du hast sie auch gesehen“, murmelte Marie.

„Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe“, stammelte Jakob. „Verzeihe mir bitte.“

„Schon geschehen“, erwiderte das Mädchen und drücket ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange.

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Hörbuch

Über den Autor

Kathi71
Hi! Ich heiße Katharina. Ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Niederösterreich.
Nach der Matura habe ich die Buchhandelslehre absolviert. Weil mir das nicht genug war, habe ich nach einem Jahr auf der Universität für Bodenkultur noch den vierjährigen Lehrgang für Grafik Design an der Wiener Kunstschule abgeschlossen. Ich schreibe leidenschaftlich gerne, zwischendurch male und zeichne ich.
2019 ist mein erster Krimi - Der Corvinusbecher - im Medimont Verlag erschienen und mein Jugendfantasyroman "Experiri". Im Herbst 2020 erscheint mein zweiter Kriminalroman mit meiner Protagonistin Simone Jaan, weiters arbeite ich an Fortsetzungen von Experiri - als Fantasy/Sciencefiction/Psychothriller.

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Miranda Gut geschrieben, liebe Kathi.
Gibt es noch mehr solcher Geschichten von dir?
Vielleicht in mehreren Teilen, wäre toll!
Liebe Grüße
sigrid
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hingekritzelt Zu Beginn hier bei MS hatte ich im Profil mal stehen: Eine Geschichte ist immer dann gut, wenn man wissen will, wie es weitergeht.
Mission erfüllt!
Gut geschrieben ist es auch - alles gut!
Man könnte ein paar Sachen anmerken, wie z.B. "tiefe Bassstimme" (Pleonasmus?), aber was soll's.

Dir einen schönen Sonntag!
Mach's Dir gemütlich!
LG ULi
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Kathi71 Hi Uli!
Das Wörtchen Pleonasmus kannte ich nicht - wieder was dazugelernt :-) danke für den Hinweis, den Favoriten und die coins.
Liebe Grüße
Kathi
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Bleistift 
"Geister..."
Das ist natürlich ganz Dein Metier, liebe Kathi,
auch wenn es schon förmlich nach Harry Potter riecht... ...smile*
Aber wenn es dennoch spannend geschrieben ist, so what...
Allerdings würde ich mir reiflich überlegen, meinem Kind
ein Killer-Spiel, wie "Call of Duty", oder so, zu gestatten...
Und was mir noch aufgefallen ist, im Zusammenhang mit dem
Charakter dieser Geschichte würde ich solche Wörter wie,
"okkult" und "paranormale Aktivitäten" eher vermeiden und sie
besser durch adäquate, aber leichter verständliche ersetzen... ...smile*
LG
Louis :-)
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Kathi71 Hallo Louis!
Danke für die Hinweise - hatte nicht an das zarte Alter meiner Protagonisten gedacht ;-), herzlichen Dank für die Coins
und liebe Grüße
Kathi
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